Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Agnes Günther >

Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
Schließen

Navigation:

Neunundzwanzigstes Kapitel: Das beste Lebkuchenrezept.

Draußen dichte Schneeschleier, krächzende Rabenscharen; und Chrysanthemumsträuße im Goldhaus, wohin man sieht. Das neue Haus fängt schüchtern an zu leben, und es weihnachtet schon ein wenig. Rosmarie und ihre Lisa studieren das berühmte Honigkuchenrezept. Sie haben sich sogar das ehrwürdig braune, am Rande zerfaserte Original kommen lassen, in dem freilich mysteriöse Quentlein und Prieslein ihr Wesen treiben. Rosmarie zeigt es Harro, weil es eine gar so schöne Handschrift ist auf dem dicken, vielerfahrenen Papier. Harro, der eine große Freude an Handschriften hat und eine schöne Sammlung besitzt, gerät in Entzücken über das Blatt.

»Das Rezept muß vorzüglich sein, man sieht es schon dem Rande an. Wenn es nicht großartiges Papier wäre, so hätte es den Ansturm nicht ausgehalten. Rosmarie, das bekommen sie nicht wieder. Wir schreiben es ihnen auf ein bißchen angerautes Papier mit allen Quentlein und Prieslein ab. In der Küche werden sie keinen Handschriftenkundigen haben.«

»Als ob das aus der Küche käme! Herr Domänenrat hat es schon vor dreißig Jahren aus dem großen, alten Küchenbuch gerettet. Er hätte es auch niemand gegeben, – nur mir. Er schrieb sogar auf das Kuvert: Vorsicht!! – als ob es Glas wäre.«

»Ist euer Herr Domänenrat nun handschriftenkundig oder hat er ein tendre für Rezepte? Er sieht das Blatt nicht wieder. Ich habe mich nun in die Handschrift verliebt. Sieh die klaren Linien! Und es kostet dich ja nur ein Wort. Ich will ein altes Rezept. Es sind doch keine Diamanten, wer sollte es dir denn streitig machen... das war keine Küchenfee, die das schrieb.«

Harro studiert mit der Lupe eifrig die Linien, die ihm ein für Rosmarie ganz mysteriöses Interesse einflößen.

»Herr Domänenrat, Sie werden dies Stück nicht wiedersehen!«

»Schnöde bist du, Harro...«

»Alle Sammler sind schnöde. Mein Kind, das weißt du eben nicht.«

»Wie so vieles andere,« seufzt die junge Gräfin. »Du könntest dich wohl um die Abgründe meiner Torheit annehmen, Harro!«

»Du bist mir ganz recht, wie du bist. Übrigens, wenn man einmal merkt, daß man an Abgründen steht, das ist schon der Anfang der Weisheit.«

»Ein schmerzlicher.«

Harro starrt immer noch auf das Blatt. »Himmel, welch ein Wille! Und sanft war sie auch noch. Eine Mischung, gegen die es keinen Widerstand gibt. Gut, daß sie nicht mehr lebt, Rosmarie, du würdest am Ende eifersüchtig.«

»Bin ich doch schon.«

»Ihr Frauen seid doch furchtbar. Nicht im Grab gönnt ihr einer andern etwas! Ich reite heute hinüber nach Brauneck und frage den Domänenrat, ob er noch mehr von der Sorte hat. Und dich mache ich verantwortlich für das Blatt, daß es nicht etwa in die Küche wandert, wo es Feuer und spritzende Dinge gibt. Und komme ich nicht zum Essen, so bin ich drüben und suche.«

Rosmarie schickt ihre Lisa fort, um dem letztgeborenen Thorsteiner Kind das blaue Jahresjäckchen zu bringen, und setzt sich in ihren Schmollwinkel zu ihrer Weihnachtsarbeit für Harro. Die Lisa kommt schon sehr schnell zurück mit hochroten Wangen und: »Frau Gräfin, es ist eine ganz gewöhnliche Sorte, die Thorsteiner! Ich habe auch freilich gleich gemeint, Durchlaucht sollten es nicht tun ...«

