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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Achtundvierzigstes Kapitel: Nach Brauneck.

Als er sich langsam erhob und der gestrige Tag vor seiner Seele vorüberzog, da hätte er hinter sich greifen mögen. Ob nicht noch ein Zipfel des heiligen Schleiers hängen geblieben sei, daß er sich wieder darunter verbergen könnte. Er saß noch da, als seine Tante mit einem kleinen Tablett in der Hand hereinkam und es neben ihn hinstellte.

»Aber Tante Ulrike!« Er errötete fast. Er war so wenig Pflege gewöhnt, hatte sie ja auch nie nötig gehabt. »Du bemühst dich.«

»Da trink,« befahl die Gräfin, und nun klopfte es artig an der Türe.

Der kleine Heinz war draußen, und das war sein neuestes Kunststück. Es wurde zwar noch mit der ganzen Faust ausgeführt, aber war doch sonst recht manierlich.

»Darf er herein, Harro?«

»O bitte, laß ihn.«

Heinz marschierte herein mit seinem kurzen, schon stark mitgenommenen grauleinenen Röckchen, den kurzen Strümpfen an seinen strammen sonnenbraunen Beinchen, mit Sandalen von Herrn Wurmhaber an den Füßen: eine winzige Auflage Harros. Seine blauen Augen, er hatte die blauesten der Familie, öffneten sich weit über dem merkwürdigen, unerhörten Anblick, seinen Alo im Bett und von der Tante gefüttert zu finden. Das macht man bei Mama so, aber doch nicht bei Alo.

»Alo, arme Alo ...« fragt er zärtlich, mitleidig, »hat weh! Arme Alo...«

In Harros Hand klirrte die Tasse. Die alte Dame mußte sie ihm abnehmen, und nun sah Heinz etwas weiteres Unfaßliches, Schreckliches, Herzbedrängendes: sein Alo weinte... große Tränen liefen über sein geliebtes Gesicht, und nun schluchzte und weinte er und warf sich in die Kissen. Heinz kroch auf das Bett, es war nicht hoch, und er brachte sich mit großer Schnelligkeit bäuchlings hinauf und umarmte seinen Vater und rief kläglich:

»Arme Alo, tut Alo weh, tut Alo weh.«

Die alte Dame setzte sich auf das harte Lager neben die beiden und sagte:

»So, Heinz, tröste den Vater...«

»Arme Alo. Du Igel holen...« er nannte sich selbst »Du« und hatte nach dem allerwirksamsten Trost gesucht. Und Alo hob wirklich den Kopf und sagte, während ihm die Tränen immer noch in den Bart rollten: »Bleib bei mir, Heinz. Nein, ich brauch den Igel nicht, ich will den Heinz, den lieben Heinz. Komm, tröste mich.«

Und Heinz trocknete ihm mit seinem tagemüden Leinenröckchen, auf dem allerhand Spuren seiner heutigen Abenteuer waren, die Wangen und streichelte ihn zärtlich und rief ihm von Zeit zu Zeit das Kose- und Trostwort »Igel« zu und entdeckte dann etwas noch viel Besseres. Ein Stück Zucker auf dem Tablett, das erkannte er blitzschnell und schob es seinem Vater mit Gewalt in den Mund und dazu lachte er auf, denn nun mußte Alo getröstet sein. Er weinte auch nicht mehr, er hielt sein Kind in den starken Armen und schluckte an dem Zuckerstück, so gut er konnte.

Dann hob er seinen Kopf. »Wie geht's Tante?«

»Oh, deiner Rose geht es soweit, sie ist so glücklich über deinen Schlaf. Sie ängstigt sich nur ein wenig um ihren Vater, der auch heut nicht dagewesen ist.«

Harro setzte den kleinen Heinz auf den Boden. »Liebe, bitte, geh jetzt hinüber, ich komme gleich... Heinz, du kannst zusehen, wie ich mich wasche... weil du so lieb gewesen bist.« Ulrike beugte sich über ihr blasses Kind. »Dein Sorgenstein drüben, dein Thorsteiner Trotzkopf, er hat heute ganz andere Augen...«

Dann kommen sie beide, Vater und Sohn, um die Mama zu begrüßen. Der kleine Thorsteiner, um gute Nacht, und der große, um guten Morgen zu sagen.

Das Kind ist zu Bett gebracht und die beiden Gatten sind allein.

»Geh du hinüber, Harro, und sieh nach dem Vater. Er war heute nicht da. Ich sorge mich um ihn. Wie lang bist du nicht mehr geritten. Es wird dir so gut tun.«

»Ja, wenn ich mich austobe, dann fürchte ich immer, der Gaul muß es entgelten. Ich strapaziere mich da lieber selbst. Und ich reite hinüber, Rose, darf ich dich noch sehen, wenn ich komme?«

»Ja, immer, Lieber! Oh, ich war so froh, daß du schliefest. Ich schlief auch. Ich schickte dir Sie, ich schickte dir Ihren Schleier.«

»Oh, es war so köstlich darunter.«

»Du gehst unter dem Kreuz, Geliebter, du Geliebter... Geh nur. Es tut dem Vater wohl.« – – –

Der Thorsteiner fand seinen Schwiegervater unter dem Bild des Seelchens und über seine Briefschaften gebeugt. Er war so überrascht, wie Harro sporenklirrend hereinkam, daß er ihn einen Augenblick wie eine Erscheinung anschaute. Dann sprang er auf.

