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Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 15
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180518
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Vierzehntes Kapitel.
Das Gericht

Der Ruhm der Welt ist wie die Meereswelle.

Sprichwort

 

Ich war überzeugt, daß an allem nur meine eigenwillige Abwesenheit aus Orenburg schuld war. Ich konnte mich leicht rechtfertigen: Streifzüge und Scharmützel waren uns nicht nur nicht verboten, sondern wir wurden sogar aus allen Kräften dazu ermuntert. Ich konnte leichtsinniger Verwegenheit, nicht aber des Ungehorsams beschuldigt werden. Doch meine freundschaftlichen Beziehungen zu Pugatschow konnten von einer Menge von Leuten bezeugt werden und mußten dem Gericht zum mindesten äußerst verdächtig vorkommen. Den ganzen Weg über dachte ich nur an die Verhöre, die mir bevorstanden, überlegte meine Antworten und beschloß vor Gericht die volle Wahrheit zu sagen, denn mir erschien diese Art der Rechtfertigung die einfachste und sicherste zu sein.

Ich kam in Kasan an, das verwüstet und ausgeräuchert war. An den Straßen sah man an Stelle der Häuser nur Kohlenhaufen oder vom Rauche geschwärzte Wände ohne Fenster und ohne Dächer. Das waren die Spuren, die Pugatschow zurückgelassen hatte. Man brachte mich in die Festung, die allein den Brand der Stadt überdauert hatte. Die Husaren übergaben mich dem wachthabenden Offizier. Er ließ einen Schmied rufen. An meinen Füßen wurde eine Kette fest angeschmiedet. Darauf führte man mich in den Kerker, und ließ mich allein in einer dunklen, engen Zelle mit nackten Wänden und einem kleinen vergitterten Fenster.

Dieser Anfang ließ nichts Gutes ahnen. Ich verlor aber weder Festigkeit noch Hoffnung. Ich griff zum Troste aller Traurigen, und nachdem ich zum ersten Male die Süßigkeit des Gebetes gekostet hatte, das einem reinen, aber gequälten Herzen entströmt, schlief ich ruhig ein, ohne mich darum zu sorgen, was mit mir geschehen würde.

Am anderen Tage weckte mich der Schließer mit der Mitteilung, daß man mich vor die Kommission fordere. Zwei Soldaten führten mich über einen Hof in das Kommandantenhaus, blieben im Vorzimmer stehen und ließen mich allein in die inneren Gemächer treten.

Ich kam in einen ziemlich geräumigen Saal. Vor einem Tisch, der ganz mit Papieren bedeckt war, saßen zwei Männer: ein bejahrter General von strengem und kalten Aussehen und ein junger Gardehauptmann von etwa achtundzwanzig Jahren, von sehr angenehmem Äußeren und gewandten, freien Umgangsformen. In der Nähe des Fensters, an einem besonderen Tisch saß der Sekretär mit einer Feder hinter dem Ohr, beugte sich über das Papier und war bereit, meine Geständnisse niederzuschreiben. Das Verhör begann. Man fragte mich zuerst nach Namen und Stand. Der General erkundigte sich, ob ich nicht der Sohn des Andrej Petrowitsch Grinjew sei? Auf meine Antwort erwiderte er rauh:

»Tut mir leid, daß ein so hochachtbarer Mann einen so unwürdigen Sohn hat!«

Ich antwortete ruhig, daß ich die auf mir lastenden Beschuldigungen durch eine offenherzige Darlegung des Geschehenen zu zerstreuen hoffe. Meine Zuversicht gefiel ihm nicht.

»Du bist schlau, Bruder,« brummte er finster, »wir haben schon andere gesehen!«

Dann fragte mich der junge Mann, zu welcher Zeit und zu welchem Zweck ich in Pugatschows Dienst getreten wäre und zu welchen Aufträgen man mich benutzt hätte? Ich antwortete unmutig, daß ich als Offizier und Edelmann in keinerlei Dienstverhältnis zu Pugatschow hätte treten und keinerlei Aufträge von ihm entgegennehmen können.

