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Die Günderrode

Richard Wilhelm: Die Günderrode - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRichard Wilhelm
titleDie Günderrode
publisherSocietäts-Verlag
year1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nachleben

»Sie wachsen noch an der Welt wie der Apfel am Baum, aber wenn die Frucht reif ist, fällt sie vom Stamm; sie hat dann ihre eigentümliche Gestalt, ist vollendet –« So bekennt noch ein Wort des Nachlasses sich ergeben und fast heiter zu dem Werde- und Wandlungsgesetz der Natur. Und mit ähnlicher, fast gewaltsamer Kühle: »Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste.«

Bei solchen Worten, mögen sie auch das Geschenk besonders windstiller Stunden gewesen sein, erinnert man sich noch einmal an die innige Todesbereitschaft der Dichterin. Man hat gesagt, daß für jedes Geschöpf sein ihm bestimmter Tod schon in der Substanz seines Lebens angelegt ist, so daß, was das Leben ernährt, auch den Tod großzieht. Das schließliche Todesereignis ist nur das erscheinende Ende einer lange verborgenen inneren Reifung. Für die Günderrode kam hinzu, daß die Immanenz des Todes im Leben ihr ein Gegenstand des Bewußtseins geworden war. Das, was gemeinhin unseren Blicken entzogen ist, was vor allem Bewußtsein liegt, weil es schon bei der ursprünglichen Mischung unserer Elemente festgelegt wurde, das war in ihr heraufgestiegen in den Raum der wachen Gedanken, es mischte sich unter sie, handelte mit und entschied zuletzt. Die magische Gewalt, von der Novalis träumte, daß sie dem Menschen zur Bemeisterung der Erscheinungswelt gegeben sei, und die als ein schlummerndes Organ nur geübt werden müsse, sie eignet sich auch die Bestimmung über den Tod an. Ein so in den Bewußtseinszustand erhobenes Leben mündet wie von selbst in den Wahltod, den bewußten Tod mit der Qual und der Würde seiner Bewußtheit.

Das mag den Zeitgenossen, die aus geringem Abstand den Untergang miterlebten, nicht sichtbar gewesen sein. Für sie stand im Vordergrund das Schauspiel des Selbstmords. Der aber war ein Schritt aus der gebildeten und bei aller geistigen Auflockerung gesicherten und umfriedeten Welt der Bürger und Gelehrten heraus in ein Zeitalter der tragischen und heroischen Schicksale. Von so etwas sprach man, man bedichtete und besang es, man ließ sich von der Bühne herab davon erschüttern, aber in der Wirklichkeit verdammte, ja verachtete man es mit dem Instinkt des Lebens, das sich nicht selber verraten kann. Daß ein Mädchen aus gutem Hause, klug und gebildet, geachtet und geliebt, die legitime Ordnung durchbricht und sich ein Schicksal anmaßt von so vorzeitlichem Grauen wie das Ende der Sappho am Leukadischen Fels, das erschien den Zeitgenossen trotz Jerusalem und Werther ungeheuerlich. Sie bedauerten den kompromittierten Professor, der in Heidelberg krank lag, oder sie gaben dem Idealismus der überspannten Heroine die Schuld. An romantischen Schwärmern, die von der abenteuerlichen Selbstopferung für einen Augenblick gerührt und poetisch gestimmt wurden, fehlte es nicht. Mehrere von ihnen machten ihrer angenehmen Erregtheit in gereimten Nachrufen Luft. Aber weder die Pedanten, die sie verdammten, noch die Schwärmer, die sie feierten, sprachen ihr den einfach gerechten Epilog, in dem begriffen war, daß sie nicht anders konnte. Geschöpfe, die Schicksal in sich haben wie Zugvögel in der Brust die Richtung ihres Flugs, haben nicht die Wahl, welche die Immer-Heilbaren haben. Sie zeugen in einem Grenzfall des Lebens für die Gewalt der Mächte, die Leben zerstören, so wie sie es bilden. Mit dem Verhängnis in sich sind sie im Leben einsam und unvergleichlich für sich. So sind sie es auch im Tode.

