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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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2. Die Idee

Um die Idee, von der das Bürgertum von 1789 erfüllt war, richtig zu verstehen, muß man sie nach ihren Ergebnissen beurteilen – den modernen Staaten.

Die Verfassungsstaaten, wie wir sie gegenwärtig in Europa sehen, bildeten sich erst am Ende des achtzehnten Jahrhunderts heraus. Die Zentralisation der Gewalten, die heutzutage im Gange ist, hatte weder die Vollendung noch die Gleichförmigkeit erreicht, die wir heute an ihr gewahren. Dieser furchtbare Mechanismus, der auf einen Befehl, der in irgendeiner Hauptstadt erlassen wird, alle Männer eines Volkes kriegerisch bewaffnet in Bewegung setzt und sie hinauswirft, um die Verheerung auf die Felder und die Trauer in die Familien zu tragen; die Länder, die von einem Netz von Verwaltungsbeamten überzogen sind, deren Persönlichkeit durch ihren bureaukratischen Lebensgang völlig ausgelöscht ist und die den Befehlen, die von einem Zentralwillen ausgehen, mechanisch gehorchen; diese passive Unterwürfigkeit der Staatsbürger unter das Gesetz und dieser Kultus des Gesetzes, des Parlaments, des Richters und seiner Handlanger, den wir heutzutage bemerken; diese hierarchische Pyramide gebändigter Beamten; dieses Netz von Schulen, die vom Staat unterhalten oder geleitet werden, wo man den Kultus der Macht und den passiven Gehorsam lehrt; diese Industrie, die in ihrem Räderwerk den Arbeiter zermalmt, den der Staat ihr überläßt; dieser Handel, der unerhörte Reichtümer in den Händen derer ansammelt, die den Boden, die Bergwerke, die Verkehrswege und die Schätze der Natur an sich gerissen haben, und der den Staat ernährt; diese Wissenschaft endlich, die zwar das Denken befreit und die Produktivkräfte der Menschheit verhundertfacht hat, die sie aber zu gleicher Zeit dem Recht des Stärkeren und dem Staat unterwerfen will: – all das gab es nicht vor der Revolution.

Indessen hatte das französische Bürgertum, der dritte Stand, lange bevor das erste Grollen der Revolution sich ankündigte, bereits den politischen Organismus ins Auge gefaßt, der sich auf den Trümmern des Feudalkönigtums ausbreiten sollte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die englische Revolution der Bourgeoisie dazu half, die Rolle, zu der sie in der Lenkung der Gesellschaften bestimmt war, völlig zu erfassen. Und es ist sicher, daß die amerikanische Revolution die Energie der bürgerlichen Revolutionäre anstachelte. Aber schon im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war das Studium des Staates und der Verfassung der staatlich geregelten Gesellschaften auf der Grundlage der Wahl von Vertretern – dank Hume, Hobbes, Montesquieu, Rousseau, Voltaire, Mably, d'Argenson usw. – sehr beliebt geworden, und Turgot und Adam Smith fügten das Studium der ökonomischen Fragen und der Rolle des Eigentums in der politischen Verfassung des Staates hinzu.

Daher kam es, daß lange, bevor die Revolution ausgebrochen war, das Ideal eines zentralisierten und wohlgeordneten Staates, der von den Klassen, die industrielles oder Grundeigentum besäßen, oder sich geistig beschäftigten, regiert würde, schon in einer großen Zahl von Büchern und Pamphleten verkündigt und untersucht wurde, aus denen später während der Revolution die Männer der Tat ihre Anregung, ihre Energie und ihre Argumentation schöpften.

Daher kam es, daß das französische Bürgertum in dem Augenblick, wo es im Jahre 1789 in die Periode der Revolution eintrat, genau wußte, was es wollte. Ganz gewiß war es nicht republikanisch, es ist es ja auch heute nicht. Aber es wollte ebensowenig das Willkürregiment des Königs, die Regierung der Fürsten und des Hofes, die Privilegien der Adligen, die die besten Posten in der Regierung an sich brachten, aber nichts verstanden, als den Staat zu plündern, wie sie ihre riesigen Güter plünderten, anstatt sie in die Höhe zu bringen. Das Bürgertum war republikanisch in seinem Empfinden, und die Besten wollten die republikanische Einfachheit der Sitten – wie in den eben entstehenden Republiken Amerikas; aber es wollte desgleichen das Regiment der besitzenden Klassen.

