Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Sergejewitsch Puschkin >

Die Hauptmannstochter

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Hauptmannstochter - Kapitel 12
Quellenangabe
authorAlexander Puschkin
titleDie Hauptmannstochter
booktitleDie Hauptmannstochter
publisherGeorg Müller Verlag
year1927
firstpub1924
translatorn.n.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180518
projectida19746f0
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.
Das Haus der Aufrührer

Der Leu war damals satt, wenn er auch sonst so wild.
»Aus welchem Grunde kamst«, so frug er sanft und mild
»Du in mein Lager?«

A. Sumarokoff

 

Ich verließ den General und eilte nach Hause. Saweljitsch empfing mich mit seinen gewöhnlichen Ermahnungen.

»Macht es dir denn, Herr, wirklich Spaß, gegen diese besoffenen Räuber zu ziehen? Ist das etwas für Edelleute? Nicht immer ist das Schicksal gleich: du kannst an einer Kleinigkeit kaput gehen. Und wär's noch gegen Türken oder Schweden, aber so – es ist schon eine Sünde, den Namen des Feindes auszusprechen.«

Ich unterbrach seine Rede mit der Frage: »Wieviel Geld habe ich alles in allem?«

»Es genügt,« antwortete er mit zufriedenem Gesicht, »die Schwindler haben sehr danach gesucht, ich hatte es aber gut versteckt.« Bei diesen Worten nahm er eine lange gestickte Börse voll Silber aus der Tasche.

»Also Saweljitsch,« sagte ich ihm, »jetzt gibst du mir die Hälfte, die andere kannst du behalten. Ich reise nach Bjelogorsk.«

»Väterchen Peter Andrejewitsch!« sagte mein guter Erzieher mit zitternder Stimme, »fürchte Gott! Wie magst du dich jetzt auf den Weg machen, in einer Zeit, wo man nirgends vor Räubern sicher ist! Und wenn du schon auf dich selber keine Rücksicht nimmst, so erbarme dich wenigstens deiner Eltern. Was hast du es nötig, jetzt zu reisen? Wozu? Wart nur ein klein wenig: Truppen werden kommen und die Betrüger fangen; dann kannst du reisen, wohin du willst.«

Aber ich blieb fest.

»Jetzt ist keine Zeit zu überlegen,« sagte ich dem Alten, »ich muß hin, es ist mir unmöglich, nicht hinzureisen. Gräme dich nicht, Saweljitsch, Gott ist gnädig, wir werden uns schon wiedersehn! Und sieh zu, mach dir kein Gewissen und sei nicht geizig. Kauf, was du nötig hast, auch wenn es dreimal so teuer sein sollte. Das Geld schenk ich dir. Wenn ich nach drei Tagen nicht zurückkehren sollte ...«

»Was denkst du, Herr,« unterbrach mich Saweljitsch, »ich sollte dich allein lassen! Laß es dir nicht im Traume einfallen. Wenn du schon entschlossen bist, zu reisen, so werde ich meinetwegen zu Fuß gehen, aber mitgehen werde ich und werde dich nicht verlassen. Was soll ich ohne dich hinter dieser Mauer sitzen! Bin ich denn verrückt geworden? Wie du willst, Herr, aber ich bleibe nicht zurück.«

Ich wußte, daß es unnütz sei, mit Saweljitsch zu streiten und erlaubte ihm, seine Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Nach einer halben Stunde saß ich auf meinem guten Pferde, Saweljitsch aber auf einer lahmen und mageren Mähre, die ihm einer der Einwohner umsonst überlassen hatte, weil er keine Mittel mehr besaß, sie zu füttern. Wir kamen zum Stadttor, die Wachen ließen uns passieren; wir verließen Orenburg.