»Auf welche Weise aber,« erwiderte der verhörende Hauptmann, »wurde ein Edelmann und Offizier allein vom Usurpator verschont, während alle seine Kameraden elend umgebracht wurden? Auf welche Weise tafelte dieser selbe Offizier und Edelmann freundschaftlich mit den Aufrührern und läßt sich von ihrem Hauptmann einen Pelz, ein Pferd und einen halben Rubel schenken? Woher stammt eine so eigentümliche Freundschaft und worauf kann sie sich gründen? Wenn nicht auf Verrat oder zum mindesten auf gemeinem und verbrecherischem Kleinmut!«

Die Worte des Gardeoffiziers beleidigten mich tief und ich begann mich feurig zu rechtfertigen. Ich erzählte, wie ich die Bekanntschaft Pugatschows in der Steppe während eines Schneesturmes gemacht und wie er mich bei der Einnahme der Festung Bjelogorsk erkannt und verschont hatte. Ich sagte, daß ich mir allerdings kein Gewissen gemacht hätte, Pferd und Pelz vom Usurpator anzunehmen; daß ich aber die Festung Bjelogorsk bis zur letzten Möglichkeit gegen den Bösewicht verteidigt hätte. Endlich berief ich mich auf meinen General, der meinen Eifer während der furchtbaren Belagerung Orenburgs bezeugen konnte.

Der strenge Greis nahm einen geöffneten Brief vom Tisch und las ihn mir laut vor:

»Auf die Anfrage Eurer Exzellenz bezüglich des Fähnrichs Grinjew, der in die gegenwärtigen Unruhen verwickelt und in dienstwidrige und verräterische Beziehungen zu dem Halunken getreten sein soll, habe ich die Ehre, zu erwidern: jener Fähnrich Grinjew diente in Orenburg vom Beginn des Oktobers des vergangenen Jahres 1773 bis zum 24. Februar des jetzigen Jahres, an welchem Tage er die Stadt verließ und bis zum heutigen Tage nicht mehr unter mein Kommando zurückkehrte. Von Überläufern wird erzählt, daß er bei Pugatschow im Lager gewesen und mit ihm zusammen zur Festung Bjelogorsk gefahren sei, wo er früher im Dienste stand; was sein Betragen angeht, so kann ich ...«

Hier unterbrach er das Lesen und sagte mir in rauhem Tone:

»Was willst du nun zu deiner Rechtfertigung sagen?«

Ich wollte fortfahren, wie ich begonnen, und meine Beziehungen zu Marja Iwanowna erklären, wie alles frühere, fühlte aber plötzlich einen unüberwindlichen Widerwillen davor. Es fuhr mir durch den Kopf, daß, wenn ich sie erwähne, die Kommission sie gewiß als Zeugin vorladen würde, und der Gedanke, ihren Namen in diese widerwärtigen Denunziationen von Schurken zu verwickeln und sie selber ihnen gegenüberstellen zu lassen – dieser entsetzliche Gedanke verstörte mich so, daß ich nicht mehr weiter wußte und mich verwirrte.

