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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Siebenundzwanzigstes Kapitel: Schwanenjungfrau.

Ein seidig blauer Herbsthimmel mit fliegenden Wolken, goldrote Wälder, braune Ackerbreiten, über die schon der grüne Hauch läuft für des nächsten Jahres Ernte, wehende weißblaue Fahnen in dem alten Städtchen auf dem Berge, und Hochzeitsglockengeläute. Das alte Schloß gibt seine treu bewahrten Schätze und Kleinodien heraus, dem Tag zu Ehren und seinem letzten Kinde. Was für alte Pracht, die sonst nur dem Domänenrat bekannt ist, kommt zum Vorschein.

Gobelins von unschätzbarem Werte sind aus dem Schloß Eichenkronen geborgt worden, Hunderte von alten Silbertellern entsteigen den eisernen Schränken. Venetianische Spiegel mit ihrem wundervollen Goldton, die das große Braunecker Wappen eingeschliffen tragen, schmücken die Wände und Aufgänge. Die Gewächshäuser und Gärten geben ihre Blumenkinder her, die großen Palmen sind herausgewandert in den Torbogen, der die Pforte des Waffenganges mit der Schloßkapelle im Eckturm verbindet.

Dort in der kleinen runden Kapelle sind die Wände mit lebendigem Grün bezogen, schlingen sich Kränze von weißen Rosen um die Säulen, hängen Teppiche und Brokatdecken herunter von den Emporen, die dreifach die Höhe des Turmes begleiten.

Dort ist Rosmarie einst getauft worden, dort stand der Sarg ihrer Mutter und Brüder vor dem Altar, an der Stelle, wo in den Boden das große messingne Kreuz eingelassen ist. Da kommen sie alle einmal zusammen, die Braunecker, seit vielen Jahrhunderten schon. Heute bedeckt das Kreuz ein bunter Teppich, aber die Braunecker wissen doch, daß es darunter ist, und sie vergessen es alle nicht.

Der rote Turm hat alle seine Betten hergegeben, und zur Nacht glänzen die Lichter aus allen Fenstern ins Tal, und die Lichter in den Türmen, so hoch über dem dunklen Massiv des Schlosses, sind wie treue Wächter, die nach allen Seiten hinausblicken. Kammerfrauen rennen hin und her, und die Schokoladefarbigen sind heute feuerrot wie Krebse und tragen weiße Strümpfe und Schnallenschuhe. Auch die alten silbernen Schnallen haben des Herrn Domänenrats eiserne Kästen bewahrt. Equipagen rollen zu dem kleinen Bahnhofe hinter dem Berge, offene Breaks folgen mit Ladungen von Koffern und kronenverzierten Reisekisten.

Die Braunecker haben sehr viel zu sehen, und ein süßer Kuchenduft weht um die Giebelhäuser, denn sie haben alle Kuchen bekommen. Die Kinderschüler, die mit ihrer freundlichen weißbehaubten Schwester an einem langen Seil durch die Straßen gehen, in festlichen Kleidchen, jedes ein Kuchenkörbchen in der Hand. Die stolzen Lateinbuben, die sonst in wilden Kämpfen mit den Volksschülern leben, stehen einträchtig mit ihnen an der Kirchenstaffel um einen riesigen Kuchenkorb herum, dessen ordnungsmäßige Entleerung der Mesner überwacht. Die Spitalfrauen können mehr oder weniger einträchtig ein Kaffee- und Kuchenfest feiern. Die alten Witwen und bresthaften Jungfrauen, die nach einer Stiftung aus dem siebzehnten Jahrhundert jede Woche im Schloß einen großen Brotlaib, den sogenannten Schloßlaib, abholen, bekommen außer dem Kuchen noch eine Flasche Wein dazu. Es ist kein Kind in Brauneck, das heute leer ausginge.

Es sind große braune herrliche Kuchen mit Rosinen darin, und sie werden nach altem Rezept gemacht. Eine sehr kinderliebende Gräfin soll sie vor Zeiten an den Festen ausgeteilt haben. Und so wandelt mit dem süßen Duft auch dieser freundliche Geist durch die alten Straßen.

Was das Leben den Braunecker Kindern später für Leckerbissen bringen wird, es wird doch nicht mehr die Güte von jenen Kuchen erreichen.

Eine Militärkapelle spielt in der Straße und die Fräulein, Bürger- und Honoratiorentöchter, gehen schön geschmückt paarweise dazu auf und ab. Rosmarie ist die erste von ihren Mitkonfirmandinnen, die Hochzeit hat, und für sie, sofern sie nicht schon in alle Welt zerstreut sind, ist dieser Tag noch ein besonderes Ereignis. Sie haben alle das Gefühl, daß der Reigen nun eröffnet ist. Und wer wohl die nächste sein wird? Das kann jetzt erwogen werden. Sie tragen alle auf Vereinbarung hin den kleinen goldenen Anhänger an seiner Kette mit Rosmaries Namenszug darauf, den sie von ihr zur Erinnerung an die gemeinsame Konfirmation erhalten haben.

Diesmal kommt der Ruinengraf in einem geschlossenen Coupé angefahren. Die Buben, die unter lauter Hurrarufen jeden Wagen bis zur Schloßbrücke verfolgen, sehen ihn gerade noch, und daß er kaum zu erkennen ist, erzählen sie.

Die Fürstin in ihrem neuesten Pariser Kunstwerk kommt eben die Treppe herunter, ihre rauschende goldbrokatene Schleppe hinter sich dreinziehend, Rosmaries Diamantentiara auf dem Kopfe und so viel siebenfarbige Strahlen werfend, als nur irgend möglich. Sie ist schön heute und imponierend – sie ist ja kaum dreißig Jahre alt. Der Fürst begegnet ihr oben; man sieht ihm an, daß er recht nervös ist. Seine Frau pflegt ihm bei allen offiziellen Anlässen nie das geringste abzunehmen. Und es liegt ihm doch so viel daran, daß er allem gerecht wird, daß sich alles in dem von altersher festgelegten Rahmen bewegt. Daß mit jedem von den hohen Gästen nach Rang und Würden gehandelt wird, und daß auch all den kleinen Leuten, die zu seiner Schloßgerechtigkeit gehören, ihr schönes Teil wird.

