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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
projectidcf0baf9e
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Die Erbfeinde

Außerhalb des Dorfes wohnen die sieben Brinksitzer, die neuen Ansiedler, die nicht zu der Interessentengemeinde gehören, sondern sich als Erbzinsbauern auf dem Gemeindelande zwischen der alten Feldmark und der Marsch niedergelassen haben, ihre kleinen Äcker bebauen und auf die großen Höfe zur Arbeit gehen.

Es sind alles gutgestellte, ordentliche Leute, die langsam, aber sicher in die Höhe kommen. Das sieht man gleich an den sauber gehaltenen Häusern, an den gut gepflegten Blumengärten vor den Türen, an dem Kletterobst, das die Wände bedeckt, und an so mancher Kleinigkeit, die über des Lebens Notdurft hinausgeht. Der Brinksitzer, der am nächsten nach dem Dorfe zu wohnt und mithin die älteste Neusiedelung hat, heißt Kohrs, wird aber zum Unterschiede von seinem Nachbar, der ebenfalls Cohrs heißt, sich aber mit einem C und nicht mit einem K schreibt, Ohlenkohrs genannt, während sein Nachbar Lüttgencohrs genannt wird.

Zwischen den beiden Familien besteht ein alter Haß, wie man das sofort erkennt, kommt man an den Häusern vorbei. Auf demjenigen Fensterladen an dem Ohlenkohrsschen Hause, der dem Nachbarhause zugewandt ist, steht der dreiundzwanzigste Vers des vierundneunzigsten Psalmes angeschrieben, und auf dem gegenüberliegenden der vierundzwanzigste Vers des fünfundfünfzigsten Psalmes.

Wenn Ohlenkohrs in den Krug kommt, trinkt Lüttgencohrs seinen Schnaps aus und geht fort, und sitzt Ohlenkohrs beim Krüger und Lüttgencohrs kommt, so macht Ohlenkohrs, daß er weiterkommt. Wenn sie sich im Dorfe begegnen, so sehen sie aneinander vorbei, ohne sich die Tageszeit zu bieten, und ihre Frauen und Kinder machen es ebenso.

Ohlenkohrs ist für Lüttgencohrs Luft, und Lüttgencohrs ist für Ohlenkohrs nicht da; Frau Ohlenkohrs tut so, als ob es eine Frau Lüttgencohrs nicht gäbe, und diese hält es mit ihr genau so, und obgleich Ohlenkohrs Sophie und Lüttgencohrs Marie Haus bei Haus aufgewachsen sind, und obwohl sie im Alter und auch sonst vorzüglich zueinander passen, nie haben sie zusammen gespielt, niemals miteinander gesprochen, wenn sie auch die ganze Schulzeit zusammen abmachten, und Ohlenkohrs' Heini würde lieber mit einem Kiepenflickerkind tanzen als mit Lüttgencohrs' Marie.

So weit geht der Haß, daß, als vor zwei Jahren in Lüttgencohrs' Stall Feuer auskam, als keiner zu Hause war, und Ohlekohrs' Mutter es sah, sie nicht »Feurio!« rief; und wenn nicht der Viehhändler Meyerstein, der gerade vorbeifuhr, den Brand bemerkt und Hilfe geholt hätte, so wäre das ganze Anwesen in Asche gefallen. Dafür hielt es aber auch Ohlenkohrs' Altmutter, als die im Garten zu Falle kam und sich das Bein brach, für unter ihrer Würde, Frau Lüttgencohrs, die nebenan im Hofe auf und ab ging, um Beistand zu bitten, und trotz ihrer großen Schmerzen blieb sie drei Stunden zwischen den Kartoffeln liegen, bis ihre Tochter sie fand. Dafür mußte sie dann auch an dem Bruche sterben.

