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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
projectidcf0baf9e
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Tante Janna

Schräg gegenüber dem neuen Kruge auf der anderen Seite der Landstraße steht ein Haus, das ungefähr so aussieht, wie die Brinksitzerhäuser von Ohlenhof, aber in mancher Hinsicht doch anders.

Denn an seiner linken Seite sind Geflügelställe angebaut, an der rechten ein Hundezwinger, und hinter dem Hause befindet sich ein Anbau mit großem, meist mehr oder minder verhängten Fenstern und Oberlicht. Sodann ist das Anwesen ganz und gar von sehr ordentlich gehaltenen Gemüsebeeten umgeben, zwischen denen Zwergobstbäume und regelmäßig geschnittene Beerensträucher stehen. Die Wände des Hauses sind mit Spalierobst bezogen und mit Nistkästen behängt, und nach der Straße zu sehen viele bunte Blumen über den Zaun.

Das Haus, nach dem jeder Fremde, der nach Ohlenhof kommt, hinsehen muß, und die Einheimischen nicht minder, gehört einer alten Jungfer, die im Dorfe allgemein Tante Janna genannt wird. Daß sie ein Freifräulein von Rullenbeck ist, wissen nicht viele Leute im Orte, und sie selber gibt sich alle Mühe, es zu vergessen und so wenig wie möglich an die Zeit zu denken, da sie als solches vor der Welt dastand. Sie ist jetzt Tante Janna und will weiter nichts mehr sein.

Es gab einst eine Zeit, da trug sie das Haar hoch über dem Kopfe, hatte Perlen um den Hals und ließ sich ihre Hände, an deren Fingern Diamanten blitzten, küssen. Heute würde das keinem Menschen mehr einfallen, denn Tante Jannas Finger sind hart und rauh und braun, und die Nägel daran sind nicht anders, wie sie die Frauensleute auf dem Lande gemeiniglich aufzuweisen haben. Aber das ist ihr gleichgültig; sie ist nicht mehr das gnädige Fräulein von Rullenbeck, sie ist Tante Janna und weiter nichts.

Einst wirkte sie in der großen Welt, ohne ihr Glück zu finden. Nun lebt sie in einer kleinen Welt, und wenn die ihr auch das Glück nicht brachte, so gab sie ihr doch Ruhe und Zufriedenheit. Sie hat so viel, daß sie auskommen kann, und noch mehr sogar; denn sie besitzt die Achtung der großen Leute und die Liebe der Kinder. Wo sie sich blicken läßt, da rennt das kleine Volk hinter ihr her. Das kommt vielleicht davon, daß sie ein bitteres Geschick hinter sich hat und dadurch um so gutherziger geworden ist, und daß sie so schöne blaue Augen hat, die genau so geradeaus in die Welt sehen, wie die von Kindern, die noch nicht wissen, daß die Welt voller Arglist und Tücke ist, oder wie die von ganz starken Männern, die keine Menschenfurcht kennen.

Stadtleute, die ihr begegnen, wissen nicht, was sie aus der langen, hageren Frau mit dem Lodenhute auf den grauen Haaren machen sollen, und sehen sich meist lange nach der merkwürdigen Radfahrerin um, die mit dem vollgepackten Rucksacke auf dem Kreuz den Fußweg dahinfliegt. Ihr ist das gleichgültig. Sie weiß, daß sie manchmal ungefähr wie eine Vogelscheuche aussieht, aber sie weiß auch, daß die Leute, die sie kennen, darüber längst hinaus sind. Zuhause trägt sie sich meist ebenso, wie die Frauen im Dorfe, in Blauleinen oder Beiderwand, und nur, wenn sie mit dem Diesbauern zur Kirche fährt, zieht sie sich schwarz an, wie das in Ohlenhof gebräuchlich ist.

