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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Die alte Schänke

Wer in Ohlenhof nicht Bescheid weiß, der findet die Schänke zum blauen Schimmel nicht so ganz leicht, denn der Schimmelbergshof sieht genau so aus wie jeder andere Bauernhof, nur daß neben der großen Tür ein Schild aus Eisenblech angebracht ist, aus dem ein hellblau angestrichenes springendes Pferd ausgeschnitten ist.

Der blaue Schimmel ist ein Erbkrug. Herzog Georg von Celle, den die Bauern Jürgen-Vadder nannten, ist dort oft eingekehrt, wenn er in der Gegend jagte, und bei einer solchen Gelegenheit hat er den Krug zum Erbkrug gemacht, wie es in der alten Beschreibung heißt, die in Glas und Rahmen zwischen den alten, stockfleckigen Bildern in der Gaststube hängt.

Es ist viel Land bei dem Hofe. Als Jürgen-Vadder einmal guter Laune war, hatte er der Haustochter gesagt, soviel Land, als sie in einer Stunde auf dem alten Blauschimmel umreite, solle dem Kruge eigentümlich sein. Er soll hinterher ein langes Gesicht gemacht haben, als die schöne Regina den alten Hengst in eine Gangart brachte, als sei er ein Fünfjähriger; aber sie lachte bloß, als er sie danach fragte, und kam nicht mit der Sprache heraus. Und da ein Wort ein Wort ist, zumal wenn es ein Herzog und Landesfürst gegeben hat, so wurde der blaue Schimmel ein Erbkrug mit viel Land dabei. Vordem war er nur ein fürstlicher Pachthof gewesen.

Der jetzige Besitzer ist ein langer, breitschultriger Mann mit langen, dünnen und etwas krummen Beinen und toternstem, faltigem Gesichte. Er hat in den Hof hineingeheiratet. Daß er Meyer heißt, hat er beinahe schon vergessen, denn er wird nach dem Hofe immer nur Schimmelberg genannt, zumeist aber Ludjen. Er spricht ganz wenig, aber was er sagt, das stimmt auf das Haar, und mit dem trockensten Gesichte macht er die großartigsten Witze.

Aus der Gastwirtschaft macht er sich gar nichts; die überläßt er völlig den Frauensleuten. Kommt ein Fremder, der nicht weiß, daß der Mann, der bei dem alten Plaggenofen sitzt, kalt raucht und das hannoversche Pferd streichelt, das auf der Ofenplatte zu sehen ist, der Wirt ist, so kann er warten, bis er schwarz wird, ehe er etwas kriegt. Schimmelberg tut das nie. Lieber schreit er zwanzigmal »Detta!«, ehe er aufsteht und den Gast bedient. Wer im blauen Schimmel Bescheid weiß, schenkt sich darum selber ein und legt das Geld auf die Tonbank, und der Wirt tut so, als ginge ihn das kein bißchen an.

Wenn er abends neben dem Ofen im Backenstuhle sitzt, hat er sein Teil Arbeit getan, gesät, gepflügt, geeggt, Plaggen gehauen oder Mist gefahren; denn er hat neben seiner großen Ackerwirtschaft durchschnittlich fünfzig Stück Vieh im Stalle, ungerechnet die Schweine und die Pferde, und er ist mit der beste Züchter im ganzen Gau. Deswegen kann er sich um die Gastwirtschaft nicht kümmern, abgesehen davon, daß er einen Haß auf alles hat, was Gastwirtschaft ist. Denn er ist selber Wirtssohn. Wäre er das nicht gewesen, so säße er auf seinem väterlichen Hofe in Hülsingen und hätte altes Erbland unter den Füßen, statt daß der nun eingeheirateter Bauer ist, was immer sein Kummer ist, wenn er auch einer der bestgestellten Besitzer in Ohlenhof ist und Ansehen und Achtung vor allen Leuten hat. Aber er ist und bleibt der Sohn von Lottchen Lustig, und sein Lebelang wird er sich vorkommen, als wenn er Dreck am Rocke habe. Jahrelang ist er überhaupt nicht in die Gaststube gegangen, seitdem einmal ein Holzhändler, der reichlich viel getrunken hatte und wegen seines losen Mundes bekannt war, ihn Herr Lustig geheißen hatte. Da hatte Schimmelberg den schweren Mann gefaßt und so vor die Tür geschmissen, daß er ein Bein brach, was ihn drei Wochen Gefängnis und eine Reihe blanker Taler kostete.