»Für ihre Unvernunft,« sagte der Doktor; »wegen ihrer Unchristlichkeit,« meinte der Pastor, der sich alle Mühe gegeben hatte, die Nachbarn zu bewegen, die beiden Psalmsprüche auf den Fensterläden zu beseitigen. Er hatte sich den Hals trocken geredet und Milde und Härte gebraucht, aber weder das eine noch das andere half ihm; heute noch stehen auf dem grünen Fensterladen am Ohlenkohrsschen Hause in weißer Ölfarbe die bösen Worte, und ihnen gegenüber sind schwarz auf braunem Grunde und doppelt so groß die anderen sichtbar. Irgendwer, und man nimmt an, der dritte Brinksitzer Neumann, ein Mann, der zu der Gemeinde der Kinder Gottes gehört und mehrfach geäußert hatte, daß die Sprüche auf den Fensterläden eine Sünde wider den heiligen Geist seien, hat nächtlicherweile die Inschriften abgekratzt, aber sowohl Kohrs wie Cohrs frischte sie sofort wieder auf, und so hat man sich an sie gewöhnt und nimmt sie hin wie des Diesbauern Grobheit und Rischmöllerfiekens Rumflasche.

Sie stehen ja auch schon über fünfzig Jahre da; denn der Haß der beiden Nachbarn ist nicht von heute und nicht von gestern, sondern er ist von den Großeltern überkommen, und auch diese brachten ihn als Erbgut von ihren Eltern mit, und gerade deshalb hört er nicht auf; denn je älter ein Käse und je länger ein Haß ist, um so stinkender werden beide. Deshalb nimmt der Haß zwischen den beiden Nachbarn auch nicht ab, wenn er sich auch nur noch darin zeigt, daß die Kohrs und die Cohrs sich nicht kennen und sich aus dem Wege gehen, wo es eben geht, und auf den Fensterläden die beiden Sprüche aus dem vierundneunzigsten und fünfundfünfzigsten Psalme zu sehen sind. Ganz schrecklich sieht sich das an, und wer sie das erstemal liest, der meint, Mord und Totschlag sei hier vorgefallen.

Es ist aber weder Mord noch Totschlag zwischen den beiden Häusern vorgefallen und seitdem sich Kohrs' Heini und Cohrs' Ludchen auf dem Wege vom Konfirmandenunterrichte gehörig verwackelten, hat es kein böses Wort, geschweige denn einen Schlag zwischen einem Kohrs und einem Cohrs gegeben. Als hüben und drüben die alten Leute, die jetzt schon tot sind, das Leit in der Hand hatten, waren die beiden ältesten Brinksitzer ein Ärgernis für die ganze Siedelung; denn immer und ewig gab es Zank und Streit dort, und die Widerworte flogen nur so über die Zäune. Verirrte sich die Kohrssche Katze in den Cohrsschen Garten, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sie kreuzlahm wieder zurückkam; denn sofort flog ihr ein Stück Brennholz gegen den Leib. Anderseits, wenn die Cohrsschen Hühner überflogen, so scheuchten Kohrs sie nicht zurück, sondern schmissen mit dem ersten besten Werkzeug danach, das sie zur Hand hatten, und als dabei einst die beste Cohrssche Legehenne um ihr Leben kam, lag am anderen Tage Kohrs' schönste Katze, die dreifarbige, tot auf der Straße, und nun gab es erst eine lange Schimpferei, und schließlich gab Cohrs, der ein sehr heftiger Mann war, dem Kohrs eins gegen die Backe, daß dem ein Zahn in den Mund flog, und dafür bekam Cohrs acht Tage Haft.

