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Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 14
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.
Der Arrest

»Erzürnen Sie nicht, Herr. Pflicht ist es, die mich zwingt,
Daß man Sie augenblicks in das Gefängnis bringt!«
»Ich bin bereit, beliebt's, doch hoff' ich, Sie verwehren
Mir nicht, den Vorfall erst vor Ihnen aufzuklären.«

Kujaschnin

 

Die unerwartete Vereinigung mit dem geliebten Mädchen, dessen Schicksal mich noch am Morgen mit qualvoller Unruhe erfüllt hatte, schien mir kaum glaublich, sie kam mir wie ein leeres Traumbild vor. Gedankenvoll sah Marja Iwanowna bald auf mich, bald auf den Weg und schien noch immer nicht zu sich gekommen zu sein. Wir schwiegen. Unsere Herzen waren zu ermattet. Fast ohne daß wir es bemerkten, kamen wir nach zwei Stunden in der nächsten Festung an, die gleichfalls Pugatschow untertan war. Hier wechselten wir die Pferde. An der Schnelligkeit, mit welcher sie eingespannt wurden, an der Dienstfertigkeit des bärtigen Kosaken, den Pugatschow zum Kommandanten ernannt hatte, erkannte ich, daß der Fuhrmann, der uns hierher geführt, geschwatzt haben mußte, und daß man mich für einen Höfling oder Günstling des Machthabers hielt.

Wir begaben uns weiter. Es dämmerte. Wir näherten uns einem Städtchen, wo wir nach den Worten des bärtigen Kommandanten eine starke Truppenabteilung antreffen würden, die zu dem Usurpator stoßen sollte. Wir wurden von den Wachen angerufen. Auf die Frage »Wer da« antwortete der Fuhrmann laut: »Des Kaisers Gevatter und seine Hausfrau.« Plötzlich umringte uns ein Haufen Husaren, die fürchterlich schimpften.

»Steig aus, Gevatter des Teufels!« rief mir ein schnauzbärtiger Wachtmeister zu, »jetzt heizen wir dir und deiner Hausfrau das Bad.«

Ich stieg aus dem Wagen und verlangte, daß man mich vor den Anführer bringen sollte. Da sie einen Offizier in mir erkannten, stellten die Soldaten ihr Schimpfen ein. Der Wachtmeister führte mich zum Major. Saweljitsch blieb keinen Schritt zurück und murmelte unzufrieden: »Kaisers Gevatter! Aus dem Regen in die Traufe ... Mein Gott, wie soll das bloß enden?« Unser Wagen fuhr uns im Schritt nach.

Nach fünf Minuten hielten wir vor einem hellerleuchteten Häuschen. Der Wachtmeister ließ eine Wache bei mir zurück und ging, mich zu melden. Er kehrte sofort zurück und teilte mir mit, daß Seine Hochwohlgeboren mich nicht empfangen könnten, aber befohlen hätten, mich ins Gefängnis zu bringen, meine Hausfrau jedoch vorzuführen.

»Was soll das heißen?« fuhr ich wütend auf, »ist er denn verrückt geworden?«

»Das kann ich nicht wissen. Euer Wohlgeboren«, meinte der Wachtmeister, »Seine Hochwohlgeboren haben nur befohlen, Eure Wohlgeboren ins Gefängnis zu bringen, Ihre Wohlgeboren jedoch vor Seine Hochwohlgeboren zu führen, Euer Wohlgeboren!«

Flugs eilte ich die Treppe hinauf. Die Wachen dachten gar nicht daran, mich zurückzuhalten und ich lief geradewegs in das Zimmer, wo etwa sechs Husarenoffiziere Karte spielten. Der Major hielt die Bank. Wie groß war meine Verwunderung, als ich ihn ansah und Iwan Iwanowitsch Surin erkannte, der mir vormals im Gasthaus von Simbirsk so viel Geld abgewonnen hatte!

»Ist es möglich?« schrie ich, »Iwan Iwanowitsch, bist du's etwa?«

»Bah, bah, bah, Peter Andrejewitsch! Wie kommst du hierher und woher? Guten Tag, Bruder! Willst du nicht eine Karte setzen?«

»Besten Dank. Aber laß mir lieber ein Quartier anweisen.«

»Ein Quartier? Bleib bei mir.«

»Unmöglich, ich bin nicht allein.«

»Dann führ deinen Kameraden herein.«

»Ich bin mit keinem Kameraden. Ich ... bin mit einer Dame.«

»Mit einer Dame! Wo hast du denn die aufgegabelt? Schau, schau, Brüderchen!«

Und bei diesen Worten pfiff Surin so ausdrucksvoll, daß alle lachten und ich vollständig verlegen wurde.

»Nun,« setzte Surin fort, »sei's denn. Und du sollst dein Quartier bekommen. Schade ... wir hätten so schön zechen können wie früher ... He, Junge! Ja, wo bleibt denn die Gevatterin des Pugatschow? Ist sie störrisch? Sag ihr, sie braucht mich nicht zu fürchten; der Herr wäre sehr nett und würde sie durchaus nicht beleidigen – und bringe sie gleich hierher.«

»Was hast du vor?« fragte ich Surin, »und was heißt das: Pugatschows Gevatterin? Es ist die Tochter des verstorbenen Hauptmanns Mironow. Ich habe sie aus der Gefangenschaft befreit und begleite sie nun auf das Gut meines Vaters, um sie dort unterzubringen.«

»Wie? So hat man dich soeben gemeldet? Ja, was hat denn das alles zu bedeuten?«

»Das will ich dir später erzählen. Jetzt aber um Gottes willen beruhige das arme Mädchen, das deine Husaren erschreckt haben.«

Surin traf sofort seine Anordnungen. Er eilte selber auf die Straße, um sich vor Marja Iwanowna des Mißverständnisses wegen zu entschuldigen und befahl dem Wachtmeister, ihr das beste Quartier in der ganzen Stadt anzuweisen. Ich selber blieb bei ihm zur Nacht.

