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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
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Vierundvierzigstes Kapitel: Die Heilige und ihr Narr.

Harro ist auf den Bahnhof gefahren, um Hans Friedrich abzuholen. Eine goldene Welt übersieht man von dem Break aus. Die Felder in ihrem Ernteglanz und darüber der schwer graublaue Himmel. Vom Raine nicken noch die Kornblumen und glüht der Mohn, aber ihre Zeit ist gekommen und das Lied vom Sichlein geht durch die Luft. Wie das wogt und rauscht, der goldene Segen.

Hans Friedrich läßt seine entzückten Augen darüber gleiten. Er hat es ja im Winter gesehen, aber wie verändert sich das Land, wenn der liebe Sommersegen darauf liegt.

Harro lenkt seine Pferde. Hans Friedrich hat noch nicht zu fragen gewagt. Mit einem Schnalzen und einem leichten Ruck hält Harro an...

»Du kannst die Pferde einen Augenblick halten, Hans!«

»Um Gottes willen, Harro... Es sollen sehr kluge Tiere sein, die Pferde, und es sofort merken, wenn ein Dilettant an ihnen ist, und dann springen sie in die weite Welt, und siehst weder deine Pferde noch mich jemals wieder...« Harro lachte. Es war nicht mehr sein altes Lachen, aber es klang doch noch ein wenig danach. »Wer hat dir diesen Bären aufgebunden, Hänschen? Ja, dann mußt du eben heruntersteigen. Sieh dort den Gänseblumenbusch. Den ganzen nehmen wir mit. Nicht säuberlich abpflücken, das dauert zu lange, sondern mehr en gros. Ei, du hast begriffen, Hänschen, sieh mal, zu was du dich hinauf entwickelst. Ich werde dich kutschieren lehren. Als erstes darfst du die Peitsche einmal halten. – So, den Busch legst du da hinein.«

»Harro, hast du so genug an deinen schönen Pferden? Sie tun mir leid, die freundlichen Tiere. Ich werde sie in einen Mühlgraben befördern, und aus Scham werde ich nicht wagen, selbst wieder herauszusteigen und muß in dem nassen Element verbleiben.«

»Das nasse Element! Aber hast du den Segen verwahrt? Er ist für die Frau.«

Nun mußte Hans Friedrich daran... »Wie geht es Ihrer Durchlaucht?«

»Ach, immer gleich, sie ist jetzt am Zürichersee. Ihre Nerven sind immer gleich schlecht, und sie muß zu einem Schatten abgemagert sein und Tag und Nacht keine Ruhe geben. Ihre Laune muß dementsprechend sein.«

»Harro, unmöglich!«

Harro sah ihn an, und diesmal lachte er ganz hell. »Ach, meine Schwiegermutter hast du gar nicht gemeint, sondern für meine Frau hast du dich so angestrengt.« Dann wurde er wieder ernst und sagte: »Es geht nicht schlechter, es geht vielleicht ein wenig besser... Hans, es wird dir einen Stoß geben, wenn du sie siehst.«

»Lieber Harro,« sagte Hans Friedrich mit der ihm eigenen zarten Bescheidenheit. »Es hat mir jedesmal einen Stoß gegeben, wenn ich sie sah. Verzeih, daß ich es dir sage. Aber schließlich mußt du wissen, wie sehr ich dir dankbar bin, daß ich in eurem Hause sein durfte. Wenn ich irgendwo ein schönes Gold funkeln sah, und wenn es nur an einem Rahmen war, dann trat mir in dem Goldglanz euer Haus entgegen. Obgleich ich nie mehr ein Gold gesehen habe, das so leuchtet wie das in eurem Empfangsraum, wenn die Lampen angezündet sind. Wenn ich die himmlische Seligkeit erreichte und sie würde nach meinem Geschmack eingerichtet, dann möchte ich durch euren Vorraum hinein gelangen, da blieb ich dann hängen.«

»Mon cher, doch nur mit den seligen Melodien, die im Innern sind, Hänschen... übrigens, Hans, schöne Tage willst du bei uns erlebt haben?«

»Schön, Harro, sagte ich so? Dann war es nicht richtig. Die schönsten Tage meines Lebens ...«

Harro sah ihn an. »Du bist eine Seele. Hast du auch gewiß genau gerechnet? Schön, schöner, am schönsten. Nicht, daß wir uns umsonst in die erste Reihe begeben. Wir wären nämlich mächtig stolz darauf... und auch diesmal wirst du schöne Tage erleben. Unsere Wälder im grünen Sommerrock, der Garten, der sich schon sehr schön herausgeputzt hat... Wir essen schon die ersten Früchte. Gelbe Sommerbirnen. Und Rosmarie freut sich auf deine Musik. Und ja, ich vergesse die Hauptsache, du wirst wohl die Ehre haben, den jungen Heinz zu begrüßen. Seine Erziehung ist zwar im Augenblick ziemlich vernachlässigt, seine Unarten sind sehr ins Kraut geschossen, er kann leider nicht mit dem Stolze gezeigt werden, mit dem das noch vor einiger Zeit möglich war. Er war ein Musterknabe, mit dem Akzent auf ›war‹. Und dann ist noch meine Tante Ulrike da. Erschrick nicht zu sehr, wenn du sie siehst; sie meint es nicht so schlimm. Sie hat übrigens die tiefste Altstimme, schade, daß sie so eine alte Dame ist.«

»Freilich schade. Für meine erste Sängerin in dem Chorwerk die eine Hälfte... Nun, das werd ich dir noch erzählen.«

»Darauf brennt meine Frau. Weißt du, das gehört zu ihrer Dichtung. Sie hat doch jetzt viel Zeit, sie muß viel liegen, und ihr Leben ist eben auf die paar Orte beschränkt, wo man sie hintragen kann. Ja Hans. Nie mehr einen Schritt, seit sie... Und da hat sie sich nun hineingedichtet, und ihr Dämon, du erinnerst dich?«

»Ja, Harro, gewiß.«

»Ihr Dämon, die Frau im Silberkleid, der sie ähnlich sehen soll, die ist nun zu der Schreiberin des Chorwerks geworden.«

