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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
projectidcf0baf9e
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Das Forsthaus

Dem großen Fachwerkhause mit den grünen Läden, das der Mühle gegenüber an der Straße nach Lohorst zwischen den knorrigen Eichen und schlanken Fichten und Birken liegt, merkt man es bald an, daß es das Forsthaus vorstellte; denn es hat am Giebel ein vor Alter grün angelaufenes Hirschgeweih, auch hält bald ein Schweißhund, ein Brauntiger oder ein Teckel vor der Pforte Wache.

Sehr oft sieht man in dem sauber gehaltenen Blumengarten vor dem Hause einen hochgewachsenen Mann in grüner Försterjoppe mit der Rasenschere oder der Baumsäge herumarbeiten, der trotz seines silbernen Bartes ein rosiges Gesicht hat, aus dem die blauen Augen gütig, aber doch ein wenig traurig blicken. Das ist der Hegemeister Oberheide, der Schwiegervater des Revierförsters Reichart, bei dem er seine Tage beschließt, und der ein Menschenalter als Förster in diesem Hause gelebt hat. Der jetzige Förster ist ein tüchtiger Beamter, der seine Pflicht in vollem Maße tut, zu seinem Dienstacker noch Land hinzugepachtet hat, und durch die Schweine- und Geflügelzucht, die seine fleißige Frau betreibt, und die jungen Mädchen, die bei ihr den Haushalt lernen, so viel Geld verdient, daß er sich doppelt und dreifach so gut steht, wie die meisten seinesgleichen. An seinen Schwiegervater aber kann er nicht heranreichen.

Reichart hat die Achtung aller Leute im Dorfe, sowohl die der großen Bauern, weil er so gut zu wirtschaften versteht, als auch die der Forstarbeiter, denen er ein gerechter Vorgesetzter ist; der alte Oberheide aber hat nicht nur die Achtung bei groß und gering; er ist allerseits beliebt. Das merkt man an der Art und Weise, wie die Leute den einen und den anderen grüßen, und wie sie von beiden sprechen. Der eine heißt der Förster und der andere schlichtweg Oberheide; der eine ist Beamter und wird es sein, und wenn er noch so lange auf seinem Posten bleibt; der andere gehört zum Dorfe, als wäre er ortsgebürtig.

Er hatte es nicht leicht gehabt, sich seine Stellung in Ohlenhof zu machen; denn die Ohlenhöfer waren damals ausnahmslos welfisch gesinnt und der neue Förster war ihnen von vornherein als preußischer Beamter um so verhaßter, da sein Vorgänger, der aus dem Osten stammte, es durchaus nicht verstanden hatte, sich nur ein wenig beliebt zu machen. Als Oberheide seinen Dienst antrat, stieß er allgemein auf kalte Mienen und mürrische Gesichter. Er tat so, als bemerke er das nicht, und ging seinen Weg, ohne nach rechts und links zu sehen. Über winzige Verstöße gegen die Forstpolizeiordnung beim Holz- und Beerensammeln sah er hinweg, schlug im Verkehr mit den Forstarbeitern einen freundlichen Ton an, nahm an den Gemeindeangelegenheiten gebührend teil, ohne sich hervorzudrängen, und brachte es in einigen Jahren so weit, daß ihm von keiner Seite mehr etwas in den Weg gelegt wurde. Als er sich dann eine hübsche Frau aus Krusenhagen nahm, die Tochter des dortigen Revierförsters Bielmann, kam er noch mehr an die Leute von Ohlenhof heran, ganz besonders dadurch, daß seine Frau, als die Diphtheritis das Dorf heimsuchte, freiwillig überall Krankenpflege tat, wo es nötig war. Am meisten aber half es ihm in seiner Stellung, daß er bei dem Brande des Häuslingshauses auf dem Lütkensweershofe den Altvater mit Lebensgefahr aus dem brennenden Hause geholt hatte, wobei er sich beide Hände verbrannte und zeitlebens das feuerrote Mal über dem linken Auge behielt, das ihn in den Augen der Bauern mindestens ebenso gut kleidete, wie die Rettungsmedaille, die er neben dem eisernen Kreuze und den übrigen Kriegsauszeichnungen tragen darf.

