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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 22
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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20. Die Tage vom 5. und 6. Oktober 1789

Für den König und den Hof mußte die ›Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers‹ offenbar ein unverzeihliches Attentat auf alle göttlichen und menschlichen Gesetze bedeuten. Und so lehnte der König es rundweg ab, ihr seine Sanktion zu geben. Allerdings stellte die Erklärung der Menschenrechte nur eine Prinzipienerklärung dar; sie hatte, wie man damals sagte, ›konstituierenden Charakter‹ und bedurfte als solche der königlichen Sanktion nicht. Der König hatte sie nur bekanntzumachen.

Das aber lehnte er unter verschiedenen Vorwänden ab. Am 5. Oktober schrieb er noch an die Versammlung, er wollte erst sehen, wie die Maximen der Erklärung angewandt würden, ehe er ihr seine Sanktion gäbe.

Er hatte, wie wir gesehen haben, die nämliche Weigerung den Beschlüssen vom 4. bis 11. August über die Abschaffung der Feudalrechte entgegengesetzt, und man kann sich denken, welche Waffe sich die Versammlung aus diesen beiden Zurückweisungen schmiedete. – ›Wie! Die Versammlung schaffte das Feudalwesen ab, die persönlichen Leistungen und die schädlichen Vorrechte der Herren, sie proklamierte andrerseits die Gleichheit aller vor dem Gesetz – und der König, vor allem aber die Prinzen, die Königin, der Hof, die Polignac, die Lamballe und wie sie alle hießen, widersetzten sich! Wenn es sich nur um Reden gehandelt hätte, und wären sie noch so umstürzlerisch gewesen, deren Verbreitung man gehindert hätte! Aber nein, die ganze Versammlung – Adel und Bischöfe inbegriffen – war einig, ein Gesetz zugunsten des Volks zu machen und auf alle Privilegien zu verzichten (fürs Volk, das sich nicht um juridische Ausdrücke kümmerte, waren die Beschlüsse so gut wie Gesetze), und nun stemmte sich eine Gewalt entgegen, damit die Gesetze nicht in Kraft träten! Der König hätte sie noch angenommen: er war ja auch nach dem 14. Juli nach Paris gekommen und hatte mit dem Volk fraternisiert; aber der Hof, die Prinzen, die Königin wollen nicht, daß die Versammlung das Volk glücklich macht . . .‹

In dem großen Duell zwischen dem Königtum und dem Bürgertum hatte dieses also durch seine geschickte Politik und sein gesetzgeberisches Talent verstanden, das Volk auf seine Seite zu bringen. Jetzt wurde das Volk wild gegen die Prinzen, die Königin, den hohen Adel – für die Versammlung, deren Arbeiten es mit Interesse zu verfolgen begann.

Zugleich beeinflußte das Volk selbst sie in demokratischem Sinn.

So hätte die Versammlung vielleicht das Zweikammersystem nach englischem Muster akzeptiert. Aber das Volk wollte um keinen Preis etwas davon wissen. Es begriff instinktiv, was seitdem gelehrte Juristen so gut erklärt haben – daß in der Revolution eine zweite Kammer unmöglich ist: sie kann erst in Funktion treten, wenn die Kraft der Revolution erschöpft ist und die Reaktion schon begonnen hat.

Ebenso war es wiederum das Volk, das sich gegen das Veto des Königs ereiferte; mehr als die, die in der Versammlung saßen. Auch hier verstand es die Situation sehr gut; denn im gewöhnlichen Lauf der Dinge zwar mag die Frage, ob der König eine Entscheidung des Parlaments aufhalten kann oder nicht, vielleicht von geringer Bedeutung sein, aber in einer revolutionären Zeit ist das Gegenteil der Fall. Nicht als ob die Gewalt des Königs auf die Länge weniger gefährlich wäre, aber in den gewöhnlichen Zeiten beschließt ein Parlament, das das Werkzeug der Privilegierten ist, in der Regel nichts, was der König im Interesse der Privilegierten mit seinem Veto verhindern müßte; dagegen haben in einem revolutionären Zeitpunkt die Beschlüsse eines Parlaments unter dem Einfluß des gerade herrschenden Volksgeistes die Tendenz, die Vernichtung alter Privilegien zu sanktionieren, und stoßen darum mit Notwendigkeit auf die Gegnerschaft des Königs. Da macht er also von seinem Veto Gebrauch, wenn er das Recht und die Kraft dazu hat. So war es in der Tat mit den Augustbeschlüssen und sogar mit der Erklärung der Menschenrechte gegangen.

