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Die Günderrode

Richard Wilhelm: Die Günderrode - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRichard Wilhelm
titleDie Günderrode
publisherSocietäts-Verlag
year1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ausgewählte Gedichte

Des Wandrers Niederfahrt

Wandrer

Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen,
Des Westes Meer, in dem der Nachtwind braust.
Dies ist der Untergang von Gold umzogen,
Und dies die Grotte, wo mein Führer haust.

Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren,
Dess' Scheitel freundlich Abendröte küßt!
In dem sein Leben Helios verloren
Und dessen Gürtel schon die Nacht umfließt.

Herold der Nacht! Bist du's, der zu ihr führet,
Der Sohn, den sie dem Sonnengott gebieret?

Führer

Ja, du bist an dessen Grotte,
Der dem starken Sonnengotte
In die Zügel fiel.
Der die Rosse westwärts lenket,
Daß sich hin der Wagen senket
An des Tages Ziel.

Und es sendet mir noch Blicke
Liebevoll der Gott zurücke,
Scheidend küßt er mich;

Und ich seh es, weine Tränen,
Und ein süßes stilles Sehnen
Färbet bleicher mich;
Bleicher, bis mich hat umschlungen
Sie, aus der ich halb entsprungen,
Die verhüllte Nacht.

In ihre Tiefen führt mich ein Verlangen,
Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht,
Doch tief im Tale hat sie mich umfangen,
Den Dämmerschein verschlingt schon Mitternacht.

Wandrer

O führe mich! Du kennest wohl die Pfade
Ins alte Reich der dunklen Mitternacht;
Hinab will ich ans finstere Gestade,
Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht.
Entsagen will ich jenem Tagesschimmer,
Der ungern nur der Erde sich vermählt,
Geblendet hat mich trüg'risch nur der Flimmer,
Der Ird'sches nie zur Heimat sich erwählt.
Vergebens wollt den Flüchtigen ich fassen,
Er kann doch nie vom steten Wandel lassen.
Drum führe mich zum Kreis der stillen Mächte,
In deren tiefem Schoß das Chaos schlief,
Eh' aus dem Dunkel ew'ger Mitternächte
Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief.
Dort, wo der Erde Schoß noch unbezwungen
In dunkle Schleier züchtig sich verhüllt,
Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen,
Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild,
Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde,
Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefährte.

Führer

Willst du die Götter befragen,
Die des Erdballs Stützen tragen,
Lieben der Erde Geschlecht,
Die in seliger Eintracht wohnen,
Ungeblendet von irdischen Sonnen,
Ewig streng und gerecht,
So komm, eh' ich mein Leben ganz verhauchet,
Eh' mich die Nacht in ihre Schatten tauchet.

Wandrer

Horch! Es heulen laut die Winde,
Und es engt sich das Gewinde
Meines Wegs durch Klüfte hin.
Die verschloss'nen Ströme brausen,
Und ich seh mit kaltem Grausen,
Daß ich ohne Führer bin.
Ich sah ihn blässer, immer blässer werden,
Und es begrub die Nacht mir den Gefährten.

In Wasserfluten hör ich Feuer zischen,
Seh, wie sich brausend Elemente mischen,
Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint.
Ich seh, wie Ost und West sich hier umfangen,
Der laue Süd spielt um Boreas Wangen,
Das Feindliche umarmet seinen Feind
Und reißt ihn fort in seinen starken Armen:
Das Kalte muß in Feuerglut erwarmen.
Tiefer führen noch die Pfade
Mich hinab, zu dem Gestade,
Wo die Ruhe wohnt,
Wo des Lebens Farben bleichen,
Wo die Elemente schweigen
Und der Friede thront.

Erdgeister

Wer hieß herab dich in die Tiefe steigen
Und unterbrechen unser ewig Schweigen?

Wandrer

Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergründen!

Erdgeister

So wolltest in der Nacht das Licht du finden?

