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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Zweiunddreißigstes Kapitel: Das Traumweib

Es ist Mai geworden, und im Goldhaus ist ein Fest gewesen, von dem niemand etwas vernommen hat. Keine kalten neugierigen Augen haben die junge Königin gesehen, als sie ihre Freudenschuhe anzog und sich den bräutlichen Kranz auf ihr Goldhaar drückte. Der junge Garten hat seine ersten Blüten getragen, und in diesem Jahr ist das Goldhaus wie ein Blumenkorb gewesen, auch von außen, denn vor den Südfenstern sind von den blauen Kacheln gehaltene Blumenkästen, darin die rotleuchtenden Kapuziner ihr munteres Wesen treiben, weiße und blaue Trichterwinden ihre geheimnisvollen Kelche öffnen, in die sich ein so wunderbares Licht verirrt zu haben scheint, und Geranien blühen in breiten Dolden. Märt, wenn er hinaussieht im Morgensonnenschein, und all die Blumengesichter lächeln in der blauen Luft, das hohe steile Giebeldach des Hauses und den Bergfried umkreisen die Flüge weißer Tauben, muß seinen Mund auf fast groteske Weise verziehen und verbraucht sehr viel Salzkörner.

Im Oktober, als Rosmaries Garten am schönsten ist in seiner Spätherbstblumeneinsamkeit, besteigt einmal an einem herrlich goldenen Tag Harro seinen Braunen und reitet nach Brauneck hinüber.

Er verliert den hellen lichten Nachmittag und erscheint dort sehr überraschend, man ist ja längst seine eiserne Tageseinteilung gewöhnt, daß ihm sein Schwiegervater mit einem ängstlichen »ist etwas Besonderes?« entgegentritt. Die Fürstin ist um diese Zeit schon ausgefahren, so führt ihn der Fürst in die Sommerstube. Dort hängt ja das Bild des Seelchens, und niemand, der dies Zimmer betritt, der nicht mit seinen Augen daran haften bliebe. Der Fürst ist darum schon ganz gewöhnt, jedem Neuhereinkommenden das Bild gewissermaßen vorzustellen: »Meine Tochter, die Gräfin Thorstein. Elf Jahre damals. Von meinem Schwiegersohn gemalt.« –

»Harro, was bringst du, du hast so etwas Feierliches an dir?«

»Habe ich auch. Eine große Freude für dich.«

»Harro, ist's möglich, die Rosmarie, meine Rosmarie! Harro, ich flehe dich an, sei vorsichtig mit ihr!«

»Wir wissen es schon länger, Vater, und haben es dir nur verheimlicht, daß du besser über die Zeit hinwegkommst. Im März, Vater.«

Der Fürst steht auf und muß hin und her rennen und hebt mit bebenden Händen Dinge von seinem Schreibtisch auf und stellt sie wieder hin. Er muß nach dem Bilde sehen und sagen: »Meine kleine Rosmarie!«

Und dann überfällt er Harro mit einer Flut von Ermahnungen, die Harro mit stoischer Ruhe anhört.

Und sie haben beide ihre Not mit ihm in der folgenden Zeit. Und mit der Fürstin.

Sie ist in einer so ausgesucht schwierigen Stimmung, die bis nach Thorstein ihre Wellen schlägt. Der Hausherr braucht wieder die gewaltigen Stiefeln, um als sicherer Mann den empörten Fluten zu trotzen. Einmal soll Rosmarie sich mehr schonen, ein andermal wird sie viel zu sehr verhätschelt. Dann wieder soll sie einen berühmten Professor konsultieren, dann wieder gar niemand sich anvertrauen.