»Ach, die schönste Frau, die Holdseligste, die Heilige, die Frau mit den sieben Farben, die Kaiserin, die Gisela!«

»Hänschen, ich staune, wie kommst du zu all den Namen?« »Aus der Partitur stammen die. Mein einziger Leitfaden durch das entsetzliche Labyrinth. Mit Rotstift geschriebene Ausrufe und Ermahnungen und Korrekturen. Es ist jedenfalls die Schreiberin, die so genannt wird. Ihr Heiligenschein spielt eine große Rolle.«

»Hans, du erschütterst mich, sei vorsichtig mit deinen Enthüllungen, ich bitte dich, bei der Frau. Sie wird die größten Augen machen. Nun, wenn sie umdichten muß, soll es mich freuen. Und der Komponist?«

»Das kann niemand anders sein als der Graf Heinrich Friedrich von Brauneck. Er gibt sich zumeist einen andern Namen. Und zwar der Herrgottsnarr oder nur der getreue Narr, der Demütige, der Klagende.«

»Dann ist er es. Nun, Hans, dann hat sie den Titel zu ihrer Dichtung: Die Heilige und der Narr. Das muß ein höchst merkwürdiges Zweigespann sein.«

»Lieber Harro, darf ich dich auf etwas aufmerksam machen? Wenn du im Stil bleiben willst, mußt du sagen: Die Heilige und ihr Narr. Er ist nicht ohne sie zu denken. Eine überaus geistvolle, warme, glänzende Persönlichkeit, Harro, also wohl nur ihr gegenüber der Narr. Wenn er auch der Welt gegenüber vielleicht in seinem Stande durch seine Musik, die er bitterernst betrieben haben muß, doch einen seltsamen Anstrich bekam. Könnte man wohl bei dem liebenswürdigen Herrn Rat etwas mehr über ihn erfahren? Auch wer mir sein armes Werk in einem so chaotischen Zustand hinterlassen hat?«

»Ich bin ganz überwältigt von deinen Enthüllungen, die Rosmarie wird an deinen Lippen hängen, ich könnte dich darum beneiden. Und dann ein Mann, der seine eigene Frau eine Heilige nennt – nein, weißt du, ich traue ihr sehr viel zu, und das Wort, das man sonst nicht gerade ernst zu nehmen braucht, gewinnt dadurch Interesse, weil es doch vielleicht meine Diagnose ihrer Handschrift bestätigt.«

»Er nimmt das Wort ernst, Harro! Bitterernst, meint man manchmal. Er nennt sie manchmal ›grausame Heilige‹! An Stellen, wo es klingt wie eine Klage...«

»Grausam... Du, das Wort müßt ich mir von meiner Schreiberin verbitten...«

»Vielleicht nicht gegen andere, gegen sich selbst scheint sie es gewesen zu sein. Ihr eigener Mann, der sie doch jedenfalls kennen muß, der wirft es ihr vor. All diese Ausrufe und Bemerkungen sind übrigens so intim, daß ich mir manchmal unbehaglich vorgekommen bin – wie es einem zumute ist, wenn man, ohne es zu wollen, ein intimes Gespräch mit anhören muß. Sie müssen im Leben nicht daran gedacht haben, daß diese Dinge je in andere Hände kämen.«

»Nein, es muß auch nicht leicht sein, der Mann einer heiligen Frau zu sein... Ich denke mir, man steht da ewig vor verschlossenen Türen, hinter denen die Frau ihre Andacht hält. Hoffentlich muß die Rosmarie umdichten. Es haben sich wunderlicherweise sehr viele kleine Einzelheiten ihrer Träume nachher bestätigt. Einen Fall habe ich selbst erlebt. Ich erzählte dir vom blauen Männlein. Unzählige sind aber dazu gekommen. Mit jeder neuen Bestätigung bekommt, wie mir scheint, der Schatten, der Dämon mehr Blut zu trinken und wird dadurch, ja wie soll ich sagen, gegenständlicher. Früher, als Kind, hat meine Frau Zustände gehabt, die manche für Visionen gehalten haben ... Nun bei ihrer Schwäche habe ich Angst, das könnte sich wiederholen... Also nun Hans, nimm dich zusammen und vergiß nicht, was ich dir sage.

Wenn du in deinen Erzählungen an einen Punkt kommst, den ich für gefährlich halte, so werde ich dir ein Zeichen geben.«

»Lieber Harro, drücke dich sehr deutlich aus! Sonst werde ich jede Bewegung von dir für ein Zeichen halten. Kannst du nicht ein Motiv pfeifen, etwa den ersten Takt aus dem C-Moll-Quartett von Brahms?«

»Himmel, Hänschen, willst du nicht lieber meine Gäule kutschieren?«

»Ach, ich vergaß,« sagte Hans Friedrich, »es würde sich ja auch niemals schicken, vor einer Prinzessin zu pfeifen.«

»Motive vielleicht schon. Aber das kann ich nicht, Hans, ich werde taktieren. Einen Vierteltakt, und wir bleiben im Stil, was immer eine Beruhigung ist.«

»Der wunderschöne Schloßhof!« rief Hans Friedrich.

Eine kleine Gruppe stand zu ihrem Empfang da. Der Fürst, seinen Enkel an der Hand, und die alte Gräfin. Für Hans Friedrich fast überwältigend. Der kleine Heinz war so vertieft in den Anblick der Gäule, daß er von dem Herrn nur sehr geringe Notiz nahm. Die junge Gräfin war nicht sichtbar... Der schöne, nickende Gänseblumenbusch wurde zu ihr getragen und mit allem Gras und Krautwert dazwischen in einen großen kupfernen Weinkühler gesetzt, so daß er ein Eckchen Sommerland in das Zimmer trug.

Der Fürst blieb zum Essen da, das sehr viel förmlicher war als Hans Friedrich von früher her im Gedächtnis hatte. Es servierte auch ein Diener, und der Platz der Hausfrau war leer. Der Fürst interessierte sich sehr für das Chorwerk und die Möglichkeit, es aufzuführen.

