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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 24
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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22. Finanzschwierigkeiten; die Güter des Klerus werden verkauft

Das Schwierigste war es für die Revolution, daß sie sich ihren Weg durch die furchtbaren wirtschaftlichen Zustände bahnen mußte. Der Staatsbankerott hing drohend über den Köpfen derer, die es unternommen hatten, Frankreich zu regieren, und wenn es in der Tat dazu kam, mußte er zu einer Empörung des ganzen wohlhabenden Bürgertums gegen die Revolution führen. Wenn das Defizit eine der Ursachen gewesen war, die das Königtum gezwungen hatten, die ersten konstitutionellen Zugeständnisse zu machen, und die dem Bürgertum den Mut gegeben hatten, ernsthaft seinen Anteil an der Regierung zu verlangen, so lastete dieses selbe Defizit die ganze Revolution hindurch wie ein Alpdruck auf denen, die hintereinander zur Macht gelangten.

Allerdings waren in jener Zeit die Staatsanleihen noch nicht international, und so brauchte Frankreich nicht zu befürchten, die fremden Nationen könnten als seine Gläubiger auftreten, sich miteinander verständigen und Frankreich seine Provinzen wegnehmen, wie das heute der Fall wäre, wenn ein europäischer Staat sich mitten in der Revolution bankerott erklärte. Aber man mußte an die inländischen Gläubiger denken, und wenn Frankreich seine Zahlungen eingestellt hätte, wäre das der Ruin so vieler bürgerlichen Vermögen gewesen, daß die Revolution das ganze große und mittlere Bürgertum gegen sich gehabt hätte – alle Welt, außer den Arbeitern und den ärmsten Bauern. Daher mußten die konstituierende und die gesetzgebende Versammlung, der Konvent und späterhin das Direktorium eine ganze Reihe von Jahren hindurch unerhörte Anstrengungen machen, um diesen Bankerott zu vermeiden.

Die Lösung, zu der sich die Versammlung Ende 1789 entschloß, war die, die Güter der Kirche zu konfiszieren, sie zu verkaufen und als Gegenleistung der Geistlichkeit ein festes Gehalt zu zahlen. Die Einkünfte der Kirche wurden 1789 auf 120 Millionen für die Zehnten, auf 80 Millionen andere Einkünfte aus den verschiedenen Besitztümern (Häuser, Liegenschaften, deren Wert auf etwas mehr als 2 Milliarden geschätzt wurde) und auf ungefähr 30 Millionen Steuern geschätzt, die der Staat jedes Jahr dazugegeben hatte: zusammen 230 Millionen jährlich. Diese Einkünfte waren ohne Frage unter die verschiedenen Teile der Geistlichkeit auf die ungerechteste Weise verteilt. Die Bischöfe lebten in raffiniertem Luxus und konnten es hinsichtlich ihrer Ausgaben mit den reichen Grundherren und den Prinzen aufnehmen, während die Pfarrer in den Städten und Dörfern, die nichts bekamen als die ›portion congrue‹ (das bestimmte kleine Einkommen, das ihnen vom Oberzehntherrn gezahlt wurde), ein erbärmliches Leben führten. Es wurde darum schon am 10. Oktober von Talleyrand, dem Bischof von Autun, beantragt, alle Güter der Kirche sollten im Namen des Staates in Besitz genommen werden; sie sollten verkauft werden; die Geistlichkeit sollte ein anständiges Gehalt bekommen (1200 Livres jährlich jeder Geistliche und außerdem freie Wohnung), und mit dem Rest sollte ein Teil der Staatsschuld gedeckt werden, die sich auf 50 Millionen Leibrente und auf 60 Millionen dauernde Rente belief. Diese Maßregel erlaubte, das Defizit zu decken, den Rest Salzsteuer, der noch geblieben war, abzuschaffen und nicht mehr von den ›Ämtern‹, den Offizier- und Beamtenstellen zehren zu müssen, die dem Staate abgekauft wurden. Durch den Verkauf der Kirchengüter wollte man auch eine neue Klasse von Landleuten schaffen, die mit der Scholle verwachsen wären, die sie zu ihrem Eigentum gemacht hatten.

Dieses Projekt mußte natürlich auf Seiten der Grundbesitzer starke Befürchtungen hervorrufen. ›Ihr führt uns zum Ackergesetz!‹ wurde in der Nationalversammlung gesagt. ›Vergeßt nicht, jedesmal, wenn ihr zum Ursprung des Eigentums zurückgeht, schließt sich die Nation euch an!‹ Darin lag die Anerkennung, daß an der Wurzel jedes Grundeigentums die Ungerechtigkeit, die Gewalt, der Betrug oder der Diebstahl lag.

