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Die Günderrode

Richard Wilhelm: Die Günderrode - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRichard Wilhelm
titleDie Günderrode
publisherSocietäts-Verlag
year1938
correctorreuters@abc.de
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Tod

Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte, dieses zu leisten ...

Rilke

 

Am 27. Juni 1806 schrieb Creuzer den letzten Brief an die Günderrode. Er kündigte ihr darin seinen Besuch an. »Wer doch den Raum zernichten könnte, der uns trennt. Ich komme, und Du verstehst mich, das weiß ich. O wie wird es sein, wenn Du mich wieder wert findest an Deinem Herzen zu ruhen.«

Was das Frankfurter Zusammensein brachte, wissen wir nicht. Wohl schien der Frieden der Liebenden vorher wieder gestört. Die letzten Briefe kamen auf beiden Seiten aus einem überreizten Gemüt und trafen in die immergleiche Wunde. Aber dennoch hatte Karoline den Entschluß geäußert, da ein anderer Besitz nicht möglich war, dereinst ihre Wohnung in der Nähe des Freundes aufzuschlagen. Für Creuzer mag der Plan ebensoviel Sorge wie Hoffnung enthalten haben. Er kam ruheloser als je vorher von Frankfurt zurück, er mußte nach einigen Tagen seine Vorlesungen abbrechen und verfiel schließlich in Fieber, Erschöpfung und Schlafsucht. Seine Natur, die keine Lösung mehr sah oder wagte, ergriff den Ausweg in die Krankheit. Er glaubte, daß ihm der Tod nahe sei. Seine Frau umgab ihn mit aller erdenklichen Sorgfalt und Pflege, die nächsten Freunde, unter ihnen der Theologe Daub und der Pädagoge Schwarz, umstanden sein Lager. In der kraftlosesten Stunde gab er seinen Pflegern und Warnern die Erklärung, daß er seine Beziehung zu Karoline von Günderrode lösen wolle. »Er entsagte,« wie es heißt, »feierlich seinem bisherigen Verhältnisse.« Der ruheverlangende Mann gab sich den Seinen wieder. Er begann zu genesen. Daub, der Kirchenrat, übernahm es, der aufgegebenen Freundin die Absage zu bringen. Er entledigte sich dieses Auftrags mit einer beklemmenden Gründlichkeit. Er schrieb an Susanne von Heyden, die immer im Verkehr der Liebenden die Vertraute gewesen war: »Creuzers bestimmt und entschieden erklärter Wille ist es, daß das bisher zwischen ihm und dem Fräulein Karoline bestandene Verhältnis aufgehoben, daß es vernichtet sei. Diese Erklärung ... ist unaufgefordert durch ihn mit einer solchen Ruhe, Besonnenheit und Festigkeit geschehen, daß ich sagen darf: das genannte Verhältnis sei damit vernichtet.« Er bat sie, dies der Betroffenen mitzuteilen.

Es hat im Hinblick auf die Dinge, die kamen, etwas Rührendes, wie Susanne von Heyden, von trüben Ahnungen gequält, das Verhängnis noch hinauszuschieben versuchte. Sie vermochte an die Härte der nackten Aufkündigung nicht zu glauben. Sie fragte zurück, ob Creuzer vielleicht gestorben wäre und diese Nachricht nur ein Umweg, um Karoline den Verlust zu mildern. Sie bat um Schonung, um nur ein Zeichen, eine Zeile von Creuzers Hand. »Sie fühlen wohl selbst als Freund des Freundes, daß es der Armen Leben gilt.« Aber Creuzer hatte die Rückgabe der Briefe und Geschenke schon vorbereitet. Er wollte, daß Karoline »unverzüglich benachrichtigt würde«.

Die Günderrode war in Winkel, wo sie als Gast eines befreundeten Frankfurter Kaufmanns in dessen Hause wohnte. In ihrer Nähe weilte Charlotte Servière. An diese sandte Frau von Heyden den Brief mit der verhängnisvollen Nachricht.

