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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 7
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
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5. Der Geist der Empörung; die Aufstände

Wie jede neue Regierung hatte die Regierung Ludwigs XVI. mit einigen Reformen begonnen. Zwei Monate nach seiner Thronbesteigung berief Ludwig XVI. Turgot ins Ministerium, und einen Monat nachher ernannte er ihn zum Generalkontrolleur der Finanzen. Er hielt ihn sogar anfangs gegen die heftige Opposition, die Turgot, der Ökonomist, der Bürgerliche, der Sparsame und der Feind der nichtstuerischen Aristokratie, mit Notwendigkeit am Hofe finden mußte.

Die Freiheit des Getreidehandels, die im September 1774 verkündet wurde,In vielen Gegenden gab es sogar von den Großbauern aufgestellte Grenzmarkierungen, an denen bei der Ein- oder Ausfuhr von Getreide Zoll entrichtet werden mußte. und die Abschaffung der Fronden im Jahre 1776, desgleichen die Aufhebung der alten Korporationen und Zünfte in den Städten, die nur noch dazu dienten, eine gewisse Aristokratie in der Industrie aufrechtzuerhalten, diese Maßregeln mußten eine gewisse Hoffnung auf Reformen im Volke erwecken. Als die Armen die Schlagbäume der Grundherren fallen sahen, von denen ganz Frankreich wie mit Stacheln bedeckt war und die den freien Umlauf des Getreides, des Salzes und anderer notwendigster Bedarfsartikel hinderten, waren sie entzückt, daß ein Anfang gemacht wurde, die verhaßten Privilegien des Adels anzutasten. Die vermögenderen Bauern freuten sich auch, daß die Gesamthaftung aller Zinspflichtigen abgeschafft wurde. Endlich wurde im August 1779 auch die tote HandDas Recht des Grundherrn auf das Privateigentum des Bauern. und die persönliche Leibeigenschaft auf den Gütern des Königs abgeschafft, und im folgenden Jahr entschloß man sich, die Folter abzuschaffen, die man bis zu diesem Augenblick im Strafverfahren in ihren härtesten Formen, wie sie in der Verordnung von 1670 eingeführt worden waren, angewendet hatte. Man begann auch von einer Repräsentativregierung zu reden, gleich der, die die Engländer nach ihrer Revolution bei sich eingeführt hatten und wie sie die philosophischen Schriftsteller wünschten. Turgot hatte sogar zu diesem Zweck einen Entwurf von Provinziallandtagen gemacht, denen später eine Repräsentativregierung für ganz Frankreich folgen sollte, nach welchem Plan die besitzenden Klassen dazu bestimmt gewesen wären, ein Parlament zu bilden. Ludwig XVI. schrak vor diesem Projekt zurück und entließ Turgot, aber von da an fing das ganze gebildete Frankreich an, von der Verfassung und der Volksvertretung zu reden.

Überdies war es schon unmöglich geworden, der Frage der Volksvertretung aus dem Wege zu gehen, und als Necker im Juli 1777 ins Ministerium gerufen wurde, kam sie wieder aufs Tapet. Necker, der sich darauf verstand, die Gedanken seines Herrn zu erraten, und der versuchte, seine autokratische Gesinnung mit den Finanzbedürfnissen zu vereinbaren, wollte lavieren und schlug zunächst die Einführung von Provinziallandtagen vor, ließ aber die Möglichkeit einer nationalen Volksvertretung nur für die Zukunft aufschimmern. Aber auch er begegnete bei Ludwig XVI. einer entschiedenen Zurückweisung: ›Wäre es nicht schön‹, schrieb der schlaue Finanzmann, ›wenn Ihre Majestät der Vermittler zwischen den Ständen und den Untertanen würde, wenn Ihre Autorität nur in die Erscheinung träte, um die Grenzen zwischen der Härte und der Gerechtigkeit zu bezeichnen?‹, worauf Ludwig erwiderte: ›Es gehört zum Wesen meiner Autorität, nicht Vermittler, sondern an der Spitze zu sein.‹ Man tut gut, sich diese Worte angesichts der Empfindeleien über Ludwig XVI. zu merken, die die Historiker aus dem reaktionären Lager in letzter Zeit ihren Lesern aufgetischt haben. Ludwig XVI. war durchaus nicht die gleichgültige, gutmütige, nur mit der Jagd beschäftigte und harmlose Person, die man aus ihm hat machen wollen; er verstand es vielmehr fünfzehn Jahre lang, bis zum Jahre 1789, sich dem empfindlichen und immer stärker werdenden Bedürfnis nach neuen politischen Formen zu widersetzen, die an die Stelle des Königsdespotismus und der Greuel des Ancien régime treten mußten.