Die Erinnerung an den Tag in Winkel erlosch bald. Schon 1812 konnte Achim von Arnim, der ritterlichste unter den Freunden, der sich des Schuldlosen annahm, wo es ihm begegnete, in edlem Zorne klagen: »Arme Sängerin, können die Deutschen unserer Zeit nichts als das Schöne verschweigen, das Ausgezeichnete vergessen und den Ernst entheiligen? Wo sind Deine Freunde? Keiner hat der Nachwelt die Spuren Deiner Begeisterung gesammelt, die Furcht vor dem Tadel der Heillosen hat sie alle gelähmt.«

Arnim hatte auch das reinste Urteil über das tragische Ende. In seiner Antwort auf die Todesbotschaft ist der Klang edlen Erzes, das durch eine Erschütterung angestoßen wird. Die Tage kamen ihm in den Sinn, die er mit der Günderrode und Bettina in unschuldiger Geselligkeit verbracht hatte. Aus seiner Erinnerung schimmert, wie das Helle in einem Spiegel, die liebliche Zwienatur des Mädchens, das heiter war mit den Fröhlichen, aber einsam unter allen. Er ahnt, wie schwer sie es hatte in ihrem Kampf zwischen strenger Selbstbewahrung und leidenschaftlicher Hingabe. »Der sanfte, blaue Blick der armen Günderode begegnet mir sicherer, nun sie nicht mehr sprechen kann, sie sieht freier und ohne Zurückhaltung in die Welt, wir fühlen uns enger befangen, schlagen die Augen nieder und an unsere Brust, wir konnten ihr nicht genug geben, um sie hier zu fesseln, nicht hell genug singen, um die Furienfackel unseliger, ihr fremder Leidenschaft auszublasen. Ich sage: wir – und doch war ich ihr gar zu nichts, aber ihr doch recht gut, und von dem Morgen, wo ich ihr das Wasser in die Augen spritzte, von dem Nachmittage, wo sie so lachend kämpfte, den Dolch zu verbergen, den sie aus dem Schranke hervorsuchte, womit wir spielten recht wie die Kinder mit dem Feuer, das ihr Bett ergriffen, bis zu unserem Umsturze, wo ich sie in meinen Armen gen Himmel hielt, und bis zu dem Abschiedsabende in Ihrem Hause, wo sie so hübsch aussah, daß wir uns alle verwunderten, in all der lieben, fröhlichen Zeit war sie so mitwirkend zu allem Spiel, so sanft verteidigend gegen die kritische Pflichtbosheit der zensierenden Pädagogik von Clemens, daß ich immer bei ihr auf das Lamm komme, das nichts mehr zu opfern hatte und sich nun selbst opferte.« Er verachtet den Arzt, der eine Krankheit benötigt, um ihren Tod zu erklären. Das Geheimnis ihres Todes ist ihm klar in sich und weder gut noch böse. Keine Frage bleibt für ihn übrig, wenn es so war, daß sie »lieber wie ein Bergschatten in der Tiefe des Rheines verlöschen« wollte.

Creuzer, den Arnim in seinem Brief nicht erwähnt, genas von seiner Krankheit. Auch die Verstörung, in die ihn die Nachricht aus Winkel stürzte, wurde durch die Besonnenheit der Freunde wieder ausgeglichen. Er arbeitete wieder mit Gewinn, er heiratete nach Sophiens Tod zum zweitenmal. Er hielt die Erinnerung an die »Periode schwerer Körper- und Seelenleiden« im tiefsten Innern verschlossen und sprach nicht darüber, wie er sein Anteil durchlitt. An den schönsten Stellen seines mythengeschichtlichen Werkes, das er bald begann, waltet noch die Erinnerung an das gemeinsame Erleben; dennoch blieben die tieferen Schichten seines Wesens fortan zugedeckt. Seine Selbstbiographie ist ein ziemlich unnötiges Buch. Er wurde alt und betagt. Eusebio, seine Zweitgestalt, hatte sich verflüchtigt, nachdem der Freund entwichen war.