»Die Rose läßt dich grüßen, Vater.« Er beugte sich herab und küßte ihn auf die Wange. Das hatte er fast noch nie getan. Dann setzte er sich neben ihn hin. »Die Rose hat Heimweh nach dir, Vater... Ich hätte schon früher nach dir gesehen, aber gestern – es war ein harter Tag für uns, und heute hab ich einen langen Schlaf getan. Auf ihren Befehl hin, Vater.«

Der Fürst stützte seine Ellbogen auf den Schreibtisch auf und barg sein Gesicht... in den Händen.

Harro saß neben ihm und schaute auf zu dem feinen, geheimnisvoll lächelnden Seelchen, seinem ersten Kunstwerk. An dem noch hellen Himmel hing ein roter Vollmond, und die Sommerstube begann sich mit feinem Lichte zu füllen, die Fenster standen weit offen, und unten im Tal, wo der Fluß über das Wehr rauschte, klang Mädchengesang herauf: »Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf ein Grab, da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab...« Die dünnen Stimmen zogen etwas zitternd herauf und schienen sich an der Decke der Sommerstube zu verlieren.

Der Fürst wandte sich. »Harro, ich hab noch nicht den Mut gehabt... ich hab eine fürchterliche Stunde mit diesen Herren zugebracht, als sie wieder kamen. Ich hatte ja vorher nicht viel Hoffnung, aber man klammert sich immer an etwas an.«

Harro nickte. »Ja, Vater, man hofft eben, bis auch die Hoffnung sich ausgelebt hat... Sie können freilich, wie es scheint, für die Rose nichts oder nur wenig tun. Du weißt nicht, wie glühend ich dich beneide, daß du ihr immer nur wohl getan hast... Wie ich gesündigt habe. Sie hat immer mit mir zu tun, die Rose, Vater.«

Der Fürst rief: »Davon will ich nichts hören, Harro. Du bist jünger als ich, du bist... Harro, denk, was ich erlebt habe: ich habe eine geliebte Frau begraben, und sie nahm mir meine Söhne mit. Es ging alles im Sturm. Sie war bewußtlos in den zwei letzten Tagen, mit keinem Wort, mit keinem Blick haben wir Abschied genommen. Das ist nun zweiundzwanzig Jahre her. Daß man es auch verwindet, man sollte es nicht glauben. Da geht ein Tag um den andern hin, und sie stehlen einem zuletzt auch seinen Schmerz, die Tage. Und man beginnt ein neues Leben. Meine kleine Rosmarie... Dein schönes Bild... ich kann dir ja nie genug dafür danken, nie genug. Und ganz ahnungslos bat ich dich, mehr um dir eine Freude zu machen. Sie sah oft so blaß aus, die Kleine, und wenn es gut wird, das Porträt, dachte ich, so wird es angreifend. Und durch das wunderschöne Bild hab ich eigentlich meine kleine Rosmarie nie verloren. Da sitzt sie mit ihren feinen Händchen und ihrem feinen Lächeln. Sieh, nun fällt der Mond darauf, was es dann für ein Leben bekommt. Und die Lindenprinzessin. Ich meine, sie haben das Bild nun genug in der Welt draußen angesehen und wir wollen es hier haben, den Platz macht ihm ja niemand streitig. Oder nein, es eilt nicht. Es tut noch zu weh. In ihrer holden Jugend und Kraft und Schönheit.« »Sie ist noch schöner jetzt, Vater. Sie war nie so schön. Ihre Seele strahlt aus ihr heraus. Ich male dir noch einmal ein Bild, lieber Vater. Freilich, du mußt es mich auf meine Weise malen lassen, und ich weiß dann nicht, ob es dir recht sein wird.«

»Das sagst du jedesmal, Harro, erinnerst du dich nicht mehr? Von dem Seelchen hast du's sicher gesagt... und du mußt es noch einmal gesagt haben... oder nicht? woher kommt mir die Erinnerung?«

Harro erwiderte: »Daß die Lindenprinzessin dich freuen würde, das wußte ich immer.«

»Ach, es war das Bild der Fürstin, von dem du es sagtest. Ach Harro, das ist auch eine Sorge. Du mußt es Rosmarie sagen, daß sie ihr nicht mehr schreiben soll... Alfred bittet darum.«

»Rosmarie hat ihr geschrieben?« staunte Harro. »Ja, Rosmarie kann doch nur mit der größten Mühsal schreiben, ich wußte es gar nicht!«

»Eben darum, Alfred weiß das wohl. Er schreibt: Charlotte stürzte sich auf den Brief und zerriß ihn ungelesen in kleine Stücke und verbrannte ihn vor seinen Augen. Cousine Rosmarie soll sich doch die Mühe nicht mehr machen. – Alfred hat bereits die dritte Garnitur Pflegerinnen. Rührend, wie er sich für seine Schwester aufopfert. Übrigens muß ich fast fürchten, daß es seiner zarten Gesundheit zu angreifend wird. Hier. Das ist ein Brief des Schweizer Arztes. Ein ursprünglicher, Harro.«

Harro las und sagte rasch: »Vater, Alfred muß abgelöst werden, so von Stahl und Eisen ist er nicht. Ich fand es überhaupt eine sonderbare Idee von ihm. Ich nehme ihn mit tausend Freuden wieder zu mir. Und daß er sich so aufopfert, wer hätte es gedacht. Allen Respekt vor ihm. Nein, ich habe ihn zu gering eingeschätzt. Ich werde ihm schreiben, heute noch. Ja, tun die Eltern denn gar nichts? Wozu hat man denn Eltern?«

»Doch, sie taten für ihre Verhältnisse ungeheuer viel. Fabelhaft viel, wie mir gesagt wird. Sie reisten hin und blieben drei Tage dort. Meine Schwiegermutter war von den drei Tagen so dahin, daß sie eine Kur in Pontresina brauchen mußte, und mein Schwiegervater soll nur durch seinen jüngsten Sohn abgehalten worden sein, zu den allerursprünglichsten Erziehungsmitteln zu greifen.«