Nachdem wir zu Abend gegessen hatten und allein waren, erzählte ich ihm meine Abenteuer. Surin hörte mich mit großer Aufmerksamkeit an. Als ich zu Ende war, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Das ist ja alles ganz gut, Bruder, nur eins ist schlecht: welcher Teufel reitet dich, heiraten zu wollen? Ich bin ein ehrlicher Offizier und will dir nichts vormachen; aber glaube mir, die Ehe ist Blague. Was sollst du mit einem Weibe und mit Kindern, die man warten muß? Spuck darauf. Hör meinen Rat: binde dich nicht mit der Tochter des Hauptmanns. Den Weg nach Simbirsk habe ich gesäubert und er ist jetzt gefahrlos. Schicke sie morgen allein zu deinen Eltern, du aber bleib hier und tritt in meine Abteilung ein. Nach Orenburg zurückkehren ist unnütz. Du könntest wieder in die Hände der Aufrührer fallen und ihnen diesmal kaum entwischen. Auf diese Weise wird deine ganze verliebte Torheit von selber vergehen und alles wird gut enden.«

Wenn ich auch nicht ganz mit ihm einverstanden war, fühlte ich doch, daß das Gebot der Ehre meine Anwesenheit im Heere der Kaiserin erheische. Ich beschloß Surins Rat zu befolgen: Marja Iwanowna ins Dorf zu schicken und selber in seine Abteilung einzutreten.

Saweljitsch erschien, mich auszukleiden; ich erklärte ihm, daß er sich am nächsten Tage mit Marja Iwanowna auf den Weg machen müsse. Er wollte aufbegehren.

»Was Herr? Ich sollte dich verlassen? Wer wird denn auf dich acht geben? Was werden deine Eltern sagen?«

Da ich die Hartnäckigkeit meines Dieners kannte, beschloß ich, ihn durch Freundlichkeit und Aufrichtigkeit zu überzeugen.

»Mein lieber Freund Archip Saweljitsch!« sagte ich. »Sei mein Wohltäter und schlage es mir nicht ab; ich habe hier keinen Diener nötig, werde aber unruhig sein, wenn Marja Iwanowna sich ohne dich auf den Weg machen würde. Wenn du ihr dienst, dienst du auch mir, denn ich bin fest entschlossen, sie, sobald es die Verhältnisse erlauben, zu heiraten.«

Saweljitsch schlug die Hände mit einem Ausdruck unsagbaren Erstaunens zusammen.

»Heiraten!« wiederholte er, »heiraten will das Kind, und was wird der Vater dazu sagen und was wird die Mutter davon denken?«

»Werden einwilligen, werden ganz sicher einwilligen,« antwortete ich, »sobald sie nur Marja Iwanowna kennen. Ich verlasse mich auf dich. Vater und Mutter glauben dir; und du mußt unser Fürsprecher werden, nicht wahr?«

Dies rührte den Alten.

»Ach Väterchen Peter Andrejewitsch!« antwortete er. »Es ist sehr früh für dich zu heiraten. Aber Marja Iwanowna ist ein so gutes Fräulein, daß es Sünde wär, die Gelegenheit verstreichen zu lassen. Sei's wie du willst! Ich will sie begleiten, diesen Engel Gottes, und deinen Eltern in aller Unterwürfigkeit mitteilen, daß solch eine Braut keine Mitgift nötig hat.«

Ich dankte Saweljitsch und legte mich in Surins Zimmer schlafen. Ich war so aufgeregt, daß ich reden mußte. Surin unterhielt sich anfangs mit großem Vergnügen, allmählich jedoch wurden seine Worte seltener und zusammenhangsloser; endlich hörte ich ihn als Antwort auf irgend eine Frage schnarchen und mit pfeifendem Geräusch tief atmen. Ich verstummte und muß bald darauf seinem Beispiel gefolgt sein.

Am Morgen des nächsten Tages ging ich zu Marja Iwanowna. Ich teilte ihr mein Vorhaben mit. Auch sie hielt es für vernünftig und war sofort mit mir einverstanden. Surins Abteilung sollte die Stadt schon an diesem Tage verlassen. Es durfte nicht gezaudert werden. Ich verabschiedete mich von Marja Iwanowna, vertraute sie Saweljitsch an und gab ihr einen Brief an meine Eltern mit. Marja Iwanowna weinte.

»Leben Sie wohl, Peter Andrejewitsch,« sagte sie leise, »ob wir uns wiedersehen oder nicht, weiß nur Gott, nie aber werde ich Sie vergessen, bis ins Grab hinein bleibst du allein in meinem Herzen.«

Ich vermochte nichts zu erwidern. Es kamen Leute. Vor ihnen wollte ich mich nicht den Gefühlen hingeben, die mich bewegten. So fuhr sie fort. Ich kehrte zu Surin traurig und schweigsam zurück. Er wollte mich aufheitern und auch ich gedachte mich zu zerstreuen; lärmend und wild verbrachten wir den Tag und am Abend machten wir uns auf den Marsch.

Das alles geschah Ende Februar. Der Winter, der alle militärischen Aktionen gehemmt hatte, verging und unsere Generale bereiteten sich zu einer gemeinsamen Aktion vor. Pugatschow stand noch immer vor Orenburg. Unterdessen vereinigten sich in der Nähe die Truppen und marschierten von allen Seiten auf das Räuberlager los. Die Dörfer der Meuterer kehrten beim Anblick unserer Truppen zum Gehorsam zurück; die Räuberscharen flohen und alles verhieß eine rasche und glückliche Beendigung des Krieges.

