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Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180518
projectida19746f0
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Siebentes Kapitel
Der Angriff

In dieser Nacht schlief ich nicht und zog mich auch nicht aus. Ich beabsichtigte bei Tagesanbruch am Festungstor zu sein, welches Marja Iwanowna passieren mußte, ich wollte dort zum letztenmal Abschied nehmen. Es war in mir eine große Wandlung vorgegangen: die Erregung meiner Seele war viel weniger schwer, als jene Traurigkeit, in der ich noch kürzlich versunken war. Mit der Wehmut des Abschiedes verschmolzen in mir unklare, aber süße Hoffnungen, ein ungeduldiges Erwarten der Gefahr und das Gefühl edlen Ehrgeizes. Die Nacht verging unmerklich. Ich wollte bereits mein Haus verlassen, als meine Türe aufging und der Korporal mit der Nachricht zu mir eintrat, daß unsere Kosaken nachts die Festung verlassen, Julai gewaltsam mitgenommen hätten und daß rings um die Festung unbekannte Leute ritten. Mich entsetzte der Gedanke, daß Marja Iwanowna nicht mehr abreisen könnte; hastig gab ich dem Korporal einige Anweisungen und stürzte flugs zum Kommandanten.

Es dämmerte schon. Ich flog über die Straße, plötzlich aber hörte ich, wie mich jemand anrief. Ich blieb stehen.

»Wohin eilen Sie?« fragte Iwan Ignatjitsch, nachdem er mich eingeholt hatte, »Iwan Kusmitsch ist auf den Wällen und hat mich nach Ihnen geschickt. Pugatschow ist da.«

»Ist Marja Iwanowna nicht abgereist?« fragte ich zitternden Herzens.

»Sie ist nicht dazu gekommen,« entgegnete Iwan Ignatjitsch, »die Orenburger Straße ist abgeschnitten, die Festung ist umzingelt. Schlimm, schlimm, Peter Andrejewitsch!«

Bald waren wir am Wall – einer Erhöhung, welche die Natur geformt hatte und die nur durch einen Palisadenzaun befestigt war. Dort drängten sich bereits alle Bewohner der Festung. Die Garnison stand unter Gewehr. Die Kanone hatte man am Tage vorher hingebracht. Der Kommandant schritt vor seiner nur kleinen Truppe auf und ab. Die nahe Gefahr beseelte den alten Krieger mit großem Mute. Nicht weit von der Festung ritten etwa zwanzig Reiter in der Steppe auf und ab. Es schienen Kosaken zu sein; doch befanden sich auch Baschkiren unter ihnen, die man leicht an ihren Luchsmützen und Köchern erkennen konnte. Der Kommandant passierte die Front seines Heeres und sprach zu den Soldaten: »Nun Kinder, heute müssen wir für unsere Mutter, die Kaiserin einstehen und der ganzen Welt beweisen, daß wir tapfere und treue Leute sind!« Die Soldaten stimmten laut zu. Schwabrin, der neben mir stand, beobachtete angestrengt den Feind. Die in der Steppe reitenden Leute bemerkten die Bewegung in der Festung, sammelten sich und begannen sich zu beratschlagen. Der Kommandant befahl Iwan Ignatjitsch, die Kanone aufzurichten und legte selber die Lunte an. Surrend flog die Kugel über sie hinweg, ohne den geringsten Schaden anzurichten. Die Reiter zerstreuten sich, jagten fort, und die Steppe war leer.

Da erschienen Wassilissa Jegorowna und Mascha, die nicht zurückbleiben wollten, auf dem Wall.

»Nun, wie?« sagte die Kommandantin, »wie steht's mit der Bataille und wo ist der Feind?«

»Der Feind ist nicht fern,« entgegnete Iwan Kusmitsch, »mit Gottes Willen wird alles gut werden. Nun, Mascha, fürchtest du dich?«

»Nein, Vater,« entgegnete Marja Iwanowna, »zu Hause, allein, fürchte ich mich mehr.«

Dabei sah sie mich an und versuchte zu lächeln. Unwillkürlich packte ich den Griff meines Degens, denn ich erinnerte mich, daß ich ihn am Abend vorher aus ihren Händen erhalten hatte, wie um sie zu schützen. Mein Herz brannte. Ich sah mich als ihren Ritter. Ich sehnte mich, zu beweisen, daß ich ihres Zutrauens würdig sei und mit Ungeduld erwartete ich den entscheidenden Moment.