Trotzdem gab es in der Versammlung eine zahlreiche Partei, die das absolute Veto wollte, – das heißt, sie wollte dem König die Möglichkeit geben, auf gesetzlichem Wege jede ernsthafte Reform zu verhindern. Nach langen Debatten einigte man sich auf einen Kompromiß: die Versammlung lehnte das absolute Veto ab, aber sie nahm gegen den Wunsch des Volkes das aufschiebende Veto an, das dem König gestattete, einen Beschluß für eine gewisse Zeit aufzuschieben, ohne ihn jedoch ungültig zu machen.

Nach hundert Jahren ist der Geschichtsschreiber natürlich geneigt, die Nationalversammlung zu idealisieren und sie sich als eine Körperschaft vorzustellen, die geneigt war, für die Revolution zu kämpfen. Man muß es indessen billiger machen, wenn man in der Wirklichkeit bleiben will. Die Sache ist die, daß die Versammlung selbst in ihren vorgeschrittensten Vertretern ein gutes Teil hinter dem zurückblieb, was der Augenblick verlangte. Sie mußte ihre Ohnmacht fühlen; sie war keineswegs einheitlich: es gab mehr als dreihundert, nach andern Schätzungen vierhundert Abgeordnete, die bereit waren, mit dem Königtum völlig zu paktieren. Und dann, ohne von denen zu sprechen, die vom Hof besoldet waren – und so einige gab es –, wie viele fürchteten die Revolution viel mehr als die Willkür des Königs. Aber die Revolution war im Gange, und es gab außer dem direkten Druck des Volkes und der Furcht vor seinem Grimm die gewisse geistige Atmosphäre, die die Schüchternen unterjocht und die Vorsichtigen zwingt, sich den Kühneren anzuschließen; und besonders war es das Volk, das seine drohende Haltung nicht aufgab, und die Erinnerung an de Launay, Foulon und Bertier war noch frisch im Gedächtnis. Es war sogar in den Faubourgs von Paris die Rede davon, die Mitglieder der Versammlung, die man im Verdacht hatte, daß sie sich mit dem Hofe eingelassen hatten, zu ermorden.

Inzwischen war in Paris immer noch eine schreckliche Teuerung. Man befand sich im September, die Ernte war eingebracht worden, und trotzdem fehlte es an Brot. Das Volk stand hintereinander aufgestellt vor den Bäckereien, und nach stundenlangem Warten mußten die Armen oft nach Hause gehen, ohne Brot mitzubringen. Es fehlte an Mehl. Trotzdem die Regierung im Ausland Getreide aufkaufte, und trotzdem jeder eine Prämie erhielt, der Korn nach Paris brachte, gab es in der Hauptstadt und ebenso in den großen und kleinen Städten in der Umgebung von Paris nicht Brot genug. Die Verproviantierungsmaßregeln waren ungenügend, und das wenige, was geschehen war, machte der Betrug wieder unwirksam. Das ganze alte Regime, der ganze zentralisierte Staat, wie er seit dem sechzehnten Jahrhundert hochgekommen war, verkörperte sich in dieser Brotfrage. In den oberen Schichten der Gesellschaft war der Gipfel des raffinierten Luxus erreicht, aber die Masse des Volks, die von der Last harter und willkürlicher Steuern und Abgaben bedrückt war, war so weit gekommen, daß es auf dem reichen Boden und unter dem günstigen Klima Frankreichs nicht mehr seine Nahrung erzeugen konnte.

