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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Die Mühle

Mitten in den Wiesen, aber von allerlei Bäumen so verdeckt, daß kaum ihr Giebel zu sehen ist, liegt die Mühle.

Der Müller heißt Kassen; seit dreihundert Jahren sitzen die Kassens auf der Mühle. Soweit man zurückdenken kann, haben die Kassens alle einen Ekelnamen gehabt. Der Vater des Müllers hieß Tjawollja; denn meist sagte er nichts andres, als »Tjawollja«.

Sein Sohn, der jetzt die Mühle hat, spricht mehr. Zu Hause spricht er nicht viel, aber in Gesellschaft genug, meist aber lauter halbe Sätze. Deswegen heißt er Quassel.

Den meisten Unsinn redet er, wenn es sich um ein Geschäft handelt; je wichtiger das Geschäft ist, um so mehr Korn und Kaff redet er dann durcheinander. Er redet die Leute krank und elend, und wer ihn zum ersten Male hört, hält ihn für unklug, zumal er hinter jedem halben Satz wie albern lacht, alle Augenblicke eine Prise nimmt und sich eine Weile mächtig schneuzt.

»Gib' mir 'n Schnaps, Schimmelberg,« sagt der Viehhändler Meyerstein und trocknet sich mit seinem roten Taschentuche die Stirn; »ich bin rein alle. Ich hab' Quassel eine Kuh abgekauft. Gott soll mich strafen, wenn ich es wieder tu'. Der Mann redet einem die Stiebel von die Füß' und das Hemd von's Leib. Einen Stuß redet der Mann, nicht zu sagen, und hinterher ist man der Dumme. Gib mir noch 'n Schnaps, Schimmelberg!«

Unterdessen sitzt der Müller vor der Türe, in der Hand die halblange Pfeife. Die Rosen duften, die Nachtigall schlägt im Ellernbusch, die Forellen im Mühlenteiche gehen nach Abendfliegen aus, und Quassel ist zufrieden; er hat den Viehhändler matt und mürbe geredet und die Kuh zu einem guten Preise losgeschlagen.

Er weiß, wie ihn die Leute nennen, aber er lacht darüber. Der eine macht sein Geschäft damit, daß er klug redet, Kassen redet dummes Zeug und kommt dadurch ebenso weit. Wenn der Lohörster Baron den Namen Kassen hört, bekommt er einen roten Kopf und flucht in sich hinein. Als das Dorf und der Baron Bruchland austauschten, ließ sich der Vorsteher krank melden, und der Müller mußte in das Vordertreffen.

»Liebster Tesel,« sagte die Freifrau zu ihrem Manne, »was hat der Mann bloß für einen Heringssalat zusammengeredet. So etwas habe ich mein Lebtag noch nicht gehört. Ich habe ja nur wenig gehört, aber das war ungefähr so, als wenn eine wilde Sau Eichen sucht; hü und hott durcheinander!«

Ihr Mann nickte mit dem Kopfe: »Ja, mein Herze, er hat so viel Kraut und Rüben durcheinander geredet, bis mir selber dumm zumute wurde. Das Schlimme dabei ist nur, daß er sich selber nicht dösig quasselt. Das ist ein Leimsieder. Er weiß ganz genau, warum ich gerade die alte Sauerwiese haben muß, die für ihn gar keinen Zweck hat, aber ich habe sie teuer bezahlen müssen. Überhaupt die Kassens; der Teufel soll sie lotweise holen!«

Das hatte der alte Baron auch schon gesagt; denn die Mühle hatte ehedem zu Lohorst gehört und die Kassens waren nur Erbpächter gewesen. Sie behaupteten zwar, ursprünglich wäre die Mühle ihr Eigentum gewesen, was schon allein daraus zu entnehmen wäre, daß auf dem Torbalken der Mühle nicht das freiherrliche Wappen, sondern die Kassensche Hausmarke eingehauen war, und Tjawollja sagte, sein Vater habe ihm heilig und teuer versichert, die Lohörster Herrschaft habe sich durch Lug und Trug in Besitz der Mühle gesetzt.

Das half ihm aber alles nichts; jedes Jahr am Jakobitage mußte er nach Lohorst und die Pacht abliefern. Zu Fuß mußte er kommen und barhäuptig die Schloßtreppe hinaufgehen; denn so war es in dem Vertrage bestimmt, und wenn auch der Gutsherr ihn auf der Treppe abfing und ihn nötigte, sich zu bedecken, ärgern tat es ihn doch, daß er wie ein höriger Mann ankommen mußte.

