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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Fünfzigstes Kapitel: Von Heinz und Gisela.

Nun beginnen die schönen Musikabende in Brauneck. Hans Friedrich war angekommen, und der Steinwayflügel der Fürstin in den Saal geschafft worden. Dort konnte sich sein Klang großartig entfalten, und der Ort war auch am günstigsten für die Rose. Eine herrliche leichte Luft war immer drinnen, die altmodischen Riesenöfen waren mit Holz geheizt, und dazu standen die Fenster offen. Und Rose konnte Musik viel besser ertragen, als man gedacht hatte, und allmählich begann auch Harro, dem gewagten Plan des Fürsten und seines Freundes ein wärmeres Interesse zu schenken. Der Künstler weihte sie in den Aufbau des Werkes ein, er spielte ihnen einige Teile daraus vor, erklärte die Motive, die Art der Ausführungen. Die klingenden Seelen des Heinz von Brauneck und der Gisela schwirrten wieder durch die alte Heimat, durch den Saal, wo einst die kleine Hausorgel des Grafen von Brauneck gestanden hatte. Die Rose vergaß alles über dem Zuhören, sie lebte so lange in einer höheren Welt, aus der sie zuweilen fast schmerzlich wieder zurückkehrte. Harro taktierte häufig seinen Viervierteltakt in die Reden seines Freundes hinein, wenn die Gisela allzusehr die Züge von Rosmaries Dämon annahm.

Einmal sprach er vorsichtig mit dem Herrn Stiftsprediger darüber. Er stand ihm ja immer noch fremd und mißtrauisch gegenüber. Die Rose empfing ihren Lehrer auch nie wieder ohne ihren Mann. Und Harro mußte selbst gestehen, daß der geistliche Herr seine Reservatrechte schonte. Er war nicht für das Ausfragen, er brachte der Gräfin aus seinem wunderbaren Papierblätterwald ein Lied mit, gewöhnlich ein paar Verse nur, von der ersten Zeit der deutschen Dichtung an bis zu den Herren Dehmel und Bierbaum. Das legte er neben die Rose hin in einem sauberen Blättchen als einen köstlichen Fund, und dann sprachen sie darüber.

Er blieb immer sehr kurz, auch wenn es den beiden leid tat. Und wenn ihn Harro hinausbegleitete, sagte er: »Ich darf Ihnen nicht zu viel Zeit nehmen, Herr Graf. Ich freue mich aber jedesmal, wenn ich Ihre Durchlaucht sehen kann.« Von den allerfeinsten Fäden, die zwischen den beiden, dem Lehrer und seiner Schülerin, liefen und wie himmlisches Gold erglänzten, konnte Harro nichts wissen und doch fühlte er sich leicht vor der Türe zwischen ihnen. Das hinderte ihn, sein Herz dem geistlichen Herrn so zu erschließen, wie es ihn doch oft verlangte. Seine Herrennatur widerstrebte. Aber um die Gisela von Brauneck im siebzehnten Jahrhundert konnte er ihn wohl fragen.

Zunächst versicherte ihm die Rose, daß ihr Lehrer nichts wissen könnte von dem, was in ihrem zweiten Leben eine so große Rolle spielte. So saß denn Harro wieder bei den vielen Büchern, nachdem er sich der jubelnden kleinen Erika entwunden hatte.

»Wir interessieren uns für eine Gräfin Gisela von Brauneck, die eine Thorstein war, und von deren Anteil an dem Chorwerk Sie schon gehört haben. Herr Rat hat nur sehr dürftige Notizen. Wohltätig und gütig gegen die Armen, es gibt Stiftungen auf ihren Namen, oder den ihres Mannes. Wissen Sie vielleicht etwas Näheres?«

»Ihre Leichenrede habe ich. Sie wissen, daß sie mit ihrem Gemahl zusammen begraben wurde. Er ist verunglückt, sie starb ihm nach.«

»Ach, darum,« rief Harro, »sie wurden überrascht, darum der Zustand des Chorwerks. Sie waren plötzlich davon gegangen, und mit ihrem Nachlaß wußte kein Mensch irgend etwas anzufangen. So ist sie denn auch verunglückt, daß sie starb?«