Meine Richter, die meine Antworten schon mit einigem Wohlwollen anzuhören begannen, waren nun beim Anblick meiner Verwirrung aufs neue gegen mich eingenommen. Der Gardeoffizier verlangte, daß man mir den Hauptdenunzianten vorführen wolle. Der General befahl, den gestrigen Schuft zu holen. Lebhaft wandte ich mich zur Türe und erwartete meinen Ankläger. Nach einigen Minuten klirrten Ketten, die Tür öffnete sich und – Schwabrin trat herein. Seine Veränderung machte mich staunen. Er war furchtbar abgemagert und sehr blaß. Seine Haare, noch kürzlich schwarz wie Pech, waren völlig ergraut; sein langer Bart war in Unordnung. Er wiederholte seine Beschuldigungen mit schwacher, aber frecher Stimme. Nach seinen Worten hatte mich Pugatschow nach Orenburg als Spion geschickt; täglich ritt ich zu den Scharmützeln, um ihm schriftliche Nachrichten zukommen zu lassen; endlich wäre ich ganz zum Usurpator übergegangen, hätte mit ihm alle Festungen bereist, im Bestreben, all meine Kameraden und Mitverräter zu verderben, um ihre Stellen einzunehmen – und ich hätte auch verschiedene Belohnungen, die der Usurpator verteilt, angenommen. Ich hörte schweigend zu und war nur mit einem zufrieden: der gemeine Bösewicht hatte Marja Iwanownas Namen nicht ausgesprochen, vielleicht weil seine Eigenliebe beim Gedanken an jene litt, die ihn mit Verachtung abgewiesen, vielleicht aber weil in seinem Herzen noch ein Funken jenes Gefühls war, das mich schweigen ließ. Wie dem auch sei, die Tochter des Hauptmanns von Bjelogorsk wurde vor der Kommission nicht erwähnt. Ich wurde in meinem Entschlusse noch fester und als mich die Richter fragten, womit ich die Geständnisse Schwabrins hinfällig machen könnte, entgegnete ich nur, daß ich mich an meine erste Erklärung hielte und nichts weiter zu meiner Rechtfertigung vorzubringen hätte. Der General befahl, uns beide abzuführen. Wir gingen zusammen hinaus. Ruhig sah ich Schwabrin an und sagte kein Wort. Er lächelte boshaft, hob seine Ketten an, überholte mich und beschleunigte seine Schritte. Mich führte man wieder in den Kerker zurück und ich wurde nicht mehr verhört.

Ich war nicht Zeuge alles dessen, was ich dem Leser nun mitzuteilen habe; doch ich hörte so oft davon erzählen, daß sich sogar die kleinsten Einzelheiten meinem Gedächtnis eingeprägt haben und es mir scheint, als wäre ich unsichtbar stets dabei gewesen.

Marja Iwanowna war von meinen Eltern mit jener aufrichtigen Gastfreundschaft empfangen worden, die Leute alten Schlages auszeichnet. Sie sahen einen Fingerzeig darin, daß Gott ihnen Gelegenheit gegeben hatte, eine arme Waise zu pflegen und ihr Liebes zu erweisen. Bald hingen sie aufrichtig an ihr, denn es war unmöglich, sie zu kennen und nicht lieben zu lernen. Meine Liebe erschien dem Vater nicht mehr als einfache Blague, und die Mutter wünschte nichts anderes, als daß ihr Petruscha die liebe Hauptmannstochter heiraten möge.

Die Nachricht von meiner Verhaftung verstörte die ganze Familie. Marja Iwanowna hatte meinen Eltern von meiner eigentümlichen Bekanntschaft mit Pugatschow in so einfachen Worten erzählt, daß sie dieses Begebnis nicht nur nicht beunruhigte, sondern sie manchmal herzlich lachen machte. Mein Vater wollte nicht glauben, daß ich in diesen gemeinen Aufruhr, dessen Ziel der Sturz des Thrones und die Vernichtung der Edelleute war, verwickelt sein könnte. Er nahm Saweljitsch streng ins Gebet. Mein Erzieher verheimlichte nicht, daß sein Herr bei Jemeljan Pugatschow zu Gaste gewesen war und daß der Halunke ihn auch beschenkt hätte, schwur jedoch, daß von einem Verrate nicht die Rede sein könnte. Die Alten beruhigten sich und harrten mit Ungeduld auf bessere Nachrichten. Marja Iwanowna war sehr aufgeregt, schwieg jedoch, denn sie war im höchsten Grade bescheiden und vorsichtig.

Einige Wochen vergingen ... Plötzlich erhielt mein Vater einen Brief von unserm Verwandten aus Petersburg, dem Fürsten B. Der Fürst schrieb über mich. Nach der gewöhnlichen Einleitung erklärte er, daß der Verdacht bezüglich meiner Beteiligung an den Plänen der Aufrührer leider nur allzu begründet sei, und daß mich eigentlich eine exemplarische Strafe erwarten müßte, daß aber die Kaiserin aus Achtung vor den Verdiensten und dem Alter des Vaters sich entschlossen hätte, den verbrecherischen Sohn zu begnadigen, und, ihn von der schmachvollen Hinrichtung befreiend, befohlen habe, ihn nur in das fernste Sibirien zur lebenslänglichen Ansiedelung zu verbannen.