Die Dämmerung brach ein. Der Weg führte am Dorfe Bjerdsk vorüber, dem Lager Pugatschows. Schnee bedeckte unsere Straße; aber auf der ganzen Steppenfläche sah man täglich neue Spuren von Pferdehufen. Ich sprengte in schnellem Trabe dahin. Saweljitsch konnte mir kaum von ferne folgen und schrie mir alle Augenblicke zu:

»Langsamer, Herr, um Gottes willen langsamer! Meine verdammte Schindmähre kommt nicht so rasch vorwärts wie dein langbeiniger Teufel. Wohin eilst du? Wenn's noch zu einem Gelage wäre, so aber rennst du nur ins Verderben, gib nur acht ... Peter Andrejewitsch ... Väterchen Peter Andrejewitsch! ... Herr Gott, dem Kinde wird noch ein Unglück geschehen!«

Bald schon funkelten die Lagerfeuer von Bjerdsk vor uns auf. Wir näherten uns den Gräben, die eine natürliche Befestigung des Dorfes bildeten. Saweljitsch blieb zurück und hörte nicht mit seinen jämmerlichen Klagen auf. Ich hoffte, das Dorf unbemerkt hinter mir zu lassen, sah aber plötzlich im Dunkel etwa fünf Menschen vor mir stehen, Bauern, die mit Knitteln bewaffnet waren, Vorposten des Pugatschowschen Lagers. Man rief uns an. Da ich die Parole nicht kannte, wollte ich schweigend an ihnen vorüberreiten; ich wurde jedoch sofort umringt und einer von ihnen ergriff die Zügel meines Pferdes. Ich riß den Säbel aus der Scheide und versetzte dem Bauern eins über den Kopf, seine Mütze rettete ihn; dennoch taumelte er zurück und ließ die Zügel aus der Hand fahren. Die übrigen gerieten in Verwirrung und wichen zurück; ich benutzte den Augenblick, gab meinem Pferde die Sporen und sprengte fort.

Die Dunkelheit der herannahenden Nacht hätte mich aus jeder Gefahr errettet, als ich mich jedoch nach Saweljitsch umsah, konnte ich ihn nicht erblicken. Der arme Alte konnte auf seinem lahmen Pferde den Räubern nicht entgehen; was tun? Ich wartete einige Minuten und überzeugte mich davon, daß man ihn zurückgehalten hatte. Ich wandte mein Pferd und eilte, ihn zu befreien.

Als ich mich den Gräben näherte, hörte ich fernen Lärm, Schreie und die Stimme meines Saweljitsch. Ich eilte und befand mich bald wieder inmitten der wachhabenden Bauern, die mich vor einigen Minuten aufgehalten halten. Saweljitsch war unter ihnen. Sie hatten den Alten von seiner Mähre gerissen und wollten ihn eben binden. Meine Ankunft erfreute sie. Schreiend stürzten sie sich auf mich und rissen mich vom Pferde. Einer von ihnen, der hier augenscheinlich zu befehlen hatte, erklärte, daß er uns sofort vor den Kaiser führen würde.

»Und unser Väterchen,« setzte er hinzu, »hat dann zu befehlen, ob man euch gleich aufhängen oder erst das Morgenlicht erwarten soll.«

Ich widersetzte mich nicht; Saweljitsch folgte meinem Beispiele und die Wachen führten uns im Triumphe fort.

Wir kletterten über den Graben und traten ins Dorf. In allen Hütten brannten Lichter, überall hörte man Lärmen und Schreien. Auf der Straße begegneten uns viele Menschen, aber in der Dunkelheit bemerkte uns keiner und keiner erkannte in mir den Orenburger Offizier. Wir wurden direkt zu einer Hütte gebracht, die an einer Straßenkreuzung lag. Vor der Türe standen einige Weinfässer und zwei Kanonen.

»Das ist der Palast,« sagte einer der Bauern, »wir werden euch sofort melden.«

Er ging in die Hütte. Ich sah Saweljitsch an; der Alte bekreuzigte sich und betete. Ich mußte lange warten; endlich kehrte der Bauer zurück und sagte mir:

