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Die Häuser von Ohlenhof

Hermann Löns: Die Häuser von Ohlenhof - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleDie Häuser von Ohlenhof
booktitleSämtliche Werke - Band 7
publisherWeltbild Verlag
isbn3-8289-0156-5
firstpub1917
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20051008
modified20151207
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Der Lütkensweershof

Die beiden Sweershöfe liegen sich gerade gegenüber, rechts von der Straße liegt der Grotensweershof und links von ihr der Lütkensweershof.

Ehedem hatte es Sinn und Verstand, daß die beiden Höfe durch ihre Beinamen unterschieden wurden; heute ist das nicht mehr der Fall, wenn auch der eine ein Vollmeierhof ist und der andere ein Halbmeierhof; denn durch Erbschaft und Zukauf ist mit der Zeit so viel Land an den Lütkensweershof gekommen, daß er größer ist als der Grotensweershof.

Deswegen gilt dieser aber doch mehr als der andere, einmal aus alter Gewohnheit, und dann auch, weil Grotensweer mehr Ansehen hat als Lütkensweer. Er ist ein stiller Mann, der sich wenig sehen läßt und noch weniger aus sich macht, und Lütkensweer ist groß und breit, hat ein rotes Gesicht und eine laute Stimme, und wo er ist, hört man ihn heraus, aber Ansehen hat er darum doch nicht, trotz seines Schnauzbartes, und obzwar er auch alltags weiße Wäsche trägt.

Das kommt nicht daher, daß er auf den Hof geheiratet hat und eigentlich Wiegmann heißt; denn das haben mehrere im Dorfe getan, und auch nicht deswegen, weil er mehr als nötig in den Wirtschaften liegt und auch in der Woche Karten spielt; denn das kann er sich leisten, weil sein Hof gut imstande ist, und dann ist er nebenbei Viehhändler und muß darum viel auf der Landstraße liegen. Aber er gilt im Grunde nicht so viel wie ein guter Knecht.

Wenn er im Kruge sitzt und beim Kartenspielen auftrumpft, daß die Gläser Polka tanzen, und mit seiner lauten Stimme Witze erzählt, eine Runde nach der anderen ausgibt und lacht, daß die Hunde an zu bellen fangen, dann sollte man meinen, wunder was für ein Gewicht er hat. Aber wenn er hinausgeht, dann sehen ihm die anderen Bauern so nach, als habe er einen Flecken an dem Rocke; die Anbauern und Häuslinge und Knechte sind vertraulicher mit ihm als mit den anderen Bauern; und wenn er in der Gemeindeversammlung seine Worte auch noch so gut setzt, die anderen Bauern gehen darüber hinweg, wie der Wind über den Roggen. Er hat Sitz und Stimme, denn er ist Halbmeier, aber das ist auch alles. Das richtige Ansehen, wie es einem großen Bauern zukommt, hat er nicht.

Als er heiratete, war das anders. Er war mit dem halben Dorfe verwandt, und so sah man es ihm nach, daß er mehr redete, als nötig war, nicht gut an einer Wirtschaft vorbeigehen konnte und öfter einen ausgab, als das üblich war. Jeder hat seine Eigenheiten, und da er seine Arbeit tat und eine glückliche Hand beim Viehhandel hatte, auch ein gefälliger Mensch war und nie etwas tat, das gegen das allgemeine Wohl verstieß, so ließ man ihn gewähren und gewöhnte sich an sein Prahlen und Auftrumpfen. Zudem rechnete man es ihm hoch an, daß er den Viehhandel des Dorfes auf einen besseren Weg brachte und höhere Preise herausschlug, als die Bauern bislang bekommen hatten, und so war er bei allen Leuten beliebt, besonders bei den Frauenzimmern, denn für jede hatte er einen lustigen Schnack.

Mit einem Male wurde das anders. Seine Frau, die schöne Ernestine Lütkensweer, eine Frau mit einem Gesichte wie Milch und Blut und den lustigsten blauen Augen, die es gab, kam mit einem toten Jungen nieder. Das war ein Unglück, das überall vorkommen konnte, aber es ging das Gerede im Dorfe, daß der Bauer schuld daran sei; denn die Dienstleute hätten gehört, daß die Bäuerin geweint und gerufen hatte: »Und das sage ich dir: gesunde Kinder will ich haben, und wenn ich sie aus der Erde graben soll!« Sie war dann mehrfach in die Stadt gefahren mit ihrem Manne, und eines Tages kam der nicht wieder, denn es hieß, er müsse eine Kur durchmachen, weil er es an der Lunge habe. Das glaubte nun kein Mensch; denn er hatte eine Brust wie ein Bulle und hatte sein Lebtag nicht gehustet. So machte man sich denn seine eigenen Gedanken, bis es sich heraussprach, daß er in Bad Nenndorf war, und da dachte man sich sein Teil.