Das verdroß ihn so sehr, daß es nun zum vollen Kriege kam. Sobald bei Kohrs niemand zu Hause gewesen war, lagen nachher die grünen Äpfel, Birnen und Pflaumen abgeschüttelt im Grase, oder ein paar Fensterscheiben waren eingeworfen, oder ein Huhn war abgängig und kam nicht wieder zum Vorschein, oder eins von den Kohrsschen Kindern bekam hinterrücks einen Stein an den Kopf, ohne sagen zu können, von wem. Kohrs, ein stiller und ruhiger Mann, war wehrlos gegen solche Niedertracht. Als er dem Vorsteher sein Leid klagte, hob er die Schultern auf und meinte: »Beweise hast du keine; also können wir nichts machen.« Da wurde eines Nachts bei Cohrs ein alter Bienenkorb auf das Dach gesetzt und unter das Fenster von Cohrs' Lieschen, die das hübscheste und ordentlichste Mädchen im Dorfe war, Häcksel gestreut, und am nächsten Tage gingen die Bauern abends mit ihren langen Stöcken hintenherum in den Krug. Von diesem Augenblick an merkte Lüttgencohrs, daß er sich vorsehen müsse. Beim Erntebier hatte keiner von den Jungens mit seinem Lieschen getanzt. Niemand bot ihm oder seiner Frau zuerst die Tageszeit, und wen sie grüßten, der dankte ihnen nur so, als gelte es einem Zigeuner. Vier Wochen bezähmten die Cohrs ihre Bosheit, aber als Cohrs Junge das kleinste Mädchen vom Nachbarhause in den Dreck stieß und deren Mutter ihm dafür eins überzog, stürzte Frau Cohrs aus dem Hause und machte eine solche Schande, daß alle anderen Brinksitzer aus ihren Türen kamen und wie aus einem Munde schrien: »Das ist ja noch schlimmer als wie bei Katzen und Hunden in einem Stall.« Aber als Frau Cohrs den anderen Frauen erzählen wollte, daß Frau Kohrs ihren Fritz geschlagen habe, drehten sie sich alle um und gingen in ihre Häuser zurück.

In der Nacht desselben Tages fuhren alle Lüttgencohrs wie unklug aus den Betten; denn ein halbes Dutzend Fäuste schlugen gegen die Fensterläden der Schlafdönze, an die dreißig Stimmen brüllten, und mehrere Hörner tuteten, und es war ein gewaltiges Klingeln und Klappern und Wetzen draußen.

»Himmlischer Vater!« schrie Cohrsmutter und fing an zu weinen, »sie streichen bei uns.« Sie wollte ihren Unterrock anziehen, aber das Schlagen und Klappern und Wetzen wurde noch viel schlimmer, und immer gefährlicher hörte es sich an, wie draußen gebrüllt wurde: »Herut, herut, Lüttgencohrs herut, Corhsmutter herut, alle miteinander herut! Herut, herut, herut!« Und da ging auch schon das schreckliche Gesinge los, das sie noch keinmal gehört, von dem ihr aber ihre Altmutter erzählt hatte: »Wir wollen, wir wollen der Gaffelzange, der ollen, der woll'n wir es lehren, die woll'n wir bekehren,« und dreißig Sensen wurden gestrichen, daß es fürchterlich anzuhören war.

Was sollten Lüttgencohrs machen? So wie sie aus ihren Betten kamen, barfuß und im Hemde, alle miteinander, groß und klein, mußten sie vor die Tür treten, sich in einer Reihe aufstellen, die Köpfe auf die Brust halten und die Hände falten, und dann kam aus den fünfzig und noch mehr Gestalten, deren Sensen im hellen Mondlicht blitzten, eine hervor, die sich das Gesicht mit Ruß schwarz gemacht hatte, und las ihnen vor allem Volke, denn die übrigen Brinksitzer kamen nach und nach aus ihren Häusern, einen langen Reimspruch vor, in dem ihnen ihre Untaten vorgehalten und mehr als deutlich die Leviten gelesen wurden, und am Schluß hieß es: »Somit befehlen wir Euch, sowohl jung wie alt, daß Ihr hinfüro Frieden halt'. Verharrt Ihr aber in Euren Sünden, so werden wir Euch das Maul verbinden, Euch das Schandemachen wehren und Euch vor das Dorf hinauskehren!« Dann ging das Streichen, Trommeln und Tuten noch einmal los, eine hell Stimme schrie: »Is aus, is aus, zuhaus', zuhaus'! Und wer sich umme dreht, dem es leege geht!« und sobald die Leute die Türen hinter sich zuschlugen, war alles stille.