»Was sollte ich nicht tun?« »Der Küferslotte für ihr lediges Kind das Kleidchen schicken. Nun sind die Weiber so aufsässig, auch Frau Pfarrer hat's mir gesagt und vorgehalten und gemeint, wenn's die Herrschaft am Ende nicht wüßte, so käme es auf das Pfarrhaus hinaus. Und die Beckin hat unser schönes Kleidchen kaum angesehen und spitze Redensarten dazu gemacht.«

»Aber Lisa, wie konnten sie! Ist die Küferslotte nicht sehr arm?«

»Freilich sind sie arm. Der Mann sitzt ja, weil die Jäger in seinem Gemüsegarten ein Reh in einer Schlinge gefunden haben, und die Frau ist blind, und die Lotte! Die ist von der leichten Kavallerie.«

Rosmarie wird glührot. »Was haben die Jäger in des Mannes Garten zu steigen? Und gewiß hat der Fürst nicht gewollt, daß sie den Mann anzeigen.«

»Die Jäger haben nichts angezeigt. Aber der Landjäger hat davon gehört, und der hat's berichtet.«

»Was muß der Landjäger für ein schrecklicher Mensch sein,« denkt Rosmarie. »Ja, und ohne den Landjäger wäre gar nichts aufgekommen?«

»Die Jäger sollen ihm das Reh, das schon tot war, in die Schlinge gehängt haben und gelauert, ob er es holt. Weil sie schon lang Verdacht haben und der Küfer ein ganz Schlauer ist.«

»Ich werde dem Fürsten schreiben,« zürnt Rosmarie. »Und nun ist die blinde Frau allein?«

»Die Lotte näht für die Bergheimer Schürzenfabrik. Und sie läuft schon wieder herum, putzt sich und prachtiert mit dem blauen Kleidchen.«

Rosmarie klagt: »Und gerade, weil sie arm ist und die Mutter blind und der Vater im Gefängnis, darf man ihr nichts geben!«

»Nein, Durchlaucht, weil es ein lediges Kind ist.«

»Lisa, was kann man denn tun? Das Kind kann man doch nicht verderben lassen!«

»Ja, aber wenn man denen den Kopf hält, dann denken andere, sie können auch tun, was sie mögen. Und Kerle, die darauf warten, gibt es immer!«

»Worauf warten?«

Daß man ihnen den Willen tut,« antwortet die mysteriöse Lisa, die heute so ganz anders ist als sonst, von Dingen spricht, die sie nie über die Lippen gebracht. Der Thorsteiner Weibersturm muß sie sehr erregt haben.

»Die Lotte ist auch eine ganz Leichte und Abgeschlagene! Legt die guten Leintücher auf die Treppe, daß die Stufen nicht knarren und die Mutter es nicht hört, wenn der Bursch in ihre Kammer kommt.«

»Lisa, das kannst du doch unmöglich wissen!«

»Aber meine Base, die daneben wohnt und acht hat, hat's gehört, wie sie es ausgemacht haben. Kein Mädchen setzt sich mehr neben sie in der Kirche.«

»Das arme Kind! Man soll ihm keine Liebe tun, und es ist doch unschuldig. Ach, sie wußte wohl gar nicht, was sie tat, sonst hätte sie...«

»Nicht wissen, Durchlaucht! So dumm gibt es doch niemand! Und vorher daran denken! Die denken an nichts, wenn sie nur ihren Burschen bei sich haben in der Kammer.«

Die Lisa erschrickt gewaltig über die Worte, die ihr entschlüpft, wird dunkelrot und entflieht eiligst. Rosmarie wirft ihre Arbeit hinweg, ihre grauen Augen blitzen: »O, wie man mich verdummt hat! Und mich hat blind durch die Welt gehen lassen! Und Harro hat gespielt mit mir wie mit einer Puppe. Und die Tanten auch.« Welch ein Gedankengewoge in ihrem Kopfe... Sie wandert auf und ab und wendet sich hin und her und sucht ihre Augen vor gewissen blendenden Blitzen zu verbergen.

Endlich ertönen draußen Hufschläge. Es ist Harro, der heimkommt. Eine sehr weise, von ihrer eigenen Weisheit ganz geblendete und entsetzte Rosmarie kommt ihm entgegen.