Außerdem liefen die schrecklichsten Anklagen gegen die Prinzen der königlichen Familie und die hohen Würdenträger am Hofe um. Man sagte, sie hätten das Getreidemonopol wiederhergestellt und spekulierten auf die hohen Kornpreise. Und wer könnte daran zweifeln, daß diese Anschuldigungen damals begründet waren.

Und schließlich lebte immer noch die Gefahr des Staatsbankerotts. Die Staatsschulden erforderten pünktliche Zahlung der Zinsen; aber die Ausgaben stiegen, und der Staatsschatz war leer. In der Revolution wagte man nicht zu den abscheulichen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die das Ancien régime bei der Eintreibung der Steuern angewandt hatte, das einfach den Bauern alles weggenommen hatte; und der Bauer seinerseits zahlte in Erwartung einer gerechteren Verteilung der Steuerlast nichts mehr, und hinwiederum hütete sich der Reiche, der die Revolution haßte, in stillem Vergnügen, irgend etwas zu zahlen. Necker, der seit dem 17. Juli 1789 wieder Minister war, konnte sich noch so sehr den Kopf zerbrechen, um Mittel zur Vermeidung des Bankerotts zu suchen – er fand keine. In der Tat weiß man nicht, wie er den Bankerott hätte vermeiden können, ohne sich zu einer Zwangsanleihe bei den Reichen zu entschließen oder die Güter des Klerus zu beschlagnahmen. Und bald befreundete sich das Bürgertum mit diesen Maßnahmen. Denn es hatte dem Staat sein Geld geliehen und wollte es keineswegs verlieren. Aber würden der König, der Hof, die hohe Geistlichkeit jemals diese staatliche Konfiskation ihres Eigentums akzeptieren?

Ein seltsames Gefühl mußte in diesen Monaten August und September 1789 die Geister ergreifen. Nun war also der Wunsch so vieler Jahre der Hoffnung verwirklicht. Nun gab es die Nationalversammlung, die die gesetzgebende Gewalt in Händen hatte. Eine Versammlung, die – sie hatte es schon gezeigt – sich von einem Geist der Demokratie und der Reform erfüllen ließ und die nunmehr zur Lächerlichkeit der Ohnmacht verdammt war. Sie konnte Beschlüsse fassen, um den Bankerott zu vermeiden; aber der König, der Hof, die Prinzen versagen ihre Zustimmung. Als ob es Gespenster wären, die noch die Kraft haben, die Vertretung des französischen Volks zu erdrosseln, ihren Willen zu lähmen, die Unentschiedenheit immer weiter aufrechtzuerhalten.

Noch mehr. Diese Gespenster rüsten sich zu einem großen Schlag. Sie schmieden in der Umgebung des Königs Pläne zu seiner Flucht. Der König soll sich bald nach Rambouillet, nach Orléans begeben; oder er soll sich an die Spitze der Armeen im Westen Versailles' stellen und von da Versailles und Paris bedrohen. Oder aber er soll an die Ostgrenze fliehen und dort die Ankunft der deutschen und österreichischen Armeen abwarten, die die Emigranten ihm in Aussicht stellen. So kreuzen sich im Schloß alle möglichen Einflüsse: der des Herzogs von Orléans, der mit dem Gedanken spielt, sich nach der Abreise Ludwigs des Throns zu bemächtigen, der von ›Monsieur‹ – dem Bruder Ludwigs XVI. –, der entzückt gewesen wäre, wenn sein Bruder und desgleichen Antoinette, der er persönlich zürnte, verschwunden wären.

