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Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
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Sechsunddreißigstes Kapitel: Auf der Römerwiese.

Auf der Römerwiese ist ein Blühen und Duften wie selten. Schmetterlinge in ganzen Wolken jagen sich darüber. Am Rain machen die jungen Hasen ihre drolligen Spiele, und Heinz winkt dem Reh mit seiner kleinen dicken Hand, daß es komme und mit ihm spiele. Im Kastanienschatten in ihrem weißen Batistkleide sitzt Rosmarie und hält ihrem Kinde die Hand hin, daß er einen Finger ergreifen und daran die weite Reise zu ihren Knien unternehmen kann.

Neben ihr liegt auf dem Boden das schwarze Schaf, der Brandensteiner, im Zustand höchster irdischer Glückseligkeit. Ein wenig verliebt, gerade so viel, daß alle Farben leuchtender dadurch geworden sind, die Luft würziger, der Himmel blauer, und doch nicht so viel, daß er schon Herzweh davon hätte. Rosmarie behandelt ihn immer noch als Kranken, sorgt für sein Behagen und hält ihm kleine Strafreden. Von seiner Schwester reden sie nie ein Wort. Harro malt ein Stück Sommerwiese mit der Schmetterlingswolke darauf, sehr behaglich... nur ist ihm der Besuch nicht ganz genehm. Sicher, denkt er, verrät der Schlingel nicht, wo er hingeht, sonst brächte er doch irgend welche Botschaft, was er aber nie tut. Und daß beide kein ganz ganz reines Gewissen haben, verrät sich auch dadurch, daß der Fürst bei seinen abendlichen Besuchen auch nichts davon erzählt bekommt. Rosmarie mag Alfred in der Stille die Erholung von Mamas Gesellschaft gönnen und Harro dem Fürsten seinen abendlichen Frieden nicht stören, der so wenig wie möglich bei seinen Kindern über Braunecker Dinge, insofern sie mit seiner Frau zusammenhängen, redet.

Und heute bringt Alfred eine Neuigkeit mit. Das neue Auto, mit dem die Fürstin überrascht werden soll, wird heute kommen, mit einem ausgezeichneten Chauffeur. Und sie kann schon morgen das Land durchrasen. Der Fürst zittere schon für das Leben jedes Getiers oder Menschenkindes auf der Straße. Auch werde er sich nie dieses Vehikels bedienen, in das man gänzlich ungestraft einsteige und aus dem man als mehrfacher Mörder wieder herauskomme. Er hat eine etwas frivole und leichtsinnige Art zu sprechen, die Rosmarie nicht sympathisch ist, aber vielleicht sprechen eben die jungen Offiziere unter ihren Wellblechdächern so. Und sie hat immer noch Mitleid mit der schlanken, etwas kraftlosen Gestalt und den dünnen Händen.

»Und zu deinem Mitleid hast du Grund, Rosmarie,« sagt ihr Harro einmal. »Er ist ein leichtsinniges Huhn, und seine Familie ist so ziemlich fertig mit ihm. Es bleibt ihm vermutlich doch nur U.S.A. und der Omnibuskutscher oder Bereiter bei Mrs. von Schmidt, wenn's gut geht. So laß ihn eben noch ein wenig an der Sonne liegen, es ist vermutlich seine letzte gute Zeit im Leben.«

Und heute schmeichelt Alfred um ein Mittagessen und will sogar mit Heinzens übrig gelassenem Brei vorlieb nehmen.

»Wird man Sie nicht vermissen?«

»Nein, heute nicht,« lächelt er. »Ich bin demütig zu Fuß abgezogen.«

»Was viel besser für Sie ist,« unterbricht ihn Harro, »Sie fallen dann nicht so hoch herunter.«

Ja, und er habe gesagt, er wolle sich des Fürsten landwirtschaftlichen Musterbetrieb auf der Domäne Bronnweiler ansehen. Weil er ja vielleicht einmal selbst zur Landwirtschaft übergehe.

»Richtig,« sagt Harro, »und so sehen Sie sich den Musterbetrieb an. Nun, vielleicht ist's ebensogut, Sie räkeln sich. Ich glaube nicht recht an Ihre landwirtschaftliche Begabung.«

»Was kann es Schöneres auf der Welt geben,« seufzte er. »Räkeln! Die Poesie der Faulheit! Wie wenig Menschen können sie so recht würdigen.«

»Aber heute abend wollen wir doch einen Gang machen,« sagt Rosmarie, »wenn das Kind schläft: es wird ja jetzt so früh müde. Und ich will einen großen, großen Strauß haben für das Sälchen. Vergißmeinnicht und Weißdorn und Dotterblumen und Buchenzweige, und am Sonntag ist Pfingsten, und das muß doch gefeiert werden.«

»Ich höre so oft von Festen bei Ihnen, Cousine, und ich würde darauf brennen, ein Fest mitzumachen. Feste sind mir bis jetzt der Inbegriff des Tristen gewesen. Seine kleinen Freuden schafft man sich eher allein.«

»Zu zweien, wollen Sie sagen.« warf Harro ein. »Ich möchte übrigens ein Fest geben, Rose, zur Einweihung des Saales. Aber etwas Neues in Festen! Eine Menge Menschen. Musik und Rosenkränze. Und kein männliches Wesen im schwarzen Knechtskleid und Röhrensystem wird zugelassen. Auch keines mit Zuchthäuslerfrisur wie Sie, Alfred.«

»O Himmel, was fange ich an, ich kann mir doch keine weißgelben Stoppeln wachsen lassen.«

»Ach, Sie tun mir leid,« neckt Harro, »haben Sie das von jeher an sich gehabt, – also nur Stoppeln wachsen Ihnen.« –

»Harro, du bist schlimm,« tadelt die Rose. »Sie müssen wissen, Alfred, daß mein Mann die geschorenen Köpfe nicht leiden kann.«

»Ich bin todunglücklich, ich will sehen, was ich auf diesem allerdings mißhandelten Boden noch heranzüchten kann. Wann soll das Fest sein?«

»Die letzte Wand muß fertig sein. Und die Rose hat leider zu viel Ideen. Gerade weil es die letzte ist, scheinen die sich ihr in beängstigender Zahl aufzudrängen. Im Sommer ist ein Fest zwischen vier Wänden stillos.«

»Wo bekommen wir nur all die Menschen her,« wundert sich die Rose.