Hans Friedrich, der seine Schüchternheit sofort verlor, wenn er in seinem eigenen Sattel saß, erläuterte ihm, daß er schon mit dem Dirigenten des größten Gesangvereins, bei dem er Einfluß hatte, gesprochen, und daß sich jedenfalls im nächsten Winter ein oder das andere Chorstück aufführen ließe. Die große Schwierigkeit, und die sei wohl unüberwindlich, liege aber in den Einzelstimmen. Man könne nicht sagen, es sei eine Sopranpartie, denn diesem Sopran werden auch Altlagen zugemutet. Die Partie verlange einen ganz ungewöhnlichen Umfang. Auch unter den großen Sängerinnen wüßte er keine, deren Stimme einen so großen Umfang hätte. Das Seltsame sei dagegen, daß, während sonst die alten Meister in Tenören schwelgten, die man bei der jetzigen Tenornot kaum aufzubringen vermöge, die männliche Hauptpartie nur in angenehmer, umfangreicher Baritonlage gehalten sei.

Der Fürst sagte: »Wie schade. Ich hoffte, meiner Tochter die Freude machen zu können, daß sie einmal etwas von dem Werk, für das sie sich nun einmal interessiert, zu hören bekommt. Wenn es sich nur um Chöre handelte, so habe ich neulich gehört, daß ein großer Chor im Sommer eine Kunstreise mache. Ich fürchte, meine Tochter wird noch einige Zeit nicht kräftig genug sein, reisen zu können. Wenn wir nun einen Chor nach Brauneck bekommen könnten. Sie studierten die Sache mit ein, eine sehr schöne neue Orgel haben wir ja. Da könnte meine Tochter doch die Freude haben.«

»Lieber Vater,« unterbrach Harro, »du kannst doch nicht einen ganzen Chor nach Brauneck kommen lassen! Mit Orchestern dazu. Wo bringst du die Leute denn alle unter?« »Dies laß meine Sorge sein, Harro,« antwortete der Fürst.

»Dies wäre ja auch nur das mindeste, aber du mußt bedenken, daß eine solche Sache auf einen bestimmten Tag festgelegt werden muß. Und Rosmaries Befinden ist so wechselnd, daß es eine Aufregung wäre, ob sie nun gerade dann kräftig genug wäre, die Fahrt nach Brauneck zu unternehmen und noch den Aufenthalt in der Kirche auszuhalten.«

»Nun, Harro, du darfst mir zutrauen, daß ich auch das bedenke. Rosmarie kommt einige Tage vorher nach Brauneck. Sie hat mir ja ohnedies einen Besuch versprochen. Und wenn sie dann einmal da ist, wollen wir die Zeit auch nicht so knapp bemessen. Innerhalb drei Tagen wird sich doch eine Zeit finden.«

»Entschuldige, Vater, ich weiß doch nicht, ob du dir diese ganze Riesensache klar gemacht hast. Hans, was kann denn das ungefähr kosten...«

Hans Friedrich senkte seinen Kopf auf den Teller, rückte seine Birnen und das Obstmesser und die Krawatte und sein Glas hin und her und sagte dann: »Ohne Solisten, Harro?«

Der Fürst lächelte und reichte ihm sein Obstmesser und sein Weinglas hin: »Addieren Sie den Sopran und den Bariton auch noch dazu.«

Der Künstler hob den Kopf und sagte: »Durchlaucht, das kostet ein Vermögen.«

Im Nebenzimmer war ein Geräusch entstanden, die alte Dame erhob sich und ging hinein... Harro zuckte die Achseln.

»Es ist doch eine sehr unsichere Sache, und man weiß nicht, ob es Rosmarie nicht mehr aufregt.«

Der Fürst erhob sich nun auch und ging ebenfalls ins Nebenzimmer... Harro blieb sitzen und Hans Friedrich auch.

»Hans, dies ist doch eine unmögliche Geschichte,« flüsterte Harro. »Mein Schwiegervater, sonst ein äußerst vorsichtiger alter Herr, sieht aus, als wollte er sich wirklich in das Abenteuer stürzen. Denk an all die Menschen in dem kleinen Brauneck.«

»Nun, man könnte hohe Eintrittspreise machen, aber freilich, das wäre nur ein Trinkgeld. Wie viel Menschen faßt denn die Kirche?«

»Oh, es mögen achthundert sein. Und glaube nicht, daß die Braunecker etwas zu zahlen gedenken. Fällt ihnen nicht ein. Was vom Schloß ausgeht, das müssen sie umsonst bekommen, sonst können uns die Ohren gellen. Sag doch eine Summe, Hänschen, dein Vermögen.«

»Nun, ich denke vierzigtausend Mark, Harro ... Aber dann führten wir natürlich nicht nur einige Chöre auf, wenn wir schon einmal die Leute hätten, sondern das Ganze. Märchenhaft, traumhaft, tausendundeinenachthaft wäre es, Harro! Sag, wo liegt der alte Braunecker wohl begraben?«

»Nun natürlich in der Gruft in der Kirche... Wo soll er sonst liegen?«

»Nun, denk einmal, Harro, wenn ihm, der nie einen Ton von seiner eigenen Musik gehört hat, in die er sein ganzes Feuer, seine Liebe und seinen Schmerz versenkt hat, nun nach zweihundert Jahren sein Lebenswerk über sein Grab klingt! Ich glaube an die göttliche Gerechtigkeit, Harro, und ich nehme an, er hört es. Weißt du, was tote, eingesargte Musik ist. Die nie erlöst wird aus ihrer Papiergruft?«

