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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Jakob

Vor allen Fenstern in dem Hause der Witfrau des Gemeindedieners Nottbohm stehen Blumen; vor den beiden Fenstern neben der Halbetür stehen keine Blumen, sondern vor dem einen zwei ausgestopfte Vögel, ein Stößer und ein grüner Specht, und vor dem anderen zwei alte Gläser; in dem einen sind Fidibusse, in dem anderen etliche Pfauenfedern. Die beiden Fenster gehören nämlich zu der Stube, in der der Arbeiter Jakob Bennewies zur Miete wohnt. Er hat sie schon so lange inne, wie Nottbohms das Haus haben, denn er ist ein Witmann. Seine Frau, die hübsche Katrine Kaneblei aus Fladder, ließ ihn ein Jahr nach der Ehe mit dem Kinde allein; denn sie starb der Hebamme unter den Händen weg.

Dieser Jakob Bennewies ist ein ganz wunderlicher Heiliger, einer der absonderlichsten Menschen in ganz Ohlenhof. Er kann arbeiten wie ein Pferd, und es gibt kaum eine Arbeit, die er nicht verstände. Er arbeitet auch Wochen, Monde, ja, ganze Jahre auf einer Stelle, aber nur, wenn man ihm seinem Willen läßt. Sobald ihm dazwischen geredet wird, nimmt er Axt und Säge auf die Schulter oder die Sense oder was es sonst ist, dreht sich um und geht fort, und dann kann es lange dauern, bis er bei demselben Besitzer wieder anfängt.

Denn Jakob hat einen Kopf, der ist so hart wie ein Eichenknubben. Pastor Wöhlers kann ein Lied davon singen; denn als Bennewies seine Frau verlor, las der viel in der Bibel und ging fast jedesmal nach der Kirche zu dem Pastor, um ihn wegen dieser oder jener Stelle, die ihm dunkel geblieben war, um Rat zu fragen, und der Geistliche hatte keinen leichten Stand mit dem Dickkopf. »Sehen Sie, Herr Pastor,« hatte er eines Sonntags gesagt, »wenn Gott allwissend und allmächtig ist, dennso hat er es doch in der Hand, ob er den Menschen sündhaftig oder gerecht erschafft, und erschafft er ihn sündhaftig, dennso darf er ihn nicht in das ewigliche Feuer hineinverdammen, von wegen weil der Sünder doch keine Schuld daran hat, daß er seiner Natur folgen muß. Tut Gott das aber dennoch, so ist er nicht gerecht. Das ist meine Meinung in diesem Punkte.«

Pastor Wöhlers redete hin und redete her, es half alles nichts, Bennewies blieb bei seiner Meinung, und schließlich sagte er: »Tja, Herr Pastor, dennso will ich da nichts mehr von wissen. Nichts vor ungut.« Damit ging er fort und ließ sich nicht wieder in der Kirche sehen.

Viele Jahre hat er auf der Mühle gearbeitet, teils im Betriebe selbst, teils auf dem Lande oder im Holze, auch die Jagd und die Fischerei für den Müller ausgeübt und Fuhren für ihn gemacht. Kassen hielt ihn wert; denn Jakob arbeitete für drei Männer, und wenn er keine bestimmte Arbeit hatte, so sägte er Holz, haute Plaggen, reinigte die Obstbäume, oder sah zu, wo es in Haus und Hof etwas neu zu machen oder auszubessern gab. Mit einem Male verunzürnte er sich mit dem Müller. Was zwischen ihnen vorgefallen war, darüber wurde man weiter nichts gewahr, als daß Bennewies von dem Müller sagte: »De olle Grobsack wull' meck kommandeeren,« und Kassen von Jakob: »De olle Dickkopp wull' nich pareeren.« Er verschwand dann völlig aus dem Dorfe und kam erst nach zwei Jahren mit neuem Zeug, guten Ersparnissen und einem großen Käfig mit einen Kakadu wieder; denn er war von jeher ein Vogelnarr gewesen. Wenn die Leute ihn fragten, wo er gewesen war, so zeigte er mit der Hand nach dem Bruche hin und sagte: »Da so 'rum 'n büschen in der Welt, Hamburg, Hannover und Berlin auch mal.« Mehr sagte er nicht.

Eine Weile arbeitete er bald hier, bald da, und schließlich kam er mit Kassen wieder überein, und seitdem war er meist auf der Mühle. Nebenbei stopfte er Vögel aus und spielte auch zum Tanz auf; denn er versteht sich auf die Ziehharmonika und die Trompete und wird auch ganz gut mit der Fiedel fertig. Wenn aber die Zeit der Treibjagden kommt, ist er für keine Arbeit zu haben; weil er ein sicherer Schütze und guter Gesellschafter ist, wird er nicht nur von den Bauern, sondern auch von den städtischen Jagdpächtern und mitunter sogar von dem Oberförster und dem Lohörster Baron eingeladen; denn wo Jakob ist, geht es immer lustig zu.