»O Harro, wie siehst du aus! Wie ein Ritter!«

»Gefalle ich dir?« Er lacht sie an von seinem hohen Braunen herunter. »Die Eisenhaube für unsern Braunecker habe ich der Einfachheit halber auf dem Kopf transportiert. Ich wollte sehen, wie so ein Eisenkübel beim Reiten tut. – Die Dünsberger hielten mich für die Feuerwehr!«

Wie schön sein gebräuntes Gesicht unter der Sturmhaube hervorsieht, die blitzenden Augen, der lachende Mund mit den festen Zähnen.

»Und was hast du da, wie ein Mantelsack sieht es aus.« »Es ist auch einer, Rose.« Harro springt vom Pferde, eine uralte schwarzbraune Valise ist hinten auf das Pferd aufgeschnallt.

»Ich habe Schätze gefunden! Dieser Domänenrat ist ein Juwel, und die Ordnung, heilige Himmelstochter, nicht zu verachten. Meine Liebe zu ihr ist zwar platonisch, – das soll sie auch bei Schiller gewesen sein.«

Und Harro löst selbst mit liebevollster Vorsicht die Ledervalise ab und trägt sie in sein Atelier. Dann faßt er seine Rose an den Händen! »Und du, was hast du getan?«

»Mich besonnen.«

»Wie unnötig.«

»Laß mich hören, was du gefunden hast!«

»Berge, sag ich dir, Berge! Der Herr Rat tut nur einen Griff und hat es. Das Rezept will er aber wieder und bekommt es vielleicht auch. Hier – angefüllt bis oben mit der gleichen Handschrift. Wir haben sie nun endlich. Die Ahnfrau! Haus Thorstein hat seine so bitter schmerzlich vermißte Ahnfrau. Jede Kritik, die du bisher an uns Thorsteinern, unserem dilettantischen Wind, unsern nicht genügend stimmungsvoll knisternden Wänden geübt hast, hat zu verstummen!

Hier ist die Ahnfrau: die Gräfin Gisela von Brauneck, geborene Gräfin von Thorstein.

Du darfst sie bedichten, die Ahnfrau, Rose, aber wenn du sie nicht schön machst, so glaube ich es dir nicht. Ein Bild von ihr existiert nicht. Um so besser, wir können sie uns dann so schön vorstellen, wie wir wollen. Denke, wenn sie zu dieser Handschrift klein und dick, mit einer Kartoffelnase gewesen wäre, ich hätte es nicht so bald verwunden. Oder ein schlechter Maler hätte unser Phantasiebild verdorben.«

»So viel hat sie geschrieben?« fragt die Rose bänglich, als Harro anfängt auszupacken. »Schrieb sie denn Romane?«

»Das werden wir sehen. Und nun wollen wir essen. Und nachher machen wir uns auf die Entdeckungsreise ins siebzehnte Jahrhundert.«

Die Lampen brennen schon, als sie um den großen Tisch im Atelier sitzen und die alten dicken Papiere wenden.

Noten, Noten, wieder Noten. Nur im bezifferten Baß geschrieben, erklärt Harro gelehrt. Stimmen für Oboen, für Flöten, Harfe, Geige, Orgel, – ein Chorwerk. »Rosmarie, wie merkwürdig! Daß denen damals so freudig zumute war, sechzehnhundertachtundsiebenzig! ›Jauchzet dem Herrn alle Welt, lobt ihn mit Saitenspiel und Harfen. Kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!‹

Sieh die Handschrift. Wie ein Schwan gleitet sie dahin. Ach, daß wir so dumm davor sitzen, so analphabetenhaft dumm! Was meinst du, wenn ich mir meinen Berliner Trost, den Musiker, einlüde? Wir wollten ihn im nächsten Sommer bitten. Er schrieb mir zwar, er zücke schon lange einen Besuch nach mir, habe aber zu seinem Entsetzen gelesen, daß ich eine Prinzessin geheiratet hätte – mit sechzehn Ahnen –, er taxiert dich zu niedrig, Rosmarie, – und nun traute er sich nicht mehr.«