»Vielleicht. Mein schönstes Bild sieht auch kein Mensch.«

»Nein, Harro, du weißt es doch nicht. Du hast dein Bild gemalt. Du hast es vor dir, du hast alle Freuden und alle Leiden des Künstlers daran genossen. Dein Bild steht da. Dieser arme Künstler aber hat sein eigenes Werk nie zum Leben bringen können. Seine frohe, starke, sonnige Seele hat er da eingesargt, und nun soll die auf einmal zum Leben kommen. Sie soll jubeln, erheben, fortreißen, auf ihren Flügeln die Menschenseelen hinauftragen zu dem Ewigen. Und wie schön wäre es, welch ein Fest der Seele, diese Musik ohne jeden irdischen Beigeschmack genießen zu dürfen. In der Landkirche, eine andächtige Gemeinde unten im Schiff... Lieber Harro, ich muß doch den Mann kennen, mit dem ich mich seit einem halben Jahre immerfort beschäftige. So hat er es sich gedacht. Einen Konzertsaal, einen modernen, mit der Berufskritik und dem obligaten Konzertpöbel –, du kennst ja die Sache nicht, Harro. Es ist zum Beispiel auf Mitwirkung einer Gemeinde gerechnet. Gerade die schönste Stelle ist die, wo die Gemeinde ein altbekanntes Kirchenlied singt und drüber allerdings diese wunderbare Stimme der Sängerin schwebt. Es ist ihr zugetraut, daß sie das Orchester, die Orgel an einigen Stellen, und die Gemeinde und den Chor beherrscht...«

Der Fürst berührte seine Schulter, er war unbemerkt wieder hereingekommen... Er hatte einen Papierstreifen in der Hand, den er ihm vor die Augen hielt. Eine Zahl stand darauf.

»Würde das genügen?«

Hans Friedrich wurde dunkelrot. »Es würde reichlich genügen. Und Durchlaucht, aber dann das ganze Chorwerk.«

»Gewiß... Gewiß... Aber jetzt noch nicht vor Rosmarie davon reden. Es soll mein Geburtstagsgeschenk für sie sein. Still, Harro, er ist ja schon gewesen, aber ich durfte ja nur die paar Kleinigkeiten schenken, ihr waret zu streng mit mir. Und da habe ich mir gleich vorgenommen, daß ich mich dafür schadlos halte. Was willst du, Harro? Einige Pariser Toiletten, noch ein zweites Auto..,« Er zuckte die Achseln und ging wieder ins Nebenzimmer.

Der Diener räumte geräuschlos ab. Harro blieb sitzen, eine finstere Wolke auf der Stirn. Als sie allein waren, sagte der Künstler: »Harro, es ist dir ja nicht recht.«

Harro stützte seinen Kopf auf seine Hände und starrte vor sich hin... »Eigentlich kann ja mein Schwiegervater seiner Tochter gar nicht ein solches Geburtstagsgeschenk geben. Für einen amerikanischen Schweinezüchter oder einen unserer großen Fabrikherren wäre es wohl im Stil, aber für einen deutschen Fürsten doch nicht, an dem so viele alte Verpflichtungen hängen, daß ein Uneingeweihter das gar nicht begreift... Natürlich gönne ich meiner Frau jede Freude... namentlich wenn sie die auch genießen kann. Denn sonst gibt's ja nur Herzweh davon... Aber das würgt mich... eine solche Gabe gibt man eben einmal... und daß sie alle damit rechnen.« Er stand auf und stürmte auf die Veranda hinaus.

Halb zögernd folgte ihm sein Freund... aber der schien sein Kommen erwartet zu haben. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Verstehst du, Hans, wie mich das würgen muß... Wie sie damit rechnen, daß es das letztemal ist.«

Hans Friedrich zuckte zusammen: »Nein, Harro... nein!«

Ein wunderbarer Sternenhimmel glänzte über ihnen, wie eine dunkle Masse lag der Wald da, im Tal zogen weiße Nebelfrauen, und nur ein Ungewisses Blinken des Flusses drang herauf. Eine leuchtende Sternschnuppe zog am Himmel ihre Bahn...

Harro sagte leise: »Hänschen, ich weiß, es sieht jetzt bei dem alten Herrn wie kleinliche Bedenklichkeiten aus oder als ob ich um den Braunecker Beutel besorgt sei..., wahrend er sich gar nicht genug tun kann mit seiner Liebe. Ich bin jetzt sehr schwer zu haben; du wirst manches mit mir ausstehen. Ich bin sehr froh, daß du da bist... aber mache dich gefaßt... Daß ich meiner Rose gegenüber so viel als möglich den guten Mann mache, ist schon alles, was ich in dieser Zeit aufbringen kann. Ich gehe durch ein Chaos, ganz abgesehen von meinem Kummer. Sag einmal, du hast eben einige Worte gesagt, die sich mit deinem früheren Freidenkertum doch sonderbar vertrugen.«

»Mein Freidenkertum, wenn du es so nennen willst, Harro, war mehr ein künstliches Berliner Gewächs. Mit meiner eigenen Seele vertrug es sich herzlich schlecht. Die weinte manchmal wie ein Kind in mir und konnte durch nichts geschweigt werden. Nun habe ich aufgehört, mich selbst zu mißhandeln, und habe meinem Kopfe verboten, die arme Psyche länger zu quälen und darben zu lassen, und seither befinde ich mich in so erheblich gebesserten inneren Verhältnissen, daß ich mir als wahrer Krösus vorkomme.«

