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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Einunddreißigstes Kapitel: Das Fest der Flügelweihe.

Rosmarie hat das Bedürfnis, den Abschluß ihrer Griseldisperiode mit einer festlichen Gewandung zu begehen. Sie entscheidet sich für ein violettes Samtkleid mit alten Silberspitzen. Es wird sie zwar niemand darin sehen, aber es tut dem doch etwas verwundeten Selbstgefühl wohl. Etwas Prinzessinnenhaftes wird wohl unvertilgbar sein. Griseldis war eben doch eine Magd gewesen, ehe sie Gräfin wurde. Ihr Haar will sich kaum bändigen lassen, so leicht und flaumig ist es, und steht um ihren Kopf wie ein Heiligenschein. Und das warme Violett ist herrlich dazu. Sie findet es noch nötig, in ihren Schätzen zu kramen und einen alten großen Anhänger aus Silber mit einem feurigen Amethyst, den zwei Greifen festhalten, anzulegen. Da klopft es leise an der Türe, ein Klopfen, das ihr das glühende Rot in die Wangen treibt. O charakterlose Rosmarie! Ein Klopfen, und du hast alles vergessen. – wie du kühl und erstaunt sein würdest... aber alles ist nur herzklopfende Freude, daß er wieder da ist. Sie eilt zur Tür und öffnet und sinkt in seine Arme.

»Rose, meine Rose! Wirst du zum letzten Male durchgegangen sein?«

»Nie wieder, nie, nie,« schluchzt Rosmarie selig. Er führt sie in den Schmollwinkel und zieht sie sich aufs Knie, da kann sie in seinen kurzlockigen Haaren wühlen und sich vor dem blaustählernen Glanz seiner Augen verbergen. Denn er soll es doch nicht immer alles sehen, was gar so deutlich in ihren grauen Augen steht.

»Harro, ich konnte doch nur ohne dein Vorwissen gehen, und kann man das schreiben? Das ist doch unmöglich! Und Vater ahnte gleich, daß du mit mir unzufrieden sein würdest.«

Harro lachte sein schlimmstes, überlegenstes Lachen.

»So, ahnte ihm das. Schön von ihm. Sage, willst du um noch so guter Gründe willen mich wieder heimlich verlassen?« »Nie wieder!« verspricht die Rose, die schlimme Rose, und wird es doch wieder tun!

»Und nun besehen wir uns das Chaos, das du drüben angerichtet haben wirst.«

»Aber es ist ja gar keines mehr da.«

Harro wird ganz blaß, so Schlimmes ahnt ihm, – die Putzweiber! »Ich hätte gedacht, du werdest wenigstens einen Blick auf ihr verruchtes Treiben werfen, das hätte dir gezeigt, zu was allem diese Weiber fähig sind!«

Und Harro wandert, auf das Allerschlimmste gefaßt, hinter ihr drein. Eine kalte Wintersonne erfüllt den Raum, da stehen die wohlgeordneten Mappen, die Vorhänge von den Regalen sind zurückgezogen, daß man die Modelle und Schnitzereien sehen kann, der große Tisch trägt seine Stöße von Entwürfen, reinlich geschichtet. Neben der Schnitzbank steht ein Kasten, der die verschiedenen Materialien enthält, Silber, Perlmutterplättchen, Wachsklumpen. Einen ängstlichen Griff tut er in seine Modellsammlung, nein, die Sachen sind nicht mit der Wurzelbürste behandelt worden.

Ein tiefer Seufzer der Erleichterung! Dann fällt sein Blick auf die aufgeklebten Zettel, die in Rosmaries Handschrift das Inhaltsverzeichnis enthalten. Rosmarie steht hinter ihm mit bänglich gekrauster Stirn. Es ist ihr zumute wie bei dem einzigen Examen ihres Lebens.

»Rosmarie, das hätte ich mir nicht träumen lassen! Angefangen und ausgeführt! Ich erwartete einen Hilfeschrei!«

»O Harro,« sagt die hoffnungslose Schülerin ihrer Tante, »nun habe ich doch auch etwas für dich gearbeitet. Sie sagen im Hause, du seist einmal, wie du die Reliefs in der Tantenstube eingefügt habest, auf Spänen und Holzwolle, die da herumlagen, eingeschlafen, und am Morgen hätten sie dich so gefunden.«

»Wer schwatzt so unnötig?«

»Märt. Und ich weiß es schon lange, aber erst heute ist es in mir lebendig geworden. Und jetzt kommt mir mein Hochmut höchst lächerlich vor. Und du sollst nicht denken, daß ich sehr vergnügt bei den Mappen gewesen sei,« sagt sie aufrichtig. »Du bist ein großer Künstler und hast in dem Hause viel Knechtsarbeit getan.« Harro nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände, daß sie ganz versinken in das köstliche Goldhaar.