Seit diesem Strafgerichte hielten die Cohrs Frieden. Wenn es einmal vorkam, daß die Kinder aus dem einen und dem anderen Hause etwas miteinander hatten, so mischten sich die Eltern nicht hinein oder straften höchstens ihre eigenen Kinder ab. Der alte Haß aber ist geblieben, wenn er sich auch weder in Worten noch in Taten, ja nicht einmal in Mienen und Blicken mehr zeigt. Aber wenn man Kohrs fragen würde, woher die alte Feindschaft zwischen ihm und Cohrs eigentlich stammte, er könnte es nicht sagen, und Cohrs noch weniger. Kohrs glaubt, sich zu erinnern, daß sein Vater ihm einmal erzählt habe, er sei, als er diente, von einem Cohrs, der damals Gefreiter war, ungerecht behandelt; aber das kann die Grundursache zu dem Hasse nicht sein, weil der schon aus dem vorvorletzten Geschlechte stammt. Es ist jetzt auch so recht niemand mehr im Dorfe, der es weiß, warum die Kohrs und die Cohrs Erbfeinde sind, seitdem Ohm Jürn, der Schnuckenschäfer vom Dieshofe, tot ist, und der Altvater vom Dieshofe desgleichen. Es ist ja möglich, daß sein Großsohn, der Diesbauer, noch von der Geschichte weiß; denn wenn er bei den beiden Brinksitzern vorbeigeht, sieht es sich beinahe so an, als müsse er sich das Lachen verbeißen.

Denn eigentlich ist es zu dumm, warum die Kohrs und die Cohrs sich nicht besehen können. Der erste Kohrs hatte es übel genommen, daß der zweite Brinksitzer ebenfalls Cohrs hieß, wenn er sich auch mit einem C schrieb, und er hatte ihn zum Spaß einmal Zohrs genannt, und Cohrs, der einen scharfen Mund hatte, hatte ihn darauf Kakohrs genannt, und das hatte Kohrs mächtig gewurmt. Nun hatte Cohrs eine Frau, die ein gefährlich schnelles Maulwerk hatte, das sie mehr als nötig gebrauchte, und dann hörte sich das so an, als ob ein Hund belle, und deshalb hatte Frau Kohrs sie Karo getauft. Die Cohrsche war, als sie das hörte, rein außer sich geraten und hatte der Kohrsschen, die etwas sehr dick war und etwas watschelte, den Ekelnamen olle Goos angehängt. Alles das geschah aber nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern hinten herum, und war auch nicht so böse gemeint.

Als aber eines Tages die Cohrssche wieder am Keifen war, schrie Kohrs' Emil, obgleich Cohrs' Otto das hören konnte, ganz laut seiner Schwester zu: »Karo ist all wieder am Bellen,« wofür Otto ihm einen Stockhieb auf die Nase gab, daß diese gehörig blutete und noch acht Tage lang blau und grün war, und dafür drosch seine Mutter Cohrs' Otto gehörig durch, und als die Cohrssche dazu kam, gab es ein großes Geschimpfe zwischen den beiden Frauen. Als Frau Kohrs am anderen Morgen aus dem Fenster sah, war ihr schöner Syringenbusch abgeschitten, und an seiner Stelle stak ein Stock in der Erde, der ein Stück Pappe trug, und was darauf gekritzelt war, das brachte die dicke Kohrssche so in Feuer, daß es ein großes Hallo gab, aus dem es dann zu einer Feindschaft für immer und ewig kam.

Denn auf jenem Pappzettel standen die Worte: »Süh, du olle Goos, dienen Zühränenbusch büstu loß!!!!«

Wenn nun auch die Nachkommen der Kohrs wie der Cohrs das vergessen haben, darum steht immer noch an dem einen Hause zu lesen: »Und Er wird sie um ihre Boshaftigkeit austilgen; der HERR unser GOTT wird sie austilgen,« und an dem Cohrsschen Fenster steht geschrieben: »GOTT, Du wirst sie hinunterstoßen in die tiefe Grube. Die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben nicht auf die Hälfte bringen.«

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