Nach einem halben Jahr kam er wieder. Er war ganz mager geworden und sah blaß und alt aus, erholte sich aber mit der Zeit und wurde wieder so dick und rot im Gesichte, wie vordem, bekam auch seine gute Laune wieder, und seine Frau war vor den Leuten zu ihm, wie es sich gehört. Aber sie schlief für sich, und ab und zu merkte es das Gesinde doch, daß sie die Hosen anhatte, und daß er sie in allen wichtigen Angelegenheiten fragen mußte. Und so ganz langsam verlor er das Ansehen, das er hatte. Er wurde nicht für voll genommen. Man sprach nicht laut darüber, aber man wußte, daß er nichts zu bedeuten hatte auf seinem Hofe, daß die Frau das Leit in der Hand hatte, und daß er tun mußte, was sie wollte. Hätte er sich gesträubt, so hätte er mehr Achtung gehabt. Aber das tat er nicht, denn er war gutmütig von Haus aus und wußte, daß er der schuldige Teil war. Draußen im Lande blieb er der große Mann, und auch im Kruge prahlt er genug, aber wenn er aufsieht, hat er einen schiefen Blick, und mitten im Lachen bleibt er ab und zu stecken, gerade, als wenn ihm jemand das verboten hätte. Auf seinem Hofe sagt er nicht viel, und wenn er es tut, dann spricht er leise. Seine Frau aber spricht hell und laut. Zwei Jahre sah sie blaß und düster aus, aber seitdem sie die beiden Jungens und das Mädchen hat, ist sie wieder die schöne Frau von vordem und blüht wie eine Rose. Die Kinder halten von ihr alles, aber von dem Vater nichts, trotzdem sie noch alle in die Schule gehen. Als sie noch ganz klein waren, merkten sie schon, wer im Hause etwas zu sagen hatte, und danach richteten sie sich.

Auch er macht sich aus den Kindern nichts. Er ist freundlich zu ihnen, aber bloß so von obenhin, als wären es nicht seine eigenen Kinder. Das sind sie auch nicht. Jeder erwachsene Mensch im Dorf weiß das, aber man spricht darüber nicht. Wenn die Frauen zusammenkommen, tuscheln sie wohl darüber, wer Vater zu den Kindern sein mag, aber ob sie auch hin- und herraten, sie bekommen es nicht heraus. Kein Mensch kann der Lütkensweershofbäuerin nachsagen, daß sie eine Liebschaft hat, weder auf dem Hofe noch im Dorfe, oder sonstwo. Der Großknecht ist sicher nicht ihr Liebhaber, denn der ist alt und krumm; der Häusling ist es auch nicht, denn er hat dunkles Haar und schwarze Augen, und die Kinder sind blauäugig und haben Haar wie Haberstroh. Und sonst weiß man auch niemand, auf den man Verdacht haben könnte, zumal die Bäuerin nicht mehr verreist, als die anderen Frauen.

Es ist auch kein Mensch im Dorfe, der sie mißachtet. Man weiß, daß sie keine liederliche Frau ist, die sich wegschmeißt, weil sie sich nicht bezähmen kann. Man weiß, daß sie ihrem Manne eine gute Frau sein würde, wenn sie von ihm gesunde Kinder haben würde. Aber kein Mensch verdenkt es ihr, daß sie keine elenden Kinder haben will, oder daß sie, ohne einen Hoferben nachzulassen, sterben mag.

So hat sie bei allen Leuten volle Achtung, sogar bei dem Pastor, obgleich seine Frau einmal etwas munkeln hörte. Aber als sie zu ihrem Manne darüber sprechen wollte, wehrte der ab und sagte: »Dorfklatsch, liebe Elfriede, weiter nichts. Lütkensweer und seine Frau leben im besten Einvernehmen. Wenn sie nicht so schön wäre, die Frau, kümmerte sich kein Mensch um sie. Es ist Neid, weiter nichts.« Als er das sagte, sah er vor sich hin, und da wußte seine Frau, daß sie eins von den Dingen berührt hatte, über die ihr Mann nicht gern sprach, weil er selber ein Bauernsohn war.

Er läßt sich der Bäuerin gegenüber auch nie etwas merken, er nicht und kein anderer. Darum kann sie den Kopf so hoch halten, als wäre alles in bester Ordnung, viel mehr als ihr Mann.

Der hält ihn bloß vor den Leuten hoch. Ist er allein, so läßt er ihn hängen wie ein abgehalftertes Pferd.

Er ist ja auch abgehalftert.

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