»Ich bin doch nicht so schrecklich, Harro!«

»O du, du hast eine Ahnung, wie du bist!«

Rosmarie bekam nasse Augen: »Ja, ich ahne es doch ein wenig, Harro.«

»Nicht tragisch werden, Rose. Aber sich, seine weiblichen Bekanntschaften bestanden im wesentlichen aus Konservatistinnen mit wild gelockten Haaren und hie und da schief getretenen Absätzen. Prinzessinnen kamen nicht in seinen Gesichtskreis. Von meinem Titel wußte er lange nicht, der stand sich zu schlecht mit meiner Wohnung neben der Glanzplätterei... Ach ja, die Plättfräulein interessierten ihn auch, er pflegte in ihnen ungemeine Seelenabgründe zu ahnen, übrigens gibt es ein Unglück, wenn er dich sieht. Er hat ein glühendes Herz für alles Schöne. Ein so großes Herz in seiner kleinen, zerdrückten Brust. Er ist ja ein wenig verwachsen. Und wenn er an seinem alten Klavier saß und seine langen Spinnenfinger darüber gleiten ließ und ich mich plötzlich aus meiner Berliner Hölle sänftlich in ein seliges Gefilde getragen fühlte, wo Palmenwälder rauschten, das ewige Meer blaute, und die Himmelstöchter herabstiegen auf goldenen Schuhen –«

»Harro, kann man nicht telegraphieren?«

»O du süße Rose, diesmal hast du ein liebes Wort gesagt. Wir telegraphieren ihm: ›Soeben einen großen Fund getan: Chorwerk aus dem siebzehnten Jahrhundert entdeckt. Bitten dich Pate zu stehen. Familie sehr dafür interessiert, wird die Kosten tragen.‹ – Das tust du doch, Rosmarie,– ich bin ein ausgebrannter Vulkan.«

»O Harro, Liebster!«

»Halt. Da drüben sitzen bleiben, wo du bist!« kommandiert Harro.

»Nun noch: ›Der Wagen wird dich in Kupferberg abholen.‹

So, das ist schön. Wenn die alte Musik auch keinen Wert mehr hat. Hans Friedrichs Musik hat Wert. Und der stumme Flügel, was wird er sich freuen! Und wir sitzen abends und hören zu. Sieh, was uns die Ahnfrau verschafft.«

»Glaubst du, daß sie die Musik komponiert hat?«

»Nein. Sieh – zuweilen ist etwas hineinkorrigiert mit Rotstift. Eine ziemlich nachlässige Männerhand. Sie hat wohl kopiert. Sieh, das ist köstlich. Mit Rotstift: ›O Holdseligste, nimm blau, nimm blau. Betrübe deinen Ehrfürchtigsten nicht durch ein Rot, das dreimal durch den Regen geloffen!‹ Ob das nicht auch eine Anweisung für die Sängerin ist? Eigentlich hätte ich doch lieber etwas mehr von ihr erfahren als nur die Abschriften.«

»Ist die Valise leer?«

»Ein Pack noch und verschiedene Dinge. Ein grünes, seidenes Kissen, ein Steckenpferd, ein angemalter Holzvogel mit einem Pfeifchen im Leib und ein seidener Beutel.«

»Was enthält er denn?«

»Ein Schreibzeug. Von Bernstein wie ein großer Apfel mit feinem silbernen Beschlag.«

»Das will ich, das muß man mir lassen,« ruft Rosmarie.

»Und ein Buch. Nun haben wir's, geschrieben, Bekenntnisse einer schönen Seele.«

Die beiden Köpfe der Enkel beugen sich über das alte Buch. Ein Name steht nicht darin. Aber wieder eine Enttäuschung. Das Buch ist nur auf sehr wenigen Seiten beschrieben und enthält nur scheinbar ganz wahllos Bibelstellen.

»Ein Wort hätte sie wohl dazwischen schreiben können,« brummt Harro.

»Sieh!« Rosmarie deutet auf ein Blatt, auf dem als einziges steht: Liebet eure Feinde.

