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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Siebenundvierzigstes Kapitel: Die eine Stunde.

Harro und der Hofrat schlenderten im Garten auf und ab, Harro eine Gerte in der Hand, mit der er nachlässig seine Beinkleider bearbeitete.

Wer sie so gesehen hätte an dem Hochsommermorgen in dem schönen Besitztum, der konnte sie für ein paar genießende Menschen halten, denen die gewöhnlichen Sorgen und Kümmernisse fern standen, die sich weder in Bureaus noch Kontoren plagen mußten.

Der Hofrat läßt alle hoffnungsvollen Möglichkeiten spielen, die er von irgend welchen Anzeichen herleiten konnte. Harro schlug mit seiner Gerte und schwieg. Und der Hofrat erzählte ihm einen Fall, wo sich eine halbe Fakultät getäuscht hatte. Plötzlich befreite sich Harro mit einem Ruck von dem Arm des alten Herrn.

»Entschuldigen Sie, ich sehe dort...«

Er ging ins Haus und war verschwunden. Und Ulrike und der Hofrat mußten allein die harrende Rosmarie trösten und beruhigen.

»Er geht wieder in die Wälder,« klagte Rosmarie, »und nun können Wochen vergehen, ohne daß er an sein Bild kommt. Oh, warum mußten diese Menschen kommen und ihn quälen!«

Es wurde Abend, bis Harro zurückkam, barhäuptig, in seinem alten Filzhut trug er einen jungen munteren Igel. Klein Heinz war noch auf, und vor seinen Augen wurde das interessante Tier auf die Terrasse gesetzt und dort mit einem Regenwurm gefüttert, den es mit lautem Schmatzen verzehrte.

Das ganze Goldhaus hallte wider von Heinz' Jubelgeschrei und dem Gebell des kleinen Fips. Rosmarie wollte wissen, was es gäbe. »Harro ist zurückgekommen, und sie spielen mit einem Igel!«

»Ich möchte es auch sehen,« bat Rosmarie, »oh, wie bin ich froh, daß Harro da ist.«

Dann kamen Vater und Sohn mit der Beute ins Schlafzimmer, nur Fips mußte draußen bleiben, weil seine Pfoten sich beständig auf Rosmaries Bett befanden und dort Spuren hinterließen. Er winselte kläglich vor der Türe und bellte dazwischen seinen unsichtbaren Feind an, den er roch.

Der Igel benahm sich höchst manierlich und lief auf dem schönen Teppich herum. Klein Heinz bewunderte ihn bäuchlings und machte kühne Streichelversuche, um allemal erschrocken wieder die Hand zurückzuziehen. Das mußte ihm sehr witzig vorkommen, denn er lachte jedesmal hell auf und bildete in seiner Freude den ersten Satz seines Lebens: »Dute Alo Igel bacht,« und mußte das seiner blassen Mama wiederholen, was er auch mit Stolz tat. Endlich schlug unwiderruflich seine Stunde, und er wurde, unter lebhaftem Protest zwar, mit samt dem Igel und dem Fips von dem Vater fortgebracht.

Später kam Harro noch einmal herein, wie er versicherte, gänzlich gewaschen und gesäubert, und setzte sich einen Augenblick an Rosmaries Bett. Rosmarie war noch voll von Heinz' Sprechkünsten und seiner Freude. Da ertönte schon der Gong.

Tante Ulrike nahm das einsame Mahl mit ihm ein. Der Fürst war heute nicht gekommen. Er hatte eine Schale herrlicher Pfirsiche geschickt, mit Marschal-Niel-Rosen zugedeckt. Ulrike wählte den schönsten aus, um ihn hinüber zu bringen und sagte: »Es ist heute das erstemal, daß der Herr nicht gekommen ist.«

Harro stand auf und reckte seine Arme: »Nun, so viel Mut kann man schließlich kaum von ihm verlangen nach dem Besuche von heute morgen, er hat auch vielleicht nicht gleich einen Igel gefunden, den er hätte vor sich hinhalten können. Tante Ulrike, ich werde meine Farben für morgen herrichten, und du sitzest jetzt bei der Rose, bis sie einschläft.« Und damit ging er zur Türe. Die alte Dame rief ihm nach: »Harro, sie wartet nun den ganzen Tag auf dich. Was soll ich ihr nur sagen?«