Dieser unerwartete Schlag hätte meinen Vater fast getötet. Er verlor seine gewöhnliche Festigkeit und seine Trauer (die gewöhnlich stumm war) strömte in bitteren Klagen aus.

»Wie!« wiederholte er außer sich, »mein Sohn hat sich am Aufruhr Pugatschows beteiligt! Gerechter Gott! muß ich das erleben! Die Kaiserin begnadigt ihn von der Hinrichtung, aber ist es mir darum zu tun? Nicht die Hinrichtung ist schrecklich! Mein Ahne starb auf dem Richtplatz, aber er verteidigte bis zum letzten Moment, was er für das Heiligtum seines Gewissens hielt; mein Vater litt gleichzeitig mit Wolijnski und Chruschtschow. Ein Edelmann jedoch, der den Schwur der Treue bricht, sich mit Räubern zusammentut, mit Mördern, mit entflohenen Sklaven! ... Ach, diese Schmach und Schande unserm Geschlecht! ...«

Meine Mutter, die seine Verzweiflung erschreckte, wagte nicht vor ihm zu weinen und bemühte sich auf jede Weise, ihm neuen Mut zu machen, indem sie von der Unwahrheit der Nachricht sprach und vom Wankelmut der Menschen. Mein Vater war untröstlich.

Marja Iwanowna litt mehr als die anderen. Sie war davon überzeugt, daß ich mich rechtfertigen könnte, wenn ich nur wollte, ahnte die Wahrheit und hielt sich für die einzige Schuldige meines Unglücks. Ihre Tränen und Leiden verbarg sie vor allen und sann ununterbrochen über ein Mittel nach, mich zu retten.

Eines Abends saß mein Vater auf dem Sofa und blätterte im »Hofkalender«, seine Gedanken aber waren fern und die Lektüre machte durchaus nicht ihren gewöhnlichen Eindruck auf ihn. Er pfiff einen alten Marsch vor sich hin. Schweigend strickte meine Mutter an einer wollenen Unterjacke und zuweilen fielen Tränen auf ihre Arbeit. Plötzlich erklärte Marja Iwanowna, die gleichfalls hinter einer Arbeit saß, daß sie unbedingt nach Petersburg fahren müßte, und daß sie bäte, ihr die Mittel zur Fahrt zu geben. Meine Mutter wurde sehr traurig.

»Was willst du in Petersburg?« sagte sie. »Willst auch du, Marja Iwanowna, uns verlassen?«

Marja Iwanowna entgegnete, daß ihr ganzes zukünftiges Los von dieser Reise abhänge, und daß sie als die Tochter eines Menschen, der um seine Treue gelitten, mächtige Leute um Hilfe und Schutz angehen wolle.

Mein Vater ließ den Kopf sinken; jedes Wort, das ihm das scheinbare Verbrechen seines Sohnes ins Gedächtnis zurückrief, bedrückte ihn und er empfand es als bitteren Vorwurf.

»Fahre, Mütterchen,« sagte er mit einem Seufzer, »wir wollen deinem Glück nicht im Wege stehen, gebe Gott dir zum Gemahl einen guten Menschen und keinen gebrandmarkten Verräter.«

Er erhob sich und ging aus dem Zimmer.

Mit meiner Mutter allein zurückgeblieben, erklärte Marja Iwanowna teilweise ihr Vorhaben. Meine Mutter umarmte sie unter Tränen und betete zu Gott um ein glückliches Ende ihres Vorhabens. Man rüstete Marja Iwanowna aus und nach einigen Tagen machte sie sich auf den Weg mit der treuen Palaschka und dem treuen Saweljitsch, der, wenn er auch gewaltsam von mir getrennt war, sich doch mit dem Gedanken tröstete, im Dienste meiner verlobten Braut zu stehen.