»Hat sie sich auch mit dem Wort herumgeschlagen, wie einmal du, Rosmarie?« »Bei mir ist es bei einem ärmlichen Anlauf geblieben, Harro. Es war zu schwer für mich. Ich bin nur auf die allerunterste Stufe gekommen.«

»Und die wäre?«

»Vom blauen Männlein.«

»Sei nicht gar so mysteriös, bitte!«

»Sieh es doch an, ich mag wirklich nicht darüber reden, es ist so jämmerlich wenig.«

»Schweigen?«

»Glaubst du, daß sie wohl mehr davon verstand?« fragt Rosmarie.

»Hier in dem Einband steckt noch etwas.«

Zwischen dem Einband des Deckels und dem Deckel selbst war etwas hineingeschoben. Ein zusammengefaltetes Papier.

Sie legten es sorgfältig auseinander. Eine dunkle, weiche Locke quoll heraus, oben mit einem Silberfaden gebunden, an dem ein Täfelchen hing. Darauf stand mit der Handschrift jenes Korrektors aus dem Chorwerk:

»Der Holdseligsten von dem Herrgottsnarren.«

»Der Herrgottsnarr! Hast du das Wort je gehört?«

»Ja, man kann's hie und da einmal hören, hier oder in Brauneck. Als Fluch, oder wenn sie jemand recht Einfältiges bezeichnen wollen. Und auch darunter sind Noten. Das würde nun Hans Friedrich ein Motiv nennen. Zwei Motive. Wohl eins für ihn und die Holdseligste... Oh, nun sind wir wieder dumm, Rosmarie! – Ach, nun endlich, das ist wohl von ihr. Rose, kannst du's lesen, aber glatt, – so lies es mir vor.«

»Das obere ist gewiß auch ein Motiv,« sagt Rosmarie, und sie liest. Die klare Handschrift ist ja so leicht zu lesen...

»Das Motiv, Harro:

Ein leidender Grund,
Ein schweigender Mund,
Ein Herz voll Minne,
Da ist Gott allzeit inne.

Siehst du, daß sie davon gewußt hat, Harro!«

»Es gehet die Seele durch den Garten, wo der Rasen feucht ist von Tränen, und wo die schwarzen hohen Bäume das Licht der Sonne hinweg trinken. Wo die vielen Vöglein grau und schweigend auf den Zweigen sitzen, die herabhängen. Wo die Büsche und das Gras und jede Blume, die darin blühet, ihre Perlen tragen. Darin gleitet ein dunkles Wasser, das nicht plätschert und murmelt, und beweget bei seinem stillen Ziehen das Schilfrohr, das am Ufer steht.

Und hält die Seele ihre Schleier um sich und senkt ihr Haupt und verhüllet die Wunden, die die giftigen Pfeile derer, die draußen sind, ihr angetan haben. Also gehet die Seele durch den Garten, bei den grauen Vögeln, die nicht singen, bei dem Bache, der nicht plätschert, und bei den Lilien, die an ihren goldenen Fäden den Tau der Schmerzen tragen. Und im letzten Grund des Gartens, wo die Bäume am höchsten stehen und am tiefsten ihr Leidesschatten fällt, da steht ein Rosenbaum und trägt oben eine blasse Knospe.

Da umfaßet die Seele den Rosenbaum und spricht zu ihm: O du Rose meiner Liebe, wie bist du so blaß und stehest im Düster, wo kein Strahl dich finden kann, und sollte doch auf dich fallen der Morgenglanz und die Mittagspracht und das Abendgold. Und müßte dein Duft herrlicher sein, denn aller der Blumen, die im Garten sind.

Da neiget sich die Seele über den Strauch und drückt die scharfen Dornen in ihre Brust, daß der Stamm trinkt von dem roten Blut und die warmen Wellen aufsteigen durch das Geäder und sich der blasse Kelch der Rose davon rötet.

Wenn es aber Abend wird und der Herr des Gartens kommt, so wird er fragen:

›Seele, wie fährt dein Garten, den ich dir gegeben habe, daß du die schönen Blumen darin hegest?