»Also ein sacrificium intellectus, Hans?«

»Selbst das kann ich gar nicht finden... Denk an den alten Heinz Brauneck mit seiner Musik. Sein ganzes Leben ein einziger großer Unsinn, eine große Kraft vergeudet, verklungen. Ein Stück von einem Bogen. Auch mein Kopf verlangt dringend einen Kreis. Den kolossalen Unsinn, den das Weltgetriebe ohne den Ausblick in eine Ewigkeit darstellt, erträgt auch mein Verstand nicht mehr. Als Künstler bin ich ja in der glücklichen Lage, mich nicht mit Dogmen abgeben zu müssen. Auch meine Kunst ist arm, wenn sie nur diesseitig ist. Sie muß ein jenseitiges Ohr annehmen. Sie ist mir die Sprache der Seele zu der Gottheit. Denk an den alten Bach. Denk an die Wirkungen, die seine Musik auf die verschiedensten Menschen ausübt. An seine Anbetung, seinen Dank, seine Trauer, seinen im Weh um das Kind der Welt gelösten Schmerz. Ja, was machst du aus ihm, wenn du das alles beschneidest? Einen Narren und Phantasten und aus seiner ganzen Arbeit ein Traumspiel. Der Heinz Brauneck war auch solch ein Phantast. Sein ganzes Denken ist jenseitig. Er komponiert weiter, obgleich er für sein ganzes Werk wohl nur die Sängerin und den Sänger gehabt hat. Aber er verlangt zwei Harfen, Orgel, großen Chor und zwar wohlgemerkt, nicht etwa Kirchenchöre oder die scheußlichen Kastraten, wie es sich Bach noch gefallen lassen mußte. Auch eine Sängerin in einer Kirche wäre im siebzehnten Jahrhundert einfach gesteinigt worden. Wir ertrügen noch viel leichter einen weiblichen Prediger. Aber der Mann komponiert ruhig weiter, gibt sein ganzes Herz her, und seine Frau, die Heilige, sie glaubte so innig an ihn und sein Werk, daß sie die Riesenmühe der Arbeit nicht scheut und aus seinen Notizen das Werk herstellt. Von seinen Notizen sind einige darunter. Sie geben einen Begriff von der Arbeit, die die Frau geleistet hat. An musikalischem Verständnis ist sie ihm gleich gewesen, an Geduld war sie ihm reichlich über. Man sieht, was eine Frau an genialem Scharfsinn der Liebe leisten kann. So etwas bringt eine Frau nur mit dem mächtigsten Agens fertig. Wer weiß übrigens, wie weit ihr Anteil geht? An einigen Stellen heißt die Korrektur einfach: ›Diesen Satz hat die Heilige zu verantworten...‹ oder ähnlich. Doch das nebenbei, Harro. Verzeih, daß ich wieder auf mein Thema kam. Der Fürst hat mir Öl in mein Feuer gegossen!«

»Red' nur, Hänschen, du tust mir wohl; du kannst dich noch freuen! Mir ist alles zergangen, ich habe nur noch traurige Sandkörner in den Händen, die ich zerreibe.«

Er setzte sich auf die steinerne Brüstung, und der kleinere Freund stand vor ihm in Augenhöhe.

»Du bist in großer Sorge, Harro,« flüsterte er.

»Das kann man schon keine Sorge mehr nennen, das sieht mehr wie eine Gewißheit aus.«

»O Harro. Nein...«

Harro knirschte. »Ich ringe damit, ich werf' es nieder, und es steht wieder auf, es geht jeden Schritt mit mir, es geht mir nach in den tiefsten Traum. Meine ganze Kraft muß ich aufwenden, daß ich ihr nicht zeige, wie es in mir aussieht. Sieh das Licht dort, da sitzt jetzt mein Schwiegervater neben seiner Tochter, hält ihre Hand in der seinen, erzählt ihr, was er heut getrieben hat... und wie seine Rosen stehen und daß er den alten Weiblein im Spital ein Mittagessen spendiert hat mit seinen besten Weinen. Jeden Tag irgend etwas derart. Und dann freuen sie sich aneinander. Und dabei überlegt er sich, was er ihr noch alles tun kann. Du wirst sehen, wie er dich treibt. So friedlich und freundlich geht es zu, und nichts hindert uns. daß wir auch daneben sitzen und es mit anhören. Aber ich kann es nicht. Das, was er heut mit dir ausgemacht, beweist mir deutlich, daß er ebensogut weiß, wie es steht, wie ich. Nein, ich kann es nicht so abmachen... so herbstabendmäßig, so geläutert, ergeben... So, nun das ist keine Temperatur für mich. Ich muß in die Wälder laufen und mich dort austoben, daß ich dann den Tag über den liebevoll besorgten Gatten darstellen kann. Wer weiß denn auf der Welt, was ich verliere! Ich wollte, ich hätte dann meine alte Ruine noch, daß ich mich darin vergraben könnte. Mein ganzes Haus ist dann nur ein Hohn. Was habe ich da alles hineingelebt! Meinen Festsaal mit seinen Fresken haben sie mir zu einem Ort der Schrecken, einem Vorhof der Hölle gemacht. Ich kann ihn nie wieder betreten, die letzte Wand bleibt leer... Sie sagen mir, ich sollte nicht an die Zukunft denken... ich sollte nur den jetzigen Tag annehmen. Wenn ich das könnte! Ich hätte die schönsten Tage... und ich habe auch Stunden dazwischen hinein, daß ich meine, alle Süßigkeit des Lebens sei hineingepreßt und werde mir jetzt mit einemmal geboten in einem Wunderbecher. Aber dann darf nur eine Uhr schlagen, oder ich muß sehen, wie das Leiden doch nicht ganz zu verbergen ist, und es sind alle Furien wieder da. Hans, ich überlebe es nicht, du wirst sehen. Ich gehe daran zugrund. Nicht wie ich selbst möchte, auf einmal, sondern wie es die Gottheit will: langsam. Zuerst meine Kunst. Dann so langsam, was an dem übrigen Menschen war. Ich werde wie meine Tante sagt, zu einem fürstlich Brauneckschen Pensionär.«

»Harro,« rief der Künstler, »du hast dein Kind, du hast...« Der Fürst rief vom Zimmer aus: »Harro, bist du im Garten?«

»Ja, Vater.«

»Ich habe gute Nacht gesagt.« Die beiden Herren begleiteten ihn zu seinem Wagen, den er selbst kutschierte. Als er schon oben saß und die Zügel ergriffen hatte, sagte er: »Ich glaube, Rosmarie möchte noch ihren Gast begrüßen.«

»Wir gehen jetzt hinein, Vater... wir waren noch auf der Terrasse.«

Harro blieb noch im Hofe stehen, bis die Räder verhallt waren, dann schüttelte er sich und sagte: »Sieh mich an, ob ich abgeklärt aussehe.« Hans Friedrich schaute zu ihm hinauf in der Empfangshalle und nickte. Er dachte, in seine Augen darf die junge Frau nicht sehen.