Aber das Bürgertum ohne Grundbesitz war von dem Projekt entzückt. Auf diese Weise wurde der Bankerott vermieden, und die Bürger fanden Grundstücke, die sie kaufen konnten. Und da das Wort ›Expropriation‹ die frommen Seelen der Grundeigentümer erschreckte, fand man das Mittel, es zu vermeiden. Man sagte, die Güter des Klerus würden zur Verfügung der Nation gestellt, und man setzte fest, es sollten von diesen Gütern sofort bis zum Betrag von 400 Millionen zum Verkauf gestellt werden. Der 2. November 1789 war der denkwürdige Tag, an dem diese großartige Expropriation mit 568 gegen 346 Stimmen von der Versammlung beschlossen wurde. Gegen dreihundertsechsundvierzig Stimmen! Und diese Opposition, die von da an der heftige Feind der Revolution wird, setzt von nun an alles in Bewegung, um der konstitutionellen Regierung und späterhin der Republik allen möglichen und erdenklichen Schaden zu tun.

Aber das Bürgertum, das einerseits unter dem Einfluß der Enzyklopädisten stand, andrerseits von dem Schreckgespenst des unvermeidlichen Bankerotts verfolgt wurde, ließ sich nicht von seinem Wege abbringen. Als die ungeheure Mehrheit der Geistlichkeit und insbesondere die Ordensgesellschaften gegen die Expropriation der geistlichen Güter zu intrigieren angefangen hatten, beschloß die Versammlung am 12. Februar 1790 die Aufhebung der ewigen Gelübde und der Klosterorden beiderlei Geschlechts. Sie hatte nur die Schwäche, im Augenblick noch nicht die Ordensgesellschaften anzutasten, die sich dem öffentlichen Unterricht und der Krankenpflege widmeten. Sie wurden erst am 1. August 1792 nach dem Sturm auf die Tuilerien abgeschafft.

Man versteht, welchen Haß diese Dekrete beim Klerus und bei all denen erregen mußte, über die der Klerus Macht hatte; und deren Zahl war in der Provinz außerordentlich groß. Solange indessen der Klerus und die Orden noch hoffen konnten, die Verwaltung ihrer ungeheuren Besitzungen zu behalten, die alsdann nur wie eine Hypothek auf die Staatsanleihen betrachtet worden wären, zeigten sie nicht ihre ganze Feindseligkeit. Aber diese Situation konnte nicht von Dauer sein. Der Staatsschatz war leer, die Steuern kamen nicht ein. Eine Anleihe von 30 Millionen, die am 9. August 1789 beschlossen worden war, war fehlgeschlagen; eine andere von 80 Millionen, die man am 27. desselben Monats beschlossen hatte, ergab viel zu wenig. Endlich wurde nach einer berühmten Rede Mirabeaus am 26. September eine außerordentliche Steuer vom Viertel des Einkommens beschlossen. Aber diese Steuer wurde sofort von dem Schlund der Zinsen auf die alten Anleihen verschluckt, und nunmehr kam man auf die Idee von Assignaten mit Zwangskurs, deren Wert durch die dem Klerus konfiszierten Nationalgüter garantiert wurde und die in dem Maße, wie der Verkauf dieser Güter Geld einbrächte, eingelöst werden sollten. Man kann sich die kolossalen Spekulationen vorstellen, zu denen dieses Verfahren des Verkaufs der Nationalgüter in großem Maßstabe und die Emission der Assignaten Veranlassung gab. Man errät leicht, was für ein Element durch dieses Verfahren in die Revolution eingeführt wurde. Und trotzdem fragen sich Nationalökonomen und Historiker bis zum heutigen Tage, ob es ein anderes Mittel zur Befriedigung der dringenden Bedürfnisse des Staates gegeben hätte. Die Verbrechen, die Ausschweifungen, die Diebstähle, die Kriege des Ancien régime lasteten auf der Revolution. Die Revolution, die mit dieser ungeheuren Schuldenlast anfing, die das alte Regime ihr vermacht hatte, mußte die Konsequenzen auf sich nehmen. Sie war von einem Bürgerkrieg bedroht, der noch schrecklicher gewesen wäre als der, der schon ausgebrochen war; sie stand unter der Gefahr, sich die Bourgeoisie zum Feinde zu machen, die ihre Ziele verfolgte und dabei zuließ, daß das Volk sich von seinem Herrn befreite, sich aber gegen jeden Befreiungsversuch gewandt hätte, wenn die Kapitalien, die sie in den Anleihen angelegt hatte, bedroht worden wären. Zwischen diese zwei Gefahren gestellt, nahm die Revolution das Projekt der durch die Nationalgüter garantierten Assignaten an.

