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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Der rote Hinnerk

Im letzten Hause des neuen Dorfes, noch hinter den Brinksitzern am Wittenberg, wohnen der Schuhmacher Erwin Matthies und der Arbeiter Heinrich Rothe. Beide sind Witwer, denen die Witwe Goos, der das Haus zu eigen ist, die Wirtschaft führt. Matthies hat seine Frau auf gewöhnliche Weise verloren; sie stand nach der ersten Niederkunft zu früh auf, erkältete sich und starb. Mit Rothes Frau war es anders.

Er hatte eine harte Jugend gehabt, der jüngste Sohn des Arbeiters Rothe. Der Vater vertrank fast jede Woche seinen ganzen Lohn, so daß seine Frau nicht ein und nicht aus wußte. Als sie freite, war sie ein hübsches Mädchen; nach fünf Jahren sah sie wie eine Vogelscheuche aus, und die Kinder hatten nichts auf den Leib zu ziehen.

Schließlich, als der Mann sie Sonnabend für Sonnabend schlug, lief sie ihm fort, ging nach Celle in Dienst, klagte auf Scheidung und heiratete bald wieder. Die Kinder, die Rothe erhalten mußte, wurden bei kleinen Leuten in Krusenhagen ausgetan, wo sie es nicht gut hatten, zumal als ihr Vater eines Wintertags totgefroren neben der Straße aufgefunden wurde.

Minna Rothe, die ein sehr hübsches Mädchen war, wurde es schließlich zu dumm. Sie lief aus dem Dienst, war erst in Hannover, dann in Hamburg auf der Straße und verscholl darauf ganz. Ihrem Bruder wäre es wohl ähnlich ergangen, wenn der Diesbur sich nicht um ihn bekümmert hätte. Er nahm ihn als Kleinknecht an, hielt ihn gut und konnte wohl mit ihm zufrieden sein; denn Heinrich war fleißig und ging jeder Wirtschaft aus dem Wege. Um seine Mutter kümmerte er sich nicht; denn er vergab es ihr nicht, daß sie wieder gefreit und lange Jahre nicht nach ihm und seiner Schwester gefragt hatte, so daß diese auf die Rutschbahn gekommen war.

Er diente mit Auszeichnung bei den Dragonern in Lüneburg und sollte kapitulieren, wollte aber nicht; denn er war mit Leib und Seele Wiesenarbeiter und Imker. Als ihm von einem Halbbruder seines Vaters, der nach Amerika ausgewandert war, eine kleine Erbschaft zufiel, baute er sich das kleine Haus, das nun der Witwe Goos zugehört, und nahm sich Anna Voges aus Krusenhagen, ein ansehnliches Mädchen, zur Frau. Als der Diesbur die Braut zum ersten Male sah, blickte er sie mit kalten Augen an und sagte nachher zu seiner Frau: »Hinnerk hat sich vergriffen; wenn das man gut geht. Das Mädchen hat unbeständige Augen.«

Es schien aber, als sollte er nicht recht behalten. Zwar stand die junge Frau zu viel auf der Straße und klatschte, und wo es Tanz gab, mußte ihr Mann mit ihr hin. Als dann aber ein kleiner Junge ankam, hielt sie sich mehr im Hause, wenn sie auch jedesmal, mußte sie zum Kaufmann, mehr Zeit dazu brauchte, als just nötig war. Ihr Mann kannte aber weiter nichts als die Arbeit und den Jungen. Er verdiente gut, zumal er neben seiner Arbeit noch für den Jagdpächter Aufseherdienste verrichtete; denn da er den ganzen Tag draußen war, war es ihm ein leichtes, den Stand der Rehböcke und die Hirschwechsel auszumachen und die Schirme für die Balz zu bauen, auch dafür zu sorgen, daß die Celler Mascher aus der Ohlenhofer Jagd wegblieben.