»Du bist nicht ganz überzeugt, Hans.«

»Wenn man deine Augen ausnimmt.«

Er faßte ihn am Arm. »Hör, geh du hinein! Sage, ich komme gleich, ich wollte etwas nachsehen.« Er schob ihn zur Tür hin und entschwand.

Die alte Dame führte ihn in das Musikzimmer. An der großen Wand unter dem Bild von Dolce Aqua lag die Frau vom Thorstein und streckte ihm ihre Hand entgegen. Sie erschien ihm von so unsäglicher Lieblichkeit und Hoheit, daß er einen Augenblick ganz den furchtbaren Schatten vergaß, der über ihr schwebte. Ihr goldenes Haupt lag, wie es sich für eine junge Königin schickte, auf dem schönsten Seidenkissen von einem wunderbaren tiefen, glühenden und satten Rot, zu dem ihr Haar und ihre zarten Farben den wundervollsten Gegensatz bildeten. Ihr Gewand war von der weichsten Seide, von einer blaugrünen Farbe, die ihn wieder an Wasser erinnerte. Ihre Haare trug sie nur in zwei breiten, schweren Flechten, deren Enden unter ihrem Kleide verschwanden. An ihrem Hals, dessen schimmerndes Weiß alles andere Weiß der Erde grau zu machen schien, glänzte an einem dünnen Kettchen ein großer Smaragd, von Diamanten umgeben.

Hans Friedrich sah das alles in einer Sekunde und versorgte es im Bilderschrein seiner Seele, noch ehe er ihr die Hand geküßt hatte.

»Ich habe mich so auf Sie gefreut,« sagte sie. »Harro läßt sich entschuldigen,« stammelt er, »er hatte noch etwas zu erledigen.«

Die Tante zog die Augenbrauen in die Höhe und ging mit leisen Schritten hinaus.

»Wie bin ich froh für meinen Mann, daß Sie da sind, Herr Friedrich,« begann sie wieder. »Er hat jetzt schlimme Tage, kann nicht arbeiten, und das macht ihn unglücklich.« Sie sah ihn mit ihren großen grauen Augen an, als ob sie neben ihnen auf der Veranda gestanden hätte.

Hans Friedrich wurde dunkelrot. Der Schmerz um die beiden zog ihm die Brust zusammen und es fielen ihm so gar keine anständigen und freundlichen Lügen ein.

»Ich hoffe auf Ihre Musik, Herr Friedrich. Es ist so stumm bei uns.«

»Wenn ich Durchlaucht damit eine Freude machen kann und Harro.«

»Ich hoffe schon auf heute abend, aber wir müssen erst versuchen, wie ich es ertragen kann. Sie dürfen mir nur ganz sanfte einfache Dinge spielen. Ich habe es durchgesetzt, daß ich hier liegen darf und nicht drüben, wie sie wollten.« Sie lächelte. »Sie wissen, ich bin sehr hartnäckig und muß meinen Willen haben.«

Hans Friedrich verneigte sich. »Soll ich jetzt gleich?«

»Nein, wir wollen noch ein wenig plaudern. Das Chorwerk haben Sie mitgebracht und auch daraus dürfen wir hören?«

Hans Friedrich wurde es bänglich und er dachte an Harros Viervierteltakt und daß er ohne ihn auf verbotenen Grund geraten könnte. Er wehrte ab und sagte: »Ich werde es morgen auspacken, und dann einiges daraus andeuten... es verlangt ja ganz andere Mittel als nur ein Klavier.«

Rosmarie seufzte. »Ja – und das ist nun für immer begraben gewesen, das ist fort... Ach, ich habe so viel auf dem Herzen, Herr Friedrich, was ich mit Ihnen besprechen möchte. Und Sie bitten...«

Der Künstler sah sie an: »Was ich tun kann..., wie dankbar bin ich, wenn ich es darf... ich wage es kaum zu sagen.«

»Waren Sie schon einmal in Italien, Herr Friedrich?« Er sah sie sehr überrascht an: »Nein, Durchlaucht, dazu hat es nie reichen wollen, immerhin, die Hoffnung lebt noch.«

»Ach, das ist schön, wie freue ich mich! Sie sollen nach Italien gehen, nach Rom, und dort mit meinem Mann den Winter zubringen. Können Sie sich wohl freimachen?«

»Ich werde es können – aber...«

»Ach, abern müssen Sie nicht. Ich bin hartnäckig und habe mir das nun einmal ausgedacht. Eine Wohnung auf dem Monte Pincio, wo man ganz Rom überschaut, und ein kleines Gärtchen mit einem Marmorbrunnen. Ihren Flügel nehmen Sie mit.«

»Ich besitze gar keinen,« warf er ganz verwirrt ein.

»Ach, dann diesen hier.« Sie deutet nach dem kostbaren Bechstein. »Er steht ja hier nur stumm. Aber dies ist unser großes Geheimnis. Nicht einen Laut davon an meinen Mann! Aber nicht wahr?« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Sie nehmen nichts anderes für den Winter an. Bis Sie von uns hören... und oh, ich bitte so sehr darum...ich möchte so gerne darüber beruhigt sein. Und nicht wahr!« – sie deutete auf das blaue Männlein am Flügel.

Man hörte Harro schon kommen, er konnte nur noch die feine Hand ergreifen und seine Augen in den ihrigen landen lassen, dann begann sie schnell von dem Chorwert zu sprechen, denn Harro war hereingekommen. Er nickte ihr zu und hob ihren Kopf ein wenig auf und zog das Kissen höher, dann legte er ihre Flechten wieder schön zurecht und ordnete die Falten ihres Kleides, die die seinen Füße in den blauen Seidenschuhen nicht verhüllten. Er tat das alles halb mechanisch, man sah aber seinen Künstlerhänden an, daß sie an ihr wie an einem Kunstwerk herum arbeiteten.

»Liegst du nun gut?«

»Sehr gut, ich danke dir... wir bekommen zu hören. Was sagten Sie, Herr Friedrich? Ein Schumann-Adagio?«

»Hans, ich bitte dich ... wir müssen vorsichtig sein ...«

Hans Friedrich öffnete den Flügel, unmöglich hätte er ein Wort sagen können. Hoffte er sie wirklich mit dieser scheinbaren Ruhe zu betrügen... wo blieb die Schöne, die Königin, wenn sie beide nach Rom gingen?