Die bürgerliche Trauung hat schon gestern stattgefunden, sie wollte sich heute nirgends einfügen lassen. Und nun flüstert er eilig:

»Eben sind Harros Tanten gekommen: es ist durchaus nötig, daß du sie hier unten schon begrüßt, es sind seine einzigen Verwandten. Komm, bitte, gleich mit herunter.«

»Gott, was ist heute nicht alles unbedingt nötig,« murmelt die Fürstin, »die alten Damen.«

Aber der Fürst hat schon ihre Hand auf seinen Arm gelegt, und sie gehen zwischen den Rosengewinden, die die Treppen umschlingen und sich im Baldachin über dem Podest treffen, dahin, den beiden feierlichen schwarzatlassenen Stiftsdamen entgegen, denen die Diener gerade die Hüllen abgenommen haben. Die eine zieht noch in größter Seelenruhe ein Paar schwarzwollene Handschuhe aus, die sie für die Fahrt gut genug erachtet hat, und kalkweiße Glacéhandschuhe an.

Der Fürstin Geschmack sind ältere Damen ohnedies nicht. Unangenehm ist nur, daß die beiden eisgrauen Thorsteinerinnen mit den blaustählernen Augen und den prachtvollen Zähnen hinter welken Lippen so sehr tief auf sie herunter sehen. Hinaufimponieren ist immer so schwer.

Der Fürst ist von der herzlichsten Liebenswürdigkeit, sie kommt gar nicht an mit ihrer Kühle. Und offenbar sind die Originale in der Thorsteiner Familie mehrfach vertreten. Denn die eine, die die tiefste Stimme hat, die ein weibliches Wesen überhaupt haben kann, sagt zu dem Fürsten:

»Daß Harro sich so durchtrotzen würde und nun dafür noch eine schöne Prinzessin bekommen soll, das hätte ich nicht gedacht.«

Und die andere fügte bei: »Es ist eine heidnische Pracht auf dem Thorstein; und wenn man hereinkommt, weiß man nicht, soll es eine Kirche oder ein Museum werden. Und man sieht sich nach einem Opferbecken oder einem Museumsdiener um. Ich möchte wissen, was sein Vater gesagt hätte. Einen Platz für seine vielen Peitschen und Hunde hätte er vergeblich gesucht. Die Prinzessin kann wohl sehr viel Kunst ertragen.«

Und der immer liebenswürdige Fürst beeilt sich, zu versichern, daß sie das könne.

Rosmarie steht ganz allein in ihrem alten runden Turmzimmer, dessen Türe nach dem Lindenstamm weit offen steht. Der goldrote Wald leuchtet herüber, die Linde zerstreut ihre Blätter auf die alten Steinfliesen.

Sie hat schon ihr bräutliches Gewand an, ihren langen Schleier und den grünen Kranz, dessen dunkelgrüne Blätter und weiße Blüten in ihre alte Spange gewunden sind.

Keine liebende Mutter hat ihr den Kranz auf die Stirne gedrückt und hat die Arme um sie gelegt, daß sie das Mutterherz hätte schlagen hören.

Die Lisa hat sie fortgeschickt, daß sie sich ankleide – ihr Vater hat ja viel zu viel zu tun, um nach ihr sehen zu können. Nachher wird er sie abholen.

Das liebe Zimmer ist ganz unverändert geblieben, wie ihr Schlafzimmer mit dem alten Muschelbett. Es hängen die Bilder und Studien da, die Harro ihr gemalt, da stehen ihre Bücher, in der Ecke ein kleines silbernes Teeservice, das sie einst so beglückt hat. Alles soll ganz so bleiben, wie sie es verläßt, daß sie jederzeit wieder zurückkehren kann in ihr Kinderland. Ihre Augen wandern hin und her in den vertrauten Räumen: die schönsten Stunden, die sie darin verlebt, die gehen ja mit ihr, die verdankt sie ja Harro. Und nun geht sie langsam die Stufen zum Lindenstamm hinunter, ihre weiße Atlasschleppe gleitet über die gelben Blätter, und die goldene Herbstsonne liegt auf ihrem Gewande und dem zarten Märchengebilde ihres Schleiers.

»Lebe wohl, Herzelinde,« flüstert sie in der Linde trockenes Rauschen hinein, und wie sie ihr schönes Haupt erhebt, trennt sich langsam ein großes goldenes Blatt von seinem Zweige, dreht sich ein paarmal in der Luft herum, wie ein großer Falter und sinkt dann auf ihre ausgestreckte Hand herunter. Ein schönes Blatt wie ein goldenes Herz, mit feinen grünen Adern. Sie schiebt das Blatt in das feine Plätzchen, wo sich köstliches Spitzengeriesel an ihren leuchtend weißen Hals schmiegt. Und nun füllen sich ihre Augen doch mit Tränen.

»Leb wohl, Linde, leb wohl, du roter Turm, wie hab ich euch lieb. Ach, vergeßt mich nicht. Und ich komme wieder. Hört ihr's, ich komme wieder.

Leb wohl, Gisela, leb wohl, Schönster. Ihr habt mich ja ganz vergessen, oder denkt ihr, ich brauche euch nicht mehr, weil ich nun ihn habe?«

»Wo er nur ist?« Sie hat ihn noch gar nicht gesehen. Ihr Vater meint, es bringe Unglück, wenn der Bräutigam die Braut im Schleier zuvor sehe. »Als ob mir Harro je Unglück bringen könnte.«

»Rosmarie!« Sie wendet sich. Dort im Schatten des Eingangs steht ihr Vater, und seine dunkeln Augen hängen an ihr, den sie nun verlassen wird, der heute das Licht aus seinem Hause hergeben soll, daß es ganz im tiefen Schatten liegt.

Aber für Gefühle läßt das Zeremoniell keinen Raum. Einen Augenblick kann sie noch ihre Arme um seinen Hals legen und ihre weiße Wange an seinen Kopf schmiegen, »ich danke dir, Vater, ich danke dir von ganzer Seele« flüstern, und dann reicht er ihr den Arm. In seinem Gesicht zuckt es auch, und ein paar schnelle Perlentropfen blitzen neben den vielen Ordenssternen und Kreuzen auf seiner Uniform...