»Nein, sie hatte ein schweres und der damaligen ärztlichen Kunst rätselhaftes Leiden.«

»Himmel,« seufzte Harro, »muß das ein Glückspilz gewesen sein, dieser Braunecker Heinz! Macht die allerschönste Musik, hat die liebevollste Frau, die ihm dient und ihn ganz versteht, und wie die grauen Tage kommen, streckt er sich aus und siedelt in sein himmlisches Musikland über. Wer starb denn zuerst?«

»Er ging ihr voran. Es ist nicht sicher, um wieviel. Am selben Tage noch folgte sie ihm.«

»Sehen Sie, Herr Stiftsprediger, den Glücksmenschen! Das Licht aus den Augen mußte er nicht schwinden sehen. Und, Herr Stiftsprediger, wenn diese unmögliche Geschichte hier wirklich wahr werden soll, dann werden Sie den Mann jubeln hören: Jauchzet dem Herrn alle Welt, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! So beginnt er. Aber ich will nichts vorweg nehmen. Er nahm ja alles vorweg, dieser Heinz, überließ die Mühe seiner Frau und die Arbeit meinem Freunde Hans Friedrich und schwelgte nur in dem künstlerischen Hochgenuß der Konzeption, schmierte seinen roten Bleistift hinein und überließ das andere mit einer großartig herablassenden Gebärde – ich sehe ihn vor mir, den Mann, Herr Stiftsprediger – seiner Frau und meinem Hans Friedrich.« Herr Stiftsprediger zuckte lächelnd die Achseln: »Die Götterlieblinge, Herr Graf. Er soll sogar nicht gestorben sein!«

Harro schaute auf. »Herr Stiftsprediger,« rief er. »Erzählen Sie, ich lasse nicht los, ich schlage Wurzel hier. Erzählen Sie mir das Märchen. Ich will es meiner Rose mitbringen.«

Der Herr Stiftsprediger tauchte in seine Papierabgründe und kam wieder mit einem ehrwürdigen Oktavblatt. »Das Märchen stammt sogar aus einer gedruckten Leichenrede, dem Teil, den man den Lebenslauf nennt. Von meinem Kollegen von dazumal.« Er las: »Ihr wisset alle, und ist keiner unter euch, die ihr mit tränenden Augen dasitzt, der es nicht schon gehört hätte, daß dieser hochselig Entschlafenen die Segensgabe verliehen sei, daß dieselben Seelen, welche in ihren Armen sich auf die himmlische Wanderschaft begaben, ein leichtes und seliges Ende hatten, wie ich als einer, den sein Amt an viele Sterbebetten führt, oftmals mit eigenen Augen zu sehen gewürdiget wurde. Es gilt von ihnen das Wort: Der Tod ist ein Schlaf worden. Da nun die Gräfin sähe, daß es mit dem seligen Grafen, unserm geliebten Jungherren, zu Ende gehe, und er sein junges Leben im Dienste eurer Kindlein werde verlieren müssen, erhob sie sich, die zuvor keine Kraft mehr gehabt hatte, und nahm euern geliebten Herrn in ihre Arme und neigte sich über ihn. Also daß ihr Schatten ihn ganz bedeckte, und verdeckte ihn mit ihren Haaren. Und erhob das Antlitz wieder und legte ihn hin. Da war seine Seele von seinem Leibe geschieden, wie wir in dem Lied gesungen haben:

Im Augenblick wird sie erheben sich
Bis an das Firmament,
Wenn sie verläßt so sanft, so wunderlich
Die Stätt' der Element'.«

Der Herr Stiftsprediger ließ das Blatt sinken. Harro war aufgesprungen. Er war totenblaß und seine Augen flammten.