Wandrer

Nicht jenes Licht, das auf der Erde gastet
Und trügerisch dem Forscher nur entflieht,
Nein, jenes Ursein, das hier unten rastet
Und rein nur in der Lebensquelle glüht.
Die unvermischten Schätze wollt ich heben,
Die nicht der Schein der Oberwelt berührt,
Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben
Des Daseins Meer in seinen Tiefen führt;
Das Leben in dem Schoß des Lebens schauen,
Wie es sich kindlich an die Mutter schmiegt,
In ihrer Werkstatt die Natur erschauen,
Sehn, wie die Schöpfung ihr am Busen liegt.

Erdgeister

So wiß! Es ruht die ew'ge Lebensfülle
Gebunden hier noch in des Grabes Hülle
Und lebt und regt sich kaum.
Sie hat nicht Lippen, um sich auszusprechen,
Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel brechen,
Ihr Dasein ist noch Traum;
Und wir, wir sorgen, daß noch Schlaf sie decke,
Daß sie nicht wache, eh die Zeit sie wecke.

Wandrer

O ihr, die in der Erde waltet,
Der Dinge Tiefe habt gestaltet,
Enthüllt, enthüllt euch mir!

Erdgeister

Opfer nicht und Zauberworte
Dringen durch der Erde Pforte,
Erhörung ist nicht hier.
Das Ungeborne ruhet hier verhüllet,
Geheimnisvoll, bis seine Zeit erfüllet.

Wandrer

So nehmt mich auf, geheimnisvolle Mächte,
O wieget mich in tiefen Schlummer ein.
Verhüllet mich in eure Mitternächte,
Ich trete freudig aus des Lebens Reih'n.
Laßt wieder mich zum Mutterschoße sinken,
Vergessenheit und neues Dasein trinken.

Erdgeister

Umsonst! An dir ist unsre Macht verloren.
Zu spät! Du bist dem Tage schon geboren,
Geschieden aus dem Lebenselement.
Dem Werden können wir und nicht dem Sein gebieten,
Und du bist schon vom Mutterschoß geschieden,
Durch dein Bewußtsein schon vom Traum getrennt.
Doch schau hinab in deiner Seele Gründen,
Was du hier suchest, wirst du dorten finden,
Des Weltalls seh'nder Spiegel bist du nur.
Auch dort sind Mitternächte, die einst tagen,
Auch dort sind Kräfte, die vom Schlaf erwachen,
Auch dort ist eine Werkstatt der Natur.

Ist alles stumm und leer

Ist alles stumm und leer,
Nichts macht mir Freude mehr;
Düfte sie duften nicht,
Lüfte sie lüften nicht,
Mein Herz so schwer!

Ist alles öd und hin,
Bange mein Geist und Sinn,
Wollte, nicht weiß ich was,
Jagt mich ohne Unterlaß,
Wüßt ich wohin? –

Ein Bild von Meisterhand
Hat mir den Sinn gebannt,
Seit ich das Holde sah,
Ist's fern und ewig nah,
Mir anverwandt. –

Ein Klang im Herzen ruht,
Der noch erfüllt den Mut.
Wie Flötenhauch ein Wort
Tönet noch leise fort,
Stillt Tränenflut.

Frühlinges Blumen treu
Kommen zurück aufs neu,
Nicht so der Liebe Glück,
Ach, es kommt nicht zurück,
Schön, doch nicht treu.

Kann Lieb so unlieb sein,
Von mir so fern, was mein? –
Kann Lust so schmerzlich sein,
Untreu so herzlich sein? –
O Wonn, o Pein!

Phönix der Lieblichkeit,
Dich trägt dein Fittich weit
Hin zu der Sonne Strahl –
Ach, was ist dir zumal
Mein einsam Leid?

Nikator. Zweiter Akt.

Szene: Ein Garten. Adonia allein.

Adonia

Die Mitternacht sinkt endlich still hernieder,
Und das Gewühl des öden Tags zerrinnt;
Sein bunt Geräusch, sein leeres, kaltes Treiben
Begräbt in heil'ge Stummheit Mitternacht.
O Mitternacht! birg mich in deinem Schoße,
Laß mich genesen von des Lebens Müh';
Laß schlummern mich in deinen Sternenarmen
Und Träume träumen, die der Tag verscheucht.
Der Mond sieht lächelnd durch die Myrtenzweige,
Er regt des Herzens tiefstes Sehnen auf.
Der Abendwind spielt leis um meine Lippen,
Als frag' er mich um meinen stillen Gram.
Doch, Mond und Luft, ich darf ihn euch nicht nennen,
Verschwiegene Lippen, sprechet ihn nicht aus.

