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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 9
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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7. Die Bauernerhebungen in den ersten Monaten von 1789

Nichts wäre irrtümlicher, als von Frankreich zu glauben oder es so hinzustellen, als wäre es am Vorabend von 1789 ein Volk von Helden gewesen, und Quinet hat völlig recht gehabt, diese Legende, die man zu verbreiten versucht hatte, zu zerstören. Es ist klar, wenn man die verschiedenen Tatsachen (die übrigens nicht sehr zahlreich sind) offenen Widerstands gegen das Ancien régime von seiten des Bürgertums – wie zum Beispiel den Widerstand d'Esprémesnils – auf wenigen Seiten zusammenstellt, kann man ein Bild mit recht lebhaften Farben entwerfen. Aber wenn man ganz Frankreich ins Auge faßt, ist man in der Tat betroffen über das Fehlen ernsthafter Proteste, aufrechter Haltung des Individuums – über den Servilismus des Bürgertums, darf ich sagen. ›Niemand macht sich bemerklich oder bekannt‹, sagt Quinet sehr richtig. Man hat nicht einmal Gelegenheit, Bekanntschaft mit sich selbst zu machen (La Révolution, Ausgabe von 1869, erster Teil, S. 15). Und er fragt: Was taten Barnave, Thouret, Sieyès, Vergniaud, Guadet, Roland, Danton, Robespierre und so viele andere, die bald zu Helden der Revolution werden?

In den Provinzen, in den Städten herrschte Schweigen und Stummheit. Die Zentralgewalt mußte erst die Menschen zur Wahl rufen, mußte sie veranlassen, laut zu sagen, was sie sich leise zuflüsterten, damit der dritte Stand seine berühmten Hefte zusammenstellte. Und auch dann noch? Wenn wir in verschiedenen dieser Denkschriften kühne Worte der Empörung finden – wieviel Unterwürfigkeit, wieviel Schüchternheit in den meisten, welche Bescheidenheit in den Forderungen! Denn nachdem die Denkschriften und Hefte des dritten Standes das Recht zum Waffentragen und einige Rechtsgarantien gegen die Willkür der Verhaftungen verlangt haben, fordern sie gewöhnlich hauptsächlich noch ein bißchen mehr Freiheit in den Angelegenheiten der Stadtverwaltung. Erst später, wenn die Vertreter des dritten Standes sich vom Volk von Paris unterstützt sehen und der Bauernaufstand sich anzukündigen beginnt, nehmen sie ihre kühne Haltung gegen den Hof an.

Es trifft sich indessen, daß das Volk sich seit den Bewegungen, die die Parlamente während des Sommers und Herbstes 1788 veranlaßt haben, überall empört, und die Welle steigt bis zu der großen Erhebung der Dörfer im Juli und August 1789.

Wir haben es schon gesagt: die Lage der Bauern und des Volks in den Städten war derart, daß eine einzige schlechte Ernte genügte, um ein fürchterliches Steigen der Brotpreise in den Städten und die Hungersnot in den Dörfern hervorzurufen. Die Bauern waren keine Leibeigenen mehr, da die Leibeigenschaft in Frankreich seit langem, wenigstens auf den Privatgütern, abgeschafft war. Seit Ludwig XVI. sie (1779) auf den königlichen Domänen abgeschafft hatte, gab es, im Jahre 1788, nur noch 80 000 der toten Hand Unterworfene im Jura und höchstens 1 500 000 in ganz Frankreich – vielleicht sogar weniger als eine Million; und selbst diese, die der toten Hand unterworfen waren, waren keine Leibeigenen im strengen Sinne des Wortes. Die große Masse der französischen Bauern hatte seit langem aufgehört, leibeigen zu sein. Aber sie mußten fortfahren, mit Geld und Arbeit – Frondiensten unter anderm – ihre persönliche Freiheit bezahlen zu müssen. Diese Leistungen waren äußerst hart und mannigfaltig, aber sie waren nicht willkürlich: sie sollten Zahlungen für das Besitzrecht am Boden vorstellen – den Kollektivbesitz der Gemeinde oder den Privatbesitz oder die Pacht; und jedes Grundstück hatte seine Leistungen, die ebenso mannigfaltig wie zahlreich waren und die sorgfältig in den Grundbüchern aufgezeichnet waren.