Die Waffe Ludwigs XVI. war hauptsächlich die List; er gab nur nach, wenn er Angst hatte; und er leistete nicht nur bis 1789 Widerstand, sondern immer, und immer mit denselben Mitteln der List und der Heuchelei, bis zu seinen letzten Augenblicken, bis zum Fuß des Schafotts. Jedenfalls 1778, wo es für die mehr oder weniger weitblickenden Geister, wie Turgot und Necker, schon klar war, daß die Selbstherrlichkeit des Königs ausgespielt hatte und daß es an der Zeit war, sie durch irgendeine Art Volksvertretung zu ersetzen, konnte Ludwig nur zu kleinen Zugeständnissen gebracht werden. Er berief die Provinziallandtage des Berry und der Haute-Guyenne (1778 und 1779). Aber angesichts des Widerstandes von seiten der Privilegierten wurde der Plan, diese Tagungen auf andere Provinzen auszudehnen, fallengelassen, und Necker wurde 1781 entlassen.

Inzwischen trug auch die amerikanische Revolution dazu bei, die Geister zu erwecken und ihnen das Gefühl der Freiheit und republikanische Demokratie einzuflößen. Am 4. Juli 1776 proklamierten die englischen Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit, und die neuen Vereinigten Staaten wurden 1778 von Frankreich anerkannt – was den Krieg mit England herbeiführte, der bis 1783 dauerte. Alle Geschichtsschreiber sprechen von der Wirkung, die dieser Krieg auf die Geister ausübte. Es ist in der Tat sicher, daß die Empörung der englischen Kolonien und die Begründung der Vereinigten Staaten von großer Wirkung in Frankreich waren und mächtig dazu beitrugen, den revolutionären Geist zu erwecken. Man weiß auch, daß die Erklärungen der Rechte, die in den jungen amerikanischen Staaten erlassen wurden, die französischen Revolutionäre stark beeinflußten. Man könnte auch sagen, daß der amerikanische Krieg, in dem Frankreich eine ganze Flotte neu schaffen mußte, um sie der englischen gegenüberzustellen, die Finanzen des Ancien régime vollends ruinierte und den Zusammenbruch beschleunigte. Aber es ist ganz ebenso sicher, daß dieser Krieg der Beginn der furchtbaren Kriege war, die England bald gegen Frankreich entfesseln sollte, und der Koalitionen, die es gegen die Republik zustande brachte. Sowie England sich von seinen Niederlagen erholt hatte und merkte, daß Frankreich durch die inneren Kämpfe geschwächt war, schuf es ihm mit allen Mitteln, offenen und geheimen, die Kriege, die wir von 1793 an toben sehen und die bis 1815 dauerten.

Es ist nötig, daß alle diese Ursachen der großen Revolution aufgezeigt werden, denn sie war wie jedes Ereignis von großer Bedeutung das Ergebnis eines Zusammentreffens von Ursachen, die in einem gegebenen Augenblick aufeinanderstießen und Menschen erzeugten, die ihrerseits dazu beitrugen, die Wirkungen dieser Ursachen zu verstärken. Aber es muß ebenso gesagt werden, daß trotz allen Ereignissen, die die Revolution vorbereiteten, und trotz der ganzen Intelligenz und den Ansprüchen der Bourgeoisie, dieses Bürgertum, das immer klug und vorsichtig war, sich noch lange aufs Warten verlegt hätte, wenn das Volk die Ereignisse nicht beschleunigt hätte; die Volkserhebungen, die in unvorhergesehenem Maße heftiger und an Zahl größer wurden, waren das neue Element, das dem Bürgertum die Angriffskraft gab, die ihm fehlte.

Das Volk hatte das Elend und die Unterdrückung unter der Regierung Ludwigs XV. geduldig ertragen; aber sowie der König 1774 gestorben war, begann das Volk, das immer weiß, daß die Autorität nachlassen muß, wenn ein neuer Herr den Thron besteigt, sich zu empören. Eine ganze Reihe Aufstände brach von 1775 bis 1777 los.