»Der Schleier der Gisela,« rief er. »Herr Stiftsprediger, Sie wissen nicht, was Sie gefügt haben ... kommen Sie mit mir! Ihre Stube ist zu klein für mich, es erdrückt mich, oh, kommen Sie doch mit mir! Ich habe es immer gewußt, daß Sie der richtige Geheimnisträger sind. Ich war eifersüchtig, mißtrauisch, rüpelhaft. Ich bitte um Verzeihung... O Gott, haben Sie für jeden, der zu Ihnen kommt, solche Tröste vorrätig! Ich komme zu Ihnen und will etwas erfahren und rede keinen Ton davon, was ich eigentlich will, und es ist, als ob Sie wüßten, was für Höllenhunde mich jagen, was für Riesenweiber der Angst und Verzweiflung. Und Sie bücken sich in Ihren Kram und holen das einzige zwischen Himmel und Erde heraus, was mich trösten kann.«

Die stillen Augen des Herrn Stiftspredigers strahlten. »Herr Graf, wir alle leiden mit Ihnen, und ich habe Ihnen ja nicht ganz, ohne an Sie und Ihr Kreuz zu denken, den alten Tröster hervorgeholt, aber daß Sie es sich so anzueignen vermögen, das habe ich nicht hoffen können.«

»Kommen Sie mit mir,« flehte Harro, »ich brauche einen Himmel über mir, die Wände drücken mich.«

Die beiden Herren gingen die Straße hinunter zum Park. Harro stürmte voraus, daß der Stiftsprediger seinen langen Schritten kaum folgen konnte. Unter den alten hohen Kastanien, wo sich der Blick in das Tal mit seinem Silberfluß öffnete, blieb Harro stehen und lehnte sich an einen der dicken Stämme. Er hatte sich wieder gefaßt und streckte dem andern seine Hand hin.

»Sehen Sie, das ist der Ring des Heinz von Brauneck. Mein eigentlicher Verlobungsring. Ich trage ihn nun schon zwölf Jahre. Sie staunen, nicht wahr, daß ich so lange schon verlobt bin. Da war die Prinzessin elf Jahre. Der Fürst gab mir den Ring zum Dank für die sogenannte Rettung seiner Tochter. Er wählte ihn, weil mein eigenes Wappen darauf ist. Hier, den Spruch hätte sich keiner von uns herausgesucht. Lesen Sie: Gottes Will hat kein Warumb. Die Prinzessin, gab ihn mir feierlich und sagte: ›Er gehört dem Schönsten.‹ Niemand verstand sie damals. Herr Stiftsprediger, es gibt sehr wunderliche Dinge. Sie kennt ihn, so lange sie denken kann, den Glücksmenschen, der zur rechten Zeit zu sterben verstand. Sie kennt auch die Frau mit dem Charisma.«

Der Geistliche sah ihn verwundert an. »Sehen Sie,« fuhr Harro fort, »Sie verwundern sich, ich hoffe sehr, innigst hoffe ich, daß Sie mit einer Erklärung bereit sind. Es paßt in keine mir bekannte Weltanschauung hinein, dieses noch einmal auf Erdenweilen von Seelen. Nicht von Gespenstern.« »Meine Weltanschauung, an der ich schon lange zimmere,« antwortete der Stiftsprediger, »steht zwar in ihren Grundzügen fest, die ändert nichts mehr. Sie hat aber Fenster und Türen, wo noch allerhand herein kann. Ich lasse mich überraschen und werde mich überraschen lassen. Ich hoffe noch auf Überraschungen.... Ich denke mir übrigens, daß Sie gerne noch mehr von dieser Gräfin Gisela wissen möchten. Ich weiß noch einiges, wollte Ihnen aber zuerst mit diesem schönen Bilde kommen, ehe Sie das andere sehen.«

»Ein Geheimnisträger sind Sie, Herr Stiftsprediger, gehen neben mir her, wissen die Dinge, die mich schon aufs tiefste angegriffen haben... Die Rose hat recht. Ach, warum bin ich ein so blinder Maulwurf. Neulich ritt sie auf einem müden Schimmel an der Klinge an uns vorbei, während ich einen Ebereschenzweig herunterholte. Was gäb ich um einen Blick. Aber ich bin ein Maulwurf. Ich sehe nichts. Mein Gaul ist klüger, der wurde unruhig, was er sonst nie tut, wenn ich ihm sage: steh still. Ein Pferd sieht mehr wie ich.«