In diesem Augenblick zeigten sich hinter der Erhöhung, die sich etwa eine halbe Werst von der Festung befand, neue Reiterhaufen und bald war die ganze Steppe von einer Menschenmenge übersät, die mit Lanzen, Pfeil und Bogen bewehrt waren; unter ihnen ritt auf einem weißen Pferde ein Mann in einem roten Kaftan, mit gezücktem Säbel in der Faust: das war Pugatschow selbst. Er hielt, man umringte ihn und offenbar seine Befehle ausführend, trennten sich vier Menschen von jener Menge und ritten in Karriere dicht an unsere Festung. Wir erkannten in ihnen unsere Verräter. Einer von ihnen schwang über seiner Mütze ein Blatt Papier, des anderen Lanzenspitze trug den Kopf Julais, den er über den Palisadenzaun uns zuwarf. Der Kopf des armen Kalmücken fiel zu den Füßen des Kommandanten nieder. Die Verräter schrien:

»Schießt nicht; kommt zum Kaiser! Der Kaiser ist hier!«

»Ich werde euch!« schrie Iwan Kusmitsch: »Feuer!«

Unsere Soldaten gaben eine Salve ab. Der Kosak, der den Brief geschwungen hatte, schwankte und stürzte vom Pferde, die anderen sprengten zurück. Ich sah Marja Iwanowna an. Bestürzt über den Anblick des blutbespritzten Kopfes Julais und betäubt von der Salve schien sie fast von Sinnen zu sein. Der Kommandant rief den Korporal heran und befahl ihm, jenes Blatt aus den Händen des toten Kosaken zu holen. Der Korporal schritt ins Feld und kam zurück, das Pferd des Toten am Zügel führend. Er übergab dem Kommandanten den Brief. Iwan Kusmitsch las ihn leise durch und zerriß ihn in Stücke. Unterdessen bereiteten sich die Aufrührer sichtlich zum Angriff vor. Bald pfiffen die Kugeln um unsere Ohren und einige Pfeile bohrten sich neben uns in die Erde und den Zaun.

»Wassilissa Jegorowna!« sagte der Kommandant, »hier ist kein Platz für Weiber, führe Mascha fort; sieh nur, das Mädchen ist mehr tot als lebendig.«

Wassilissa Jegorowna, welche der Kugelregen still machte, sah in die Steppe, wo eine gewaltige Bewegung bemerkbar wurde; dann wandte sie sich zu ihrem Manne und sagte ihm:

»Iwan Kusmitsch, Gott herrscht über Leben und Tod, segne Mascha. Mascha, komm zum Vater!«

Die bleiche, zitternde Mascha näherte sich Iwan Kusmitsch, sie kniete nieder und neigte sich vor ihm bis zur Erde. Der alte Kommandant machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über sie, dann hob er sie auf, küßte sie und sprach mit veränderter Stimme:

»Nun, Mascha, werde glücklich. Bete zu Gott, er wird dich nicht im Stiche lassen. Und wenn sich ein guter Mensch findet, gebe Gott euch Liebe und Rat. Lebt wie ich mit Wassilissa Jegorowna gelebt habe. Nun, Mascha, leb' wohl! Wassilissa Jegorowna, führe sie schnell fort.«

Schluchzend warf sich ihm Mascha um den Hals.

»Nehmen auch wir Abschied«, sagte die Kommandantin weinend. »Leb wohl, mein Iwan Kusmitsch. Und wenn ich dich irgendwie gekränkt habe, so verzeih mir!«

»Leb' wohl, leb' wohl, Mütterchen«, sagte der Kommandant und umarmte die Alte. »Nun genug! Schnell, schnell nach Hause und ziehe Mascha einen Sarafan Leichtes Überkleid. an, wenn es geht.«

Die Kommandantin und ihre Tochter entfernten sich. Ich sah Marja Iwanowna nach; sie schaute sich um und nickte mir mit dem Kopfe zu. Dann aber wandte sich Iwan Kusmitsch zu uns und seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf den Feind. Die Aufrührer versammelten sich um ihren Anführer und sprangen plötzlich von ihren Pferden.

»Jetzt haltet euch,« sagte der Kommandant, »sie stürmen ...« In diesem Augenblick erhob sich ein fürchterliches Pfeifen und Schreien; die Aufrührer gingen im Laufschritt auf die Festung los. Unsere Kanone war mit einer Kartätsche geladen. Der Kommandant ließ sie auf eine sehr große Nähe heran und feuerte plötzlich. Die Kartätsche traf mitten in die Menge. Die Aufrührer stoben auseinander und wichen zurück. Ihr Anführer blieb allein vorn an ... Seinen Säbel schwingend sprach er hitzig auf sie ein ... Das auf einen Augenblick verstummte Heulen und Schreien hob wieder an.