Es waren Hungeraufstände, die bisher nur gewaltsam zurückgehalten worden waren. Die Ernte von 1774 war schlecht, es fehlte an Brot. Darauf brach im April 1775 der Aufstand aus. In Dijon bemächtigte sich das Volk der Häuser der Monopolisten; es zerstörte ihre Möbel und riß ihre Mühlen ein. Bei dieser Gelegenheit war es, daß der Stadtkommandant – einer der Vertreter der schönen, raffinierten Kultur, von denen Taine mit so viel Verehrung spricht – zum Volk das verhängnisvolle Wort sprach, das später, während der Revolution, so oft wiederholt wurde: Das Gras sprießt schon; geht auf die Wiesen und weidet!

Auxerre, Amiens, Lille folgten Dijon. Einige Tage später begaben sich die ›Räuber‹ – denn diese Bezeichnung geben die meisten Historiker den ausgehungerten Aufständischen –, die sich in Pontoise, Passy und St. Germain mit der Absicht zusammengefunden hatten, die Mehlniederlagen zu plündern, nach Versailles. Ludwig XVI. mußte auf dem Balkon des Schlosses erscheinen, zu ihnen sprechen und ihnen ankündigen, daß er den Preis des Brotes um zwei Sous ermäßigte – welcher Absicht Turgot als richtiger Ökonomist sich selbstverständlich widersetzte. Die Herabsetzung der Brotpreise unterblieb. Inzwischen zogen die ›Räuber‹ nach Paris, plünderten die Bäcker und verteilten alles Brot, dessen sie sich bemächtigen konnten, an die Menge. Das Militär trieb sie auseinander. Man hängte auf der Place de la Grève zwei Aufrührer, die sterbend ausriefen, sie stürben für das Volk; aber von da an beginnt sich die Legende von ›Räubern‹ zu verbreiten, die ganz Frankreich durchzögen – eine Legende, die 1789 so große Wirkung tat, als sie dem Bürgertum der Städte zum Vorwand diente, sich zu bewaffnen. Damals schon wurden in Versailles Plakate angeklebt, die den König und seine Minister schmähten und in Aussicht stellten, den König am Tage nach seiner Krönung ums Leben zu bringen, oder auch der ganzen königlichen Familie den Garaus zu machen, wenn das Brot nicht billiger würde. Damals schon ließ man in der Provinz falsche Regierungserlasse verbreiten. Ein solcher gab vor, der Ministerrat hätte den Preis für das Sester Korn auf zwölf Livres festgesetzt.

Diese Aufruhrbewegungen wurden selbstverständlich unterdrückt, aber sie hatten sehr tiefgehende Wirkungen. Kämpfe zwischen verschiedenen Parteien wurden entfesselt; es regnete Flugschriften, von denen die einen die Minister anklagten, andere von einer Verschwörung der Prinzen gegen den König sprachen, die dritten die königliche Gewalt antasteten. Kurz, bei der schon erregten Verfassung, in der sich die Geister befanden, war der Volksaufstand der Funke, der ins Pulverfaß fiel. Man sprach jetzt von Zugeständnissen, die man dem Volk machen müsse, woran man bis dahin nie gedacht hatte: man fing öffentliche Arbeiten an; man schaffte die Mehlsteuer ab – was dem Volk in der Gegend von Rouen erlaubte zu behaupten, alle Feudalrechte seien abgeschafft worden, und sich (im Juli) zu erheben, um keine Abgaben mehr zu zahlen. Mit einem Worte, es ist deutlich zu sehen, daß die Unzufriedenen ihre Zeit nicht verloren und die Gelegenheit benutzten, die Volkserhebungen zu schüren.

Es fehlt an Quellen, um die ganze Reihe der Volkserhebungen während der Regierung Ludwigs XVI. zu berichten: die Geschichtsschreiber beschäftigen sich wenig damit; man hat keine Forschungen in den Archiven angestellt, und nur gelegentlich erfährt man, da und da habe es Unordnungen gegeben. In Paris zum Beispiel nach der Abschaffung der Zünfte (1776), und ein bißchen überall in Frankreich im Laufe desselben Jahres im Gefolge falscher Gerüchte, die über die Abschaffung aller Verpflichtungen zu Frondiensten und Abgaben an die Grundherren verbreitet waren, gab es ziemlich ernsthafte Aufruhrbewegungen. Indessen will es nach den gedruckten Dokumenten, die ich studiert habe, scheinen, als ob in den Jahren 1777 bis 1783 diese Aufstände an Zahl geringer gewesen seien – vielleicht trug der amerikanische Krieg etwas dazu bei.