Unterdessen hatte auch Fürst Galizin Pugatschow vor der Festung Tatischtschewo geschlagen, seine Scharen zerstreut, Orenburg befreit und den Aufruhr, wie es schien, entscheidend niedergeschlagen. Gleichzeitig war Surin gegen eine Rotte meuternder Baschkiren geschickt worden, die sich allerdings noch ehe wir sie sahen, zerstreut hatten. Der Frühling bannte uns in ein Tatarendörfchen. Die Flüsse traten aus und die Wege wurden ungangbar. In unserer Untätigkeit tröstete uns der Gedanke an das baldige Ende dieses langweiligen Guerillakrieges mit Räubern und Wilden.

Pugatschow aber wurde nicht gefangen. Er tauchte in den Fabrikdörfern Sibiriens auf, sammelte dort neue Banden und begann wieder seine Raubzüge. Und wieder ging das Gerücht von seinen Erfolgen um. Wir erhielten Kunde von der Zerstörung sibirischer Festungen. Bald kam die Nachricht von der Einnahme Kasans, sowie von des Usurpators Marsch auf Moskau und weckte die Truppenführer, die sich, in der Hoffnung auf die Schwäche des verachteten Aufrührers, der Ruhe hingegeben hatten.

Surin erhielt Befehl, über die Wolga zu setzen und nach Simbirsk zu eilen, wo die Flamme des Aufruhrs bereits um sich griff. Der Gedanke, daß es mir vielleicht glücken würde, das Dorf der Meinigen aufzusuchen, die Eltern zu umarmen und Marja Iwanowna wiederzusehen, erfüllte mich mit großer Freude. Ich tanzte herum wie ein Kind, umarmte Surin und wiederholte: »Nach Simbirsk! Nach Simbirsk!« Surin seufzte, zuckte die Achseln und sprach: »Nein, dir wird es nie gutgehen. Du wirst heiraten und um nichts und wieder nichts verderben.«

Wir näherten uns dem Wolgaufer. Unser Regiment erreichte das Dorf *** und schlug dort sein Nachtquartier auf. Am Morgen des nächsten Tages hatten wir vor, den Fluß zu überschreiten. Der Dorfälteste teilte mir mit, daß an jenem Ufer alle Dörfer meuterten; die Scharen Pugatschows zögen durch das Land.

Diese Nachricht erregte mich sehr.

Große Ungeduld bemächtigte sich meiner, sie ließ mir keine Ruhe. Das Dorf meines Vaters lag etwa dreißig Werst vom andern Flußufer entfernt. Ich zog Erkundigungen ein, ob sich nicht jemand fände, der mich über den Fluß zu setzen bereit wäre. Alle Bauern waren Fischer; Kähne waren genug da. Ich ging zu Surin und erzählte ihm mein Vorhaben.

»Gib acht,« sagte er mir, »es ist gefährlich, allein zu reisen. Wart bis zum Morgen. Wir wollen als erste über den Fluß setzen und dann deine Eltern besuchen, aber fünfzig Husaren nehmen wir auf alle Fälle mit.«

Aber ich blieb bei meinem Plane. Das Boot war bald bereit. Ich und zwei Fährleute nahmen in ihm Platz. Sie stießen ab und ruderten kräftig.

Der Himmel war klar, der Mond schien, das Wetter war ruhig. Die Wolga strömte langsam und ruhig dahin. Leise schaukelnd glitt das Boot über die Oberfläche des dunklen Wassers. Eine halbe Stunde verging. Ich versank in phantastische Träumereien; die Ruhe der Natur, die politischen Schrecken, die Liebe und andere ... Wir erreichten die Mitte des Stromes ... Plötzlich fingen die Fährleute untereinander zu flüstern an.

»Was ist los«, fragte ich neugierig.

»Wir wissen nicht, Gott weiß«, antworteten die Schiffer und schauten zur Seite.

Meine Blicke gingen nach derselben Richtung und ich sah in der Finsternis etwas die Wolga herabschwimmen. Der unbekannte Gegenstand näherte sich, ich befahl den Fährleuten zu halten und ihn zu erwarten.

Eine Wolke verdunkelte den Mond. Die schwimmende Erscheinung wurde immer dunkler. Sie war schon nahe, ich konnte aber immer noch nichts erkennen.

»Was das bloß sein könnte«, fragten die Fährleute: »ein Segel ist es nicht, ein Mast auch nicht.«

Plötzlich trat der Mond wieder hervor und beschien ein furchtbares Bild. Uns entgegen trieb ein Galgen, der auf einem Floß errichtet war. Drei Körper hingen am Querbalken. Krankhafte Neugier bemächtigte sich meiner. Ich wollte die Gesichter der Gehängten sehen. Auf meinen Befehl hielten die Fährleute das Floß mit einem Haken an und mein Boot stieß an den schwimmenden Galgen. Ich sprang heraus und befand mich zwischen diesen entsetzlichen Pfosten. Auf die entstellten Gesichter der Unglücklichen fiel volles Mondlicht ... Einer von ihnen war ein alter Tschuwasche, der zweite ein starker und gesunder russischer Bauer von etwa zwanzig Jahren. Als ich jedoch den dritten erblickte, erfaßte mich eine plötzliche Bewegung und ich konnte einen Ausruf des Mitleids nicht unterdrücken: es war Wanja, mein armer Wanja, der sich aus Dummheit Pugatschow angeschlossen hatte. Über ihnen war ein schwarzes Brett befestigt, auf dem in weißen, riesigen Buchstaben zu lesen stand: »Diebe und Aufrührer.« Gleichmütig erwarteten mich die Fährleute, die das Floß noch immer anhielten. Ich setzte mich wieder in mein Boot. Das Floß trieb weiter den Fluß hinab. Und der Galgen war noch lange in der Finsternis sichtbar. Endlich verschwand er, mein Boot legte am hohen und steilen Ufer an.