Er sagte aber nichts, denn geschrieben ist geschrieben. Er zählte die Pachtsumme in Gold auf den Tisch und den neuen Groschen und den roten Pfennig, wie es in der alten Schrift stand, aber das doppelte Butterbrot und den großen Schnaps, der ihm für den Weg zukam, nahm er nie an, sondern sagte jedesmal nur: »Tjawollja, Herr Baron, aber ich habe schon gefrühstückt, tjawollja.« Wenn der Gutsherr aber nachher am Gutskruge vorbeikam, dann saß Kassen jedesmal vor einem frisch angeschnittenen Schinken vor der Türe und trank mit dem Krüger eine Flasche Rotwein zu zwei Talern.

Der alte Baron war kein besonderer Landwirt und überließ die Landwirtschaft ganz seinem Inspektor, und was der ihm riet, das tat er. Da nun der alte Kassen und der Inspektor gut Freund waren, so kam es, daß der Müller das Wiesenland, das bei der Mühle lag, und das der Herrschaft gehörte, nach und nach aufkaufen konnte. Dann klagte er darüber, daß er, seitdem die Landstraße gebaut wäre, einen so schlechten Zuweg zu der Mühle habe, und daß ihm der Weg das Land zu sehr zerschneide, und schließlich verkaufte ihm der Baron den Weg, und Kassen legte einen neuen Weg an, der durch die Wiesen führte. Und dann starb er.

Er starb an einem eingequetschten Bruche, den er sich beim Schützenaufziehen gehoben hatte. Als er sich legen mußte, weil er schreckliche Schmerzen hatte, mußte sein Sohn heimlich den Arzt holen lassen, und der Alte war sehr unzufrieden darüber; denn er hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Doktor nötig gehabt. Der Doktor kam, untersuchte den Bruch und sagte: »Ja, Kassenvadder, das hilft nun nichts; Ihr müßt in die Stadt nach der Klinik. Ansonsten werdet Ihr nicht wieder gesund.« Der Müller, der sich vor Wehtag im Bette bog, fragte ihn: »Tjawollja, Herr Doktor, aber kann ich hinterher denn noch wieder Arbeit tun?« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Dann bleibe ich, wo ich bin!« sagte der Müller.

Kein Zureden half. Der Pastor kam, der Vorsteher kam, die Baronin kam, aber Kassen schüttelte nur den Kopf und sagte: »Als 'n Krüppel will ich nicht leben; ich müßte mich ja vor mir selber schämen, tjawollja.« Vier Wochen quälte er sich hin und biß einen ganzen Lederriemen, den er sich hatte geben lassen, in Stücke, weil er nicht schreien wollte. Wenn aber die Schmerzen von selber nachließen, oder weil der Arzt ihm Morphium eingespritzt hatte, dann lachte er manchmal hell auf und nickte seinem Sohne zu, und so traurig dem zu Sinne war, er lächelte doch; denn er wußte, warum sein Vater so oft auflachen mußte, und daß er das nicht tat, weil er von Krankheit albern geworden war, wie der Pastor gemeint hatte, als er ihm Trost zusprach und Kassen mitten im Beten loslachte.

Er starb bei hellem Verstande mit dem Lederriemen zwischen seinen langen, gelben Zähnen; als er schon halb hinüber war, sah es aus, als ob er noch lachen wollte, und als er tot war, hatte er ein halbes Lachen um den Mund, so daß es im Dorfe hieß, er würde einen aus der Familie nachholen. Es war aber kein Lachen auf baldiges Wiedersehen, das er um die Lippen hatte, kein seliges Lachen und auch kein tückisches, es war das Grienen, das der Alte an sich hatte, wenn er den Viehhändler angeschmiert hatte Ein Vierteljahr später wußte man im Dorfe, warum er bis über das letzte Gebet gelacht hatte, und alles lachte mit.