Und blüht dein Rosenbaum, den der Hauch meines Odems dir erweckt aus dem tiefen Grund?‹

Da spricht die Seele in großer Traurigkeit:

›Herr, mein Rasen ist feucht von Tränen, meine grauen Vögel sind ohne Lieder, meine Lilien sind zerknickt und zerbrochen von den Steinen und Pfeilen, die sie mir in den Garten geworfen haben. Und die Rose meiner Liebe stehet im Dickicht, wo die Schatten am schwärzesten liegen.‹

Und der Herr wird mit seinen goldenen Augen durch den Garten der Seele blicken.

Da fliegt das Leuchten an den dunkeln Stämmen hernieder da tropft es von jedem Ast und Gezweig herab, da blitzet der feuchte Rasen von Demanten. Da haben die grauen Vögel ihre Stimmen gefunden und sind Nachtigallen worden mit Liedern des Dankes. Da stehen die zerknickten Lilien wieder aufrecht. Da öffnet die Rose der Liebe, die von dem Blute der Seele getrunken hat, ihren Kelch und glüht in purpurner Pracht, und ihr Duft erfüllt den Garten. Und das dunkle Wasser, das zum Thron der Ewigkeit geht, hebt zu rauschen an.

Und alsdann wird die Seele genesen.

Schweigen, im Oktobre sechzehnhundertzweiundsiebenzig, da ich zwanzig Jahr bin alt worden, im vierten Monat meiner Trübsal.«

Harro faßte mit behutsamen Händen alles zusammen und trug das Buch und die andern Dinge in seinen Kasten und verschloß sie dort.

Rosmarie nahm er bei der Hand und führte sie in den Schmollwinkel. Dort saßen sie eine Weile stumm beieinander. Dann sagte er freundlich:

»Kehren wir ins zwanzigste Jahrhundert zurück. Vielleicht sollte man doch alte Sachen nicht anrühren. Das Geisterbeschwören ist zu keiner Zeit bekömmlich gewesen, übrigens steht auch deine Beichte noch aus. Was hast du alles ersonnen?«

»Ich habe so viel gedacht heute, Harro – und ich muß ja noch mit dir reden!«

»Das klingt gefährlich – eine Einleitung, die gewöhnlich wenig angenehmen Erörterungen vorauszugehen pflegt. Nun, ich sitze schon auf dem Armsünderstühlchen, laß hören!«

»Ach, wenn du so anfängst und mit mir spielst, wie soll ich mich trauen? Ihr spielt ja immer mit mir, du und die Tanten. Als ob ich in Ewigkeit nicht klüger werden könnte. Und ihr habt ja recht. Ich bin ein dummes Kind. So dumm, wie ich lang bin. Als ich klein war, lachten ja alle über mich. Nur du nicht! Harro, du nicht! Und darum liebte ich dich. Harro, warum stellst du dich nun zu den andern, du auch?«

Dem Thorsteiner fährt eine Röte über die Stirn, er läßt seinen Kopf hängen und steht vor ihren sanften, grauen, flehenden Augen wie ein gescholtener Junge.

»Rosmarie, es war leichter so. Die Sache ist schwer genug für mich. Das kannst du ja nicht wissen. Habe ich dir wirklich damit ein Unrecht getan? Ich dachte mir, ich lasse dich in deiner glücklichen Kindlichkeit.«

»Du mußt keine Schleier mehr darüber werfen, Harro. Sag mir, Harro, sag mir. Warum bin ich nicht deine Frau? Ist etwas an mir, daß ich es nicht sein könnte?«

Harro erschrak heftig: »Du hast doch die Gedanken nicht schon lange mit dir herumgetragen! Ich bitte dich, das wäre mir furchtbar. Meine Rose, meine arme Rose! Nein, es ist alles so einfach! Du bist noch zu jung, du sollst noch geschont werden. Wie lang ist's her, daß man dich dem Tod entrissen hat! Wie furchtbar, wenn ich dich gefährdete! Das Entsetzlichste wäre es mir. Ich kann es nicht. In manchen Dingen bin ich eine Memme. Was es mich gekostet hat, neben dir in Bordighera zu stehen, als du dalagst wie so ein armer, gequälter Schatten, das kannst du nicht ahnen! Und du wolltest ja nicht mehr in Brauneck bleiben, du hast mich doch gebeten. – Und so habe ich deinem Vater den Vorschlag gemacht, du solltest bei mir sein, wie das Seelchen bei mir gewesen wäre. Ich gab ihm mein Wort. Daß ich dir schwere Stunden damit bereite –«