»Was dir einfällt, Ulrike.«

»Das ist unverantwortlich, wie du mit ihr umgehst. Sie fühlt nichts, sie ängstigt sich nicht, sie hat heute nichts von den Ärzten ausgestanden! Wenn nur du deinen Weltengrimm austoben kannst!«

»Tobe ich etwa? Ich benehme mich sehr gesittet. Ich bekomplimentiere Herren hinaus, ich finde Igel, ich gehe jetzt meine Farben herrichten... Das verstehst du nur nicht, die Feinheit. Sieh, wie die Rose darauf eingeht, wenn sie es hört. Sie ist dreiviertel getröstet.«

Und sie hörte ihn hinübergehen und das Atelier abschließen.

Ulrike versuchte ohne jeden Glauben an die tröstende Wirkung die Farbengeschichte vorzubringen. Aber Rosmarie glänzte sofort auf.

»Ach, das ist gut, Mutter Uli! Und wenn man alles überlegt, haben wir doch allen Grund, froh zu sein, daß das Auto wieder fort ist und sie nicht noch mehr Unheil angerichtet haben.«

Im Atelier saß Harro an seinem Zeichentisch und zeichnete auf einem großen weißen Bogen die beiden Herren, den von Königsberg und den von Berlin. Als ob er sie seit Jahren gekannt hätte, so standen sie da. Er gab ihnen aber weiße Tellerkragen und Talare, und ihre feinen Köpfe sahen noch besser darauf aus. Sie saßen um einen Tisch und hatten Papiere vor sich. Auf dem obersten Blatt stand ein Name, ein geliebter Name, und der Berliner zeichnete mit seinen nervösen Doktorhänden ein Kreuz daneben. Der andere sah ihm dabei zu, ruhig unbewegt, eisig.

Dann fixierte er das Blatt sorgfältig, rollte es zusammen und adressierte es an den Berliner Herren.

»Ein kostbares Blatt und ganz umsonst,« murmelte er.

Drüben war das Licht im Vogel Rock erloschen. Rosmarie schlief also schon und erwartete ihn nicht mehr. Dann streckte er sich auf sein altes Lager, das er in der letzten Zeit wieder benützt hatte.

Er war todmüde und schlief sofort ein. Und sein Geist ging steile und mühselige Pfade zwischen Geklüft und rasenden, tobenden Gebirgswassern. Vor ihm flog ein großes, schwerfälliges Tier, ein Reiher vielleicht, mit langsamen Flügelschlägen, und es war sein Elend, daß er es immerfort vor sich haben mußte. Und eine Masse kleiner Kinder drängten sich zwischen den Steinen hindurch. Jede Art von Unglück konnte ihnen passieren, ins Wasser mußten sie rollen, jämmerlich im Geklüft stecken bleiben. Und das schlimmste wäre, wenn der Vogel sich umdrehte.

Er nahm ein paar der Unglücksgeschöpfe auf, aber er konnte doch nur eins auf jeden Arm nehmen, und da rollte schon das erste über die glitschig glatten Steine in das tobende Wasser. – Und der finstere Vogel wandte sich... Sein Schnabel verwandelte sich in eine schön geschwungene Nase. »Eventuell,« krächzt er, »eventuell«, und schlug seine schwarzen Flügel über dem Kinderjammerhäufchen.

Im hellen Entsetzen wachte Harro auf. Ein graues Mondlicht erfüllte seine Zelle, und auf der geweißten Wand geisteten die Schatten der Aristolochienblätter. Er fuhr in die Höhe, jemand mußte ihm gerufen haben. Sein Herz schlug noch wild, es war aber totenstill, nur der Wald rauschte ferne.

Er sah nach den sich leise verschiebenden Blätterschatten, matt und abgespannt und dennoch froh, daß er dem Traumelend entronnen war. Aber lange duldete es ihn nicht. Aus den sanften Blättern dort an der Wand wuchs eine Hand heraus, eine feine Doktorshand, die schrieb ein Wort und noch eins, er mußte nachlesen... »eine plötzliche Änderung«. Da schlug er mit der Faust an die Wand, daß die dröhnte und der Verputz abrieselte...