»Also erledigt,« sagte Harro, »die Elternpflicht in drei Tagen erledigt.«

»Du mußt nicht ungerecht sein, Harro ... und darfst ja ums Himmels willen nicht an unsere Rose denken. Es ist mir doch sehr seltsam, wie es sie mit einem Tag überfallen hat, fast zugleich mit Rosmarie. Und was tun wir? Rate mir, Harro. Du weißt, daß mir deine Rose einen Besuch versprochen hat. Mein ganzes Herz hängt daran.«

Harro beugte seinen Kopf. Nein, er durfte dem Mann, dem er so viel verdankte, das nicht abschlagen. Vorderhand war es ja unmöglich.

»Nun, Harro, wie geht das, wenn Mama da ist und deine Rose...«

»Es geht nicht, Vater, daran ist gar nicht zu denken. Du siehst ja, wie sie die Rose behandelt. Zerreißt und verbrennt die Briefe, die sie ihr mit jeder Mühsal geschrieben hat.«

»Und die Fürstin allein dort lassen, ohne Alfred, das ist unmöglich.«

»Nun, der Arzt rät dir doch eine Nervenheilanstalt. Er sagt zwar, eine geistige Störung sei nicht vorhanden. Aber der Zustand, den Alfred andeutet und der Doktor da beschreibt, der ist doch unmöglich... Vater, laß den Herrn Hofrat einen Ort für sie aussuchen, wo man sie übernimmt. Du...« er stockte plötzlich.

»Nun, du meinst es ja gewiß gut mit mir, aber sieh... Nein... frag die Rose, Harro ... was sie meint.«

»Armer Vater, da hast du am Ende eine kurze Vakanz gehabt.«

»Es war schon etwas, und ich sehe nicht ein, warum ich dir nicht gestehen soll, daß es eine ungemeine Wohltat war. Aber sag es doch deiner Rose. Ich komme morgen, Harro, bitte, geh jetzt. Sie wartet auf dich. Sie wartet immer auf dich. Du...«

Er stand auf. Das grellste weiße Mondlicht fiel auf den langen Thorsteiner, wie er in der Sommerstube neben dem Schreibtisch stand. Silbern glänzte sein Haar, und seine mächtige Gestalt sah aus, wie wenn der Mann mit der Sichel über dem Haupte ihn kennen müßte von alten Zeiten her. Der Fürst sah zu ihm auf.

»Du, daß du mein armes Kind so liebevoll trägst und sie so gar nicht ihr Leiden fühlen läßt, und sie ist dir so dankbar und rühmt dich so.«

»Oh, ich weiß, ich weiß, bitte, rede nicht davon. Ein über und über vergoldeter Engel ist nichts gegen mich,« und er riß sich los und stieg die Stufen hinab, die die Schritte derer, die nicht mehr waren, ausgetreten hatten, in dem alten, alten Brauneck. In dem es so leicht sterben ist.

Die Rose hat entschieden, nach vielen und langen Beratungen mit Tante Ulrike und dem Herrn Hofrat, daß die Fürstin nach Brauneck zurückkommen solle. Und daß Alfred zwar nicht mehr die ganze Verantwortung für sie haben, aber dem Fürsten doch noch beistehen soll, und daß Tante Marga mit zwei Pflegerinnen sich in die Arbeit teilen wird. Die näheren Einrichtungen überraschen den Fürsten. Ganz genau wird ausgemacht, daß die Fürstin den oberen Stock bewohnen und nicht zu den Mahlzeiten herunterkommen soll. Das Auto soll in Thorstein untergebracht werden. Spaziergänge wird die Fürstin nicht machen, sondern nur jeden Tag mit Gräfin Marga spazieren fahren. –

Noch nie in ihrem Leben ist Rosmarie so energisch gewesen. Sie sagt: »Ich kann Mamas Zustand viel besser beurteilen als ihr alle. Ich habe Mama in jenem Sommer einmal gepflegt.«

Und die Fürstin will nach Brauneck. Dorthin will sie und quält ihre Umgebung von morgens bis nachts darum. Als sie erfährt, daß sie in Brauneck erwartet werde, ist ihr Verlangen ebenso plötzlich ausgewischt. Niemals hat sie nach Brauneck gewollt, von dem sie doch immer gesagt, wie sehr sie es hasse. Aber am Tage, als ihr gesagt wird, alles sei zu ihrem Empfang bereit, müssen augenblicklich die Koffer gepackt werden.

Nun sind sie angekommen, und jedermann hat sich entsetzt über ihr gänzlich verändertes Aussehen, ihre schreckliche Magerkeit und über des armen Alfred Aussehen, der einem Schwindsuchtskandidaten gleicht und von dem Herrn Hofrat sofort ins Bett gelegt wird. Und Marga ist drüben installiert mit zwei Krankenschwestern, das hat Alfred verlangt; denn, meint er, seine Schwester reite auch noch eine vierte Dame tot.