Ich belohnte die Fährleute reichlich. Einer von ihnen führte mich zum Ältesten des Dorfes, das an der Landungsstelle lag. Ich betrat gleichzeitig mit ihm die Hütte. Als der Starost hörte, daß ich Pferde verlangte, wollte er mich ziemlich grob empfangen, aber mein Führer sagte ihm leise einige Worte und seine Unverschämtheit verwandelte sich im Nu in Diensteifer. Nach einem Augenblick stand die Troika bereit. Ich setzte mich in den Wagen und befahl, mich in unser Dorf zu bringen.

Wir jagten über die große Straße, an schlafenden Dörfern vorbei. Ich fürchtete mich, auf dem Wege angehalten zu werden. Wenn meine nächtliche Begegnung die Nähe der Aufrührer bewies, so sprach sie doch gleichfalls von der mächtigen Gegenwehr der Regierung. In jedem Falle trug ich den Paß, den mir Pugatschow gegeben, wie auch des Obersten Surin Ordre bei mir in der Tasche. Doch niemand begegnete mir und gegen Morgen sah ich den Fluß und den Tannenhain, hinter denen sich unser Dorf befand. Der Kutscher gebrauchte die Peitsche und schon nach einer Viertelstunde fuhr ich in *** ein. Das Herrenhaus war am andern Ende des Dorfes. Die Pferde sausten nur so dahin. Plötzlich begann der Fuhrmann sie inmitten der Straße zurückzuhalten.

»Was ist los!« fragte ich ungeduldig.

»Ein Schlagbaum, Herr,« antwortete der Fuhrmann, der seine feurigen Pferde nur mit Mühe zügeln konnte.

Und tatsächlich sah ich einen Schlagbaum und daneben eine Schildwache mit einem ungeheuren Knüttel. Der Bauer trat an mich heran, nahm die Mütze ab und fragte nach meinem Paß.

»Was soll das heißen?« fragte ich ihn. »Warum ist hier ein Schlagbaum, was gibt es hier zu bewachen.«

»Ja, das ist so, Väterchen, wir haben uns nun mal empört,« antwortete er und kratzte sich den Kopf.

»Und wo ist eure Herrschaft,« fragte ich weiter und mein Herzschlag stockte.

»Ja, wo soll unsere Herrschaft sein?« meinte der Bauer: »unsere Herrschaft ist auf dem Kornspeicher.«

»Was heißt im Speicher?«

»Ja, Andrjuschka hat sie eben dort eingesperrt und will sie vor den Kaiser führen!«

»Mein Gott! Öffne den Schlagbaum, Esel! Was zögerst du noch?«

Der Wachthabende zauderte. Ich sprang aus dem Wagen, schlug ihm eins in die Fresse (Verzeihung) und öffnete den Schlagbaum selber. Der Bauer sah mich so dumm an, als ob er nichts begreife. Ich aber setzte mich wieder in den Wagen und befahl so rasch wie möglich nach dem Herrenhause zu fahren. Der Kornspeicher befand sich auf dem Hofe. Vor seiner verschlossenen Tür standen zwei Bauern mit Knütteln. Der Wagen hielt gerade vor ihnen. Ich sprang heraus und eilte auf sie zu.

»Mach die Türe auf!« schrie ich.

Augenscheinlich war mein Anblick furchtbar, denn die beiden flüchteten und warfen die Knüttel weg. Ich versuchte das Schloß zu zerschlagen oder herauszubrechen; aber die Tür war aus Eichenholz und das starke Schloß unzerstörbar. In dieser Minute kam ein junger Bauer aus der Gesindehütte und fragte mich mit hochmütiger Miene, wie ich dazu käme, hier zu lärmen.

»Wo ist Andrjuschka?« schrie ich: »man rufe ihn augenblicklich her!«

»Ich heiße Andrej Afanasjewitsch und nicht Andrjuschka«, entgegnete er mir und stemmte stolz die Arme in die Seite: »was beliebt?«

Anstatt einer Antwort, packte ich ihn am Kragen, riß ihn an die Speichertür und befahl ihm, aufzuschließen. Andrjuschka, der zudem noch Gemeindeschreiber war, wollte störrisch werden; aber eine väterliche Züchtigung verfehlte nicht, auch auf ihn Eindruck zu machen. Er zog den Schlüssel hervor und öffnete den Speicher. Ich stürzte über die Schwelle und sah Vater und Mutter in einer dunklen Ecke sitzen, die von einer schmalen Öffnung in der Decke nur schwach erleuchtet wurde. Ihre Hände waren gebunden und an den Füßen hatten sie Klötze. Ich eilte sie zu umarmen und konnte kein Wort sprechen. Beide sahen mich verwundert an: drei Jahre kriegerischen Lebens hatten mich verändert, so daß sie mich nicht erkennen konnten.

Plötzlich hörte ich eine liebe, bekannte Stimme.

»Peter Andrejewitsch, sind Sie's?«

Ich schaute mich um und gewahrte Marja Iwanowna, die gleichfalls gebunden in einer andern Ecke saß. Ich war starr. Der Vater sah mich schweigend an und wollte kaum seinen Augen traun, sein Gesicht strahlte vor Freude.

»Willkommen, willkommen, Peter!« sagte er und preßte mich an seine Brust: »Gott sei Dank, daß du gekommen bist.«

Die Mutter seufzte und wurde von Tränen überströmt.

»Petruschka, mein Sohn!« sagte die Mutter: »wie hat Gott dich hergeführt? Bist du gesund?«

Ich beeilte mich mit dem Säbel ihre Banden zu zerschneiden und sie aus ihrer Haft zu befreien; als ich jedoch an die Türe herantrat, fand ich sie wieder verschlossen.