Die junge Frau geht mit ihrer alten Kinderhartnäckigkeit sanft und still durch alles hin. Und wenn sie schläft, hat sie ein so wunderholdes verlorenes kleines Lächeln um ihre Mundwinkel dämmern, daß ihr Mann, der es erhascht hat, nie vergißt, an das Lager zu treten, ehe sie erwacht. Und endlich muß ja der Fürst doch nach Berlin abreisen, so lange er es auch hinausgezögert hat. Die Fürstin ist nicht mehr zu halten, sie geht voraus nach Berlin, wo sie mit einem kleinen heimlichen, interessant gefährlichen Feuer spielt. Vor einem wirklich katastrophalen vierten Akt wird sie sich schon hüten. Und sie stürzt sich mit einer Atemlosigkeit in den Berliner Strudel, daß der Fürst, der ohnedies immer hinten drein ist in dem gesellschaftlichen Rennen, sie kaum noch öfters als bei den Mahlzeiten sieht. Ehe der Fürst abreist, hat Rosmarie noch ein letztes einsames Beisammensein mit ihm gehabt, worin er ihr von dem Verkauf von Palais Brauneck gesprochen hat. Und Rosmarie hat ihm noch einmal zu bedenken gegeben, wie schwer Mama das aufnehmen werde.

Aber der Fürst hat sie mit kurzen Worten abgewiesen.

»Die Berliner Luft taugt nicht für jedermann. Und Mama muß endlich lernen, das Leben einer Braunecker Fürstin zu führen.«

Rosmarie wagt nichts mehr zu sagen. – –

Am ersten März fliegt wie ein helles Segel die weißblaue Fahne an dem Braunecker Flaggenmast empor. Rosmarie sieht sie wehen, als sie mit ihrem Mann durch den verlorenen Grund zu dem grünen Tor geht. Ihre scharfen Augen haben sie im Sonnenschein und milden Märzenhauch entdeckt.

»Ach Harro, sieh doch ... Vater ist da!«

Sie deutet hinüber, und ein leiser, bänglicher Schauder zieht über ihr junges Herz. Auch Harro blickt hinüber zu dem kleinen Farbenfleck. Und auch ihm will ein kühles Lüftchen die breite Brust berühren. Sie gehen langsam ihren moosgrünen Weg entlang. Da träufelt süß und silberzackig durch die Luft heran das erste Drossellied. Oben auf der letzten Tanne sitzt sie und singt, als wolle sie ihr kleines Herz ausschütten vor Jubel. Und sie fassen sich bei den Händen, und Harro legt sanft seinen Arm um ihre Schultern, und so geht sie dahin in der treuesten Hut.

Aus ihren sanften Augen schaut die zweite Seele, die in ihr wohnt, heraus. Sie schreitet, wie Königinnen schreiten, die die Hoffnungen vieler Menschen in ihrem gesegneten Leibe tragen. Und die Drossel jubelt über ihnen. An diesem Abend fragt Harro sie zum ersten Male:

»Fürchtest du dich, Seele?«

Sie sieht ihn groß und erstaunt an.

»Warum sollte ich denn? Es ging mir ja heute ein leichter Schatten über mein Herz, als ob es vielleicht doch nicht so leicht sein möchte, wenn das neue Leben kommt. Aber es müssen ja alle Menschen durch die gleiche Pforte hindurch, dann wird es doch nicht so schlimm sein. Und du wirst ja bei mir sein, Harro.«

»Wo sollte ich denn anders sein?«

»Sie werden dich fortschicken wollen. Ich habe gehört, sie machten es so.«

»Wer spricht dir unnötig von solchen Dingen,« brauste Harro auf.

»Die Försterin sagte mir, ihr Mann gehe immer in den Wald. Aber du bleibst doch in der Nähe. Bedenke die sehr kluge Dame, von der der Vater die Photographie schickte! Wie werde ich mich vor ihr grauen. Sie sieht so überlegen aus und hat studiert, wie wird sie auf mich herabsehen!«

Aber Harro lacht sie aus und tröstet sie und freut sich, daß er sie so schön vor aller Altweiberweisheit und Furchtmacherei behütet.

