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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Das Schulhaus

Jedem Menschen, der nach Ohlenhof kommt, fällt es sofort auf, wie gut erzogen die Kinder im Dorfe sind; ein jedes, das ihm begegnet, bietet ihm freundlich die Tageszeit.

Führt ihn dann sein Weg an dem Schulhause vorbei, so bleibt er gern stehen, um einen Blick in den Garten zu werfen, der in seiner Art eine Sehenswürdigkeit ist; denn er ist ganz von Tuffsteinblöcken erfüllt, auf und zwischen denen lauter Alpenblumen und andere Gewächse auf das beste grünen und blühen, so daß er sich reizend ansieht.

Der Lehrer, der das geschaffen hat, heißt Eggerding. Er ist ein schlanker Mann, Ende der vierziger Jahre, mit einem ernsthaften, aber zufriedenen Gesichte. Seinen blauen Augen sieht man es an, daß ein besonderer Geist dahinter wohnt. Er trägt den Kopf so hoch, wie die großen Bauern, und grüßt keinen Menschen eher, selbst den Vorsteher nicht, als bis man Anstalten dazu macht.

Das tut er aber nicht aus Hoffart und Einbildung. Er hat noch die Zeiten durchgemacht, in denen der Schulmeister knapp so viel im Dorfe galt, wie ein guter Knecht, und deshalb hat er sich mit Absicht und Überlegung ein steifes Genick und ein langsames Handgelenk angewöhnt. Daran aber, daß nicht nur die Schulkinder blanke Augen bekommen, wenn sie ihm in die Möte kommen, sondern auch das halbwüchsige Volk ihm mehr als freundlich die Tageszeit bietet, ist sofort zu sehen, daß er ein vorzüglicher Lehrer sein muß, und daß es mit seinem Stolz eine eigene Bewandtnis hat.

Die hat es auch. Ohlenhof hatte vordem einen kränklichen und schwachen Lehrer gehabt und nach dem einen, der eine mehr als liederliche Haut war, seiner Stelle entsetzt wurde und verschollen ging. Infolgedessen war die Schuljugend des Dorfes etwas wild aufgewachsen, und die meisten Lehrer, die sich um die Stelle, die auch in anderer Hinsicht nicht sehr günstig war, bewerben wollten, gaben das auf, als sie sich im Dorfe umgesehen hatten. So mußten die Ohlenhöfener froh sein, daß sie Eggerding bekamen.

Wenn der alte Diesbauer nicht gewesen wäre, so hätten sie ihn nicht genommen; denn es ging ihm ein dunkeles Gerücht vorauf. Aber der alte Dies, der damals im Schulvorstande saß, hatte Gefallen an dem jungen Manne gefunden, war mit ihm nach Hannover gefahren und hatte sich bei dem Provinzialschulkollegium nach ihm erkundigt und dann in der Schulvorstandssitzung gesagt: »Ich bin für den Mann! Kein reiner Mensch kann was dafür, wenn ihm jemand von hinten gegen den Rock spuckt. Was anderes ist es mit dem Manne nicht gewesen.« So bekam Eggerding die Stelle.

Er machte sich mehr als gut. Es dauerte nicht lange, und er hatte die Schulkinder, von denen ein Teil gehörig verwahrlost war, so in der Ordnung, daß selbst die Leute, die anfangs am meisten gegen ihn waren, auf seine Seite traten, und es ihm noch nicht einmal nachtrugen, als auf seine Veranlassung das alte Schulhaus durch einen Neubau ersetzt wurde, eine eigene Pumpe und einen Turnplatz sowie eine Büchersammlung bekam, was vielen Leuten recht überflüssig schien. Er verstand es aber, sowie im Schulvorstand als auch bei dem Bauernmale, bei dem er, da die Schule Brinksitzerrechte besaß, Sitz und Stimme hatte, seine Meinung so ruhig und fest vorzutragen, daß wenig dagegen einzureden war. Als der Ludjenbauer ihm einmal entgegen war, meinte er ganz gelassen: »Wenn Sie meinen, daß die Gemeinde zu arm ist, um sich ein anständiges und gesundes Schulhaus zu leisten, so bitte ich, das zu Protokoll zu nehmen, damit wir die Regierung um Zuschuß bitten können.« Daraufhin ließ der Ludjenbauer seinen Einwand schnell fallen.

Trotzdem Lehrer Eggerding die Achtung von allen Leuten im Dorfe hat, hält er sich sehr zurück. Ganz selten, und meist nur, wenn eine notwendige Gelegenheit dafür vorliegt, läßt er sich im Kruge sehen, und näheren Verkehr pflegt er wenig im Dorfe. Wenn es der Zufall mit sich bringt, kehrt er wohl einmal im Forsthause ein und verbringt eine Stunde mit dem Hegemeister Oberheide, oder bespricht sich mit dem Diesbauern über Schulangelegenheiten, bleibt auch einmal bei Tante Janna stehen und läßt sich von ihr ihre Gemüsebeete und Obstbäume zeigen; im allgemeinen hält er sich aber für sich selbst, verreist jedoch auch oft und bekommt ab und zu Besuch von auswärts.

Anfangs zerbrach man sich im Dorfe den Kopf über die Leute, die den neuen Lehrer besuchten, und die so ganz verschiedener Art waren, und über die vielen Briefe und Pakete, die er bekam und fortschickte, so wie darüber, daß er in seiner freien Zeit in der Heide und im Moore ganz allein herumging und alle Augenblicke etwas aufnahm, es besah, fortwarf oder einsteckte. Zuerst meinte man, es sei Wichtigtuerei, dann glaubte man, der Lehrer habe einen kleinen Splitter im Kopfe, und schließlich nahm man das so hin, wie anderer Leute Eigenheiten.