»Rosmarie, zuerst hast du die Tanten zu begrüßen, und dann folge mir nur, wohin ich dich führe.« »Aber lieber Vater, wo ist denn Harro?«

»Hast du denn das vergessen? Du triffst ihn erst in der Kirche. Nimm deine Blumen und deine Handschuhe. – Ach, mein schönes, schönes Kind. – Du darfst nur ein paar Worte mit den Tanten reden, dann kommt sofort der Großherzog. Liebe Rosmarie, aus unserm Herzen gehst du ja nicht.«

Und nun gehen sie in feierlichem Schweigen den Prinzessinnengang hinunter. Durch die von Gobelins verhängte Pforte schlägt ihnen ein leises Summen und zartes metallisches Klingen von Sporen und Ordensketten entgegen.

Und wie sie in die große glänzende Versammlung eintreten, da wird es sofort still. Alle Augen richten sich auf die Braut. Mit leisem Erstaunen namentlich die Damen. Die Herren wissen ja nachher nur, daß sie wunderschön war und keine Toilette, sondern ein Gewand anhatte. Die Augen der Damen bleiben schon an dem Kranze hängen, der nicht ein weißgrünes Blumenornament ist, sondern, wie wenn sie ihn vielleicht selbst gewunden hätte. Ein richtiger Kranz, wie ihn jedes Bauernmädchen aufsetzen könnte, und der wundervolle Schleier mit zwei Griffen darüber gezogen. Aber der Fürstin ist zuzutrauen, daß dies eine allerletzte Feinheit ist.

Rosmarie erhebt ihre sanften Augen zu den dunkeln Tanten, so rührend vertrauend und liebevoll, daß die eine, die längste mit der tiefsten Stimme, sagt, was als Flüstern gelten soll: »Du schöner goldener Engel!«

Neben ihr steht ein alter, weißbärtiger Herzogs, dessen Augen bei ihren Worten aufleuchten:

»Das einzige richtige Wort, Gräfin.«

Der Prinz Robert Schillingsberg flüstert seinem Nachbar, einem alten General, zu:

»Wenn ich der Fürst wäre, für eine so wunderschöne Tochter hätte ich mir den Schwiegersohn auf Europens Thronen gesucht. Die Fürstin sieht ganz mesquin neben ihrer Tochter aus.«

Da ertönen vom Hofe her der Brautchor und zugleich verwehte Orgeltöne und Glocken. Glocken, viele Glocken, vom Berge herab schwingen sich die Töne, schweben aus den Tälern herauf, brechen sich an den Waldbergen drüben und kehren wieder. Die ganze Luft ist voll Glockentönen, sie fluten zu den hohen Fenstern herein, sie klopfen mit ihren starken Wellen an Rosmaries Herz.

Dir klingen sie, die du einst Vaters arme Kleine, das häßliche Entlein warst.

Es bewegt sich der lange glänzende Zug unter den Rosengewinden hin, zwischen deren weißen Blumenhäuptern die alten Mordwaffen blitzen. Stärker und feierlicher werden die Klänge. Sie überschreiten die teppichbelegte Schwelle, und der frische Herbsthauch erfaßt Rosmaries Schleier und weht ihn von den Schläfen hinweg, daß die Goldhaare aufglänzen.

Immer an Vaters Arm geht sie hin. Da fängt ihr Herz an ängstlich zu klopfen: Ja, wo ist denn Harro?

Und die Glocken dröhnen, und die Orgel jubelt, und sind es wirklich Knabenstimmen, die da von der höchsten Höhe der Kapelle kommen, oder sind's Engelchöre?

Oh, wie sich die Wellen der Töne auf Rosmaries Herz legen und es still machen und hinaufreißen, dorthin, wo die ewige Liebe wohnt.

Und nun hat sie Vaters Arm verloren, und Harro steht neben ihr. Ein blasser, ganz veränderter Harro. Der einzige dunkle Mann, unter all diesen glänzenden besternten Herrschaften. Eines Hauptes höher als alles Volk.

Der Herr Stiftsprediger steht vor dem blumengeschmückten Altar und richtet seine tiefliegenden Augen auf seine ehemalige Schülerin. Er hat sie nicht vergessen, er hat es immer bedauert, daß er nicht mehr mit ihr in Berührung kam. Und er weiß, daß sie neben dem Mann ihres Herzens steht. Sonst wäre ihm sein Dienst heute schwer geworden, denn er kennt die feine Seele vor ihm, und er hofft für sie und den Mann, dem sie sich vertraut, daß bei ihnen die Worte seiner Liturgie wahr werden möchten... daß eines das andere in den Himmel bringe.

Aber als Harro mit Rosmarie an den Altar tritt, da durchfährt sie ein leiser Schauer, – kältet das Kreuz so durch die bunte Blumenhülle, auf der sie steht?

Doch dann ist's verweht, und noch nie hat eine Braut den Herrn Stiftsprediger mit so großen, ernsten, sanften Augen angesehen. Und ihr Blick ist so tief, daß Hochwürden mit einem Male fühlt, daß er von seinem Manuskripte abgewichen ist und mit der Seele spricht, die da zu ihm aus den Augen blickt.

Und damit geht auch durch diese so zusammengewürfelte Gesellschaft, die zu einem Fest, zu einer vornehmen Familienfeier gekommen ist und diese Kirchensache eben so mitnimmt, ein Hauch der Andacht. Das ist ein wunderliches Wehen des Geistes, und kein Redner, der es nicht fühlte, wenn seine Wogen an ihn herankommen.

Das seltsame und unbestimmbare Element der Gemeinschaft, das man nicht messen und wägen kann, und das doch so sicher vorhanden ist und seine Ströme aussendet und an all die in ihren Leibern eingesperrten und gefangenen Seelen herankommt und sie bezwingt.

Dann hört Rosmarie die Worte der Einsegnung und erschauert über ihnen, und Harros gute, eisenharte und starke Hand hält ihre Hand, die so weich und zart und schmal ist. Und dann wird für Rosmarie alles in einen goldigen Nebel gehüllt. Sie steht auf einmal wieder im Waffensaal unter den Rosen, und Mama küßt sie spitzig auf die Wangen, und man küßt ihr die Hand, und so viele Menschen, deren Titulaturen ihr so sorgfältig eingeprägt sind, und die sie gar nicht verwechseln soll, reden mit ihr und wünschen Glück und Rosmarie gibt sich die größte Mühe, alles recht zu machen, und weiß es doch über dem goldenen Nebel nicht, ob es ihr gelingt. Und nun wieder Musik und die festliche, mit Blumengewinden geschmückte Tafel im großen Saal, dort ihr Platz neben Harro unter einem Baldachin, aus weißen Rosen gewebt, mit Rückwänden aus grünsilbernem Brokat.