»Närrchen du! Und im allerletzten, verborgensten Grund habe ich doch gehofft, du werdest die Arbeit tun, Rosmarie. Und ich träumte: Wenn sie es wirklich tut, werde ich ihr ein Krönchen schmieden in meinem Herzen. O du Prinzessin als Gänsemagd! Unter den Gänsen darfst du dir ohne zu großen Aufwand an Phantasie die Putzweiber vorstellen, die du hütest. Und nun komm und begrüße meinen Freund Hans Friedrich, der sich entsetzlich vor dir fürchtet. Und o Himmel, er hat allen Grund! Warum hast du dich eigentlich so überwältigend schön gemacht?«

Aber die Rose verrät nicht, warum. Sie gehen ins Frühstückszimmer, da ist für drei gedeckt, aber kein Hans Friedrich zu sehen.

»Nun, hat er denn keinen Hunger? Wir kamen sehr spät an und gingen von Kupferberg herüber, weil wir dich nicht mehr stören wollten. Und ich will nach ihm sehen, er versprach mir nicht sicher, ob ich ihn heute in seinem Bette finden würde.«

Harro eilte hinauf und fand seinen Freund nervös auf und ab gehend. Ein feiner dunkler Künstlerkopf mit wallender, wohl gepflegter Mähne saß auf sehr verkrümmten Schultern. Trotzdem lag eine gewisse leichte Eleganz in seinen Bewegungen, namentlich in seinen überaus charakteristischen und nervösen Händen mit schmalen Gelenken und Fingern, die ein Glied mehr zu besitzen schienen.

»Komm herunter, Hans, wir frühstücken.«

»Lieber Harro, du hast jedenfalls hundert dienstbare Sklaven in deinem Goldhaus, kann das nicht hier oben geschehen? Mit ganz leerem Magen ›Durchlaucht‹ zu sagen, ist eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen fühle.«

»Dann laß es bleiben und sage: Guten Morgen, Frau Rosmarie. Sie wird das sehr originell und künstlermäßig finden.«

»Für einen frechen Jahrmarktmusiker wird sie mich halten.«

Harro lachte schallend. »Ich will dir einen Rat geben. Du machst's, wie wir es als ausgelassene Fähnriche zuweilen an alten Exzellenzen versuchten. Du beugst dich über ihre Hand und murmelst: Weiße Bohnen, blaue Bohnen! – Wie kannst du es verantworten, mich so lange hungern zu lassen?«

Hans Friedrich ergibt sich in sein Schicksal, und sie gehen die Treppe hinunter. Harro in entsetzlicher Eile. ^

»So halte doch, Harro, wir wollen doch nicht im Dauerlaufe ankommen.«

Harro dreht sich um:

»So, Hänschen, und nun: Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen! Ich habe dich gewarnt.«

Eine Flut von Sonnenschein im Eßzimmer, und der Musiker sieht sich einer hohen, jungen Königin gegenüber, die ihm eine schmale Hand entgegenstreckt und mit weichster Stimme sagt: »Seien Sie herzlich willkommen, Herr Friedrich!«

Herr Friedrich kann nach ein paar Minuten konstatieren, daß alle Warnungen nichts gefruchtet haben und ihm sein armes Herz schon entglitten ist.

Er hat eine Erinnerung daran, daß er unheimlich starken Kaffee trinkt und viel zu viel davon, denn er muß doch den Genuß, sich von der jungen Königin die Tasse füllen zu lassen, wiederholen. Der Hausherr erzählt die gemeinsamen Taten, und Rosmarie fragt schüchtern, ob er glaube, daß das Chorwerk noch zu entziffern sei.

Hans Friedrich muß mit den ersten deutlichen Worten antworten. Ja, er hofft, er glaubt, das heißt, er zweifelt nicht. Ob es ausführbar sei, das sei wieder eine andere Sache. Aber ein Stück, das wird sich schon ermöglichen lassen.

