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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Der Rappenhof

Ganz hinten im Bruche, mehr als eine Stunde von dem Dorfe entfernt, liegt der Rappenhof, der untere Rappenhof, wie er immer noch heißt, ob zwar es einen oberen Rappenhof nicht mehr gibt, weil der von den Erben aufgeteilt und verkauft wurde, als der obere Rappenbauer kinderlos verstarb.

Vor mehr als hundert Jahren zog der dritte Sohn von dem oberen Rappenhofe in das Bruch, wo damals wegen der unruhigen Zeiten Land fast für nichts zu haben war, und machte sich dort einen Hof, der der untere Rappenhof geheißen wurde. Der Neubauer Rappen mußte sich tüchtig quälen, um in dem Bruche hochzukommen; denn er hatte mit der Nässe, dem Ortstein und dem kalten Fieber, das zu jener Zeit dort noch herrschte, schwer zu kämpfen. Da er aber gar keine Bedürfnisse hatte, mehr als sparsam war und soviel Kinder hatte, daß er keine fremde Hilfe brauchte, so war er ein gutes Stück vorwärts gekommen, als er mit fünfundachtzig Jahren die Füße zusammenlegte. Es wurde ihm freilich nachgesagt, er habe einen hohen französischen Offizier, der auf der Flucht vor den Kosaken im Bruche erfroren war, ausgeraubt und sei dadurch zu Geld gekommen. Was an diesem Gerede wahr oder falsch war, wurde aber nie offenbar.

Sein Sohn kam wieder ein großes Stück voran; denn er war ebenso genau und fleißig wie der Alte und dabei ein klüftiger Kopf, der aus allem Möglichen Geld herausschlug. So manchen Otter-, Fuchs- und Marderbalg nahm er mit, wenn er Torf, Holz oder Getreide nach Krusenhagen oder in die Kreisstadt fuhr, desgleichen Weiden- und Wurzelkörbe, die er und seine Leute gemacht hatten, ebenso Besen aus Birkenzweigen, Heide und Bickbeeren, die seine Kinder gebunden hatten, zudem Honig und Wachs von seinen Bienen, Fische und Krebse, Kienspäne und Fuhrenäpfel zum Feueranmachen, Kiebitzeier, Waldbeeren und was es sonst noch in der Wohld und auf der Heide, im Bruche und im Moore gab. Als er die Augen zumachte, war der untere Rappenhof schon doppelt so groß und hatte Ackerland und Wiesen, die sich sehen lassen konnten.

Heute hält der Rappenhof den Vergleich mit fast allen Höfen im oberen Dorfe gut aus, den Dieshof, den Ludjenhof und die Mühle ausgenommen; denn er ist mit Wohld, Wiesen, Heide und Moor über tausend Morgen groß, und seitdem durch den Kanal das Bruch trocken gelegt wurde, ist sein Wert um das Vielfache gestiegen. Wo einst alles nasse Heide war, da steht heute Frucht, und die saueren Weiden sind zu Wiesen erster Klasse geworden.

Von dem Hofe selbst sieht man sowohl von dem ersten wie von dem zweiten Bruchwege, zwischen denen er liegt, wenig mehr als den Giebel mit den hölzernen Mährenköpfen an den Windbrettern, so versteckt liegt er unter den Eichen und Fichten und hinter dem hohen Hagen aus Machandeln, Hülsen und Holderbüschen, der sich hinter der mächtigen Mauer aus gewaltigen Findelsteinen erhebt und ihn gegen die übrige Welt abschließt, als wollten der Rappenbauer und seine Leute nichts mit ihr zu tun haben.

Das ist auch in Wirklichkeit der Fall; denn die Rappens halten sich von jeglichem unnötigen Verkehr mit den Ohlenhöfern zurück und sind in allem anders als die Leute vom oberen Dorfe. Das sieht man schon daran, daß die Mannsleute, sobald sie vom Militär zurück sind, sich den Bart stehen lassen, was in der Gegend bei den Bauern keine Sitte ist, im Winter ständig Kniestiefel und im Sommer hohe Gamaschen anhaben, niemals Mützen, sondern immer Hüte tragen und stets das Jagdmesser in der rechten Hosennaht stecken haben.

Denn Jäger sind die Rappens von jeher gewesen, auch die oberen Rappens, die ebenfalls, so weit man zurückdenken kann, absonderliche Menschen waren und sich von den übrigen Leuten im Dorfe nach Möglichkeit fernhielten, weswegen dieselben Gerüchte über sie gingen, wie heute über die unteren Rappens. Man sagt ihnen nämlich nach, sie seien Heiden, und es scheint wirklich so, als wäre etwas daran. Ein Rappen kommt nämlich nur dann zur Kirche, wenn er getauft, eingesegnet, getraut oder begraben wird.