»Menschen genug, wenn der Gothaische nicht gebraucht wird. – Also Sie haben noch Zeit, sich zu bessern, Alfred. Rose, deinen Vater möchte ich in der Tracht des Philipp Brauneck sehen. Da würdest du erst erkennen, wie er eigentlich aussieht.«

»Ein Kostümfest also?«

»Ein Schönheitsfest. Warum sollten wir unsern Augen nicht einmal ein Menschenfest geben, wo jeder sich so herausmacht wie unsere Römerwiese heute, die doch auch ein Werktagskleid kennt. Alfred, Ihre Schwester werde ich mit dem Kostüm einer venetianischen Edeldame zu versöhnen trachten. Ich werde es ihr zeichnen. Und die Herren der Schöpfung, bei denen erlebt man die sonderbarsten Dinge. Wie froh fast jeder ist, daß er aus seiner Haut schlüpfen kann. Sie haben, wenigstens die Klügeren, eine Ahnung davon, daß sie, wenn sie festlich sein wollen, ins Lächerliche geraten.« Der Brandensteiner dachte an die verschiedenen Uniformen, die er schon an- und ausgezogen hatte, und seufzte.

»Was dekretieren Sie mir, gestrenger Herr Vetter, vorausgesetzt, daß die Stoppelkultur gelänge ....«

»Sie geben einen famosen dünnen Sankt Jürg nach Tilman Riemenschneider, fahren Sie nach Rothenburg und sehen Sie sich den Patron an.«

»Ein Heiliger, Herr Vetter, ich bin entzückt. – Ist der Heinz übrigens immer ein solcher Musterknabe?«

»Haben Sie nicht bemerkt, daß er eine Schnecke gefunden hat? Das ist sein höchstes Entzücken. Alles andere Getier verschwindet zu schnell aus seinem Gesichtskreis. Die Rehe wollen nicht mit ihm spielen, die Hasen laufen davon, die Vögel gehen wieder in die Luft, die Pferde sind zu groß. Aber der liebe, gute Schneck!«

»Neck,« ruft der Kleine entzückt. Er hatte die Zeit auf dem Bauche gelegen und einer großen gelben Weinbergschnecke zugesehen. Zuweilen tippte er mit seinem Fingerchen auf das Haus, dann verschwand der gelbe Kopf und quoll dann langsam wieder heraus. Und darüber mußte er hell auflachen und ein leiser Respekt vor den Hörnern war doch unverkennbar. Harro ergriff sein Skizzenbuch und strichelte emsig, aber wie wenn er es bemerkt hätte, so erhob der Kleine den Kopf und tat einen Riß an der Mutter Kleid.

»Mama. Neck wesen.«

»Sehen Sie, nun will er den Schneck in dichterischer Verklärung genießen. Erzähle. Rose!«

Das Bübchen stand vor ihr, beide Ellbogen auf ihr Knie gestützt und die Augen mit intensivem Entzücken auf der Mutter Lippen geheftet.

»Es ist einmal ein Schneck gewesen.« »Neck wesen.« echote er. »Der ging einen hohen Berg hinauf. Plumps fiel der Schneck herunter und brach sein Horn ab. Ging der Schneck in sein Haus und weint. Kein Horn mehr!« Heinz seufzt. »Horn mehr!«

»Kommt ein Regen plitsch platsch. Hat die Schnecke wieder ihr Horn.«

Heinz tut einen Jubelschrei und schwingt sich bäuchlings aus der Mutter Knie und schmeichelt. »Noch ein Neck.«

»Hören Sie, Alfred, da capo. Wir sind sehr stolz auf unser Werk. Vor der fünften Wiederholung beruhigt er sich nicht. Und die Geschichte tut ihren Dienst schon drei Wochen lang. Was Rosmarie, die eine prima Märchenmutter gibt, ihm auch anbietet, nichts verfängt, er will seinen Schneck. Und jedesmal genießt er gleich intensiv mit. Die Geschichte ist vollkommen. Sie ist spannend, sie bringt stets Neues, sie endet gut. Sie kann immer wieder genossen werden wie eine Kellersche Legende. Sie verfolgt ihn im Traum. Im Schlaf murmelt er ein zärtliches, ein teilnehmendes, ein beglücktes: Neck.«

Rosmarie hat ihre Arme um das Kind gelegt und erzählt ihm flüsternd den vierten Neck. Aug in Aug sehen sich Mutter und Kind, und durch das Blätterdach der Kastanie fällt ein Sonnenpfeil auf Rosmaries Haar, daß es aufleuchtet. Wie das grüne Licht auf ihrem weißen Kleide liegt! Die letzten Blüten rieseln herab, und von der Sommerwiese ertönt ein tausendfältiges Zirpen und fernes Klingen der unzähligen kleinen Lebewesen, die sich draußen ihres kurzen Lebenstages freuen. »Heute ist der letzte Mai,« sagt Rosmarie, »heute haben die Rehe ihren letzten guten Tag. Vater wird schon heute abend auf den Anstand gehen.«

»Cousine, Sie werden mich wohl für einen sehr rohen Menschen halten, wenn ich auch eine Büchse in die Hand nehme?«

»Ihnen wird es nachgesehen werden, ich dürfte es nicht wagen,« meinte Harro.

»Ach, die feinen, liebsten Tiere. Laß sie von andern töten, wenn es sein muß, Harro. Aber du nicht! O wie schön, daß sie es nicht wissen. Sieh, dort geht eins ... Ich freue mich so sehr, auf unserem Zipfel der Römerwiese darf nicht geschossen werden, Heinz könnte über dem Knall erschrecken, und nun werden wir in diesem Sommer viele hier haben. Die Rehe merken es bald, wo sie Ruhe haben.«

Es wird heiß, fast drückend unter den Kastanien, und das Kind wird müde. Sie gehen ins Haus hinein, im Sälchen ist's köstlich kühl und frisch.

Der Mittagswagen ist gekommen. Wie ist das Mahl so köstlich in dem Sälchen, dessen sieben Fenster offen stehen und das ganz durchhaucht ist von dem Atem des Waldes.

Der Hausherr in seinem Leinenkittel präsidiert in strahlendster Laune, die Hausfrau in ihrem weißen Gewande lächelt auf ihre eigene, verträumt selige Weise vor sich hin, und der Herr Leutnant a. D. denkt mit einem Seufzer an die Diners in Brauneck, die servierenden Lakaien, den dumpfen Druck auf den paar Menschen, der keine irgendwie frohe Stimmung aufkommen läßt.