»Marsch hinein! Der Kaiser will den Offizier sehen.«

Ich trat in die Hütte oder den Palast, wie die Bauern sie nannten. Sie war von zwei Talglichtern erleuchtet, und die Wände waren mit Goldpapier beklebt; übrigens waren Tische und Bänke, und der an einem Strick befestigte Waschapparat, das an einem Nagel hängende Handtuch, die in der Ecke stehende Ofengabel und der breite Herd, der mit Töpfen besetzt war, – alles wie in einer gewöhnlichen Hütte. Pugatschow saß unter den Heiligenbildern, er trug einen roten Kaftan, eine hohe Mütze und stemmte wichtig einen Arm in die Seite. In seiner Nähe standen einige seiner Hauptgenossen mit dem Ausdruck geheuchelter Unterwürfigkeit. Es war augenscheinlich, daß die Nachricht von der Ankunft eines Orenburger Offiziers in den Aufrührern starke Neugierde hervorrief, und daß sie sich vorbereitet hatten, mich feierlich zu empfangen. Pugatschow erkannte mich sofort. Seine gekünstelte Würde verschwand augenblicklich.

»Ah, Euer Wohlgeboren!« rief er mir lebhaft zu. »Wie geht es dir? Was führt dich her?«

Ich antwortete, daß ich in meinen Privatangelegenheiten reiste und daß seine Leute mich angehalten hätten.

»In was für Angelegenheiten?« fragte er mich.

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Pugatschow nahm an, daß ich vor Zeugen nichts mitteilen wollte, wandte sich an seine Genossen und befahl ihnen, fortzugehen. Mit Ausnahme von zweien, die sich nicht von der Stelle rührten, gehorchten alle.

»Vor diesen kannst du ruhig sprechen,« sagte Pugatschow, »ich verberge nichts vor ihnen.«

Ich musterte die Günstlinge des Usurpators flüchtig. Der eine von ihnen, ein magerer und gebückter Greis mit einem grauen Bärtchen hatte nichts besonders Merkwürdiges an sich, außer einem blauen Band, das er quer über die Schulter seines grauen Kittels trug. Zeit meines Lebens werde ich seinen Kameraden nicht vergessen. Er war von hohem Wuchs, muskulös, breitschulterig und schien mir fünfundvierzig Jahre alt zu sein. Sein dichter roter Bart, seine grauen blitzenden Augen, die Nase, die fast ohne Nüstern war, und die rötlichen Flecken auf seiner Stirn und seinen Wangen,– all dies gab dem breiten, pockennarbigen Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck. Er trug ein rotes Hemd, einen langen Kirgisenrock und die Pluderhosen der Kosaken. Der erste (dies erfuhr ich später) war der entflohene Korporal Bjeloborodow, der zweite jedoch war Afanasje Sokoloff (genannt Chlopuscha Die Knallbüchse.), ein desertierter Sträfling, der dreimal aus den sibirischen Bergwerken geflohen war. Trotz der Gefühle, die mich so ausschließlich bewegten, erregte diese Gesellschaft, in die ich so unversehens geraten war, meine Einbildungskraft in hohem Maße. Aber Pugatschow brachte mich durch seine Frage wieder zu mir selbst.

»Nun sage, in welcher Angelegenheit verließest du Orenburg?«

Ein eigentümlicher Gedanke ging durch meinen Kopf, es schien mir, als gebe mir die Vorsehung, die mich mit Pugatschow zum zweitenmal zusammenbrachte, Gelegenheit, mein Vorhaben auszuführen. Ich beschloß, diesen Zufall zu benutzen. Und ehe ich meinen Entschluß noch recht überlegen konnte, antwortete ich Pugatschow.

»Ich reise nach Bjelogorsk, um eine Waise zu beschützen, die man dort beleidigt.«

Pugatschows Augen funkelten.

»Wer meiner Leute wagt es, eine Waise zu beleidigen?« schrie er, »und wäre er sieben Spannen lang, er soll mir nicht entgehen. Sprich, wer ist der Schuldige?«

»Es ist Schwabrin,« entgegnete ich. »Er hält jenes Mädchen gefangen, welches du damals bei der Popenfrau krank zu Bett liegen sahst, und will sie zwingen, ihn zu heiraten.«

»Ich werde Schwabrin lehren!« sagte Pugatschow drohend. »Er soll erfahren, was es heißt, eigenmächtig handeln und das Volk beleidigen. Ich laß ihn hängen.«

