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Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 13
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180518
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Zwölftes Kapitel.
Die Waise

Unser Apfelbaum
Hat keinen Wipfel mehr und keinen Zweig
Unsre junge Fürstin
Hat keinen Vater mehr und keine Mutter.
Keiner ist, der sie schmückt,
Keiner ist, der sie segnet.

Volkslied

 

Unser Reisewagen näherte sich dem Kommandantenhause. Das Volk erkannte Pugatschows Gespann und eilte uns in Scharen nach. Schwabrin empfing den Usurpator auf der Treppe. Er war wie ein Kosak angezogen und ließ sich einen Bart stehen. Der Verräter half Pugatschow aus dem Wagen steigen und bezeugte ihm in niedrigen Redensarten seine Freude und seinen Eifer. Als er mich sah, wurde er verlegen, aber bald faßte er sich, streckte mir die Hand hin und sagte:

»Auch du bist unser? Es hätte schon längst so sein sollen!«

Ich wandte mich ab und antwortete nichts.

Als ich in dem wohlbekannten Zimmer war, wo an der Wand noch das Diplom des getöteten Kommandanten hing, als ein trauriger Schmuck vergangener Zeit, war mein Herz voll Schwermut. Und Pugatschow setzte sich auf dasselbe Sofa, wo früher Iwan Kusmitsch zuweilen schlummerte, wenn ihn das Brummen seiner Gattin eingeschläfert hatte. Schwabrin brachte ihm einen Schnaps. Pugatschow trank und sagte dann, indem er auf mich hinwies:

»Bewirte auch Seine Wohlgeboren.«

Schwabrin trat an mich heran; zum zweitenmal jedoch wandte ich mich von ihm ab. Er schien ziemlich aufgeregt. Bei seinem durchschnittsmäßigen hellen Verstande mußte er natürlich bemerken, daß Pugatschow mit ihm unzufrieden war, und er fürchtete sich vor ihm und sah mich mit einem mißtrauischen Blicke an. Pugatschow fragte ihn über den Zustand der Festung aus, über Gerüchte vom feindlichen Heer und ähnliches. Plötzlich aber fragte er ganz unerwartet:

»Sag mal, Brüderchen, was für ein Mädchen hältst du eigentlich gefangen? Zeig es mir.«

Schwabrin wurde bleich wie ein Toter.

»Herr Kaiser,« sagte er mit zitternder Stimme, »sie ist nicht gefangen ... Ist krank ... sie liegt in ihrem Zimmer.«

»So führe mich zu ihr,« sagte der Usurpator und stand auf.

Sich zu weigern war unmöglich. Schwabrin führte Pugatschow zum Zimmer Marja Iwanownas. Ich schritt ihnen nach.

Schwabrin blieb auf der Treppe stehen.

»Mein Kaiser!« sagte er, »Sie dürfen von mir alles, was Sie nur wollen, verlangen, aber verbieten Sie einem Fremden, das Schlafzimmer meines Weibes zu betreten.«

Ich erbebte.

»So bist du verheiratet?« sagte ich zu Schwabrin und war bereit ihn zu zerreißen.

»Nur ruhig!« unterbrach mich Pugatschow. »Dies ist meine Sache. Du aber,« setzte er fort, indem er sich an Schwabrin wandte, »lüg jetzt nicht und dreh dich nicht, ob sie nun dein Weib ist oder nicht, ich führe zu ihr, wen ich will. Euer Wohlgeboren, folge mir.«

An der Türe zum Zimmer blieb Schwabrin wiederum stehen und sagte mit abgerissener Stimme:

»Mein Kaiser! Ich warne Sie, sie liegt im Fieber und schon seit drei Tagen redet sie ohne Unterlaß irre.«

»Öffne!« sagte Pugatschow.

Schwabrin suchte in allen Taschen und sagte, daß er den Schlüssel nicht mitgenommen habe. Pugatschow stieß mit dem Fuß gegen die Türe; das Schloß brach, die Türe öffnete sich und wir traten ein.

Ich trat ein und erstarrte. Auf dem Fußboden saß Marja Iwanowna in zerrissenen Bauernkleidern, sie war bleich und mager und ihre Haare zerzaust. Vor ihr stand ein Krug Wasser, über den ein Stück Brot gelegt war. Als sie mich erblickte, fuhr sie mit einem Schrei auf. Was damals in mir vorging, weiß ich nicht mehr.