( Nikator kommt)

Nikator

Wär' ich der Mond, ich weinte Strahlen nieder;
Wär' ich die Luft, ich seufzte durch die Nacht,
Bis die verschwieg'nen Lippen ich beweget,
Zu öffnen mir ihr stilles Heiligtum.

Adonia

Nikator, du! in dieser Abendstunde,
Was wagest du, für dich und auch für mich?

Nikator

Ich wage, ja! Aus dieser Abendstunde
Soll dämmern mir des Lebens Morgenrot.
Der Liebe Tag will ich der Nacht entreißen,
Wo nicht, in ihrem Schatten untergehn.
Du kennst mein Herz, ich hab' es laut verkündet
Vor aller Welt, bei dir nur kann ich's nicht.
In deinem Schauen ist das Wort gefangen,
In deiner Schönheit ist das Aug' verirrt.
Und all mein Leben hat sich mir entwendet
Und flieht verräterisch zu dir, zu dir.
Wenn du nicht Großmut übest, muß ich sterben,
Wenn du nicht Leben gibst, muß ich vergehn.

Gebet an den Schutzheiligen

Den Königen aus Morgenlanden
Ging einst ein hell Gestirn voran
Und führte treu sie ferne Pfade,
Bis sie das Haus des Heilands sah'n.

So leuchte über meinem Leben,
Laß glaubensvoll nach dir mich schaun,
In Qualen, Tod und in Gefahren
Laß mich auf deine Liebe traun.

Mein Auge hab ich abgewendet
Von allem, was die Erde gibt,
Und über alles, was sie bietet,
Hab ich dich, Trost und Heil, geliebt.

Dir leb ich und dir werd ich sterben,
Drum lasse meine Seele nicht
Und sende in des Lebens Dunkel
Mir deiner Liebe tröstlich Licht.

O leuchte über meinem Leben!
Ein Morgenstern der Heimat mir,
Und führe mich den Weg zum Frieden,
Denn Gottes Friede ist in dir.

Laß nichts die tiefe Andacht stören,
Das fromme Lieben, das dich meint,
Das, ob auch Zeit und Welt uns trennen,
Mich ewig doch mit dir vereint.

Da du erbarmend mich erkoren,
Verlasse meine Seele nicht,
O Trost und Freude! Quell des Heiles!
Laß mich nicht einsam, liebes Licht!

Aegypten

Blau ist meines Himmels Bogen,
Ist von Regen nie umzogen,
Ist von Wolken nicht umspielt,
Nie vom Abendtau gekühlt.

Meine Bäche fließen träge,
Oft verschlungen auf dem Wege
Von der durst'gen Steppe Sand
Bei des langen Mittags Brand.

Meine Sonn', ein gierig Feuer,
Nie gedämpft durch Nebelschleier,
Dringt durch Mark mir und Gebein
In das tiefste Leben ein.

Schwer entschlummert sind die Kräfte,
Aufgezehrt die Lebenssäfte;
Eingelullt in Fiebertraum
Fühl' ich noch mein Dasein kaum.

Der Nil

Aber ich stürze von Bergen hernieder,
Wo mich der Regen des Himmels gekühlt,
Trinke erbarmend die lechzenden Brüder,
Daß sich ihr brennendes Bette erfüllt.

Jauchzend begrüßen mich alle die Quellen,
Kühlend umfange ich, Erde, auch dich;
Leben erschwellt mir die Tropfen, die Wellen,
Leben dir spendend umarme ich dich.

Teueres Land du! Gebärerin Erde!
Nimm nun den Sohn auch, den liebenden, auf,
Du, die in Klüften gebar mich und nährte,
Nimm jetzt, o Mutter!! den Sehnenden auf.

