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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Schermennie

Auf dem Dieshofe ist zurzeit Vetter Philipp wieder einmal zu Besuch, ein entfernter Verwandter der Frau namens Woltmann.

Unter diesem Namen kennt ihn aber kaum ein Mensch, denn gemeiniglich wird er schlichtweg Vetter Philipp genannt oder scherzweise Schermennie.

Er ist ein großer, breitschultriger Mann, der etwas krumm geht, nie einen Stock trägt und nur spricht, wenn er in das Gespräch hineingezogen wird. Dann erzählt er in einem merkwürdigen, halb englischen Plattdeutsch, daß es in Amerika, wo er lange Jahre gewesen ist und wo er letzthin auch wieder war, doch besser sei als in Schermennie, und deshalb hat er diesen Namen beigelegt bekommen.

Als zwanzigjähriger Knecht ging er über das Wasser mit einem guten und einem schlechten Anzuge, einem Handstock, einem Sack voll Speck, Schinken, Wurst und Brot und zehn Talern. Zwanzig Jahre hörte seine Verwandtschaft nichts von ihm, bis er eines schönen Tages in Holtenbostel, von wo er gebürtig ist, wieder auftauchte. Er war gekleidet wie ein Stadtherr, trug eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, Ring und Busennadel, brachte einen Koffer voller Kleider und einen Haufen Geld mit und sagte: »Ämerrikä habe ich dicke, ich bleibe jetzt in Schermennie!«

Fast ein Jahr hielt er es auch aus. Er wohnte bald bei diesem, bald bei jenem Verwandten, am meisten aber auf dem Dieshofe, wo er gern gesehen war; denn er arbeitete unaufgefordert wie ein Knecht und war dem Bauer eine wertvolle Hilfe. Auch war er ein zufriedener und stiller Hausgenosse, der zudem die langen Winterabende angenehm verkürzen half. Er war in den ganzen Vereinigten Staaten herumgekommen und noch darüber hinaus bis tief nach Kanada und Mexiko hinein, und wußte allerlei zu erzählen.

Alles mögliche war er gewesen. Als Kohlentrimmer hatte er die Überfahrt mitgemacht, war dann Hausknecht gewesen, Landarbeiter, Mississippischiffer, Holzhauer, Kuhhirt und wieder Holzhauer, hatte seine Taler zusammengehalten, bis er eine ganze Menge davon hatte, und hatte damit einen Kaufladen mit Schenkwirtschaft in einer Neusiedlung in Wildwest angefangen, durch den er in zehn Jahren ein reicher Mann wurde. Und nun war er zurückgekommen und wollte sich eine Frau nehmen. »Denn, Gents,« sagte er im Blauen Schimmel und steckte sich einen frischen Stift hinter die Zähne, »in Ämerrikä ist alles besser als in Schermennie, bloß die Lädies nicht, tja.« Und dann pflegte er, indem er mit seiner gefährlich großen Hand um den ganzen Tisch zeigte, der Wirtin zuzurufen: »Detta, noch'n Drink für jeden gesegneten Schentelmenn, der vorne 'n Loch im Koppe hat!«

Nun hätte sich wohl manche Witfrau oder älteres Mädchen gefunden, die ihn genommen hätte, aber daran lag ihm nichts, denn es gelüstete ihn nach einer ganz jungen, wie er Jakob Bennewies verraten hatte; denn dem hatte er tausend Mark Vermittlungsgebühr zugesagt, wenn er ihm zu einer glatten jungen Frau, so zwischen achtzehn und zwanzig, verhelfen wollte. Dummerhaftigerweise hatte er das Jakob beim Erntebier in Krusenhagen verraten, als sowohl er selber, wie auch Bennewies gehörig einen sitzen hatte; denn Vetter Philipp hatte, wie immer, die Spendierhosen an, und Jakob ließ sich bei solchen Gelegenheiten auch nicht lumpen.

Schließlich war das ganze junge Volk von dem vielen ungewohnten guten Weine und den teuren Likören lustiger, als es je der Fall gewesen war, und Jakob, der an solchem Tage vergaß, daß er seit langem Witmann war und seine fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte, hielt nicht dicht und fragte bald dieses, bald jenes von den jungen Mädchen, ob es nicht Lust hätte, Woltmanns Frau zu werden.