Die Günderrode, die noch täglich auf ein Zeichen von Creuzer warten mochte, nahm den Brief selbst entgegen. Von bangen Ahnungen erfüllt, erbrach sie das Siegel und las das unzweifelhafte Ende ihres Glücks.

Sie hat kein tröstliches und kein quälendes Zeichen der Erschütterung hinterlassen, welche die Botschaft in ihr hervorrief. Man sah sie den Weg zum Rhein hinabgehen, nach außen gelassen wie immer. Am Morgen des nächsten Tages fand sie ein Bauer. Sie trug den Dolch im Herzen. Sterbend hatte sie sich in den Rhein gestürzt.

Ob in diesem Augenblick die Gewalt des Absturzes ihre Sinne verdunkelte, ob die Enttäuschung oder die Furcht vor einem künftigen Leben ohne den süßen Inhalt ihrer Hingabe mächtiger waren in ihr oder ob sie an alles das nicht mehr dachte und über den Schatten des Mannes hinwegschritt wie über die Schwelle einer Pforte, der sie von jeher entgegeneilte, das nahm sie als ihr Geheimnis mit hinab.

Auf der Steinplatte in Winkel, die noch heute die Stelle ihres Grabes an der Friedhofsmauer bezeichnet, sind die Verse des indischen Weisen Borthuherrian eingegraben:

Erde, du meine Mutter, und du, mein Ernährer, der Lufthauch,
Heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater, der Aether, ich sag euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab ich hienieden gelebt;
Und ich gehe zur anderen Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Die Günderrode hatte sie am Tage ihres Todes niedergeschrieben, so wie sie sich ihrer aus Herders Uebersetzung erinnerte, und sie dabei leise verwandelt und verschönt. Sie fügen sich lückenlos wie der Schlußstein ins Gewölbe in den Ring ihrer frömmsten Gedanken. Sie atmen noch heute die stille Versöhnungsmusik des Abschieds, und gleichzeitig erscheinen die Zeichen des Untergangs in ihnen auf geheimnisvolle Weise wieder aufgehoben. Sie enthalten alles, was mit Menschenworten über die Bedeutung ihres Todes gesagt werden kann, eines Todes, mit dem sie sich einreiht in die Schar der hehren Frühentrückten, an denen kein Volk so reich ist wie das deutsche. Als in dem Abfall Creuzers der gebietendste Wink des Schicksals sie traf, sah sie sich zurückgeworfen ins eigene Innere. Für einen Augenblick stand sie vielleicht, eine erhabene Verlassene, klagend am Rand einer Wüste, die aufs neue zu bevölkern sie sich nicht mehr unternahm. Aber zurückgestürzt in den entleerten Herzraum, fand sie dennoch dort, was das Liebes jähr überdauert hatte: die gereifte Entschlußkraft zum selbstgewählten Tod der Reinigung, Verjüngung. Wieder, und dieses Mal gehorchend, vernahm sie den Ruf des Empedokles: »O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt!« Nun duldete sie, wohl nicht einmal schweren Herzens, das Gesetz, das sie über sich verhängt hatte, und rettete so den Entwurf eines großen Lebens und den Glauben, aus dem sie da war. Ein Tod des Selbstopfers, aber darum auch ein Tod der Rettung, denn immer rettet der Opfernde, was mehr ist als er selbst. – Der letzte Blick gilt den Trägern und Ernährern allen irdischen Seins, der Erde, dem Feuer, dem Strom, dem Aether, den schicksallosen Elementen, in denen sich ihr die Gottesmacht faßlicher und makelloser verkörperte als in der qual- und fluchbeladenen Menschenwelt. So, heil und gerechtfertigt in ihrer Zeugenschaft für die Güte der letzten Verwandlung, kehrt die schöne und helle Seele aus dem Erdenstreit zurück in die Ewigkeit. Mit einem Geisterlaut der Versöhnung auf den Lippen geht sie ein in den ewigen Schlaf.

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