Ab und zu geht sie in ihr bestes Zimmer, an dessen Wänden allerlei Bilder von vornehmen Leuten hängen und ein großer buntgemalter Stammbaum unter Glas und Rahmen, und wo auf den eingelegten Schränken, Tischen und Schiebetruhen allerlei Andenken an vergangene Zeiten stehen. Sie staubt Stück um Stück ab, läßt dann die Fenstervorhänge wieder herunter, schließt die Tür zu und geht in die Küche, um nach dem Essen zu sehen, oder in den Hof, um ihr Geflügel oder die Ziege zu füttern und die Hunde, lauter hirschrote Teckel, ihre Lieblinge, einer schöner als der andere, die sich Jahr für Jahr auf den Ausstellungen gute Preise holen. Niemals verkauft sie aber einen Hund; alle, die sie nicht behalten kann, verschenkt sie, am liebsten an Förster und Jagdaufseher. Wer aber von ihr einen Hund bekommt, der muß ihr hoch und heilig versprechen, daß er ihn nicht weitergibt.

Als sie zuerst im Dorfe auftauchte und im neuen Kruge wohnte, grienten die Leute von Ohlenhof heimlich hinter ihr her; denn sie war das erste Stadtfräulein, das sich für längere Zeit da aufhielt, und es kam ihnen sonderbar vor, daß eine Stadtdame mit langem Rock und Blumenhut durch die Heide strolchte oder in die Ställe kam und den Mädchen beim Melken zusah. Als ihr dann der Wirt vom neuen Kruge das Grundstück jenseits der Straße verkaufte und sie dort zu bauen anfing, schüttelte man allgemein den Kopf über sie und munkelte, sie wäre nicht recht gescheit.

Mit der Weile aber gewöhnte man sich an sie, zumal sie sich um keinen Menschen kümmerte, mit dem Gärtner aus Krusenhagen ihr Besitztum hübsch in Ordnung brachte und allen Leuten zeigte, daß sie ihr Leben für sich haben wollte. Außerdem half sie überall, wo Not war. Wenn jemand in der hillen Zeit krank lag, so bot sie sich von selbst zur Pflege an, fuhr auch bei Nacht und Nebel mit dem Rade zum Doktor und Apotheker; denn außer ihr hatte damals noch keiner ein Rad im Dorfe. Auch ließ sie sich, wenn die kleinen Leute auf dem Felde zu tun hatten, die Kinder bringen, behütete sie und brachte ihnen allerlei nützliche Dinge bei oder lehrte sie hübsche Spiele. Davon bekam sie mit den Jahren den Namen Tante Janna.

Weiter will sie auch nichts sein. Sie denkt wohl noch einmal an die Zeit, da hübsche lange Leutnants vor ihr die Hacken zusammennahmen und sich auf ihre rosenroten und blitzblanken Nägel hinunterbeugten; aber sie lächelt dabei und empfindet keine Bitterkeit in ihrem Herzen, wenn sie auf ihre Hände sieht, die braun und dürr sind und verarbeitete Nägel haben. Sie ist über das Leben, das hinter ihr liegt, hinaus. Die Lohörster Baronin besucht sie ab und zu und ladet sie auch oft ein, aber nur, wenn auf Lohorst keine Gäste sind, oder höchstens eine von den Wienhäusener Klosterdamen. Denn sonst macht Tante Janna sofort kehrt, setzt sich auf ihr Rad und flitzt davon. Sie will von der Welt nichts mehr wissen; sie hat genug davon.