»Andrjuschka!« schrie ich: »aufgemacht!«

»Wie das aufgemacht!« hörte ich hinter der Türe den Gemeindeschreiber sagen, »jetzt kannst du selber drin bleiben! Ich will dich lehren zu lärmen und kaiserliche Beamte am Kragen zu packen!«

Ich begann den Speicher zu besichtigen und suchte, ob man nicht irgendwie aus ihm herauskommen könnte.

»Du mühst dich umsonst«, sagte mir der Vater: »ich bin nicht solch ein Hausherr, in dessen Speichern man auf Diebeswegen ein- und ausgehen kann.«

Meine Mutter, die sich über mein Erscheinen im ersten Augenblick so gefreut hatte, verfiel wieder in ihre Verzweiflung, als sie sah, daß auch ich das Verderben der ganzen Familie teilen müßte. Ich aber war ruhiger, seit ich mit ihr und Marja Iwanowna zusammen war. Ich hatte einen Säbel und zwei Pistolen. Eine Belagerung konnte ich also aushalten. Gegen Abend mußte Surin kommen und uns befreien. Ich teilte das meinen Eltern mit und vermochte die Mutter und Marja Iwanowna zu beruhigen. Sie gaben sich ganz der Freude des Wiedersehens hin und einige Stunden vergingen unmerklich in langen Gesprächen und gegenseitigen Liebkosungen.

»Nun, Peter,« sagte mein Vater, »du hast viel Torheiten gemacht. Und ich war auf dich sehr böse. Aber es lohnt sich nicht, an das Vergangene zu denken. Ich hoffe, daß du dich jetzt gebessert hast und daß deine Teufel aus dir gefahren sind. Auch weiß ich, daß du im Dienst warst, wie es einem braven Offizier geziemt. Hab dafür Dank, es war mir altem Manne ein Trost. Und sollte ich dir meine Rettung verdanken, so wird mir das Leben doppelt angenehm sein.«

Ich küßte unter Tränen seine Hand und sah Marja Iwanowna an, die sich über meine Anwesenheit so freute, daß man glauben konnte, sie sei völlig glücklich und heiter.

Gegen Mittag hörten wir ungewöhnlichen Lärm und Schreie.

»Was bedeutet das?« sagte mein Vater. »Ist nicht dein Oberst schon gekommen?«

»Ganz ausgeschlossen,« entgegnete ich, »er kann vor Abend unmöglich hier sein.«

Der Lärm wurde stärker. Die Glocken läuteten Sturm. Reiter sprengten über den Hof. In diesem Moment erschien in einer engen Öffnung, die in die Wand gehauen war, Saweljitschs grauer Kopf und der Ärmste sprach mit jammernder Stimme:

»Andrej Petrowitsch! Väterchen Andrejewitsch! Marja Iwanowna, welches Unglück! Die Hunde sind in das Dorf gedrungen. Und weißt du auch, Peter Andrejewitsch, wer sie hergeführt hat? Alexej Iwanowitsch Schwabrin, der Teufel soll ihn holen!«

Als Marja Iwanowna den verhaßten Namen hörte, schlug sie die Hände zusammen und blieb regungslos stehen.

»Höre!« sagte ich zu Saweljitsch, »irgend jemand muß sofort zum Flußübergang reiten, dem Husarenregiment entgegen, um den Oberst von unserer Gefahr zu unterrichten.«

»Aber wen soll ich schicken, Herr? Alle Burschen meutern und die Pferde sind alle konfisziert. O weh! o weh! da sind sie schon auf dem Hof! Sie kommen zum Speicher.«

Gleichzeitig erklangen vor der Tür einige Stimmen. Ich wies meine Mutter und Marja an, sich in einen Winkel zurückzuziehen, zog meinen Säbel und lehnte mich an die Wand dicht neben der Türe. Der Vater nahm die Pistolen, spannte sie beide und stellte sich neben mich. Das Schloß knarrte, die Tür ging auf, und der Kopf des Gemeindeschreibers zeigte sich. Ich schlug ihn mit dem Säbel zu Boden, er fiel so, daß er den Eingang versperrte. Gleichzeitig schoß mein Vater aus der einen Pistole in die Türöffnung. Die uns belagernde Menge entfloh unter Verwünschungen. Ich schloß die Tür, nachdem ich den Gefangenen über die Schwelle hereingezogen hatte.

Im Hofe drängten sich bewaffnete Leute. Schwabrin unter ihnen.

»Fürchtet euch nicht«, sagte ich zu den Frauen: »noch ist Hoffnung. Sie aber, Vater, würden gut tun, nicht wieder zu schießen. Wollen wir die letzte Ladung aufsparen.«

Schweigend betete meine Mutter. Neben ihr stand Marja Iwanowna und erwartete in engelhafter Ruhe die Entscheidung ihres Schicksals. Hinter der Türe hörten wir Drohen, Schimpfen und Fluchen. Ich stand auf meinem Platze bereit, dem ersten Wagehals eins mit dem Säbel zu versetzen. Plötzlich verstummten die Schufte. Ich hörte Schwabrins Stimme meinen Namen rufen.