Da bekommt Tante Ulrike Gewissensbisse. »Liebe Rose, ich denke immerfort an Marga, und weißt du, ich bin von meinem Vater her sehr streng gewöhnt: es müßte christlich geteilt werden. Nun frage ich dich, Rose, ist das christlich geteilt? Daß ich dich pflege und Marga die Fürstin!«

»Doch, es ist christlich,« ruft die Rose triumphierend. »Du hast alle Last mit mir und Harro allein und wirst von uns beiden ausgenützt und geplagt. Marga teilt ihre Pflege mit drei andern: Alfred,« – sie weiß nicht, daß der ausgeschaltet ist, – »und den Schwestern, und Vater ist auch noch da.«

Und es ist sehr wunderbar, und sie können's kaum glauben, aber es ist jeden Tag deutlicher: der Rose geht es besser. Sie kommt auf ihre Füße und macht ein paar Schritte. Harro steht hinter ihr und streckt seinen Arm aus, auf den stützt sie sich, und wenn sie zurücksinkt, geschieht es ja in seine Arme, und Tante Ulrike geht daneben, Heinz trägt wichtig Mamas kleines grünes Kissen, und so kommen sie den ganzen Malvengang entlang.

Rosmarie hat es ihrem Vater sehr leicht gemacht, sie wieder zu sehen. Als sie ihn kommen hört, hat sie Heinz, den Fips und den Igel, der schon ganz zahm geworden ist, auf die Terrasse, wo sie liegt, bringen lassen und hat alle drei aufeinander losgelassen. Der Hund bellt und hüpft um den Igel und zieht die Schnauze hinauf, wenn er die Stacheln zu spüren bekommen hat, Heinz kreischt und wälzt sich vor Entzücken. Harro steht breitbeinig dazwischen, kommandiert und sorgt, daß keins dem andern zu viel tut. Und der Fürst sitzt plötzlich lachend neben seiner Tochter, er weiß nicht wie. »In Gegenwart eines Igels kann man nicht sentimental werden,« hat die Rose vorher ihrem Mann verraten, »und wozu auch? Es ist gemütlicher so.«

Alle Morgen sind Rosmarie und ihr Mann im Atelier, und die Tür wird geschlossen. Harro malt an seinem großen Bild, an dem schönsten Bild. Er hat die größte Leinwand genommen, die er noch je benützt hat, und malt auf einem kleinen Gerüste. Rosmarie liegt auf ihrer Chaiselongue an der offenen Glaswand, zu schön ist's da. Sie kann in den Garten sehen, aber niemand herein, und sie kann ihrem Mann zusehen bei seiner Arbeit: Das grauversponnene Stück Himmel, die Reiher, die klagenden Baume. Es ist eine Riesenarbeit, und sie paßt zu dem Mann, der davor steht. Wie ein Kämpfer muß er mit seinen großen Pinseln umgehen und seine Leinwand anfallen. Er trägt nur eine graue Leinenbluse, mit der er seiner Rose durchaus nicht zu nahe kommen darf. Sie glänzt und schillert in allen Farben. Er sieht sich auch nicht viel nach ihr um, er vermalt seine Wildheit, sein bitteres Weh, sein tägliches Opfer in die Bäume und ihre gegen den grauen Himmel gereckten Äste, in die dahinsegelnden Reiher.

Ach, sie wollen nicht kommen, die goldenen Ströme, von denen die Rose sprach. Wie viel sein Herz schon gelernt hat, wie viel von neuer Weichheit schon in ihm ist, das weiß er ja auch gar nicht... Nur das eine fühlt er im tiefsten Herzen. Er nennt es den Schleier der Gisela. Darin eingehüllt trägt er auf seinen starken Armen seine geliebte Rose ihren letzten Weg.

Die Besserung täuscht ihn keinen Augenblick. Und Tante Ulrike weiß schon gar nicht mehr, wie sie eine Nacht oder die frühen traurigen Morgenstunden ohne seine Hilfe verbringen soll. Wie die Rose auf seine Schritte horcht, wenn sie endlich gestattet, daß man ihn holt. Er kommt und er bringt den Schleier der Gisela mit. Er hat ja so feste Arme, er wird nicht müde. Er kann sie in ihren Kissen halten, so wie es ihr am wohlsten tut. Manchmal streiften seine Lippen ihre Stirne, ihr Goldhaar, und sie können ihr Dinge zuflüstern, über die sie in aller Pein ein wenig lächeln muß. Er kann auch schweigen und seine herrlichen Augen auf ihr ruhen lassen mit einem seltsam ruhigen Blick, den früher niemand an ihm gekannt hat. O wie herrlich ist der Schleier der Gisela... Er hat an einem endlosen Morgen sogar einmal ein Lied gesagt, von dem niemand wußte, woher er es kannte, wenn er es nicht aus dem alten silberbeschlagenen Buch von Märts Mutter hatte, das zu der Rose hinübergewandert war. Märt sah es auf ihrem Tisch liegen, als er sie mit seinem Herrn zusammen auf der Chaiselongue hinaustrug, und wurde allemal rot über die Ehre. Und Harro mußte hineingesehen haben, denn wie das Morgenlicht über den Bergfried herüberkam und der Rose große sehnsüchtige Augen an dem jungen Lichte hingen, lag ihr Haupt so todmüde auf seiner Schulter da, und er war ihrem Blick gefolgt und hatte gesagt:

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
Schick uns diese Morgenzeit
Deine Strahlen zu Gesichte
Und vertreib durch deine Macht Unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau ...
Fall auf unser matt Gewissen,
Laß die dürre Lebensau
Lauter süßen Trost genießen – – –

Oh, wie ist der Schleier der Gisela sanft.

Manchmal sieht sie zu ihm auf wie das Seelchen, das ja noch an seine halbe Allmacht glaubte, so daß es von ihm Flügel verlangt hatte.

Hans Friedrich ist in Stuttgart und in Dresden und wer weiß wo und probt. Er entwickelt eine sanfte Energie und Hartnäckigkeit, die ihm überall die Wege öffnet, und er schont den Braunecker Geldbeutel nicht. Und nun wird er nach Brauneck kommen, und Rosmarie freut sich sehr auf ihn.