Marja Iwanowna kam glücklich in Sofia Vorort von Petersburg. an, erfuhr jedoch, daß der Hof sich zu dieser Zeit in Zarskoje Sselo aufhalte und beschloß, dort ihren Aufenthalt zu nehmen. Man wies ihr ein Winkelchen hinter einer spanischen Wand an. Die Frau des Aufsehers kam sofort mit ihr ins Gespräch, erklärte, daß sie die Nichte des Hofheizers sei und machte sie mit allen Geheimnissen des Hoflebens bekannt. Sie erzählte, zu welcher Zeit die Kaiserin gewöhnlich aufwache, Kaffee trinke, spazieren gehe; welche Würdenträger sich dann um sie befänden, was sie am gestrigen Tage bei Tisch zu sprechen geruht und wen sie am Abend empfangen hatte. Mit einem Wort: das Gespräch Anna Wlasjewnas ersetzte einige Seiten historischer Memoiren und wäre für die Nachwelt nicht ohne Wert. Marja Iwanowna hörte ihr aufmerksam zu. Sie gingen in den Garten. Anna Wlasjewna erzählte die Geschichte jeder Allee und jeder Brücke, und als sie lange genug spazierengegangen waren, kehrten sie sehr befriedigt voneinander zurück.

Am andern Tage erwachte Marja Iwanowna schon sehr früh, zog sich an und ging in den Garten. Der Morgen war schön, die Sonne beleuchtete die Wipfel der Linden, die der frische Hauch des Herbstes gelb gefärbt hatte. Regungslos glänzte der weite See. Die erwachten Schwäne kamen majestätisch aus Büschen hervorgeschwommen, die das Ufer beschatteten. Marja Iwanowna ging auf der prächtigen Wiese auf und ab, wo erst vor kurzem ein Denkmal zu Ehren der Siege des Grafen Peter Alexandrowitsch Rumjanzew errichtet worden war. Plötzlich bellte ein weißes Hündchen englischer Rasse und lief ihr entgegen. Marja Iwanowna erschrak und blieb stehen. Gleichzeitig hörte sie eine angenehme Frauenstimme:

»Keine Furcht, er beißt nicht.«

Und Marja Iwanowna erblickte eine Dame, die dem Denkmal gegenüber auf einer Bank saß. Marja Iwanowna nahm am anderen Ende der Bank Platz. Die Dame sah sie lange an; auch Marja Iwanowna warf einige Blicke auf ihre Nachbarin und betrachtete sie von oben bis unten. Sie trug ein weißes Morgengewand, eine kleine Nachthaube und eine warme Jacke. Sie mochte etwa vierzig Jahre alt sein. Aus ihrem vollen und rosigen Gesicht sprachen Würde und Ruhe, ihre blauen Augen jedoch und ihr leichtes Lächeln hatten einen unsagbaren Reiz. Die Dame brach das Schweigen.

»Sie sind gewiß nicht von hier?« sagte sie.

»Allerdings. Ich kam erst gestern aus der Provinz an.«

»Kamen Sie mit ihren Verwandten?«

»O nein, ich kam allein.«

»Allein! Aber Sie sind noch so jung ...«

»Ich habe weder Vater noch Mutter.«

»Sie sind gewiß in irgendwelchen Angelegenheiten hier?«

»Allerdings. Ich kam, um der Kaiserin eine Bittschrift zu überreichen.«

»Sie sind eine Waise, augenscheinlich beklagen Sie sich über Ungerechtigkeit und Beleidigungen?«

»O nein. Ich kam um Gnade zu bitten und nicht um Gerechtigkeit.«

»Gestatten Sie zu fragen, wer Sie sind?«

»Die Tochter des Hauptmanns Mironow.«

»Des Hauptmanns Mironow! Also desjenigen, der Kommandant einer Orenburger Festung war?«

»Allerdings.«

Die Dame schien gerührt zu sein.