»Ich bin hier.«

»Was willst du?«

»Grinjew, ergib dich: Widerstand zu leisten ist unmöglich. Verschone deine alten Eltern. Hartnäckigkeit wird dich nicht retten. Ich werde doch über euch kommen.«

»Versuch's, Verräter!«

»Ich werde weder mein eigenes Leben aufs Spiel setzen noch meine Leute opfern, aber ich werde den Befehl erteilen, den Speicher anzustecken und dann wollen wir sehen, was du tun wirst, du Bjelogorsker Don Quichote. Jetzt will ich zu Mittag speisen. So lange kannst du nachdenken soviel du Lust hast. Auf Wiedersehen! Vor Ihnen, Marja Iwanowna, entschuldige ich mich nicht: Ihnen ist es vermutlich nicht langweilig, im Dunkeln mit ihrem Ritter zu sein.«

Schwabrin entfernte sich und stellte vor der Scheune einen Wachtposten auf. Wir schwiegen. Jeder von uns hatte seine eigenen Gedanken, aber keiner wagte, sie dem andern mitzuteilen. Ich suchte mir alles vorzustellen, wessen der verbitterte Schwabrin fähig war. Um mich war ich nicht besorgt. Und soll ich's gestehn? Auch das Los meiner Eltern entsetzte mich nicht so wie das Schicksal Marja Iwanownas. Ich wußte, daß meine Mutter von den Bäuerinnen und dem Hofgesinde verehrt wurde. Und auch mein Vater war trotz seiner Strenge sehr beliebt, denn er war nicht nur gerecht, sondern kannte auch alle wirklichen Bedürfnisse seiner Leibeigenen. Ihr Aufruhr war eine Verwirrung, eine momentane Trunkenheit, aber kein Zeichen der Empörung. Es war sehr wahrscheinlich, daß die Alten davon kommen würden. Aber Marja Iwanowna? Welches Schicksal hatte ihr der gewissenslose und verworfene Mensch zugedacht! Ich wagte nicht, diesem entsetzlichen Gedanken nachzugehen und war eher bereit (o Gott verzeih mir!), sie zu töten, als sie abermals in den Händen dieses grausamen Feindes zu sehen.

So verging annähernd eine Stunde. Das Dorf hallte wider von den Liedern der Betrunkenen. Unsere Wachtposten beneideten jene, waren wütend auf uns, beschimpften uns und drohten mit Folter und Tod. Wir erwarteten die Ausführung von Schwabrins Drohung. Endlich hörten wir auf dem Hofe große Bewegung und wieder drang Schwabrins Stimme zu uns.

»Nun, habt ihr genug überlegt? Ergebt ihr euch freiwillig?«

Keiner antwortete.

Schwabrin wartete ein wenig, dann befahl er, Stroh herbeizuschaffen. Nach einigen Minuten flammte ein Feuer auf und erleuchtete den dunklen Speicher. Rauch drang durch die Ritzen der Türe.

Da trat Marja Iwanowna an mich heran, nahm meine Hand und sagte leise:

»Genug, Peter Andrejewitsch! Verderben Sie sich und Ihre Eltern nicht um meinetwillen. Schwabrin wird auf mich hören. Lassen Sie mich hinaus!«

»Um keinen Preis!« schrie ich. »Wissen Sie nicht, was Sie erwartet?«

»Ehrlosigkeit überlebe ich nicht,« entgegnete sie ruhig, »vielleicht aber gelingt es mir, meinen Erlöser und die Familie zu retten, die so großmütig mich Arme und Verwaiste aufgenommen hat. Leben Sie wohl, Andrej Petrowitsch! Awdotja Wassiljewna, leben Sie wohl! Sie waren für mich viel mehr als Wohltäter. Segnen Sie mich. Und Peter Andrejewitsch leben auch Sie wohl. Glauben Sie daran, daß ... daß ...« Sie weinte und preßte die Hände vors Gesicht. Ich war wie wahnsinnig. Meine Mutter weinte.

»Ach was, Marja Iwanowna,« sagte mein Vater, »wer von uns wird dich denn allein zu den Räubern lassen? Bleib hier und schweige. Wenn wir schon sterben müssen, so wollen wir miteinander sterben. Doch höre! Was sprechen sie da noch?«

»Ergebt ihr euch?« schrie Schwabrin, »seht doch, in fünf Minuten seid ihr gebraten.«

»Wir ergeben uns nicht, du Hund!« entgegnete ihm mein Vater mit fester Stimme.

Sein mutiges, von Runzeln gefurchtes Gesicht war wunderbar lebendig. Die Augen funkelten unter den grauen Brauen hervor. Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Jetzt ist es Zeit!«

Er öffnete die Tür. Feuer schlug herein und ergriff die Balken, die mit trockenem Moose bedeckt waren. Mein Vater schoß, schritt über die lodernde Schwelle und schrie: »Mir nach!« Ich faßte meine Mutter und Marja Iwanowna an den Händen und führte sie schnell an die Luft. Vor der Schwelle lag Schwabrin, den die greise Hand meines Vaters verwundet hatte. Der Empörerhaufen, der bei unserem plötzlichen Ausfall die Flucht ergriffen hatte, gewann seinen Mut zurück und umringte uns. Ich vermochte noch einige Male mit dem Säbel zuzuschlagen; dann aber traf mich ein gutgezielter Ziegelstein gerade auf die Brust. Ich fiel hin und verlor für einen Moment das Bewußtsein; man umringte und entwaffnete mich. Als ich wieder zu mir kam, erblickte ich Schwabrin, der auf dem blutigen Grase saß; vor ihm standen die Meinen.

Man hielt mich an den Händen fest. Ein Haufen von Kosaken, Bauern und Baschkiren umgab uns. Schwabrin war furchtbar blaß. Mit der einen Hand preßte er seine verwundete Seite. Aus seinem Gesicht sprachen Wut und Qual. Langsam hob er den Kopf, sah mich an und sprach mit schwacher, kaum verständlicher Stimme:

»Hängt ihn ... und alle ... außer ihr ...«

Im Nu umringte uns die Menge und schleppte uns zum Tor. Plötzlich jedoch ließen sie uns frei und flohen: Surin und hinter ihm eine ganze Eskadron stürmten mit gezückten Säbeln durchs Tor.

Die Empörer liefen nach allen Seiten auseinander. Die Husaren verfolgten sie, warfen sie nieder und nahmen sie gefangen. Surin sprang vom Pferde, verneigte sich vor meinem Vater und meiner Mutter und drückte mir fest die Hand.