Seit September überlegte der Hof die Flucht, man erörterte zwar alle möglichen Pläne, wagte sich jedoch für keinen zu entscheiden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Ludwig XVI., und besonders seine Frau, mit dem Gedanken spielten, die Geschichte Karls I. zu wiederholen und dem Parlament, wie er, aber mit mehr Erfolg, eine regelrechte Schlacht zu liefern. Die Geschichte des englischen Königs hatte es ihnen angetan: man behauptet sogar, das einzige Buch, das Ludwig XVI. nach dem 6. Oktober aus seiner Bibliothek in Versailles nach Paris kommen ließ, sei die Geschichte Karls I. gewesen. Diese Geschichte zog sie wie mit einem Zauber an, aber sie lasen sie, wie die Gefangenen im Kerker eine Kriminalgeschichte lesen. Sie zogen keinerlei Lehre daraus, daß es notwendig ist, zur rechten Zeit nachzugeben; sie sagten sich lediglich: ›Hier hätte man Widerstand leisten müssen; da hätte man List anwenden müssen; dort hätte man etwas wagen müssen!‹ Liest nicht heutzutage der russische Zar eben auf diese Weise die Geschichte Ludwigs XVI. und Karls I.? Und sie machten Pläne, die zur Ausführung zu bringen weder sie noch ihre Umgebung kühn genug waren.

Die Revolution andrerseits übte wiederum ihren Zauber auf sie aus: sie sahen das Ungeheuer, das sie verschlingen wollte, und sie wagten sich nicht zu unterwerfen und nicht zu widersetzen. Paris, das sich schon rüstete, gegen Versailles zu marschieren, jagte ihnen Angst ein und lähmte ihre Kräfte. – Und wenn das Militär im entscheidenden Augenblick, wenn der Kampf sich entsponnen hatte, unzuverlässig war? Wenn die Heerführer den König verrieten, wie es so viele andere schon gemacht hatten? Was blieb dann noch anderes, als das Los Karls I. zu teilen?

Und trotzdem hörten sie nicht auf, Verschwörungen zu spinnen. Der König und seine Umgebung und die privilegierten Klassen, alle miteinander konnten sie nicht begreifen, daß die Zeit für Kompromisse vorbei war: daß es jetzt galt, sich der neuen Macht offen zu unterwerfen und sich unter ihren Schutz zu stellen – denn die Versammlung brannte geradezu darauf, dem König ihren Schutz angedeihen zu lassen. Das taten sie aber nicht, sondern sie trieben Verschwörung, und auf diese Weise drängten sie im Grunde sehr gemäßigte Mitglieder der Versammlung in die Gegenverschwörung, in die revolutionäre Aktion hinein. So erklärt es sich, daß Mirabeau und andere, die gerne an der Errichtung einer in bescheidenem Maße konstitutionellen Monarchie mitgearbeitet hätten, sich der Meinung der radikalen Gruppen anschlossen. Und so erklärt es sich, daß Gemäßigte wie Duport die ›Verbindung der Klubs‹ ins Werk setzten, mittelst derer das Volk in Atem gehalten wurde, denn man fühlte, daß man es bald brauchte.

Der Zug nach Versailles war nicht so spontan, wie man ihn hat hinstellen wollen. Auch in der Revolution muß jede Volksbewegung von Männern des Volks vorbereitet werden. Er hat seine Vorläufer in verunglückten Versuchen. So hatte schon am 30. August der Marquis von Saint-Huruge, einer der Volksredner des Palais-Royal, mit 1500 Mann auf Versailles marschieren wollen, um die Ausstoßung der ›dummen, bestochenen und verdächtigen‹ Abgeordneten zu fordern, die das aufschiebende Veto des Königs vertraten. Einstweilen drohte man ihnen, ihre Schlösser niederzubrennen, und benachrichtigte sie, es seien zu diesem Zweck zweitausend Briefe in die Provinz versandt worden. Diese Zusammenrottung war auseinandergesprengt worden, aber man fuhr fort, die Idee zu erörtern.

Am 31. August entsandte das Palais-Royal fünf Abordnungen ins Rathaus, von denen der Republikaner Loustalot eine anführte und die die Stadtverwaltung von Paris veranlassen sollten, auf die Versammlung einen Druck auszuüben und die Annahme des königlichen Vetos zu verhindern. Von den Mitgliedern dieser Abordnungen gingen die einen so weit, Abgeordnete zu bedrohen, andere, sie flehentlich zu bitten. In Versailles flehte die Menge Mirabeau unter Tränen an, das absolute Veto aufzugeben, indem sie die richtige Bemerkung machten, wenn der König dieses Recht hätte, brauchte er keine Nationalversammlung mehr (Buchez und Roux, S. 368 ff.; Bailly, II, 326, 341).

