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Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180518
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Fünftes Kapitel.
Die Liebe

O du Mädchen, schönes Mädchen du!
Geh nicht, Mädchen, in den Ehstand jung,
Frage, Mädchen, Vater, Mutter erst,
Vater, Mutter erst, die Verwandten all;
Daß am End' du klug geworden bist,
Klug geworden – sei dein Heiratsgut.

Volkslied

Bin ich besser, wie du glaubtest –
Du vergissest mein,
Bin ich schlechter, wie du glaubtest,
Du gedenkest mein.

Volkslied

 

Als ich wieder zu mir kam, konnte ich mich lange nicht besinnen und begriff nicht, was mit mir geschehen war. Ich lag in einem fremden Zimmer im Bett und fühlte mich sehr schwach. Vor mir stand Saweljitsch mit einem Licht in der Hand. Jemand löste behutsam die Verbände von der Brust und Schulter. Allmählich wurden meine Gedanken klarer. Ich erinnerte mich an mein Duell und erriet, daß ich verwundet sei. In diesem Augenblick knarrte die Tür.

»Wie geht's?« flüsterte eine Stimme, die mich erzittern machte.

»Immer noch wie früher,« antwortete Saweljitsch seufzend, »immer noch ohne Besinnung, das ist nun schon der fünfte Tag.«

Ich wollte mich umwenden, konnte es aber nicht.

»Wo bin ich? wer ist hier?« rief ich mit Anstrengung.

Marja Iwanowna trat an mein Bett heran und beugte sich über mich.

»Nun, wie fühlen Sie sich?« fragte sie.

»Gott sei Dank!« antwortete ich mit schwacher Stimme, »sind Sie das, Marja Iwanowna? Sagen Sie mir ...«

Ich war zu schwach, um weiter zu sprechen, und verstummte. Saweljitsch ächzte. Sein Gesicht strahlte vor Freude.

»Er ist wieder bei Bewußtsein! Er ist zu sich gekommen,« wiederholte er, »Gott sei Dank! ach, Väterchen Peter Andrejewitsch, hast du mich erschreckt, das ist keine Kleinigkeit, schon fünf Tage!«

Marja Iwanowna unterbrach ihn.

»Sprich nicht zu viel mit ihm, Saweljitsch,« sagte sie, »er ist noch schwach.«

Sie verließ das Zimmer und schloß leise die Tür.

Die Gedanken stürmten auf mich ein. So war ich denn im Hause des Kommandanten, Marja Iwanowna war zu mir gekommen. Ich wollte Saweljitsch einige Fragen stellen, der Alte schüttelte aber den Kopf und hielt sich die Ohren zu. Ärgerlich schloß ich die Augen und vergaß mich im Schlaf.

Als ich erwachte, rief ich Saweljitsch herbei, an seiner Stelle trat aber Marja Iwanowna auf mich zu; ihre Engelsstimme begrüßte mich. Es ist mir unmöglich, die Süßigkeit zu schildern, die ich in dieser Minute empfand.

Ich ergriff ihre Hand, zog sie an meine Lippen und benetzte sie mit Tränen der Rührung. Mascha entzog sie mir nicht ... Und plötzlich berührten ihre Lippen meine Wange, und ich fühlte ihren warmen frischen Kuß. Mich durchfuhr es wie Feuer.

»Liebe, gute Marja Iwanowna,« sagte ich ihr, »werde meine Frau, mache mich glücklich!«

Sie kam wieder zur Besinnung.

»Beruhigen Sie sich, um Gottes willen,« sagte sie und entzog mir ihre Hand. »Sie sind noch in Gefahr, Ihre Wunde kann aufbrechen. Schonen Sie sich, wenn auch nur mir zuliebe.« Mit diesen Worten entfernte sie sich und ließ mich in trunkenem Entzücken zurück. Das Glück machte mich gesund. Sie wird mein! sie liebt mich! dieser eine Gedanke erfüllte mich ganz und gar.