»Wenn ich ein Wort sprechen dürfte,« fiel Chlopuscha mit heiserer Stimme ein, »du hast dich übereilt, Schwabrin zum Kommandanten der Festung zu ernennen und jetzt übereilest du dich, ihn aufzuhängen; du hast die Kosaken beleidigt, indem du einen Edelmann über sie setztest, jetzt erschrecke die Edelleute nicht, indem du einen von ihnen aufs erste Wort hin verurteilen willst.«

»Keine Gnade, kein Mitleid mit ihnen?« meinte der Alte mit dem blauen Bande. »Schwabrin zu verurteilen ist kein Unglück, aber es wäre auch nicht schlecht, den Herrn Offizier ordnungsgemäß zu verhören: warum kam er her? Wenn er dich nicht als Kaiser anerkennt, so hat er kein Recht bei dir zu suchen; wenn er dich aber anerkennt, warum saß er dann bis zum heutigen Tag in Orenburg bei deinen Erzfeinden? – Ob man ihn nicht ins Gerichtszimmer führen und dort ein Feuerchen anmachen sollte? Ich glaube, seine Gnaden sind zu uns von den Orenburger Kommandeuren geschickt worden.«

Die Logik dieses alten Bösewichtes war mir sehr begreiflich und bei dem Gedanken, in wessen Händen ich mich befände, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Pugatschow bemerkte meine Verwirrung.

»Wie, Euer Wohlgeboren,« blinzelte er mir zu, »mein Feldmarschall scheint das Richtige getroffen zu haben? Meinst du nicht?«

Pugatschows Spott gab mir meinen Mut zurück. Kaltblütig entgegnete ich ihm, daß ich mich in seiner Gewalt befände und er mit mir machen könnte, was er nur wollte.

»Schon gut,« meinte Pugatschow, »jetzt aber erzähle, in welchem Zustand sich eure Stadt befindet.«

»Es geht, Gott sei Dank, alles gut,« antwortete ich.

»Gut?« wiederholte Pugatschow, »und die Leute sterben vor Hunger?«

Der Usurpator sprach die Wahrheit; doch der Pflicht meines Eides getreu, suchte ich ihn zu überzeugen, daß all das leere Gerüchte wären und daß Orenburg zur Genüge mit den verschiedensten Vorräten versorgt sei.

»Du siehst,« nahm das alte Männchen das Wort, »daß er dir ins Gesicht lügt. Alle Flüchtlinge bezeugen einstimmig, daß in Orenburg Hunger und Seuche herrschen, daß man dort bereits Leichen esse und selbst das sei noch ein Vergnügen; seine Gnaden aber versichern, daß dort alles gut ginge. Und wenn du schon den Schwabrin aufhängen lassen willst, so könnte doch eigentlich am selben Galgen auch dieser Bursche hängen, damit keiner auf den andern neidisch wäre.«

Die Worte dieses verdammten Alten schienen Pugatschow schwankend zu machen. Zum Glück widersprach Chlopuscha seinem Genossen.

»Schweig, Naumytsch,« fuhr er ihn an, »du willst immer nur erwürgen und totschlagen. Und was bist du denn für ein Held? Sieht man dich an, so weiß man nicht, woran deine Seele noch klebt. Mit einem Auge siehst du schon ins Grab und mit dem andern willst du noch andere Leute verderben. Du hast wohl zu wenig Blut auf deinem Gewissen?«

»Und was bist denn du für ein Knecht Gottes geworden?« entgegnete ihm Bjeloborodow, »woher kommst du zu deinem Mitleid?«

»Natürlich,« meinte Chlopuscha, »bin ich auch ein Sünder und dieser Arm« (hierbei ballte er seine knochige Faust, schob den Ärmel zurück und enthüllte einen zottigen Arm), »dieser Arm ist schuld an vielem vergossenen Christenblute. Aber ich habe immer nur Gegner vernichtet und nie einen Gast; auf freiem Wege und im dunklen Walde, aber nicht zu Hause hinter dem Ofen sitzend; mit der Wurfkugel und dem Beil und nicht mit Weibergeschwätz.«