Pugatschow sah Schwabrin an und sagte mit bitterem Spotte:

»Dein Lazarett ist nicht übel!« Dann näherte er sich Marja Iwanowna: »Sag mir, mein Täubchen, weswegen bestraft dein Mann dich? Was hast du ihm denn so Schlechtes getan?«

»Mein Mann!« wiederholte sie, »er ist nicht mein Mann. Niemals werde ich seine Frau. Ich entschloß mich, lieber zu sterben und werde auch sterben, wenn mich keiner befreit.«

Pugatschow sah Schwabrin drohend an:

»Du wagtest mich zu betrügen! Weißt du auch, Halunke, was du verdienst?«

Schwabrin fiel auf die Knie ... In diesem Augenblick erstickte die Verachtung alle Gefühle des Hasses und Zornes. Mit ungeheurem Ekel sah ich diesen Edelmann, der sich zu Füßen eines flüchtigen Kosaken wälzte. Pugatschow wurde weicher.

»Diesmal verzeih ich dir noch,« sagte er zu Schwabrin, »doch wisse, daß deiner nächsten Schuld auch diese angerechnet wird.«

Dann wandte er sich zu Marja Iwanowna und sagte freundlich zu ihr:

»Komm mit, schönes Kind, ich schenke dir die Freiheit. Ich bin der Kaiser.«

Marja Iwanowna sah ihn schnell an und erriet, daß der Mörder ihrer Eltern vor ihr stand. Sie verhüllte das Gesicht mit beiden Händen und sank bewußtlos nieder.

Ich wollte ihr zu Hilfe eilen, doch in dieser Minute schob sich mutig meine alte Bekannte Palaschka ins Zimmer und bemühte sich um ihr Fräulein. Pugatschow verließ das Zimmer und wir drei gingen ins Gastzimmer hinunter.

»Was, Euer Wohlgeboren?« sagte Pugatschow und lachte, »haben wir dem schönen Mädchen nicht gut geholfen! Was meinst du? Sollen wir nicht gleich nach dem Priester schicken und ihn veranlassen, seine Nichte zu trauen? Ich könnte ja der Brautvater sein und Schwabrin der Brautführer; schmausen und trinken wir und schließen wir die Türen.«

Was ich befürchtete, geschah. Als Schwabrin Pugatschows Vorschlag hörte, geriet er außer sich.

»Mein Kaiser!« schrie er, seiner selbst nicht mächtig, »ich bin schuldig, ich habe Sie belogen; aber auch Grinjew betrügt Sie. Dieses Mädchen ist nicht die Nichte des hiesigen Priesters, sie ist die Tochter Iwan Mironows, der nach der Einnahme dieser Festung hier aufgehängt wurde.«

Pugatschows flammende Augen richteten sich auf mich.

»Was ist denn das noch?« fragte er verständnislos.

»Schwabrin sagt dir die Wahrheit«, antwortete ich fest.

»Das hast du mir aber nicht gesagt«, bemerkte Pugatschow und sein Gesicht verdüsterte sich.

»Entscheide selber,« entgegnete ich ihm, »ob ich vor deinen Leuten sagen konnte, daß Mironows Tochter am Leben sei. Sie hätten sie ja zerrissen. Nichts hätte sie retten können.«

»Auch das ist wahr,« sagte Pugatschow und lachte, »meine Säufer würden das arme Mädchen nicht verschont haben. Die Popenfrau hatte ganz recht, daß sie jene betrog.«

»Höre,« fuhr ich fort, als ich seine gute Laune sah, »wie ich dich anzureden habe, weiß ich nicht und will es auch nicht wissen ... Doch Gott sieht, daß ich bereit bin, für das, was du für mich getan hast, dir mein Leben zu opfern. Nur verlange nichts von mir, was meine Ehre und mein christliches Gewissen nicht ausführen können. Du bist mein Wohltäter. Vollende, was du begonnen hast; laß mich mit der armen Waise ziehen, wohin Gott uns den Weg zeigt. Wo du aber auch seist und was mit dir geschehe, wir werden jeden Tag zu Gott um die Rettung deiner sündigen Seele beten ...«

Es schien, als ob Pugatschows rauhe Seele gerührt wäre.