Außerdem war die Gerichtsbarkeit dem Grundherrn vorbehalten. Der Herr blieb noch auf einer Anzahl Ländereien Richter, oder er ernannte die Richter; und auf Grund dieses altüberlieferten Vorrechts nahm er alle möglichen persönlichen Rechte über seine früheren Leibeigenen vorweg. Wenn eine alte Frau ihrer Tochter ein oder zwei Bäume und ein paar alte Kleider vermachte (zum Beispiel ›meinen wattierten schwarzen Rock‹ – ich habe solche Vermächtnisse gesehen), dann erhob der ›edle und gnädige Herr‹ oder ›die edle und gnädige Frau Baronin‹ so und so viel von diesem Vermächtnis. Der Bauer zahlte desgleichen für das Recht auf Verheiratung, Taufe und Begräbnis; er zahlte ferner für jeden Kauf oder Verkauf, den er machte, und sein Recht, seine Ernte oder seinen Wein zu verkaufen, war beschränkt: er durfte nicht vor dem Herrn verkaufen. Endlich hatten sich alle möglichen Arten von Oktroi – für die Benutzung der Mühle, der Kelter, des Backofens (in dem allein er backen durfte), des Waschhauses, eines bestimmten Weges, einer bestimmten Furt noch von den Zeiten der Leibeigenschaft her erhalten und ebenso Abgaben von Haselnüssen, Champignons, Leinwand, Garn, die man ehedem als ›Gratulationsgaben zum glücklichen Antritt der Herrschaft‹ betrachtet hatte.

Die obligatorischen Frondienste waren von unendlicher Verschiedenheit: Arbeiten auf den Feldern des Herrn, Arbeiten in seinen Parken und Gärten, Arbeiten, um alle erdenklichen Launen zu befriedigen . . . In einigen Dörfern bestand sogar die Verpflichtung, nachts die Teiche zu schlagen, damit die Frösche den Herrn nicht im Schlaf störten.

Persönlich hatte der Mensch seine Freiheit erlangt; aber dieses ganze Netz von Leistungen und Abgaben, das sich allmählich durch die Schlauheit der Herrn und ihrer Verwalter in den Jahrhunderten der Leibeigenschaft eingenistet hatte, dieses Netz lag immer noch um den Bauern.

Dazu kam nun noch der Staat mit seinen Steuern der verschiedensten Art, Kopfsteuern, Grundsteuern, Zwanzigstelsteuern, seinen immer wachsenden Frondiensten; und der Staat war ganz wie der Verwalter des Grundherrn immer dabei, seine Phantasie zu üben, um irgendeinen neuen Vorwand und eine neue Form von Auflage zu finden.

Allerdings mußten seit den Reformen Turgots die Bauern bestimmte Feudalabgaben nicht mehr zahlen, und manche Provinzialgouverneure lehnten es sogar ab, manche Leistungen gewaltsam einzutreiben, die sie als schädliche Schätzungen betrachteten. Aber die großen Feudallasten, die auf dem Grund und Boden ruhten, mußten im Ganzen bezahlt werden; und sie wurden um so drückender, je mehr die Staats- und Provinzialsteuern, die sich daran anschlossen, anwuchsen. Daher ist keine Spur Übertreibung in den düstern Bildern des Dorflebens, die uns jeder Revolutionshistoriker malt; aber es ist ebensowenig eine Übertreibung, wenn man uns sagt, es habe in jedem Dorfe einige Bauern gegeben, die sich einen gewissen Wohlstand geschaffen hätten, und diese seien besonders darauf aus gewesen, alle Feudallasten abzuschütteln und die persönlichen Freiheiten zu erobern. Die zwei Typen, die Erckmann-Chatrian in ihrer ›Geschichte eines Bauern‹ vorführen – der des Dorfbourgeois und der des Bauern, der von der Last des Elends erdrückt wird –, sind wahr. Sie existierten beide. Der erste gab dem dritten Stand die politische Macht; wohingegen die Banden von Empörern, die vom Winter 1788/89 an anfingen, die Adligen zu zwingen, auf die Feudallasten, die in den Grundbüchern eingetragen waren, zu verzichten, sich aus den Dorfarmen rekrutierten, die nur eine Lehmhütte hatten, in der sie wohnten, und Kastanien und die Ergebnisse des Ährenlesens, wovon sie sich nährten.