Von dem Augenblick an ging es mir von Stunde zu Stunde besser.

Mich behandelte der Regimentsfeldscher, denn in der Festung gab es keinen andern Arzt. Gott sei Dank stellte er keine Versuche mit mir an. Meine Jugend und meine kräftige Natur beschleunigten meine Wiederherstellung. Die ganze Kommandantenfamilie pflegte mich. Marja Iwanowna wich nicht von meiner Seite. Natürlich benutzte ich die erste Gelegenheit, um meine unterbrochene Erklärung fortzusetzen. Und Marja Iwanowna hörte mich geduldiger an. Ohne jede Koketterie gestand sie mir ihre herzliche Neigung und sagte, daß ihre Eltern sich gewiß über ihr Glück freuen würden.

»Aber denke nur gut nach,« fügte sie hinzu, »ob nicht von seiten deiner Eltern Einwendungen gemacht werden könnten?«

Ich überlegte. An der Zärtlichkeit meiner Mutter zweifelte ich nicht; doch ich kannte die Art und Weise meines Vaters und fühlte, daß meine Liebe ihn nicht sehr rühren und er in alledem nur die Torheit eines jungen Menschen erblicken würde. Ich gestand das offenherzig Marja Iwanowna, beschloß aber trotzdem, meinem Vater, so beredt ich nur konnte, zu schreiben und ihn um seinen väterlichen Segen zu bitten. Ich zeigte den Brief dann Marja Iwanowna, die ihn so überzeugend und rührend fand, daß sie an seinem Erfolge nicht zweifelte und sich den zärtlichen Gefühlen ihres Herzens mit der ganzen Vertrauensseligkeit der Jugend und der Liebe hingab.

Mit Schwabrin versöhnte ich mich in den ersten Tagen meiner Wiederherstellung. Als mir Iwan Kusmitsch wegen des Duells einen Verweis erteilte, sagte er mir unter anderm:

»Ach, Peter Andrejewitsch, nun müßte ich dich eigentlich in Arrest setzen, aber du bist schon ohnedies gestraft. Aber Alexej Iwanowitsch sitzt im Kornmagazin unter Bewachung, und seinen Degen hält Wassilissa Jegorowna unter Schloß und Riegel. Mag er nachdenken und bereuen!«

Ich war zu glücklich, um ein feindliches Gefühl im Herzen zu hegen. Ich bat für Schwabrin, und nachdem der gutherzige Kommandant sich mit seiner Gemahlin verständigt hatte, entschloß er sich, ihm die Freiheit zu geben. Schwabrin kam zu mir; er drückte mir sein tiefstes Bedauern über das Vorgefallene aus, gab sich in allem die Schuld und bat mich, nicht mehr ans Vergangene zu denken. Da es nicht in meinem Charakter liegt, jemandem etwas nachzutragen, verzieh ich ihm aufrichtig unsern Streit und die Wunde, die ich von ihm erhalten hatte. In seiner Verleumdung erblickte ich nur die Bitterkeit verletzten Selbstgefühls und verschmähter Liebe – und großmütig entschuldigte ich meinen unglücklichen Nebenbuhler.

Bald war ich vollkommen hergestellt und konnte wieder mein Quartier beziehen. Ungeduldig erwartete ich die Antwort auf den abgesandten Brief; ich wagte nicht zu hoffen und bemühte mich, meine traurigen Ahnungen zu ersticken. Wassilissa Jegorowna und ihrem Manne hatte ich mich noch nicht erklärt; mein Antrag hätte sie aber kaum in Erstaunen versetzt. Weder ich noch Marja Iwanowna suchten unsere Gefühle vor ihnen zu verbergen; wir waren ihrer Einwilligung schon im vorhinein sicher.