Sie geht ja schon den ganzen Malvengang hinunter und bis zur Terrasse. Klein Heinz, der so klug ist, begreift, daß Mama etwas nicht kann, was er auf verschiedene Weise kann. Bäuchlings und auf allen vieren und nach vorn und hinten. Das letzte auf schreckhafte Art und mit großem Geschrei. Aber sogar seine Mutter hat sich an sein Geschrei gewöhnt, er trompetet so gesund, so herrenmäßig zornig, und man ist, wenn ihm sein Geheul selbst zu dumm wird, ein so plötzliches Verstummen gewöhnt, daß man sein Unglück nicht tragisch zu nehmen braucht.

Nun ist Harro mit dem Hintergrund fertig, und nur die mit Kreideumrissen angedeuteten, fast dreiviertel lebensgroßen Gestalten stehen immer noch weiß auf dem Grunde der Wasserfläche, die sich hinter ihnen bis zu den Stämmen der Bäume erstreckt. Und nun muß sich Harro umdrehen und muß seiner Rose wieder in die Augen sehen.

»Was ist's jetzt, Rose, wollen wir uns ein wenig Vakanz gestatten? Ich muß alles noch einmal übergehen, ich komme jetzt an die Gestalten.« »Aber ich denke mir doch jetzt schon so lange alles aus, Harro, daß es schade ist, wenn wir nicht weiter machen. Die Septembertage sind so kurz.«

Wunderschön, aber kurz, und morgens ist der dicke weiße Nebel da und steigt manchmal herauf bis zum Knauf des Bergfrieds. Das liebt Rosmarie nicht. Nur nichts Kaltes, Feuchtes; wenn dann die Sonne an dem seidig blauen Herbsthimmel kommt, das tut ihr wohl. Sie überlegen noch, als Ulrike, wie sie sich ausdrückt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge hereinkommt, ihre Schwester Marga am Arm.

»Da ist sie, Rose und Harro, sie lebt noch, aber seht sie euch an, seht sie euch nur ein einziges Mal an.«

Die gute Marga sieht sehr mitgenommen aus, und von ihrer Pflege kann sie nur mit Vorsicht berichten, und dann verstummt sie plötzlich, sie hat in der Rose Augen gesehen.

Als sie wieder fortgefahren ist, läßt es Ulrike keine Ruhe mehr. »Es ist unchristlich,« seufzt sie, »Herzblatt. Und du bist ja ebensogut mit Marga versorgt.«

»Meine Mutter Uli, o meine böse, grimme, alte Uli! Sieh m den Spiegel, ob man sich nicht vor dir fürchten muß.«

»Ich überlege mir eben, ob es Gerechtigkeit ist, Rose, daß ein kranker und schuldiger Mensch drei gesunde unschuldige Leute zu Tode reiten darf. Eine der Schwestern hat schon gewechselt werden müssen. Ich meine, ich sei da drüben nötig. Die Marga ist ein weiches Schäfchen, was man von mir nicht sagen kann. Es muß ihr der Ernst gezeigt werden.«

»Uli, ist es nicht schon furchtbar genug, wie sie sich in ihre Lage finden muß: eingesperrt in den oberen Stock, immer Menschen, die einem nur ›Nein‹ sagen dürfen, um sich herum, nur diese Ausfahrten zwei Stunden lang?«

»Liebes Herzblatt, fährst du etwa eine Stunde aus? Und sage ich etwa nicht auch ›Nein‹ zu dir?«

»Ach, Uli, mit mir kannst du sie nicht vergleichen, denk an den Schleier der Gisela ... Und ich ließe dich gleich gehen, Uli, wenn ich dächte, du könntest sie ein wenig beruhigen. Aber ich fürchte, es gelingt dir nicht, denn du denkst zu viel an mich. Und ich bin ja auch froh, daß der Herr Hofrat Vater die Besuche oben untersagt hat. Das eine Mal am Tage hat ihn schon so mitgenommen. Die furchtbarsten Vorwürfe machte er sich, ob er nun wirklich an ihrem Leiden schuldig sei, wie sie sagt. Er zermartert sich damit, und sie hat es gefühlt und hat sich darauf gestürzt, daß ich ihn kaum noch habe wieder zurechtbringen können. Nein, es müßte jemand mit der Mama zu tun haben, der für sie Liebe hätte. Eine Liebe, die scharfsinnig, hart und weich zu gleicher Zeit macht. Eine Liebe aus dem Korintherbrief.«

»Liebes Herz, wenn wir die irgendwo auftreiben können, so soll sie engagiert werden. Eine Liebe zu diesem Weibe! Eine der Pflegerinnen in der Schweiz, ein nettes, ein wenig ängstliches und beschränktes Mädchen soll um ihretwillen einen Selbstmordversuch gemacht haben und gerade noch von Alfred verhindert worden sein. Nun denk dir: ein solches Weib und eine Liebe zu ihr! Das gibt's auf der ganzen Welt nicht.«

Nun versucht man, mit Rosmarie täglich eine kleine Fahrt zu machen, und Heinz hat eine große Freude, wenn Mamas Wagen vorfährt. Und Vater reitet daneben her. Heinz darf auch mitfahren, obgleich seine Gegenwart im Wagen für Mama etwas anstrengend ist. Seine kurzen Beine scheinen zu wachsen und überall zu sein und namentlich einen magnetischen Zug zu Mamas Knien zu verspüren. Wenn er das drittemal daran gestoßen hat, so angelt ein langer Arm nach ihm und faßt ihn an seinem roten Mäntelchen, und er wird auf Vaters Pferd gehoben. Zuerst fürchtet er sich ein wenig und schlingt krampfhaft seine Ärmchen um Vaters Arm, der Gaul hat von ihm aus gesehen so drohende Ohren, die immer in Bewegung sind, aber dann fürchtet er sich bald nicht mehr und sitzt mit einer ernsthaften Selbstverständlichkeit oben. Und sie fahren jeden Tag den gleichen Weg, bis dahin, wo man hinübersehen kann nach Brauneck. Dann wendet Märt sehr kunstvoll, und man kehrt zurück.

