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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Unkraut

Wo die Ohlenhofer Feldmark zu Ende geht, hart an der Hower Grenze, stand vor Jahren ein Haus. Jetzt ist nichts mehr davon übrig, als ein Haufen Backsteine, zwischen denen Nesseln und Kletten wachsen.

Ursprünglich gehörte das Haus zu dem oberen Rappenhofe. Als die oberen Rappens ausstarben und auswärtige Erben den Hof erbten und aufteilten, weil sie ihn im Ganzen nicht los wurden, wohnte erst der Arbeiter Hoyer darin, und als der nach Amerika auswanderte, der Gemeindekuhhirt Bernhard Klintmann, genannt der Holländerbernd; denn er hatte viele Jahre in der holländischen Fremdenlegion gedient. Mit einer kleinen Pension kam er nach Ohlenhof zurück, von wo er gebürtig war, verheiratete sich, war eine Reihe von Jahren Arbeiter und zuletzt Gemeindekuhhirt. Er war ein Mann von wenig Worten. Wenn er aufgefordert wurde, seine Erlebnisse zu erzählen, so sagte er: »Tja, da is nicht viel von zu sagen, als bloß das: schön war es nicht, und ich hätte besser getan, in Ohlenhof zu bleiben.«

Als er starb, wollte niemand in dem Hause wohnen, weil es zu abgelegen und auch nicht mehr gut imstande war und der Brunnen kein gutes Wasser gab. Auch hieß es, der Holländerbernd gehe darin um; denn in seinen letzten Jahren war der alte Mann sehr wunderlich geworden. Wenn er bei den Kühen stand, arbeitete er oft mit den Händen in der Luft herum, als wollte er Fliegen wegjagen, und mehr als einer hatte gehört, daß er laut gerufen hatte: »Das ist das Blut, das unschuldige Blut. Und ich bin da doch nicht schuld an. Der Soldat hat keinen Willen nicht.« Als er so alt war, daß er nicht mehr mit den Kühen hinaus konnte und hinter dem Ofen sitzen mußte, wusch er sich den Tag über wohl zwanzigmal die Hände und brummte hinterher vor sich hin: »Es geht nicht ab, das Blut will nicht abgehen.« Schließlich wurde er kindisch und weinte, wenn keins seiner Enkelkinder bei ihm war. Als er starb, zog sein Schwiegersohn nach Krusenhagen.

Nachdem das Haus einige Jahre leer gestanden hatte, schrieben es die Erben in der Zeitung aus und vermieteten es schließlich billig an einen Handelsmann Julius Swoda, der zuletzt in Walsrode gewohnt hatte. Es war ein langer, schloddriger Kerl, der keinen guten Eindruck machte und beständig ein schmieriges Grienen in seinem ganz mit Sommersprossen bedeckten Gesichte hatte. In Ohlenhof ließ er sich wenig sehen; denn zumeist zog er mit einem Hundekarren herum und kaufte Lumpen und altes Eisen auf. Er hatte bei seinem Hause ein Stückchen Land, auf dem er im ersten Jahre Kartoffeln pflanzte, die er aber zumeist in der Erde verfaulen ließ.

Anfangs kümmerten sich die Ohlenhöfer um ihn so gut wie gar nicht. Als aber in der Feldmark und auf den Höfen immer mehr gestohlen wurde, auch hier und da eine Gans oder ein Lamm abgängig war, beobachtete man Swoda. Aber so viel Mühe sich die Bauern auch gaben, es war ihm nichts nachzuweisen. Als bei der Mühle dreizehn Stück Linnen von der Bleiche gestohlen waren, hielt der Gendarm bei Swoda Haussuchung, fand aber weder die Leinewand noch sonstiges Diebesgut, nur altes Eisen, Lumpen und Knochen.