Endlich kam an einem Morgen Saweljitsch mit einem Briefe zu mir. Zitternd nahm ich ihn entgegen. Die Adresse war von meinem Vater geschrieben. Dies bereitete mich auf etwas Wichtiges vor, denn gewöhnlich schrieb meine Mutter die Briefe, und er fügte nur einige Zeilen hinzu. Es war mir lange unmöglich, das Paket aufzubrechen, und immer wieder überlas ich die feierliche Aufschrift: »An meinen Sohn, Peter Andrejewitsch Grinjew im Gouvernement Orenburg in der Festung Bjelogorsk«. Ich versuchte, aus der Handschrift die Stimmung zu erraten, in welcher der Brief geschrieben war. Endlich entschloß ich mich, ihn zu öffnen, aber schon aus den ersten Zeilen ersah ich, daß die Sache zum Teufel war. Der Inhalt des Briefes war folgender:

»Mein Sohn Peter! Deinen Brief, in dem Du uns um unsern elterlichen Segen und um unsere Zustimmung zur Heirat mit Marja Iwanowna Mironow bittest, erhielten wir am 15. dieses Monats, allein ich beabsichtige, Dir weder meinen Segen noch meine Zustimmung zu geben, sondern würde eher selbst zu Dir kommen, um Dir für Deine Streiche trotz Deines Offizierstitels wie einem dummen Jungen eine Lehre zu erteilen, denn Du hast bewiesen, daß Du noch unwürdig bist, den Degen zu tragen, der Dir zur Verteidigung des Vaterlandes übergeben wurde und nicht zu Duellen mit solchen Lumpen, wie Du einer bist. Gleichzeitig schreibe ich an Andrej Karlowitsch und bitte ihn, Dich aus der Bjelogorskschen Festung irgendwo weiterhin zu versetzen, damit Dir endlich Deine Tollheit geheilt wird. Als Deine Mutter von Deinem Duell und von Deiner Verwundung hörte, wurde sie vor Gram ganz krank und liegt nun zu Bett. Was soll aus Dir noch werden? Ich bitte Gott, daß Du Dich bessern mögest, obgleich ich nicht auf seine große Gnade zu hoffen habe.

Dein Vater A. G.«

 

Die Lektüre dieses Briefes rief in mir die widersprechendsten Gefühle hervor. Die harten Ausdrücke, mit denen mein Vater nicht geizte, verletzten mich tief. Die Geringschätzung, mit der er Marja Iwanowna erwähnte, kam mir ebenso unwürdig wie ungerecht vor. Der Gedanke an meine Versetzung aus der Bjelogorsker Festung erschreckte mich; am bittersten traf mich aber die Nachricht von der Krankheit meiner Mutter. Ich zürnte Saweljitsch, denn ich zweifelte nicht, daß mein Duell nur durch ihn meinen Eltern bekanntgeworden war. Nachdem ich längere Zeit in meinem engen Zimmer auf und ab geschritten war, blieb ich vor ihm stehen und sah ihn zornig an:

»Du bist wohl noch nicht zufrieden, daß ich durch deine Schuld verwundet worden bin und mich einen ganzen Monat am Rande des Grabes befand; du willst auch noch meine Mutter umbringen.«

Saweljitsch war wie vom Donner gerührt.

»Erbarm' dich, Herr,« sagte er fast schluchzend, »was sprichst du da? Ich soll die Ursache deiner Verwundung sein? Gott weiß, daß ich mit meiner eignen Brust dich vor dem Degen Alexej Iwanowitschs bewahren wollte. Mein verfluchtes Alter hinderte mich daran. Was habe ich denn deiner Mutter getan?«

»Was du getan hast?« antwortete ich, »wer hat dich gebeten, mich zu Hause anzuzeigen? Bist du als Spion bei mir angestellt?«

»Ich hätte dich angezeigt?« antwortete Saweljitsch unter Tränen: »Herr Gott, himmlischer Vater! da lies doch, bitte, was der Herr mir heute schreibt: sieh, wie ich dich angezeigt habe.«

Er nahm einen Brief aus der Tasche und las mir folgendes vor:

»Du solltest dich schämen, alter Hund, daß du trotz meiner strengen Befehle mir nichts von meinem Sohne Peter Andrejewitsch geschrieben hast und daß ich erst durch Fremde von seinen Streichen unterrichtet werde. Erfüllst du so deine Pflichten und den Willen deines Herrn? Ich werde dich, alten Hund, Schweine hüten lassen, weil du die Wahrheit verheimlicht hast und dem jungen Menschen folgst. Nach Empfang dieses Briefes befehl' ich dir, mir unverzüglich mitzuteilen, wie es mit seiner Gesundheit steht; man hat mir mitgeteilt, daß es ihm besser gehe. Schreibe mir außerdem, an welcher Stelle er verwundet worden ist und ob man ihn gut geheilt hat.«

Es war klar, daß Saweljitsch recht hatte, und daß ich ihn grundlos mit meinen Vorwürfen und meinem Verdacht beleidigt hatte. Ich bat ihn um Verzeihung, doch der Alte war untröstlich.

»Das muß ich erleben!« wiederholte er, »solchen Dank ernte ich von meinen Herrschaften! Ich soll ein alter Hund und Schweinehüter sein und außerdem noch an deiner Wunde schuld sein! ... Nein, Väterchen Peter Andrejewitsch, nicht ich, der verwünschte Musje ist an allem schuld: er hat dich gelehrt, mit eisernen Bratspießen herumzustechen und mit den Füßen zu stampfen, als ob man sich durch Stechen und Stampfen vor einem bösen Menschen schützen könnte! Dazu mußte man den Musje engagieren und unnütz Geld ausgeben!«

Wer aber hatte sich die Mühe gemacht, meinen Vater von meinem Betragen zu benachrichtigen? Der General? Er schien sich nicht allzuviel um mich zu kümmern, und Iwan Kusmitsch fand es nicht für nötig, meinen Zweikampf anzuzeigen. Ich verlor mich in Vermutungen. Mein Verdacht fiel auf Schwabrin. Einzig er konnte einen Vorteil aus dieser Denunziation ziehen, die meine Entfernung aus der Festung und eine Trennung von der Kommandantenfamilie zur Folge haben konnte. Ich suchte Marja Iwanowna auf und teilte ihr alles mit. Sie kam mir im Flur entgegen.

»Was ist geschehen?« fragte sie, als sie mich erblickte. »Sie sind so bleich!«

»Alles ist aus!« antwortete ich und reichte ihr den Brief meines Vaters.

Jetzt wurde sie bleich. Nachdem sie den Brief durchgelesen hatte, gab sie ihn mir zitternd zurück und sagte mit bebender Stimme:

»Es scheint nicht mein Schicksal zu sein! ... Ihre Eltern wollen mich nicht in ihre Familie aufnehmen. So geschehe denn in allem der Wille Gottes! Er weiß besser als wir, was uns not tut. Da ist nichts zu tun, Peter Andrejewitsch, wenn Sie nur glücklich würden!«

»Das kann nicht sein!« schrie ich auf und ergriff ihre Hand, »du liebst mich, ich bin zu allem bereit. Komm, wir wollen deinen Eltern zu Füßen fallen; sie sind schlichte Leute und nicht hochmütig und hartherzig ... Sie werden uns segnen, man wird uns trauen ... und später, wenn genug Zeit vergangen ist, bin ich überzeugt, daß wir meinen Vater erweichen werden; meine Mutter wird für uns bitten, er wird mir verzeihen ...«

»Nein, Peter Andrejewitsch,« antwortete Mascha, »ich kann dich ohne den Segen deiner Eltern nicht heiraten. Ohne ihren Segen wirst du kein Glück haben! Unterwerfen wir uns dem Willen Gottes. Wenn du doch eine findest, die dir bestimmt ist, wenn du eine andere liebgewinnst – sei Gott mit dir, Peter Andrejewitsch; ich werde für euch beide ...«

Sie fing zu weinen an und verließ mich, ich wollte ihr ins Zimmer folgen, doch fühlte ich, daß ich mich nicht hätte beherrschen können und ging nach Hause.