»Schmähen Sie Ihre Augen nicht, Herr Graf. Sie sehen tausendmal mehr als wir alle. Und nun werde ich Ihnen sagen, was ich sonst noch weiß. Ein Beichtgeheimnis. Es findet sich bei mir ein alter Kasten mit einer Schublade, worauf steht: Geheim. Nur für den Nachfolger im Amt ist sein Inhalt bestimmt. Es liegt mancher alte Jammer darin, Herr Graf, den man besser nicht aufrührt. Ich habe eine Leidenschaft für alte Papiere und habe mir manchmal das Herz daran verbrannt. Diese Gisela von Thorstein! Sie ist Ihre und Ihrer Durchlaucht Ahnfrau, weshalb ich um Entschuldigung bitte, wenn ich da...!«

»Reden Sie weiter, Herr Stiftsprediger.«

»Diese Gräfin soll eine Hexe gewesen sein, und so stark ruhte der Verdacht auf ihr, daß sie trotz ihres hohen Standes hier Monate lang im roten Turm in Untersuchungshaft war. Was das bedeutet, wissen Sie vielleicht. Die Akten sind vernichtet worden, wie natürlich; es existieren nur Aufzeichnungen daraus von der Hand meines damaligen Kollegen, eben des Leichenredners. Die schändlichsten Dinge wurden ihr vorgeworfen, der rote Turm wird manchen unruhigen Schritt von ihr gehört haben. Dann wieder manches, was uns nur lieblich und sogar poetisch anmutet. Sie tanzt allein im Mondschein unter der Linde und singt dazu in zwei Stimmen. Ihre Schönheit wird ihr vorgeworfen, der Zauber, den sie an sich hat, und der so groß gewesen sei, daß sie nicht nur die Menschen, sondern auch die unvernünftige Kreatur bezwungen habe. Zu einem Prozeß scheint es aber nicht gekommen zu sein. Eines der vielen Rätsel, die diese Geschichte aufgibt.«

»Sie sah aus wie meine Frau, nur noch schöner sei sie gewesen, alle Farben stärker, dunkler das Haar, die Augen auch wohl nicht ganz so groß. Nun, sie hat sich aus diesem Turme wieder herausgezaubert, dies wundert mich gar nicht. Wer brächte es fertig, außer vielleicht in schlimmen Worten, meiner Frau so etwas anzutun. Gäbe es einen Kerkermeister, der ihr nicht bei Nacht über den Zaun hülfe, wenn sie ihn so recht herzbeweglich ansähe!«

»Mich wundert es aber, Herr Graf, mich wundert es sehr; wenn dieser Unglückskarren einmal angestoßen war, rollte er erbarmungslos über Schönheit und Jugend und Lieblichkeit hinweg.«

»Und der Herr Kollege, der die schöne Leichenrede hielt, wofür hat der sie gehalten?«

»Für eine Heilige. Er nennt sie so. So ganz leicht ist sie nicht aus dem Turm gekommen, der Kollege hat sehr sorgfältig durch eine lange Amtszeit jede Kommunion, auch Privatkommunion vermerkt. Er gab sie ihr in ihrer schweren Krankheit in Schloß Schweigen, dabei nennt er sie: unsere liebe Heilige. Nun, sie kann wohl krank geworden sein infolge des langen Schreckens. Es ist ja nicht anders möglich. Denn wenn sie wirklich in ihrem roten Turm einige Stockwerke tiefer hinuntergekommen wäre, so wäre sie dadurch unehrlich geworden. Eine Ehe nachher mit dem Grafen wäre ganz ausgeschlossen gewesen. Und doch...«

Harro rief: »Meine Frau sagt, sie habe tiefe, breite Narben an ihren Armen. Hier das Zeichen.... Meine Frau, ihr Vater, sie haben beide an dem Handgelenk rote Streifen. Ein Muttermal. Bei meiner Frau ist es so stark, es ist besonders stark jetzt, weil sie leicht die Farbe wechselt.«