»O Harro, wie muß ich mich schämen vor dir! O Harro, und ich bin so glücklich, und wie schäme ich mich. Und es ahnt mir, daß ich nicht einmal weiß, wie sehr ich mich schämen muß. Ich lebe von deiner Güte all die Zeit.« –

Er hatte seinen Arm um sie gelegt und strich ihr sanft über ihre Haare.

»Du sollst glücklich sein. Rose. Und du gabst mir so viel. Wie kannst du wissen, Schwanenjungfrau, was wir Männer fühlen. Und du hast mir doch die höchsten Stunden meines Lebens geschenkt. Du hast mir ein Opfer gebracht. Ein Sturm der Seligkeit durchbrauste mich. Sieh, für die andern ist das Gesicht der Mensch, sie sehen vielleicht noch die Hände, den Rest besorgt die Schneiderin.

Für mich hat die lieblich geneigte Schulter, der Bau deines Rückens, die wunderbare Linie von der Armhöhle über die sanftgeschwungene Hüfte herunter eben so viel Ausdruck wie dein Gesicht. Ich habe es immer geahnt, daß du herrlich sein mußtest. Aber wie sehr deine Seele sich die Behausung gebaut und bewahrt hat, das habe ich nun erlebt. Du bist mir heilig geworden. Ich habe nun, wenn deine Süßigkeit nicht gar so gefährlich wurde – und du hattest plötzlich ein feines Gefühl bekommen, was du tun dürfest und was nicht, – ganz schön neben dir leben können. Ich habe Schöpferstunden genossen, als ich dich malte.

Und nun gräm dich kein bißchen mehr, Rose. Im Sommer feiern wir Hochzeit. Ja, mußt du denn deinen Kopf verstecken, kannst du mich gar nicht mehr ansehen ...?

Ein Fest wird es sein ... Ein Fest, in das uns kein Mensch hineinredet! Das Fest! Das Fest der Rose! Gegen das alle Feste nur ein Vorhof waren. Du hast ja deinen Schleier mitgenommen, Rosmarie, und einen Rosenkranz von weißen Kletterrosen von der Braunecker Schloßmauer wirst du tragen. Die sehen dir am ähnlichsten! Und ein Gewand von weißer Seide über deinen süßen Leib und goldene Schuhe, deine Freudenschuhe. Und es werden keine fremden Augen auf uns sehen. Und der Brunnen singt uns sein schönstes Lied. Warum redest du kein Sterbenswörtchen, Rose, meine weiße Rose!«

»Oh, ich liebe dich, ich liebe dich.«

Harro erhob sich plötzlich und sagte leise:

»Du mußt mich nun gehen lassen, Rosmarie. Es ist noch lange bis zum Sommer. Einen Kuß noch, aber schnell! Ich muß gehen.«

»Dein Wort hast du gegeben, Harro, – dann mußt du es halten.«

Und sie entwand sich ihm und schritt hinaus. –

Als Harro am andern Morgen zum Frühstück kam, war das sonnenfreundliche Zimmer leer, und keine Anstalten für Rosmaries Frühstück waren getroffen. Statt dessen lag ein Billett auf dem Tisch, an ihn adressiert:

Lieber Harro, wenn Du dies Blatt findest, bin ich schon bald in Würzburg. Um elf Uhr werde ich in Berlin sein, wo mich Vater abholt. Lisa getraut sich, mich wirklich nach Berlin zu bringen. Wenn ich glücklich dort angelangt bin, telegraphiere ich Dir, sollte ich aber trotz Lisa mich plötzlich wo anders befinden, telegraphiere ich Dir auch. Sei mir nicht böse!

Deine Rosmarie.

Rosmarie hat zum erstenmal ihr Schicksal in ihre eigene Hand genommen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.