Dasselbe ist für die Städte zu bemerken. Die Feudalrechte erstreckten sich ebenso auf die Städte wie auf die Dörfer; die Armenbevölkerung in den Städten war ebenso von Feudalabgaben erdrückt wie die Bauern. Die Gerichtsbarkeit der Herrn war in vielen städtischen Ansiedlungen in voller Kraft geblieben, und die Häuschen der Handwerker und Arbeiter zahlten im Fall des Verkaufs oder der Erbschaft dieselben Abgaben wie die Häuser der Bauern. Mehrere Städte mußten sogar als Loskauf von ihrer früheren Feudalabhängigkeit einen ständigen Tribut bezahlen. Überdies zahlten die meisten Städte dem König das ›freiwillige Geschenk‹ (don gratuit) für die Erhaltung eines Schattens von unabhängiger Stadtverwaltung, und die Steuerlast drückte hauptsächlich auf die Schultern der Armenbevölkerung. Wenn man die hohen königlichen Steuern, die Provinzialabgaben und die Fronden, die Salzsteuer usw. dazu nimmt, und außerdem die Willkür der Behörden, die hohen Gerichtskosten und die Unmöglichkeit für einen einfachen Bürgersmann oder selbst einen reichen Städter, gegen einen Adligen Recht zu bekommen, und wenn man an all die verschiedenen Arten der Unterdrückungen, Kränkungen und Demütigungen denkt, denen der Handwerker ausgesetzt war, dann bekommt man eine Vorstellung von der Lage der Armenbevölkerung unmittelbar vor 1789.

Von dieser Armenbevölkerung nun ging die Empörung der Städte und Dörfer aus, sie gab den Vertretern des dritten Stands in den Generalstaaten die Kühnheit, dem König Widerstand zu leisten und sich als konstituierende Versammlung zu erklären.

Infolge der Dürre war die Ernte von 1788 mißraten, und der Winter war sehr streng. Ohne Frage hatte es in früheren Zeiten fast ebenso strenge Winter, fast ebenso schlechte Ernten und auch Volksaufstände gegeben. In jedem Jahr gab es in irgendeinem Teil Frankreichs eine Teuerung. Und oft erstreckte sie sich auf den vierten und dritten Teil des Königreichs. Aber dieses Mal war die Hoffnung durch die Ereignisse, die vorhergegangen waren, erweckt worden; die Provinzialtage, die Zusammenkünfte der Notabeln, die Aufstände in den Städten aus Anlaß der Parlamente, die sich (wir haben es wenigstens für die Bretagne gesehen) auch auf die Dörfer verbreiteten. Und die Aufstände von 1789 nahmen bald eine bedrohliche Ausdehnung und Haltung an.

Ich erfahre von Professor Karejew, der Forschungen über die Wirkung der großen Revolution auf die französischen Bauern angestellt hat, daß im Nationalarchiv ein umfangreicher Packen ist, der sich auf die Bauernaufstände bezieht, die dem Bastillesturm vorhergingen.Doch diesen Berichten konnte er viele, äußerst wertvolle Fakten entnehmen, da Taine, vermutlich mit Unterstützung eines Archivars, sich namentlich Berichte aus den Provinzen vornahm, in denen die wichtigsten Aufstände stattgefunden hatten.

Ich für mein Teil, obwohl ich niemals in der Lage war, die Archive in Frankreich zu erforschen, bin, gestützt auf eine Anzahl Provinzialgeschichten der Zeit, schon in meinen früheren Arbeiten zu dem Schluß gekommen, daß eine Anzahl Aufstände in den Dörfern schon im Januar 1789 und sogar schon Dezember 1788 ausgebrochen waren. In einigen Provinzen war die Lage infolge der Teuerung schrecklich, und überall bemächtigte sich ein Geist der Empörung, wie er bis dahin wenig bekannt war, der Bevölkerung. Im Frühling wurden die Aufstandsbewegungen in Poitou, der Bretagne, Touraine, dem Orléanais, der Normandie, Ile-de-France, Picardie, Champagne, dem Elsaß, Burgund, Nivernais, Auvergne, Languedoc und der Provence immer häufiger.