Da stand er auf und floh in sein Atelier und kleidete sich an. Drüben war's dunkel.

Es war ein unsinniger Gedanke, aber er machte ihn erbeben ins tiefste Mark. Er wollte wenigstens horchen. Da eben glühte das Licht im Vogel Rock auf. Er stürzte hinüber und klopfte. Die Tante in ihrem Morgenrock und weißem Spitzentuch über dem vollen grauen Haar stand vor ihm:

»Was tust du da, Harro!«

»Ich erschrak,« stammelte er. »Warum habt ihr Licht?«

»Nun, die Rose schläft doch nicht die ganze Nacht.«

»Kann ich sie sehen?« »Kannst du wirklich sanft genug mit ihr umgehen?«

Er nickte und schob die alte Dame beiseite.

Die Rose hatte sehr rote Lippen und die schönsten Augen. Sie saß aufrecht in ihren Kissen und lächelte ihn an.

»Ist das wunderschön, daß du kommst, so mitten in der Nacht.«

»Ich habe dir keinen Gutenachtkuß gegeben,« sagte er, und beugte sich über sie und küßte sie, und ein leiser Rosenduft wehte ihm entgegen.

Und plötzlich lag sie ganz in seinen Armen, und seine Küsse schauerten auf ihr Haar, ihre Stirn, ihren holden Mund.

Die alte Dame legte ihm die Hand auf die Schulter: »Harro, ich bitte dich, Harro, kann man sie gar nicht mehr vor dir bewahren! Immer verbrennt man oder erfriert man bei dir.«

Harro wandte sich und erschrak so bitterlich, daß er ihr im tiefsten Herzen leid tat.

»Du mußt nicht böse mit ihm sein,« bat die süße Stimme der Rose. »Sieh, du hast ihn erschreckt. Wenn mir nichts Schlimmeres geschieht als seine Küsse!«

»O Kind, wenn du daliegst und er dir ein Messer hineinstieße, so würdest du auch sagen, es tut wohl.«

Sie sah mit ihren großen sanften Augen zu ihr auf: »Das würd' ich wohl, Uli. Und es schmerzte gewiß nicht, wie das schreckliche Ding da innen. Nun mußt du ganz still und gut sein, Harro, und dich mit Uli vertragen, wenn du bleiben willst. Diese Herren haben zu sehr auf mir herumgehämmert.«

Harro setzte sich und sah zu der alten Dame auf: »Uli, laß mich da, du kannst mich nicht in die Nacht hinausjagen, sonst stehe ich unter dem Fenster und weine.«

»Uli,« rief die Rose, »gib mir mein Taschentuch, ich habe es wieder verloren. Da ist's. Komm, Harro, ich will dich trösten, schon hier oben – nein, das ist nicht weich genug.«

Sie griff nach den Enden ihrer Flechten und löste sie auf. Dann nahm sie die weiche goldene Strähne und fuhr ihm sanft über das Gesicht. Harro beugte sich hinab und verbarg sein Gesicht in dem weichen Goldgespinst...

Die alte Dame seufzte: »Laß mir noch ein wenig von dem Kind übrig bis morgen.« Dann ging sie hinaus.

Das Lächeln verschwand plötzlich von dem Gesicht der Rose. Sie sah mit bebender Spannung auf den Mann herab, der immer noch sein Gesicht verbarg. Aber sie schwieg und wartete. Dann hob er seine Augen, so seltsam glänzend und fremd und bat: »Darf ich die Haare vollends aufmachen?«

Sie nickte. Mit seinen geschickten Künstlerhänden löste er die Flechten vollends auf und schüttelte die Strähnen, daß die Pracht sich ausbreitete. Er legte ihr den Goldmantel um die Schultern und ließ die weichen Wellen zu beiden Seiten ihres Gesichts herabhängen, dann ordnete er ihre Kissen, so wie sich das schöne Haupt am lieblichsten darbot. In der Schale dort standen große blaßlila Klematisblüten, die nahm er und schlang sie in ihre Haare, daß sich die Blütensterne um ihr Antlitz bogen. Er öffnete ihr Battisthemd, daß sich die feine Linie des Halses ein wenig zeigte. Nun noch den Vogel Rock, der sich ja verschieben läßt, an die ganz richtige Stelle. Dann streift er an der seidenen Decke herunter, daß sie sich an die hingestreckte Gestalt anschmiegt und die Umrisse zart andeutet. Er tritt an den Spiegel und schiebt an seinen Wänden, bis sich ihm das Bild darin zeigt.

