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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Einundvierzigstes Kapitel: Wiedersehen.

Die Dunkelheit ist herabgesunken, und nach einem kurzen einsamen Mahl hantiert Harro nur noch in seinem Atelier. Da hört er plötzlich energische Schritte gegen den Wintergarten kommen, die Tür fliegt auf, und Tante Ulrike mit Regenschirm und Reisetasche marschiert herein.

»Na, sagst du nicht einmal guten Tag, Herr Neffe?«

»Ich bin so überwältigt, Tante Ulrike, kommst du denn per Ballon?...«

»Von Kupferberg und zu Fuß.« sagte Tante Ulrike und legt ihren Regenschirm über seinen Skizzenberg.

»Aber warum denn, liebste Tante? Unsere Goldfüchse stehen sich ja die Füße durch und du gehst! Du konntest doch telegraphieren.«

»Wenn es mir so paßte! Ich komme, um nach dir zu sehen, mein Herr Neffe. Deine Briefe sind unbefriedigend.«

»Tante Ulrike, ich bitte dich, was wäre Befriedigendes zu sagen? Aber komm doch herauf. Eure Stube ist zwar besetzt von Heinz und seiner Babette, in der Weststube liegt unser armer Malariamensch immer noch abgesperrt; aber wenn du mit Osten vorlieb nehmen willst.«

»Fällt mir nicht im Traum ein. Ich will Süden. Treppen will ich keine steigen. Bei der Rose will ich sein...«

»Liebe Tante Ulrike, da schläft ja die Schwester.«

»Du schriebst mir, sie ginge.«

»Sie geht auch, aber dann müssen wir eine Pflegerin haben...« »Hier,« sagte Tante Ulrike und deutete auf den Regenschirm. Ihre Handlung war symbolisch gewesen, und sie hatte gewissermaßen ihr Zepter im Hause Thorstein niedergelegt.

»Liebe Tante Ulrike,« barmte Harro. »Sehr gütig bist du. Aber – deine Damen?«

»Ich habe sie Marga übergeben. Sie wird keine Ordnung unter ihnen halten. Sie ist weichmütig. Sie läßt sich beschwatzen. Es gibt ein Chaos. Ich bin darauf gefaßt...«

Jeder Satz war ein Hammerschlag, der den Nagel ihres Entschlusses tiefer hineinzutreiben schien.

»Harro, du hast mir leid getan.«

Und Tante Ulrike zog ihr Taschentuch und gebrauchte es geräuschvoll, dann steckte sie es wieder ein.

»Es nützt nichts... Alle sieben Seligkeiten hast du gehabt. Jetzt wirst du auch durch alle sieben Wehe hindurchmüssen. Man muß alles bezahlen, Harro. Du hast immer noch Überschuß.«

»Ja,« sagte Harro mit so sonderbar weicher Stimme, daß sie erstaunt zu ihm aufsah. »Ja, ich habe immer noch Überschuß.«

Ulrike stand auf, legte ihre Arme um ihn und küßte ihn auf die Stirne. Das hatte sie im Leben nicht getan... Ganz sprachlos vor Überraschung sah er sie an. Sie hatte ganz rote Wangen bekommen und setzte sich mit einem wunderlich zuckenden Lächeln. Dann sagte sie:

»Glaube nicht, daß deine Rose sich vor mir fürchtet. Aber ich ertrüge es nicht, wenn du in die Zeitung setztest: ›Ausgebildete Pflegerin mit guten Zeugnissen gesucht, Photographie erwünscht‹ und es kommt irgendein gottverlassenes Frauenzimmer und rührt die Rose an. Und die läßt alles mit sich machen und wehrt sich nicht, denn ich kenne sie.«

»Nein, Tante Ulrike, du kennst sie noch nicht.«

Tante Ulrike sah ihn groß an... sein silberschimmerndes Haar, sein schmal gewordenes Gesicht... und eine fremde Weichheit um die Augen.

Sie schüttelte den Kopf: »Der Kerl, Harro?«

Er zuckte zusammen... »Ach, besser nicht zu wissen ...«

»Und die Rose?«

»Oh, sie kann nur beruhigt werden, wenn man ihr sagt, daß man es nie entdecken werde, wer es war.« »Hm, so, man macht sich aber doch seine Gedanken.«

»Leider,« brauste Harro auf, »das ist das dritte Wehe. Daß man sich die macht. – Aber ich laß dich hier stehen, Tante. So komm doch... Nach dem langen Weg!«

»Ha, du sollst nicht denken, daß du eine Pflegerin habest, die keine Kräfte mehr hat.«