»Wie wird mich das freuen!« ruft die junge Königin. Und an Hans Friedrichs Eifer wird es nicht fehlen. Und nun gehen sie ins Musikzimmer zu dem schönen Flügel, der bisher stumm geblieben ist, aber Harro will eine Berührung nicht dulden.

»Der Abend ist die Musikstunde... Da bin ich am offensten. Hans Friedrich steckt ohnedies morgens immer zu Hause. Er lebt eigentlich erst am Abend auf, aber dann zu gründlich. Ich habe mir vorgenommen, ihn hier etwas zu lüften, durch seine Hände kann man hindurchsehen. Rosmarie, ich schlage vor, ihr macht einen Gang durch die Reiherhalde oder den verlorenen Grund. Hast du übrigens schon den Wald an einem Wintermorgen gesehen, Hans? Rosmarie, du hast nie einen eingefleischteren Stubenhocker gekannt.«

Hans Friedrich kann sich mit dem besten Willen nicht erinnern, je an einem Wintermorgen im Wald gewesen zu sein.

»Ich kann euch nicht begleiten, ich muß etwas bei meinem Bilde nachsehen, und dabei kann ich niemand brauchen.«

Und Hans Friedrich und die junge Königin gehen unter den hohen Schwarztannen, die auf leicht bereiftem Moospolster stehen, das so köstlich weiche Wülste um die Wurzeln bildet, durch die anregende Luft, die das Blut so köstlich frisch macht und solch prickelndes Gefühl der Lebensfreude auf den Flügeln trägt. Hans Friedrich will es vorkommen, als ob er mit einem Schritt aus seinem bisherigen Dasein in ein neues eingetreten sei. Kann es denn sein, daß der Wald mitten im Winter eine so heimelige grüne Welt bergen kann, nur so viel mit Silber gestreift, daß das Moosgrün desto schöner leuchtet? Und kommen die zartfeinen Pilze, die in tadellosen Ringen dastehen, nicht aus dem Märchenbuch? Rosmarie zeigt sie ihm und erklärt, es seien Elfenringe, da säßen die luftigen kleinen Herrschaften darauf und sähen den Turnieren zu, die sich die Waldmäuschen lieferten.

Aber aus welchem Märchenbuch stammt denn die junge Königin, in ihrem warm leuchtenden Samtgewand, das sie anmutig mit einer blitzenden Spange geschürzt hat, in Hermelinkragen und Kappe! Die frische, köstliche Luft rötet ihre Wangen und macht ihre Augen so klar und das Weiß darin von so kindlicher Bläue. Und nichts entging ihr. Nicht der goldene Sonnenstreifen auf dem Moospolster dort, nicht das Aufblitzen des hellblauen Flügelschilds eines Nußhähers, nicht die zierlichen Rehspuren auf dem leicht gefrorenen Wege. Und dann wollte sie so viel wissen, von dem gemeinsamen Lehen in Berlin neben der Glanzplätterei und von den Abenden in der ›Blauen Fliege‹ und ihrem wunderlichen Menschenkreis, wie sie der Großstadtwind zusammenweht. Ein Hase hüpft über den Weg, langsam und sorgenvoll, und ein rotes Eichhörnchen fliegt wie eine kleine Schlange um einen Baumstamm herum.

Und Hans Friedrich denkt halb träumerisch, daß sich eine gute Fee, von der er als Kind viel zu erwarten pflegte, plötzlich und endlich seiner erinnert haben müsse und ihm diesen Morgen beschert habe. Paribanu hieß die Fee, und er machte ihre Bekanntschaft an einem glühend heißen Nachmittag, als er, des Kantors Ältester, zu Hause bleiben und die sehr unruhige Jüngste hatte hüten müssen. Das Buch hatte keinen Anfang und kein Ende und war wohl aus irgendeinem Schulranzen konfisziert worden. Es war reichlich befleckt, und es fehlten Seiten, aber die Fee Paribanu steckte doch darin und schwang ihren Zauberstab.

Plötzlich betraf er sich, wie er der jungen Königin von der Fee Paribanu erzählte und von dem kleinen Schwesterchen, das ein solcher Tyrann war, und von den seligen Stunden auf des Vaters Orgelbank, wenn ihm die Geschwister, freilich nur gegen Belohnung, die Bälge traten. Und wie ihn die Fee frühzeitig lehrte, Glückstage zu zählen. Und wie er in einem winzigen Kalender rote Striche machte an solchen geweihten Tagen, und wie er die sorgfältig aufhob und erst davon abließ, als er seiner Kindlichkeit sich schämen zu müssen glaubte. Rosmarie tadelte ihn aus ihrer Lebenserfahrung heraus.