»O Gott, steh mir bei,« denkt die Rose, »er ist wieder krank, er ist sehr krank! Rufe ich Uli, so schickt sie ihn fort und er muß in der Dunkelheit stehen und weinen.«

»Nicht so schmerzlich den Mund, Rose, es war so unsäglich schön.«

Sie öffnete die Augen: »O Harro, wie darfst du mich so quälen und dich selbst! Und mit mir spielen wie mit einer Puppe, wenn ich dir doch gesagt habe, daß ich leide. Und ich darf Uli nicht rufen, daß sie das sieht. Ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet und du bist nicht gekommen. Und nun soll ich dir dazu dienen, daß du ein schauerliches Spiel mit dir selbst treiben kannst! Wenn es dir helfen könnte, ich wehrte mich nicht, ich ließe dich. Aber es hilft dir nicht, es macht dich nur noch kränker. Und es ist ein Unrecht gegen mich, das du nicht begehen sollst. Morgen, wenn du daran denkst, wirst du dich darüber betrüben. Nimm die Blumen aus meinem Haar, es ist jetzt keine Zeit für Kränze.«

Harro stand vor ihr und rührte sie nicht an. Ihre blassen Hände hatte sie auf ihr stoßendes Herz gedrückt, zu den Blumen konnte sie nicht hinaufreichen. »Du weißt es ja nicht,« sagte er tonlos, »du bist so sanft, so ruhig, so himmlisch. Vielleicht freust du dich auf deine seligen Gärten! Du tust auch recht daran. Nur Pein hast du und mich auch noch zu ertragen. – Was kannst du von mir wissen... Du weißt ja nichts. – Du denkst an mich, wie ich deine Kindheit behütet habe. Sie war mir heilig. Und wie ich vor den Menschen dein Gatte war und als geduldiger Narr vor deiner Türe stand. Und wie du mein Weib wurdest und ich deine Lieblichkeit und Süßigkeit genoß als mein gutes Recht. Nie hast du dich vor mir verborgen und mich um dich kämpfen lassen. Von der wahnsinnigen Leidenschaft, die du in mir entzündet hast, nun du dich mir zum ersten Male entwindest, weißt du nichts. Wie solltest du auch! Jetzt wo ich um dich zittern muß, jetzt weiß ich erst, was du mir bist und sehe dich, wie du bist. Und je mehr ich mich an dich klammere, um so mehr entschlüpft mir deine Seele. Du hast all die Zeit ein Leben für dich gelebt – nun siehst du das Ziel von ferne. Dein Dämon ist wieder erschienen... Du brauchst mich nicht mehr. Ich verbrenne und erfriere neben dir. Ich sündige, mit jedem Wort sündige ich. Ich vermehre dein Leiden. Ich kann meine Hände nicht von dir lassen, ich kann dir den Kranz nicht vom Haupte nehmen, du wirst vielleicht in deinen seligen Gärten Kränze tragen und in deiner Seligkeit nicht so schön sein wie jetzt in deinem Leiden. Und ich sehe dich nicht mehr. Die Verdammten sehen nicht hinein, wo die seligen Füße schreiten...«

Ihre Augen hingen an seinen Lippen, ihre sanften, schmerzgeweihten Augen unter dem Blütenkranze. Dann schloß sie sie langsam, sie antwortete ihm nicht.

Er stand da und sah das blasse Antlitz mit den halbgeschlossenen Augen unter dem Blütenkranze daliegen, umflutet von dem blassen Gold ihres Haares. Er stand schon vor den Toren jener Gärten, nie würde er sie betreten, eine Weile sah er die schönste Blume daraus noch vor sich liegen, dann würden sie ihn verdrängen und er war in der einsamen Nacht allein.