»Sei's denn wie du's wünschst!« sagte er. »Wen man aufhängen will, den hänge man ganz auf, wem man aber verzeihen will, dem verzeihe man ganz, so halte ich's. Nimm denn deine Schöne, führe sie wohin du willst und gebe Gott euch Liebe und Segen.«

Hierbei wandte er sich an Schwabrin und hieß ihn, mir einen Freipaß für alle Festungen und Haltestellen ausstellen, die ihm unterwürfig waren. Der völlig gedemütigte Schwabrin stand da wie versteinert. Pugatschow ging die Festung besichtigen. Schwabrin begleitete ihn, ich aber blieb unter dem Vorwande, Reisevorbereitungen zu treffen.

Ich eilte zum Zimmer. Die Tür war zugesperrt. Ich klopfte.

»Wer da?« fragte Palaschka.

Ich gab mich zu erkennen und vernahm hinter der Türe die liebe Stimme Marja Iwanownas.

»Geduld, Peter Andrejewitsch. Ich zieh mich um. Gehen Sie solange zu Akulina Pamphilowna, ich werde sofort dort sein.«

Ich gehorchte und ging ins Haus des Vaters Gerasim. Er und seine Frau liefen mir entgegen. Saweljitsch hatte sie bereits benachrichtigt.

»Guten Tag, Peter Andrejewitsch«, sagte die Popenfrau. »Gott hat uns also wieder zusammengeführt. Wie geht's? Jeden Tag haben wir an Sie gedacht. Und Marja Iwanowna, unser Täubchen, hat ohne Sie so gelitten! ... Ja, sagen Sie, Väterchen, wie kommen Sie zu dieser Freundschaft mit Pugatschow? Wie hat er denn Ihnen nicht den Garaus gemacht? Gut, dem Bösewicht sei auch dafür Dank.«

»Laß das, Alte,« unterbrach der Priester Gerasim, »du sprichst immer mehr als nötig ist. Aber das viele Reden ist zu nichts nütze. Lieber Herr Peter Andrejewitsch, haben Sie die Güte, treten Sie ein. Lange haben wir Sie nicht gesehen.«

Die Popenfrau bewirtete mich mit allem, was sie hatte und sprach unterdessen ohne Unterlaß. Sie erzählte mir, auf welche Weise Schwabrin sie gezwungen hatte, ihm Marja Iwanowna auszuliefern; wie Marja Iwanowna geweint hätte und sich nicht von ihnen trennen wollte; wie Marja Iwanowna es verstand, in ständiger Verbindung durch Palaschka zu bleiben (ein geschicktes Mädchen, die selbst den Unteroffizier nach ihrer Pfeife tanzen läßt), wie sie Marja Iwanowna geraten hätte, mir einen Brief zu schreiben und so weiter. Als die Reihe an mich kam, erzählte ich ihr in Kürze meine Geschichte. Als der Priester und seine Frau zu hören bekamen, daß Pugatschow ihr Betrug bekannt sei, bekreuzigten sie sich.

»Mit uns ist die Kraft des Kreuzes!« sprach Akulina Pamphilowna. »Möge Gott auch die letzte Wolke verüberziehen lassen. Ja, ja, Alexander Iwanowitsch, nicht zu sagen, ein sauberer Vogel!«

In dieser Minute öffnete sich die Tür und mit einem Lächeln auf ihrem bleichen Gesicht trat Marja Iwanowna ein. Ihre Bauernkleider hatte sie ausgezogen und war wie früher schlicht und lieb gekleidet.

Ich ergriff ihre Hand und konnte nichts reden. Wir schwiegen beide aus vollem Herzen. Unsere Wirte fühlten, daß es uns jetzt nicht um sie zu tun war und verließen uns. Wie blieben allein. Alles war vergessen. Wir sprachen und konnten nicht genug sprechen. Marja Iwanowna berichtete mir alles, was mit ihr seit der Einnahme der Festung geschehen war, beschrieb mir das ganze Entsetzen ihrer Lage und all die Martern, denen sie der schurkige Schwabrin unterwarf und wir gedachten der früheren glücklichen Zeit, – wir weinten beide ... Schließlich erklärte ich ihr, was ich im Sinne hatte. In der Festung, die Pugatschow unterworfen war und von Schwabrin befehligt wurde, zu bleiben, war unmöglich. Gleichfalls unmöglich war's, an Orenburg zu denken, in dem jetzt alle Schrecken der Belagerung wüteten. Sie hatte auf der ganzen Welt keinen verwandten Menschen mehr. Ich schlug ihr vor, zu meinen Eltern ins Dorf zu fahren. Sie schwankte anfangs; die ihr bekannte Abneigung meines Vaters gegen sie erschreckte sie. Ich beruhigte sie. Ich wußte, daß mein Vater es für ein Glück und seine heilige Pflicht erachten würde, die Tochter eines verdienstvollen Kriegers, der für sein Vaterland gestorben war, bei sich aufzunehmen.

