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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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3. Das Handeln

Und das Volk? Was war die Idee des Volkes?

Auch das Volk stand bis zu einem gewissen Grade unter dem Einfluß der Philosophie des Jahrhunderts. Durch tausend mittelbare Kanäle waren die großen Grundsätze der Freiheit und Unabhängigkeit bis in die Dörfer und die Arbeiterviertel der großen Städte gedrungen. Der Respekt vor der Königswürde und der Aristokratie hatte angefangen zu verschwinden. Ideen von Gleichheit drangen in die verstecktesten Winkel. Gedanken an Empörung zuckten in den Geistern auf. Die Hoffnung auf eine bevorstehende Wandlung ließ manchmal die einfachsten Herzen höher schlagen. ›Ich weiß nicht, was kommen wird, aber etwas muß kommen, bald kommen‹, sagte 1787 eine alte Frau zu Arthur Young, der am Vorabend der Revolution Frankreich durchreiste. Dieses ›Etwas‹ mußte dem Elend des Volkes irgendwie Erleichterung bringen.

Man hat in letzter Zeit die Frage erörtert, ob die Bewegung, die der Revolution vorherging, und die Revolution selbst ein sozialistisches Element enthielten. Das Wort ›Sozialismus‹ gab es jedenfalls nicht, weil es nicht vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts da war. Die Idee des Staats-Kapitalismus, auf die die sozialdemokratische Fraktion der großen sozialistischen Partei den Sozialismus heutzutage zu bringen sucht, war jedenfalls nicht in dem Maße vorherrschend wie heute, da nämlich die Begründer des sozialdemokratischen ›Kollektivismus‹, Vidal und Pecqueur, erst zwischen 1840 und 1849 ihre Schriften verfaßten. Aber wenn man heutigentags die Werke der Schriftsteller, die die Vorläufer der Revolution waren, liest, muß man betroffen sein, wie diese Schriften von den Ideen getränkt sind, die das Wesen des modernen Sozialismus ausmachen.

Zwei Grundgedanken – die Gleichheit aller Bürger hinsichtlich ihrer Rechte an den Boden und was wir heutzutage unter dem Namen des Kommunismus kennen – fanden unter den Enzyklopädisten und ebenso unter den populärsten Schriftstellern der Zeit, wie Mably, d'Argenson und sehr vielen von geringerem Gewicht, überzeugte Anhänger. Es ist ganz natürlich, da ja die Großindustrie damals noch in den Windeln lag und das Kapital par excellence, das Hauptwerkzeug zur Ausbeutung der menschlichen Arbeit der Boden und nicht die Fabrik war, die erst im Entstehen war, daß sich das Denken der Philosophen und späterhin der Revolutionäre des achtzehnten Jahrhunderts in erster Linie dem Gemeinbesitz am Boden zuwandte. Forderte doch Mably, der viel mehr als Rousseau die Männer der Revolution beeinflußte, tatsächlich schon 1768 (Doutes sur l'ordre naturel et essentiel des sociétés; ›Gedanken über die natürliche und wesentliche Ordnung der Gesellschaften‹) Gleichheit für alle in den Rechten auf den Grund und Boden und kommunistischen Bodenbesitz. Und ebenso war ja doch das Recht der Nation auf das gesamte Grundeigentum und desgleichen auf alle Naturschätze – Wälder, Flüsse, Wasserfälle usw. – die Lieblingsidee der Vorläufer der Revolution sowohl wie des linken Flügels der Volksrevolutionäre während des Aufruhrs.

Leider aber nahmen diese kommunistischen Bestrebungen bei den Denkern, die das Wohl des Volkes wollten, keine bestimmte, greifbare Form an. Während sich bei dem gebildeten Bürgertum die Ideen der Unabhängigkeit in einem vollständigen Programm zu politischer und wirtschaftlicher Organisation zum Ausdruck brachten, bot man dem Volk die Ideen wirtschaftlicher Befreiung und Reorganisation nur in Form ganz unbestimmter Bestrebungen. Oft handelte es sich lediglich um Negationen. Die Männer, die zum Volke sprachen, suchten nicht zu formulieren, unter welcher konkreten Gestalt diese Wünsche oder diese Negationen in die Erscheinung treten konnten. Man möchte fast glauben, daß sie der Bestimmtheit auswichen. Wissentlich oder nicht schienen sie sich zu sagen: ›Wozu dem Volke von der Art und Weise sprechen, wie man sich später organisieren wird! Das wäre geeignet, seine revolutionäre Energie abzukühlen. Die Hauptsache ist, daß es die Kraft zum Angriff hat, um den veralteten Institutionen auf den Leib zu rücken. – Später wird man zusehen, wie die Sache zu machen ist.‹

Wie viele Sozialisten und Anarchisten hängen noch demselben Verfahren an! Voller Ungeduld, den Tag der Rebellion möglichst schnell herbeizuführen, behandeln sie jeden Versuch, einiges Licht auf das zu werfen, was die Revolution wird einführen müssen, als eine Art Theorie, die besänftigend und einschläfernd wirke.

Man muß auch noch sagen, daß die Unwissenheit der Schriftsteller – zum größten Teil Städter und Büchermenschen – viel mitsprach. So gab es in der ganzen Schar gelehrter und geschäftsgewandter Männer, die die Nationalversammlung ausmachten – Rechtsgelehrte, Journalisten, Kaufleute usw. –, nur zwei oder drei rechtskundige Mitglieder, die die Feudalrechte kannten, und man weiß, daß es in der Nationalversammlung nur sehr wenige Bauernvertreter gab, die aus persönlicher Erfahrung mit den Bedürfnissen des flachen Landes vertraut waren.