Das fällt in dieser Gegend, wo die Leute meist kirchlich gesinnt sind oder doch wenigstens so tun, sehr auf, und fast jeder neue Pfarrer hat sich alle Mühe gegeben, die Rappens zu Kirchgängern zu machen; doch ist es keinem geglückt, auch Pastor Wöhlers nicht, der wohl ein halbes Dutzend mal auf dem Rappenhofe war, sehr gut aufgenommen wurde, aber auch nicht mehr ausrichtete als seine Vorgänger bei den Ahnen des Bauern. »Tja, Herr Pastor,« hatte Rappen gesagt, wie der Geistliche es bei der Pastorenkonferenz erzählte, »wir haben zwei und eine halbe Stunde hin und ebenso viele zurück nach der Kirche, das sind volle fünf Stunden. Und dann gehen wir auch nicht gern unter die Leute, dieweil wir seit mehr als hundert Jahren hier im Bruche ganz für uns sitzen. Und schließlich kann man seinem Gott auch zu Hause dienen, meine ich.«

Das ist aber nicht das einzige, was die Rappens von den Ohlenhöfern und den übrigen Leuten im Gau unterscheidet; es kommt noch allerlei dazu. Sie holen sich ihre Frauen seit Menschengedenken nicht aus der Nachbarschaft, sondern von weit her. Die Bäuerin stammt aus der Grafschaft Bentheim und die Altmutter ist aus dem Oldenburger Ammerlande gebürtig. Sodann verreisen die Rappens ab und zu, und man weiß nicht wohin, und bekommen dann und wann Besuch von Leuten, die kein Mensch in der Gegend kennt. Zudem haben sie Vornamen, wie sie weit und breit hierzulande nicht üblich sind. Der jetzige Bauer heißt Mangold, sein Vater hieß Dettmer, und dessen Vater Siebert, und die Frauen haben auch so unchristliche Namen, wie Hille, Lutberga oder Alycke.

Das Merkwürdigste aber ist, daß sie Mittsommer- und Julfeuer abbrennen, was in der Heide gar kein Brauch ist; denn man kennt hier nur Osterfeuer, und die werden auch nur von den Kindern abgebrannt. Aber wenn bei dem großen Stein, der auf dem Rappenhofe liegt, zur österlichen Zeit, um Johanni und am Heiligen Abend Flammen gegen den Himmel schlagen, dann tanzen und springen nicht die Kinder dort herum, sondern nur die erwachsenen Leute stehen mit ernsten Gesichtern um das Feuer, das nicht mit dürren Ästen und alten Braken genährt wird, noch mit Kistendeckeln und Stroh, sondern mit gutem Holze und frischen Fichtenzweigen. Ein Knecht aus Fladder, der um solche Zeit dort vorbeikam, hat erzählt, der Rappenbauer hätte allerlei in die Flamme geworfen und dabei Sprüche gemurmelt. Was er aber gesagt habe, das hätte er nicht gewahr werden können. Über dem Hofe steht eine alte Eiche, an die Dutzende von zum Teil ganz altmodischen Hufeisen genagelt sind, von denen viele schon sehr tief eingewachsen sind. Ein gelehrter Herr, der den alten Volksbräuchen nachgeht, erfuhr von Pastor Wöhlers davon, suchte die Eiche auf, sah sich auch den Rappenhof an und erzählte dem Pfarrer, daß er an den Torbalken eingehauene Zeichen und in dem Fachwerk runenartige Verstrebungen gefunden habe, die er ähnlich in Norwegen, Holstein, Westfalen und auch in Schwaben und in den Alpen angetroffen habe. Der Rappenbauer habe ihn recht freundlich aufgenommen, ihm aber auf seine Fragen dieselben tauben Antworten gegeben, die er anderswo bekommen habe. Er könne sich keinen Vers auf seine Beobachtungen machen.

So leben die Rappens ihr geheimnisvolles Leben für sich abseits der Welt hinter Hecken und Hagen im wilden Bruche ganz allein, bis dann und wann einmal ein fremder Bauer nach Ohlenhof kommt, und mit einem Plattdeutsch, das die Leute nur halb verstehen, nach dem Rappenhof fragt. Wenn er dann weitergeht, sehen sie hinter ihm her, schütteln die Köpfe, nehmen ihre Arbeit auf und denken nicht weiter über den Fremden nach.

Wie die Leute vom Rappenhofe sich nicht um das Dorf kümmern, außer in Gemeinheitsangelegenheiten, so regen sich die Ohlenhöfer nicht um den Rappenhof auf, weil jeder mit sich selbst zu tun hat.

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