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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Vierzigstes Kapitel: Zwiesprache.

Nach stürmischen, kühlen Regentagen, die in der Thorsteiner Höhe sehr empfindlich sind, ist endlich wieder schöne Sonne hervorgebrochen. Die milden Rosen blühen an allen Hecken, und die Holundersträuche halten ihre weißen offenen Dolden so lieblich an alle Winkel und Mauern. In Rosmaries Garten blühen die schönsten Rosen, die weißen Schlingrosen in Bogen und Gehängen, die vielen niederen Rosen fassen den leuchtenden Rasen ein, den sie alle Morgen mit ihren feinen Blättern bestreuen.

Heute liegt Rosmarie nun zum erstenmal den ganzen Morgen im Garten. Man hat ihr die Chaiselongue hinausgetragen mitten in den Rebengang, an dem nach der Sonnenseite zu die Schlingrosen hinaufranken. Die Goldflecken der Sonne liegen auf dem feinen Sand des Ganges, der sich die ganze Länge des Gartens entlang zieht. Hier kann man im Schatten auf und ab gehen, und es ist doch nicht dumpfig wie in einer Laube. Und die lachenden Farben des Gartens scheinen noch einmal so freundlich durch die offenen grünen Bogen, die von Zeit zu Zeit den Gang unterbrechen. So schön still ist's, nur hie und da hört man den kleinen Heinz von ferne lachen oder kreischen, und der Wald rauscht herauf zu der lichten Blumenwelt.

Rosmarie hat ein wenig geschlafen, ist nun aufgewacht und hat sich nach ihrer getreuen Wächterin umgesehen. Aber die ist nicht da, statt dessen ein leichter Schritt hinter ihr... Harro... Ach, wenn nur das Herz nicht an jeder Freude etwas auszusetzen hätte.

»Du bist ganz allein? Ist das ein Glück. Wo ist dein liebenswürdiger Drache?«

»Ich weiß nicht. O Harro, wie schön, daß du kommst.«

Er kniet neben ihr und umarmt ihren Stuhl. Sie selbst darf er ja noch nicht in seine starken Arme nehmen.

»Liebste... Endlich einmal sind wir allein! Ich bin verschmachtet, ich bin ganz verschmachtet. Was ich in mir seit jener Nacht wälzen mußte!« Sie fährt ihm mit der zarten, blassen Hand über sein Haar und sagt traurig: »Meine lieben Braunlocken... jeden Tag sind ihrer weniger...«

»Ein alter Herr, nicht wahr... Ich hab's dir immer gesagt, Rose, einen alten Herrn willst du haben, und nun hast du ihn.«

»Daran bin ich schuld...« und sie sah ihm in die Augen mit ihrem großen, ernsten, sanften Blick.

Ach, so schön war's, wieder beisammen zu sein, wieviel hatte ihm auf dem Herzen gebrannt, und nun schwiegen sie beide und hatten an ihrer Nähe genug.

Dann sagte Harro: »Heute werde ich dich malen, ich habe doch dem Herrn Professor eine Skizze versprochen, und heute, es ist ja später als er meinte... aber nun ist's auch recht, und das Licht durch die Blätter ist wunderschön gebrochen und dein Kleid ist vollkommen und ein anderes Kissen hole ich dir noch. Und dabei kann ich dich dann immerfort ansehen, und stillhalten darfst du nicht.«

»O Harro, für Stillhalten ist gesorgt. Ich halte schon nur zu still.«

Er strich liebkosend über ihre Hände... »Es ist besser, Rose, immer besser...«

Aber die Rose schwieg... Und Harro ging nicht seine Geräte zu holen.