Eines Morgens hat man Harro nicht geholt, er hat vor seinem Bild gestanden und die Umrisse der beiden Gestalten angestarrt. »Mit der zweiten Gestalt werde ich alles verderben,« denkt er. »Wie soll ich sie denn herausbekommen? Es wird natürlich zweimal die Rose werden, einmal mit grauen, einmal mit blauen Augen.« Er hebt seinen Pinsel auf, um die zweite Gestalt zu überdecken, da kommt seine Tante herein.

»Die Rose möchte nach Brauneck fahren.« »Nach Brauneck, das ist zu weit, du mußt es ihr ausreden.«

»Es wird nicht möglich sein, Harro ... Du kennst sie ja. Geh selbst hinüber.«

Er ließ seinen Pinsel sinken und ging hinüber. »Rose, du willst nach Brauneck?«

»Ja, Harro, den Vater überraschen. Und es ist auch nur ein Versuch, wir fahren bis zur Klinge. Du weißt dort, wo die Bergeschen stehen und die alte Totensteige heruntergeht, dort halten wir, und bin ich zu müde, dann drehen wir wieder um.«

Er hält ihren Kopf zwischen den Händen und sieht ihr in die Augen. Die haben so etwas Flehendes, Herzbezwingendes und zugleich Trauriges, daß er ihr nicht widerstehen kann.

»Nun, wir können es ja versuchen. Umkehren können wir jederzeit, aber wir müssen uns wohl auf eine Braunecker Nacht einrichten, denn am gleichen Tag zurück, das ist sicher zu viel.«

»Das können wir. Vater hat ja alles richten lassen.«

Sie liegt in ihrem Garten, aber der Himmel hat sich umzogen, und auf der Terrasse liegen gelbe Blätter. Es ist ihnen recht, daß sie so schweigsam ist, denn sie wird heute noch Kraft brauchen.

Gegen zwölf Uhr sagt sie plötzlich: »Es wäre mir sehr lieb, wenn Märt jetzt einspannen wollte. Wenn er sich etwas beeilen könnte, so wäre es mir lieb.«

Harro runzelt die Stirn. »Ich dachte, wir führen heut nachmittag.«

»Bis dahin werd' ich müde sein. Darf ich dich bitten, Harro? Und Harro, wir kehren um, natürlich kehren wir um, wenn ich zu müde werde.«

»Liebe Rose, werde auch gewiß zur rechten Zeit müde, denn wenn wir im Tal sind, können wir nicht mehr zurück, dann müssen wir hinauf.«

»Ich werde schon, Harro ... es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß wir hinüber kommen.«

Dann fährt der Wagen vor. Heinz hat man in den hintersten Gartenteil verbannt, daß er es nicht merkt, wenn der Wagen vorfährt und man nicht sein Klagegeschrei zu genießen hat. Harro hüllt die Rose in ihren schönen Wagenmantel. Einen Hut trägt sie nicht, nur einen weißen Gazeschleier um Haar und Hals gewunden. Vielen Menschen begegnet man ja nicht. Dann besteigt Harro seinen Braunen und reitet voraus.

Es ist gut, daß er die Rose nicht sieht, denn wie die Pferde anziehen, wird sie schneeblaß und flüstert mit versagender Stimme: »Wir kehren zurück, natürlich kehren wir zurück...«

Erst wenn sie auf der Landstraße find, kann Harro nebenher reiten, mit einem Blick auf die Rose meint er aber: »Nun, die Aussichten sind gering, Rose.« Und es erleichtert ihn etwas.

Ulrike hat die schmale kalte Hand in dem feinen Handschuh in der ihrigen und flüstert: »Kind, du marterst dich... laß es jetzt genug sein.«

Die Rose antwortet: »Wir fahren bis zur Klinge.«

Das ist der einzige Ort in der Gegend, wo man sowohl Brauneck als auch den Thorstein sehen kann. Dort senkt sich die Straße zum Tal in schönen Kehren und ersteigt auf der andern Seite den Schloßberg von Brauneck. Verschiedene alte vergraste Wege begegnen sich da, die nur Kinder und Ackerleute noch benutzen. Da mündet auch die Totensteige, auf der die Leute von der Höhe immer noch ihre Toten zum Kirchhof ins Tal herunter tragen. Sehr schöne uralte Ebereschen stehen da, und alles überragt eine hohe schlanke Pappel. Die Klinge selbst ist dicht bewaldet, und es steht eines der alten eingesunkenen Steinkreuze da, wie sie in früheren Zeiten den Ort, wo ein Unglücksfall oder ein Mord geschehen ist, bezeichnet haben. Die Leute vom Berg gehen bei Nacht nicht sehr gern allein an dem Kreuzweg vorbei. Aber jetzt ist's ja heller Mittag, und die Kinder kommen ihnen in geschlossenen Trüppchen mit ihren Schulranzen und Fibeln entgegen. Sie gehen im Tal zur Schule, und jetzt hat der Schulweg seine großen Reize. Weiter unten ist die Straße von den schönsten Apfelbäumen eingefaßt, und der Septemberwind hat geschüttelt. Alle essen die rotbackigen Äpfel, die ihnen zwar nicht gehören, aber die zu nehmen ihnen kein Mensch verwehrt. Ihre Väter und Mütter haben sich doch auch auf ihrem Schulweg daran erlabt. Sie starren mit runden Augen, und die Mägdlein nicken und die Buben ziehen ihre Kappen. Es ist ja ein »fürstlicher Wagen«. Man hört noch ihre Stimmen in höchstem Diskant einander zurufen als der Wagen an der Pappel hält. Harro steigt ab und schlingt sich den Zügel um den Arm. »Nun, Rose, ist's genug des grausamen Spiels.«