»Darum, Tante Ulrike, komm, laß dich umarmen. Ich muß dir doch den Kuß von vorhin wieder zurückgeben.«

»Du warst lieb vorher, Harro, in deinem Leben warst du nicht so lieb, du bist eine Winterbirne, Harro. Wenn der Schnee fällt, erst dann werden sie reif. Daß du jetzt, wo ich erwarte, daß du stößest wie ein wilder Hirsch... Harro, ich weiß wie du getroffen bist – siehst du ein, daß du immer noch voraus hast? Harro, jetzt bist du erst ein ganzer Mann und kein überlebensgroßer, trotziger Bub wie bisher. Ich greife dir nie mehr in dein Haar. Ich unterstehe mich nicht mehr, Harro.«

»Versprich nicht zu viel, Tante Ulrike. Hoffentlich wirst du's wieder tun. Hoffentlich werden wir uns wieder haben... Tante Uli, zu der Schärpe ist noch ein Leibrock gekommen. Was sagst du dazu?«

»Trag ihn mit meinem Segen, mein Sohn, wenn du wieder einmal Herz genug dazu hast.«

»Tante Uli, der Doktor hat mir versprochen, die Rose werde wieder gesund; in was für Leibröcken wirst du mich da aufblühen sehen!«

»Wie sie vorher war?«

Er wandte sich um. Das konnte er ja nicht versprechen. »Aber wenn ich sie nur habe... Unser Glück, das lassen wir uns nicht nehmen. Das sagte sie auch gleich. O Tante Uli, du kennst, du kennst sie nicht, die Rose... Wie schön sie ist... Das schwere Leiden, ich kann noch gar nicht ertragen, davon zu hören. Die ganze Quälerei, die damit verbunden war ... Nicht ein Wort darüber... Keine Klage... Nur wie sie trösten kann. Ihre Geheimnisse holt sie heraus, ein Juwelenbüchschen nach dem andern und läßt mich hineinsehen ... Daß ich's schon mit der dummen Angst kriege, als ob sie uns zu schön würde. Nichts habe ich mehr gehaßt und verachtet als eine solche Angst, weißt du, wie sie manche Leute haben bei so schönen und lieben Kindern. Aber das ist ja natürlich, ein entsetzlicher Schrecken zittert noch nach...«

Ulrike erhob sich. »Kann ich die Rose sehen?«

»Da mußt du zuerst mit Schwester Johanna parlamentieren. Es wird nicht leicht gehen. Ich habe zu antichambrieren gelernt. So ziemlich das letzte, was ich mir zugetraut hätte. Dieses kleine, sanfte, blasse Frauenzimmer hat eine Gewalt.«

»Na, Harro, tröste dich,« sagte Tante Uli, wie sie mit ihm durch den Wintergarten ging. »Tröste dich, mein Jung, wenn die Tyrannis nicht nötig ist, so werfen wir sie hinaus. Ich kann das.«

Eine halbe Stunde später beugt sich Tante Ulrike über Rosmaries blasses Gesicht und küßt sie wie ein Hauch auf ihre Stirne, und dachte: »O du armer Harro ... deine andern Wehe, sie kommen auch noch...«

Am andern Morgen wankt ein blasser, grauer Alfred in Harros Atelier. »Erschrecken Sie nicht, ich bin freigesprochen, Harro. Herr Hofrat hat es gestattet. Ich bin keine Pestbeule mehr, und nun komme ich und bedanke mich.« Und dabei setzte er sich auf einen Stuhl und zog sein Taschentuch.

Harro legt die Hand auf seine Schulter. »Lieber Cousin, bauen Sie schon wieder am Wasser? Dürfen Sie wirklich herunterkommen?«

»Ja, ich darf. O Harro ... was habe ich ausgestanden! Jeden Morgen das heulende Elend, Harro, und in die Krankenschwester hab ich mich verliebt und würde sie gleich heiraten, wenn...«

»Nun, hat Sie Schwester Klara schon akzeptiert, Alfred?«

»Was denken Sie, Harro..., es war nur eine Phantasieblase, aber etwas Tröstliches muß der Mensch haben, man kann nicht von Hafergrütze und moralischen Vorsätzen leben. Die Vereinigung dünkt mir nicht angenehm. Ja und jetzt, Harro, möchte ich Ihnen nochmals danken und wieder hinübergehen.«