Dann klagte er: »Rose, befiehl, daß ich etwas tun soll. Ich gehe herum, reiße an meinen Siebensachen und lasse alles wieder liegen. Ich habe die Unruhe, die große Unruhe. Die Kastanienecke mit den weißen Blütengehängen, an denen du solche Freude hattest, habe ich gänzlich verpatzt. Nun wage ich mich an nichts mehr. Sie fremden, alle meine angefangenen Sachen. Wenn ich deine Skizze nun auch verdürbe. Ich trau auch noch nicht. Ich bin unruhig, als ob's der Märt mir angetan hätte. Hast du mit dem schon gesprochen? Dem hat der Kummer und die Sorge um dich den armen Dickschädel so verdreht, daß er überall Gespenster sieht. Gespenster scheußlichster Sorte. Wahre Lemuren. Und beinahe hätte er mich angesteckt. So ein Wahnsinn muß ansteckend sein. Ich fing auch an, Gespenster zu sehen. Märt geht es wieder besser.«

»Harro,« sagte sie, »er hat ein schönes Lied gefunden in seinem Gesangbuch, das sei ihm ein Tröster gewesen. Und es sei für ihn und uns gemacht, das Lied. So viel hat er noch nie mit mir gesprochen, der Märt. Es quoll nur so aus ihm heraus. Er holte dann seiner Mutter Gesangbuch – sein eigenes sei zu ›wüst‹ für mich... – und zeigte es mir...«

»Daß sich Märt mit Poesie abgibt, ist das allermerkwürdigste, was ich an ihm erlebe! Der Märt und ein Gedicht! Das Lesen machte ihm schon Not. Wenn er als Soldat lesen mußte, brüllte die ganze Kompagnie, es waren seine entsetzlichsten Stunden, die Instruktionsstunden. Der Arme... Ausgelacht werden tut so weh. Das hat sich mir tief eingegraben. Laß mich doch auch das Meisterwerk lesen, das es Märt angetan hat.«

»Er meint, es stehe alles darin vom Thorstein. Von der schrecklichen Nacht und dem Morgen. Und daß man sich nicht zu erhängen brauche, stehe auch darin... das habe ich nun nicht darin gefunden. Wenn's nur der Märt darin gefunden hat... Es ist ein so liebes, tröstliches Lied, Harro. Ganz mütterlich ist's, wie es einen in die Arme nimmt und tröstet. Ein Wanderlied. Und man sieht das schöne Ziel. Und man fühlt die arme deutsche Welt, in der es gedichtet worden ist. Verbrannte Dörfer, eingestürzte Kirchen, zertretene Felder, Waisenkinder und arme Witwen in dürftigen Stübchen.«

Harro sieht ihre schöngeschwungenen Lippen, die wieder rot sind, die so wundervolle Linien haben, wenn sie spricht... Sie hält ihm das Buch hin, und er schaut einen Augenblick darauf herunter.

Dann sagt er: »Wie kann man Gedichte so drucken. Das ist schändlich. Sag mir lieber eine Zeile daraus. Ich höre es am liebsten von dir.«

»Es ist vom Heimweh, Harro, nach der himmlischen Heimat aus dem deutschen Jammer heraus... Zu ihm steht mein Verlangen; da wollt ich gerne hin, Die Welt bin ich durchgangen, daß ich's fast müde bin.«

Harro unterbrach sie: »Ach ja, das sind die müden Menschen von damals... Arme Seelen. Ich bin's noch nicht müde, die Welt zu durchgehen. Solange sie noch so schön ist.«

Rosmarie lächelte und ließ das Buch sinken: »Nein, lieber Harro, du bist noch nicht müde.«

»Du auch nicht, Rose.«

»Nein, aber mir ahnt, daß man es werden könnte.« »Bist du trüb. Rose? Läßt du deine schönen seidenen Blätter hängen?«

»Nein, oh, noch lange nicht... Ich bin sehr mutig... und jede Stunde aufs neue bin ich mutig... Weißt du, es ist ein Kampf, es ist ein Kampf.«

»Alles ist ein Kampf.«

»Ach Lieber, mit dem armen Herzen...«

»Daran leidest du noch?«

»Schwester Johanna meint, ich sei sehr ungeduldig und verlange zu viel von mir. Nein, sieh mich nicht so traurig an. Sonst find' ich morgen noch mehr graue Haare, an denen ich schuld bin.«

»Oh, nun kommt der sanfteste aller Drachen; Schwester Johanna, muß ich vor Ihrem Angesicht fliehen?«