»Liebe Marja Iwanowna!« sagte ich zum Schluß, »du bist jetzt so gut wie mein Weib. Wunderbare Begebnisse haben uns untrennbar vereinigt; nichts auf Erden mehr vermag uns zu scheiden.«

Und Marja Iwanowna hörte mich schlicht, ohne gekünstelte Schüchternheit, ohne alberne Ziererei an ... Auch sie fühlte, daß ihr Schicksal mit dem meinen verbunden wäre. Doch sie wiederholte, daß sie ohne den Segen meiner Eltern nicht mein Weib werden könnte. Ich widersprach ihr nicht mehr. Wir küßten uns heiß und aufrichtig und alles war auf diese Weise zwischen uns entschieden.

Etwa nach einer Stunde brachte mir der Urjädnik den Paß, auf dem ich in unlesbaren Krähenfüßchen Pugatschows Unterschrift fand, und rief mich zu ihm. Reisefertig traf ich ihn an. Ich vermag nicht zu schildern, was ich fühlte, als ich von diesem furchtbaren Menschen schied, diesem Ungeheuer, diesem Bösewicht gegen alle, mich allein ausgenommen. Warum nicht die Wahrheit sagen? In dieser Minute zog mich ein mächtiges Mitgefühl zu ihm. Ich wünschte heiß, ihn aus diesem Haufen von Schurken zu reißen, deren Anführer er war, um seinen Kopf noch rechtzeitig zu retten. Schwabrin und das Volk, das sich um uns drängte, hinderte mich, all das auszusprechen, wovon mein Herz erfüllt war.

Wir schieden freundschaftlich. Als Pugatschow in der Menge Akulina Pamphilowna erblickte, drohte er ihr mit dem Finger und blinzelte ihr bedeutungsvoll zu, dann setzte er sich in den Wagen, befahl ins Lager zurückzukehren, doch als die Pferde anzogen, lehnte er sich noch einmal aus dem Wagen und schrie mir zu:

»Leb wohl, Euer Wohlgeboren! Vielleicht sehen wir uns einmal wieder.«

Und wir sahen uns tatsächlich wieder – aber doch unter welchen Umständen! ...

Pugatschow war fortgefahren. Lange schaute ich in die weiße Steppe, über die seine Troika hinflog. Das Volk verlief sich. Schwabrin war verschwunden. Ich kehrte in das Haus des Priesters zurück. Alles stand zu unserer Abfahrt bereit, ich wollt nicht länger zaudern. Unser Eigentum war im alten Wagen des Kommandanten verpackt. Im Nu spannten die Fuhrleute die Pferde ein. Marja Iwanowna ging, von den Gräbern ihrer Eltern Abschied zu nehmen, die sich hinter der Kirche befanden. Ich wollte sie begleiten, doch sie bat mich, sie allein zu lassen. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück und weinte stille Tränen. Unser Wagen fuhr vor. Vater Gerasim und seine Frau kamen auf die Treppe heraus. Im Wagen nahmen wir zu dritt Platz: Marja Iwanowna, Palaschka und ich, Saweljitsch kroch auf den Bock.

»Leb wohl, mein Täubchen Marja Iwanowna! Leben Sie wohl, Peter Andrejewitsch, unser lichter Falke!« rief die gute Popenfrau. »Glückliche Reise und gebe Gott Ihnen seinen Segen!«

Wir fuhren ab. Am Fenster des Kommandantenhauses sah ich Schwabrin stehen. Aus seinem Gesicht sprach finsterer Haß. Ich wollte nicht über den vernichteten Feind triumphieren und wandte mich ab. Endlich fuhren wir durch das Tor und verließen für immer die Festung Bjelogorsk.

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