»Harro,« beginnt er, »können Sie keinen Farbenreiber brauchen? Ich habe meine sämtlichen Fähigkeiten durchgemustert und finde, Sie haben recht, die Landwirtschaft würde mir nicht liegen. Ich habe gelesen, daß die alten Meister stets Farbenreiber hatten und daß daher die Leuchtkraft ihrer Farben kam, daß sie stets frisch angerührte Farben benützten.«

»Wie gelehrt,« neckt Harro.

»Und bis zu Hintergründen könnte ich mich vielleicht versteigen, ich hatte in der Penne eine Zwei im Zeichnen.«

»Gut,« sagte Harro, »es gelüstet mich schon lange nach einem solchen Experiment. Holzplatten und Kirschharz! Alfred, Sie schleifen Tafeln ab und bereiten den Kreidegrund. Schlagen Sie es doch einmal Ihrer Schwester vor. Die Sache muß aber bei gutem Wetter im Freien gemacht werden im Schloßhof. Zehnstündige Arbeitszeit, Tagelohn und das Warme. Auch Unterkunft im Hause. Sonntags Ausgangsfreiheit von drei bis sieben.«

Aber Alfred läßt sich nicht abschrecken, und der Plan wird zu Rosmaries Entsetzen weiter erörtert. Harro lächelt schlimmvergnügt, und Alfred bekommt einen roten Kopf vor Eifer.

Zum Nachtisch gibt's die ersten Kirschen. Der Fürst hat sie geschickt. Harro lobt über alles den Farbenakkord der roten Früchte in der silbernen Schale in dem weißgrünen Sälchen.

Ein Fink fliegt zum offenen Fenster herein, flattert an der Decke hin und setzt sich auf einen Fensterflügel. Er fürchtet sich nicht und schaut mit seinen blanken Äuglein um sich. Nur gar zu viel Ansehen erträgt er nicht. Da streicht er mit einem hellen Pfiff davon.

Gegen Abend, als das Kind zur Ruhe gebracht ist und Lisa neben ihm sitzt, daß es doch nicht ganz allein ist im Walde, gehen sie fort, Rosmaries Strauß zu holen. Rosmarie hat einen zarten Gazeschleier um ihr Haar gewunden, mit dem der leichte Abendwind spielt und der ihr in zarten Wolken nachfliegt. Alfred springt nach den Blumen, verdirbt sich seine tadellosen Beinkleider an feuchten Rainen, wo die Vergißmeinnicht wachsen, brennt sich an Brennesseln und ist vergnügt wie der Bruder Leichtfuß im Märchen. Harro schlendert vor sich hin und gibt seinen Augen ein Fest, Rosmarie trägt ihren Strauß, der immer größer und größer wird, und schweigt und lächelt vor sich hin. Und Harro geht immer hinter ihr, damit er genießen kann, wie sie geht, – wie Königinnen schreiten. Wie Musik ist ihr Gang.

Eine Drossel singt, als müßte es ihr das kleine Herz zersprengen. Und der Himmel, an dem drohende weiße Wolkenberge waren, die sich nun in Lämmerwölkchen zerteilt haben, wird immer goldener, und nun erglüht er in köstlichem Purpur.

Aus den Waldzungen, die in die Blumenpracht der Römerwiese hineinragen, steigen schon die blauen Schatten, und dort im Erlengrunde webt sich der feinste, weiße Nebelschleier.

»Liebster, sieh dort die himmlischen Rosenfelder!« sagt Rosmarie, und sie hebt ihren Strauß, den sie schon mit beiden Händen halten muß, in die Höhe. »Und der Schein, der über die Wipfel fliegt, und wie geheimnisvoll nun der Wald geworden ist.« Es springt ein Rehbock vorüber in wilden Sätzen. Er muß erschreckt worden sein. Zugleich ein Knall, der die stille Luft durchreißt.

»Ach, können sie's nicht lassen!« ruft Harro ärgerlich. Rosmarie wendet ihr schönes Antlitz nach ihm, ihr Blumenstrauß kommt ins Wanken. Sie geht noch ein paar Schritte, dann sinkt sie auf ihr Knie und dann sanft vornüber und bettet ihren Kopf auf den Blumen.

»Rosmarie, hast du dich so erschreckt oder bist du gestolpert?« Er legt seine Arme um sie und will sie sanft in die Höhe ziehen. Alfred ist kreideweiß geworden und murmelt: »O Gott, o Gott!«

»Alfred,« herrscht er ihn an, »seien Sie kein solches Nervenbündel, sie ist vielleicht ohnmächtig geworden, können Sie nicht Wasser holen?«

Aber Alfred rührt sich nicht, er wirft sich nur auf den Boden neben sie. »O Gott, o Gott ...«

Harro hat Rosmarie auf sein Knie gehoben, sie ist sehr blaß, aber schlägt schon wieder ihre Augen auf. Große, dunkle, ganz veränderte Augen. Dann sieht er, wie sich das weiße Spitzengeriesel auf ihrer Brust ein weniges rot färbt. Und er begreift.

»Harro,« flüstert Alfred, »wohin? Nach dem Hause? Im Waldhaus haben wir nichts, niemand. Dort die Stangen.« Er steht auf und fliegt über die Wiese dahin zu dem verborgenen Schießstand. Von dem unglücklichen Schützen ist nichts mehr zu sehen. Alles muß dienen, die Jacke, das Taschentuch, starke Weidenzweige. In wenigen Minuten kommt er wieder und zieht eine rohe Bahre hinter sich her.

Harro hat versucht, seine Frau auf den Arm zu nehmen, aber dann stöhnt sie. – Er hätte auch nicht die Kraft, sie zu tragen. Wie betäubt ist er, und aus den Wäldern kriechen die Schatten, und es ist, als schauten große dunkle Augen heraus. Harro muß auch hergeben, was er entbehren kann, dann betten sie beide so sanft wie möglich die weiße Gestalt auf die Bahre. Harro wandelt wie im Traum. Vorwärts, über den feuchten grasigen Waldweg, wo zwischen den Stämmen schon die weißen Nebel ziehen. Die Last ist schwer für die beiden Männer, von denen der eine kaum erst über seine ganze Kraft verfügt und den andern das Entsetzen lähmt.