Rosmarie sitzt vormittags in seinem Atelier und sieht ihm zu, wie er an dem Brunnen für seine Empfangshalle arbeitet. Denn der Brunnensockel war bis jetzt noch leer geblieben. Eine Reihe fröhlicher vier- bis sechsjähriger Knaben- und Mädchengestalten, durchaus keine Putten, sondern langgestreckte Kinderleiber mit Thorsteiner Köpfen stehen um eine Schale, in der sich allerhand Getier tummelt, Schildkröten, große Frösche. In all den Gesichtern hellste Kinderfreude. Aufgestülpte runde Ärmchen liegen auf der Schale, ein kleiner Kerl greift nach dem dünnen Wasserstrahl mit offenem Mund, eines sitzt auf dem Schalenrand und sieht mit feinem, nachdenklich verträumten Gesicht auf die Wasserfläche.

Rosmarie hat die innigste Freude an dem Kunstwerk. Sie hat all die Kinder herausgesucht, ihre Scheu überwunden, sie heimisch im Atelier gemacht, sie an die leichten, wollenen Achselschlußröckchen gewöhnt und an Wasser und Seife, nicht nur für das Dreieck Augen, Nase und Mund. Eine höchst mühselige Sache war es gewesen, und nur ihre Geduld und nicht zum wenigsten die blanke Mark, die jedes Kind von jeder Schokoladevisite mit nach Hause brachte, hatte zum endlichen Gelingen geführt. Das Atelier war eine große Kinderstube gewesen, in der des Hausherrn langer Arm oft genug zwei kleine Sünder auseinander riß, und in der alle möglichen Wünsche laut wurden.

Kein Kind hatte nur einen Moment stillhalten müssen. Harros flache Badewanne war gefüllt auf eine feste Unterlage gestellt worden, jedes der Kinder bekam irgend ein Wasserspielzeug, Magnetschiffchen oder auch nur ein Stück Holz, und die Wonne an dem Spiel war unerschöpflich gewesen. Da hatten sich all die köstlichen Gruppen von selbst gebildet, und Harro hatte wie ein Jäger auf dem Anstand gelegen. Es sind ja mit aller Mühe aus Kindern nur gequält ruhige Modelle zu bekommen. So hatte er nach ihnen gezeichnet und modelliert, bis ihm alle Stellungen so geläufig waren, auch das, was jedem Alter und Geschlecht und der kleinen Individualität selbst eigen war. Es hatte Monate gewährt, bis nur die Vorarbeiten gemacht waren. Und dann war die Arbeit selbst sehr schnell vor sich gegangen. Jetzt arbeitete er nur noch an dem Ornament der Schale, und in dem Atelier, das so gar kein Prunkstück enthielt, herrschte ein Gottesfriede. Auch keine Bilder. Harro liebte es nicht, sich mit seinen Bildern zu umgeben. Entweder, sie genügten ihm nicht mehr und er entdeckte Fehler an ihnen, die ihn aufregten, oder sie reizten ihn durch irgend welche Vorzüge, die er nicht mehr zu erreichen fürchtete.

So war denn das Atelier nur ein ruhiger Arbeitsraum, dem Rosmaries Stuhl und ihr kleiner Teppich und Arbeitskorb ein warmes Leben verlieh.

Heute saß sie in ihrem weißen wallenden Wollkleide da, zum ersten Male ein wenig blaß und müde und ihrem Spitzenhäubchen nur ein laues Interesse zuwendend. Draußen stürmte es, und der Wind trieb dunkle, schwere Wolkensäcke vor sich hin, die zuweilen einen weißen Schauer fallen ließen. Im Garten schauten schon die Leberblümchen zwischen ihren dunkeln Blättern heraus. Märzenbecher heißen sie in Thorstein. Harros Augen folgen den ihrigen, als ein pfeilschneller Sonnenschein ihre Farben aufleuchten läßt.

»Die schönsten hast du nicht, Rosmarie. Die sollen auf der Westseite von Schloß Schweigen wachsen in dem zerzausten Birkenwäldchen, sie sollen das tiefste Blau haben.«

»Vielleicht hat die Fee sie dort gepflanzt, und von ihren Augen, wie sie darüber sah, sind sie so blau geworden.«

»Rosmarie, du wirst einmal deinen Kindern schöne Geschichten erzählen können. Für Atelierzwecke waren deine Geschichten ja zu gut, sie versteinten zu sehr und durchaus nicht in der gewünschten Stellung. Aber hier einmal Geschichten erzählen einem Häufchen Mädchen und Buben, die Gisela als Älteste in der Mitte!«

Es ist bei ihnen ausgemacht, um des Fürsten gar zu sehnsüchtige Erwartung eines Sohnes etwas in Schranken zu halten, daß das Erwartete ein Mädchen sein werde.