Der Stiftsprediger sagte: »Es wundert mich nicht, obgleich das Rätsel bestehen bleibt. Denn man erfährt von jener Kommunion an nichts mehr von der Heiligen und von der Hexe bis zu ihrem Einzug in Brauneck als Grafenbraut unter Glockengeläute und unter allgemeinem Jubel. Der Jubel ist so groß, daß es heißt, die Stadt konnte die Menge nicht fassen, die herbeigeströmt war, und wer nur ein Läublein erhaschen konnte, mit dem der Weg bestreut war, der schätzte sich glücklich. Dies habe ich aus einem Memorandum, das der Herr Rat besitzt. Von einem damaligen gräflichen Schreiben. Die Braut wird beschrieben in einem grünen Reitkleid von venetianischem Samt, mit aufgelöstem Goldhaar, das ihr bis zu den Knien gereicht habe, und einem Rosenkranz, reitend auf einem Schimmel mit goldbordierter Schabrake. Der Anzug des Bräutigams, der einen roten Rosenkranz trug, beansprucht eine Seite in dem Memorandum, so viel schöne Dinge hatte er an sich. Sagen wir, er habe sie gerade im letzten Augenblick aus ihrem Turme heraufgeholt, so irren wir gewiß nicht.«

»Ich warte schon lange auf den Glücksmenschen.«

»Nehmen wir es an, Herr Graf. Aber das Rätsel wird nicht geringer dadurch. Der Abgrund von dem einen zum andern Bild, dem Karren mit der gefesselten Hexe darauf, auf den die Braunecker jedenfalls gewartet haben, bis zu dem Schimmel mit der goldenen Schabrake macht es noch lange nicht deutlich genug, welch ein Abgrund zwischen den beiden Möglichkeiten klafft. Ich glaube nicht, daß Sie mir ganz folgen können, Herr Graf, außer wenn Ihnen die Geschichte jener Zeit auch in ihren Details geläufig wäre.«

»Sie haben ganz recht, nicht allzuviel Kenntnisse bei mir zu vermuten; ich hielt es sogar für recht einfach.«

»Herr Graf, der Schwiegervater, der die Tochter zuerst drei Monate einsperrt, dem Gerede der Leute aussetzt, einen Prozeß zuläßt und dann die Hexe ohne jeden ersichtlichen Grund als Tochter mit Ehren empfängt? Reinigen konnte man sich nicht einmal, wenn man die Folter ganz überstanden hatte, und wäre das über sie gekommen, so säße sie auf keinem Schimmel mehr.«

»Hören Sie auf mit diesen fürchterlichen Dingen, Herr Stiftsprediger. Meine Frau darf das nie erfahren, niemals.«

»Wie hat sie sich nun aus dem Geschlinge herausgearbeitet? Davon erfahren wir nichts. Wie hat sie es gemacht, daß dieselben Leute, die sie vorher zu steinigen versuchten, nachher sich um die Läublein rissen, über die die Hufe ihres Schimmels geschritten waren! Sie können sich die Macht der alten Herren hier als noch so groß vorstellen, – sie war es auch gerade in jener Zeit zum Bösen und zum Guten; der alte Graf war ein gewaltiger Herr – aber diesen Jubel befehlen, überhaupt diesen Glanz, der auf jenem Feste liegt und noch deutlich in dem Memorandum zu fühlen ist, das ließ sich nicht befehlen. Unmöglich, ganz unmöglich. Aber wir erfahren nicht das mindeste darüber, das Venetianerkleid wissen wir, das andere nicht, der Prozeß wird niedergeschlagen, oder vielmehr er steht plötzlich still wie ein abgelaufenes Uhrwerk, verschiedene Eingaben um Gutachten an die Universitäten, die mein Kollege ausgearbeitet, werden nicht abgesandt, und jedermann, der das Fest mitmachte, scheint es gewußt zu haben, was geschehen ist. Denn in der Leichenrede wagt mein Vorgänger sogar auf die Sache anzuspielen. Er spricht von dem harten Joch, das sie, wie männiglich bekannt, in ihrer Jugend getragen. Dies ist das größte Rätsel. Es gibt aber noch eines. Man hört nun nichts mehr von ihr, als daß sie zum Abendmahl geht. Ich denke, sie wird das Leben einer vornehmen Dame jener Zeit geführt haben. Die Rede rühmt sie als barmherzig und wohltätig und an anderer Stelle noch einmal, daß sie an vielen Sterbebetten stand. Die Braunecker konnten wohl gar nicht mehr ohne sie sterben. Ich kann mir das so gut denken. Nie oft habe ich gedacht, wenn ich einen schweren Gang ging: wenn ich jetzt diese Gräfin Gisela mitnehmen könnte wie mein Vorgänger! Was mag er an ihr gehabt haben. Und nun kommt das zweite Rätsel. Ganz ohne jede Erklärung findet sich in dem dreimal versiegelten und verschnürten Päckchen, das ihren Namen trägt und das erst ich in meiner Leidenschaft nach alten documents humains geöffnet habe – und mir dafür zur Strafe das Herz verbrannt, – es findet sich da ein Brief der Gräfin Gisela an meinen Vorgänger. ›An ihren in Ehrfurcht geliebten, ihren innig geliebten, ihren treuesten Vaters!‹ So redet sie ihn an. Der Brief, ich will ihn nicht zeigen, es ist noch schrecklicher, wenn man auf dies alte Papier mit seinen vielen Tränenspuren, seiner auf und ab gleitenden Handschrift Obacht gibt, der Rand ist ein wenig verbrannt.«

