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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Wiebenengel

Von den Häuslingen in Ohlenhof ist der vom Dieshofe, Engelbert Wieben, der tüchtigste; die anderen Bauern beneiden den Vorsteher um ihn. Daß der Diesbur hinter seinem Rücken Bismarck genannt wird, das hat seinen Grund nicht zum wenigsten in der Weise, wie er Wieben-Engel bekam, denn das ist so vor sich gegangen.

Zwischen Ohlenhof, Hülsingen, Krusenhagen und Moorhop lag ehemals der Wohlhof, der im Dreißigjährigen Kriege mit allem, was darauf lebte, in Asche fiel. Weil keine Erben dafür da waren, zog der Fiskus ihn ein und forstete ihn auf. Weil das Wohlloh, wie der Hof allmählich hieß, keine dreihundert Morgen groß war, so durfte der Staat ihn nicht bejagen, und da die benachbarten Gemeinden in der Nähe ebenfalls Stücke liegen hatten, die mit dem Gemeindebesitz keinen Zusammenhang hatten und gleichfalls zu klein waren, um als selbständige Jagd verpachtet zu werden, so waren sie mit dem Wohlloh als eine besondere Jagd zusammengelegt.

Nun hatte der Vorsteher einen alten Freund in Bremen namens Wedemeyer wohnen, mit dem er in Berlin bei der Garde stand, und der es mittlerweile als Kaufmann zu Geld und Ansehen gebracht hatte. Der wollte gern eine Heidejagd mit Rotwild haben, schrieb deshalb an den Diesbur, und dieser wies ihn auf das Wohlloh hin. Wedemeyer kam herüber und pachtete die Jagd. Als er hinterher mit seinem Freunde zusammensaß, meinte er: »Ja, nun muß ich auch wohl einen Mann haben, der mir telegraphiert, wenn Hirsche da sind; denn zumeist wird das Wild da doch bloß durchwechseln.« Der Diesbur nickte: »Das stimmt, Korl. Wer hier am Platze ist, kann da leicht einen guten Hirsch schießen. Andererseits kannst du drei Dutzendmal auf tauben Dunst herreisen und kriegst keinen Schwanz zu sehen. So eine Art Jagdaufseher mußt du haben, das ist eine Notwendigkeit.«

Als Wedemeyer ihn fragte, ob er nicht jemand wisse, der dazu geeignet sei, meinte er: »Ja, ich glaube, der Arbeiter Wieben hier im Orte, der ist wohl paßlich dazu. Der hat daherum viel zu tun und versteht vom Abspüren allerlei; denn er geht schon von klein auf ins Holz. Und es ist auch ein Mann, auf den Verlaß ist.« Sie beredeten sich nun, wieviel Wieben als Jahresgeld haben müsse, was nicht viel war, und wieviel für jeden Hirsch, der geschossen wurde, für jeden Bock, den er ausmachte, und für die Sauen; und dann gingen sie zu dem Arbeiter hin und wurden mit ihm bald handelseins.

Drei Jahre gingen in das Land. Wenn Wieben-Engel Hirsche fest hatte, so telegraphierte er nach Bremen: »Wind schlecht!« und wenn Sauen da waren: »Hirsche nicht da.« Sofort kam der Jagdpächter dann angereist; entweder allein, ging es auf Hirsche, oder mit zwei, drei guten Schützen, wenn es sich um Sauen handelte. So schoß er in den drei Jahren sieben Sauen, mehrere brave Böcke, drei jagdbare Hirsche, und schließlich auch einen von sechzehn Enden, einen Haupthirsch, hinter dem seit Jahren alles her war, was eine Büchse tragen durfte.

Als Wedemeyer, der vor Freuden ganz außer sich war, am andern Morgen beim Diesbur frühstückte, klopfte es und Wieben kam herein. »Sieh, Engel, das ist recht,« sagte der Vorsteher, »kommst just paßlich. Nu' halt man auch mit.« Er rückte einen Stuhl hin, schenkte einen alten Korn ein und nötigte zum Zulangen. Der Arbeiter meinte zwar, er habe eigentlich schon gefrühstückt, aber Spielverderber wolle er auch nicht sein, und so hielt er sich tüchtig dazu, hörte aber nur oberflächlich hin, als Wedemeyer erzählte, auf welche Weise er an den Hirsch herangekommen sei.