Es wurde einmal auf Lohorst erzählt, ein Prinz sei in sie verliebt gewesen, als sie bei dessen Schwester Hofdame war, und deswegen habe sie ihre Stellung aufgeben müssen. Sie weiß, daß man das sagt, und sie lächelt darüber. Sie hat etwas erlebt, das viel trauriger war. Ihr Vater hatte eine hohe Stellung bei Hofe. Da er nicht viel Vermögen besaß, ließ er sich zu Geldgeschäften verführen, die er nicht übersehen konnte, verlor alles, was er hatte und noch mehr, und nahm sich das so zu Herzen, daß er Hand an sich legte. Sein einziges Kind blieb mit einem kleinen Vermögen, das es von der längst verstorbenen Mutter geerbt hatte, allein in der Welt zurück; denn alle die guten Freunde und Bekannten hielten sich von ihm fern, auch der Mensch, den es von Herzen lieb hatte, der aber zu weich war und zu ängstlich, um bei ihm zu bleiben, und der es schließlich auch nicht konnte, weil er in seiner Stellung eine vermögende Frau nötig hatte. Da warf Janna von Rullenbeck alles hinter sich, war erst lange Krankenschwester und ging schließlich nach Ohlenhof, wo sie vor Jahren einmal mit dem Wagen gehalten hatte, und von wo sie eine freundliche Erinnerung bei sich trug.

Nun lebt sie schon seit Jahren im Dorfe, hat viele Leute zu Freunden und keinen Feind. Im allgemeinen hält sie sich für sich selber und geht davon nur ab, wenn sie helfen kann, sei es, daß es sich um eine Wöchnerin handelt, die zu arm ist, um die rechte Pflege haben zu können, oder um kranke oder anderswie unglückliche Menschen. Näheren Verkehr unterhält sie eigentlich nur mit den Leuten vom Dieshofe, und es ist sonderbar anzusehen, wie der Diesbauer, der vor keinem Menschen zuerst den Kopf blank kriegen kann, noch nicht einmal vor dem Pastor und dem Landrat, sie immer mit dem Hute in der Hand begrüßt, und meist bei ihr stehen bleibt und ein Weilchen mit ihr schnackt, obzwar er sonst seine Worte ebenso ungern auszugeben pflegt, wie sein Bargeld.

Alle die Leute aber, denen das Leben einen Stoß gegen das Herz gegeben hat, so daß sie hart und kalt oder morsch und welk werden mußten, weiß Tante Janna so zu nehmen, daß sie vor ihr auftauen, so Doris Amhorst, die durch ein scharfes Wort Mann und Kind verlor, Ohm Heim, dem die Sehnsucht nach der hohen Schule den Verstand aus der Reihe brachte, Vetter Philipp, der des Dorfes Spott ist, weil er bei seinen fünfzig Jahren sich immer noch nach einer jungen glatten Frau umsieht, Helmbrechts Vater, der an nichts mehr denkt, als an den Kirchhof in Krusenhagen, auf dem seine Erna liegt, und sogar Lütkensweer, den alle Männer im Dorfe von der Seite ansehen. Sie ist eben Tante Janna, auch für die armseligsten und verachtetsten Menschen im Dorfe, und deswegen scheut sie sich durchaus nicht, mit Sliekenmutter, der Hexe, auf offener Straße einen kleinen Klöhnschnack zu halten. Sie bringt es sogar fertig, daß Just Rust, der mit dem ganzen Dorfe auf Mord und Tod steht, ihr die Tageszeit bietet; und wenn Schneidersjohann, der Mann mit der ewigen Angst in den frommen Augen, ihr begegnet, so sieht er eine Weile weniger verhärmt aus. Man sagt ihr auch nach, sie sei etwas schuld daran, daß Hermine Beckmann sich wieder zu ihrem Herrgott zurückgefunden habe. Und Heinrich Rothe, der gewiß alle Ursache hat, an den meisten Leuten von Ohlenhof vorbeizusehen, bekommt so etwas wie ein Lachen in sein unbewegliches Gesicht, tritt ihm Tante Janna in die Möte.

