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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Der Ludjenhof

Der Ludjenhof ist nur ein Halbmeierhof, kann sich aber, was den Ertrag anbelangt, mit den Vollmeierhöfen ziemlich messen, den Dieshof und die Mühle ausgenommen; denn er hat mit das beste Land von ganz Ohlenhof und ist von jeher musterhaft verwaltet worden.

Der Großvater des jetzigen Besitzers war als Geizhals verschrien, weil er jeden Groschen dreißigmal in der Hand herumdrehte, ehe er ihn ausgab, drei Stunden bei einem kleinen Schnapse saß, hatte er notwendig in der Wirtschaft zu tun, seinen billigen Tabak mit allerlei anderen Blättern verlängerte und schlechter im Zeuge ging, als der ärmste Häusling.

Er wußte, daß er im geheimen Schecke genannt wurde, der vielen Flicken halber, die er an Hose und Jacke hatte, so daß er so bunt anzusehen war wie eine Kuh. Daraus machte er sich aber gar nichts, und er hatte auch deswegen nicht weniger Ansehen, weil er ein ausnehmend kluger Mann war, dessen Meinung auf dem Bauernmale für doppelwichtig galt. Als er sich für immer hinlegte, hatte er den Hof um ein Drittel vergrößert.

Sein Sohn war nicht so übersparsam wie er, aber ebenso fleißig, und da seine Frau ihm ein gutes Stück Bargeld zugebracht hatte, so machte er einen großen Teil von dem neuen Lande, das der Altvater zugekauft hatte, teils zu Acker und Wiese, teils zu Holz, baute auch die Stallungen neu und vermehrte den Viehstand ganz bedeutend. Er hatte auch Sinn für das gemeine Wohl. Seinem Betreiben hat es das Dorf zu danken, daß es den Kanal durch das Bruch bekam, obgleich viele Besitzer anfangs dagegen waren, weil sie das viel bares Geld kostete. Es kam aber durch die Verbesserung der Wiesen und Weiden bald genug wieder ein. Als er die Augen zumachte, war der Ludjenhof zwar nicht viel größer als vordem, aber im Werte sehr gestiegen.

Dem jetzigen Ludjenbur sieht man es nicht am Gesichte an, daß sein Leben eine gute Weile hin und her gegangen ist und ganz romanhaftiger Art war; denn es ist in Ohlenhof kaum ein Mann, der, Müller Kassen vielleicht ausgenommen, so zufrieden aus den Augen sieht, wie Konrad Ludewig. Wäre es anders, würde er einen engen Mund und kalte Augen haben, so könnte man ihm das nicht weiter übelnehmen; denn Ursache hätte er mehr als genug dazu gehabt. Aber er hat ein fröhliches Herz mit auf die Welt gebracht und einen leichten Sinn. Hätte sich sein Leben so ganz glatt abgespielt, so wäre dieser leichte Sinn vielleicht sein Unglück gewesen; so aber half ihm seine Gemütsart über Ärger und Kummer hinweg.

Konrad war der einzige Sohn, aber ein Spätling, und als sein Vater starb, war er noch minderjährig, wogegen seine Schwester Marie schon lange mündig war. Sie war unbefreit geblieben; denn sie galt zwar als sehr fleißig, doch sagte man ihr nach, sie sei geizig und zanksüchtig, so daß es keine Magd auf dem Ludjenhofe lange aushalten konnte, seitdem Marie das Leit hatte; denn die Bäuerin war schon lange tot; sie war aus der Bodenluke gefallen. Weil Marie zudem so mager wie eine Fuhrenstange war und ein Gesicht wie ein Habicht hatte, so hatte sich niemand gefunden, der sie vom Hofe holte, und deshalb war sie immer gnietschiger und zänkischer geworden.