»O gewiß nicht, Herr Graf! Ich bringe nur die Honigmilch.«

»O Schwester,« scherzte Harro, »was tun wir ohne Sie?«

»Durchlaucht wird jemand haben müssen, Herr Graf, wenn ich fortgehe.«

»Vor allen fremden Menschen graue ich mich, wenn ich krank bin. Nein, Schwester Johanna, Sie waren gleich lieb und gut.«

Harro rief: »Sie werden aber selbst einsehen, daß Sie nicht zum zweitenmal in der Welt herumlaufen ... Und Sie dem Herrn Chef zu entführen, das ist unmöglich.«

Die Schwester errötet ein wenig. »Ich arbeite nun schon lange dort...« Und sie geht wieder, die Gute, Feine.

»Rosmarie, das ist eine halbe Freisprechung! Und es freut mich so viel. Du glaubst nicht, was es heißt für einen Mann in meinem Alter, wenn sich sein ganzes gewohntes Weltbild verändert. Plötzlich. Alles einen ganz neuen Horizont bekommt. Einen ungeheuren Horizont, Rosmarie. Und ich bin so ratlos. Ich sehe in die Bibel hinein und finde den alten Judengott, den alten Jahwe, und dann wieder den Kirchengott in euren protestantischen Kirchen.«

»Harro, willst du nicht mit dem Herrn Stiftsprediger sprechen? Er wird dich verstehen.«

»O du liebe, törichte Rose. Was kann einem auch der beste Kirchenmann helfen? Das muß man doch mit sich allein ausmachen. Und zurück kann ich auch nicht mehr in mein altes Leben. Dem sind die Fenster eingeschlagen und der wilde Sturm braust durch. Ich kann nicht mehr drin hausen. Ich habe zuerst geglaubt, ich müßte überhaupt aus allem heraus... aber nun fange ich doch an, zur Vernunft zu kommen. Wenn ich also doch einmal Gottes Geschöpf sein soll...«

»Ein Gedanke Gottes, Harro...«

»O Rose, wie du das sagst. Sieh, du hast gerade das, was eure Kirchenleute nicht haben, die alles so gewiß wissen und so hineinsehen in Gottes Erdenpläne und überall dabei waren. Und dann das Unbegreifliche, was mir stets so furchtbar war. Daß Gott seine Rache nimmt an dem einzigen Schuldlosen.«

»Ich möchte auch nicht meine Sünden auf ihn werfen. Das ist mir furchtbar, wenn ich das höre. Du weißt doch, daß ich ihn sehr liebe, Harro! Kein Mensch auf der ganzen Welt ist so viel geliebt worden wie er, das hat uns der Herr Stiftsprediger einmal gesagt. Und keiner hat so von jedem Geschlecht aufs neue entdeckt werden müssen.«

»Er hat mir immer entsetzlich leid getan, der einsame Jude in dem wirren alten Judenland. Wie sie an ihm herumtasten und oft gar keine Ahnung von ihm haben. Und sein fürchterliches Ende ... Von dem durch alle Vergoldung und Stilisierung noch der Schrei zu uns gedrungen ist – das Wort, mit dem dein grünes Buch aufhört, Rosmarie. – Wie das geschrieben ist! Sie muß wahnsinnig gewesen sein, als sie das schrieb... Ihre Buchstaben stürzen, gleiten, taumeln. Zuletzt sind's nur wilde Striche. Und so endet es. Meine arme Ahnfrau! In Nacht und Verzweiflung muß es untergegangen sein, das Herz.«

»O Harro, vielleicht ist sie ihm nachgegangen. Seinen Weg. Und der ist ja auch nicht in Nacht und Verzweiflung geblieben. Harro, du mußt ihn auch lieben lernen, dann bist du nicht mehr so allein in der Gotteswelt...«

»Woher weißt du, daß ich mich so grausam einsam fühle? Aber du hast dich auch vor mir verborgen, Rose. Von deinem Allerinnersten hast du mich doch nichts sehen lassen.«