Als die drei Männer mit dem Frühstück fertig waren und sich Zigarren ansteckten, fing Wieben erst an, von dem Wetter und von den Schweinepreisen zu reden, dann sagte er, indem er an seiner Zigarre herumdrückte, obschon das durchaus nicht nötig war: »Du, Willem, der Oberförster hat mich rausgeschmissen.« Der Diesbur verzog keine Miene und fragte bloß: »So? Ja, weswegen denn, Engel?« Der Arbeiter machte eine Bewegung mit dem Kopfe nach dem Geweihe hin, das auf dem Stuhle lag, räusperte sich und sagte: »Darum! Er hat mir eine große Schande gemacht; denn hinter diesem Hirsche war er schon Jahre dreie her, und er meinte, solche Arbeiter, die dafür sorgten, daß andere Leute seine Hirsche schössen, die könne er nicht gebrauchen. Tja, und nun sitze ich da. Was soll ich nun anfangen?«

Der Vorsteher rauchte langsam weiter und meinte dann: »Na, das kann dir doch keine großen Sorgen machen; Arbeit kriegst du wohl jeden Tag wieder.« Wieben zuckte die Schultern: »Ja, aber wo? Vielleicht bei der Bahn? Aber da will meine Frau nichts von hören und ich habe auch keine Lusten, mit Pollacken und Monarchen zusammen zu arbeiten und mich kommandieren zu lassen, zumal ich solche Arbeit nicht leiden mag, weil ich, seit ich aus der Schule bin, andere Arbeit gewöhnt bin. Und als Tagelöhner bald hier, bald da gehen, das ist mir auch nicht nach der Mütze. Beim Baron in Lohorst komme ich sofort an, aber mit dem neuen Förster komme ich auf die Dauer nicht aus, das weiß ich ganz genau, und mit Krempel und Klaater in dem Leutehaus wohnen, das ist schon gar nicht mein Gusto.« Er drückte wieder an seiner Zigarre, zog heftig daran und meinte, indem er erst an dem Diesbur vorbeiblickte und ihm dann in die Augen sah: »Ich habe mir gedacht, Willem, und ich wollte mal fragen, und darum bin ich hergekommen, ob ich nicht bei dir ankommen kann?«

Der Vorsteher zog seine Lippen zwischen die Zähne. »Sollte sich die Sache nicht wieder zuziehen, Engel?« fragte er dann und klopfte die Asche von seiner Zigarre. Wieben schüttelte den Kopf: »Nee,« sagte er, »nee, und wenn der Oberförster auch wollte, ich komme ihm nicht wieder, und wenn er mir zulegt; er ist mir denn doch zu grob gekommen. Verdenken kann ich ihm das just nicht; denn ich habe das Maul auch nicht zubehalten, und denn, so'n Hirsch wie der, darüber kann einer es wohl schon mit dem Überkochen kriegen.« Er schlug mit der Hand durch die Luft: »Das ist aus und alle, Willem!«

Der Diesbur überlegte einen Augenblick. »Ja, wenn das so ist, Engel, hm, einen Hausmann muß ich doch wieder haben, wenn auch eigentlich erst in zwei, drei Jahren. Klages wird von Tag zu Tag stümpriger, und was er beschafft, das ist nicht gerade mehr viel. Aber behalten muß ich ihn, bis er mir sagt, daß er nicht mehr kann; denn er hat schon unter meinem Vatersvater gedient. Ich will mal mit meiner Frau reden.« Er ging hinaus und kam nach einer Weile wieder herein. »Tja, Engel, sie meint auch so, wie ich, und wenn du willst, wie du eben sagtest, so wollen wir das andere nachher bereden, wenn mein Freund abgereist ist. Du kannst ja heute gegen abend wieder vorkommen.«

Wieben war einverstanden damit und ging ebenso schnell fort, wie er langsam gekommen.

So bekam der Diesbur den besten Hausmann im Dorfe, und ohne daß er ihm einen Antrag zu machen brauchte. Es hatte ja eine Reihe von Jahren gedauert, bis das so weit war, aber dafür konnte nun auch der Bauer die Bedingungen stellen.

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