Bettina, die nicht gemacht war, sich um einen Verlust lange zu grämen, hat doch die Günderrode nie vergessen. Sie hatte sie mit aller Liebe nicht retten können, nun klagte ihre vergeblich gewesene Sorge mit der Stimme eines Requiems aus ihrem Buche: »Dir mehr wie jedem gehört der goldene Friede, daß Du geschieden seist von allen Störungen der Mächte, die Dich bilden, und drum mein ich als, ich müsse Dich einschließen und Wächter vor Dir sein und daß ich nächtlich möcht an Dein Lager treten und gesammelten Tau auf Deine Stirne tröpfeln – ich weiß nicht, was Du bist, es schwankt in mir, aber wo ich einsam gehe in der Natur, da ist es immer, als suche ich Dich, und wo ich ausruhe, da gedenke ich Deiner.«

Als Bettina 1810 Goethe in Teplitz besuchte, unterhielt sie ihn auf einem Spaziergang ausschließlich mit ihren Erinnerungen an die Günderrode, und Goethe merkte sich in seinem Tagebuch dieses Gespräch mit den Stichworten: »Charakter dieses merkwürdigen Mädchens und Tod.« Es ist dies bemerkenswerterweise fast die gleiche Kennzeichnung, mit der er sechs Jahre früher die Gedichte Tians »eine wirklich seltsame Erscheinung« genannt hatte. Als Goethe 1814 in Winkel bei den Brentanos, die bald nach dem Tod der Günderrode ein schönes Haus auf der Höhe über dem Rhein gekauft hatten, verweilte, zeigte man ihm die Todesstätte am Ufer. Goethe, der entsprechend der Hygiene seines Alters dem Tragischen gegenüber mit künstlicher Kälte gepanzert war, ließ sich erzählen und fühlte nur ungern den Schauer des Ortes. Dann wandte er sich ab und befreite sich von den tragischen Gefühlen, indem er sich nach den Gewerben des Lebens erkundigte. Daß er aber einstmals sich über die Dichterin, die ihm nun durch die Vergänglichkeitsschatten verdeckt war, mit Wärme ausgesprochen hatte, verrät ein Brief, den Frau von Stein 1806 an ihren Sohn schrieb. Sie erwähnt dort die Dramen und Gedichte der Günderrode und schreibt: »Ich war erstaunt über die tiefen Gefühle und den Reichtum der Gedanken bei den schönen Versen, und Goethe war es auch.«

Als Bettina 1840 ihren romantisierten Briefwechsel mit der Günderrode herausgab, widmete sie dieses Buch, welches das Dokument eines Liebesbundes zweier Frauen war – den Studenten. Die Veranlassung zu dieser scheinbar seltsamen Wendung entsprang einer richtigen Empfindung. Dieses Buch, das die Erinnerung an tragische Tage heraufrief, Deutschlands Jüngerschaft, »der Jugend des schnellen, feurigen Wachstums und der heilig kühnen Gedanken« in die Hände zu legen, das hieß bei der Jugend Vertrauen und Glauben suchen für etwas, was Sache der Jugend ist, für Ausschließlichkeit im Denken und Handeln, für Treue zum Ideal und zum Schicksal bis in den Tod.

Sie mochte mit dem ihr eigenen Glauben an die Wirkungskraft des großen Beispiels hoffen, was in den Worten eines ihrer Briefe an die Günderrode ausgesprochen war: »Und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs aus Deiner Seele, und zünden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft männlich sich deuchtend, nimmer es ahnen, daß der Jünglingshauch, der ihre Brust erglüht, niemals erstieg aus Männergeist.« Die Studenten – nur in ihnen war in der damaligen Zeit ein Kollektivum Jugend sichtbar – dankten ihr das Geschenk mit einem Fackelzug. Die Werke der Dichterin blieben jedoch noch lange verschollen.

In unseren Tagen hat Stefan George die Kunde von ihr erneuert und auf den Geschichtstafeln des »Siebenten Ringes« auch ihren Namen verewigt. Damit ist zwischen Worms, der Stadt der Reformation, und Bonn, der Geburtsstätte Beethovens, über dem Grab der Günderrode in Winkel ein Mal der Erinnerung errichtet, Erinnerung an einen stellvertretenden Untergang, in dem eine ganze Epoche sich sühnt und läutert:

Du warst die huldin jener sagengaue:
Ihr planlos feuer mond und geisterscheine
Hast du mit dir gelöscht hier an der aue ...
Ein leerer nachen treibt im nächtigen rheine.

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