So ist das alte Freifräulein mit der verregneten Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft dem ganzen Dorfe zum Segen geworden und dadurch sich selber nicht zum wenigsten, zumal sie schließlich einen ganz bestimmten und sicheren Lebenszweck gefunden hat. Sie hatte bislang lauter kleine Zwecke, hier zu wehren, da zu lehren, dort zu sichten und da wieder zu schlichten. Sie hat den kleinen Leuten Gemüsezucht und Spalierobstbau beigebracht, hat mehr als einem Manne die Schnapsflasche und mancher Frau das böse Maul abgewöhnt; doch eins fehlte ihr immer noch dabei: ein Mensch, den sie ganz für sich hatte, wie eine Mutter ihr Kind. Auch den hat sie nun bekommen, und darum ist der Anbau hinter ihrem Hause mit dem Oberlichte und den mehr oder minder verhängten Fenstern; denn darin haust Tante Jannas Maler.

Wie sie an den Mann gekommen ist, das weiß außer dem Diesbauern kein Mensch in ganz Ohlenhof. Eines Tages sprach es sich im Dorfe herum, daß Tante Janna Besuch von einem jungen Mann habe. Da das jedoch just in die Aust fiel, hatte kein Mensch Zeit, darüber viel Worte zu verlieren. Dann kam die Kartoffelzeit, und mittlerweile hatte man sich daran gewöhnt, daß auf Tante Jannas Wesen ein halbjunger Mann mit blassem Gesicht und langen Haaren herumging, die Hühner fütterte und die Hunde betreute und ihr bei der Arbeit an die Hand ging. Ab und zu kam der Mensch in den Krug, setzte sich in eine Ecke, trank sich in aller Stille einen an und ging mit, wenn Tante Janna kam, sich zu ihm setzte, sich einen Bittern geben ließ und, sobald ihr Glas leer war, dem Wirt die ganze Zeche bezahlte, ihrem Einlieger auf den Arm tippte und sagte: »So; das Essen ist fertig!«

Mit der Zeit ließ sich der Fremde immer sparsamer im Kruge sehen, arbeitete fleißig im Garten und bei dem Immenschauer von Tante Janna, oder man sah ihn auf seinem dreibeinigen Stuhle unter einem großmächtigen Schirme in der Heide oder vor dem Moore sitzen und irgend etwas abmalen; und als der Anbau hinter dem Hause, eine richtige Malerwerkstatt, fertig war, da war aus dem blassen, schlottrigen Menschen ein Mann mit roten Backen und strackem Gange geworden, der nicht mehr die Augen unter sich schlug, wenn er sich in den Krug stahl und sich still in die dunkelste Ecke setzte, um einen Schnaps mit Selters nach dem andern zu trinken und immerlos Zigaretten zu drehen und aufzurauchen, sondern der frank und frei in die alte Schänke kommt, sich zu irgendeinem Bekannten hinsetzt, sein Glas Bier in aller Rechtschaffenheit trinkt und gemächlich dabei seine Pfeife schmökt.

Daß er so weit gekommen ist, hat er Tante Janna zu verdanken, die ihn irgendwo, als er sich vor Herzenskummer und Seelenleid betrunken hatte, aufpackte und mitnahm und aus dem armen, kranken schwachen Menschen mit Ruhe und Güte einen Mann machte, der fest im Leben steht, nicht mehr fruchtlos davon träumt, daß er ein großer Maler werden wollte und es nicht werden konnte, sondern der sich daran genügen läßt, ein tüchtiger Zeichner und Formentwerfer zu sein.

Er hat in sechs Jahren so viel hinter sich gebracht, daß er demnächst ein hübsches Mädchen aus Fladder, Holstensuse, als Frau heimführen wird, und darauf freut sich Tante Janna unbändig. Eigene Kinder konnte sie nicht haben, das wurde ihr nicht beschert; aber in Engelbart Dammann zog sie sich einen Sohn heran und hofft stark, daß er aus der Tante Janna demnächst eine Großmutter Janna machen werde.

Deshalb sieht sie seit einiger Zeit immer jünger aus, trotzdem ihr Haar von Tag zu Tag weißer wird.

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