In den Jahren 1782 und 1783 begannen die Aufstände dann wieder, und von da an gingen sie weiter und vermehrten sich bis zur Revolution. Poitiers war 1782 im Aufruhr; 1786 war es Vizille; von 1783 bis 1787 brachen die Aufstände in den Cévennen, dem Vivarais und dem Gévaudan aus. Die Unzufriedenen, die man Mascarats nannte und die die ›Advokaten‹ bestrafen wollten, die die Bauern untereinander aufreizten, um Prozesse zu ergattern, drangen in die Gerichtssäle bei den Notaren und Prokuratoren ein und verbrannten alle Akten und Verträge. Man hing drei Aufrührer auf und schickte die andern in Zwangsarbeit, aber die Unruhen brachen von neuem aus, als die Schließung der Parlamente einen neuen Anlaß für sie lieferte. Im Jahre 1786 ist Lyon im Aufstand (Chassin, Génie de la Révolution). Die Seidenweber streiken; man verspricht eine Lohnerhöhung – und läßt die Truppen kommen; es entspinnt sich ein Kampf und drei Führer werden gehängt. Von da an bis zur Revolution bleibt Lyon ein Herd des Aufruhrs, und 1789 werden die Aufständischen von 1786 zu Wahlmännern gewählt.

Bald sind es Erhebungen mit religiöser Färbung, bald handelt es sich um Widerstand gegen die Aushebungen zum Militär – jede Aushebung zu den Milizen führte zu einem Aufruhr, sagt Turgot irgendwo –, oder das Volk rebelliert gegen die Salzsteuer, oder auch es widersetzt sich der Zahlung der Zehnten. Aber allezeit gibt es Krawalle, und hauptsächlich im Osten, Süd- und Nordosten – den künftigen Herden der Revolution – brechen diese Aufstände in größerer Zahl aus. Es werden ihrer immer mehr, bis schließlich im Jahre 1788 infolge der Auflösung der Gerichtshöfe, die man die Parlamente nannte und die durch Plenargerichtshöfe ersetzt wurden, die Aufstände sich über ganz Frankreich verbreiteten.

Es ist klar, daß für das Volk kein großer Unterschied zwischen einem Parlament und einem ›Plenarhof‹ war. Wenn die Parlamente sich manchmal geweigert haben, Edikte des Königs und seiner Minister in ihre Gesetzessammlung aufzunehmen, haben sie doch sich um das Volk keinerlei Mühe gegeben. Aber es war genug, daß die Parlamente dem Hof Opposition machten; und als die Abgesandten des Bürgertums und der Parlamente beim Volk Unterstützung suchten, war dieses schnell zur Empörung bereit, um auf diese Weise gegen den Hof und die Reichen zu demonstrieren.

Im Juni 1787 machte sich das Parlament von Paris beim Volke beliebt, weil es dem Hofe Geld verweigerte. Das Gesetz verlangte, daß die Verordnungen des Königs in die Gesetzessammlung des Parlaments aufgenommen wurden, und das Parlament von Paris registrierte willig gewisse Verordnungen über den Getreidehandel, die Einberufung der Provinziallandtage und über die Fronden. Aber es lehnte es ab, die Verordnung, die neue Steuern einführte, im Register aufzunehmen – eine neue Grundsteuer und eine neue Stempelabgabe. Darauf bestimmte der König den sogenannten königlichen Gerichtstag (lit de justice) und ließ die Verordnungen zwangsweise ins Register aufnehmen. Das Parlament protestierte und gewann so die Sympathie des Bürgertums und des Volkes. Bei jeder Sitzung stand eine große Menge Menschen am Eingang des Palais: Schreiber, Neugierige und Leute aus dem Volke versammelten sich, um die Parlamentsräte zu begrüßen. Um den Zusammenrottungen ein Ende zu machen, verbannte der König das Parlament nach Troyes – und von da an begannen die Demonstrationen in Paris. Der Haß des Volkes richtete sich besonders – schon damals – gegen die Prinzen (hauptsächlich gegen den Herzog von Artois) und gegen die Königin, die damals den Spitznamen ›Madame Defizit‹ erhielt.

Das Obersteuergericht von Paris, das sich auf die Empörung des Volkes stützen konnte, und ebenso alle Parlamente der Provinz und die Gerichtshöfe protestierten gegen diesen Akt der königlichen Gewalt, und da die Erregung immer mehr anwuchs, sah sich der König am 9. September genötigt, das Parlament aus der Verbannung zurückzurufen, was in Paris neue Demonstrationen hervorrief, in denen der Minister de Calonne in effigie verbrannt wurde.