»Bilden Sie sich nichts ein, Alfred... Solche Gerippe entlasse ich nicht aus meinem Thorstein. Sie werden erst gefüttert und gebessert. Sie essen Hafergrütze und verschieben die moralischen Anwandlungen bis nachher. Moral und Hafergrütze ist zu viel für Ihre Konstitution. Meine liebe Tante Ulrike ist da. Ich werde Sie ihr anvertrauen. Seien Sie ganz beruhigt, auch was die moralischen Anwandlungen betrifft, werden Sie bei ihr in guter Hut sein... Ja, mein Sohn, sehen Sie sich Ihre zukünftige Pflegemutter an ... eben geht sie über den Hof, und das, was sie am Ohr führt, ist ein kleiner Thorsteiner, der gern Erdbeeren ißt, ehe sie im Wald reif sind.«

Alfred stand auf und schaute auf den Hof, dann setzte er sich nieder... »Eine sehr energische Dame, Ihre Frau Tante wohl... Aber ich fürchte, ich kann es nicht annehmen, Harro ... Sie haben ohnedies ...«

Harro lachte. »Zieren Sie sich nicht, Alfred, wenn Sie diesmal nicht in den Arm meiner Frau, sondern in den meiner Tante sinken... Wo wollen Sie übrigens hin? In Brauneck...«

»O Gott nein!« rief Alfred mit solchem Entsetzen, daß Harro erstaunte. »Niemals wieder. Ich könnte nicht... meine Nerven hielten es nicht aus. Es spukt in Brauneck. Entsetzlich spukt's. Dreimal hatte ich mein Schlafzimmer gewechselt. Es tappt in den Gängen, es seufzt. Es knarrt auf den Treppen, die Galerien zieht es auf und ab. Ich habe einmal deutlich zehn Leute hintereinander den Prinzessinnengang hinuntergehen hören. Meinen Sie nicht, ich habe etwa nur die Decke über die Ohren gezogen, – nein, ich habe das Licht angeknipst und bin herausgegangen... in den Gang, blitzschnell... alles taghell und leer... Nur die Bilder zwinkerten. Ich drehe aus und gehe wieder hinein. Oh, die sind nur auf der Stelle stehen geblieben, wo sie standen, als das Licht kam, und gehen nun weiter. Schwere Füße, leichte Füße.«

»Oho, Sie hatten auch schon vorher Temperatur!«

»So geseufzt haben sie, und auf und ab sind sie gestrichen.« »Nun, das finde ich sehr schön von ihnen, daß die so Anteil nahmen. Das letzte Kind von Brauneck, die Rose von Brauneck. Es wird nicht so schnell vorangehen, wie wir gehofft haben, Alfred. Das hat mir meine Tante heute klar zu machen versucht.«

Alfreds Kopf sank wieder herunter... in das Atelier schoß wie ein dunkler Pfeil eine Schwalbe herein und kreiste eine Weile an der Decke. Harro sah zu ihr auf... sie möchte bauen da innen, jeden Tag versucht sie es wieder... »Geh hinaus, du weißt ja nicht, wo du hingehörst, nicht hier, nicht dort.« Und er verjagte das Tier mit seiner Palette.

Tante Ulrike übernahm also zuerst den neuen Pflegling und sorgte für seine Kräftigung, und an Püffen zur Stärkung des schwachen moralischen Rückgrates ließ sie es auch nicht fehlen. Zu andern Zeiten wäre des schönen Alfreds Aufenthalt unter diesem Tantenzepter ein sehr abgekürzter gewesen, aber jetzt war er noch so matt und er hatte doch eine so nachdenkliche Zeit in der alleinigen Gesellschaft der Schwester Klara erlebt, daß er sich wenigstens vorderhand demütig unter Tante Ulrikens Regenschirm beugte.

Rosmarie bekam er nicht einmal zu sehen, er fürchtete sich auch vor ihrem Anblick. Sie war ein so wunderschöner Mai gewesen, nun die gleiche Landschaft nach einem Hagelwetter. Nein, sein Herz zog sich ganz schmerzhaft zusammen. Einstweilen machte er sich als Hüter des kleinen Heinz nützlich. Sehr nützlich sogar, denn da er sich doch nicht so weit tyrannisieren ließ, wie die Babette, so war es für den kleinen Herrn ein Vorteil.

Schwester Johannas Tage gingen zu Ende, und Tante Ulrike hatte ihr scharf auf die Finger gesehen, ihr abgelernt, was zu lernen war, und hatte sich ihre Gedanken darüber gemacht. Rosmarie fürchtete sich nicht vor Tante Ulis strengen Augen und ihrer feierlichen Gestalt. Wenn Tante Ulis Augen auf sie herabschauten, dann wurde der stählerne Blick weich... etwas Scheues, Warmes glänzte in ihnen auf... ihre schlanken, knochigen Hände faßten so weich an, und es ruhte sich sehr gut neben ihrer dunklen, ruhigen Gestalt.