Am 29. Dezember 1789 wurde auf den Vorschlag der Distrikte von Paris (siehe an späterer Stelle im vierundzwanzigsten Kapitel) die Verwaltung der geistlichen Güter den Gemeindebehörden übertragen, die von diesen Gütern für 400 Millionen zum Verkauf stellen sollten. Der große Schlag war geschehen. Und von da an widmete der Klerus außer einigen Dorfpfarrern, die Freunde des Volks waren, der Revolution einen tödlichen Haß – einen klerikalen Haß, und die Kirchen haben sich immer aufs Hassen verstanden. Die Abschaffung der Klostergelübde stachelte diesen Haß noch mehr an. Von da an wurde der Klerus in ganz Frankreich die Seele der Verschwörungen zur Wiederherstellung des alten Regimes und des Feudalismus. Er blieb der geistige Leiter und die Seele der Reaktion, die wir in den Jahren 1790 und 1791 heraufkommen sehen und die der Revolution ein Ende zu machen drohte.

Aber das Bürgertum kämpfte und ließ sich nicht entwaffnen. Im Juni und Juli 1790 schnitt die Nationalversammlung die Diskussion einer großen Frage an – der inneren Organisation der Kirche in Frankreich. Da die Geistlichkeit jetzt ihr Gehalt vom Staate bekam, faßten die Gesetzgeber den Gedanken, sie von Rom zu befreien und sie völlig unter die Konstitution zu stellen. Man ließ die Bistümer mit den neuen Departements zusammenfallen: ihre Zahl wurde auf diese Weise verkleinert, und die beiden Bezirke – die Diözese und das Verwaltungsdepartement – wurden zu einem. Das konnte noch angehen, aber die Wahl der Bischöfe wurde von dem neuen Gesetz den Wahlmännern anvertraut – ebendenselben, die die Abgeordneten, die Richter und die Gemeindeverwaltungen zu wählen hatten. Das hieß den Bischof seines priesterlichen Charakters entkleiden und einen Staatsbeamten aus ihm machen. Allerdings waren in der alten Kirche die Bischöfe und Priester vom Volke gewählt worden; aber die Wahlmännerversammlungen, die zur Wahl von politischen Vertretern und Beamten zusammentraten, waren nicht die alten Volksversammlungen von Gläubigen . . . kurz, die Gläubigen sahen darin einen Schlag gegen die ehrwürdigen Dogmen der Kirche, und die Priester zogen allen möglichen Nutzen aus dieser Unzufriedenheit. Die Geistlichkeit teilte sich in zwei große Parteien: die konstitutionelle Geistlichkeit, die sich wenigstens der Form nach den neuen Gesetzen unterwarf und den Eid auf die Verfassung leistete, und die unvereidigte Geistlichkeit, die den Eid verweigerte und sich offen an die Spitze der gegenrevolutionären Bewegung stellte. So kam es, daß sich die Einwohner in jeder Provinz, in jeder Stadt, jedem Dorf und jedem Gehöft vor die Frage gestellt sahen: sollten sie sich für oder gegen die Revolution entscheiden? Infolgedessen mußten in jedem kleinen Bezirk die schrecklichsten Kämpfe Platz greifen, um zu entscheiden, welche der beiden Parteien die Oberhand gewann. Die Revolution wurde aus Paris in die kleinsten Dörfer verpflanzt. Sie blieb keine Parlamentsrevolution, sie wurde eine Volksrevolution.

Das Werk, das die konstituierende Versammlung vollbrachte, war gewiß ein Werk fürs Bürgertum. Aber in die Gewohnheiten der Nation das Prinzip politischer Gleichheit einzuführen, die Überreste der Rechte der einen Menschen über die Person eines anderen fortzuschaffen, das Gefühl der Gleichheit und den Geist der Empörung gegen die Ungleichheiten zu erwecken, das war eine ungeheure Aufgabe, eine gewaltige Tat dieser Versammlung. Man darf nur nicht vergessen, was schon Louis Blanc bemerkt hat, daß es zur Unterhaltung und Entzündung dieses revolutionären Herdes, den die Versammlung vorstellte, des Windes bedurfte, ›der damals von der Straße heraus wehte‹. Selbst der Aufruhr, fügt Louis Blanc hinzu, gebar in jenen unvergleichlichen Tagen so viele geniale Weisheit aus seinem Getümmel heraus! ›Jede Erhebung war so getränkt mit Ideen!‹ Anders ausgedrückt, was die Versammlung in all der Zeit zwang, in ihrem Werk des Aufbauens immer weiterzugehen, war die Straße, das Volk auf der Straße. Selbst eine revolutionäre Versammlung oder eine, die sich wenigstens revolutionär aufspielte, wie die Konstituante, hätte nichts getan, wenn das Volk es nicht vorwärtsgestachelt und durch seine zahlreichen Erhebungen die Widerstandskraft der Gegenrevolution niedergeschlagen hätte.

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