Die Rose wendet sich nach rückwärts, da liegt Haus Thorstein, grau und glanzlos der düstere Bergfried darüber. »Ein wenig ausruhen, Harro.«

Ein kurzer mürrischer Wind seufzt in der Pappel, die Ebereschen sind voll leuchtend roter Beeren. Harro greift nach einem der reichbehängten Zweige und zieht ihn herunter. »Willst du?«

Sie nickt ihm zu und hebt ihre Augen wieder zurück, da sieht sie auf dem alten vergrasten Höhenweg eine Reiterin auftauchen. Scharf heben sich ihre Umrisse gegen den immer düsterer werdenden schwarzgrauen Himmel. Die Reiterinnen find in der Gegend durchaus nicht häufig. Und die Reiterin würde wohl überall auffallen.

Sie reitet einen stark mitgenommenen breitbrüstigen Schimmel mit absonderlichem, farbigen Zaumzeug und trägt ein grünsamtenes Reitkleid. Nicht dunkelgrün, sondern brunnengrün leuchtend wie das Moos an alten Brunnen. Aber auch das Kleid ist stark mitgenommen und befleckt. Sie hat ein kleines Barett mit dem gleichen Brunnengrün auf ihrem starken Haar, dessen Farbe man nicht erkennen kann, denn von dem Barett aus geht ein weißer Schleier, der wie bei Rosmarie um Haar und Hals geschlungen ist und dessen Enden hinten drein flattern. Ihr Sitz auf dem unmöglich hohen Damensattel ist auch nicht der beste, es sieht fast aus, als schwanke sie hin und her. Harro ist mit seinem Ebereschenzweig und seinem unruhigen Gaul beschäftigt, dem das Stehen nicht behagt.

Roses Augen öffnen sich weit, sie neigt sie ein wenig, um die Dame zu grüßen, denn in der Gegend wird sie ja kaum von jemand nicht gegrüßt, und sagt: »Harro, warum grüßt du nicht?« Denn eben reitet die Dame langsam auf ihrem erschöpften Schimmel an ihr vorbei. Nein, wie entsetzlich ihr ganzes Gewand ist, voll Flecken; schreckliche dunkle Flecken, wie sie nur eine Flüssigkeit der Erde hervorbringt: Blutflecken sind es. Sie ist doch nicht verletzt?

Wie sie an Rosmarie vorbeikommt, hebt sie langsam den Kopf und sieht sie an. Ein todblasses Gesicht, in dem zwei blaue Flammen von Augen glühen. Dunkelrote Lippen, die in einer unerhörten Pein aufeinandergepreßt sind. Und nun nickt sie ihr zu. Da erkennt sie: »O Gott, du –« Die Reiterin erhebt langsam ihre Hand, in der sie mit goldbesticktem braunem Handschuh die kleine Gerte hält, und deutet mit dem Knopf ihrer Gerte nach dem Hügel hinüber, wo schwer und dunkel und massiv mit seinen vier dicken Türmen hingelagert gegen die schwarze Wolkenwand Schloß Brauneck steht. Dann ist der müde Schimmel vorüber und die hohe Gestalt darauf um die Biegung des Wegs verschwunden.

»Nach Brauneck!« kommandiert Rosmarie mit ihrer hellen Stimme so scharf, daß Märt den Gäulen, die er ohnedies kaum ruhig halten kann, ihren Willen läßt und sie in schlankem Trab davonfliegen. Harro hat die größte Eile, mit seinem Ebereschenzweig wieder auf den Braunen zu kommen und holt sie erst bei der nächsten Kehre ein. Durch das Rollen der Räder und das Klappern der Hufe ruft er ihr zu: »Nun kannst du aber nicht mehr zurück!«

Den Braunecker Berg müssen die Goldfüchse im Schritt nehmen, denn nun ist kein Zweifel mehr, daß sich Rosmarie zu viel zugemutet hat. Zweimal halten sie, und der große, dunkle, schwarzgekleidete Herr, der ihnen begegnet und seinen Hut abzieht, erschrickt so sehr, daß er einen Augenblick stehen bleibt.

»Es ist der Herr Stiftsprediger,« flüstert Rosmarie und versucht ein Lächeln.

Einen jammervolleren Ritt hat Harro nie gemacht. Sie fahren den äußeren Weg entlang, und nun donnert der Wagen über die Brücke. Der Torschatten von Schloß Brauneck fällt schwer und düster auf den Thorsteiner Wagen. Sie halten vor der Waffenhalle, und ein paar schreckensbleiche Lakaien versammeln sich. Rosmarie liegt von den Armen der alten Dame gehalten in ihren Kissen mit groß aufgerissenen Augen und sonst keinem Lebenszeichen. Wenn sie die schlösse, würde man denken, sie sei tot. Der Ebereschenzweig liegt am Boden: die einzige Farbe in dem düster grauen Schloßhof, über den die schweren, tief herabhängenden Wolken jagen.