»Also kam ich doch noch zur rechten Zeit!« sagte er uns: »Ah, da ist ja auch deine Braut!«

Marja Iwanowna errötete bis über die Ohren. Mein Vater trat an ihn heran und sprach ihm ruhig aber gerührt seinen Dank aus. Meine Mutter umarmte ihn und nannte ihn Engel und Erretter.

»Bitte, treten Sie bei uns ein«, sagte ihm mein Vater und führte ihn ins Haus.

Als Surin an Schwabrin vorüberging, blieb er stehen.

»Wer ist das«, fragte er, den Verwundeten erblickend.

»Der Anführer der Schar selbst«, antwortete mein Vater mit einem gewissen Stolze, der den alten Krieger erkennen ließ. »Gott lenkte meine alte Hand, diesen jungen Halunken zu strafen und das Blut meines Sohnes zu rächen.«

»Es ist Schwabrin«, erklärte ich Surin.

»Schwabrin! Freut mich sehr. Husaren, tragt ihn fort und laßt dem Arzt sagen, daß er ihm die Wunde verbinden und ihn wie seinen Augapfel hüten soll. Schwabrin muß unbedingt vor die geheime Kommission in Kasan. Er ist einer der Haupträdelsführer und seine Geständnisse werden von Wichtigkeit sein!«

Schwabrin öffnete seine müden Augen. Sein Gesicht drückte nichts als physische Qual aus. Die Husaren trugen ihn auf seinem Mantel fort.

Wir traten ins Zimmer. Zitternd schaute ich mich um und gedachte meiner Jugendjahre. Nichts im Hause hatte sich verändert. Alles stand auf seinem früheren Platz. Schwabrin hatte nicht gestattet, zu plündern: noch in seiner tiefsten Erniedrigung hatte er sich das Gefühl eines unwillkürlichen Abscheus vor ehrloser Gewinnsucht bewahrt.

Im Vorzimmer zeigten sich die Dienstboten. Sie waren nicht am Aufruhr beteiligt und freuten sich von ganzem Herzen über unsere Befreiung. Saweljitsch triumphierte. Man muß wissen, daß er während der allgemeinen Verwirrung, die der Überfall der Räuber verursacht hatte, zum Pferdestall lief, wo Schwabrins Pferd stand, es sattelte, leise hinausführte und dank dem allgemeinen Wirrwarr unbemerkt fortsprengen konnte. Als er das Regiment fand, lagerte es schon auf dieser Seite der Wolga. Auf die Nachricht von unserer Gefahr, befahl Surin aufzusitzen, kommandierte: Marsch, marsch, Galopp! und kam, Gott sei Dank, zur rechten Zeit an.

Surin bestand darauf, daß der Kopf des Dorfschreibers für einige Stunden auf einer Stange neben der Schenke zur Schau gestellt werden sollte.

Die Husaren kehrten von der Verfolgung zurück und brachten einige Gefangene mit. Man sperrte sie in denselben Speicher, in welchem wir unsere denkwürdige Belagerung ausgehalten hatten. Darauf zogen wir uns, jeder in sein Zimmer, zurück. Die Alten hatten Ruhe nötig. Da ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, warf ich mich auf mein Bett und schlief fest ein. Surin traf seine Anordnungen.

Abends versammelten wir uns im Gastzimmer vor dem Samowar und sprachen fröhlich von der vorübergezogenen Gefahr. Marja Iwanowna bereitete den Tee. Ich setzte mich neben sie und widmete mich ihr ausschließlich. Meine Eltern schienen wohlwollend auf die Zärtlichkeit unserer beider Empfindungen zu schauen. Und noch heute lebt dieser Abend in meiner Erinnerung. Ich war glücklich, völlig glücklich; und gibt es denn viele solche Augenblicke in dem armen Menschenleben?

Am andern Tage meldete man dem Vater, daß die Bauern mit der Bitte um Verzeihung auf dem Gutshofe erschienen wären. Mein Vater schritt zu ihnen hinaus. Bei seinem Erscheinen fielen sie auf die Knie.

»Nun, ihr Esel,« sagte er ihnen, »warum wolltet ihr Euch empören?«

»Wir sind schuldig, Herr«, antworteten sie wie aus einem Munde.

»Eben, schuldig! Erst dumme Streiche machen und sich dann nicht einmal darüber freuen können! Ich verzeih euch, weil mich Gott mit meinem Sohn Peter Andrejewitsch wieder zusammengeführt hat. Nun gut, ein reuiges Haupt schlägt man nicht ab.«

»Wir sind schuldig, wir sind schuldig!«

»Gott gab schönes Wetter. Es ist Zeit, das Heu einzufahren. Was habt ihr Esel drei Tage lang getan? Starost! Daß jeder das Heu einfahren geht; und sieh zu, rote Bestie, daß mir zu Johanni das ganze Heu in den Scheuern ist! Packt euch!«

Die Bauern verbeugten sich und gingen arbeiten, als ob nichts geschehen wäre.

Schwabrins Wunde erwies sich nicht als tödlich. Unter Reiterbedeckung wurde er nach Kasan gebracht. Ich sah vom Fenster aus, wie man ihn in den Wagen legte. Unsere Blicke trafen sich. Er senkte den Kopf und ich verließ eiligst das Fenster; ich wollte mir nicht den Anschein geben, als triumphierte ich über die Erniedrigung und das Unglück meines Gegners.

Surin begab sich weiter. Ich entschloß mich, ihm zu folgen, trotz meines Verlangens, noch einige Tage bei den Meinen zu verbringen. Am Vorabend des Marsches ging ich zu meinen Eltern, fiel ihnen nach damaliger Sitte zu Füßen und bat sie um ihren Segen zu meiner Ehe mit Marja Iwanowna. Die Alten hoben mich auf und gaben mir unter Freudentränen ihre Einwilligung. Ich führte die blasse und zitternde Marja Iwanowna vor sie. Sie segneten uns. Was ich dabei fühlte, will ich nicht beschreiben. Wer sich je in meiner Lage befand, wird mich ohnedies verstehen. Wer aber nicht das Glück hatte, den kann ich nur beklagen und ihm raten, sich, solange es noch Zeit ist, zu verlieben und von den Eltern den Segen zu erhalten.