Ohne atheistisch zu sein, war es ziemlich freidenkend, aber es hatte keinerlei Abscheu gegen den katholischen Kultus. Es verabscheute hauptsächlich die Kirche mit ihrer Hierarchie, ihren Bischöfen, die gemeinsame Sache mit den Fürsten machten, und ihren Pfarrern, die ein gefügiges Werkzeug in den Händen des Adels geworden waren.

Das Bürgertum von 1789 begriff, daß für Frankreich – ebenso wie hundertvierzig Jahre früher für England – der Augenblick gekommen war, wo der dritte Stand die Gewalt an sich reißen konnte, die das Königtum nicht mehr halten konnte; und es wußte, was es damit beginnen wollte.

Sein Ideal war, Frankreich eine Konstitution zu geben, die nach dem Muster der englischen Verfassung gebildet sein sollte. Der König sollte keine weitere Rolle mehr spielen als die eines Kontrollapparats – manchmal etwa mit der Aufgabe, die divergierenden Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen, hauptsächlich aber, ein Symbol der nationalen Einheit zu sein. Was die wirkliche Gewalt anging, die gewählt sein sollte, so sollte sie einem Parlament anvertraut sein, in dem das gebildete Bürgertum, das den tätigen und denkenden Teil der Nation repräsentierte, vor den übrigen ausschlaggebend war.

Zu gleicher Zeit hatte das Bürgertum den Gedanken, alle lokalen Spezialgewalten, die ebenso viele unabhängige Einheiten im Staate bildeten, abzuschaffen und die Regierungsmacht bei einer zentralen Exekutivgewalt zu sammeln, die vom Parlament streng überwacht werden sollte, der im Staat streng gehorcht werden und die alles verschlingen sollte: Steuern, Gerichte, Polizei, Kriegswesen, Schule, die allgemeine Regelung des Handels und der Industrie – alles! Es sollte im übrigen völlige Handelsfreiheit proklamiert werden, und zugleich den gewerblichen Unternehmungen freie Hand zur Ausbeutung der Naturschätze und desgleichen der Arbeiter gelassen werden, die künftig dem, der ihnen Arbeit gab, auf Gnade und Ungnade überliefert waren.

All das sollte unter die Kontrolle des Staates gestellt werden, der natürlich die Anhäufung von Reichtümern von Seiten der Privaten und die Entstehung der großen Vermögen begünstigen würde – worauf das Bürgertum von damals notwendigerweise viel Gewicht legte, weil ja doch die Generalstände sogar zu dem Zweck einberufen worden waren, um Mittel gegen den finanziellen Zusammenbruch des Staates zu finden.

Was die wirtschaftlichen Fragen angeht, so war die Idee der tatkräftigen Männer des dritten Standes nicht weniger bestimmt. Das französische Bürgertum hatte Turgot und Adam Smith, die Väter der politischen Ökonomie, gut studiert. Es wußte, daß ihre Theorien in England schon in die Praxis übergeführt worden waren, und es beneidete seine Nachbarn auf der andern Seite des Kanals um ihre mächtige Wirtschaftsorganisation ebensosehr wie um ihre politische Macht. Es träumte von dem Erwerb des Grund und Bodens durch die Groß- und Kleinbourgeoisie und von der Ausbeutung der Bodenschätze, die bisher im Besitz des Adels und Klerus unproduktiv geblieben waren. Und darin hatte es die ländlichen Kleinbürger zu Bundesgenossen, die in den Dörfern, schon bevor die Revolution ihre Zahl vergrößerte, mächtig waren. Es sah schon den überaus raschen Aufschwung der Industrie und die Massenproduktion der Waren vermittelst des Maschinenwesens voraus, den Handel nach entfernten Ländern und den überseeischen Export: die Märkte im Osten, die Großbetriebe – und die Riesenvermögen.

Das Bürgertum begriff, daß es, um dieses Ziel zu erreichen, zunächst galt, die Bande zu zerreißen, die den Bauern im Dorfe zurückhielten. Es war dazu notwendig, daß er die Freiheit bekam, seine Hütte zu verlassen, und daß er gezwungen wurde, es zu tun: daß er dazu gebracht wurde, in die Städte auszuwandern und dort Arbeit zu suchen, auf daß er den Herrn wechselte und der Industrie Gold einbrachte, an Stelle der Zinsen, die er vorher dem Herrn bezahlt hatte und die für ihn sehr hart waren, aber im ganzen dem Grundherrn nur sehr magere Erträge gebracht hatten. Es bedurfte endlich der Ordnung in den Staatsfinanzen und anderer Steuern, die leichter zu zahlen wären und die doch mehr einbrächten.