Harro hebt mit zusammengebissenen Zähnen seine Rose heraus, sie ist fast zu schwer für ihn, wenn sie sich so gar keine Hilfe geben kann. »Eine Tragbahre,« herrscht er die Leute an; aber ehe sie sich danach zerstreuen, hat er Rosmarie mit Märts Hilfe doch auf seine Arme genommen und trägt sie die Wendeltreppe hinauf den Prinzessinnengang entlang und legt sie auf ihr altes Muschelbett. Draußen strömt plötzlich ein Regenguß hernieder.

Rosmarie schließt langsam die Augen. »Nun ist das vorüber, nun ist das auch vorüber.« Man bringt sie schnell zu Bett, und der Herr Hofrat wird geholt, aber sie hat sich schon ausgestreckt und gesagt: »Nun werde ich aber schlafen, bis Vater kommt.« Denn der Fürst ist auf eine Domäne geritten.

Dann schläft sie so tief und fest, und allmählich kehrt die Farbe wieder in ihre Lippen zurück, und Harro muß sich sagen, daß die Sache eigentlich noch gut abgelaufen ist. Aber er sitzt in trübem Sinnen da und überlegt, bis wann sie wohl eine Rückfahrt wagen können. Nicht so bald, nein, nicht so bald. Und hier ist alles so gar nicht für Rosmarie geeignet. Treppen und lange Gänge und Höfe und der Park, der zudem gar nicht abgesperrt ist. Nur ein kleiner Teil, wo die Buchenlauben und die Teppichbeete sind. In Thorstein trägt man Rosmarie auf vier Stufen in den Garten, hier ist nur der Lindenstamm, auf den jetzt der Regen niederrauscht, so leicht zu erreichen. Man wird eine Tragbahre brauchen, überlegt er.

Rosmarie wacht auf. Zuerst weiß sie gar nicht, wo sie sich befindet, dann sinkt sie wieder in die Kissen zurück und verbirgt ihr Gesicht. Daraus kommt sie aber sehr lieblich hervor, und ihre Augen flehen ihren finsteren Harro an. »Sei mir nicht böse.« Er versteht den Blick und sagt: »Ich sehe noch nicht ein, warum es nötig war, dich und mich zu peinigen.«

»Ja,« sagt sie, »ich peinige dich. Aber Lieber, du weißt es vielleicht doch nicht so ganz, wie es ist. Wenn man sehr krank ist, meine ich, und die große Unruhe bekommt, wie die Schwalben jetzt, Harro... Ich glaube nicht, daß ich euch viel vorjammere, ich versuche wenigstens, es nicht zu tun, aber heute sollt ihr mich bemitleiden und »armes Kind« sagen und nicht streng sein, Harro.«

Sie strahlt ihn plötzlich an. »Oh, ihr werdet sehen, daß ich nun so lieb sein werde, wie ich immer bin, wenn ich meinen Willen bekommen habe. Sehr lieb, Harro!« sie streckt die blassen Hände nach ihm aus.

Nein, es ist ihr nicht zu widerstehen. Er hebt sie in ihren Kissen empor an seine Brust und sagt: »Mein armes weißes Schäfchen, nein, du jammerst uns nicht vor, und ich hole dir morgen deinen Herrn Stiftsprediger, ich habe plötzlich eine Liebe zu ihm gefaßt, weil er mit mir getrauert hat. Denk, er ist mit fliegenden geistlichen Rockschößen nach Berklingen gerannt, weil er wußte, daß dort der Hofrat war, und hat ihn heraufgeschickt. Und er soll dir das Gesangbuch hersagen und tröstliche Reden an dich halten, nur mich laßt ihr aus dem Spiele, und in das letzte Eckchen läßt du ihn gerade nicht hineinsehen. Versprich mir das.«

Und nun will sie gar nicht mehr bemitleidet werden. Nein, das ist wieder einmal ganz unnötig.

Eben hat Harro traurig sich überlegt, daß drüben sein Heinz ins Bett gebracht und nach seinem Alo weinen wird, als die Tür aufgeht und in seinem roten Mäntelchen, das rote Käppchen schief auf dem dunkelgoldenen Lockenbusch, der Heinz hereintrippelt. In höchster Seligkeit, denn er ruft: »Alo, Du Auto« und bläst dazu mit all seiner Lungenkraft.

»Ach, mein Heinz, mein Bub, ich bin froh, daß du da bist,« und er nimmt ihn auf die Knie an Mamas Bett.

Und nun kommt der Fürst herein. Niemand hat ihm zu sagen gewagt, wie seine Tochter angekommen ist. Jetzt sieht er sie fast rosig im Bett sitzen, Harro und den aufgeregten Heinz neben sich, und seine Freude ist groß und rührend, daß Harro seiner Rose doch wieder ein Stück vergeben muß.

Sie kommen alle nach Brauneck herüber, und das Goldhaus schließt ein Auge ums andere. Der Thorsteiner Nachtwächter haust in Märts Turm und bewacht mit seinem großen Schäferhund das Thorsteiner Anwesen, und das Licht im Vogel Rock leuchtet nicht mehr in die Nacht hinaus. Die Köchin und die Mädchen führen ein Herrenleben und empfangen Besuche in der Küche, und des Nachtwächters Gemahlin wird eifersüchtig. Es wäre noch vollkommener, wenn die junge Gräfin nicht jeden Tag zurückerwartet würde und man nicht immer irgend etwas nach Brauneck zu besorgen hätte und der finstere Märt mit den unbequemen scharfen Augen einen so oft aufstöberte. Es muß ja alles in Bereitschaft gehalten werden, denn die Gräfin kann jeden Tag zurückkommen, sie muß ja zurückkommen.

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