Ich saß in tiefes Nachdenken versunken, als Saweljitsch plötzlich meine Betrachtungen unterbrach.

»Hier, Herr!« sagte er und reichte mir ein beschriebenes Blatt Papier, »lies, ob ich meinen Herrn denunziere und den Sohn mit dem Vater auseinanderbringen will.«

Ich nahm das Papier aus seinen Händen. Es war die Antwort Saweljitschs auf den an ihn gerichteten Brief. Hier steht Wort für Wort:

»Herr Andrej Petrowitsch, unser gnädiger Vater!

Ihr gnädiges Schreiben habe ich erhalten, in welchem Sie mich, Ihren Knecht, zu schelten geruhten, daß ich mich schämen solle, dem herrschaftlichen Befehle nicht gehorcht zu haben. Ich bin aber kein alter Hund, sondern Ihr treuer Diener, ich gehorche den herrschaftlichen Befehlen, habe Ihnen immer mit Eifer gedient, und meine Haare sind in Ihrem Dienste grau geworden. Ich habe Ihnen von der Wunde Peter Andrejewitschs nichts gemeldet, weil ich Sie nicht unnötig erschrecken wollte, und ich habe gehört, daß die Herrin, unsere Mutter, Awdotja Wassilljewna, sich vor Schrecken hingelegt hat, und ich werde für ihre Gesundheit zu Gott beten, und Peter Andrejewitsch wurde unter der rechten Schulter in die Brust getroffen, gerade unter dem Knöchelchen, anderthalb Zoll tief, und er lag im Hause des Kommandanten, wohin wir ihn vom Ufer trugen. Und der hiesige Bader Stepan Paramonow behandelte ihn, und jetzt ist Peter Andrejewitsch, Gott sei Dank, gesund, und ich kann über ihn nichts als Gutes melden. Die Vorgesetzten sind mit ihm, wie man hört, zufrieden, und Wassilissa Jegorowna behandelt ihn wie den eigenen Sohn. Daß aber diese Affäre hier vorgefallen ist, das macht dem Jungen keine Schande. Hat das Roß auch vier Beine, so strauchelt es doch einmal. Und wenn Sie mir zu schreiben geruhen, daß Sie mich schicken werden, Schweine zu hüten, so geschehe Ihr herrschaftlicher Wille. Ich verneige mich demütig.

Ihr getreuer Diener
Archip Saweljitsch.«

 

Ich mußte einige Male lächeln, als ich das Schriftstück des guten Alten durchlas. Ich selber war nicht imstande, dem Vater zu antworten; um die Mutter zu beruhigen, genügte meiner Ansicht nach der Brief Saweljitschs.

Von dieser Zeit an veränderte sich meine Lage. Marja Iwanowna sprach fast gar nichts mit mir und bemühte sich, mich auf jede Weise zu meiden. Das Kommandantenhaus hatte für mich seinen Reiz verloren. Allmählich gewöhnte ich mich daran, allein zu Hause zu sitzen. Anfangs noch schalt mich Wassilissa Jegorowna deswegen, als sie aber meine Hartnäckigkeit sah, ließ sie mich in Ruhe. Mit Iwan Kusmitsch kam ich nur zusammen, wenn der Dienst es erforderte; Schwabrin sah ich selten und ungern, um so mehr, als ich in ihm die versteckte Feindschaft gegen mich bemerkte, was mich in meinem Verdachte bestärkte. Mein Leben wurde unerträglich, ich verfiel in düsteres Brüten, das durch meine Einsamkeit und Untätigkeit genährt wurde. Meine Liebe brannte in der Einsamkeit noch stärker und wurde von Stunde zu Stunde qualvoller. Ich verlor die Lust am Lesen und an der Literatur. Mein Mut sank. Ich fürchtete, wahnsinnig oder liederlich zu werden. Unerwartete Ereignisse, die auf mein ganzes Leben großen Einfluß hatten, riefen plötzlich in meiner Seele eine starke, wohltuende Erschütterung hervor.

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