Am folgenden Tage versammelte sich das Regiment. Surin verabschiedete sich von den Meinen. Wir alle waren überzeugt, daß die militärischen Aktionen bald eingestellt würden. Und schon in einem Monat hoffte ich Gatte zu sein. Als Marja Iwanowna sich von mir verabschiedete, küßte sie mich vor allen. Ich stieg in den Wagen. Saweljitsch folgte mir wieder, das Regiment setzte sich in Bewegung. Lange blickte ich auf unser Gutshaus zurück, das ich nun von neuem verlassen mußte. Ein dunkles Vorgefühl beunruhigte mich. Irgend etwas flüsterte mir zu, daß noch nicht alles Unglück an mir vorübergezogen sei. Mein Herz ahnte neuen Sturm.

Ich will hier nicht unsern Feldzug und das Ende des Kampfes mit Pugatschow beschreiben. Wir zogen durch Ansiedelungen, die Pugatschow verwüstet hatte, und waren unfreiwillig gezwungen, den armen Einwohnern zu nehmen, was ihnen die Räuber gelassen hatten.

Sie wußten nicht, wem sie gehorchen sollten. Die Regierung war überall aufgehoben worden. Die Gutsbesitzer hielten sich in den Wäldern verborgen, überall zogen Räuberbanden umher. Die Befehlshaber der einzelnen Abteilungen, die ausgesandt wurden, Pugatschow, der damals schon nach Astrachan geflohen war, zu verfolgen, bestraften willkürlich Schuldige und Unschuldige. Die Lage des ganzen Landes, das überall vom Feuer verwüstet wurde, war furchtbar. Gott bewahre uns davor, je wieder einen russischen Aufruhr zu erleben, seinen Wahnsinn und seine Erbarmungslosigkeit. Die, welche bei uns unmögliche Umwälzungen planen, sind entweder zu jung und kennen das Volk nicht, oder es sind Leute mit grausamen Herzen, die sich selbst nicht achten, geschweige denn Fremdes.

Pugatschow floh, verfolgt von Iwan Iwanowitsch Michelsohn. Wir hörten bald von seiner völligen Vernichtung. Am Ende erhielt Surin Nachricht von der Gefangennahme des Usurpators und gleichzeitig Befehl, nicht weiter zu marschieren. Der Krieg war zu Ende. Schließlich konnte ich heimkehren. Und der Gedanke, Marja Iwanowna umarmen zu dürfen und sie, von der ich keinerlei Nachricht hatte, wiederzusehen, erfüllte mich mit Entzücken. Ich sprang wie ein Kind umher. Surin lachte und sprach achselzuckend: »Nein! dir wird es nie gut gehen, du wirst heiraten und um nichts und wieder nichts zugrunde gehen!«

Ein seltsames Gefühl vergiftete indessen meine Freude: der Gedanke an den Bösewicht, der das Blut so vieler unschuldiger Opfer verspritzt hatte, und an die Hinrichtung, die ihn erwartete, beunruhigte mich unwillkürlich. »Jemeljan, Jemeljan!« dachte ich unmutig, »warum hast du dich nicht in ein Bajonett gestürzt oder vor eine Kartätsche gestellt? Etwas Besseres hättest du nicht tun können.« Was konnte ich tun? Der Gedanke an ihn war für mich unlöslich mit den Gedanken verbunden an die Schonung, die er mir in einer der entsetzlichsten Minuten meines Lebens erwiesen hatte, und an die Erlösung meiner Braut aus den Händen des schurkigen Schwabrin.

Surin beurlaubte mich. Nach wenigen Tagen sollte ich wieder bei den Meinigen sein, meine Marja Iwanowna wiedersehen. Ein unerwarteter Sturm brach plötzlich über mich herein.

Am Tage, den ich für meine Abreise bestimmt hatte, in derselben Minute, als ich mich auf den Weg machen wollte, trat Surin ein Papier in der Hand haltend mit äußerst sorgenvollem Gesicht in meine Hütte. Mir ging ein Stich durchs Herz. Ich erschrak und wußte nicht warum. Er schickte meinen Burschen hinaus und erklärte, daß er mit mir zu sprechen habe.

»Was ist los«, fragte ich unruhig.

»Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er und überreichte mir das Papier: »lies, was ich soeben erhielt.«

Ich las: es war ein geheimer Erlaß, an alle Kommandanten gerichtet, mich zu arretieren, wo immer sie mich fänden und mich unter Bedeckung unverzüglich nach Kasan vor die Untersuchungskommission in Sachen Pugatschows zu schicken.

Das Papier entfiel fast meinen Händen.

»Da ist nichts zu machen!« meinte Surin: »es ist meine Pflicht, dem Erlaß zu gehorchen. Wahrscheinlich ist das Gerücht von deinen freundschaftlichen Reisen mit Pugatschow irgendwie bis zur Regierung gedrungen. Hoffentlich wird es keine weiteren Folgen haben. Du wirst dich vor der Kommission rechtfertigen können. Verzage nicht und begib dich auf den Weg.«

Mein Gewissen war rein, ich fürchtete nicht das Gericht; aber der Gedanke, die Minute des süßen Wiedersehens vielleicht auf einige Monate hinausschieben zu müssen, entsetzte mich. Der Wagen stand bereit. Surin verabschiedete sich freundschaftlich von mir. Man setzte mich in den Wagen. Neben mir saßen zwei Husaren mit gezogenen Säbeln und wir fuhren über die Chaussee.

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