Und der Hofrat verschrieb ja immer noch Ruhe und wieder Ruhe. Dasselbe, was er auch der Fürstin in Brauneck bei seinen täglichen Besuchen ans Herz legte. So verschieden die beiden Frauen waren, so verschieden war auch ihre Ruhe. Rosmarie von der zartesten Liebe umgeben, lag im goldensten Sonnenschein wie in einer Rosenlaube. Sie sah nur Menschen, die sie liebten, und um jeden Dienst, der ihr getan werden durfte, rissen sich ein paar Menschen. Ob dies Tante Ulrike tun dürfte oder noch Schwester Johanna, das gab schon Grenzschwierigkeiten.

Was der Fürst jeden Tag ersann, um nicht mit leeren Händen zu kommen, und wie er die Fiktion aufrecht erhielt, als ob sie bei seinen täglichen Besuchen auf seine Geschenke warte – das grenzt ans Geniale.

Klein Heinz befreundete sich zögernd, aber deutlich wieder mit der Mama, die ihn nicht auf den Arm nehmen durfte und bei der keine stürmischen Zärtlichkeitsausbrüche erlaubt waren, an der man keine Turnübungen machen konnte. Er lernte es Großpapa ab, ihr etwas zu bringen. Seine Liebesgaben waren sehr mannigfaltig. Ein Blumenblatt, ein Stück von seiner Morgenbrezel und ein wunderschön schnalzender Regenwurm. Sie nahm alles an, sogar den Regenwurm, und ließ ihn auf der Decke sich winden, bis Heinz Friedrichs Genuß daran erloschen war. Er gewöhnte sich wieder an sie, und es war seiner Tugend sehr förderlich, denn er merkte bald, daß nur gute Kinder bei der Mama blieben, schreiende, stampfende dagegen unbarmherzig fortgeschafft wurden, und daß er, wenn er so fortgebracht wurde, überall, selbst bei seiner Sklavin Babette eine kühle, vorwurfsvolle Aufnahme fand. So ein Heinz, der die Mama erschreckte und aufregte! Er lernte daran die Größe seiner Untat bemessen, und das hatte einen sehr sittigenden Einfluß.

Sie trugen alles herbei, was die junge Herrin von Thorstein freuen konnte. Keine schöne Blume, die irgendwo blühte, war vor dem Fürsten sicher. Sein stolzer Brauner hielt vor Bauerngärten, und der Fürst verhandelte mit der sehr geschmeichelten Besitzerin. Und Geld nahmen die Leute ja nur in den allerseltensten Fällen. »Für meine Tochter,« sagte der Fürst, und wenn er es nicht sagte, so wußten sie es. – Sogar der Mann, der den »Vorwärts« las, riß die schönsten Nelken, die seine Frau züchtete, herunter. Trotz des ehelichen Donnerwetters, das ihn von seiner zielbewußten Genossin erwartete.

Rosmaries Ruhe wäre bei all der andringenden Liebe zu kurz gekommen, wenn es nicht immer klarer geworden wäre, daß des Herrn Hofrats Anordnungen um ihrer selbst willen sehr genau befolgt werden mußten. So mußte sie viele Stunden täglich allein liegen, entweder im Garten oder auf der Veranda, die ein weiß und rotes Zelt bekommen hatte, oder in ihrem Schlafzimmer auf der Chaiselongue mit Tante Uli im Nebenzimmer. Rosmarie hatte Zeit, ihre Gedankenvögel fliegen zu lassen und ihren Flügen zuzusehen. Lesen kann sie nicht, ihre Arme müssen ja unter der Brust liegen. Im Vorlesen ist Tante Uli keine Meisterin, auch wünscht es der Herr Hofrat nicht. Ruhe und wieder Ruhe.

Rosmarie lebt sehr schnell in ihren Ruhestunden... manchmal ist es von gestern auf heute ein Schritt, wie er sonst vielleicht Jahre brauchte. Neben ihr duften und leuchten die Blumen, die ihr die Liebe gebracht, alles ist so schön und friedvoll um sie. Es spielt der Sommerwind mit den Blättern der Rebenlaube und malt runde und spitze siebenfarbige Flecke auf den Boden. Die Schmetterlinge fliegen und setzen sich zuweilen auf den blauen Saphir ihres Ringes, und sie kann dem Schlagen der gold- und silberschimmernden Flügel zusehen. Und der Wald ist nie ganz still. Immer rauscht er ein weniges auf der Höhe. Und die Wolkengebilde wandern und vergolden sich zum Abend, und es ist wieder ein Tag dahin. Von dem kurzen Sommer, von dem schönen, reichen Leben, von blauer Erdenlust und liebsten Menschen.