Seitdem mußte der Gedanke sich festsetzen: es wäre gut, den König und die Versammlung bei sich in Paris zu haben. In der Tat sprach man schon in den ersten Septembertagen unter freiem Himmel im Palais-Royal davon, den König und den ›Herrn Dauphin‹ nach Paris zu holen, und zu diesem Zwecke forderte man alle guten Bürger auf, nach Versailles zu ziehen. Der Mercure de France spricht in seiner Nummer vom 5. September auf Seite 84 davon, und Mirabeau sprach vierzehn Tage vor dem Ereignis von Frauen, die nach Versailles marschieren wollten.

Das Festessen der Gardeoffiziere vom 3. Oktober und die Anschläge des Hofes beschleunigten die Ereignisse. Alles deutete auf den Schlag hin, den der Hof führen wollte. Die Reaktion hob wieder den Kopf; der Stadtrat von Paris, der im wesentlichen aus bürgerlichen Elementen zusammengesetzt war, wurde kühner auf den Wegen der Reaktion. Die Royalisten organisierten ihre Kräfte, ohne viel Hehl daraus zu machen. Die Straße von Versailles nach Metz war mit Truppen belegt worden, und man sprach ganz laut davon, den König fortzuschaffen und über die Champagne oder Verdun nach Metz zu bringen. Der Marquis von Bouillé, der die Truppen im Osten befehligte, von Breteuil und von Mercy waren im Einverständnis, und Breteuil hatte die Führung des Unternehmens. Man brachte zu diesem Zweck alles Geld, dessen man habhaft werden konnte, zusammen, und man sprach davon, etwa am 5. Oktober den Staatsstreich vorzunehmen. An diesem Tag sollte der König nach Metz reisen und sich unter den Schutz der Armee des Marquis von Bouillé stellen. Dort sollte er den Adel und die treu gebliebenen Truppen zu sich rufen und die Nationalversammlung als aufrührerisch erklären.

In Voraussicht dieses Unternehmens hatte man im Schloß von Versailles die Zahl der Gardes du corps (junge Leute aus der Aristokratie), die die Schloßwache bildeten, verdoppelt und hatte das Regiment Flandern und Dragoner kommen lassen. Am 1. Oktober gaben die Gardes du corps dem Regiment Flandern ein großes Fest, zu dem die Offiziere der Dragoner und der Schweizer, die in Versailles in Garnison lagen, eingeladen waren.

Während des Mahles taten Marie Antoinette und die Damen des Hofes ebenso wie der König alles, um die royalistische Begeisterung der Offiziere zu erhitzen. Die Damen verteilten mit eigener Hand weiße Kokarden, und die Nationalkokarde wurde auf den Boden geworfen und mit Füßen getreten. Zwei Tage später, am 3. Oktober, fand ein neues Fest derselben Art statt.

Diese Feste beschleunigten die Ereignisse. Das Gerücht davon kam bald nach Paris und war unterwegs angewachsen, und das Volk merkte: wenn es nicht sofort gegen Versailles marschierte, marschierte Versailles gegen Paris.

Der Hof rüstete sich offenbar zu einem großen Schlag. Wenn der König erst einmal weg war und sich irgendwo mitten unter den Truppen geborgen hatte, war es sehr leicht, die Nationalversammlung aufzulösen oder aber sie zu zwingen, zu den drei Ständen, das heißt zu der Situation vor der Königlichen Sitzung vom 23. Juni, zurückzukehren. Gab es doch in der Versammlung eine 300 bis 400 Mitglieder umfassende Partei, deren Führer schon mit Malouet Besprechungen in der Richtung abgehalten hatten, die Nationalversammlung nach Tours, in genügende Entfernung vom revolutionären Volk von Paris, zu verpflanzen! – Aber wenn der Plan des Hofes gelang, mußte alles wieder von vorn angefangen werden. Die Früchte des 14. Juli waren verloren; verloren die Resultate der Bauernerhebung, der Panik vom 4. August.