Kurz, es bedurfte dessen, was die Nationalökonomen die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit genannt haben, was aber in Wahrheit bedeutete: einerseits die Befreiung der Industrie von der peinlichen und mörderischen Überwachung von Seiten des Staates, und andrerseits die Verleihung der Freiheit zur Ausbeutung des Arbeiters, dem die Freiheit genommen wird. Keine Fachverbände, keine Gesellenvereine, keine Zünfte, keine Meisterschaften, die irgendwie die Ausbeutung des Lohnarbeiters beschränken könnten; auch keine Überwachung von Seiten des Staates, die die Industrie belästigen würde; keine Binnenzölle, keine Prohibitivgesetze. Völlige Freiheit für die Geschäfte der Unternehmer – und strenges Verbot der ›Koalitionen‹ der Arbeiter. ›Laissez faire‹ die einen – und hindert die andern, sich zusammenzurotten.

Dies war der doppelte Plan, den das Bürgertum ins Auge gefaßt hatte. Und es ging, sowie sich die Gelegenheit bot, ihn ins Werk zu setzen, stark in seinem Wissen, in der Zweifellosigkeit seiner Absichten, in seiner ›Geschäftstüchtigkeit‹, ohne hinsichtlich des Ganzen oder irgendwelcher Einzelheiten im geringsten zu schwanken, daran, diese Absichten in der Gesetzgebung durchzuführen. Und es verstand sich mit einer bewußten und konsequenten Energie auf seine Sache, wie sie das Volk niemals gehabt hat, weil es kein Ideal kannte und ausgearbeitet hatte, das es dem der Herren vom dritten Stande hätte entgegensetzen können.

Gewiß wäre es ungerecht, wenn man sagen wollte, das Bürgertum von 1789 habe sich ausschließlich von engherzig egoistischen Absichten leiten lassen. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte es seine Aufgabe niemals erfolgreich durchführen können. Es ist immer eine Messerspitze Ideal nötig, damit die großen Umwälzungen gelingen. Die besten Vertreter des dritten Standes hatten in der Tat an jener erhabenen Quelle getrunken – an der Quelle der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, die im Keime all die großen Gedanken enthielt, die seitdem aufgestiegen sind. Der ungemein wissenschaftliche Geist dieser Philosophie, ihr von Grund aus moralischer Charakter – trotz allem Spott gegen die konventionelle Moral –, ihr Vertrauen in den Verstand, die Kraft und die Größe des freien Menschen, sowie er von Gleichen umgeben wäre, ihr Haß gegen die Einrichtungen des Despotismus, all das findet sich bei den Revolutionären der Zeit wieder. Woher sonst hätten sie die Kraft der Überzeugung und die Aufopferung gewonnen, von denen sie dann während der Kämpfe Proben ablegten? Man muß auch das anerkennen, daß sogar unter denen, die am meisten daran arbeiteten, das Programm der Bereicherung des Bürgertums durchzuführen, sich welche befanden, die aufrichtig glaubten, die Bereicherung der einzelnen sei das beste Mittel, die Nation als Ganzes zu bereichern. Die besten Nationalökonomen, Smith vor allen, hatten es ja doch mit Überzeugung gekündet!

Aber so hoch auch die abstrakten Ideen von Freiheit, Gleichheit, freiem Fortschritt standen, für die sich die aufrichtigen Vorkämpfer des Bürgertums von 1789–1793 begeisterten, nach ihrem praktischen Programm, nach der Anwendung der Theorie müssen wir sie beurteilen. Durch welche Tatsachen setzt sich der abstrakte Gedanke in wirkliches Leben um? Das wird der wahre Maßstab sein.

Nun denn, wenn die Gerechtigkeit verlangt, anzuerkennen, daß das Bürgertum von 1789 sich für die Ideen der Freiheit, der Gleichheit (vor dem Gesetz) und der politischen und religiösen Unabhängigkeit begeisterte – trotzdem ist es so, daß diese Ideen, sowie sie Gestalt annahmen, sich genau nach dem Doppelprogramm umformten, das wir eben skizziert haben: Freiheit, die Reichtümer jeder Gestalt für die persönliche Bereicherung zu verwenden, und desgleichen, die menschliche Arbeit auszubeuten, ohne daß die Opfer der Ausbeutung irgendwelche Wahl hatten, und eine solche Organisation der dem Bürgertum anheimgefallenen öffentlichen Gewalt, daß ihm die Freiheit dieser Ausbeutung gewährleistet war. Und wir werden bald sehen, was für furchtbare Kämpfe sich 1793 entspannen, als ein Teil der Revolutionäre über dieses Programm hinausgehen wollte.

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