Vor allem hatte Wieschen Suhr, eine Brinksitzerstochter, ein bildschönes Mädchen, es Vetter Philipp angetan, der so oft und ohne erst lange zu fragen mit ihr tanzte, sie vor der Tür auch, als die Mädchen sich in der Pause abkühlten, umfaßte und zu küssen versuchte, bis das ihrem Schatz Heini Bockholt zu quant wurde und er sich das dadurch verbat, daß er Woltmann einen Stoß vor die Brust gab und sagte: »Hand von 'n Sack, is Haber in!«

Nun ging der Spektakel los. Vetter Philipp wurde so braun wie Torf im Gesicht, zog die Jacke aus, krempte die Hemdsmaugen hoch, rollte die Augen gefährlich, schrie: »Komm' her, komm' her, du blutiger Hund; ich will einen Maispudding aus dir machen!«, ging auf Bockholt los und hielt ihm die Fäuste unter die Augen; aber ehe er zum Boxen kam, hatte Heini ihm einen solchen Schlag gegen die Nase versetzt, daß ihm das blanke Blut daraus lief. In seiner Aufregung versah er sich und boxte Johann Ulpers in die Rippen, einen Schlachtergesellen aus Krusenhagen, den stärksten Mann weit und breit, der nichts Schöneres kannte als eine tüchtige Prügelei, und nun ging es nach der Melodie: »Vom Himmel hoch da komm' ich her«, und Jakob, der seinem Freunde beistand, und Vetter Philipp wurden so zugerichtet, daß sie sich acht Tage nicht vor den Leuten sehen lassen konnten, so sahen sie aus, besonders Woltmann, dem das Nasenbein gebrochen war, so daß seine Nase seitdem nach links stand, was ihm ganz putzig ließ.

Er wohnte während der Zeit, bis sein Mund abgeschwollen und die blauen Flecken in seinem Gesicht gelb geworden waren, bei Bennewies und hielt sich im Hause oder ging mit seinem Freunde auf die Jagd. Allmählich ließ er sich wieder in Horst oder Fladder in den Wirtschaften blicken, wurde aber teils offen, teils heimlich mit der großen Schlacht in Krusenhagen aufgezogen; denn die gesamte Jungmannschaft der Dörfer in der Runde hatte es übel genommen, daß er sich nach den jungen Mädchen umsah, und wo er sich blicken ließ, hieß es: »Schermennie, hör' mal zu; ich weiß dir ein Mädchen, großartig schönes Mädchen, noch keine fuffzehn. Das is so 'was für dich. Es ist Krügers Luise. Wenn Krüger seine Schweine killt, mußt du zum Wurstessen kommen, dann kann ich dich mit ihr zusammenbringen. Aber erst hundert Doohlar Vorschuß! Anders wird's nicht gemacht bei uns in Schermennie! Und 'n Drink mußt du natürlich auch ausgeben!« So und ähnlich wurde er überall begrüßt. Das gefiel ihm nun gar nicht, und er machte, daß er wieder nach Amerika kam.

Zwei Jahre blieb er fort, und dann war er wieder da, noch großartiger im Zeug als vordem und mit einer fingerdicken goldenen Kette von einer Westentasche bis zur anderen. Er hielt sich aber nicht lange in Ohlenhof auf, sondern sagte, es sei ihm da zu klein und er wohne in Celle im Celler Hof. Eines Tages bekamen alle seine Verwandten und Bekannten eine mächtig feine Karte mit goldenem Rande von ihm geschickt, auf der zu lesen stand, daß er sich mit Fräulein Rosalie Schlufer verlobt habe. Ein Vierteljahr hinterher verschwand er ganz plötzlich wieder nach Amerika, und allmählich wurde es im Dorfe auch bekannt, aus welchem Grunde. Seine Verlobte und deren Mutter hatten ihn um einige tausend Mark leichter gemacht, und die schöne Rosalie, von der es in Celle bekannt war, daß sie so leicht keinem etwas abschlagen könne, war von ihm mit einem anderen abgefaßt worden. Es hatte einen großen Krach abgesetzt, denn er hatte dem jungen Manne, einem Oberkellner, allerlei Grobheiten gesagt, und der hatte ihn verklagt, und Woltmann wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Das hatte ihn so geärgert, daß er zum dritten Male über das Wasser ging.

Seitdem sind drei Jahre ins Land gegangen. Im Herbst war er auf einmal wieder da, hielt sich bald bei diesem, bald bei jenem Verwandten auf, ließ sich aber wenig in den Wirtschaften sehen und lebt nun schon drei Monate auf dem Dieshofe, wo er meist in einer alten Manchesterhose und einer grünen Wollweste und barhäuptig herumgeht, alle Arbeit übernimmt, und, wenn es nichts zu tun gibt, genau so wie ehedem Jakob Bennewies mit Hammer und Nagelbeutel umhergeht und zusieht, ob nicht irgendwo etwas festzumachen ist. Auch bejagt er die Jagd vom Dieshofe und geht mit dem Schuster Matthies fischen.

Sonntags aber zieht er sich fein an und geht hier und da in der Umgegend auf Besuch. Er hat immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß er eine glatte junge Frau, so eine zwischen achtzehn und zwanzig, es können auch einundzwanzig sein, kriegt, und es kommt ihm jetzt sogar nicht darauf an, dem, der ihm dazu verhilft, tausend Taler zu geben, denn Geld hat Vetter Philipp mehr als genug.

Aber er wird wohl keine bekommen; denn so leicht nimmt ein junges Mädchen keinen Mann, hinter dem man hergrient.

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