Schließlich brachte er etwas fertig, wodurch Ohlenhof mächtig voran kam. Denn als an die Stelle des alten und müden Titularforstmeisters ein neuer und forscher Oberförster trat, wußte Förster Oberheide ihm es klar zu machen, daß eine Menge Ödland in der Heide und im Bruche, das dem Staate gehörte, sich leicht aufforsten ließe, wenn genügend Arbeitskräfte, an denen es fehlte, da wären; denn er hatte hier und da auf den verschiedenen Böden kleine Aufforstungsversuche auf eigene Kosten gemacht. Dem Oberförster leuchtete das ein; eine Kommission kam, es wurden erst zwei, dann fünf und schließlich zwölf Arbeiterfamilien auf Regierungsland hinter dem Dorfe angesiedelt, und so entstand die Waldarbeiterkolonie Neu-Ohlenhof, die jetzt über zwanzig Familien zählt. Diese Neusiedlung brachte auch dem alten Dorfe allerlei Vorteile; denn gerade in der Zeit, wenn die Bauern am meisten Hilfe brauchen, ist im Forste am wenigsten zu tun, und dann helfen die Neusiedler aus, so daß in Ohlenhof nie Mangel an Arbeitskräften ist, wie anderswo so oft. Nicht zum wenigsten aus diesem Grunde ist das Dorf darum so sehr in die Höhe gekommen.

Als Oberheide früher als die meisten seiner gleichaltrigen Kameraden Hegemeister wurde, hätte er sehr zufrieden mit dem Leben sein können; er hatte es schnell vorwärts in seiner Laufbahn gebracht, hatte dem Staate und dem Dorfe erhebliche Vorteile gebracht, besaß eine gute Frau und wohlgeratene Kinder, genoß das Wohlwollen seiner Vorgesetzten und die Achtung und Zuneigung der Ortseinwohner und aller Menschen, die ihn kannten, erfreute sich der besten Gesundheit, und hatte es bei seinem guten Einkommen, den Nebenverdiensten aus Geflügel- und Schweinezucht, Hundeabführung und Jagd- und Forstschriftstellerei zu einem nicht unbeträchtlichen Vermögen gebracht. Dennoch lag oft auf seiner Stirn eine Wolke, und über seine meist freundlich blickenden Augen zog manchmal ein Schatten, der oft tagelang nicht weichen wollte. Am meisten war das gegen Ende des Brachmondes der Fall, wenn Wald und Feld im schönsten Grün prangten, die Wiesen und Raine blühten und die Vögel sangen. Dann ging er mit gefurchter Stirn hinten zum Forsthause hinaus, vermied die Menschen und nickte knapp und kurz, wenn ihm in seinem Belaufe jemand in den Weg kam. Denn im Juni hatte es sich begeben, am neunundzwanzigsten Juni achtzehnhundertvierundsechzig, was ihm zeitlebens die Seele bedrückte. Drei Feldzüge hatte er mitgemacht, hatte ein Dutzend Mal im Feuer gestanden, mehr als einen Feind auf den Rasen gelegt; aber den dänischen Hauptmann, dem er bei Alfen durch die Brust schoß, den konnte er nicht vergessen, und immer sah er den schönen blonden Mann vor sich, den seine Kugel auf die Schanze warf.

Ein über das andere Mal waren die Preußen zurückgeworfen, weil der lange dänische Hauptmann es verstand, seine Leute mit höchstem Mute zu erfüllen. Schließlich wurde Oberheide von seinem Major herangewinkt: »Oberjäger Oberheide, Sie schießen den Mann ab!«, sagte der ihm. Oberheide lief es kalt über den Rücken; er war der sicherste Schütze im Bataillon und wußte, der Däne drüben, der lange tapfere Mann, war so gut wie tot. Während die anderen stürmten, sprang er in Deckung vor, und sobald der feindliche Hauptmann über dem Walle in Sicht kam, schoß er ihn durch das Herz. Sofort nahmen die Preußen die Schanze. Dem Oberjäger Oberheide aber liefen die Tränen über die Backen, als er hinterher bei dem Toten niederkniete, ihm Uhr, Taschentuch, Brieftasche und Börse aus den Taschen nahm, die Ringe abzog, die Knöpfe und Achselstücke abschnitt, auch einige Strähnen von dem blonden Haar, das er dann alles zusammenpackte und durch sein Bataillon an die Witwe des Toten senden ließ.

Darum ist Oberheide zeitlebens ein stiller Mann geblieben, auf dessen Stirn fast stets eine Wolke liegt und über dessen Augen immer ein Schatten steht.

Und das wird wohl so bleiben, bis er seinen letzten Atemzug getan hat.

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