»O verzeihen Sie,« sagte sie mit einer noch liebenswürdigeren Stimme, »wenn ich mich in Ihre Angelegenheiten mische; aber ich bin zuweilen bei Hof, erklären Sie mir, worin Ihre Bitte besteht und vielleicht gelingt es mir, Ihnen zu helfen.«

Marja Iwanowna erhob sich und dankte ihr achtungsvoll. An dieser fremden Dame zog alles ihr Herz an und flößte Zutrauen ein. Marja Iwanowna nahm ein gefaltetes Papier aus der Tasche und gab es ihrer unbekannten Beschützerin, die es zu lesen begann.

Anfangs las sie mit gnädiger und aufmerksamer Miene; plötzlich aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und Marja Iwanowna, die mit den Augen alle ihre Bewegungen verfolgte, erschrak über die Strenge in diesem Antlitz, das noch vor einer Minute so heiter und ruhig war.

»Sie bitten für Grinjew?« sagte die Dame kalt. »Der Kaiserin ist es unmöglich, ihm zu verzeihen. Er ging zum Usurpator nicht aus Unwissenheit oder Leichtgläubigkeit über, sondern als ein sittenloser und gefährlicher Taugenichts.«

»Das ist nicht wahr!« brach Maria Iwanowna aus.

»Wie, nicht wahr!« versetzte die Dame und das Blut schoß ihr ins Gesicht.

»Es ist nicht wahr, bei Gott nicht wahr! Ich weiß alles und werde Ihnen alles sagen. Nur um mich hat er sich allem ausgesetzt, was ihn betroffen hat und vor Gericht konnte er sich deswegen nicht rechtfertigen, gewiß nur deswegen nicht, weil er mich nicht hineinziehen wollte.«

Sie erzählte eifrig alles, was meinem Leser schon bekannt ist.

Die Dame hörte ihr aufmerksam zu.

»Wo sind Sie abgestiegen?« fragte sie dann und als sie den Namen Anna Wlasjewna hörte, lächelte sie. »Ah so! Ich weiß schon. Leben Sie wohl und erzählen Sie niemandem von unserer Begegnung. Ich glaube, Sie werden nicht allzu lange die Antwort auf Ihren Brief erwarten müssen.«

Bei diesen Worten stand sie auf und schritt durch einen Laubengang fort, Marja Iwanowna kehrte voll froher Hoffnungen zu Anna Wlasjewna zurück.

Ihre Wirtin schalt sie, denn ein so früher Herbstspaziergang, sagte sie, sei der Gesundheit junger Mädchen schädlich. Dann brachte sie den Samowar herbei und wollte bei einer Tasse Tee ihre endlosen Gespräche über den Hof erneuern, als plötzlich eine Hofequipage vor ihrer Tür hielt und ein Kammerlakei mit der Meldung eintrat, die Kaiserin geruhe, die Jungfrau Mironow vor sich zu bitten.

Anna Wlasjewna erstaunte und lief hin und her.

»Mein Gott!« schrie sie, »die Kaiserin bittet Sie zu Hof. Ja, wie hat sie denn von Ihnen erfahren? Und wie wollen Sie sich denn der Kaiserin vorstellen, Mütterchen. Sie verstehen ja nicht einmal, sich nach Hofart zu bewegen ... Ob ich Sie nicht begleiten sollte? Immerhin könnte ich Ihnen hie und da behilflich sein. Und wie können Sie denn in Ihrem Reisekleid vor die Kaiserin treten. Soll ich nicht zur Hebamme schicken? Und sie um ihr gelbes Seidenkleid bitten lassen?«

Der Kammerlakei erklärte, die Kaiserin hätte gewünscht, Marja Iwanowna allein zu sehen und in dem Kleide, das sie gerade anhabe. Nichts war zu tun: Marja Iwanowna setzte sich in den Wagen und fuhr, begleitet von Rat und Segenssprüchen Anna Wlasjewnas, zum Palais.