Und man tut, als ob man äße, und dann hält Vater eine Rede, von der Rosmarie weiß, daß sie ein diplomatisches Meisterstück ist, denn keiner der hohen Gäste, die alle ja irgendwie verwandt sind, darf unberücksichtigt bleiben und alles in bestimmter Reihenfolge.

Und Harro sagt leise zu ihr, sie hat ja nicht gewagt, mit ihm zu sprechen, aus Angst, daß sie darüber die Welt da vor ihnen vergäße:

»Welch ein Glück, daß der Bräutigam den Mund halten darf! Und Rosmarie, trinke doch einen Tropfen Wein und versuche dies unschuldsweiße, mir ganz unbekannte Ding auf deinem Teller, und sieh nicht ganz aus wie ein verklärter Geist. Ich möchte aufstehen, brennend gern, und dich von drüben in deiner grünsilbernen Altarnische sehen, gar zu gern möcht ich's.«

»Aber man darf nicht, Harro.«

»Nein, leider darf man nicht. Man darf vieles nicht.«

»Und du hast ja auch eine Altarnische.«

»Meinst du, es sei nicht köstlich gewesen, es in Tante Ulrikes Augen aufblitzen zu sehen, wie sie mich darin installiert fand? Ist sie nicht einzig, die Tante Ulrike? Wir müssen sie noch halten; die Tantenstube, die ich für sie gebaut – sie verweigert glattweg es zu glauben –, die für sie bestimmt ist, wenn sie einmal ihrem Stift entrinnen möchte, muß sie sehen.«

Und Harro lächelt so eigen und sieht in dem Augenblicke ganz verschmitzt aus. Die Tanten bringen einen solchen Jugendhauch mit, und wenn er sie ansieht, so kommt er sich zwanzig Jahre jünger vor.

»Und nun, Rosmarie, sehe ich an Vaters Augen, daß das Symposion bald ein Ende haben wird. Meine Nische, obgleich sie mich liebreich beschützt, beengt mich doch mächtig. Sag mir, darf ich dich noch ein einziges Mal sehen – nicht nur wie jetzt, als Anbetungsgegenstand in Nischen, ehe dein Schleier fällt?«

»Ich weiß nicht... Ach, Harro, es ist so wunderlich... Sieh, das schöne blasse dunkle Mädchen mit den Augen –, ›was hat man dir, du armes Kind, getan?‹ – in dem Gewand von Fliederblütenhauch. Oh, wie ist sie lieblich!«

»Es ist eine Prinzessin Tarn und Cousine, und ich sehe sie heute zum ersten Male und vielleicht zum letzten Male!«

»All die Menschen, die nur um unsertwillen gekommen sind, wir sehen sie so nicht wieder, und sie ziehen alle wie Schatten vorüber, fort – zu den vielen Schatten, die schon durch den Saal gegangen sind, und auch wir gehören zu den Schatten...«

»Jetzt nicht philosophisch werden. Liebste... Augen links ... nun hält der Großherzog seine Rede. Lächle lieblich, Rose. O Himmel, sollte ich nun etwas tun oder nicht?«

Bald ergießt sich die ganze glänzende Versammlung über die Gemächer. Noch einen Augenblick faßt das farbenprächtige schimmernde Bild, die Toiletten der Damen, die Uniformen der Herren, der vornehme Rahmen des alten Saals mit seinen Gemälden und goldenen Wappen ein.

»Wie seltsam ist es zu denken, daß eben hier das Seelchen mir den Ring brachte. Wer weiß, ob traumhaft in ihr schon das lag, was heute geworden ist,« denkt Harro.

Dann berührt ihn die Hand des Fürsten: »Du gehst jetzt mit Rosmarie noch hinüber in den blauen Saal, und dann verliert ihr euch.«

Über Harros Gesicht zuckt es.

»Und Harro, wenn du dein Wort –«

»Nichts davon, Vater!« Aus seinen Augen schießen stählerne Blitze. Aber der Fürst ist schon vorübergangen, und nun setzt sich alles langsam in Bewegung.

Einen Augenblick steht noch Rosmarie mit Harro neben dem Herrn Stiftsprediger.

»Ich danke Ihnen so sehr, ich danke Ihnen ja so viel, und heute war es wieder wie damals, als ich bei Ihnen lernen durfte.«

»Das habe ich auch nicht vergessen, Durchlaucht. Gott geleite Sie und Ihren Herrn Gemahl!«

»Und denken Sie nicht, daß ich alles vergessen hätte. Ich habe immer Heimweh, und ich werde es immer haben!«

Und dann trennt sie ein Blick des Fürsten, und der Herr Stiftsprediger kann mit dem wunderlich feinen Wort seiner besten Schülerin nach Hause gehen.

Harro fragt sie: »Wonach hast du Heimweh, Holdseligste?«

Aber eine Antwort wird ihm nicht.

Rosmarie geht nun neben dem Fürsten und senkt ihr schönes bekränztes Haupt tief herab zu ihrer Stiefmutter, die sagt: »Ich werde mit dir hinübergehen, der Fürst wünscht es. Ich habe dir etwas zu geben.«

Und als nun Harro im Vorsaal Rosmaries Hand ergreift und mit ihr in den Prinzessinnengang verschwindet, da rauscht es sofort hinter ihnen mit hartem klirrendem Rauschen. Die Fürstin kommt hinter ihnen her. Harro läßt fast instinktiv Rosmaries Hand sinken.

»Vater dirigierte uns hierher.« »Und mich auch,« stößt die Fürstin mit eigentümlich heiserer Stimme hervor. »Es gehört zu den heiligen Braunecker Riten, daß die Mutter mit der Tochter verschwinde. Also... Nun, wir werden es kurz machen.«

Rosmaries Hände werden eiskalt und ihre Augen dunkel, sie greift fast blindlings nach Harros Hand und zieht ihn mit sich in das runde Zimmer.