Fast alle diese Aufruhrbewegungen hatten denselben Charakter. Die Bauern eilten, mit Messern, Sensen und Knütteln bewaffnet, in die Stadt; sie zwangen die Landwirte und Pächter, die Korn zu Markt gebracht hatten, es zu einem bestimmten ›ehrbaren‹ Preis zu verkaufen (zum Beispiel für drei Livres den Scheffel); oder sie suchten auch das Korn bei den Fruchthändlern und ›teilten sich zu ermäßigten Preisen darein‹, wobei sie versprachen, es gleich nach der nächsten Ernte zu zahlen; an andern Orten zwangen sie den Grundherrn, für zwei Monate auf seine Abgaben von Mehl zu verzichten; oder sie nötigten auch die Stadtverwaltung, einen Brotpreis festzusetzen und manchmal ›den Tagelohn um vier Sous zu erhöhen‹. Wo der Hunger sehr stark war, suchten sich die städtischen Arbeiter (in Thiers zum Beispiel) das Korn auf dem Lande zusammen. Oft erbrach man die Kornspeicher der Ordensgesellschaften, der Wucherer oder Privatleute und lieferte den Bäckern Mehl. Außerdem bildeten sich schon damals die Banden, die sich aus Bauern, Holzhauern, manchmal auch Schmugglern zusammensetzten und die von Dorf zu Dorf zogen, sich des Korns bemächtigten und allmählich auch anfingen, die Grundbücher zu verbrennen und die Herren zu zwingen, auf ihre Feudalrechte zu verzichten – diese Banden, die im Juli 1789 dem Bürgertum den Vorwand gaben, seine Milizen zu bewaffnen.

Von Januar an hörte man auch in diesen Aufständen den Ruf ›Vive la Liberté – Es lebe die Freiheit‹ und von da an – und noch entschiedener seit dem März – kam es vor, daß die Bauern bald da, bald dort sich weigerten, die Zehnten und die Feudalabgaben oder sogar die Steuern zu zahlen. Außer den drei Provinzen, die Taine zitiert, der Bretagne, dem Elsaß und dem Dauphiné, findet man Spuren von ähnlichen Bewegungen fast im ganzen östlichen Teil Frankreichs.

Im Süden, in Agde, ›gebärdete sich‹ in dem Aufstand vom 19., 20. und 21. April, wie der Bürgermeister und die Ratsherren sagen, ›das Volk wie toll, als ob es alles sei und alles könne, angesichts des angeblichen Willens des Königs über die Gleichheit der Stände‹. Das Volk bedrohte die Stadt mit einer allgemeinen Plünderung, wenn man nicht den Preis aller Lebensmittel herabsetzte und die Provinzialsteuer auf Wein, Fische und Fleisch aufhöbe; überdies – und hier sieht man schon den gesunden kommunalistischen Sinn der Volksmassen in Frankreich – ›wollen sie Ratsherren ernennen, die aus ihrer Klasse hervorgegangen sind‹ – und diese Forderungen werden den Aufständischen bewilligt. Drei Tage später verlangte das Volk, daß die Mehlsteuer um die Hälfte ermäßigt würde, und auch das wurde bewilligt.

Dieser Aufruhr ist das Bild von hundert andern. Das Brot war das Hauptmotiv der Bewegung. Aber bald kamen Forderungen auf dem Gebiete dazu, wo die wirtschaftlichen Zustände und die politische Verfassung sich berühren, – dem Gebiet, auf dem die Volksbewegungen immer mit der größten Sicherheit vorgehen und unmittelbare Erfolge erringen.