»Nun, Kinder,« sagte der Kommandant, »öffnet das Tor und schlagt die Trommel. Kinder, auf zum Ausfall! Mir nach!«

Der Kommandant Iwan Ignatjitsch und ich waren im Nu außerhalb des Festungswalles, aber die verzagte Garnison rührte sich nicht.

»Was steht ihr denn, Kinder?« schrie Iwan Kusmitsch, »wenn sterben, dann sterben, das ist eure Pflicht.«

In dieser Minute kamen die Aufrührer heran und brachen in die Festung ein. Der Trommelschlag verstummte, die Garnison warf ihre Gewehre fort, ich wurde niedergeworfen, erhob mich aber wieder und kam zusammen mit den Aufrührern in die Festung. Der am Kopf verwundete Kommandant stand in einem Haufen der Schurken, die ihm die Schlüssel abverlangten. Ich eilte ihm zu Hilfe; doch mehrere starke Kosaken ergriffen mich, fesselten mich und meinten dabei: »Nun werdet ihr's bekommen, die ihr dem Zaren den Gehorsam verweigert habt!« Man zog uns durch die Straßen, die Einwohner kamen mit Brot und Salz aus ihren Häusern. Die Glocken läuteten. Plötzlich schrie man in der Menge, daß der Zar auf dem Marktplatz die Gefangenen erwarte, um den Schwur entgegenzunehmen. Die Menge strömte zum Platz; auch uns trieb man dorthin.

Auf der Treppe zum Kommandantenhause saß Pugatschow in einem Sessel. Er trug einen roten, mit Tressen verzierten Kosakenkaftan. Die hohe Zobelmütze mit den goldenen Quasten war bis über die flammenden Augen gerückt. Sein Gesicht kam mir eigentümlich bekannt vor. Die ältesten der Kosaken umringten ihn. An der Treppe stand zitternd und bleich der Priester Gerasim, er hielt ein Kreuz und schien ihn schweigend um Gnade für die bevorstehenden Opfer zu bitten. Auf dem Marktplatz wurde in aller Eile ein Galgen errichtet. Als wir uns näherten, trieben die Baschkiren das Volk auseinander und man stellte uns vor Pugatschow auf. Die Glocken verstummten, tiefe Stille trat ein.

»Wer ist der Kommandant?« fragte der Usurpator.

Unser Urjädnik trat vor und wies auf Iwan Kusmitsch. Drohend sah Pugatschow den Greis an und sagte:

»Wie konntest du es wagen, dich mir, deinem Kaiser, zu widersetzen?«

Halb ohnmächtig von seiner Wunde sammelte der Kommandant seine letzten Kräfte und antwortete mit fester Stimme:

»Du bist nicht mein Kaiser, du bist ein Dieb und Usurpator, merk dir's.«

Pugatschows Gesicht verfinsterte sich, er schwenkte ein weißes Tuch. Einige Kosaken ergriffen den alten Hauptmann und zogen ihn zum Galgen. Der verstümmelte Baschkire, den wir am Abend vorher verhört hatten, war oben auf dem Querholze beschäftigt. Er hielt einen Strick in der Hand, und schon nach einer Minute sah ich, wie man den armen Iwan Kusmitsch in die Höhe zog. Dann führte man Pugatschow Iwan Ignatjitsch vor.

»Schwöre«, sagte ihm Pugatschow, »dem Kaiser Peter Fjodorowitsch!«

»Du bist nicht unser Kaiser,« entgegnete Iwan Ignatjitsch, die Worte seines Hauptmanns wiederholend, »du, Onkelchen, bist ein Dieb und Usurpator.«

Pugatschow schwenkte abermals sein Tuch und schon hing der gute Leutnant neben seinem alten Vorgesetzten.

Die Reihe war an mir. Kühn blickte ich Pugatschow an und war bereit, die Antwort meiner mutigen Kameraden zu wiederholen. Da erblickte ich zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen inmitten der Aufrührer Schwabrin, dessen Haar rund geschoren war und der einen Kosakenkaftan trug. Er näherte sich Pugatschow und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.

»Hängen«, sagte Pugatschow und sah mich nicht einmal an.