Dieses Unheil zu verhindern, gab es nur das eine Mittel, das Volk zum Aufstand zu rufen. Und dazu entschlossen sich die Revolutionäre, die in diesem Augenblick auf dem Posten waren; sie erkannten die harte Notwendigkeit, vor der sonst im allgemeinen die bürgerlichen Revolutionäre erblaßten. Das Volk, die düstere und dem Elend preisgegebene Masse des Volks von Paris zum Aufstand zu rufen, das unternahmen die Revolutionäre am 4. Oktober mit leidenschaftlicher Entschlossenheit. Danton, Marat und Loustalot, deren Namen wir bereits erwähnt haben, waren jetzt die Glühendsten bei dieser Arbeit. Man konnte eine Armee nicht mit einer Handvoll Verschwörer bekämpfen; man konnte die Reaktion nicht mit einer kleinen Schar Männer besiegen, mochten sie noch so entschlossen sein. Dem Heer mußte man ein Heer gegenüberstellen; und da kein Heer da war, mußte es das Volk sein, das ganze Volk, die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder der großen Stadt. Sie allein konnten über das Heer siegen, indem sie es mutlos machten und seine wilde Kraft lähmten.

Am 5. Oktober brach der Aufstand in Paris aus. Es ertönten die Rufe: Brot! Brot! Der Klang einer Trommel, die von einem jungen Mädchen geschlagen wurde, war für die Frauen das Signal zum Sammeln. Bald bildet sich ein Trupp Frauen, zieht gegen das Rathaus, erbricht die Tore des Gemeindehauses, verlangt Brot und Waffen, und da man schon seit mehreren Tagen davon gesprochen hat, ist der Ruf: Nach Versailles! bald in aller Mund. Maillard, der wegen des Anteils, den er an der Belagerung der Bastille gehabt hat, in Paris bekannt ist, wird als Führer der Kolonne anerkannt, und die Frauen brechen auf.

Tausend Ideen kreuzten sich ohne Frage in ihrem Kopfe, aber das Brot mußte die vorherrschende Idee sein. In Versailles war es, wo man Anschläge gegen den Wohlstand des Volkes schmiedete, wo man den ›Hungerpakt‹, das Getreidemonopol machen, wo man die Abschaffung der Feudalrechte verhindern wollte – und die Frauen zogen nach Versailles. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß sich das Volk den König, wie das russische Volk den Zar, als einen gutmütigen Menschen vorstellte, der das Beste seines Volkes wollte. Das monarchische Gefühl hatte sehr tiefe Wurzeln geschlagen. Aber schon 1789 haßte man die Königin. Über sie wurden schreckliche Reden geführt. ›Wo ist dieses verfluchte Frauenzimmer? – Da ist die dr . . . H . . . – Man muß das Weibsstück nehmen und ihr den Hals abschneiden‹, sagten sich die Frauen, und man ist verdutzt über den Eifer, über das Vergnügen, sollte ich sagen, womit die Untersuchung des Châtelet diese Redensarten verzeichnete. Auch hier hatte das Volk gute Gründe für seine Stimmung. Als der König, nachdem er von dem Fiasko der Königlichen Sitzung vom 23. Juni gehört hatte, gesagt hatte: »Nun, zum Donner, dann sollen sie bleiben!«, war Marie-Antoinette aufs äußerste empört. Sie empfing den König des ›Bürgerpöbels‹, als er mit der dreifarbigen Kokarde am 17. Juli von seinem Besuch in Paris zurückkehrte, mit äußerster Verachtung, und seitdem war sie der Mittelpunkt aller Verschwörungen geworden. Die Korrespondenz, die sie später mit Fersen führte, um die Ausländer bis vor die Tore von Paris zu führen, hatte damals ihren Ursprung. Denn gerade in dieser Nacht des 5. Oktober, als die Frauen in das Palais gedrungen waren, – in dieser selben Nacht, sagt die sehr reaktionäre Madame Campan, empfing die Königin Fersen in ihrem Schlafzimmer.