Als er sich verheiratete, meinte man, daß er umgänglicher werden und nicht mehr allein in Moor und Heide herumstrolchen würde; doch es blieb, wie es war. Aber ganz dumme Gesichter gab es, als es sich herumsprach, daß der Lehrer bei der Steuererklärung angegeben habe, der hätte zwei naturwissenschaftliche Sammlungen für 6000 und 8000 Mark an amerikanische Museen verkauft, und mancher Mann schüttelte den Kopf und dachte: »Na, so dumm auch! Wo es doch keiner wußte!«

Lehrer Eggerding ist nämlich ein ganz bedeutender Flechtenkenner, und er hatte sich um die Stelle in Ohlenhof deshalb beworben, weil er von einem Celler Botaniker, der bei Ohlenhof für ihn gesammelt hatte, wußte, daß die Gegend ganz besonders reich an der schwierigen Gruppe der Cladonien, der Renntierflechten, sei. Diese hatte er von jeher mit Vorliebe gesammelt und getauscht, so daß er schließlich im Besitze der umfangreichsten Cladoniensammlung der Welt und weit und breit als der beste Kenner dieser schwer zu bestimmenden Pflanzengruppe bekannt war.

Tag für Tag fast kommen Sendungen von Museen und Sammlern an ihn, die er zu bestimmen hat, und es vergeht kaum ein Monat, daß er nicht Besuch von Forschern bekommt, mit denen er stundenlang über seinen Mappen sitzt oder in der Heide und im Moore auf die Suche geht. Wenn er wollte, könnte er längst von einem naturwissenschaftlichen Museum angestellt sein; denn mehr als einmal ist ihm eine Stelle als Kustos angeboten. Er will aber in Ohlenhof bleiben, einmal, weil er gern Lehrer ist, dann, weil er nirgendwo eine so reiche Cladonienflora findet, wie hier, und schließlich, weil er befürchtet, daß seine Wissenschaft ihm, müßte er sie als Beruf betreiben, nicht mehr soviel Freude machen könnte, als jetzt, wo sie ihm eine erquickende Liebhaberei ist.

Er hatte sich sein Leben einst anders gedacht. Ein großer Botaniker, Weltreisender und Hochschullehrer wollte er werden. Doch als er Unterprimaner wurde, verlor seine Mutter ihr Vermögen bis auf einen kleinen Rest durch den Zusammenbruch einer Bank. Da wurde er Schullehrer. In seiner ersten Stelle hatte er einen Geistlichen über sich, der als blinder Eiferer bekannt war, und als der es herausbekam, daß der junge Lehrer darwinistische Aufsätze in botanischen Zeitschriften schrieb und mit Leuten verkehrte, die als Gotteslästerer galten, behandelte er ihn so hart, daß Eggerding sich in einer Weise gegen ihn stellte, die sich für ihn nicht gehörte. Auch sonst war er barsch und hart und machte sich dadurch einige Leute im Dorfe zu Feinden. Einer von diesen überbrachte es dem Superintendenten, daß der junge Lehrer sich auffallend viel um ein Mädchen kümmere, das ebenso hübsch und vor der Zeit erwachsen, als törichten Geistes und schwächlicher Seele war. Das Kind wurde so lange durch Fragen geängstigt, bis es in seiner Verwirrung Dinge aussagte, die gegen den Lehrer zu sprechen schienen. Er wurde seiner Stelle enthoben, unter Anklage gestellt, aber vor Gericht gänzlich freigesprochen.

Er wäre wieder in seine Stelle eingesetzt worden, wenn nicht ein Freund von ihm sich an einen Redakteur gewandt hätte, der sich mit allzuviel Eifer seiner annahm und so scharf gegen den Superintendenten, den Schulvorstand, der ganz unschuldig an der Sache war, und das Dorf, von dem eigentlich nur ein einziger Mensch sich gegen den Lehrer versündigt hatte, vorging, daß die Wiederanstellung dadurch unmöglich wurde. Der Fall hatte soviel Lärm gemacht, daß es der Regierung nicht leicht wurde, Eggerding unterzubringen, zumal er auf seinem Kopf beharrte und in der Provinz bleiben wollte, was ihm nicht verwehrt werden konnte. Schließlich kam er in Ohlenhof unter, sehr nach seinem Wunsche, der reichen Cladonienflora halber, die es dort gab.

Im Dorfe hat man so recht keine Ahnung, was der Schulmeister in der Gelehrtenwelt bedeutet. Man weiß, daß er irgendwelche Moose oder dergleichen sammelt, die er sich gut bezahlen läßt, daß er ein tüchtiger Lehrer und ordentlicher Mann ist. Aber daß er Ehrenmitglied mehrerer naturwissenschaftlicher Vereine, ein Freund hochgestellter Gelehrter, ein hervorragender Forscher ist, das weiß in Ohlenhof kein Mensch und in der Umgegend nur Pastor Wöhlers in Krusenhagen, der auch ein ganz guter Botaniker ist.

Lehrer Eggerding legt auch gar keinen Wert darauf, daß man in Ohlenhof weiß, daß er in der großen Welt etwas gilt. Er ist ein musterhafter Lehrer. Daß er nebenher ein anerkannter Forscher ist, ist eine Sache, die im Dorfe keinen Menschen etwas angeht.

Noch nicht einmal seine Frau, eine Besitzerstochter aus seiner Heimat, ist sich recht klar darüber, daß die Liebhaberei ihres Mannes mehr als eine bloße Spielerei ist. Sie weiß nur, daß ihm das ein gutes Stück Geld einbringt.

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