»Herr Stiftsprediger, sie war wahnsinnig. Ich kenne auch die Handschrift, und in diesem Zustande kenne ich sie auch.«

»Ich glaube es nicht, Herr Graf. Der Brief trägt das Datum von vierzehn Tagen vor ihrem Tode. Ich will Ihnen den Inhalt abschwächen. Sie ist krank schon lange. Sie nennt ihre Krankheit: ein Hexenleiden. Sie wußte wohl besser, was sie damit sagte, als wir. Sie beschreibt es auch genau, doch das will ich Ihnen erlassen. Und nun fleht sie ihren geliebtesten, treuesten Vater an, er möchte sie noch einmal anhören. Als er bei ihr gewesen, habe sie vor Weinen nicht sagen können, was sie gewollt. Sie erinnert ihn, daß sie auf den Knien vor ihm gelegen auf dem Lindenstamm, daß sie die Steinplatten mit ihren Tränen benetzt habe, daß sie den hölzernen Stuhl, worauf er saß, geküßt habe, weil er ja ihre Hand nie wieder berühren wolle. Sie erkennt ihr Leiden an als Strafe ihrer Sünde. Ihrer großen Sünde, für die sie den Tod erleiden wird, einen Hexentod. Sie unterwirft sich unter das Gericht Gottes, das über ihr ist. Sie fleht ihn an, er möge ihr doch nicht länger den gesegneten Kelch des Herrn Jesu verweigern. Sie macht ihn auf die Folgen aufmerksam, wenn er dabei beharren werde. Sie wird nicht einmal neben den Ihrigen ruhen können, und ein Grab an der Kirchhofsmauer wird ihr werden, ihr ganzes Leben wird zu einem Hohn und verstößt viel treue Herzen, weckt den alten Zorn wieder auf und macht alles zunichte, was sie erstrebt hat.«

»Himmel, Herr Stiftsprediger, wo ist der Glücksmensch, warum leidet er das? Warum wirft er nicht dem Mann seinen alten rostigen Kirchenschlüssel an den Kopf! Läßt seine Frau auf den Knien liegen vor einem... einem...«

»Sie suchen nach Worten: vor diesem alten Mann! Er war schon an siebenzig, aber er hat ihr den Wunsch nicht erfüllt. Ich habe die Listen seiner Kommunionen durchgesehen, die Gräfin kommt nicht mehr vor. Vierzehn Tage später starb sie. Dann hält er ihr doch die schöne Rede und begräbt sie mit ihrem Manne. Vielleicht ist sie auf diesen Brief hin wahnsinnig geworden. Krank war sie schon, und es muß ihr gewesen sein, als schließe man die Himmelstür vor ihr zu. Sehr seltsam ist mir noch die Art, wie er über ihr Sterben berichtet. Es war damals Sitte, daß man das sehr ausführlich tat, jedes Wort war ihnen wichtig, wir können uns gar nicht mehr so hineindenken, es schien ihnen in jedem Wort eine Andeutung der letzten Entscheidung zu liegen. Gegen Abend starb die Gräfin, sagt er. Er sagt nicht einmal, sie entschlief. Mit harten, eisigen, dürren Worten: Sie starb gegen Abend.«

»Immer rätsele ich an diesem Glücksmenschen. Er komponierte seine Jubelpsalmen, während seine Frau neben ihm vergeht ...! Nun, darüber will ich nicht urteilen ... ich male ja auch noch. Aber daß er diesen alten, harten Mann eine solche Macht gewinnen ließ, daß der diese Seele so ungestraft mißhandeln durfte.«