»Ein Glück,« philosophiert Harro weiter, »daß die Gottheit sich dieses Reservatrecht vorbehalten hat. Welch Unglück würden wir Menschen anrichten! Auf einmal wären keine Mädchen da, die die Jungen heiraten könnten. Und im ganzen soll es immer genau stimmen, etwas mehr Söhne, weil sie zarter sind und das Leben härtere Anforderungen an sie stellt. Und welch eine äußerst komplizierte Buchführung muß in der himmlischen Kanzlei, die dies Ressort besorgt, getrieben werden. Und dabei wird durchaus nicht schematisch verfahren. Nach dem siebziger Krieg wurden sehr viel mehr Knaben geboren, und als die männerverschlingende Zeit der Renaissance auf ihrer Höhe war, sollen in Florenz siebenhundert Knaben mehr als Mädchen getauft worden sein. Und zwanzig Jahre vorgesorgt muß auch noch werden. Himmel, was umgeben uns Mysterien, und welche superklugen Weisheitskrämer gibt's, und was für ein Wortgemüse haben sie hervorgebracht. Gütige Mutter Natur zum Beispiel, dies kribbelt mich, wenn ich es lese. Und er klingt so deutsch, der Unsinn.«

Rosmarie lächelte. »Wenn ich ihr nachkomme, ist sie immer gütig.«

Sie nahm aus einer Schale eine warmviolette Küchenschelle. »Sieh, Harro, ein wundervoll feines Pelzchen hat der Stiel an, bis zum Gesicht geht's. Weil es gar so früh hinaus möchte in den Sonnenschein, so soll ihm der wilde Märzenwind nicht weh tun. Und denke an meine Lieblinge, die Zugvögel, wie sie die lockt und ihnen die Flügel stärkt und sie bei den Sternen über Länder und Meere führt. Und ihnen das Heimweh ins Herz gibt, daß sie, wenn es bei uns am allergoldensten ist, sich beraten und sich üben müssen, bis die Unruhe in ihnen immer stärker wird und sie davon gehen.«

Und Rosmarie ließ ihre Arbeit sinken und träumte hinaus.

»Ich weiß so gut, wie es ihnen zumute ist.«

Harro legte seinen Spatel hinweg und kam herüber und fragte ängstlich:

»Ist dir etwas, Rose?«

»Ich bin nur müde. Ich sprach auch nicht von mir, sondern von unseren Schwalben. Nun kommen sie bald wieder und bleiben doch nicht. Sie bauen Häuser und haben eine Wichtigkeit, als ob es für immer wäre, und kaum sind die Kinder flügge, so beginnt die Unruhe. Sie werden die auch im Süden nicht los werden. Und immer, wenn ich dem Schwarm im Spätsommer zusehe, so fühle ich ein wunderliches, leises Ziehen in der Brust und ein Heimweh, ein solches, das keine Stätte findet. Und alle Nacht träumt es mir vom Fliegen. Und ich weiß gar nicht, warum du ängstliche Augen machst, Harro?«

»Was wandelt dich jetzt an... es sind doch keine Schwalben da.«

Rosmarie streift mit ihren feinen, schmalgewordenen Händen über seine Schläfen:

»Es sind Dinge, von denen man kaum reden kann, manchmal sind sie wie der leichteste Flaum, und dann gehen sie durch einen hin, als wollten sie die Seele mitreißen. In Nächten, meine ich, oder wenn die Wälder im Herbst golden werden und der Himmel hinter den Bäumen hängt wie ein purpurner Teppich. Aber ich will ja gar nicht fort, es ist ja am allerschönsten bei dir. Und ich denke, das werden alle Menschen kennen, wenn sie in sich hineinhorchen. Und es wird wohl die Seele sein, die ihre Wanderflügel versucht.«

Er warf seine Arme um ihre Gestalt.