»Ich denke, du machst jetzt Toilette, Rosmarie.«

»Das will ich tun, und Harro kann ja so lange auf den Lindenstamm gehen.«

»Ich bin gehorsam wie ein Lamm und tue den ganzen Tag nur, was man mir sagt. Soll ich mich jetzt hinausbegeben?«

Aber Rosmarie hält ihn fest, er fühlt, wie sie bebt, an dem Wallen ihres Schleiers. Einen Augenblick kreuzen sich die Blicke der Damen, wie blitzende kleine Dolche gegen ein breites leuchtendes Schwert. Dann zuckt die Fürstin die Achseln.

»Ich soll dir dies geben.« Und sie nestelt an der Tiara auf ihrem Haupte.

Dem Thorsteiner wird es sehr unbehaglich. Er hat ein Gefühl, als ob er einem Duell beiwohne, bei dem die Gegner unsichtbar aufeinander stechen. Die Fürstin legt die Tiara mit den großen herrlichen Steinen auf den Tisch mit einem Ruck, der ihnen noch einmal ein wildes Feuer entlockt.

»O Mama, ich bitte dich, tu das nicht! Ich liebe die Steine gar nicht, sie blitzen mir zu sehr. Sie passen so viel besser zu dir. Behalte sie, Mama! Es ist nicht recht, daß ich sie habe und du nicht. Du bist die Fürstin. Ich bitte dich darum, Mama.«

»Das kann unmöglich dein Ernst sein, Rosmarie, du wirst es morgen nicht wahr haben wollen... Harro, das Kind meint, man finde solche Steine am Wege.«

»Es ist Rosmaries Sache,« sagte Harro, »und ich glaube nicht, daß sie etwas zurücknehmen wird, was sie einmal getan.«

Rosmarie ergriff mit scheuen Händen das Diadem und hielt es ihrer Mutter hin: »Ich bitte dich, sage Vater, daß ich dich sehr gebeten habe, es zu behalten, und daß ich meine, es gehöre der Fürstin. Harro, ich brauche das niemals.« »Ich werde dir nie etwas darein reden, was du mit deinen Sachen tust,« sagte Harro sehr gemessen.

Die Fürstin lacht hart auf: »Du bist ein Närrchen.« Und griff nach dem Schmuck, ohne Rosmaries Hand zu berühren.

»Und nun denke ich, habe ich meinen Mutterpflichten genügt. Rosmarie, wenn du dies vor deinem Vater nicht vertrittst!«

»Aber Mama, das werde ich doch nicht tun. Ich schreibe ihm morgen früh gleich ein Billett und sage ihm, wie sehr ich dich gebeten hatte.«

»Denn schließlich ist es nicht mehr als billig. Du hast als Malersfrau wirklich keine Verwendung dafür. Und nun leb wohl. Gott! nach Thorstein hinüber – da ist wirklich kein tragischer Abschied nötig.«

Sie nickte noch, Harro riß ihr die Türe auf, und sie rauschte hinaus, ihre Beute in der Hand.

Kaum war sie verschwunden, so warf sich Rosmarie an ihres Mannes Hals: »O Harro, daß du bei mir bliebst, daß du nicht hinausgingst auf den Lindenstamm...«

»Aber Liebste, was ist dir denn, du zitterst. Was war denn das für ein stummes Spiel vor meinen Augen?«

»Harro, ich weiß nicht. Ich fühlte – nein Harro, du brauchst es mir nicht zu glauben! Ich bin eine Närrin. Ich glaube, ich habe mich noch einmal losgekauft!«

»Du bist so furchtbar erregt! Wovon hast du dich denn losgekauft? Mußtest du ihr denn deiner Mutter Schmuck nachwerfen? Gedankt hat sie dir nur mit etwas, das von Ihr als Beleidigung gedacht war. Ich weiß ja, du nimmst die Malersfrau nicht so auf.«

»Rede nicht mehr davon – kein Wort, Harro – ich habe mir etwas eingebildet, gewiß nur eingebildet... du sagst ja immer, ich sei so phantasiereich. Und brauche ich denn Diamanten, du weißt, ich liebe sie nicht!«

»Erregt bist du, Seele. Und nun müssen wir ja vernünftig werden. Heute! Sehr weise und vernünftige Leute! Und nun laß dich ansehen. Sie haben mir ja kaum Zeit dazu gelassen. »So sieht eine Braut aus!«

»Deine Braut, Harro!«

Er hielt sie vor sich in seinen Armen und sah, wie die Erregung und die Angst von vorhin schwand, und wie eine leise Seligkeit von ihrem Herzen aufstieg und ihren Rosenschein auf ihre Wangen warf.

»Deine Braut, Harro –«

Aber Harro schwieg nur und seine sonnenhaften Augen sogen das schöne Bild ein.

Draußen auf den Steinplatten sanken in trockenem Rauschen die Goldblätter von der Linde.

Ein leises Klopfen: »Der Wagen, Durchlaucht.«

Rosmarie machte sich sanft los. »Nun, Harro, gehst du auf den Lindenstamm, ich werde gleich fertig sein.«

Er nahm ihr mit sanften Händen den Kranz vom Haupte und den Schleier: »Frische Kränze gibt es immer wieder. Und den Schleier nimmst du mit.«

»Aber Harro, den trägt man doch nur einmal.«

»Schwanenjungfrauen auch öfters, Rosmarie.«

Und Harro ging auf den Lindenstamm hinaus.

Die Sonne ging eben unter, als die junge Gräfin von Thorstein durch die Pforte fuhr, die der strahlende Märt ihnen aufriß. Die weißen Tauben kreisten in schönen Flügen um den Bergfried, und die Sonne lag als goldenes Feuer in den Scheiben des Hauses Thorstein.

Der alte Brunnen sang leise vor sich hin, weit offen standen die Tore der Halle, aus denen düstergoldiges Funkeln drang. Hand in Hand überschritten sie die Schwelle der neuen Heimat.