Rosmarie ist am Abend immer traurig. Sie ist müde am Abend, sagen sie. Müde vom Ruhen? Rosmarie kämpft ihren Kampf ganz allein. Niemand sieht die lautlosen Tränen.

»O du schöne Sommerwelt, du Goldhaus und grüner Wald, ihr alle, die ihr am Ufer steht und von denen mein Kahn hinweggleitet.«

Sie hat verlangt, sie möchte einmal mit ihrem Lehrer, dem Herrn Stiftsprediger, sprechen, er würde sie gewiß besuchen. Aber der Familienrat hat gefürchtet, sie könne sich aufregen. Herr Stiftsprediger ist ja sehr taktvoll und es ist ihm nicht zuzutrauen, daß er Rosmarie aufregen würde. Aber man erinnert sich noch, daß Rosmarie damals von ihrem Unterricht doch sehr angegriffen war, und das soll ja alles vermieden werden. »Später, Rosmarie, wenn du kräftiger bist.«

Rosmarie hört den Beschluß mit einem kleinen leisen Lächeln, das Tante Ulrike zu denken gibt. Vielleicht liegt ihr selbst nicht mehr so viel daran. Der Familienrat hat doch zwei Tage zu seiner Beschlußfassung gebraucht. Ja wissen wir denn überhaupt, was sie denkt? Sie fragt nie, sie läßt alles mit sich geschehen, sie wehrt sich gegen nichts. Aber das ist freilich ihre Art, wenn sie krank ist. Rosmarie denkt, sie werden grausam aus lauter Liebe. Sie flehen mich an, ich solle mir doch irgend etwas wünschen, daß sie es mir erfüllen könnten, das einzige, um was ich aber bitte, das können sie mir nicht tun aus lauter Liebe. Und wenn ich darauf bestände, so würden sie erschrecken und sagen: sie grämt sich doch heimlich, die Rosmarie, und alle überfiele wieder die große Unruhe. Man muß allein fertig werden. Vielleicht kann einem auch im tiefsten Grunde niemand helfen, und die Seele ist einsam.

Und wenn nur der Kampf nicht jeden Tag wieder von neuem begänne. Es darf nur ein neuer Jubelschrei vom kleinen Heinz zu ihr in ihre Stille dringen, so ist's, als hätte sie all den mühsamen Weg über Dornen und Steine so einsam, so sterneneinsam, gar nicht gemacht. Eine neue niedrige Hügelwelle tut sich auf, dornenumrankt, so steinig, so mühselig. Aber wunderbar, wenn der Weg am bittersten wird, dann kommt plötzlich ein grünes Fleckchen. Wo das scharfe, eintönige Sausen der Luft aufhört. Wo weiße Sternenblumen stehen und eine klare Quelle über goldenen Grund rieselt. Rosmaries Seele bückt sich zu den Sternenblumen – ein fremder, geheimnisvoller Duft, stark und süß, kommt aus der Quelle. Niemand sieht Rosmaries Augen, wenn sie die himmlischen Sternblumen vor sich schaut, wenn sie dem leisen Rauschen horcht. Niemand sieht, wie sie ihre schlanken Hände ausstreckt.

Und es ist, als würden die grünen Inseln häufiger. Ja als bliebe immer mehr von dem Dufte der Sternblumen an dem Dornengeranke des einsamen Weges hängen... Ja, nun verstummt das leise Rauschen gar nicht mehr, es muß wohl mit ihr wandern ... verborgen, aber es ist da. Und sie darf nur ganz stille sein, so hört sie die leise Stimme. Am lautesten rauscht es in den Frühmorgenstunden, wenn die blauschwarze Nacht in das erste Grau heraufdämmert. Und den Bergfried sieht man, der sich fast plötzlich gegen den Himmel zeichnet. Dann leidet sie freilich auch am meisten. Und es ist ein großes Glück, daß das Rauschen dann so stark wird. Und doch sehnt sie sich so sehr, daß Harro, der doch immer so früh wacht, käme und seine starken Arme sie in die Höhe hielten. Aber dann würde er das traurige Leiden sehen, und das erträgt er noch nicht.

Tante Ulrike, die in der Nacht so oft einmal an der Türe erscheint und die ein leiser Druck auf die elektrische Birne sofort an ihre Seite brächte, schläft um diese Zeit so herrlich, und helfen kann man ja auch nicht viel. So schiebt sie sich die Birne aus ihrem Bereich und greift nach der alten Bernsteinkugel und hält die Wange daran, bis sie einschläft, wenn die Sonne in den Hof fällt.

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