»Noch lange nicht, noch lange nicht.« – Rosmarie sieht ihn erstaunt an: »Aber, Harro, was ist in diesen Dingen die Zeit? Wenn wir einmal zurücksehen von der rosa Abendwolke nach den Wäldern und Schlössern, dann wird die Zeit doch auch nur wie ein zusammengerolltes Blatt sein, über das der Frost gegangen ist. Wenn ich sterben würde...«

»Still, Rose, gesunde Frauen sterben niemals daran, nur kranke und schlecht gepflegte.«

»Ja, Lieber,« sagt Rosmarie demütig, die gewohnt ist, in den Dingen ihres neuen Standes berichtigt zu werden. »Verzeih, ich habe das Wort plötzlich in mir gefühlt.«

»So kämpfe dagegen, Rosmarie. O Rose, in welchen Himmel will du dich denn verbergen, wenn ich da unten nach dir verschmachte! Komm, die Sonne scheint. Wir sehen nach deinen Schneeglöckchen. Von den Kaiserkronen haben sich auch dicke, grüne Schäfte aus dem Boden gewühlt.«

Rosmarie ging bald zur Ruhe und schlief auch sofort ein. Harro hatte noch seinen Stab nachzusehen, denn er wollte baldmöglichst Hilfe haben, wenn etwas geschähe, und Rosmarie nicht durch die Gegenwart fremder Menschen aufregen. Jedes im Hause wußte auf ein bestimmtes Glockenzeichen hin, was es zu tun habe. Harro überzeugte sich, daß sein wohl durchdachter Apparat funktioniere und lächelte halb vor sich hin. Natürlich wird es nicht kommen, wenn wir alle so vorzüglich eindressiert sind.

Dann schleicht er sich in sein Schlafzimmer. Eine matte Helle erleuchtet es von dem Vogel Rock aus, der nun auf seiner Seite steht. Das Licht genügt gerade, um ihm das schöne Haupt auf den Kissen zu zeigen und die halb offene, nach seinem Lager ausgestreckte Hand. Sie ist gewöhnt, nach seiner Hand zu greifen, ihre Wange daran zu schmiegen, und dann erst den rechten, tiefen Schlaf zu finden. Sie ist so blaß heute und sie lächelt nicht mehr. Ernst und feierlich sieht sie aus, und durch die feinen Lider schimmert ein wenig die Pupille hindurch wie ein feuchter Edelstein. Es weht ihm ein kalter Hauch über die Stirn, und plötzlich fühlt er seine Haare an den Schläfen kleben. Etwas Unaufhaltsames kommt heran. Sie müssen hindurch... an ihr wird das Leiden sein, an ihm das Dabeistehen. Jede Sekunde, die das kleine Ührchen dort abreißt, bringt es unwiderruflich näher. Harro setzt sich vorsichtig auf sein Bett und sucht seinen entfallenen Mut wieder zusammen. Da schrickt Rosmarie in die Höhe und sagt mit hellster Stimme:

»Nein, das kann es nicht sein.«

»Träumst du, Rosmarie?«

Sie öffnet ihre Augen, die ganz dunkel sind:

»Ja, ich träumte, und ich bin froh, daß du mich geweckt hast. Ich träumte, ein schöner, fremder Jüngling sei durch das Zimmer gegangen. Und wie er fort war, da riß etwas an mir, und es war ein gräuliches altes Weib mit Funkelaugen wie eine Katze, und du sagtest: Ich habe der gütigen Mutter Natur nie recht getraut. Ach, ich bin so müde. Gib mir die Hand, daß ich einen besseren Schlaf finde.«

Und Harro legt sich, und Rosmarie drückt ihre Wange an seine Hand, an der der alte Ring glänzt: Gottes Will hat kein Warumb. Aber er schläft nur ganz leicht als ihr getreuer Wächter. Und eben wollen sich doch schwere Traumwolken über ihm ballen, da ist es, als ob jemand an seiner Hand risse und sie dann wild von sich wegschleudere. Er fährt in die Höhe. Rosmarie starrt ihn mit wilden Augen an und sagt:

»Das Weib...«

»Das Traumweib.« beruhigt er sie. »Es ist fort, soll ich aufstehen... O Rosmarie.«

In einem Augenblick ist er in den Kleidern, die Glocke erklingt, und bald klappern eilige Hufe durch die Nacht. Das Goldhaus schlägt alle seine Augen auf. Harros Apparat funktioniert nur zu gut.