In der Provence, immer im März und April 1789, schafften mehr als vierzig Flecken und Städte, darunter Aix, Marseille und Toulon, die Mehlsteuer ab, und fast überall plünderte die Menge die Häuser der Beamten, die die Steuer aufs Mehl, auf die Häute, die Schlachtsteuer usw. zu erheben hatten. Die Lebensmittelpreise wurden herabgesetzt und festgesetzt; und als die Herren von der hohen Bourgeoisie protestierten, machte die Menge Miene, sie zu steinigen; oder man grub auch vor ihren Augen die Grube, in der sie begraben werden sollten – manchmal trug man auch im voraus den Sarg herbei, um die Reaktionäre besser einzuschüchtern, die sich ersichtlich beeilten, nachzugeben. All das ging damals (im April 1789) ohne das geringste Blutvergießen vor sich. Es handelt sich um ›eine Art Kriegserklärung an die Eigentümer und das Eigentum‹, sagen die Berichte der Intendanten und Stadtverwaltungen; ›das Volk fährt fort, zu erklären, daß es nichts zahlen will, weder Steuern noch Abgaben, noch Schulden‹.

Schon damals – im April – fingen die Bauern an, die Schlösser zu plündern und die Herren zu zwingen, auf ihre Rechte zu verzichten. In Peinier zwangen sie den Schloßherrn, ›ein Dokument zu unterzeichnen, durch das er auf all seine Herrenrechte jeder Art verzichtete‹ (Brief im Archiv); in Riez verlangten sie, der Bischof solle die Archive verbrennen. In Hyères und an anderen Orten verbrannten sie die alten Papiere, die sich auf die Feudalrechte und die Abgaben bezogen. Kurz, in der Provence sehen wir schon im Monat April den Anfang des großen Bauernaufstands, der den Adel und den Klerus dazu zwingen wird, am 4. August 1789 ihre ersten Konzessionen zu machen.

Man begreift leicht den Einfluß, den diese Aufruhrbewegungen und diese Gärung auf die Wahlen zur Nationalversammlung ausübten. Chassin (Génie de la Révolution) sagt, daß an manchen Orten der Adel einen großen Einfluß auf die Wahlen ausübte und daß in diesen Gegenden die bäuerlichen Wähler sich über nichts zu beklagen wagten. Anderswo, vorzüglich in Rennes, benutzte der Adel sogar die Sitzungen der Generalstände der Bretagne (Ende Dezember 1788 und Januar 1789) zu dem Versuch, das ausgehungerte Volk gegen die Bürger in Aufruhr zu bringen. Aber was konnten diese letzten Zuckungen des Adels gegen die Woge des Volks ausrichten, die nun im Steigen war? Das Volk sah, daß in den Händen des Adels und der Geistlichkeit mehr als die Hälfte des Grund und Bodens unbestellt blieb, und es begriff besser, als wenn die Statistiker es ihm demonstriert hätten, daß, solange der Bauer sich nicht dieser Ländereien bemächtigt hatte, um sie zu bestellen, die Hungersnot nicht aufhören konnte.

Die Not des Lebens selbst wiegelte die Bauern gegen die auf, die ihnen den Boden vorenthielten. Während des Winters 1788/89, sagt Chassin, gab es im Jura keinen Tag, wo nicht die Korntransporte geplündert wurden (S. 162). Die hohen Militärs verlangten nichts anderes, als gegen das Volk ›einzuschreiten‹; aber die Gerichte weigerten sich, die ausgehungerten Empörer zu verurteilen oder auch nur zu richten. Die Offiziere weigerten sich, auf das Volk schießen zu lassen. Der Adel beeilte sich, seine Speicher zu öffnen: man fürchtete, daß die Schlösser abgebrannt würden (das war Anfang April 1789). – Überall, sagt Chassin (S. 163), brachen ähnliche Aufstände aus, im Norden und im Süden, im Westen und im Osten.

Die Wahlen brachten in den Dörfern viel Aufregung und erweckten viele Hoffnungen. Überall übte der Grundherr großen Einfluß aus; aber gab es in dem Dorfe einen Bürger, einen Arzt oder Anwalt, der im Voltaire oder gar die Broschüre von Sieyès gelesen hatte; sowie es irgendeinen Weber oder Maurer gab, der lesen und schreiben konnte, sei es auch nur Druckschrift – so war alles verwandelt; die Bauern machten sich eiligst daran, ihre ›Beschwerden‹ aufs Papier zu bringen. Zugegeben, meistenteils beschränkten sich ihre Klagen auf Dinge von untergeordneter Bedeutung; aber fast überall (wie im deutschen Bauernkrieg von 1525) kommt die Forderung heraus, die Herren möchten ihr Recht auf die Feudalerpressungen beweisen.