Als der Jagdpächter, ein Hauptmann aus Celle versetzt wurde, übernahmen mehrere Herren aus Hannover die Jagd und pachteten noch Krusenhagen und Moorhop dazu, sagten Rothe auf und stellten einen bebroteten Jagdhüter an. Er hieß Rudow, hatte bei den Ratzeburger Jägern gedient, war ein bildhübscher Mann, konnte reden wie ein Buch, trug sich wie ein Graf und machte alle Mädchen weit und breit verrückt. Rothe mißte die dreißig Taler, die er für die Jagdaufsicht bekommen hatte, und die Schußgelder sehr ungern, und wenn er auch nur Raubzeug hatte schießen dürfen, so kam er sich ein bißchen minne vor, daß er nun nicht mehr mit dem Gewehr gehen durfte. Zudem hatte Rudow, der Angst um seine Stellung hatte, weil er über den Mädchen mehr als einmal seinen Dienst verbummelte, sich bald nicht gut zu ihm gestellt und hie und da Witze über ihn gemacht, ihm auch den Ekelnamen Roter Hinnerk angehängt, und als er beim Erntebier einen Kleinen sitzen hatte und gegen Rothes Frau etwas zu freundlich war, gab es Krach, wobei Rothe, der nicht so behende wie er war, das meiste abkriegte. Vier Wochen später wurde Rudow im Högenbusche totgeschossen aufgefunden. »Das hat kein anderer als Rothe getan,« hieß es allgemein, zumal dieser an dem Tage, wo der Mord geschehen war, vor dem Högenbusche gearbeitet hatte, auch gemunkelt wurde, der Jagdaufseher und Frau Rothe hätten miteinander etwas vorgehabt. Rothe wurde eingezogen, kam vor die Geschworenen, und da niemand anders in Frage kam, auch alles gegen ihn sprach, so wurde er trotz seines Ableugnens zu lebenlänglichem Zuchthause verurteilt; denn Rudow war von hinten erschossen worden. Der einzige, der entschieden für ihn auftrat, war der Diesbur; denn er sagte aus: »Ich habe Rothe zwar um die Zeit, als der Schuß gefallen ist, von dem Högenbusche herkommen sehen, will aber meine Hand dafür ins Feuer legen, daß er die Untat nicht begangen hat; denn dafür kenne ich ihn zu gut.« Und als Rothe abgeführt wurde, rief er ihm zu: »Kopf hoch, Heinrich; deine Unschuld wird sich schon bald ausweisen.«

Rothe hatte nichts gesagt, als das »Schuldig!« gesprochen wurde, und als er nach Verkündigung des Urteils gefragt wurde, ob er noch etwas zu bemerken habe, hatte er dem Vorsitzenden mitten in die Augen gesehen und mit fester Stimme gesprochen: »Ich habe es nicht getan.« Im Zuchthause hielt er sich so, daß er sowohl bei dem Direktor wie bei den Aufsehern auf das beste angeschrieben war. An dem Tage aber, als ihm mitgeteilt wurde, seine Frau habe Scheidung beantragt, bildete sich eine böse Falte auf seiner Stirn, und sein Gesicht wurde von da ab wie Stein. Als er drei Jahre gesessen hatte, bekam er die Nachricht, seine Frau habe von neuem gefreit. Er erwiderte darauf nichts. Ein Jahr später kam die Meldung, der Junge sei gestorben. In seinem Gesicht verzog sich keine Miene. Am anderen Tage aber hatte er schwarze Ringe um die Augen. Als er fünf Jahre hinter sich hatte, kam er frei. In Wöbesse lebte ein Arbeiter Kiel, der als Freischütz bekannt war. Der hatte sich den Fuß durchgelaufen, den kalten Brand bekommen und vor seinem Tode mit der Hand auf der Bibel ausgesagt, daß er und kein anderer damals den Jagdhüter totgeschossen habe. Rothe sagte kein Wort, als ihm das mitgeteilt wurde, und der Diesbur, der ihn abholte, und der doch selbst ein Mann aus Eisen und Stein war, sagte nachher zu seiner Frau: »Heute würde ich für den Mann nicht mehr die Hand in das Feuer legen, wenn einer, mit dem er was vorhatte, tot im Busche gefunden würde.«

Sobald Rothe verurteilt war, hatte er sein Anwesen seiner Frau verschreiben lassen. Deren zweiter Mann, ein Lüderjahn, hatte es bald durch die Gurgel gejagt, und Goos hatte es erstanden, als es zum freihändigen Verkaufe kam. So besaß Rothe weiter nichts mehr, als das bißchen Geld, das er sich im Zuchthause gespart hatte. Seine ehemalige Frau, die in Moorhop auf Arbeit ging, suchte ihn auf und bat ihn flehentlich um Verzeihung. Er sprach kein Wort, drehte ihr den Rücken und ließ sie stehen. Er tat seine Arbeit, paßte scharf auf die Wilddiebe auf, kümmerte sich aber sonst um keinen Menschen, als um die Leute auf dem Dieshofe, die Witwe Goos, die sich seines Jungen immer angenommen hatte, und verkehrte eigentlich im Dorfe nur mit Matthies, der mit ihm in einem Hause wohnte. Als er entlassen wurde, waren ihm alle Leute freundlich entgegengekommen. Von keinem hatte er die Hand angenommen. Mit der Zeit hat er seinen Groll gegen das Dorf etwas fahren lassen, hält sich aber immer abseits.

So steht Heinrich Rothe allein da, wie im Herbst auf der Wiese der rote Hinnerk.

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