In fünfzehn Minuten ist die große schlanke Berlinerin da. die bisher im Pfarrhaus untergebracht war, in einem imponierenden, weißen Kleide und mit weißer Schürze.

Das Telephon läutet an...

»Lieber Harro, die Pferde sind bereit, ich warte nur auf den Hofrat, in einer Stunde können wir drüben sein.«

»Du auch, Vater! Warum?« stöhnt Harro, aber das Telephon läutet Schluß. Harro hat nichts mehr zu tun. Die Berlinerin ist bei seiner Rose und hat ihn hinausgetrieben. Wenn jetzt doch ein schönes Durcheinander wäre, das man schlichten könnte! Da erscheint schon das Gebilde in Weiß und versichert ihn, daß sich alles in vorzüglichem Stande befinde. Durchaus keine Ursache zur Besorgnis.

Jetzt kann er hereinkommen und Rosmaries ganz fremd gewordene Augen sehen. »Das Traumweib,« stammelt sie. Und in ihren grauen Augen steigt ein Entsetzen auf. »Lieber Harro, sage mir doch... so sollte es nicht sein. Unmöglich, ich bin doch wohl krank.«

Die Berlinerin beruhigt.

»Es geht sehr gut von statten, nur etwas schnell vielleicht.«

»Sagt sie die Wahrheit, Harro?«

Harros Lippen sind trocken bis innen.

»Ja, Rosmarie, du mußt Geduld haben, eine kleine Zeit noch,« lügt er.

Wenn doch der Herr Hofrat käme, er hätte hier schlafen müssen, denkt er. Harro sieht auf seine Uhr und fängt an, in die Nacht hinaus zu horchen. Aber das ist ja Unsinn, sie sind eben erst dort fortgefahren.

Und nun ist Rosmaries schönes Gesicht wieder ruhig. Ja sie lächelt ein wenig: »Nun ist's vorüber, Harro!«

»Eine Ruhepause, Durchlaucht!«

Rosmarie sieht scheu an der weißen Gestalt hinauf. Es ist ihr, als trüge die ihre Qualen mit sich und ließe die auf sie los. Ach, und die Pause ist nur kurz, und da ist wieder das Traumweib. Rosmarie sieht sie deutlich, wenn sie nur ein wenig die Augen schließt. Harro beißt die Zähne zusammen, und eine halbe Stunde später hat er keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Und dem Wagen von Brauneck muß ein Unglück geschehen sein, daß er nicht kommt. Der Berlinerin traut er gar nichts mehr zu. Sie steht so unbewegt da. Und kann es denn sein, daß alle Uhren einmütig stehen geblieben sind?

»Märt, renne auf die Halde hinüber und sieh, ob du noch keine Lichter vom Wagen siehst!«

Märt sieht seinem Herrn in das verstörte Gesicht, und sein Unterkiefer beginnt zu zittern, die großen knochigen Hände schlagen wie Perpendikel zusammen. Dann läuft er davon, als ob das Leben an seiner Schnelligkeit hinge. Über die Halde braust der Märzenwind und heult und faucht aus der Reiherklinge herauf. Märt starrt in die Nacht, daß ihm die Augen flimmern. »Unser Vater im Himmel,« stammelt er. »O Gott, Zu gut ist's ihnen gegangen, wie die Engel im Himmel droben haben sie gelebt. Wenn jetzt nur ein kleines Unglück käme... So soll's nicht gehen in der Welt. – Wie zwei Tauben im Nest und alles noch dazu, was der Weltbrief ausweist. Aber nur, daß die Frau sterben nicht müßt. Ein kleines Unglück. Vater im Himmel, nur nicht das!«

Endlich blitzt es auf der fernen dunkeln Berglinie auf. Einen Augenblick wartet er noch, bis er sich überzeugt hat, daß es zwei Lichter sind, dann rennt er zurück. Sein Herr steht barhäuptig im Schloßhof mit aufgerissener Weste, und durch den totenstillen Hof kommt ein Laut wie ein zusammengepreßtes Stöhnen. Und Harros eiserne Hände greifen nach Märts Arm und drücken ihn zusammen, bis der Laut im Brunnen verhallt. Dann hörte man Räder durch die stille Nacht.