Aus diesen verschiedenen Gründen kam die Idee des Volkes in der Hauptsache lediglich in Negationen zum Ausdruck. ›Auf, laßt uns die Grundbücher verbrennen, in denen die Feudallasten verzeichnet stehen! Nieder mit den Zehnten! Nieder mit Madame Veto! Die Aristokraten an die Laterne!‹ Aber, wem soll die frei gewordene Erde übergeben werden? Wer soll die Erbschaft der guillotinierten Aristokraten antreten? Wem soll die Staatsgewalt überantwortet werden, die den Händen des Monsieur Veto entfiel, aber in denen des Bürgertums eine Macht wurde, die ganz anders, schrecklicher war als unter dem Ancien régime?

Dieser Mangel an Klarheit in den Vorstellungen des Volkes über das, was es von der Revolution erhoffen konnte, drückte der ganzen Bewegung seinen Stempel auf. Während das Bürgertum fest und entschieden auf die Etablierung seiner politischen Macht in einem Staate losging, den es nach seinen Plänen neu aufbauen wollte, schwankte das Volk. Besonders in den Städten schien es im Anfang nicht einmal recht zu wissen, was es mit der Macht, die es erobert hatte, anfangen sollte, um Nutzen davon zu haben. Und als späterhin die Ideen über das Agrargesetz und über die Ausgleichung der Vermögen sich bestimmter zu formen anfingen, prallten sie mit einer Menge Vorurteile über das Eigentum zusammen, von denen selbst die erfüllt waren, die sich der Sache des Volkes aufrichtig ergeben hatten.

Der nämliche Widerstreit entstand in den Vorstellungen über die politische Organisation des Staates. Man erkennt ihn hauptsächlich in dem Konflikt, der sich zwischen den gouvernementalen Vorurteilen der Demokraten jener Zeit und den Ideen erhob, die mitten aus den Massen heraus über die politische Dezentralisation und über die überwiegende Rolle entstanden, die das Volk seinen Stadtverwaltungen, seinen Sektionen in den Großstädten und den Gemeindeversammlungen in den Dörfern sichern wollte. Darauf ist die ganze Folge blutiger Konflikte zurückzuführen, die im Konvent entstanden. Und daher kommt auch die Zweifelhaftigkeit der Ergebnisse, die die Revolution für die große Masse des Volkes im ganzen gezeitigt hat – abgesehen von den Ländereien, die den weltlichen und geistlichen Herren abgenommen und von den Feudallasten befreit worden sind.

Aber wenn die Ideen des Volkes hinsichtlich des Aufbaus wirr waren, so waren sie im Gegenteil in ihren Negationen über gewisse Punkte sehr klar und bestimmt.

Zuvörderst der Haß des Armen gegen diese ganze müßiggängerische, nichtstuerische, verderbte Aristokratie, die es beherrschte, während das graue Elend in den Dörfern und den düsteren Gassen der großen Städte herrschte. Dann der Haß gegen den Klerus, der mit seinen Sympathien mehr auf seiten der Aristokratie stand als auf der des Volkes, das ihn ernährte. Der Haß gegen alle Institutionen des ancien régime, die die Armut noch drückender machten, weil sie dem Armen die Anerkennung der Menschenrechte verweigerten. Der Haß gegen das Feudalsystem und seine Abgaben, die den Bauern in einen Zustand der Leibeigenschaft gegenüber dem Grundbesitzer versetzten, obwohl die persönliche Leibeigenschaft nicht mehr existierte. Und endlich die Verzweiflung des Bauern, der in diesen Jahren der Hungersnot zusehen mußte, wie der Boden im Besitz des Herrn unbestellt blieb oder lediglich den Adligen ein Platz des Vergnügens war, während in den Dörfern der Hunger herrschte.

Dieser Haß, der seit langem hochkam und immer stärker wurde, je ausgeprägter der Egoismus der Reichen im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wurde, und dieser Hunger nach dem Boden, dieser Schrei des durch Hunger zur Verzweiflung und Empörung gebrachten Bauern gegen den Herrn, der ihn nicht vom Boden Besitz ergreifen ließ, das war es, was den Geist der Empörung schon 1788 erweckte. Und dieser nämliche Haß und dieses nämliche Bedürfnis – mit der Hoffnung auf Erfolg – riefen in den Jahren 1789 bis 1793 die ununterbrochenen Bauernaufstände hervor – die Aufstände, die es dem Bürgertum ermöglichten, dem alten Regime ein Ende zu machen und seine Macht unter einem neuen Regime aufzurichten, dem der parlamentarischen Regierung.

Ohne diese Erhebungen, ohne diese völlige Desorganisation der Gewalten in der Provinz, die infolge der ohne Unterbrechung immer erneuerten Bauernaufstände Platz griff; ohne diese Bereitschaft des Volks von Paris und andern Städten, mit der es jedesmal, wenn es von den Revolutionären aufgerufen wurde, sich bewaffnete und die Bollwerke des Königtums stürmte, hätte das Bürgertum ohne Zweifel nichts erreicht. Aber gerade dieser immer lebendigen Quelle der Revolution – dem Volk, das in Bereitschaft stand, zu den Waffen zu greifen – sind die Geschichtsschreiber der Revolution noch nicht so gerecht geworden, wie es ihr die Geschichte der Zivilisation schuldig ist.

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