Marja Iwanowna fühlte die nahende Entscheidung ihres Schicksals; ihr Herz schlug stark und stockte wieder. Schon nach einigen Minuten hielt der Wagen vor dem Palais. Zitternd stieg Maria Iwanowna die Treppen hinauf. Die Tür wurde weit von ihr geöffnet. Sie durchschritt eine lange Reihe leerer Prunkgemächer. Der Kammerlakai zeigte ihr den Weg. Endlich hielten sie vor einer geschlossenen Türe, er ging fort, um sie zu melden und sie blieb allein.

Der Gedanke, die Kaiserin von Angesicht zu Angesicht zu sehen, erschreckte sie so, daß sie sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Schon nach einer Minute ging die Türe auf und sie trat in das Boudoir der Kaiserin.

Die Kaiserin saß bei der Toilette. Mehrere Hofdamen umgaben sie und ließen Marja achtungsvoll durch. Die Kaiserin wandte sich freundlich zu ihr und Marja Iwanowna erkannte in ihr dieselbe Dame, mit der sie noch vor kurzem so aufrichtig gesprochen hatte. Die Kaiserin rief sie heran und sagte ihr lächelnd:

»Ich freue mich, daß ich mein Wort halten und Ihre Bitte erfüllen kann. Ihre Angelegenheit ist erledigt. Ich habe mich von der Unschuld Ihres Verlobten überzeugt. Hier ist ein Brief, den ich Sie bitte, Ihrem zukünftigen Schwiegervater zu überbringen.«

Marja Iwanowna ergriff den Brief mit zitternder Hand, sie weinte und fiel der Kaiserin zu Füßen, welche sie aufhob und küßte. Dann erklärte ihr die Kaiserin:

»Ich weiß, daß Sie nicht reich sind,« sagte sie, »aber ich bin die Schuldnerin der Tochter des Hauptmanns Mironow, sorgen Sie nicht um die Zukunft. Ich übernehme es, Ihre Vermögensangelegenheiten zu ordnen.«

Sie küßte die arme Waise und entließ sie dann. Marja Iwanowna kehrte in demselben Hofwagen wieder zurück. Anna Wlasjewna erwartete ungeduldig ihre Rückkehr und überschüttete sie mit Fragen, die Marja Iwanowna nur obenhin beantwortete. Anna Wlasjewna war damit nicht zufrieden, gab aber ihrer ländlichen Schüchternheit die Schuld und verzieh ihr großmütig. Marja Iwanowna war nicht neugierig, Petersburg zu sehen und kehrte noch am selben Tage ins Dorf zurück ...

*

Hier brechen die Aufzeichnungen des Peter Andrejewitsch Grinjew ab. Die Familientradition berichtet, daß man ihn gegen Ende des Jahres 1774 durch einen eigenhändigen Erlaß der Kaiserin aus seiner Haft befreite, daß er der Hinrichtung Pugatschows beigewohnt hätte, der ihn in der Menge erkannte und ihm mit dem Kopf, der schon nach einer Minute tot und blutig dem Volke gezeigt wurde, zunickte. Bald darauf heiratete Peter Andrejewitsch Marja Iwanowna. Ihre Nachkommen leben im Gouvernement Simbirsk. Etwa dreißig Werst von *** befindet sich ein Dorf, das zehn Gutsbesitzern gehört. In einem der Flügel des Herrenhauses zeigt man hinter Glas und Rahmen einen eigenhändigen Brief Katharinas II.; er ist an den Vater Peter Andrejewitschs gerichtet und enthält eine Rechtfertigung seines Sohnes, wie das Lob des Verstandes und Herzens der Tochter des Hauptmanns Mironow.

Das Manuskript des Peter Andrejewitsch Grinjew wurde uns von einem seiner Enkel zur Verfügung gestellt, der davon erfuhr, daß uns eine Arbeit über jene Zeit, die sein Ahne beschrieben hatte, beschäftigte. Wir entschlossen uns, nachdem wir die Erlaubnis der Verwandten eingeholt hatten, das Manuskript gesondert herauszugeben, wobei wir vor jedes Kapitel ein entsprechendes Motto setzten und uns erlaubten, einige Eigennamen zu verändern.

1836.
Der Herausgeber.

 

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