Der Kaukasus

Mir zu Häupten Wolken wandeln,
Mir zur Seite Luft verwehet,
Wellen mir den Fuß umspielen,
Türmen sich und brausen, sinken.
Meine Schläfe Jahr' umgauklen,
Sommer, Frühling, Winter kamen,
Frühling mich nicht grün bekleidet,
Sommer hat mich nicht entzündet,
Winter nicht mein Haupt gewandelt.
Hoch mein Gipfel über Wolken
Eingetaucht im ew'gen Aether
Freuet sich des steten Lebens.

Adonis' Tod

I

Die Göttin sinkt in namenlosem Leide,
Den Jäger traf des Tieres wilde Wut;
Die Rose, trinkend von des Jünglings Blut,
Glänzt ferner nicht im weißen Lilienkleide.

Das Abendrot der kurzen Liebesfreude
Blickt traurig aus der Blume dunklen Glut.
Adonis tot im Arm der Göttin ruht,
Das Schönste wird des kargen Hades Beute.

Verhaßt ist ihr des langen Lebens Dauer,
Das Götterlos wird ihrer Seele Trauer,
Die sehnsuchtskrank den süßen Gatten sucht.

Und still erblühet heißer Tränen Frucht:
Den stummen Schmerz verkünden Anemonen,
Den ew'gen Wunsch, im Schattenreich zu wohnen.

II

Den Lilienleib des Purpurs dunkler Schleier
Dem irren Blick der Göttin halb entzieht;
Der Trauer Bild, die Anemone, blüht
So weiß als rot zur stillen Totenfeier.

Erloschen ist in ihm des Lebens Feuer,
Sein totes Aug' die Blume nimmer sieht. –
Doch plötzlich schmilzt der Göttin Leid im Lied,
Die Klage tönt, die Seele fühlt sich freier.

Ein Kranker, der des Liedes Sinn empfunden,
Durch ihrer Töne Zauber soll gesunden.
Der Andacht gerne Liebe sich vertraut.

Und gläubig einen Tempel er sich baut,
Auf daß er pflege in dem Heiligtume
Der Sehnsucht Kind, die süße Wunderblume.

III

Adonis' Totenfeier

Wehe! daß der Gott auf Erden
Sterblich mußt geboren werden!
Alles Dasein, alles Leben
Ist mit ihm dem Tod gegeben.
Alles wandelt und vergehet,
Morgen sinkt, was heute stehet;
Was jetzt schön und herrlich steiget
Bald sich hin zum Staube neiget;
Dauer ist nicht zu erwerben,
Wandeln ist unsterblich Sterben.
Wehe! daß der Gott auf Erden
Sterblich mußt geboren werden!
Alle sind dem Tod verfallen,
Sterben ist das Los von allen.
Viele doch sind, die nicht wissen,
Wie der Gott hat sterben müssen;
Blinde sind es, die nicht sehen,
Nicht den tiefen Schmerz verstehen,
Nicht der Göttin Klag' und Sehnen,
Ihre ungezählten Tränen,
Daß der süße Leib des Schönen
Muß dem kargen Tode frönen.

Laßt die Klage uns erneuern!
Rufet zu geheimen Feiern
Die Adonis heilig nennen,
Seine Gottheit anerkennen,
Die die Weihen sich erworben,
Denen auch der Gott gestorben.

Brecht die dunkle Anemone,
Sie, die ihre Blätterkrone
Sinnend still herunterbeuget,
Leise sich zur Tiefe neiget,
Forschend, ob der Gott auf Erden
Wieder soll geboren werden!

Brechet Rosen; jede Blume
Sei verehrt im Heiligtume,
Forscht in ihren Kindermienen,
Denn es schläft der Gott in ihnen;
Uns ist er durch sie erstanden
Aus des dumpfen Grabes Banden.
Wie sie leis hervor sich drängen
Und des Hügels Decke sprengen,
Ringet aus des Grabes Engen
Sich empor verschloss'nes Leben,

Tod den Raub muß wiedergeben,
Leben wiederkehrt zum Leben.
Also ist der Gott erstanden
Aus des dumpfen Grabes Banden.

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