»Ich werde Ihnen einen Kalender schenken, Herr Friedrich, und Sie werden wieder anfangen, Striche zu machen. Von seinen Festen lebt man,« versichert sie ernsthaft. »Und dann werden Sie sich wundern, wie viele es sind. Ich habe so wunderschöne Feste gefeiert mit meinem Freunde Harro, als ich ein kleines Mädchen war. Und als es keine Feste mehr zu feiern gab, da bin ich krank geworden und war nichts Rechtes mehr mit mir.«

Ach, daß es aus dem Walde keinen Ausweg mehr gäbe! Nun öffnet sich ein großes Tor, von riesigen Tannen gebildet, die lange Fransenärmel herabhängen lassen, und man sieht klein und klar auf seinem Höhenzug mit seinen Türmen und seinem Renaissancegiebel Schloß Brauneck daliegen. Und Rosmarie zeigt hinüber, als zeige sie ihm die Burg Montsalvatsch, und sagt: »Das ist Brauneck!«

Und in ihre Augen kommt ein so wundervolles Aufleuchten, daß er merkt: dies ist der clou der Vorstellung.

Auf dem Rückwege verspricht sie, daß sie ihm Schloß Brauneck zeigen werde.

Der Abend führt sie dann alle im Musikzimmer zusammen Zum erstenmal glüht das Licht in der Laterne des blauen Männleins auf. Da heute das Fest der Flügelweihe und zugleich das erste Fest im Goldhaus, ist, so hat sich Harro, der in der strahlendsten Laune ist, in seinen Samtkittel geworfen mit der Schärpe, was einen besonderen Höhepunkt der Stimmung offenbart. Auch Rosmarie hat den Befehl bekommen, wenn irgend möglich, sich noch zu verschönern. Rosmarie kann es sich leisten, sie hat immer noch das gleiche kindliche Entsetzen vor Bällen und großen Gesellschaften und braucht daher keinen von ihren Schätzen für solche Gelegenheit aufzusparen.

Ist es denn nicht höchst unnötig, daß sie irgend jemand schön finde außer ihrem Manne und etwa ihren Gästen?

»Also heraus, Lisa, mit dem silberbrokatenen Gewand, wenn du dich auch noch so unglücklich anstellst.«

»Ihre Durchlaucht, Frau Fürstin hat gesagt, dies wäre für kleine Hoffestlichkeiten.«

»Ich bin mein eigener Hof, Lisa, und du hörst ja, wir haben ein Fest! Märt soll mir vom Bergfried recht schöne feine Ranken Efeu holen, die ein wenig rötlich wären!«

Märt ist zu allem zu gebrauchen. Und Rosmarie windet drei Kränze. Zwei aus Efeu, den einen mit dunkelroten, den andern mit blaßgelblichen, fast weißen Chrysanthemen. Und den dritten Kranz aus Nizzaveilchen, die ihr der Vater geschickt hat.

»Die bleiben hier, bis ich sie hole, Lisa, und sage selbst, wie sonderbar wäre es, wenn ich mein schönstes Kleid für fremde Leute aufsparte!«

Und sie geht hinaus, eine leuchtende Vision von Silber und Gold, daß Märt, der eben vom Eßzimmer herauskommt, wo er geholfen hat, den Flügel in eine etwas andere Stellung zu bringen, ganz versteinert mit aufgerissenem Mund stehen bleibt. Seine junge Herrin lächelt ihn an.

»Gefalle ich dir so, Märt? Nicht wahr, das ist ein schönes Kleid, das hat mir der Herr selbst gezeichnet, wie es aussehen müßte. Und weißt du auch, Märt, daß es nun bald acht Jahre sind, daß ich in die Ruine kam? Oh, wie war es schön bei euch. Und die Krippe bauen wir auch wieder auf.«

Und damit rauscht sie an ihm vorbei, der noch keinen Ton geredet hat. Noch eine Weile starrt er nach der Türe, hinter der seine Herrin verschwunden ist. Dann schüttelt er bedächtig und sorgenvoll den dicken Kopf, greift mit zwei Fingern in seine Westentasche und bringt daraus ein paar Körnchen Salz hervor, die wirft er über seine linke Schulter, murmelt etwas dazu und stapft schwerfällig hinaus.