Der alte Ludjenbur war in seinen letzten Jahren recht sonderbar und zuletzt halb hintersinnig geworden; denn er bildete sich ein, er sei an dem Tode seiner Frau schuld. Das war nun durchaus nicht der Fall, aber er hatte sich das einmal in den Kopf gesetzt. Deshalb war er nicht gern allein, und wer mit ihm umzugehen wußte, der konnte ihn überallhin bringen. Seine Tochter verstand sich nun ganz ausgezeichet darauf, ihm nach dem Munde zu reden und ihm zu zeigen, daß sie nur an den Hof denke und an den Hoferben; und als der Bauer starb, fand sich eine Verschreibung vor, wonach Marie der Hof gehören sollte, während Konrad mit Geld abgefunden war. Diese Stelle war aber so unklar gehalten, daß Konrad bis zu seiner Großjährigkeit ganz auf den guten Willen der Schwester angewiesen war.

Eine Weile ging das ganz gut, bis sich ein Mann für das alte Mädchen fand, Albers aus Fladder, der gut zu Marie paßte; denn er war ebenso geizig, wie sie. Konrad, dessen Vormund Hengstmann sich wenig um ihn kümmerte, weil er zu weich war, um gegen Marie ankommen zu können, war inzwischen zwanzig Jahre alt geworden und merkte schließlich, daß er ganz entrechtet werden sollte; denn bis dahin hatte seine Schwester immer so getan, als handele es sich bei dem Testament nur um eine Formsache. Es kam zum Krach, und er drohte auch mit Klage, aber da er damals gerade dienen mußte, fand er nicht die Zeit dazu, auch fehlte es ihm an Geld; denn seine Schwester ließ ihm nur das Nötigste auszahlen.

Die Erbverschreibung des Ludjenbauern hatte sehr viel böses Blut im Dorfe gemacht, und man erzählte, das Bauernmal sei bei Marie für Konrad eingetreten, habe aber nichts ausrichten können. Als sie nun Albers freite, zeigte es sich, daß die Gemeinde sich gegen Marie stellte. Kein einziger von den Ohlenhofer Voll- und Halbmeiern kam zu der Hochzeit, auch aus der Nachbarschaft kamen wenig Zusagen, und selbst von den kleineren Leuten hielten sich so viele zurück, daß es eine ganz kleine und stille Hochzeit wurde, bei der es an Ärger nicht fehlte; denn als das Ehepaar von der Trauung zurückkam, war die Einfahrt voller Kaff und Häcksel geschüttet, und abends flog eine tote Krähe, die mit einer verreckten Katze zusammengebunden war, mitten auf die Diele vor Marie hin, worüber die sich so ärgerte, daß sie sechs Wochen lang die Gelbsucht hatte.

Albers und seine Frau wurden anfangs ihres Besitzes nicht so recht froh. Wenn Albers auf dem Bauernmale war, so hatte es den Anschein, als sei er nicht da. Er konnte sagen, was er wollte, die anderen hörten nicht darauf hin. Der Vorsteher, der fast immer den Ausschlag gab, hatte den Anfang damit gemacht. Als Albers zum ersten Male einen Antrag stellte, sagte der Diesbur nicht, wie sonst: »Der Ludjenbur beantragt,« sondern: »Von Herrn Albers aus Fladder ist der Antrag gestellt,« und da wußten die übrigen Bescheid. Weil Konrad ein lustiger Bruder war und deshalb bei einem Teile der Jungmannschaft gut gelitten war, so taten diese seinem Schwager einen Schabernack nach dem anderen an. Es wurden allerlei bösartige Sprüche an die große Tür geschrieben, auch rief man hinter Albers »Kuckuck« her, und wenn er, was selten vorkam, in die Wirtschaft ging, so dauerte es nicht lange, und die Knechte erzählten sich ganz laut, wie es der Kuckuck mache, um im fremden Neste dick und fett zu werden. An all diesen Spöttereien und an den Niederträchtigkeiten, die ab und zu gegen Albers verübt wurden, hatte Konrad aber keinen Anteil.