Er war jetzt schon allein. Sie war schon ganz ferne von ihm. Und vielleicht erschien der Dämon wieder und hob sie aus der Qual und deckte den Schleier über sie, daß auch der Laut seiner Stimme nicht mehr zu ihr drang. Aber er irrte. Sie hatte nur ihre Seele gerüstet und gestärkt und hatte für ihn gefleht zu ihrem Vater im Himmel.

Und nun schlug sie die Augen wieder auf, in denen nur holde Liebe lag. So strahlend, so gütig, daß es ihn auf die Knie trieb.

»O du, du...«

Sie blieb unbeweglich liegen und faßte seine ausgestreckten Hände nicht.

»Verzeih, Lieber, aber mich zu rühren gestattet der Tyrann nicht, und du mußt dich auch von ihm tyrannisieren lassen und Rücksichten nehmen.«

»Welche Rücksicht nehme ich?«

»Du mußt aber, Harro. Denn er ist Herr, und ich lebe nur noch von seinen Gnaden. Und du wirst nicht wollen, daß er alle Tücken an mir ausläßt und sich für alles, was du tust, an mir schadlos hält.«

Seine Lippen bewegten sich, endlich brachte er heraus: »Soll ich die Blumen herausnehmen, soll ich Ulrike rufen?«

»Nein, Liebster, ich stoße dich nicht in die dunkle Einsamkeit, solange ich noch einen Atemzug für dich habe. Und Gott wird mir helfen. Du gehst nicht aus diesem Zimmer und von mir hinweg, bis du dich nicht ganz in Gottes Hände ausgeliefert hast. Sehr viel länger ertrage ich es nicht. Du weißt doch, oder hast du es ganz vergessen, wie sehr meine Seele an deine gekettet ist? Du bist ein schlimmes Roß, Harro, und jagst mit mir durch Gestrüpp und Dornen und Sümpfe und eiskalte Schauer und rote Höllenglut. Wir waren doch eben bei den Verdammten und sahen durch das Gitter in die seligen Gärten hinein. Nun jagen wir davon, und es wird wohl wieder eine kalte, finstere Einsamkeit werden, in die wir jetzt kommen.«

»Oh, was soll ich tun, Rose, wie soll ich...«

»Beugen sollst du dich, Harro, du mußt. Ich wollte ja noch weiter mit dir davon rasen, aber der Tyrann tut es nicht mehr. Und er hat ja die Macht, die hat er auch von Gott. Und dann mußt du dich doch beugen. Das Rad geht über dich hinweg. Das hält deine wilde Kraft nicht auf, dein Jammer und deine Leidenschaft nicht. Und wenn du doch mußt – sie haben dich doch nicht belogen, die Herren, ich habe es ihnen verboten, dich zu belügen – Wenn du dich beugen mußt, warum nicht jetzt, nicht gleich: ›Dein Wille geschehe!‹ – Jetzt bin ich noch bei dir, helfe dir, neige mich mit dir. Aber ich kann dir keine wilden Wege mehr versprechen. Damit ist es am Ende. Du mußt dich in Gottes Hände ausliefern.«

Seine gefalteten Hände verkrampften sich, er legte seinen Kopf auf ihre Bettkante... »Ich kann nicht, kann nicht, das ist über meine Kraft,« stöhnte er. »Das kann kein Mensch und kein Gott von mir verlangen. Ich werde es tragen, ich quäle dich nicht wieder, ich werde geduldig sein, ich verspreche es dir – ganz sanft und geduldig.«

»Als ob du es könntest, Harro, aus eigener Kraft, sanft und geduldig sein. Das hast du doch bisher auch versucht, du mein alter liebster Harro, du hast mich doch nicht peinigen wollen. Du hast es aber doch getan und weißt, daß du es getan hast, und wirst es wieder tun. Und so werde ich eben weiter gerissen mit dir. Jetzt wehre ich mich noch, jammere, flehe, dann werde ich verstummen. Und es müßte nicht so sein. Ein solches Gebet, wie käme es unerhört zurück! So hat Jesus gebetet in Gethsemane. Was ist dein Leiden gegen seines! Du öffnest den Himmel, Harro, daß die goldenen Ströme herabrauschen können auf dein armes Herz, ach, wie selig werde ich sein! Wie werde ich sanft ruhen in deinem lieben Arm. Wie wirst du mich trösten, wenn doch vielleicht die große Angst über mich kommt.

