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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Der Dieshof

Dem neuen Kruge gegenüber, aber so weit abseits der Straße, daß man die Gebäude nur eben sieht, liegt der Dieshof, der größte Hof von Ohlenhof. Von den anderthalb Dutzend Gebäuden, die unter den siebenhundert Hofeichen stehen, tragen die meisten noch Strohdächer. Einer der Speicher, dessen altsilbergraue Eichenplanken beinhart sind, steht noch aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Kriege; die vier Löcher im Giebel rühren von den Kugeln eines Tillyschen Streifkorps her. Das Wohnhaus ist noch ganz in der alten Art gebaut, nur daß es vor Jahren einen Schornstein bekam; aber der Rehmen mit den gewaltigen Pferdeköpfen an den Enden der Balken wirft heute noch seine riesenhaften Schatten auf das Flett, und in seiner steinharten Rußkruste, so blank wie Stahl, spiegelt sich das offene Herdfeuer.

Es ist ein harter Schlag, der auf dem Hofe sitzt. Die Männer arbeiten viel, trinken wenig und sprechen gar nicht; sie befehlen nur. Ihre Nasen sind grade, ihre Augen kalt, ihre Lippen bilden einen scharfen Strich, ihre Knochen sind gewaltig und ihre Hände entsetzlich. Der Urahne des Bauern hat als junger Mann im Moore mit einem Griffe einen Strolch, der ihn anfiel, erwürgt. Die Frauen haben immer viel Geld und starke Knochen gehabt. Vom Dieshofe hat Deutschland tüchtige Leute bekommen: einen General, vier Geistliche, einen berühmten Anatom, alles Männer der Tat. Denn auch die Geistlichen waren Männer der Tat; ihre Worte fielen wie Donnerschläge von der Kanzel, und einer von ihnen hat in zehn Jahren aus einer verschnapsten Gemeinde ein anständiges Dorf gemacht, teils mit dem Worte Gottes, teils mit seiner Bauernfaust.

Heute noch erzählt man sich in diesem Dorfe von einer wüsten Schlägerei an einem Sonnabendabend, die so schlimm wurde, daß die Wirtin in ihrer Angst zum Pfarrer lief. Der kam in Hemdsärmeln mit ihr, sprang mitten in den Knäuel der Trunkenen, bläute sie in alle Ecken, fegte den Schnaps vom Tisch und jagte sie zu Bette. Als er starb, weinten die am meisten, auf die seine Wort und seine Fäuste am schwersten herniedergefallen waren. Sie sind sehr hart, die Männer vom Dieshofe; man sagt ihnen nach, daß sie ihre schwächlichen Kinder nicht aufkommen lassen. Sie haben alle bei der Garde gedient.

Und doch lebt auf dem Hofe ein Mann, der ist nicht hart. Er hat das Diesbursche Gesicht und er hat es nicht; denn die Züge sind fein und die Augen wie die eines Kindes. Das ist Ohm Hein.

Wer ist Ohm Hein? Ohm Hein ist Ohm Hein, weiter nichts. Er geht in Pantoffeln, was sonst kein Diesbur tut, er hilft Kartoffeln schälen, als wäre er eine Magd, er schleppt sich mit den Kindern ab, er trägt sie in der Sonne umher, er bringt sie zu Bett, er wacht bei ihnen, wenn sie krank sind, und er erzählt ihnen Geschichten, sonderbare Geschichten, die einst Homer in Verse brachte und für die Herodot Worte fand. Wenn er sie in Schlaf singt, so singt er die Hexameter des Homer, und ärgern sie ihn, so schimpft er auf griechisch oder lateinisch. Sonntagnachmittag sitzt er in der Laube oder wintertags in seiner Dönze und liest in den vergilbten Büchern, die ihm von Odysseus und Ajax erzählen und von den Sitten der nubischen Völker, die Herodot uns aufbewahrte, und von dem, was Tacitus über die alten Deutschen schrieb.