Über Hans Friedrichs heutigen Abend muß Paribanu unbeschränkt das Zepter führen. Seine dunkeln, großen Augen sehen aus, als brennen Weihnachtskerzen in ihnen, und Harro hat Bedenken, ihm nur mit dem ganz leichten hellen Moselwein zuzusetzen, den es bei Tisch gibt. Einen Aufguß hat er wahrhaftig nicht nötig. Und Rosmarie strahlt. Sie, die sonst vor Fremden recht scheu ist, führt heute ein allerliebstes Kommando und entwickelt neue schalkhafte Seiten, die Harro noch kaum an ihr kennt.

»Heute müssen die Herren mir gehorchen, dann werden sie dafür belohnt werden. Wir gehen ins Musikzimmer, und weil die Herren, sogar du, Harro, mir noch lange nicht festlich genug sind, müssen sie Kränze tragen, und ich werde sie ihnen aufsetzen.«

»Und du, Rosmarie?« ruft Harro.

»Ich trage auch einen, aber ich wollte ihn nicht tragen, ehe ihr auch geschmückt seid. Ich hätte sonst in meinem Silberkleid zu viel vor euch voraus.«

»O du Heuchlerin! Nur dein Silberkleid hast du vor uns voraus!«

Und Harro hebt die Tafel auf. Rosmarie geht ihre Kränze zu holen und kommt wieder und trägt die drei, sie hängen an ihrem nackten Arm. Im Musikzimmer flammen die Lichter auf. Die hohen grünseidenen Vorhänge sind zugezogen, der Flügel etwas mehr in die Mitte gerückt. Der ganze Raum ist von der edelsten Einfachheit. Graue Wände aus einer mattglänzenden Holzart. Nur ein einziges Bild hängt an der Schmalwand in einfachem Goldrahmen. Mit seinen großartigen Farbenakkorden von Gebirge, Felsenburg und finsterer Stadt, im Vordergrund den lachenden italienischen Frühling: Dolce Aqua, das Harro noch einmal für Rosmarie gemalt hatte, als Geschenk zu ihrem Verlobungstage. Sonst war nur noch ein Kamin da, aus graurötlichem Marmor, auf dem zwei mit Tannenzweigen und Chrysanthemen gefüllte Riesenvasen standen. Ihr zarter Atem durchhauchte das Zimmer so rein und kräftig nach Wald und dem eigentümlich leisen herbsüßen Herbstblumenduft. Bequeme, tiefe, mattgrüne Stühle. Harro erklärte, für die schönen menschlichen Blumen als Folie.

»Hoffentlich sind die Damen so klug wie die Blumen und suchen sich stets eine Farbe aus, die zu der Kelch- und Blattfarbe paßt.«

»Ein herrlicher Musikraum,« lobte Hans Friedrich. »Keine unnötigen Draperien oder Teppiche oder unruhigen Kunstwerke. Dort in deinem Bilde, Harro, findet man alles, was man will. Das Gebirge hinten ein Epos, das Felsenstädtchen eine Tragödie, und vorne die Pfirsichbäume und die Mimose eine Idylle oder ein lyrisches Gedicht.«

Harro klopft ihm auf die Schultern: »Schön gesagt, Hänschen, und dafür sollst du den ersten Kranz bekommen. Du darfst dich nicht sträuben, die Herrin befiehlt's. Welchen Kranz hast du für ihn bestimmt?«

»Den hellen, die Veilchen für mich.«

»Den ich dir aufsetzen werde. So, da hast du dein Krönchen. Hans, was meinst du, sollte sie nicht so gemalt werden für die künftige Ahnengalerie des Hauses Thorstein als holdseligste der Ahnfrauen!«