»Die Gräfin schließt ihren Brief damit, daß sie ihn, auch wenn er gegen sie entscheidet, nie aufhören werde, zu lieben und ihm zu danken und sie verbleibt seine treue, dankbare Tochter Gisela. Es muß also nicht nur Härte von dem Mann gewesen sein. Vielleicht hat er getrauert um seine arme Heilige ... die ihm irgendwie wieder zur Hexe geworden sein muß. Sie spricht doch davon, daß er ihre Hand nicht mehr berühren wolle. Eine Hexe berührte man nicht, man gab ihr sonst Gewalt über sich.«

»Dies kann ich nun sehr gut begreifen und brauche gar keine Zauberkünste dazu. Natürlich wagte er es nicht, diese Hände zu berühren, diese beseelten Hände, weil er sonst sofort weich geworden wäre und hätte tun müssen, was sie gewollt. Durfte er ihr denn eigentlich das verweigern, Herr Stiftsprediger?«

»Die Vergebung einer gebeichteten Sünde? Darüber habe ich mich auch gewundert. Sie hat ihm natürlich freiwillig und als ihrem geliebten Vater gebeichtet, sie war ja gar nicht genötigt dazu. Und sie ist bußfertig, erkennt das Leiden als Strafe ihrer Sünden an ... ja, sie verlangt sogar, sie sehnt sich nach Gottes Gericht.«

»Dann meine ich,« rief Harro, »wozu den Kirchenschlüssel? Das Grab, ach ja ... Waren das harte Menschen.«

»Ein Rätsel steckt darin, Herr Graf ... Dies ist nun alles, was ich weiß ... Den Brief zu lesen, rate ich Ihnen nicht. Ich habe ihn wieder versiegelt. Die nächsten paar Jahrhunderte mag er wieder ruhen. Und nun entlassen Sie mich. Ich sehe Ihre Durchlaucht morgen.«

Harro stieg in tiefen Gedanken hinauf und suchte zuerst seinen Freund auf.

»Hans, dein Freund, der alte Braunecker entpuppt sich als ein seltsamer Mensch.«

Hans Friedrich sah auf. »Harro, er wird nicht umsonst der Herrgottsnarr geheißen haben!«

Harro rief: »Er war auch ein Herrgottsnarr! Überläßt seine Frau den Pfaffen, daß die... es würgt mich ordentlich. Ich rate dir, Hänschen, laß nie einen Pfarrer in deinen Garten sehen, wenn du einmal verheiratet bist. Auch den allerbesten halte in einiger Entfernung. Sie bekommen gleich eine Macht... unheimlich...«

»Nun, Harro, du kannst nicht klagen. Dein Herr Stiftsprediger mit seinen schönen Liedern, seinen kurzen Besuchen.«

»Er ist ein weißer Rabe, Hänschen, und seinesgleichen gibt es nicht noch einmal. Im allgemeinen wird mein Spruch doch zu Recht bestehen. Es hat mich erschüttert. Er hat mir eine alte schauerliche Geschichte erzählt. Und die nicht wie eine andere ist, sondern die das Unheimliche an sich hat, daß sie nicht nur Menschen meines Blutes betroffen hat, sondern daß ich mir diese Menschen so genau vorstellen kann. Ich kenne sie ja und weiß, wie sie da vor dem harten Mann auf dem Lindenstamm auf ihren Knien liegt und die Steinplatten mit ihren Tränen benetzt. Gott, wie ist sie nur auf ihre armen Knie gekommen und allein wieder auf, denn der alte Mann berührt sie doch nicht, weil die Hände einem den Willen abschmeicheln können.«

»Ich glaube, der Herrgottsnarr wird sie aufgehoben und getröstet haben,« sagte Hans Friedrich, »und gesagt: Laß den alten Kirchenschlüssel, du findest die Himmelstür allein!«

»Hans, wie kommst du auf den Kirchenschlüssel?«

»Es steht auf einem der Blätter hinten mit seinem roten Stift geschrieben.«

»Dann sehe ich auch bereits schon Geister oder vielmehr höre sie, – und nun werde ich das Bild doch noch malen!«

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