Da knallt eine Peitsche. – »Absetzen.« kommandiert Alfred, und er rennt durch das Unterholz in gerader Linie dem Schall nach. Ein verspäteter Kuhwagen ist's, mit einer Last Klee. Der Bauer entsetzt sich über den halbbekleideten Menschen. Endlich hat er begriffen. Nach der nächsten Telephonstelle soll er rennen, nach Brauneck telephonieren. Das neue Auto soll kommen, es ist ein Unglück geschehen ... Bald haben sie Rosmarie auf das grüne Lager des Klees gebettet, und gottlob, sie scheint es zu fühlen, sie streckt sich sanft aus. Alfred faßt die Kühe an den Köpfen, und Harro schreitet daneben, seine Hand auf der andern blassen Hand. Die gute Hand, – sie schmiegt ihre Wange daran. Langsam rumpelt der Wagen über die Waldstraße. Die dunkle Nacht bricht herein, und es funkeln die Sterne über dem traurigen Fuhrwerk. – Endlich ... der Thorstein.

»Märt,« stöhnt sein Herr. –

Da weiß der Märt, daß der große Schatten doch gekommen ist. Sie liegt noch kaum auf ihrem Lager, da ertönt ein ungefüges Quaken und schnurrendes Singen, und zwei große Sonnen als Laternen fährt das Auto in den Schloßhof. Und der Herr Hofrat und die Diakonisse entsteigen ihm. Es ist alles wie ein fürchterlicher Traum, aus dem man noch aufwachen kann. Steif und aufrecht steht Harro am Bett unten, während die beiden ihren Dienst tun. Nicht eine Muskel zuckt in dem Gesicht des Arztes, als er die kleine Wunde untersucht. Rosmarie öffnet hie und da die Augen, und ihre Hände heben sich ein wenig. Harro steht und wartet. Was er sagen wird, der Mann, der das Leben dort in seiner Hand hält. Jetzt winkt ihn der Hofrat mit den Augen hinaus. Sie stehen in der Goldhalle neben dem Kinderbrunnen. Alfred steht am Telephon, den Hörtrichter in der Hand und ein Kursbuch.

»Herr Graf, ich fürchte, die Kugel steckt unter dem Herzen, ich möchte einen der Würzburger Herren zu Rate ziehen!«

»Würzburg,« sagt Alfred Brandenstein in das Telephon hinein. Keine Sekunde verliert er. Der Hofrat diktiert Namen und Adresse und größte Eile. Das Auto muß auf den Schnellzug fahren, nur so ist's möglich. –

»Mit dieser Teufelskutsche ist alles möglich. Etwas Lebendiges, was zum Glück auf vier Füßen ging, haben wir schon unter uns gebracht. Nein, wir geben nicht alle Hoffnung auf. Herr Graf. Es wird ja eine schlimme Nacht geben. Professor Birt hat schon ebenso schwere Fälle durchgebracht. Wir müssen nur die Kraft erhalten ...«

Und dann stehen sie wieder in dem schönen Schlafzimmer, in dem ein fremder Geruch ist. Das Auto surrt durch die Nacht davon. –

Der junge Herr möchte den Grafen sprechen. –

»Harro,« sagt Alfred mit zuckenden Lippen, »das Mädchen im Waldhaus und das Kind. Soll ich nicht hinfahren und sie holen?«

Das Kind! Es ist bei dem Namen, als bräche ein Quell in seiner Brust auf. Er stöhnt.

»Ich gehe, Harro.«

Der Wagen rollt durchs Tor, und dann wird es still auf dem Thorstein. Harro setzt sich an das Bett, wo die blasse Hand liegt, die sich immer hebt und fällt. In dem schönen Gesicht ist ein fremder Zug, der sich immer mehr verstärkt. Es ist, wie wenn seine Pinsel um die Linien der Nase führen, daß sie plötzlich klarer und bestimmter werden. Erschreckend vornehm sieht das Gesicht aus, das immer noch der weiße Schleier umgibt. Die Lippen sind von einem seltsamen rötlichen Grau und die Augen ganz dunkel. Und Harro muß das sehen mit seinen Maleraugen. Er muß. Ein fremdes Licht auf der Stirne und weit offene, in dumpfer Qual aufschauende Augen.

Herr Hofrat...

Der weiße Flügel geht noch einmal vorüber. Hufe: der Fürst. Harro wirft dem Arzte einen flehenden Blick zu: Gehen Sie. Und der Hofrat geht hinaus. Er weiß, was er dem Herrn bringen muß. Und er sammelt alle Hoffnungsfäden auf. Und der Fürst ist seltsam und gefaßt. Er sagt:

»Gottes Hand ist über uns. Ich habe seit drei Tagen gefühlt, daß eine Wolke da hängt. Und nun ist der Blitz gefallen.«

Auch draußen donnert es leise, und Blitze weben ein leuchtendes Netz am Wolkenhimmel.

»Kann ich meine Tochter sehen?«

Wie Harro ihn sieht, erzittert er und umschlingt ihn mit seinen starken Armen:

»O Vater, einen Schritt vorwärts, wenn ich getan hätte, einen Schritt...«

»Mein armer Harro. Nein, es kann nicht Gottes Wille sein. Komm, lege dich. Ich kann ja bei meiner Tochter sitzen.«

Rosmaries Seele muß doch nicht so weit entfernt sein. Man sieht an ihren Augen, daß sie ihn kennt. Sprechen kann sie nicht mehr. Nur ihre Hand aufheben und sie wieder fallen lassen. Draußen rauscht mit tausend Güssen und Strömen der Regen hernieder. Ein Regen wie ein Wildbach, und der Thorsteiner Wagen kämpft sich mühsam seinen Weg zu dem schlafenden Kinde und der weinenden und betenden Lisa durch aufgeweichte und überflutete Wege. Von Fieber klappernd und laut wie ein Kind vor sich hinschluchzend sitzt der Brandensteiner auf dem Bock. Endlich bringt er seine Pferde glücklich in den Schloßhof hinein, wie draußen eine wahre Sintflut niedergeht. Und im Schlafzimmer ist große Not. Rosmarie will etwas sagen. Ach, wie ihre armen Augen flehen.

»Heinz wird gleich da sein, Alfred holt ihn.«

Ist es das? Nein.

»Der Vater?«

Er beugt seinen Kopf über sie, und sie flüstert mit höchster Anstrengung: »Der Landjäger...« und sieht ihn mit herzbrechender Angst an. Dann versinkt ihre Seele wieder ins Traumland.