Diese Unruhen gingen hauptsächlich vom Kleinbürgertum aus. Aber an andern Orten nahmen sie mehr den Charakter einer Volksbewegung an.

Im Jahre 1788 brachen in der Bretagne Aufstände aus. Als der Kommandant von Rennes und der Intendant der Provinz sich ins Palais begaben, um dem Parlament der Bretagne die Verordnung mitzuteilen, kraft deren diese Körperschaft abgeschafft wurde, war bald die ganze Stadt auf den Beinen. Die Menge bedrohte die beiden Beamten und stieß sie hin und her. Im Grunde haßte das Volk den Intendanten Bertrand de Molleville, und die Bürger zogen daraus ihren Nutzen und verbreiteten das Gerücht, der Intendant sei an allem schuld: ›Er ist ein Ungeheuer, das man erdrosseln sollte‹, sagte eines der Flugblätter, die unter der Menge verteilt wurden. Und so warf man ihn, als er aus dem Palais kam, mit Steinen und schleuderte verschiedene Male einen Strick mit einer Schlinge gegen ihn. Ein Kampf drohte auszubrechen, aber ein Offizier warf, als die anstürmende Jugend mit dem Militär handgemein werden wollte, seinen Degen fort und fraternisierte mit dem Volk.

Hintereinander brachen Unruhen derselben Art in mehreren andern Städten der Bretagne aus, und die Bauern ihrerseits erhoben sich aus Anlaß von Getreideverladungen in Quimper, Saint-Brieuc, Morlaix, Pont-l'Abbé, Lamballe usw. Interessant ist es, in diesen Unruhen die aktive Rolle zu bemerken, die die Studenten von Rennes darin spielten, die sich schon damals mit den Empörern aus dem Volke identifizierten.

Im Dauphiné und besonders in Grenoble nahm die Aufstandsbewegung einen noch ernsthafteren Charakter an. Sowie der Kommandant Clermont-Tonnerre die Verordnung bekanntgemacht hatte, die das Parlament verabschiedete, erhob sich das Volk von Grenoble. Man läutete Sturm, und bald ertönten auch die Glocken auf den Dörfern; die Bauern eilten in Scharen in die Stadt. Es kam zu einem blutigen Zusammenstoß und gab viele Tote. Die Wache des Kommandanten war machtlos, und sein Palast wurde geplündert. Clermont-Tonnerre wurde mit erhobener Axt bedroht, bis er die königliche Verordnung widerrief. Das Volk war es – hauptsächlich die Frauen –, das handelte. Was die Parlamentsmitglieder angeht, so konnte sie das Volk kaum finden. Sie hatten sich versteckt, und sie schrieben nach Paris, der Aufstand sei gegen ihren Willen ausgebrochen. Und als das Volk ihrer endlich habhaft geworden war, hielt es sie als Gefangene, weil ihre Anwesenheit der Bewegung einen gesetzlichen Anstrich gab. Die Frauen bewachten diese festgenommenen Parlamentsmitglieder und wollten sie nicht einmal den Männern anvertrauen, aus Furcht, sie könnten befreit werden.

Die Bürgerschaft von Grenoble hatte offenbar Angst vor dieser Volkserhebung und organisierte während der Nacht ihre Bürgerwehr, die sich der Stadttore und ebenso der militärischen Posten bemächtigte, die sie dann bald den Truppen übergab. Kanonen wurden gegen die Aufständischen gerichtet, und das Parlament benutzte die Dunkelheit zur Flucht. Vom 9. bis zum 14. Juni triumphierte die Reaktion, aber am vierzehnten erfuhr man von einem Aufstand in Besançon, bei dem die Schweizer sich geweigert hätten, aufs Volk zu schießen. Dadurch wurde der Geist neu belebt, und es war sogar die Rede davon, die Provinzialstände einzuberufen. Aber da neue Truppensendungen von Paris kamen, ging der Aufstand allmählich zurück. Indessen dauerte die Gärung, die hauptsächlich von den Frauen unterstützt wurde, noch eine Weile an (Vic und Vaissète, Teil X, S. 637).

Außer diesen beiden Erhebungen, die die meisten Historiker erwähnen, gab es in dieser Zeit viele andere – in der Provence, im Languedoc, Roussillon, Béarn, in Flandern, der Franche-Comté und Burgund. Und wo es keine eigentlichen Aufruhrbewegungen gab, benutzte man die erhitzte Stimmung, um die Gärung zu erhalten und Demonstrationen zu machen.