»Es ist so feierlich, Harro, und ich meine, ich träume!«

»Mir ist's auch fremder geworden – was ich mir selbst doch erdacht, nun all das Geräusch des Handwerks fort ist. Und du hättest es mit deinem weißen Kleid und Schleier weihen sollen. Dann wäre es erst ein Fest geworden. Aber nun komm in den Schmollwinkel. Und gestatte – hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein –, daß ich diesen Bratenrock, dies Knechtshabit, von mir werfe.«

»Ja, Lieber, und wenn du willst, so ziehe den Lodenrock mit den Hirschhornknöpfen an, wenn du ihn noch hast.«

»Ganz so schlimm werde ich es nicht machen. Und nun noch eins. Die Tanten werden bald kommen. Sie wollten nicht, die guten Seelen; ich mußte sie mit List dazu kriegen. Sie werden in Brauneck in den Wagen steigen in der Meinung, sie führen nach dem Kupferberger Bahnhof, ich habe behauptet, es wäre besser so, sie hätten direkten Anschluß. Dort sei auch ihr Gepäck. In Wahrheit bringt sie aber der Kutscher Hack hierher. Es ist dunkel bis dahin, und die Tanten kennen die neue Chaussee noch gar nicht. Sie merken nichts, und auf einmal sind sie wieder da. Oh, wird Tante Ulrike wütend sein und mich schimpfen! Sieh, ob sie nicht einen Griff nach meinen Haaren tut, den pädagogischen Griff, mit dem sie meine unerfahrene Jugend geleitet.

Rosmarie, du bist lieb gegen sie; ich freue mich so, unbändig freu ich mich.«

»Harro, werden sie nicht sehr böse sein?«

»Ach, du kennst die Art von böse nicht. Wütend wird sie sein, die Uli, die alte! Es macht sich aber sehr nett, wenn du sie ein wenig fürchtest, das schmeichelt ihnen.«

Und Harro verschwindet in sein Atelier durch den Gang, der es mit dem Haus verbindet. Rosmarie wartet auf ihn in dem Schmollwinkel, wo all ihre gestickten Bilder sie von den Wänden ansehen ... Und es ist sehr schwer zu glauben, daß sie nun hierher gehört. Es ist alles sehr schön, und an den leuchtenden Farben dort hängt viel heimliches Herzweh.

Sie weiß nicht recht, soll sie sich in das Musikzimmer, das allerdings, um seine Bestimmung erfüllt zu sehen, auf musikalische Gäste wartet, hineintrauen, oder ins Eßzimmer, oder in ihr eigenes Schlafzimmer. Lisa wird noch nicht da sein.

»Ich wollte, sie wäre da, dann hätte ich doch ein Stück von Brauneck.«

Und sie erschrickt beinah. Wie sie sich nach der Lisa sehnt. – Es ist eben doch nicht so leicht, von einem alten Leben in ein neues zu treten. Und wenn's der Himmel wäre!

Vielleicht fehlen einem da auch alte Schmerzen, denkt das Kind von Brauneck.

Und Harro findet sie auf der Schwelle des Eßzimmers, als wüßte sie nicht recht, wohin mit sich. Er hat sich schön gemacht. Hat einen blauen Samtkittel an und einen weichen liegenden Kragen, aus dem sein schöner kräftiger Hals so ganz anders aufsteigt als aus den steifen Röhren, kurze Beinkleider und statt der Weste eine breite schwarzseidene Schärpe.

»Das wird die Tanten noch besonders angreifen,« verspricht er. Rosmarie bewundert ihn sehr. Wenn er da ist, schwindet das Gefühl der Fremdheit. Seine starke, kräftige, lebendige Persönlichkeit erfüllt die Räume und macht sie heimatlicher.

Und sie gehen durch die Räume, die sein Riesenfleiß geschmückt hat. An vielen Orten ist seine Hand, überall sein Geist. An den Schnitzereien der Türen, an den Friesen, den Leuchtkörpern sind die Erinnerungen an die gemeinsamen Freuden.

Über dem Flügel als Leuchtkörper hängt Rosmaries blaues Männlein vom Schloß Schweigen und hält mit scherzhafter Warnung den Finger an die Lippen. Im Schlafzimmer ist an der Schranktüre der Herr Wurmhaber geschnitzt als Zwerg, mit einem goldenen Schuh sich schleppend.

»Rosmarie, nun, das meiste ist ja geworden – manchem sieht man vielleicht die Eile an.«

»Nur du, Harro!«

»Aber Liebste, es fehlt doch etwas. Irgend etwas!«

»Vielleicht, daß keine alten Sachen da sind! Aber auch die alten Sachen sind einmal neu gewesen.«

»Es fehlt etwas, das bei euch in Brauneck im Überfluß vorhanden ist. Sollte ich die Dinge doch nicht recht zusammengestimmt haben?«

»Nein, Harro, ich glaube es nicht... Aber können nicht auch Häuser Seelen haben?«

»Ich weiß nicht. Wenn aber je ein Haus aus heißen Mühen und manchmal schier verzweifeltem Ringen und Entbehrungen und Arbeitsqualen entstanden ist, so ist es dies, und danach dürfte es wohl eine Seele haben.«

»Es hat eine Seele. Aber sie ist vielleicht noch jung, Harro. Bedenke, wie alt die Hausseele in Brauneck ist. Was da alles an den Wänden hängt.«

Durch das offene Fenster dringt plötzlich eine tiefe Stimme:

»Und ich sage ihm, daß er ein Kapitalesel ist und nicht weiß, wo er seinen Kopf hat, und uns seit einer halben Stunde in der Irre fährt. Wenn der Fürst noch mehr solche Trottel hat...«

»Die Tanten,« ruft Harro entzückt. »Komm mit, Rosmarie.«

Hand in Hand laufen sie hinaus. Harro dreht im Vorübergehen das elektrische Licht an, daß der Schloßhof mit einem Schlage in blendendem Lichte erstrahlt. Da steht vor der Pforte Tante Ulrike schwarz und lang und schwingt einen Regenschirm gegen einen ganz zusammengedrückten Braunecker Lakaien, der am Schlag steht.

»Tante Ulrike, wie schön, daß du kommst. Es ist ganz recht so. Tante Marga, du steigst doch aus?«

Und er hatte sie schon herausgezogen, den Schlag zugeworfen, der Lakai war mit affenartiger Geschwindigkeit auf den Bock geklettert und der Wagen rollte davon.

»Halt, halt!« rief Tante Ulrike mit tiefster Stimme. »Er fährt fort, er fährt wahrhaftig fort. Ja, mein Sohn, und du grinsest! Solltest du...?« Und eine energische Hand im schwarzwollenen Handschuh griff in die Luft, denn Rosmaries weiße Hände halten sie umklammert.