Der Alte wandte sich ab und murmelte: »Abgerissene Nüstern! ...«

»Was murmelst du da, alter Hund,« fuhr Chlopuscha auf. »Ich werde dir mal – abgerissene Nüstern – wart nur, auch deine Zeit ist nah; Gott gebe, daß auch du die heißen Zangen zu riechen bekommst ... Bis dahin aber sieh zu, daß ich dir nicht deinen sogenannten Bart ausreiße!«

»Meine Herren Generäle!« rief Pugatschow mit Würde, »was streitet ihr euch da. Es wäre kein Unglück, wenn alle Orenburger Hunde mit den Füßen unter demselben Querbalken hin und her baumelten. Ein Unglück jedoch ist es, wenn unsere guten Hunde sich untereinander zu beißen beginnen. Also macht Frieden.«

Chlopuscha und Bjeloborodow sagten kein Wort mehr und sahen einander finster an. Ich sah die Notwendigkeit ein, das Gespräch zu verändern, das einen für mich sehr ungünstigen Ausgang nehmen konnte, wandte mich an Pugatschow und sagte ihm mit heiterer Miene:

»Übrigens vergaß ich ganz, mich bei dir für das Pferd und den Pelz zu bedanken. Ohne dich hätte ich die Stadt nie erreicht und wäre auf dem Wege erfroren.«

Meine List gelang. Pugatschow wurde lustig.

»Die bezahlte Schuld ist angenehm,« sagte er und blinzelte mit einem Auge; »erzähl mir jetzt einmal, was geht dich das Mädchen an, welches Schwabrin beleidigt? Sollte es nicht die Geliebte deines tapferen Herzens sein, wie?«

»Es ist meine Braut,« entgegnete ich schnell, als ich bei Pugatschow den angenehmen Wechsel des Wetters bemerkte, außerdem glaubte ich, die Wahrheit nicht verstecken zu brauchen.

»Deine Braut!« schrie Pugatschow. »Warum sagtest du das nicht früher? Ja, dann wollen wir dich doch verheiraten und auf deiner Hochzeit saufen!« Und dann wandte er sich zu Bjeloborodoff: »Höre, Feldmarschall! Seine Wohlgeboren ist ein alter Freund von mir; setzen wir uns daher und essen wir zu Abend und dann müssen wir die Sache überschlafen. Morgen laß uns sehen, was wir mit ihm machen.«

Am liebsten hätte ich diese Ehre abgelehnt, doch das ging nicht an. Die Töchter des Besitzers der Hütte, zwei junge Kosakenmädchen, deckten den Tisch mit einem weißen Tuche, brachten Brot herbei, Fischsuppe und einige Kannen mit Wein und Bier, und so fand ich mich denn zum zweitenmal an einem Tisch mit Pugatschow und seinen furchtbaren Genossen.

Die Orgie, an der ich als unfreiwilliger Zeuge beteiligt war, währte bis in die tiefe Nacht. Schließlich aber besiegte der Rausch die Kumpane. Auf seinem Stuhle sitzend schlief Pugatschow ein; seine Genossen standen auf und gaben mir ein Zeichen, ihn zu verlassen. Ich ging mit ihnen hinaus. Chlopuscha ordnete einiges an; dann führte mich ein Wachtposten in die Gerichtshütte, wo ich auch Saweljitsch vorfand und in welche wir eingeschlossen wurden. Mein Erzieher war von all dem, was geschehen, so erstaunt, daß er mir keinerlei Fragen stellte. Er legte sich im Dunkeln nieder und seufzte und ächzte noch lange; endlich ging das in Schnarchen über, ich aber gab mich meinen Gedanken hin, die mich die ganze Nacht kein Auge zutun ließen.

Des Morgens wurde ich zu Pugatschow gerufen. Ich ging hin. Vor seiner Tür stand ein Reisewagen, der mit drei tatarischen Pferden bespannt war. Auf der Straße drängte sich das Volk. Im Flur begegnete ich Pugatschow; er war reisefertig angezogen, trug einen Pelz und eine Kirgisenmütze. Seine gestrigen Kumpane umgaben ihn mit dem alten unterwürfigen Ausdruck, der all dem, was ich nachts gesehen hatte, widersprach. Heiter begrüßte mich Pugatschow und befahl mir, mich neben ihn in den Reisewagen zu setzen. Wir setzten uns.