In Paris gab es bei der Entlassung des Erzbischofs von Sens zahlreiche Demonstrationen. Der Pont-Neuf war militärisch bewacht, und es kam zu mehreren Zusammenstößen zwischen den Soldaten und dem Volk, dessen Führer, wie Bertrand de Molleville (S. 136) bemerkt, ›die nämlichen waren, die später an allen Volksbewegungen der Revolution teilnahmen‹. Man muß überdies den Brief Marie-Antoinettes an den Grafen von Mercy vom 24. August 1788 lesen, in dem sie ihm von ihren Befürchtungen spricht und ihm den Rücktritt des Erzbischofs von Sens anzeigt und ihm Kenntnis gibt von den Schritten, die sie zur Rückberufung Neckers tut; man versteht dann die Wirkung, die diese Zusammenrottungen auf den Hof hervorbrachten. Die Königin sieht voraus, daß diese Wiederberufung Neckers ›die Autorität des Königs erschüttern wird‹; sie fürchtet, ›man wird genötigt sein, einen Ministerpräsidenten zu ernennen‹; aber ›der Augenblick drängt. Es ist dringend nötig, daß Necker annimmt.‹

Drei Wochen später (am 14. September 1788), als man den Rücktritt Lamoignons erfuhr, gab es neue Zusammenrottungen. Die Menge tat sich zusammen, um die Häuser der beiden Minister Lamoignon und Brienne ebenso wie das von Dubois zu verbrennen. Man rief das Militär herbei, und in der Rue Mêlée und Rue Grenelle ›richtete man eine schreckliche Metzelei unter den Unglücklichen an, die sich nicht einmal verteidigten‹. Dubois floh aus Paris. – ›Das Volk hätte sich sonst selbst Recht geschafft‹, sagen die Deux Amis de la Liberté.

Noch später, als im Oktober 1788 das Parlament aus seiner Verbannung von Troyes zurückberufen wurde, illuminierten ›die Schreiber und das niedere Volk‹ an mehreren Abenden hintereinander auf der Place Dauphine. Sie verlangten von den Vorübergehenden Geld, um Feuerwerk abzubrennen. Sie zwangen die vornehmen Herren, aus dem Wagen zu steigen und die Statue Heinrichs IV. zu begrüßen. Sie verbrannten Puppen, die Calonne, Breteuil, die Herzogin von Polignac vorstellten. Es war auch die Rede davon, man solle die Königin in effigie verbrennen. Allmählich dehnten sich diese Zusammenrottungen auf andere Stadtteile aus, und man schickte Militär, um sie auseinanderzutreiben. Auf der Place de Grève wurde Blut vergossen, und es gab viele Tote und Verwundete; aber da die Parlamentsrichter die Verhafteten abzuurteilen hatten, kamen sie mit leichten Strafen davon.

So wurde der revolutionäre Geist beim Herannahen der großen Revolution erweckt und verbreitet. Die Initiative kam ohne Frage vom Bürgertum, insbesondere vom Kleinbürgertum; aber, im allgemeinen zu sprechen, vermieden es die Bürger, sich zu kompromittieren, und die Zahl solcher unter ihnen, die vor der Berufung der Generalstände, mehr oder weniger offen, dem Hof Widerstand zu leisten wußten, war sehr beschränkt. Wenn es nur ihre spärlichen Akte des Widerstandes gegeben hätte, hätte Frankreich noch viele Jahre auf den Umsturz des königlichen Despotismus warten müssen. Zum Glück für die Revolution gab es tausend Umstände, die die Volksmassen zur Empörung brachten; und obwohl nach jedem Aufstand etliche an den Galgen kamen, viele verhaftet wurden und sogar Gefangene gefoltert wurden, empörte sich das Volk, das durch das Elend zur Verzweiflung getrieben und andrerseits von den unbestimmten Hoffnungen gestachelt war, von denen die alte Frau zu Arthur Young gesprochen hatte. Es empörte sich gegen die Intendanten der Provinzen, die Steuerpächter, die Salzsteuerunternehmer, sogar gegen die Truppen und brachte auf diese Weise die Regierungsmaschinerie in Unordnung.

Von 1788 an wurden die Bauernaufstände so allgemein, daß es unmöglich wurde, die Staatsausgaben zu bestreiten; und Ludwig XVI., der sich vierzehn Jahre lang geweigert hatte, die Vertreter der Nation zu berufen, weil er fürchtete, die Autorität des Königs leide darunter, sah sich endlich gezwungen, zunächst zweimal hintereinander die Versammlungen der Notabeln zu berufen und schließlich die Generalstaaten.

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