»O bitte, liebe Tante Ulrike, sei nicht böse! Er wollte Euch so gern haben.«

»Wollte er? Ha, nun ist er gestraft. Einen Streich wollte er verüben – irgend etwas hatte er mit dieser konfiszierten Lakaienseele ausgeheckt – und das Schicksal nimmt ihn beim Wickel und führt ihm an seinem Hochzeitsabend zwei alte Tanten ins Haus. Das nennt man Gerechtigkeit. Was sagst du dazu. Marga?«

»Daß wir nun da sind. Wenn es in diesem Kunstgebäude so etwas wie Gastbetten gibt, so soll er uns die weisen, daß wir drin verschwinden,« seufzte Tante Marga. »Unser Gepäck ist zwar auf dem Kupferberger Bahnhof.«

»O liebe Tante Marga, komm mit mir herauf in die Tantenstube,« bittet Rosmarie, denn an Tante Ulrike wagt sie sich noch nicht.

»So Harro. Und ist das jetzt deine Kunst- und Zimmermalermontur! Sieh ihn an, Marga! Der Mensch hat eine Schärpe an wie ein Frauenzimmer und schämt sich nicht. Künstlerlocken wirst du dir wohl auch wachsen lassen.«

»O das wäre ganz schön,« sagt Rosmarie, »er läßt sie immer abscheren, wenn sie anfangen hübsch zu werden.«

»Na, na, junge Frau,« brummte Tante Ulrike, »er wird wohl hier alles durchsetzen. Aber ich kann nur herzlich sagen: den Erfolg von seinem heutigen Streich gönne ich ihm. Natürlich wünschest du, Harro, daß deine Tanten mit dir und deiner jungen Frau zu Nacht essen! An deinem Hochzeitsabend kannst du gar keinen innigeren Wunsch haben! Und nun, mein Sohn, sage ich dir: Wir werden uns nicht zieren, wir werden es tun!«

»Liebe Tanten, es freut uns ja so sehr,« bat und schmeichele Rosmarie.

Harro konnte kein Wort sagen. Er tanzte in auffälliger Weise herum, und plötzlich übermannte es ihn doch und er brach in ein dröhnendes Gelächter aus. Das nahm der Bergfried auf und widerhallte es, und der Brunnen machte eine wunderliche Reihenfolge von Tönen daraus.

Und Rosmarie lachte auch: »Harro, dein Bergfried kann lachen... O wie freu ich mich. Kommt, liebe Tanten.«

Ulrike folgte grollend wie ein fern abziehendes Gewitter. In der Empfangshalle erstrahlt im brennendsten goldenen Feuer die Mosaikbekleidung.

Tante Ulrike deutet nur stumm mit dem Regenschirm darauf: »Heidnisch!«

»Byzantinisch – altchristlich, Tante Uli.«

»Was hast du mit Byzantinern zu tun? Es muß eine betrübte Rasse gewesen sein!«

»Darf ich euch jetzt ins Tantenzimmer führen?«

»O ja, wir sind recht begierig. Auch byzantinisch?«

»Nein, gut Thorsteinisch.«

Rosmarie eilt voraus die schön gewundene Treppe hinauf in den Giebelstock, wo sich das sehr große dreifenstrige Zimmer befindet. Links und rechts je ein Anbau, durch eine leichte Rollwand abschließbar für die breiten, gastlich aufgedeckten Betten. Der Tanten Toilettengegenstände schon aufgelegt. Ein großer Rosenstrauß auf dem blanken Tische.

Marga drehte sich feierlich herum: »Ulrike – sie haben uns erwartet!«

»Ja, und Harro freute sich sehr und ihr müßt eine Weile bei uns bleiben. Unser Haus ist noch sehr neu und so schön und es fremdet ein wenig. Und was euch fehlt, bitte laßt es mich wissen, und habt Geduld mit mir, bis ich alles gelernt habe,« stammelte Rosmarie unter den starr auf sie gerichteten blau stählernen Augen.

Ulrike wandte sich zu ihrer Schwester und sagte, als ob sie Rosmarie in unermeßlicher Ferne erblicke, wo sie unmöglich ihre Worte hören könne: »Sieh dir dieses Kind an. Hast du je ein solches weißes Schäfchen gesehen!«

Rosmaries große graue Augen wurden feucht, aber Tante Ulrike nimmt sie in ihre Arme und küßt sie auf ihren goldenen Scheitel.

»Geht jetzt hinunter, Prinzessin Tausendschön, und schicke mir diesen langen Schlingel von einem Harro herauf. Ha, ich bin schon öfters mit ihm fertig geworden!«

Das »Ha« der Tante Ulrike hat so etwas Bedrohliches, daß Rosmarie noch einmal bittet, Harro seinen Scherz doch nicht übel zu nehmen.

Tante Marga hat sich in einen tiefen Stuhl gesetzt und nickt Rosmarie zu: »Wir lassen ihn dir am Leben.«

Und so geht Rosmarie hinaus, findet aber zu ihrem Erstaunen Harro an der Türe, er muß gehorcht haben. Er nahm sie in die Arme und küßte sie schnell auf Stirn und Wangen und Haare, daß es ihr schier den Atem benahm.

»Geh hinunter, Seelchen, deine rotgeweinte Lisa ist da, Thorstein ist scheint's viel weiter von Brauneck als Bordighera. Sieh, daß sie dir dein Abendkleid nicht mit Tränen beträufelt.«

»Ach Lisa!« Und sie läuft sehr erleichtert hinunter zu dem Stück Brauneck.

Harro klopfte demütig an und wurde durch doppeltes Herein zum Eintritt ermutigt. Tante Ulrike kam ihm noch mit dem Hut auf dem Kopfe und erhobenem Regenschirm entgegen.

»Nun, Harro, ich frage: Was soll dies heißen!«

»Daß man doch auch in seinem eigenen Hause gern liebe Verwandte beherbergt,« antwortete Harro heuchlerisch.

»Ha!« rief Tante Ulrike kampfbereit und schwang ihren Regenschirm: »Liebe Verwandte!«

Harro duckte sich wie vor einem Schlage.