Mit der Zeit hörten alle diese Albernheiten und Schlechtigkeiten auch auf, zumal es sich herumsprach, daß Konrad beim Militär allerlei Dummheiten machte und schließlich sogar wegen einer bösen Schlägerei mit Festung bestraft war. Als er dann freikam, trat er bei dem Vollmeier Scheele in Hülsingen als Knecht ein. Dort hielt er sich in der Arbeit sehr gut, wenn er auch ab und zu bei Tanzfesten Unfug machte. Er klagte dann gegen seine Schwester auf Herausgabe des Hofes, verlor den Prozeß aber ganz und gar, nicht allein, weil sie die Erbverschreibung vorweisen konnte, sondern auch deswegen, weil er zu leichtsinnig gelebt hatte. Von diesem Augenblick an wurde er ein ganz anderer Mensch. Er machte einen Strich unter sein früheres Leben, arbeitete, was er nur konnte, und hielt sich so ordentlich, daß er auf dem Scheelenhofe fast wie ein Sohn gehalten wurde. Nach Ohlenhof ging er gar nicht mehr, und wenn er mit einem von seinen alten Freunden zusammentraf, und der die Rede auf Albers und den Ludjenhof brachte, so winkte er mit der Hand ab und sagte: »Ich will da nichts mehr von hören; ich bin darüber weg.« Seiner Schwester und seinem Schwager ging er aus dem Wege.

Frau Albers hatte es in ihrer Ehe nicht gut getroffen, schon deswegen nicht, weil sie ihrem Manne den Hof nicht verschrieben hatte. Es hieß, sie habe das vorgehabt, aber der Diesbur und die anderen Vollmeier hätten ihr das bei Strafe des Strohwisches verboten. Sie war früher schon im Dorfe nicht beliebt gewesen und wurde es immer weniger, je fleißiger und ordentlicher ihr Bruder wurde. Ihrem Manne ging es ebenso. Er wußte, daß er von vornherein in einer schiefen Stellung war, und so war er bald zu ducknacksch, bald zu dicknäsig aufgetreten, hatte sich auch durch seine zu große Genauigkeit bei den Knechten und Arbeitern keinen guten Namen gemacht. So hatten beide kein schönes Leben miteinander, und es kam oft zu Streit und Widerworten zwischen ihnen, was sonst in Ohlenhof nicht gebräuchlich zwischen Eheleuten ist. Dann kam die Bäuerin sehr schwer nieder, brachte ein kümmerliches Kind zur Welt, das bald starb, kränkelte von da ab beständig und wurde immer stiller und frömmer.

Als Konrad fünfundzwanzig Jahre alt war, starb sein Schwager im besten Alter an der Lungenentzündung, weil er aus Geiz zu spät nach dem Arzt hatte schicken lassen. Kurz darauf wurde Marie so krank, daß sie Konrad rufen ließ. Was zwischen Bruder und Schwester beredet ist, weiß kein Mensch, außer dem Diesbauer, und der spricht nicht darüber. Konrad zog auf den Ludjenhof, und als seine Schwester wieder gesund war, fuhr er mit ihr zum Amtsgericht, wo er von Marie in alle seine Rechte eingesetzt wurde. Zwei Jahre darauf freite er Albertine Scheele, die ihm eine tüchtige Frau wurde.

Seine Schwester lebte noch einige Jahre bei ihm, ging der Frau in allem zur Hand, soweit ihre Gebrechlichkeit das zuließ, und nahm sich der Kinder wie eine Großmutter an. Als sie starb, folgte fast das ganze Dorf dem Sarge, und ihrem Bruder kamen die Tränen aus den Augen, als er die drei Schollen in die Gruft warf.

Er hatte vergessen, was sie ihm einst angetan hatte; denn sie war seine Schwester gewesen und geblieben trotz alledem.

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