Der Verdacht blieb aber auf dem Lumpensammler sitzen, und er wurde weiter beobachte. Man bekam heraus, daß er in Untersuchungshaft gewesen war, weil Anzeichen dafür vorlagen, daß er an der Ermordung des Milchhändlers Kreutzer beteiligt sein konnte. Er war aber, wie auch die übrigen Verdächtigen, wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden. Auch als bei Walsrode eine Bauernmagd abends niedergeschlagen und mit Gewalt verunehrt war, hatte das Gericht ihn in Untersuchung genommen; doch hatte er, wenn auch durch Leute, denen nicht zu trauen war, sein Alibi nachweisen können. Wenn er, was nicht oft der Fall war, in seinem Hause wohnte, kamen in Ohlenhof und Howe Diebereien nicht vor, immer nur, bevor er wiederkam. Aber ob er inzwischen nicht irgendwo in der Nähe im Busche geschlafen hatte, das war nicht festzustellen. Eines Tages wurde bei einer Stokeljagd in der dichtesten Ecke der Hülsinger Wohld von den Treibern eine tiefe Erdhöhle mit einem Plaggendache und einem Lager aus Heide und Lumpen, sowie drei alte Pferdedecken gefunden, und als man die Umgebung absuchte, entdeckte man in einem Loche unter einer Fichte einen Haufen verrotteter und frischer Hühnerfedern und eine alte Mütze, die Swoda gehört hatte. Zwei Leute paßten drei Tage bei der Höhle auf, aber ohne, daß es Zweck hatte, und so oft man später auch nachforschte, es war kein Anzeichen zu finden, daß ein Mensch unterdessen in ihr gewesen war; denn der Jagdaufseher von Krusenhagen, der das Nachsehen besorgte, hatte über den Eingang ein paar trockene Zweige so hingelegt, als wenn der Wind sie dahin geweht hätte, und die blieben Woche für Woche so liegen.

Einige Zeit darauf brachte der Lumpensammler sich eine Frauensperson mit, die er als seine Braut ausgab, und die mit Kartoffelrodern aus Westpreußen gekommen war. Er ließ sich mit ihr aufbieten und freite sie ordnungsgemäß. Am Morgen nach der Hochzeit kam die Frau barfuß und in Hemd und Unterrock und mit zerzausten Haaren zum alten Kruge gelaufen, weinte, daß es sie stieß, brachte aber auf alle Fragen weiter nichts heraus, als immer bloß: »Ein Teifel ist das, ein gottverdammtiger.« Man gab ihr alte Schuhe, Strümpfe, einen Rock und was sie sonst brauchte, auch ein paar Groschen, und sie ging fort und kam nie wieder. Vierzehn Tage später wurde abends spät die Magd vom Lüttkensweershof, die bei ihren Eltern in Hülsingen gewesen war, in den Hülsinger Fuhren angefallen. Da sie aber ein stämmiges Mädchen war, konnte sie sich des Kerls, den sie nicht erkannte, erwehren. Sie gab aber an, ihrer Meinung nach sei es der Lumpensammler gewesen, und obwohl der schon über eine Woche unterwegs war und sich erst nach fünf Tagen wieder blicken ließ, so war jeder Mensch in Ohlenhof derselben Meinung wie sie. Swoda wurde verhaftet, mußte aber auf freien Fuß gesetzt werden.

In den Tagen, als er in Haft saß, kamen die Ohlenhofer Bauern zusammen und besprachen sich über ihn. Der Müller, der in Celle zu tun gehabt hatte, war bei dem Rechtsanwalt, der die Geschäfte der Rappenschen Erben führte, gewesen und hatte ihn gebeten, Swoda das Haus zu kündigen; bis ein anständiger Mieter gefunden sei, wolle er selber den Ausfall decken. Das ging aber nicht, weil der Lumpensammler noch auf ein Jahr Vertrag hatte. Als der Müller mit diesem Bescheid vor das Bauernmal kam, gab es allerhand böse Worte, und mehr als einer meinte: »Dann muß dem Hund das Dach abgedeckt werden, wie es früher Sitte war.« Der Vorsteher aber sagte: »Ja, und dann haben wir das Gericht im Dorfe. Einmal wird der Kerl doch wohl anlaufen.«

Am andern Tage ließ er seinen Jagdwagen anspannen und fuhr bei allen Vorstehern der Nachbardörfer vor, und die machten es in der nächsten Zeit ebenso. Von dem Augenblick an war der Lumpensammler für den ganzen Gau tot. Kein Wirt verabreichte ihm weder Speise und Trank, noch nahm er ihn über Nacht, kein Geschäftsmann verkaufte ihm etwas, überall, selbst bei den kleinsten Leuten, wurde er abgewiesen, fragte er wegen Eisen oder Lumpen nach. Es dauerte nicht lange, so bot der Anwalt in Celle das Haus dem Müller an. Der aber wollte es nicht mehr. Neue Mieter fanden sich nicht. Die Hütejungen warfen die Fenster ein, die Zaunlatten, die Türen und Fensterflügel verschwanden nach und nach, weil der Vorsteher den Zigeunern den Platz zum Lagern anwies, und bei einer solchen Gelegenheit brannte das Haus auch nieder.

Auf den Trümmern wachsen jetzt Nesseln und Kletten.

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