Endlich! Harro reißt den Schlag auf:

»Herr Hofrat!«

»Eilt es so, Herr Graf?«

Gott, was ist der Mann langsam, bis er sich aus dem Wagen geschält hat.

»Ich meine, Durchlaucht gehen ins Atelier,« befiehlt der Hofrat mit der größten Ruhe.

Harro steht in seiner goldblitzenden Empfangshalle. Wie ihm das Gleißen und Glänzen heute weh tut. Auch all die Farben sollten den Atem anhalten und sich mit Grau bedecken. Und wie lange der Doktor braucht. Harro sieht sich genötigt, mit der Uhr in der Hand zu warten, denn schon wieder hat eine Minute sich zur Stunde gedehnt.

Nun kommt der Herr Hofrat heraus und findet alles in bester Ordnung. Die Kollegin eine sehr tüchtige Person. Und es wird wohl noch einige Stunden gehen. Sagte das nicht die Berlinerin vor wie langer Zeit? »Gehen Sie jetzt hinein, Herr Graf, Ihre Durchlaucht hat jetzt Mut gefaßt, hat es sich zu einfach vorgestellt. Ja, mit dem Verschweigen! Es ist auch nicht immer das beste. Und ich weiß noch, wie man Ihre Durchlaucht behandeln muß.«

Und der Hofrat knöpft ihm die Weste zu und bietet ihm ein Glas Champagner an und geht ins Atelier zu dem Fürsten hinüber. Harro wendet sich, da sieht er sein Spiegelbild. Nein, so darf sie ihn nicht sehen, jedes einzelne Haar sieht verzweifelt aus. Er stürzt schnell ein Glas Champagner hinunter, dann versucht er sein Bild im Spiegel noch einmal. Darauf geht er hinein.

Die Kollegin steht unbeweglich wie eine Säule da, und Rosmaries gequälte Augen hängen an ihr mit ganz anderem Ausdruck wie zuvor. Und jetzt streckt sie ihre bebenden Hände nach ihm aus.

»Harro, es ist alles gut so.«

Und nun verzerrt ihr Gesicht wieder das Entsetzliche und wirft und schüttelt sie mit unsichtbaren Händen und läßt sie erst fallen, wie ihre Kraft erschöpft ist. Zwei, drei Atemzüge gönnt es ihr, und dann fängt das Spiel wieder an. Eine Stunde, zwei, drei Stunden, und dieser Doktor und die Kollegin sagen, es sei gut so. Harro ist einmal hinausgegangen, und Märt hat ihn am Brunnen aufgelesen. Und der geliebte Brunnen ist zu einem Becher geworden, aus dessen nachtschwarzem Grunde alles Weh der Welt klagt, und immer noch ist dem Grausen etwas von Süßigkeit beigemischt. Es ist immer noch ihre Stimme.

Harro geht zu dem Fürsten ins Atelier und sagt:

»Wenn ich zum Mörder werde –«

Der Fürst ergreift ihn am Arm: »Komm zu dir, Harro, wenn die Nacht gut... Gott, daß man keine Gelübde mehr tun kann.«

Harro lacht auf: »Gütige Mutter Natur!« Und wirft sich auf Rosmaries Stuhl. »Hast du es schon einmal gesehen, Vater?«

Der Fürst nickt. »Es ist hart. Ein Fluch. Und es trifft sie so schuldlos. Meine arme Rosmarie! Sie war doch zu jung... Harro!«