Nachdem sie ihre Beschwerdeschriften übergeben hatten, geduldeten sich die Bauern. Aber die Langsamkeit der Generalstände und der Nationalversammlung setzte sie wieder in Zorn, und sowie der schreckliche Winter 1788/89 vorbei war, sowie die Sonne wiederkam und mit ihr die Hoffnung auf die nächste Ernte, begannen die Aufstände wieder, hauptsächlich nach den Frühjahrsarbeiten.

Unverkennbar benutzte das gebildete Bürgertum die Wahlen, um die Ideen der Revolution zu verbreiten. Ein ›Konstitutioneller Klub‹ bildete sich, und seine zahlreichen Verzweigungen breiteten sich selbst über die kleinsten Städte aus. Die Gleichgültigkeit, über die Arthur Young in den östlichen Städten so erstaunt war, existierte ohne Zweifel; aber in andern Provinzen zog das Bürgertum allen möglichen Nutzen aus der Wahlbewegung. Man kann sogar wahrnehmen, wie die Vorgänge, die sich im Juni in Versailles in der Nationalversammlung abspielten, schon seit mehreren Monaten in den Provinzen vorbereitet wurden. So wurden im Dauphiné schon im August 1788 unter dem Druck lokaler Aufstände die Vereinigung der drei Stände und die Abstimmung nach Köpfen in den Provinzialständen angenommen.

Jedoch darf man nicht glauben, die Bürger, die während der Wahlen hervortraten, seien im allermindesten Revolutionäre gewesen. Sie waren Gemäßigte, ›friedliche Empörer‹, wie Chassin sagt. Es ist eher das Volk, das von revolutionären Maßregeln spricht, da sich unter den Bauern geheime Gesellschaften bilden und Unbekannte das Volk auffordern, es solle keine Steuern mehr bezahlen und sie von den Adligen bezahlen lassen. Oder man teilt etwa mit, die Adligen hätten bereits eingewilligt, alle Steuern zu zahlen, aber das sei nur eine List, die sie anwendeten. ›Das Volk von Genf hat sich an einem Tag befreit . . . Zittert, ihr Adligen!‹ Es kommen auch Broschüren heraus, die sich an die Bauern wenden und im geheimen verbreitet werden (zum Beispiel der ›Rat an die Landbewohner‹, der in Chartres verbreitet wurde). Kurz, die Erregung auf dem Lande war so stark, sagt Chassin – und er hat zweifellos diese Seite der Revolution besser als jeder andere studiert –, die Erregung war so stark, daß, selbst wenn Paris am 14. Juli besiegt worden wäre, es nicht mehr möglich gewesen wäre, die Dörfer auf den Zustand zurückzubringen, in dem sie im Januar 1789 gewesen waren. Man hätte jedes einzelne Dorf für sich überwältigen müssen. Seit dem März zahlte niemand mehr die Abgaben (S. 167 ff.).

Man versteht die Bedeutung dieser tiefgehenden Gärung auf dem Lande. Wenn das gebildete Bürgertum die Konflikte zwischen dem Hof und den Parlamentshöfen benutzt, um die politische Erregung hervorzurufen; wenn es aktiv daran arbeitet, die Unzufriedenheit zu säen, bildet trotzdem der Bauernaufstand, der auch auf die Städte übergreift, die wahre Grundlage der Revolution; er gibt den Vertretern des dritten Standes den Entschluß, den sie bald in Versailles zum Ausdruck bringen werden, – das ganze Regierungssystem Frankreichs zu reformieren und eine tiefgehende Umwälzung in der Verteilung der Reichtümer vorzunehmen.

Ohne den Bauernaufstand, der im Winter begann und bis 1793 immer mehr anwuchs, wäre der Umsturz des Königsdespotismus nie so vollständig vollbracht worden; niemals wäre er von einem so tiefgehenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umschwung begleitet gewesen. Frankreich hätte wohl ein Parlament gehabt, wie Preußen 1848 ein Parlament zum Lachen hatte – aber diese Neuerung hätte nicht den Charakter der Revolution angenommen: sie wäre auf der Oberfläche geblieben, wie es nach 1848 in den deutschen Staaten der Fall war.

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