Was meint sie? Sie können's alle nicht erraten, – hat sie je das Wort in den Mund genommen? Und sie spricht nichts mehr. Aber sie sehen alle deutlich, daß ein Kampf beginnt. Wie ein schwerer Stein muß es ihr auf der Brust liegen. Sie versucht immer wieder mit den Händen etwas hinwegzuheben. Endlich dämmert ein grauer Morgen durch den dichtesten Regenschleier. Der Herr Hofrat wandert mit der Uhr in der Hand die Treppen hinauf und wieder hinab.

Wenn die Teufelskutsche irgendwo angerannt ist! Hundertmal glaubt er durch den Sturm das Surren zu hören. Und jetzt... Es kann keine Täuschung mehr sein. Die zwei Sonnen den Berg herauf. Einen Blick wirft er auf Rosmarie und eilt hinaus.

Drei vermummte Gestalten: »Herr Professor« –, »Herr Kollege, lassen Sie mich meine Beine wieder finden, ich habe den Konnex mit ihnen verloren. Das war eine Fahrt. Lebt sie denn noch?«

»Ja, Herr Professor, aber es eilt!«

Dann sieht Harro durch den roten Nebel vor seinen Augen ein fremdes Gesicht auftauchen. Schmal, übernächtig, mit zwei brennenden Falkenaugen, fast wie die seinen.

Dann verbirgt er seine Augen, er kann nicht sehen, wie die fremden Männer mit dem hilflosen Körper umgehen. Immer noch ist's ein gräßlicher Traum, der Nachtmar –. Es ist jetzt schon ganz hell, und die Drosseln singen durch den Regen.

Und die Herren beraten. Lange. –

Der Fürst klopft bei ihnen an, er hält es nicht länger aus. »Herr Professor, es ist mein einziges Kind.« Fast kindlich blicken seine dunklen Augen.

»Durchlaucht, das Mögliche wird geschehen. Aber wir fürchten uns beide vor der Möglichkeit, daß die Gräfin die Operation nicht überstehe –«

»Ja und sonst –.«

Der Professor schweigt.

»Mein Sohn muß entscheiden.«

Und sie müssen dem Gatten das Furchtbare klar machen. Der Herr Professor versucht nicht zu überreden. Er kann ja nur schwache Hoffnung machen. Freilich, auf der andern Seite ist schwarze Nacht. Und doch, sie sterben lassen unter dem Messer der fremden Männer... Eine Höllenqual reißt an ihm.

»Vater, entscheide du!«

Der Fürst sagt einfach: »Wir wenden uns dahin, wo noch eine Hoffnung ist.«

Und dann ist ein wildes Leben im Hause. Dein Festsaal, armer Harro! Dein schöner Festsaal mit den vielen Fenstern ins grüne Land. Wie alles eilt und fliegt. Und die Minuten fliegen. Die wenigen Minuten, die er noch an dem Bette sitzen kann, die blasse Hand in der seinigen. »Rosmarie.« Er flüstert es nur. Sie hat den Laut gehört, und ihre Seele kehrt mit bebenden Schwingen zurück. Er liegt auf seinen Knien vor ihrem Bett, und ihre Augen ruhen ineinander. »Geh nicht von mir, Seele, meine Seele, mein blauer Himmel.«

Dann berührte eine Hand seine Schulter. Der Herr Hofrat, sehr ernst und blaß:

»Gehen Sie jetzt hinaus, Herr Graf!«

Eine wilde Verzweiflung packt ihn. »Was werden sie mit ihr tun... Ich kann nicht, ich kann nicht.«

»Herr Graf, es eilt.«

Da fühlt er das rollende Rad über seinem Herzen. Mit schwerem dumpfen Poltern geht es hinüber.

Er geht mit dem Fürsten ins Atelier. Er sieht die Bahre nicht, die Märt und der Assistent hinauftragen in den Festsaal. Der Fürst steht neben ihm. »Kannst du beten, Harro?«

Beten, jetzt beten... während der blinde Karren poltert und sie sein schönes Glück hinauftragen! Er schüttelt den Kopf. Ist ein Plätzchen in seinem Herzen, über das der Karren noch nicht gerumpelt wäre?

»Dann will ich es auch für dich tun, Harro. Ich habe die ganze Nacht nichts anderes getan. Gott wird uns hören. Er wird das Kind nicht verlassen!«

Harro starrt mit schweren Augen vor sich hin. »Einen Schritt vor, Vater, einen Schritt nur...«

»Zerquäle dich jetzt nicht damit, Harro... Sieh auf deinen Ring da – es steht darin.«

»Meinen Ring?«

»Gottes Will hat kein Warum. Die ganze Nacht steht er vor mir, der Spruch. Ich könnte sonst nicht so ruhig sein. Und daß ich vorher wußte – es kommt etwas...«

Dann setzt sich der Fürst in Rosmaries Stuhl und bedeckt sein Gesicht – Und Harro horcht. Seine ganze Seele muß horchen. Da und dort gehen Türen, und nun ist's still, und wieder Schritte. Dann steht er langsam auf. Nein, hier kann er nicht bleiben. In keinem der Zimmer, wo er noch den Hauch ihrer Gegenwart fühlt. Vergebens versucht der Fürst ihn zurückzuhalten. Er geht hinaus. Märt begegnet ihm, wie er schwerfällig von oben kommt.

»Märt, o Märt!«

Märt stößt einen gurgelnden Laut aus und steckt seine Faust ins Gesicht.

»Märt, hier kann ich nicht bleiben, – ich seh ja die Fenster... dort kann ich auch nicht sein. Ich muß allein sein.«

Märt zieht die Faust vom Gesicht –. »Mein Turm, Herr Graf.«

Und Harro steigt die steile Treppe hinauf in das weiße runde Zimmer, wo es so reinlich und ordentlich ist. Märt deckt ein frisches Laken über das Bett. Er schließt das Fenster nach dem Hause zu. Oben im Schlag duckt's und gurrt's von jungen Tauben.

»Märt, wenn sie tot ist. so sollst du es mir sagen. Und laß niemand herein! Nur du.«

Märt schüttelt den ungefügen Kopf. »Nein. Herr Graf.« Er deutet zum Fenster hinaus, wo durch die grauen Wolkenberge ein dünner Faden Sonne schießt und ein Stück Regenbogen aufglänzt. Sein Gesicht verklärt sich. Dann geht er hinaus. Und Harro wirft sich auf das Knechtsbett. Die Sonne verschwindet wieder, und der Regen strömt, der im Walde alle Spuren verwischt. Die Schritte derer, die heut über die Römerwiese gegangen sind. Harro streckt sich aus. Eine Wohltat, das Liegen allein.