»Zur Festung Bjelogorsk!« rief Pugatschow einem breitschultrigen Tataren zu, der das Dreigespann stehend lenkte.

Mein Herz klopfte stark. Die Pferde zogen an, die Glöckchen läuteten, der Schlitten fuhr los ...

»Halt! halt!« rief eine Stimme, die mir nur zu bekannt war und ich sah Saweljitsch, der uns entgegenlief. Pugatschow befahl zu halten.

»Väterchen Peter Andrejewitsch!« rief der Greis, »lassen Sie mich alten Menschen nicht so allein inmitten dieser Betrü...«

»So, so, alter Hund,« meinte Pugatschow. »Hat uns Gott schon wieder zusammengeführt. Setz dich meinetwegen auf den Bock!«

»Besten Dank, lieber Kaiser, besten Dank, Väterchen!« sagte Saweljitsch während er Platz nahm. »Gebe Gott dir hundert Jahre Gesundheit, daß du mich alten Mann beachtet und getröstet hast. Ewig werde ich für dich zu Gott beten und niemals mehr vom Hasenpelz sprechen.«

Dieser Hasenpelz hätte am Ende Pugatschow nicht wenig erbittern können. Zum Glück hörte der Usurpator nicht oder aber er beachtete die unangebrachte Andeutung nicht. Die Pferde sprengten weiter; das Volk auf der Straße blieb stehen und verneigte sich tief. Pugatschow nickte mit dem Kopf nach beiden Seiten. Schon nach einer Minute verließen wir das Dorf und fegten über die glatten Wege hin.

Man kann sich leicht vorstellen, was ich in dieser Minute fühlte. Nach wenigen Stunden sollte ich die sehen, die ich schon für verloren hielt. Ich stellte mir die Minute unseres Wiedersehens vor ... Ich dachte auch an jenen Menschen, in dessen Händen mein Schicksal lag und der durch eine seltsame Verkettung der Umstände mit mir geheimnisvoll verbunden war. Ich dachte an den grausamen Jähzorn und an die blutgierigen Gewohnheiten dessen, der nun der Befreier meiner Geliebten sein wollte! Pugatschow wußte nicht, daß sie die Tochter des Hauptmanns Mironow war, der erbitterte Schwabrin konnte ihm alles entdecken, auch auf andere Weise konnte Pugatschow die Wahrheit erfahren ... Was dann mit Marja Iwanowna? Kälte überlief meinen Körper und meine Haare standen zu Berg ...

Plötzlich unterbrach Pugatschow meine Betrachtungen und wandte sich mit einer Frage zu mir:

»Worüber denken Euer Wohlgeboren nach?«

»Wie sollte ich nicht,« entgegnete ich ihm, »ich bin ein Offizier und Edelmann; gestern noch schlug ich mich gegen dich, heute aber fahre ich mit dir im selben Schlitten und das Glück meines ganzen Lebens hängt von dir ab.«

»Und nun?« fragte Pugatschow, »fürchtest du dich?«

Ich antwortete, daß ich, da ich schon einmal von ihm begnadigt worden sei, mich ferner nicht nur auf seine Gnade, sondern auch auf seine Hilfe verließe.

»Und du tust recht daran, bei Gott, tust recht daran!« sagte der Usurpator. »Du sahst, wie meine Leute dich mißtrauisch ansahen, und der Alte hat noch heute darauf bestanden, daß du ein Spion seist und man dich foltern und aufknüpfen müsse; ich aber willigte nicht ein,« fügte er hinzu und senkte die Stimme, damit Saweljitsch und der Tatar ihn nicht hören könnten, »da ich deines Glases Wein gedachte und des Hasenpelzes. Du siehst, daß ich durchaus nicht so blutdürstig bin, wie eure Leute von mir sagen.«

Ich dachte an die Einnahme von Bjelogorsk, hielt es aber nicht für nötig, seine Ansicht zu bestreiten und antwortete kein Wort.

»Was spricht man von mir in Orenburg?« fragte Pugatschow, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte.