Jetzt kann ich dir noch von meiner Kraft geben, Harro, aber dann bist du ja so viel mehr als ich, wie deine Flamme größer ist als mein Licht. Harro, die Stunde kommt vielleicht nicht so wieder. – Sieh dort den Bergfried mit seinem Knauf oben. Er hebt sich schon vom Himmel ab. Wann ihn die Sonne trifft und er golden wird, so ist die Stunde vorüber. Bis dahin hast du Zeit, nicht länger. Willst du bei mir bleiben oder willst du hinübergehen... Sieh dir die Wahl an, die du hast. Die Wahl und du hast sie doch nicht...«

»Laß mich bei dir bleiben.«

Er drückte sein Gesicht in seine Hände und lag da auf ihrer Bettkante, wie hingeschmettert, und zuweilen flog ein Schauer über seinen Körper, daß das Bett erzitterte. Sie hatte ihre Augen geschlossen und ihr Antlitz wurde unter seinem blauen Sternenkranze blasser und blasser.

Immer deutlicher hob sich die Gestalt des Bergfrieds von dem graudunkeln Himmel ab, die zwei Sterne daneben verblichen, das kühle, scharfe Wehen des Morgens hauchte herein, sie faßte ihren goldenen Königsmantel auf der Brust zusammen.

Da erhob er sich. Sie sprachen kein Wort, nur ihre Augen suchten sich. Da stieß sie einen tiefen Seufzer aus, und ihre Glieder lösten sich. Sie neigte ihren Kopf auf die Seite und schien einzuschlafen. Harro klopfte an die Türe. Die alte Dame kam sofort heraus, als habe sie die ganze Zeit dahinter gestanden. Als sie an das Bett herantrat, stockte ihr Fuß.

Die fremdartige Schönheit dieses Anblicks, die sanft hingestreckte Gestalt mit dem Königsmantel um die Schultern, dem Sternenkranz in der Beleuchtung aus Licht und grauem Morgenschein gemischt, dies wie aus zartestem Marmor oder Wachs gebildete Antlitz mit den halb geschlossenen Augen, unter denen noch ein wenig die Pupille hervorsah – sie erschrak. –

Sie wandte sich zu ihm, stockend, atemlos: »Harro!«

»Nein, sie schläft. Bleibe bei ihr.«

Er ging hinaus. Als er über den Hof schritt, erglänzte der Bergfried im Morgengold. Die weißen Taubenschwärme umkreisten ihn. Er beugte sich über den Brunnen und ließ den Strahl über seine Hände fallen und badete sein Gesicht in der kühlen Flut.

Dann ging er in seine Zelle und legte sich zu Bett. Kühl und morgenfrisch war's, und keine Schatten geisteten mehr an den Wänden. Er verschränkte seine Arme in dem weißen Nachtkleide unter dem Kopfe und starrte nach der Decke. Dort schwebte langsam mit schwerem Flug ein Nachtfalter und suchte ein Versteck vor dem kommenden Tage.

Nun war es geschehen, er hatte seinen Willen hingegeben an einen andern. Er hatte das ungeheure Opfer gebracht. Ihm war's, als habe er selbst seine weiße Rose von seinem Herzen genommen und sie hingetragen vor die Tore der seligen Gärten.

Und sie hatte ihm goldene Ströme von oben dafür versprochen. Wo waren die? Vielleicht waren seine Augen so wenig für sie eingerichtet, wie die des Nachtfalters an der Decke, der sich auch bergen muß vor dem goldenen Licht.

Immer langsamer kreiste das Flügelpaar an der Decke. Immer schwerer und schwerer senkte sich eine sanfte Mattigkeit auf ihn und er ruhte gut. So sanft, so unsäglich sanft. Und das ferne Rauschen und Brausen... War das nicht Musik? Mußte er sie nicht kennen... Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen... Sehet, wen? ... den Bräutigam... Tiefer und tiefer sank der Schleier. Er schlief den tiefsten Schlaf seines Lebens, denn er erwachte erst, als die Abendsonne den Turmknauf vergoldete.

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