Dort steht Märts Wasserkrug. Er setzt ihn an seine verbrannten Lippen. Und das Stückchen Brot dort gegen die elende Schwäche. Fast nicht mehr denken kann er. Mühsam ißt er ein Stück von dem schwarzen Brot, das erste, was er seit den Kirschen im Sälchen über die Lippen gebracht. Dann streckt er sich wieder aus. Da zerreißt ihn wie ein Blitz die Qual wieder. Jetzt... da drüben in seinem Festsaal... Das Blut hämmert ihm zum Herzen. Nicht denken, nicht denken, – wie vorhin, essen und sich ausstrecken, – aber schon wieder ist das wilde Gedankenheer auf ihn losgelassen. Seine bildnerische Phantasie, die sonst sein Leben verschönt, hier wird sie zur Furie, die ihm hundert Bilder vorhält, eins entsetzlicher als das andere. Der Festsaal, die weiße Gestalt und ein schmaler Blutstreifen, der herabrieselt von der weißen Brust. Nein, da hinter den Bildern grinst der Wahnsinn.

Irgendwohin muß die Seele flüchten können... irgendwohin. Er wandert in dem engen Zimmer auf und ab, dann flüchtet er in den tiefsten Winkel. Vor den Dingen da draußen, den Wolken, den Wäldern, – und vergräbt sein Gesicht in seine Hände. Da – berührt ihn nicht etwas, – ganz leicht, wie mit den zartesten Händen, und zugleich rieselt es wie eine goldene Quelle über sein armes Herz! Er sieht auf. die Stube ist leer. Draußen strömt der Regen eintönig herunter. Und doch war etwas da. Hat ihn ein seliger Geist berührt, ehe er entschwebte? Er horcht auf, aber niemand kommt.

Und schon brandet die Qual wieder heran... Über ihm rucksen, gurren die Tauben und schlagen mit den Flügeln. Dann wirft die Angst wieder ihre schwarzen Riesenschwingen um ihn. So lange währt das. Und er wirft sich auf den Boden auf sein Gesicht. Und noch einmal das goldene Rieseln... Die Berührung von etwas, was nicht zu sehen ist.

Da bricht sein wildes trotziges Herz. Auf den Knien liegt er, die Arme reckt er aus. Festgeschlossen sind seine Augen, damit die Seele sich sammle in ihrer Behausung.

»Du, du, – wenn du mich hörst... Erbarme dich, erbarme dich! Nimm sie nicht von mir. So nicht... Vater im Himmel – Vater...« Ein Strom von Gold quillt über seine Seele. »Vater... ich will dir dienen. Mit allem, was ich habe,« stammelt er. »Mit allem...« Oh, wie er weint, wie seine Schultern zucken und sein Leib erbebt. Und die Tränen schwemmen die Höllenqual hinweg. Dann kommt ein Schritt die Treppe herauf. Märt. So weiß wie eine Wand.

»Sie lebt, Herr Graf.«

Harro erhebt sich. Der Knecht muß ihn stützen.

»Märt, mein treuer Märt!« Ganz still hält der Knecht. Dann führt er seinen Herrn vorsichtig die steilen Stufen hernieder. Ein junger fremder Mann steht neben dem Fürsten.

»Nein, man kann jetzt die Patientin nicht sehen. Von jeder Veränderung werden wir Nachricht geben.« Und dann Kommt ein Wagen angerollt, auf dem ein Landjäger sitzt. Und plötzlich fallen ihnen Rosmaries Worte wieder ein. Es sind die Herren vom Gericht. Man führt sie ins Atelier, und der blasse, fieberzitternde Alfred wird auch herbeigeholt. Aber die beiden Herren wissen nichts zu sagen. Der Fürst meint: »Es ist in der letzten Zeit viel gewildert worden. Von meinen Leuten kann niemand den Schuß abgegeben haben. Es war ja gar nicht so dunkel, daß man meine große Tochter in ihrem weißen Kleid für ein Reh hätte ansehen können.«

»Ein Rehbock sprang vorüber,« sagte Harro, »und gleich darauf der Knall. Ein unreifer Bursche, der mit der Waffe nicht umgehen kann, vielleicht!« Sonst wissen die Herren nichts. Auch Alfred, der in dem Schießstand war, aus dem wohl der Schuß kam, konnte nichts mehr entdecken. Und der furchtbare Regensturm hat alle Spuren verwischt.

»Und Ihre Durchlaucht?«

Aber sie ist nicht vernehmungsfähig. Der Fürst ruft hitzig: »Von meinen Leuten kann es niemand gewesen sein... Ich bitte die Herren, die Leute nicht zu verstören.«

Der Herr Amtsrichter ist etwas geärgert. Er sagt: »Wir wissen noch nicht, wohin unsere Untersuchung führt.« Dann verabschieden sich die Herren.

»Wir werden wiederkommen.«

Dann fallen Harros Augen auf den zitternden, aschenbleichen Alfred.

»Wie sehen Sie aus? Märt soll Sie zu Bett bringen... Was Sie mir heute nacht geholfen haben, das vergesse ich Ihnen nie, – nie. Ohne Sie wären wir zu spät hierher gekommen. Das Auto hätte ich vergessen.«

»Aber Harro, sagen Sie das doch nicht,« und Alfred bricht in ein krampfhaftes Weinen aus: »Warum denn nicht mich? Warum denn nicht mich?« Der Fürst sieht ihn mit erstaunten Augen an.

»Ja. Wie kamst du denn gerade dahin?«

Aber Harro führt den schwankenden Menschen fort und übergibt ihn dem Märt und schickt den Hofrat zu ihm hinauf. Dann kommt er wieder zu dem Fürsten herunter, und sie geben sich stumm die Hand. Und auf Harros Haar ist ein silberner Reif gefallen.

Der träge Morgen geht dahin, aber wie die Stunden schleichen, bringt doch jede ihr Hoffnungslämpchen mit. Der Fürst schläft ein wenig, aber Harro, so entsetzlich müde er ist, wagt es noch nicht. Er fürchtet sich noch zu sehr vor dem Erwachen. Und es kommt der düstere, regenschwere Abend. In der Tantenstube weint der kleine Heinz und ruft kläglich: »Mama ... Alo...« Er schluchzt sich in einen solchen Jammer hinein, daß sich Lisa bei ihrem Herrn Hilfe holt. Harro erhebt sich schwer. Das muß auch sein! Sein Kind hat er noch nicht wieder gesehen. Sein armes Kind! Wie er sich über das Bettchen beugt, worin das Kind liegt, hört das Schluchzen auf. »Alo.« Aber es gibt ihm noch Herzstöße, daß der kleine Körper bebt.