Eine ganze Menge von Schnäcken weiß man von ihm. Als ihn zu der Zeit, wie Pastor Wöhlers wegen seiner Lungenentzündung lag, der Stellvertreter besuchte, weil er gehört hatte, daß Bennewies nicht mehr in die Kirche gehe, und, da er in seiner Stube wohl allerlei Finken, Zeisige und Stieglitze, dazu Rehgehörne und ausgestopfte Tiere, aber keine Bibel vorfand, ihn fragte: »Eine Bibel haben Sie wohl nicht, Bennewies?«, soll dieser ganz trocken gesagt haben: »Haben Sie denn 'ne Trompete, Herr Pastor?« Der Kirchwirt in Krusenhagen fragte ihm eines Tages: »Du, Jakob, vom letzten Danzefeste hast du noch sieben Glas Bier stehen.« Bennewies antwortete ganz großartig: »Die gieß man weg, Ludolf; die sind wieldes doch sauer geworden.« Alles lachte, und der Wirt wischte die sieben Kreidestriche weg und sagte: »Ein guter Schnack ist sieben Seidel wert.« Auf einer Treibjagd in Lohorst stellte sich ein Schütze ihm in aller Form mit den Worten vor: »Staats von Münchhausen;« denn Jakob zog sich zu solchen Jagden beinahe herrschaftlich an. »Sehr erfreut!« sagte er; »Bennewies von Ohlenhof«. Es gab ein mächtiges Hallo darüber, und der junge Freiherr setzte sich beim Schüsseltreiben neben ihn und biederte sich gewaltig mit ihm an.

Im allgemeinen war Jakob sehr solide und ging nur ganz selten in den Krug, aber er fehlte bei keinem Erntebier und tanzte trotz seiner fünfundfünfzig Jahre wie ein Soldat. Er rechnete sich überhaupt immer zur Jungmannschaft und saß bei Danzefesten immer bei den Junggesellen, und dann kam es ihm nicht darauf an, einen Taler nach dem andern auszugeben. Wenn er ein bißchen viel getrunken hatte, wurde er leicht etwas krakehlsch und prahlte mit seinen Kräften. Bei einer solchen Gelegenheit hatte er einmal drei Koppelknechte, Kerle wie Bäume, beim Ringen einen nach dem andern so gegen den Boden geworfen, daß sie von da ab ganz still in ihrer Ecke blieben. Sonst war er aber die Güte selbst, und bei den Kindern war Onkel Jakob ebenso beliebt wie Doris Amhorst; denn gerade wie die hatte auch er immer ein paar Äpfel oder eine Grabse Nüsse für das kleine Volk in der Tasche, oder er baute ihnen Wassermühlen und schnitzte ihnen Schiffchen.

Sein Schicksal ist dem von Doris in gewisser Weise ähnlich, nur daß er weiß, wo sein Sohn ist, während Doris keine Ahnung hat, wo ihr Mann und ihr Junge geblieben sind. Denn Bennewies hat sich von seinem Sohne losgesagt, weil er nicht ganz und gar so wollte, wie er es von ihm verlangte. Der Junge lernte Schmied in Krusenhagen, und da er anfangs ein bißchen leicht war, verlangte sein Vater, daß er ihm den ganzen Lohn geben solle, damit er ihm das Geld auf die Sparkasse brächte. Das wollte Heini nicht, es gab Krach, und da wies der Vater ihm die Tür und schrie: »Dennso geh' hin! Ich sage mich von dir los für immer und ewig.«

Das ist schon lange her. Heinrich Bennewies hat es zu etwas gebracht; er hat im Braunschweigischen in eine Schmiede geheiratet, hat eine tüchtige Frau und viel zu tun. Zweimal hat er seinen Vater aufgesucht, um sich mit ihm zu vertragen, aber der nahm Gewehr und Jagdholster, ging fort und kam erst nach drei Tagen wieder, als er hörte, daß sein Sohn abgereist wäre. Seine Schwiegertochter kam mit den beiden ältesten Kindern, um zu versuchen, den Schwiegervater umzustimmen; er machte es mit ihr ebenso wie mit ihrem Manne. Kassen, der Diesbur, Pastor Wöhlers und viele andere redeten sich den Mund fusselig, um Jakob zur Vernunft zu bringen. Es half nicht. »Ich habe mich für immer und ewig von ihm losgesagt,« antwortete er; »ein Mann, ein Wort, und dabei bleibt es.«

Jetzt ist er krank; er hat sich beim Passen auf Sauen etwas an die Brust geholt und wird es wohl nicht mehr lange machen. Seit drei Wochen hat er keinen Schritt mehr vor die Schwelle gesetzt. Er ist ganz weiß und klein geworden, hat einen kurzen Atem und kann kaum mehr vom Stuhl bis zum Tisch kommen. Anna Kassen, sein Verzug, besucht ihn einen Tag um den andern und bringt ihm Suppe und Wein. Sie hat den Versuch gemacht, ihn mit seinem Sohne zusammenzubringen. »Es hat keinen Zweck,« sagte sie im Pfarrhause, »daß Sie hingehen, Frau Pastorin; es ist nichts mit ihm zu machen. Ich habe ihm in Güte und auch anders zugeredet. Er schüttelt man bloß immer den Kopf. Ich kenne ihn von kleinauf an. Was der nicht will, da bringen ihn keine zehn Pferde zu.«

Jakob Bennewies wird einsam sterben, weil er an seinem Worte festhält, das er im jähen Zorn sprach.

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