Nur der Baron lacht nicht, und noch ein Jahr nachher schimpfte er Mord und Brand, wenn von der Mühle die Rede war, und nannte alles, was Kassen hieß, ausgemachte Halunken und in der Wolle gefärbte Leutebetrüger, bis das dem Müller zu Ohren kam; da mußte der Baron vor Gericht und sich mit ihm vergleichen, was ihn zehn Taler in Gold, einen neuen Groschen und einen roten Pfennig kostete, und nur mit Rücksicht auf seine weißen Haare stand der Müller davon ab, daß der Gutsherr ihm das Geld selber in das Haus bringen mußte. Hinterher lachte der Freiherr zwar über die ganze Geschichte, aber wenn er an der Mühle vorbeifahren mußte, dann drehte er den Kopf nach der andern Seite.

Verdenken konnte man ihm das auch nicht; denn der alte Kassen hatte ihn schön hineingelegt. Als der neue Müller dem Baron die Pachtsumme brachte, kam er ganz gegen den Gebrauch zweispännig vorgefahren, behielt den Hut auf der Treppe auf und zahlte die Pacht nicht in Gold, sondern in Silber, legte auch keinen neuen, sondern einen abgegriffenen Groschen und einen Pfennig hin, der schwarz und schmierig war. Darüber wurde der Freiherr falsch und sagte ihm, von nun an müsse er eine höhere Pacht zahlen; alles sei teurer geworden, und die Mühle bringe das Zehnfache von dem ein, was früher damit verdient wäre.

»Tja, Herr Baron,« sagte Kassen darauf, nahm eine Prise und schneuzte sich ausgiebig: »tja, Herr Baron, das sagen Sie wohl so. Aber daß die Löhne teurer geworden sind und dann das mit dem Hochwasserschaden und überhaupt die vielen Ärgernisse, wo doch alle Zucht aus den Leuten ist und kein Gottesglauben, Herr Baron, indem daß so ein Geselle alltags Tobak raucht und die Dirns sich wer weiß was auf das Leib ziehen und womöglich aus purer Hoffart jeden Sonntag in die Kirche wollen, und was meine Frau ist, die kann das Melken machen, und denn ist noch zu bedenken, was die Kassens aus der Mühle alles gemacht haben, Herr Baron, indem daß es früher doch man eine Klippmühle war und nun eine ordentliche Mühle mit Doppelbetrieb, wozu die Herrschaft nicht einen roten Pfennig zu beigetragen hat, Herr Baron, und deswegen sollte sich der Herr Baron das doch erst noch überlegen mit der Pachterhöhung; denn was ich bin, ich kann darauf nicht eingehen, weil es eine Unbilligkeit ist und eine Härte, Herr Baron.«

»Na, denn man zu,« sagte der Gutsherr; »dann sage ich Ihnen hiermit auf, Kassen; ich kriege wohl noch einen andern Pächter.«

Der Müller nahm eine Prise und schneuzte sich: »Tja, Herr Baron, tja, das ist wohl möglich, es gibt ja Müllers genug, und die Mühle ist gut, bloß daß ich meine, wenn der neue Pächter kein Hexenmeister ist oder sich darauf versteht, mit einem Luftballong zu fahren, denn so möchte ich wohl wissen, wie er nach der Mühle hinkommen will?« Der Baron zog die Augenbrauen hoch: »Kassen, was reden Sie da? Wie soll ich das verstehen?« Der Müller machte sein dümmstes Gesicht: »Tja, Herr Baron, das ist doch ganz einfach, wo Sie meinem Vater selig den Weg verkauft haben, der uns so unbequem war, und wir uns den Zuweg durch unsre Wiesen gemacht haben, indem daß nun alles Land rund um die Mühle unser ist und kein einer Mensch ohne unsere Erlaubnis nach der Mühle hinkommen kann anders als durch Zaubereigeschichten oder mit einem Luftballon, was doch zu umständlich ist und zu kostspielig.«

»Einen Augenblick,« sagte der Baron, »ich habe etwas vergessen.« Er ging zu dem Inspektor und lümmelte den ganz furchtbar herunter wegen des Verkaufes des Weges, und nachher mußte der Kutscher anspannen und den großen Spiegel nach der Stadt fahren, weil mitten darin ein mächtiges Loch war, und eine Kristallschale lag in tausend Scherben auf der Erde, und als Kassen fort war, dröhnte das ganze Schloß, so fluchte der Freiherr, und der Inspektor ging herum wie ein Hund, der die Staupe im Leibe hat.

Als das Jahr sich wandte, kam Kassen nicht wieder an und brachte die Pacht; er hatte die Mühle von dem Baron gekauft, und er hatte sie preiswert gekauft.

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