Er spielte das sanfteste, zarteste Wiegenliedchen, das ihm einfallen wollte, in jedem Augenblick gewärtig, unterbrochen zu werden. Dann sah er hinüber. Ihre Augen strahlten zu ihm herüber.

»Gott sei Dank, ich kann es hören, es schmerzt nicht, ich meine, Sie brauchen nicht so zaghaft zu sein...«

»Eine Melodie aus dem Chorwerk vielleicht? Sie ist zu dem Gerhardtlied: ›Geh aus, mein Herz, und suche Freud.‹ Das Lied ist durchkomponiert als Arie für den Sopran.«

»Herr Friedrich, das Lied von Christi Garten,« rief sie.

Harro sagte: »Rose, du fängst an zu blühen, du hast jeden Augenblick rötere Lippen und wirst dich überfreuen. Es ist genug, Hans Friedrich, für heute, komm her zu mir.«

Hans Friedrich stand gehorsam auf. Aber die junge Königin bekam nasse Augen. »Du bist grausam, Harro ...« Dann verstummte sie und bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. Harro war graublaß geworden und biß sich auf die Lippen. Der Künstler sah seinen Freund an und ging leise hinaus.

Als er draußen war, kniete Harro neben Rosmarie nieder, und legte seinen Kopf auf das Polster des Diwans neben ihrem Kissen.

Sie ließ ihre Hände sinken und sagte flehend: »Harro, ich wollte das nicht sagen... O Gott, was habe ich getan!... nun Hab ich dir weh getan!... Ach, nun ist es zu spät...«

Harro sagte dumpf: »Warum sagst du das zu mir, Rose! Nun hast du etwas zerbrochen, was nie wieder ganz wird. Etwas, woran ich mich immer noch gehalten habe... aber du hast ja recht, ich durfte deine Freude nicht stören mit meinen rohen Händen... Gott, mit jedem Wort, das ich sage, geb ich dir weiter recht. Grausam ist's von mir... Warum kann ich meine Qual nicht für mich behalten... Gott, wie das stößt, dein Herz... und deine Augen! Ich will gehen und Ulrike rufen.«

Sie hielt ihn fest. »O Harro, nicht, ich flehe dich an... laß mich nicht wieder allein – laß mich dir sagen... Kümmere dich nicht um das Herz, das hat schon oft so gestoßen... Verlaß mich nicht, Harro... du mußt mich anhören. Das Wort – o Gott, was hab ich getan... warum verlangte ich das Lied denn! Es geht auch ohne das Lied... und nun habe ich dich darum kränken müssen.« Sie verbarg ihr Gesicht in ihre Kissen und brach in bitteres Schluchzen und Weinen aus. »O mein Harro... ich habe ihm weh getan.«

In seinen Augen flackerte der Dämon auf. Er riß sie an sich, er bedeckte ihr Gesicht, ihre Haare mit seinen wilden Küssen, er vergaß alles in dem Sturm seiner Leidenschaft. Sie hätte in seinen Armen sterben können, so drückte er sie an sich, die man sonst vor jeder harten Berührung bewahrte. Sie weinte nicht mehr, sie ließ seine Wildheit über sich ergehen, wehrlos. Vielleicht litt sie nicht einmal, vielleicht verdeckte ihr der wilde Strom, der über sie hinweg brauste, alles andere. Erwärmte sie, überstürzte sie, benahm ihr Denken... Und seine Worte wurden immer wilder...

»Rose, ich ertrag es nicht mehr... ich will wieder mein eigener Herr sein... Ich will loskommen von dem, was mich erdrückt... Vor den Augen, die mich ansahen... vor meinem neuen Ich... Ich will wieder zurück, tun dürfen, was ich will. Ich will nicht in das finstere kalte Tal hinunter, wo ich nun mein ganzes Leben gehen soll. Ich will auch sterben, mit dir will ich sterben. Laß deine himmlischen Gärten. Komm mit mir! Kann uns Gott in seinem Lichte nicht brauchen, dann soll er uns in seine Dunkelheiten nehmen, er hat deren genug... Du brauchst nicht mehr zu leiden... du brauchst die lange Qual nicht... Da in meinen Armen, du fühlst es nicht. Und ich komme dir nach. Unsere Seelen reißt nichts auseinander... Du, du meine Seele! In welche Seligkeiten willst du dich verstecken, daß du mich nicht nach dir schreien hörst?«

Er hält sie, nun ganz in seinen Armen, ihr Körper liegt auf seinen Knien – fast leblos zuerst, aber plötzlich stemmt sie die blassen Hände gegen seine Brust. Da sind seine Worte in ihre Seele eingedrungen... Sie schlägt die großen Augen zu ihm auf, die sanften Augen. Da weicht der Dämon von ihm... ein eiskaltes Entsetzen packt ihn... ja, kann er denn noch zurück? Jetzt hat er furchtbare Leiden rettungslos über sie gebracht. Einen Augenblick schlagen seine Zähne aufeinander. Dann trägt er sie auf ihre Kissen. »Ich hole dir Hilfe.«

»Nein,« sagt sie ganz klar und hell. Sie hat ihren ganzen Willen zusammengerafft. »Du bleibst bei mir, Harro, kümmere dich jetzt nicht, wie mein Herz geht... dein Herz ist viel kränker... Harro, wohin willst du denn fliehen vor Gott? Warum wütest du gegen dich selbst? Warum vertraust du dich ihm nicht? Hat er sich nicht schon einmal zu dir geneigt? Du mußt dich in seinen Abgrund werfen. ›Dein Wille geschehe!‹ Harro... Hab ich das nicht auch getan?«

»Du, du,« er stöhnt es dumpf zwischen seinen Händen hervor.