Man warf mir eine Schlinge um den Hals. Leise betete ich, bereute vor Gott aufrichtig alle meine Sünden und flehte ihn um Rettung derjenigen an, die meinem Herzen nahestanden. Ich wurde unter den Galgen gezerrt.

»Keine Angst, keine Angst«, meinten meine Henker und wollten mich vielleicht tatsächlich ermutigen.

Plötzlich hörte ich einen Schrei: »Haltet ein, Verwünschte! So wartet doch! ...« Die Henker hielten ein. Ich sehe: Saweljitsch liegt vor Pugatschow auf den Knien.

»Angestammter Vater,« Ergebenheitsformel der Leibeigenen. sprach mein armer Erzieher, »was liegt dir am Tode des armen Kindes? Laß ihn frei, man wird dir ein Lösegeld geben; wenn du einen hängen willst, um ein Exempel zu statuieren, so laß mich Alten hängen.«

Pugatschow gab ein Zeichen, und ich wurde sofort losgebunden und freigelassen.

»Unser Väterchen begnadigt dich«, sprach man zu mir.

Daß ich mich in dieser Minute meiner Befreiung freute, kann ich nicht sagen, allerdings auch nicht, daß ich sie bedauerte. Meine Gefühle waren zu verwirrt. Wiederum führte man mich vor den Usurpator und ich mußte vor ihm niederknien. Pugatschows muskulöse Hand streckte sich mir entgegen.

»Hand küssen, Hand küssen!« rief man mir von allen Seiten zu.

Doch ich hätte die schlimmste Marter dieser gemeinen Erniedrigung vorgezogen.

»Väterchen Peter Andrejewitsch!« flüsterte mir Saweljitsch zu, der hinter meinem Rücken stand und mich stieß, »sei nicht hartnäckig, was schadet es dir? Spuck aus, aber küß diesem verd ... (Pfui Teufel!), küß ihm die Hand.«

Ich bewegte mich nicht. Pugatschow ließ seine Hand sinken und sagte spöttisch:

»Euer Wohlgeboren sind also vor Freude närrisch geworden. Man hebe ihn auf!«

Man hob mich auf und ließ mich in Freiheit. Ich sah der Fortsetzung dieser grauenhaften Komödie zu.

Die Einwohner mußten schwören. Einer nach dem andern trat heran, küßte das Kreuz und warf sich vor dem Usurpator nieder. Die Soldaten der Garnison standen auch dort. Der mit seiner stumpfen Schere ausgerüstete Bataillonsschneider schnitt ihnen die Zöpfe ab. Sich schüttelnd traten sie dann auch an Pugatschow heran, und dieser teilte ihnen seine Verzeihung mit und nahm sie in seine Bande auf. All das dauerte ungefähr drei Stunden. Endlich stand Pugatschow von seinem Sessel auf und geleitet von den Ältesten schritt er die Treppe hinab. Man führte ihm sein weißes, reichgeschmücktes Roß vor. Zwei Kosaken ergriffen ihn unter den Armen und hoben ihn in den Sattel. Dem Priester Gerasim teilte er mit, daß er bei ihm zu Mittag speisen würde. In diesem Augenblick ertönte der schrille Schrei einer Frau. Einige Räuber zerrten Wassilissa Jegorowna auf den Flur hinaus, sie war zerzaust und ganz nackt. Einer von ihnen hatte bereits Zeit gefunden, sich mit ihrem Überwurf zu schmücken. Die übrigen trugen Pfühle, Kisten, Teegeschirr, Wäsche und alles mögliche Gerümpel.

»Meine Väterchen!« schrie die arme Alte, »habt Mitleid, führt mich zu Iwan Kusmitsch.« Plötzlich erblickte sie den Galgen und erkannte ihren Mann.

»Hunde!« schrie sie außer sich, »was habt ihr ihm getan? Ach du mein Licht, Iwan Kusmitsch, du mutiger Soldat! Nicht haben dich die Preußenbajonette getroffen und nicht die Türkenkugeln; in keinem ehrlichen Kampfe hast du dein Leben lassen müssen, mußtest durch einen flüchtigen Sträfling zugrunde gehen!«

»Fort mit der alten Hexe!« sagte Pugatschow.

Ein junger Kosak schlug sie mit dem Säbel über den Kopf, und sie fiel tot auf die Stufen der Treppe nieder. Pugatschow ritt fort, das Volk strömte ihm nach.

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