»Kinder,« ermahnte Marga, »macht es kurz. Bleiben wir oder bleiben wir nicht?«

»Ihr bleibt. Hat euch Rosmarie nicht lieb gebeten? Habt ihr je so etwas unglaublich Liebliches gesehen? Sie hatte Angst vor deinem Regenschirm, du könntest mir etwas antun. Tante Marga, hast du's gesehen? Sie fiel ihr in die Hand, als Uli nach mir greifen wollte.«

»Unsinn,« schnob Tante Ulrike. »Ich wollte, es wäre einer,« seufzte Harro. »Es ist aber leider keiner. Tante Uli, mach Frieden für heute. Lege deinen Schirm weg da zu den Rosen, die dir meine Rose hingestellt. Da hast du ihn gleich wieder. Ihr müßt also dableiben.«

»Wenn ein Mann eine Schärpe anhat, so ist etwas bei ihm nicht richtig, das ist mein Eindruck, Marga,« sagte Tante Ulrike.

»Es ist nur zu richtig bei ihm. Rosmarie fürchtet sich so allein in dem fremden neuen Haus, ihr sollt ihr nur ein wenig sich eingewöhnen helfen. Sie wird euch alles zulieb tun. Ach Gott, macht mir's nicht so schwer. – – Ich brauch euch. – Tante Marga, sei so gütig und sieh nach Rosmarie, ich muß mit Tante Ulrike sprechen.«

Tante Marga gab ihm einen ermunternden Klaps und ging hinaus.

Harro warf sich auf einen Stuhl, die Tante nahm ihren Hut herunter und zog ihre Handschuhe aus.

»Du bist ein Narr, Harro.«

»Ja, der bin ich. Aber besser ein Narr als ein Schelm. Sieh, die Rosmarie ist fast noch ein Kind in einer Beziehung. Eine Mutter hat sie nicht, die ein vernünftiges Wort mit ihr spräche. Es ist auch gar nicht nötig, es ist besser so.«

»Hm.«

»Gewiß, es ist besser. Sie wird gar nichts entbehren oder sonderbar finden. Sie hat ihr Schlafzimmer, in dem nur ihr Bett steht, mit der größten Selbstverständlichkeit angesehen. Ihre Mutter ist eine unangenehme Dame.«

»Geputzt wie eine Jahrmarktspuppe. Sie versuchte mir zu imponieren. Ha!«

»Nun, Rosmarie hat irgend etwas Schlimmes mit ihr erlebt. Ich konnte nicht erfahren, was. Unsere Hochzeit war auf das nächste Jahr bestimmt, wo Rosmarie zwanzig Jahre alt würde.«

»Zu jung, viel zu jung.« –

»Jetzt ist sie neunzehn. Noch heute hat sich Rosmarie über ihre Mutter in einer mir unerklärlichen Weise aufgeregt. Es kann sein, daß Rosmarie, die eine sehr blühende Phantasie hat, sich in etwas hineingesteigert hat.«

»Dieser Frau, die jedem Mann, der sich hinter sie stellt, erlaubt, daß er ihr bis in den Magen hinuntersieht, traue ich alles zu. Aber Künstlern gefällt das vielleicht. Heidnisch.«

»Jedenfalls, ob Rosmarie nun im Recht ist oder nicht, die Abneigung ist da und die beiden Damen können nicht beisammen gedacht werden.

Wohin aber mit Rosmarie? Zu ihrer Tante in Baden kann sie nicht. Die hat ja den Fuß gebrochen und ist bei dem Wundermann in Göggingen.«

Eine Pause.

»Hm, hm. Ja, ja! aber ein Narr bist du doch, Harro. Und wie lange soll das währen?«

»Bis Rosmarie zwanzig Jahre alt ist, nun, der Tag muß nicht gerade im Kalender stehen. Rosmarie war vor einem Jahr fast am Tode.«

»Was hat ihr denn gefehlt?«

»Kummer und wieder Kummer, sie verstehen sie alle nicht.

Du siehst doch ein...«

»Daß du ein Narr bist und etwas auf dich genommen hast, was du nicht vollbringen wirst!«

»Ich habe mein Wort gegeben.«

»Um so törichter von dir.«

»Es trifft nur mich. Sie wird nichts entbehren, und die Zeit wird herumgehen. Dann werden wir Hochzeit haben. Das wird ein Fest... Ein Rosenfest. Heute ja, man wurde kommandiert und begrüßt und hin und her geschoben und angestarrt wie ein neues Tier im Zoo. Und das fatale Gefühl dabei, daß sie an den Geldsack denken, den ich doch so mühselig und mit Knirschen schleppe. – Bah – nicht daran denken.«

»Harro, wenn du zu jammern anfängst in deinem verrückten Goldschloß und mit deiner Prinzessin Tausendschön. Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben. Es bekommt nicht jeder Leutnant a. D. und Ruinenbesitzer eine Prinzessin. Nun kann er auch etwas um sie ausstehen. Ha!«

»Tante Ulrike, du tust mir wohl vom Kopf bis zu den Zehen! Ein Stahlbad bist du! Es geht doch nichts über die lieben Verwandten. Und nun komm zu der Rose. Sonst meint sie, ich bekomme die ganze Zeit Schelte.«

»Ein Filou bist du aber doch, Harro,« sagte Tante Ulrike, und sie gingen einträchtig miteinander in das Speisezimmer hinunter, wo die gedeckte Tafel mit einer großen Schale Herbstveilchen darauf sie erwartete.

Rosmarie machte eine entzückende Hausfrau. Noch ein wenig nervös, aber sonst tadellos.

Tante Marga war sehr munter geworden und schien heute alles gesehen und gehört zu haben. Man saß noch eine kleine Weile im Schmollwinkel, dann erklärte Harro, daß Festlichkeiten etwas ungemein Zehrendes hätten, und daß die Tanten Rosmarie zu Bett bringen würden.

Und sie solle gewiß auf ihre Träume achten, denn sie sei nun der erste Mensch, der im Haus schlafe ...

»Ja wo bist denn du, Harro?«

»Ich schlafe immer noch im Atelier, auf meinem alten Bett: das habe ich aus der Ruine mitgenommen. – Und Rosmarie wird sich doch nicht fürchten?« »O nein, aber es ist sehr lieb, wenn die Tanten noch einen Augenblick bei mir sind.« Und Rosmarie lächelt zu ihm auf. »Gute Nacht!« ganz strahlend und selig. »Auf morgen!«

Die Tanten gehen hinüber, und die zwei steifen alten Damen sind wie Kinder mit einer neuen Puppe. Sie streicheln ihr über die Hände und bewundern das herrliche Goldhaar und stehen an ihrem Kissen wie zwei lange dunkle Wächterinnen.

Und die junge Seele des neuen Hauses tut ihren ersten Atemzug.

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