»Meinst du nicht, es sei ein bitterer Weg gewesen, den ich allein gegangen bin? Komm zu mir, Harro. Ich will meine Arme um dich legen.«

»Wie darf ich dich wieder berühren, nach dem, was ich getan habe.«

»Komm zu mir,« flehte sie.

Er gehorchte, und sie zog ihn zu sich herab. »Mein armer Harro.« Sie strich ihm über seine Schläfen, sie faltete ihre Hände um seinen Kopf. »Meinst du, ich hätte die Fluten deiner Liebe nicht gefühlt! Du hast mir nicht weh getan. Wohl hast du mir getan. Deine wilden Worte, meinst du, ich hätte all die Zeit nicht gefühlt, was in dir brannte. Warum bist du immer fortgerannt von mir in die Wälder und wußtest nicht, wo du gewesen warst, und mußtest mich anlügen, wenn ich dich fragte. Und immer bist du auf der Flucht vor Gott gewesen und kannst doch nie wieder loskommen, du selbst hast das goldene Band hinausgeworfen und nun gehörst du ihm...! Warum hältst du ihm nicht still und lässest seine Güte auf dich herabkommen? Du hast ja gar keine Wahl mehr. Du bist sein Gefangener, Harro!«

»Seele,« stöhnte er, »laß mich nicht allein, laß mich nicht. Sonst die Dämonen... Nie wieder kannst du sagen, ich hätte dir kein Leid getan, nie wieder... das ist auch dahin. Das habe ich zerbrochen, das Goldglas... Jetzt bin ich ein Bettler. Warum muß ich auch in diese Tiefe hinuntergestoßen werden? War ich denn nicht zerschlagen genug? Ich weiß, ich soll das nicht zu dir sagen; ich soll wieder meine Maske vorziehen.«

»Du sollst nicht, Harro. Du sollst jetzt nichts tun als dich lieb haben lassen. O mein armer, armer, müder Harro. Auf den wilden Wegen ist er gegangen und die Dornen haben ihn blutig gerissen. Und alles, was er am meisten fürchtet, das ist über ihn gekommen. Und sein Leid ist so viel schwerer, härter und bitterer als das meine, wie seine Seele größer ist als die meine. Da ist ja nur so ein kleines Licht, du hast eine große Flamme. Darum ist auch ein solcher Kampf um deine Seele, Harro. Und vielleicht, wenn wir immer glücklich geblieben wären, so hättest du dein Herz noch ganz hart gehämmert. Nicht gegen mich, nein, nie gegen mich. Und was können wir auch, wir zwei armen Kinder tun gegen unseren Vater im Himmel? Wir müssen ihm stillhalten. Und du meinst, ich könnte mich in keiner Seligkeit vor deinem Weh verstecken!«

Harro zuckte zusammen. Sie hielt ihn an ihrer Brust, so fest ihre Arme halten konnten.

»Lieber, ich will auch keine Seligkeit ohne dich... In meinen Kinderhimmel wollte ich schon nicht ohne dich. Aber sieh, nun bin ich auf dem Wege... wir verstecken uns ja doch nicht mehr vor einander, wenn wir unser Leid miteinander tragen, ich fürchte mich nur mit dir zu sprechen, weil ich weiß, wie wund du bist. Aber du hast selbst angefangen, und nun ist's gut. Und ich bin auf dem Wege, weil mich Gott gerufen hat. Da muß der Zugvogel aus seiner Heimat. Er muß. Und ich gehe zu Gott. Das ist mir genug. Ich sehe meinen Vater an und seine Liehe, die mich umgibt wie mit warmer Sommerluft, und denke, daß Jesus gesagt hat: Unser Vater.«

Ihre unruhige Mutterliebe treibt die alte Dame herein. »Kinder, ich ängstige mich. Herzblatt, wie liegst du da!... so... hingeworfen. Harro, warum versteckst du dich vor mir?«

»Liebe Mutter,« antwortete die Rose, »Harro trägt mich in mein Bett und wacht bei mir. Ich kann nicht allein gelassen werden, ich muß ihn haben... Ich bin wieder hartnäckig, Uli... Komm, Harro, du hast mich doch vorher auch tragen können. Bin ich dir nun zu schwer?«

»Es tut dir weh, Kind, wenn er dich allein trägt, ich will Märt rufen.«

»Es tut mir wohl, Uli, wenn er mich trägt.« Und mit einem wundervollen Lächeln streckte sie ihre Arme nach ihm aus. Er hob sie auf und sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. Und so trug er sie hinüber. Drüben, ehe er sie ihrer Mutter überließ, neigte er sich noch einmal über sie und flüsterte ihr zu: »Du, du, das war das allerschönste, was du getan hast!« –

Rosmarie duldete nicht, daß ihr Mann sie diese Nacht verließ. Die alte Dame mußte ihr den Willen tun und Harros Bett auf der Chaiselongue aufschlagen und die neben ihr Bett rücken lassen, und dann mußte Ulrike ins Nebenzimmer gehen und die Tür zumachen. Man würde sie schon rufen, wenn man sie brauchte, Und nun mußte Harro sich auf die Chaiselongue legen, sich feierlich zudecken und ihr seine Hand hinüber geben. Dann wurde dem Vogel Rock sein Kleinod entwunden, dann war es Nacht.

Rosmaries Wange lehnte an seiner Hand... sie küßte seinen Ring und flüsterte: »Nun schlaf, Harro.«

»Kannst du das auch befehlen, Liebste?«

»Ich wollte, ich könnt'«. Nun will ich dich etwas lehren, Harro. Hör einmal. Es ist ein Lied. Friedlich und heiter... Es ist ein altes Lied, es lebt schon mehr als ein Jahrhundert.

Nun schläfet man.
Und wer nicht schlafen kann,
Der bete mit mir an
Den großen Namen,
Dem Tag und Nacht
Wird von der Himmelswacht
Preis, Lob und Ehr gebracht,
O Jesu, Amen...

Es leuchte dir Der Himmelslichter Zier.
Ich sei dein Sternlein, hier
Nun kehr ich ein,
Und dort zu funkeln.
Herr, rede du allein
Beim tiefsten Stillesein Zu mir im Dunkeln.«

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