»Alo, Alo!« Sie sind also nicht beide fortgegangen und haben dich allein gelassen in der fremden Welt. Harro trägt ihn auf das Wickelkissen und legt, wie er alle Abend getan, seinen Kopf neben das Kind. Aber heute greift es nicht nach seinem Haar. Nur die blauen Kinderaugen sehen ihn groß an. »Mama«. Harro schießen die Tränen übers Gesicht, und nun fängt das Kind wieder zu weinen an; nur leise und kläglich, die kleine Seele ist erschöpft. Harro nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn hin und her, in seinen Teppich gehüllt, wie er einst das Seelchen getragen. Da schläft er ein.

Harro geht zu Alfred hinüber. Jämmerlich und seltsam sieht er aus. »Alfred,« fragt Harro und greift nach seiner Hand, »was ist mit Ihnen? Sie zittern ja wie Espenlaub!«

»Wie danke ich Ihnen, daß Sie mich da behalten! Ich will Ihnen gewiß nicht lange Mühe machen. Ich kann noch nicht nach Brauneck zurück. Ich habe einen Schauder davor bekommen.«

»Nein, so dürfen Sie mir unter keinen Umständen hinüber. Bleiben Sie liegen! Ohne Widerrede!« Harro legt ihm die Hand auf die Schulter. »Regen Sie sich nicht auf, Alfred! Sie bleiben bei mir und halten still! Sie haben gestern für Ihre Kräfte Ungeheures geleistet. Wir werden Sie schon wieder heraufpäppeln, und dann dürfen Sie Farben reiben!«

Große Tränen laufen über Alfreds Wangen.

»Oh, warum ging ich nicht einen Schritt weiter vor!«

Drüben in Brauneck und in den anderen Förstereien werden die Förster vernommen. Sie sind alle unterwegs gewesen, haben alle das gleiche Jagdgewehr, dem der gefundene Rehposten ungefähr entspricht, getragen. Zwei sind sogar über einen Zipfel der Römerwiese gegangen und haben von ferne den Schuß gehört. Keiner kann beweisen, daß er es nicht gewesen sein kann, keinem kann man aber einen leichtfertigen Schuß zutrauen. Zudem durften sie ja gar nicht schießen. Es sind lauter tüchtige, schon länger im Dienst befindliche Leute.

Ein paar verdächtige Burschen nimmt der Landjäger mit, muh sie aber wieder laufen lassen, weil sie beweisen können, wo sie waren. Auch der Leibjäger der Fürstin wird schließlich vernommen. Aber er hat Ihre Durchlaucht begleitet. Ihre Durchlaucht hat in der Kreuzklinge einen Bock geschossen. Am Ausgang der Kreuzklinge gegen Rappoldsweiler zu hielt das Break. Von da aus ist er mit ihr nach Brauneck gefahren

»Ist er immer bei der Frau Fürstin geblieben?«

Er hat den Bock aufgebrochen, und die Frau Fürstin ist derweilen in der Kreuzklinge zur Höhe gestiegen. Er hat sie dann am Kreuzweg getroffen.

Zur Kreuzklinge? Das ist nicht sehr weit von der Römerwiese. Hat er einen Schuß gehört? Es ist ihm einmal so vorgekommen. Der Mann hat das Eiserne Kreuz und ist seit dreißig Jahren in Brauneckschem Dienste. Er ist sehr erschüttert und schluchzt ein paarmal auf... Die Frau Gräfin ist ja bei den Leuten so sehr beliebt.

Im Wald bei der Kreuzklinge in einem der Erdfälle, wie sie dort häufig sind, in denen zuweilen noch Dachse hausen, finden die streifenden Landjäger einen Menschen bei einem sonderbaren Frühstück. Es besteht aus Champagner, Speck und Käse. Für die Landjäger genügt die Zusammensetzung, um den Menschen festzunehmen. Und im Dachsbau liegen wollene Decken, Kleider und Stiefel, eine Ziehharmonika, Uhren und Revolver und eine fürstliche Jagdflinte, auch ein halbes ausgeweidetes Reh.

In der letzten Zeit sind in der sonst ganz sicheren Gegend viele Einbruchsdiebstähle vorgekommen. Man vermutet eine ganze Bande, und in jedem einzelstehenden Haus sucht der Hausherr eine alte Waffe hervor. Bis zur Nachtwächterhellebarde und dem Kirchenspieß. Nun war die ganze Bande in der Person des einsamen Frühstückers gefangen, und dieser entpuppte sich als ein entsprungener Sträfling. Er wurde in Haft genommen und ein Karren herbeigeschafft, auf dem die bunte Beute verladen ward. Das Gewehr war in einer Wirtschaft gestohlen worden, wo ein Jäger vielleicht etwas zu lang beim Biere gesessen hatte. Das Kaliber des Geschosses stimmte auch. Der Mensch leugnete zwar, den Schuß abgegeben zu haben, aber seine Personalien enthielten über siebzig Vorstrafen, auch hatte er noch verschiedene Jahre gut.

Immerhin nahm das Gericht auch hier nur einen unglücklichen Schuß an, denn was sollte dem Menschen der Mord der Dame nützen, die von zwei Herren begleitet war! Gewildert hatte er auch. Die Landjäger vermochten kaum den Menschen vor den Fäusten der Bauern zu schützen. Wären es nicht ihrer fünf gewesen, es wäre ihm übel ergangen. Das Gefängnis nahm ihn wieder auf, und dem umfangreichen Material über ihn fügten sich weitere Aktenstöße bei. – Die Volksseele ist erleichtert, daß es keiner aus der Gegend ist, sondern ein Fremder. Nur einem Fremden ist eine solche Summe von Freveltaten zuzutrauen.

Am Abend fährt der Fürst nach Hause. Als er langsam und todmüde durch den Geweihgang schreitet, findet er die Fürstin seiner wartend auf der Schwelle der Sommerstube. Sie haben sich ja seit dem Unglück nicht gesehen. Ein letztes schweres Abendrot verglimmt am Himmel, und das rote Licht füllt die Sommerstube. Die Fürstin sieht heute so auffallend schöner aus als sonst, daß es ihm selbst in seiner tiefen Traurigkeit auffällt. Und sie sagt:

»Es ist also jetzt Hoffnung vorhanden, Fried?«

»O gewiß. Sehr gute Hoffnung.«

Er wirft sich in seinen Stuhl.