Im Dorfe trug ihm diese Strafe aber niemand nach, sondern jedermann sagte: »Schimmelberg hat recht gehabt, daß er das Schandmaul so zu Bett gebracht hat.« Er hatte auch Ursache genug dazu. Sein Vater, der Gastwirt Meyer in Hülsingen, der in die Wirtschaft hineingeheiratet hatte, war ein achtbarer Mann; seine Frau aber, die hübsche Charlotte Boll, galt schon als Mädchen als etwas wild; denn sie wechselte ihre Liebhaber ein bißchen zu oft und hielt es mit mehr als einem zu gleicher Zeit, und das legte sich nicht nur nicht, als sie Frau war, sondern wurde bloß noch schlimmer.

Da sie ein Mundwerk wie eine Wassermühle hatte und bei jeder Vorhaltung, die ihr ihr Mann machte, zu schreien und zu heulen anfing, auch in Ohnmacht fiel oder Krämpfe bekam, so wurde es ihm schließlich zum Ekel, er ließ sie tun und treiben, was sie wollte, kam immer mehr an das Trinken, und als auf seine beiden blonden Kinder eines mit roten und eines mit schwarzen Haaren folgte, lag er eines Tages tot auf der Heide mit einer Kugel in der Stirn. Obgleich es den Anschein hatte, als wenn er auf der Jagd zu Unglück gekommen war, so wußte man in Hülsingen doch besser Bescheid und ließ seine Witwe das auch genug merken, obschon sie sich schrecklich anstellte.

Nach kurzer Zeit ging es aber noch wilder in der Wirtschaft zu als bisher, und weit und breit war Charlotte Meyer als Lottchen Lustig bekannt. Es wurden von Viehhändlern, Holzverkäufern und Reisenden mit ihr und den hübschen Mägden, die sie immer hatte, Gelage hinter verschlossenen Türen abgehalten, bei denen der Champagner nur so floß, und wobei es oft nicht anders herging als in einem Freudenhause, indem die Frauensleute nicht mehr anhatten als die Hemden, und bisweilen die noch nicht eimal, so daß der Krug zum Ärgernis in der ganzen Gegend wurde.

Als der älteste Sohn, Ludewig, der jetzige Schimmelbergsbauer, der seinem Vater in allem ähnelte, heranwuchs, versuchte er es, dem Treiben im Hause zu steuern, kam aber gegen das Mundwerk seiner Mutter nicht an. Schließlich, als die es immer schlimmer trieb, verunzürnte er sich so mit ihr, daß sie ihm die Tür wies; und nachdem er erst auf Lohhorst gearbeitet hatte, trat er auf dem Schimmelbergshofe als Knecht ein und blieb da viele Jahre; denn dort diente eine Magd, die er gut leiden mochte. Da der Wirt vom blauen Schimmel kränklich war, wurde Ludewig Meyer schließlich ohne daß er das wollte, das Haupt auf dem Hofe, und als der Wirt starb, blieb er es erst recht.

Bald darauf brannte sein Vaterhaus ab, wobei seine Mutter, die sich den Abend wieder toll und voll getrunken hatte, mit den beiden jüngsten Kindern, die wahrscheinlich nicht von ihrem Ehemann herstammten, in den Flammen blieb. Da das Haus nicht versichert und der Hof infolge des liederlichen Betriebes über und über verschuldet war, so kam er unter den Hammer, und für Ludewig und seine Schwester Erna, die ebenfalls mit der Mutter in Unfrieden gekommen war und auf Lohhorst diente, blieb so gut wie nichts übrig.

Ludewig hatte in all den Jahren, die er auf dem Schimmelbergshofe zugebracht hatte, so viel Arbeit hineingesteckt, daß sein Herz mehr daran hing, als an allem anderen auf der Welt, und als ihm die Witwe Schimmelberg, die kinderlos war, antrug, daß er ihr Mann werden sollte, setzte er sich mit der Magd Detta, mit der er so halb und halb versprochen war, in Güte und Ruhe auseinander. Das Mädchen nahm einen Dienst in Wöbbesse an, und er freite Regina Schimmelberg. Die Ehe blieb kinderlos. Nach vier Jahren starb die Bäuerin, die immer viel zu stark und sehr kurzatmig war, an Herzwassersucht.

Als das Trauerjahr zu Ende war, freite Ludewig seine Detta, so daß jetzt Knecht und Magd als Bauer und Bäuerin auf dem Schimmelbergshofe sitzen und genau so viel Ansehen und Achtung im Dorfe haben, als stammten sie aus den großen Lohöfer Geschlechtern.

Aber ob Ludjen Meyer, genannt Schimmelberg, auch ein wohlhabender Bauer und glücklicher Viehzüchter ist, eine gute Frau und ordentliche Kinder hat, tief in seinem Herzen wurmt es ihn doch immer, daß er nicht auf seinem väterlichen Hofe sitzt, und daß seine Mutter Lottchen Lustig geschimpft wurde; und nie wieder hat er sein Geburtsdorf betreten.

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