»Warum sagst du: war – Vater?« stöhnt Harro und geht wieder hinüber. Da ist eine leichte Veränderung in des Herrn Hofrats Gesicht, wie ein gespanntes Warten, nur die Kollegin bleibt sich gleich. Rosmarie liegt ganz regungslos da, das Gesicht ist verzerrt, fast nicht mehr kenntlich, die feinen Hände geballt. Und nun beginnt es wieder, das war nur ein schwaches Vorspiel bis jetzt gegen diesen Kampf, ihre Stimme ist's auch nicht mehr, es ist ein fremdes, wildes Tier, das da schreit, immer wieder. »Erbarme dich, erbarme dich!« Der Hofrat und die weiße Frau sind plötzlich Leben und Bewegung. Harro sieht mit den Augen eines Verdammten auf den schrecklichen, fremden Geist da vor ihm. Einen Stoß noch, und das ist das Ende. Da gleitet etwas wie eine Hand unsichtbar über die Stirne, die Augen, verschwunden das fremde Zerrbild. Sein Weib liegt vor ihm, ein Licht auf der reinen Stirne, in den großen klaren Augen eine fremde Schönheit.

Seine Augen hängen an ihrem Antlitz. Ein kleines meckerndes Stimmchen hört er durch ein Brausen hindurch und des Doktors Stimme.

»Ein Sohn, Herr Graf.«

»Mein Kind,« flüstert sie, »oh, mein Kind, ich höre mein Kind.«

Aber Harro sieht nicht nach dem zappelnden Wesen, das ihm der Doktor hinhält, nicht nach dem armen, entblößten und blutigen Leibe, nach dem Antlitz sieht er, als sähe er in den Himmel hinein. Sie lebt ja, und nun lächelt sie schon ein wenig, und ihre Augen verfolgen die Frau, die ihr Kind trägt. Ein grauer Morgenschein ist hereingebrochen, deutlich hört man den Jubelruf der Drossel von der Tanne aus am Bergfried und des Brunnens Antwort.

Der Doktor packt ihn am Arme.

»Gehen Sie zu dem Fürsten, Herr Graf, und lassen Sie uns Ihre Durchlaucht noch einen Augenblick. Nein, es geschieht ihr nichts mehr. Meine herzlichsten Glückwünsche. Sehr schnell und glücklich.«

Aber Harro ist zu schwach, um sich selbst über diese Worte zu entrüsten. Einen Blick wirft er noch auf das rötlich gelbe zappelnde Wesen in seiner linnenen Umhüllung, dann hinüber. Der Fürst erhebt sich sehr hastig, aber Harro hat noch den Eindruck, als ob er auf den Knien gelegen wäre.

»Ein Sohn,« sagt er und wird zum ersten Male in seinem Leben strack ohnmächtig. Zum Glück währt es nicht lange, und er kann seinen Schwiegervater in eine ihm im Augenblick ganz unerklärliche Freude ausbrechen sehen.

»Ein Sohn, Harro, ein Sohn! und ganz glücklich gegangen!«

»Schnell und glücklich.« knirscht Harro.

Eine Stunde später dürfen beide auf einen Augenblick in das Schlafzimmer kommen. Alles Schreckliche ist verschwunden. Rosmarie liegt still und gerade unter ihrer weißen Decke. Sie ist so, schön, daß es Harro fast den Atem verschlägt. Obgleich der Himmelsglanz von der Stirne gewichen ist. Er kann nicht begreifen, daß es nicht Sitte sein soll, daß man vor ihr auf die Knie fällt. Und nun besieht er seinen Sohn, über dessen Anblick der Fürst in laute Bewunderung ausbricht, und findet ihn »menschenähnlich«. Aber sie müssen beide Zu ihrem großen Schmerz hinaus, und Harro sieht mit Erstaunen, daß Rosmarie sehr zärtlich mit der Kollegin tut und mit ihren Augen an ihrem Munde hängt. Dann geht Harro hinauf in die Tantenstube und tut einen eisernen Schlaf. Der Fürst wandelt auf und ab zwischen Atelier und Empfangshalle, so schnell kann er sich nicht trennen. Ein Sohn, ein Sohn!

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