»Eine furchtbare Nacht, ein entsetzlicher Morgen, Charlotte. Ohne dein Auto wäre sie verloren gewesen!«

»Hat sie wohl gelitten?« fragte die Fürstin.

»Sie war nicht ganz bei Bewußtsein... Sie wollte etwas sagen und konnte nicht, qualvoll war das.«

»Sie konnte nicht,« echote die Fürstin.

»Nun hat Harro mit ihr gesprochen. Und wieder sagt sie das gleiche Wort: Der Landjäger. Was sie sich nur dabei vorstellt? Sie will offenbar nicht, daß dieser unglückliche Schütze festgenommen wird.«

»Sie will es nicht,« sagt die Fürstin. Es ist wunderlich, wie ihre Stimme klingt. Und sie hat noch kein Wort der Teilnahme gefunden. Er hebt seine müden Augen zu ihr auf. Wird sie denn keines finden! Auch in dem furchtbaren Jammer nicht, der ihn betroffen hat!

Groß und strahlend sind ihre Augen und mit einem ganz leisen Lächeln in den Mundwinkeln steht sie da. Und es fällt ihm plötzlich Harros Bild ein.

»Welch ein Glück, daß die Gefahr schon vorüber ist, Fried!«

»Wir hoffen's, Charlotte... Aber ob sie ihre Frische je wieder erlangen wird! Das konnte mir der Professor nicht versprechen.«

»Ach, sie ist ja so jung, Fried.«

Der rote Schein ist verglommen. Eine schwere Düsterkeit erfüllt die hohe Stube. Die Augen des Seelchen schauen wie durch einen grauen Schleier nach dem Fürsten. Die Fürstin zuckt zusammen.

»Was ist da oben, Fried?«

Eine Fledermaus ist hereingekommen und fliegt in zackigen Kreisen an der Decke. Wie eine unruhige Seele.

»Eine Fledermaus, sie wird schon den Ausgang finden.«

»O die gräßlichen Tiere, schieß sie tot, schieß sie tot!« schreit die Fürstin mit wildem Feuer in den Augen.

»Charlotte, was ist dir?... ich werde doch nicht die alte schöne Decke verderben...«

»Sie sind schrecklich, die Tiere, überall gehen sie einem nach. Und schlagen mit ihren grauen Flügeln wie kleine Teufel. Schieß sie tot... schieß sie tot.«

Der Fürst springt auf.

»Komm, Charlotte, du gehst hinüber. Das Tier findet hinaus.« Er nimmt ihren Arm und führt sie in ihr Zimmer. Wie sie zittert; er fühlt das Schlagen ihres Herzens durch ihr seidenes Gewand. Sein feiner Sinn findet die beste Erklärung. Das Unglück hat sie doch erschüttert. Sie kann nur keine Gefühle zeigen.

»Soll der Herr Hofrat nach dir sehen? Alfred mußte ich leider drüben lassen. Er hat wieder einen sehr heftigen Fieberanfall, und sie wollten ihn behalten.«

Die Fürstin faßt sich schnell.

»Es ist das beste, er bleibt drüben. Wenn er Fieber hat, kann er nicht in die Nachtluft. Man kann jemand hinüber schicken, ich verstehe mich ja nicht auf Pflege.«

»Ich fand es sehr rührend von Harro, daß er ihn neben seinem eigenen Elend auch noch besorgen will. Er sagt, Alfred habe ihm große Dienste geleistet. Der arme Junge. Er war ganz gebrochen. Und nun gute Nacht.«

Einen Augenblick wartet er noch auf ein Wort, ein Zeichen, – dann geht er hinaus. Sein schlanker Rücken fängt an sich leise zu biegen, und heute ist's, als trüge er neue Lasten.

Mit brennenden Augen hat sie ihm nachgesehen, bis sich die Türe hinter ihm schließt. Dann fährt sie auf. Ein Käuzchen schreit am Fenster vorbei, man sieht die gelben Augen leuchten. Was war das? Das graue Tier von vorher, nur noch größer, mit feurigen Augen. Mit einem Ruck reißt sie die gelben seidenen Vorhänge zu. Nun ist's draußen. Es ist so hell innen und freundlich. Wie golden ist das Licht. Nur die Dunkelheit ist entsetzlich. Sie dreht auch die große Krone an. Nun gibt's keinen Winkel, in den sich auch der kleinste Schatten verkriechen könnte. Wenn sie nur stillzusitzen vermöchte. Es ist ein wunderliches Zucken in ihren Füßen. Selbst wenn sie sitzt, muß sie ganz leise auf den Boden pochen. Furchtbar müde ist sie, aber die Unruhe in den Füßen wächst mit der Müdigkeit. Sie schleudert die feinen Schuhe hinweg, an den Hacken muß es liegen.

Nun geht sie in ihren seidenen Strümpfen auf dem weichen Teppich auf und ab. So ist's besser. Man geht wie über feine, wohlgepflegte Schleichwege, auf denen nicht ein Zweiglein liegt, das knistern könnte. Aber müde wird man von den Wegen. Und morgen wird sie nach Thorstein fahren und selbst nachfragen. Und vielleicht hineingehen, wenn man sie läßt, und Rosmarie daliegen sehen. Nie mehr wird sie auf Wiesen gehen und Blumensträuße gegen den Abendhimmel halten. Nie mehr. Was ist aus dem kleinen roten Feuer geworden? Eine Riesenflamme, rot, glühend rot, vor der der ganze Eispalast geschmolzen ist. Überall Flammen, schier zu viel Flammen. Aber zu frieren braucht man nie mehr. Das ist vorüber. Es ist eine ganz neue Welt, und man muß sich an sie gewöhnen. Alle Dinge nehmen einen roten Schein an. Und unter dem Boden zucken und spielen die Flämmchen, daß es einen nicht auf der gleichen Stelle duldet. Nie mehr geht Rosmarie über die Sommerwiese mit ihrem wehenden Schleier. Rot sind die Flammen, und das Licht ist golden in allen Ecken, und das Nachtgevögel kann nicht herein. Nie mehr geht sie auf der Sommerwiese.

Nie mehr...

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