»Man sagt, daß man mit dir schwer auskommen könnte. Du hast dich zu erkennen gegeben.«

Das Gesicht des Usurpators sprach von befriedigter Eigenliebe.

»Ja,« sagte er heiter, »wenn ich schon kämpfe, dann auch ordentlich. Weiß man auch bei euch in Orenburg von meiner Schlacht bei Jusejew? Vierzig Generäle wurden totgeschlagen, vier Armeen kapitulierten. Was aber meinst du: könnte der Preußenkönig es mit mir aufnehmen?«

Die Prahlerei des Räubers machte mich lächeln.

»Und was hältst du selber davon?« sagte ich ihm, »würdest du mit Friedrich fertig werden?«

»Mit Fjodor Fjodorowitsch? Friedrich der Große. Warum denn nicht? Mit euren Generälen bin ich doch fertig geworden, die aber haben ihn geschlagen. Bis jetzt ist das Glück meinen Waffen noch treu gewesen. Gib mir Zeit und es werden noch ganz andere Dinge geschehen, wenn ich erst auf Moskau ziehe!«

»Also gedenkst du auf Moskau loszugehen?«

Der Usurpator dachte ein wenig nach und sagte halblaut:

»Weiß Gott! Mein Weg ist schmal; man läßt mir nicht viel Freiheit. Meine Leute werden aufsässig. Sie sind Diebe. Ich muß meine Ohren steifhalten: bei der ersten Niederlage werden sie ihren Hals mit meinem Kopf bezahlen.«

»Eben,« sage ich zu Pugatschow, »und wäre es da nicht besser, wenn du selber sie rechtzeitig verließest und dich an die Gnade der Kaiserin wendetest?«

Aber Pugatschow lächelte bitter.

»Nein,« antwortete er, »zur Reue ist es für mich zu spät. Man wird mich nicht begnadigen. Ich will fortfahren, wie ich begonnen habe. Und wer weiß denn? Vielleicht glückt's! Grischka Otrepjeff hat über Moskau geherrscht.«

»Aber weißt du auch, wie er endete? Man warf ihn aus dem Fenster, schlug ihn tot, verbrannte ihn, lud mit seiner Asche eine Kanone und schoß sie ab.«

»Hör mal,« sagte Pugatschow in wilder Begeisterung, »ich will dir ein Märchen erzählen, das mir, als ich noch ein Kind war, eine alte Kalmückin erzählte. Der Adler fragte einmal den Raben: ›Sag mal, Rabenvogel, warum lebst du auf der weiten Welt dreihundert Jahre und ich nur im ganzen dreiunddreißig?‹ – ›Darum, Väterchen,‹ antwortete ihm der Rabe, ›weil du lebendiges Blut trinkst, ich aber mich von Aas nähre.‹ Der Adler dachte nach: ›Ich will versuchen, mich auf dieselbe Weise zu nähren.‹ Gut. Adler und Rabe machten sich auf den Weg. Plötzlich sahen sie ein gefallenes Pferd, flogen herab und setzten sich darauf. Der Rabe fiel sofort darüber her und lobte es. Der Adler hackte einmal hinein, dann noch einmal, breitete die Flügel aus und sagte zum Raben: ›Nein, Bruder Rabe, ehe ich mich dreihundert Jahre von Aas nähren sollte, ist es besser, sich einmal in lebendigem Blute zu berauschen; dann aber, wie Gott will!‹ – Nun, wie gefällt dir diese Kalmückensage?«

»Sie ist nachdenklich,« antwortete ich. »Aber von Mord und Raub leben, heißt für mich, sich von Aas nähren.«

Pugatschow sah mich erstaunt an und antwortete nichts. Wir verstummten beide und jeder gab sich seinen Betrachtungen hin. Der Tatar sang ein melancholisches Lied, träumend schwankte Saweljitsch auf dem Bocke. Der Schlitten flog über den glatten winterlichen Weg ... Plötzlich sah ich das steile Ufer des Jaik und ein Dörfchen mit einem Bretterzaun und einem Glockenturm, und nach einer Viertelstunde waren wir in der Festung Bjelogorsk.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.