»Ich durfte nicht, Harro ...«

»Du durftest nicht?«

»Ach weißt du, Harro, das blaue Männlein! Aber du kannst nicht sagen, daß ich gar nie versucht hätte, mit dir von diesen Dingen zu reden. Ich fing nur nicht gern an, und schüchtern war ich auch. Und dann sagtest du: Traumrose. Und ich sollte nicht noch mehr Mondschein werden, als ich schon sei. Und eine Heilige hättest du nicht geheiratet, das sei gegen den Ehekontrakt. Lieber Harro, ich glaube, es ist mir ganz gesund gewesen. Und wenn ich mit dir zu disputieren versuchte und du mit deinem alten Demiurgos daher kamst, dann hast du mich doch immer in zwei Minuten so klein bekommen, daß ich nicht mehr vor- und rückwärts wußte. Ein bißchen dumm bin ich ja von jeher gewesen!«

Harro hatte sie unverwandt angesehen. Wie sich ihr blasses Gesicht rötete und ihre Augen leuchteten und eine immer unsäglichere Lieblichkeit auf ihrem Antlitz aus ihr heraus blühte. Wie wenn sie ihm jetzt ihren letzten wunderbaren verborgensten Blütenkelch öffne. Und das gute kleine Lachen über sich selbst.

»Aber Harro, was versteint dich denn so? Man könnte dich meißeln. Hol zwei Spiegel, dann hast du eine Plakette von dir selbst!«

»Ich will noch mehr wissen... Du hast dich so zurückgestoßen gefühlt?«

»Nein, Harro, aber traurig war ich über meine Dummheit und dachte, wenn dich jetzt der Herr Stiftsprediger hörte, der müßte nicht so kläglich vor dir die Segel streichen. In dem grünen Buche stand auch eines Tages das rechte Wort und wartete, bis ich es fände.«

»Rose, die geistig Armen, die selig sein sollen... nicht wahr, mit denen kommst du mir nicht... Das Wort haben sie einem so verekelt, fürchterlich verekelt. Es riecht nach eingesperrter Luft, nach Stuben, in denen ich nicht aufrecht stehen kann, nach Schwellen, an denen ich mir die Stirn einstoße.«

»Das war es auch nicht, Harro... o sprich nicht so laut und sei nicht so wild, sonst kommt Schwester Johanna und holt dich. Nein, das war es gar nicht. Vielleicht verstehst du das Wort nur falsch... Es heißt: Wenn ich alle Weisheit und Erkenntnis hätte und hätte keine Liebe... Da war ich froh... Denn ich dachte, mein Kopf kann eng sein, und vielleicht bin ich froh, daß ich einen so klugen Mann habe, dem ich doch nie nachkomme. Aber mein Herz kann weit sein... Und da kann ich Kerzlein aufstecken... Einen ganzen Weihnachtsbaum voll... und eins entzündet sich am andern. Und wenn ein Winter kommt, und draußen ist's dunkel und die Sonne ist selten und hat nur den kurzen kleinen Weg, dann habe ich meinen Baum! Ach, Harro, daß wir ihn so bald brauchen würden, hab ich gar nicht gedacht. Und nun erst die wenigen armen paar Lichtlein... Harro, du versteinst schon wieder. Und nun braucht man meine Kerzen gar nicht mehr. Nun hast du das goldene Band in der Hand. Es blendet dich noch...«

Da kam die Schwester und Märt hinter ihr drein. Märt lachte über das ganze Gesicht und es ging eine eigene Feierlichkeit von ihm aus. Er hatte eine frische Schürze an und seinen Haaren sah man die Wasserbürste an.

»Durchlaucht wünschen jetzt doch hereingetragen zu werden.«

»Nein, Schwester Johanna, wünschen, das können Sie nicht verlangen, aber ich sehe es ja ein.«

»Durchlaucht sollten einen Fahrstuhl haben.«

»Unsinn,« sagt Harro ärgerlich. »Wir tragen gerne, nicht wahr, Märt? und die kurze Zeit noch... die paar Tage will ich doch kein solch häßliches Ding hier sehen.«

Und sie trugen sie hinein, und Harro fragte: »Ist das nicht viel sänftlicher als jedes Geschiebe und Gerolle?«

»Sehr sänftlich,« lächelt sie mit ihren roten Lippen, und ihre Augen leuchten dazu. Sie ist noch schöner geworden, denkt er. Wenn der Professor das Bild sieht, glaubt er es kaum.