Er liest es, aber er versteht es nicht. Er liest das Griechische und Lateinische glatt herunter, aber der Sinn ist ihm entschwunden. Er mengt das, was der Pastor von der Kanzel spricht, mit den Gestalten Homers zusammen und formt krause Geschichten daraus, läßt Petrus den Hektor besiegen und die schöne Helena Christi Haupt mit köstlichem Öl salben. Meist sind seine Augen gut und fromm; nur wenn der Mai kommt, blicken sie kalt und hart, und wochenlang spricht er dann nur mit den Frauen und den Kindern.

Denn im Mai war es, als sein Vater ihn vor dem Gymnasium erwartete und ihm sagte: »Ich habe dich abgemeldet; Johann ist tot; er hat das Nervenfieber gehabt. Deine Sachen sind alle im Wagen; ich habe sie von dem Pastor geholt. Und jetzt wollen wir Mittag essen.«

Heinrich war damit Hoferbe, denn das Gesetz auf dem Dieshofe lautet: »Der Älteste wird Hoferbe; der zweite Sohn studiert; der dritte heiratet auf einen Hof.« Die erste Nacht lag Heinrich schlaflos und dachte an seine Bücher und an die Kanzel, auf der er sich schon gesehen hatte; am andern Morgen war er bei der Arbeit. Er arbeitete wie ein Knecht; aber die Bücher vergaß er nicht. Halbe Nächte saß er mit Lexikon und Grammatik über dem Herodot und dem Homer oder dem Tacitus und dem Cicero; und wenn er beim Pflügen oder Säen daran dachte, daß er drei Jahre lang den ersten Platz in der Klasse gehabt hatte, dann wurde sein Gesicht heiß und seine Augen flogen mit Haß über das Feld. Aber nie klagte er dem Vater oder der Mutter seine Not, nie ließ er in der Arbeit nach, und noch vor den Knechten war er am Morgen aus dem Bette. Er weinte keinmal in seiner Kammer, aber er lachte auch nicht; er ging nur gezwungen in den Krug und die Mädchen behandelte er wie Luft.

Das ging so sieben Jahre lang. Seine Hände wurden braun und breit und sein Gesicht schmal und blaß; um seinen Mund legten sich Falten, und seine Augen waren kalt und starr. Aber am ersten Mai des achten Jahres an dem Tage, als der Vater ihn mit den Rotschimmeln abholte, da lächelte er milde und freundlich, als er morgens aus seiner Kammer kam; und sein Vater wußte nicht, was er sagen sollte, als er ihn dastehen sah, angetan mit dem Kirchenzeuge und die alten Schulbücher unter dem Arme. Er wollte ihn anfahren, aber als er ihm in die Augen sah, da zitterte er und mußte sich setzen, und drei Tage darauf lag er auf dem Schragen; ein Schlagfluß hatte ihn umgeworfen. Heinrich aber ging lächelnd an dem Sarge vorbei, sprach von dem guten Zeugnis, das er bekommen werde, und fragte den Pastor, ob die Griechen Thalassa oder Thalatta und die Römer Cicero oder Kikero gesprochen hätten, und bat ihn um die Deutung einer schwierigen Stelle im Livius.

Er wurde nach Hildesheim gebracht. Nach einem Jahre wurde er als unheilbar entlassen. Seitdem lebte er als harmloser Irrer auf dem Hofe, den der jüngste Bruder antrat. Er schält Kartoffeln und wartet die Kinder, geht jeden zweiten Sonntag, in den langschößigen Kirchenrock gekleidet und in dem Knoten des Doppelbinders die goldene Nadel, zur Kirche, und liest nachmittags in seinen Büchern. Er kommt niemand in die Quer. Redet er krauses Zeug, so läßt man ihn reden, ohne darüber zu lachen. Man achtet überhaupt nicht auf ihn. Er zählt nicht mit. Er ist eigentlich gar nicht da. Er ist bloß Ohm Hein.

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