»Nein, Harro, nicht ganz,« erwidert Rosmarie. »Ich will ja gestehen, daß ich mir in dem Kleid gefalle. Es erfüllt meine Träume. Weißt du nicht mehr, wie ich dich als kleines Mädchen bestürmte um ein Silberkleid. Und nie sagen konnte, wie es eigentlich sein müßte. Ich möchte auch von dir gemalt sein, aber nicht für Haus Thorstein. Es wäre mir so seltsam, wenn ich mir hier begegnete, so oft ich etwa in den Saal hinaufginge. Für den Vater sollst du das Bild malen, nach Brauneck. Du weißt ja, ich hatte sie fast alle gerne und sie waren mir wert, die stillen Leute an den Wänden. Ich fühlte, sie gehören zu mir. Wenn Papa nicht da war, gehörten sie viel mehr zu mir als fast alles, was von lebendigen Menschen herumlief. Und ich möchte auch im Bilde ganz gern zu ihnen gehören. Und nun, Harro, beuge deinen stolzen Nacken, von dem Tante Helen einen solchen Eindruck bekommen hat.«

»So, hat sie, – dann verrate ihr dieses nicht!« Und Harro ließ sich auf ein Knie nieder, und Rosmarie drückte ihm den Kranz in sein krauses Haar. Sein Kopf bekam etwas Wildschönes dadurch, und sein doch phantastischer Anzug erschien noch zu bürgerlich daneben.

»Du mußt für Festabende einen Leibrock bekommen aus rotem Samt,« sagte Rosmarie.

»Und Tante Ulrike wollen wir dazu einladen, wenn ich ihn zum erstenmal trage. Und nun komm, Hänschen! Aber du mußt es nicht besser haben wollen, hinunter auf deine Knie mußt du auch.«

Hans Friedrich kniet vor der schönen Königin, und ihr zarter Rosenduft umweht ihn, und ihre Hände berühren sein Haar.

»O Paribanu, schneide jetzt den goldenen Faden nicht ab,« seufzte er innerlich, »und laß mich jetzt nicht erwachen in der Büchsenstraße.« Ganz nahe sieht er den feingeschwungenen Mund, leicht geöffnet, daß die weißen Zähne blitzen, und den herrlichen Hals aufsteigen aus dem schneeigen Geriesel. Und es ertönt keine Ladenschelle von der Büchsenstraße, nur Harro faßt ihn bei den Schultern und sagt in seinem weichsten Ton:

»Hänschen, weißt du, wie du aussiehst? Wie ein Bild zu den Jünglingsseelen in Schuberts Litanei, wobei ich nicht nur an die Worte, sondern mehr noch an die Musik denke. Und jetzt erkläre ich das Fest für eröffnet.«

Und Harro dreht das Licht in der Laterne des blauen Männleins an:

»Sieh, wie schön er uns Schweigen gebietet. Wir werden auch keinen Ton mehr von uns geben. Du, Rosmarie, setze dich in den tiefen Stuhl dort, und wenn er es gar so übermäßig schön macht, so erlaubt er mir, daß ich mich in meine Lieblingsstellung begebe. Sieh, auch dafür ist gesorgt.«

Und er zog einen langen, schmalen Kelim vor Rosmaries Füße.

Und zum erstenmal schweben die Töne der hehren Frau Musika durch das Goldhaus. Hans Friedrich beginnt leise und zart jene Melodie, die Harros Worte in ihm wachgerufen haben. »Ruhn in Frieden alle Seelen« ..., und das neue Haus mag wohl lauschen auf den seltsamen Weihegesang. Und seine wunderbare Kunst nimmt die Melodie auf ihre Flügel, und sie rollt dahin in mächtigen Akkorden und kehrt wieder mit holden, flehenden, unsäglich süßen Kinderstimmen und mit Engelchören und rauscht über nächtliche Wälder und einsame, weite, brennend rote Heiden, wo alte Heidenmale stehen, und spielt um verlassene Dorfkirchhöfe, wo die Kinder auf eingesunkenen Gräbern spielen und Holunderbüsche ihre weißen Dolden breiten, und wandelt durch Wälder auf sonnenfleckigen Wegen, wo das eingesunkene Kreuz am Rain liegt, halb begraben unter den todblassen Waldrosen.

Rosmarie hat ihr veilchengeschmücktes Haupt gesenkt, und ihre feinen Hände umklammern ihr silberstarrendes Knie. Zu ihren Füßen liegt Harro lang ausgestreckt auf seinem Teppichstreifen, beide Hände unter seinem bekränzten Haupte vergraben, ganz hingegeben, seine Seele bespült von der Flut der Töne.

Und draußen streicht der Nachtwind mit zarten, tastenden Händen um das Goldhaus, und die Sterne wandeln durch die Winternacht.

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