Dann ging Märt hinaus, wie seine Herrin ihm noch zugelächelt hatte; darauf wartete er. Harro und Schwester Johanna hoben Rosmarie auf ihr Bett. Und nun mußte er gehen, er sah's. Der Schwester Johanna war eine eiserne Festigkeit aufgedrückt. Freilich, sie war auch lange geduldig gewesen. Ach, sei's noch die paar Tage, so war ihr Regiment zu Ende.

Er ging in sein Atelier hinüber und spannte seine Leinwand auf.

Die Schwester Johanna brachte, ohne ein Wort zu sagen Rosmarie vollends zu Bett, öffnete die Fenster und setzte sich dann mit ihrer endlosen Arbeit bescheiden in ihre Ecke... Rosmarie war ihr mit den Augen gefolgt. Endlich sagte sie:

»Sie könnten wohl ein Wort sprechen, Schwester Johanna.«

»Ich glaube, Durchlaucht haben schon genug gesprochen... Und sich aufgeregt.« »Fühlen Sie doch meinen Puls, Schwester, ist er denn nicht besser?«

»Wenn hundertzwanzig besser ist als siebzig, dann ist er besser; Durchlaucht müssen viel mehr lernen, sich zurückzuhalten...«

»Schwester Johanna, Sie wissen gar nicht, was Sie sagen... Mich zurückhalten? ... Wenn ich nicht mehr leben soll... ist das auch noch gelebt? ... Hier liegen und auf Herzen horchen und denen den Willen tun wie bösen schreienden Kindern, das ist doch nicht gelebt. Ich bin doch nicht allein für mich auf der Welt...«

»Wenn der Herr Graf wüßte, was Sie jetzt leiden müssen das wäre ihm doch sehr schmerzlich.«

»Das wird er auch nicht wissen. Er war doch so froh, weil ich wieder rote Lippen hatte... und besser aussähe.«

Schwester Johanna bückte sich wieder über ihre Arbeit und schwieg. Und Rosmarie lag da und dachte, sie hat recht, die Schwester Johanna. Ich muß jedes Wort bezahlen, das ich gesprochen habe.

Dann schmeichelte sie: »Schwester Johanna, seien Sie wieder gut. Sie haben natürlich recht, wenn Sie jetzt in Ecken schweigen. Aber nun ist's geschehen, und Sie wissen, daß es mich bedrückt, wenn man so unzufrieden mit mir ist.«

Schwester Johanna erhob sich. Sie setzte sich an Rosmaries Bett und legte ihre Arbeit weg: »Durchlaucht, nur ein klein wenig an nachher denken...«

Über Rosmaries Gesicht strömten große Tränen... aber sie schluchzte nicht... sie hielt still, ganz still. Denn auch Weinen erlaubte es nicht, das unruhige, tyrannische, quälende Es, ohne das es keine Minute lang Erdenluft gibt.

Schwester Johanna macht Eisumschläge... sie hat nicht die Spur von anklagendem Wesen mehr... sie ist ganz nur zarteste Teilnahme und Hilfsbereitschaft.

»Schwester Johanna,« stöhnt Rosmarie. »Es ist mein bitterster Feind geworden ... Und was ich noch an Leben haben will, muß ich mir von seiner Feindschaft erkämpfen.«

Schwester Johanna macht keine Tröstungsversuche. Sie hält Rosmaries heiße Hand in der ihrigen und streicht ihr sanft über den Arm. »Soll ich ein Wort lesen?« »Nein, Schwester Johanna, ich will nichts hören. Ich habe heute große Worte in den Mund genommen, und die großen Worte kommen zurück und sehen mich an ... Und meinem schönen Leben, meinem Waldhaus und den Sommerwiesen und den lichten Eichen muß ich nachsehen... Wie es immer weiter verschwindet: und nicht einmal weinen darf ich: Es duldet's nicht!«

Ganz still liegt sie und läßt den goldbraunen Vorhang über ihre Augen sinken.

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