Das Volk wußte das alles, zum Teil sogar von den Bedienten des Schlosses, und die Menge, der Kollektivgeist des Volkes von Paris begriff, was die Individuen nur so langsam begreifen wollten: daß Marie-Antoinette in ihrem Haß weit ginge; daß man, um diese Komplotte zu verhindern, den König und seine Familie und auch die Nationalversammlung in Paris unter den Augen des Volks haben mußte.

Im ersten Augenblick, nachdem die Frauen in Versailles angelangt waren – sie brachen vor Ermüdung und Hunger zusammen und trieften von dem strömenden Regen –, beschränkten sie sich darauf, Brot zu verlangen. Als sie in die Nationalversammlung gekommen waren, sanken sie vor Schwäche auf die Bänke der Abgeordneten; aber schon bloß durch ihre Anwesenheit errangen diese Frauen ihren ersten Sieg. Die Versammlung benutzte ihre Anwesenheit, um vom König die Sanktion der Erklärung der Menschenrechte zu erlangen.

Nach den Frauen hatten sich auch Männer auf den Marsch gemacht, und jetzt, um sieben Uhr abends, brach Lafayette an der Spitze der Nationalgarde auf, um ein Unglück im Schloß zu verhüten.

Der Hof geriet in große Besorgnis. Marschierte denn ganz Paris gegen das Schloß? Der Hof beriet sich, aber man kam zu keiner Entscheidung. Inzwischen ließ man schon die Wagen herausfahren, damit der König und seine Familie abreisen konnten – aber eine Abteilung der Nationalgarde sah sie stehen und ließ sie in den Marstall zurückbringen.

Die Ankunft der bürgerlichen Nationalgarde, die Bemühungen Lafayettes und hauptsächlich vielleicht der strömende Regen zerstreute allmählich die Menge, die die Straßen von Versailles, die Nationalversammlung und die Zugänge zum Palais füllte. Aber gegen fünf oder sechs Uhr morgens fanden Männer und Frauen aus dem Volk, ohne nach jemand zu fragen, schließlich ein offenes Gitter, durch das sie ins Palais kommen konnten. Binnen wenigen Minuten hatten sie das Schlafzimmer der Königin entdeckt, die kaum noch Zeit hatte, zum König zu flüchten; sonst wäre sie niedergemacht worden. Die Gardes du corps liefen dieselbe Gefahr, als Lafayette zu Pferd herbeieilte und sie gerade noch retten konnte.

Daß das Volk bis ins Palais eingedrungen war, war einer der Schläge, von denen sich das sterbende Königtum nicht mehr erholte. Wenn auch Lafayette die Menge zu Hochrufen auf den König brachte, als er auf den Balkon trat, und es sogar durchsetzte, daß die Königin ebenfalls so begrüßt wurde, als er sie veranlaßt hatte, mit ihrem Sohn sich auf dem Balkon zu zeigen, und respektvoll die Hand der Königin küßte, die das Volk bald ›die Medici‹ nannte, – all das war doch nur ein kleiner Theatereffekt. Das Volk hatte seine Macht kennengelernt – und es nutzte seinen Sieg sofort aus, um den König zu zwingen, sich auf den Weg nach Paris zu begeben. Wenn auch das Bürgertum bei dieser Rückkehr alle möglichen Szenen aufführte – das Volk verstand doch, daß der König von jetzt an sein Gefangener war, und Ludwig XVI. gab sich, als er die Tuilerien betrat, die seit der Regierung Ludwigs XIV. verlassen gewesen waren, keinen Illusionen hin. »Jeder quartiere sich, wie er will!« war seine Antwort – und aus seiner Bibliothek ließ er sich – die Geschichte Karls I. bringen.

Das große Königtum von Versailles war an seinem Ende angelangt. Künftig gab es wohl Bürgerkönige oder Kaiser, die durch List auf den Thron gelangten . . . Das Reich der Könige von Gottes Gnaden war nahe am Ende.

Noch einmal hatte das Volk wie am 14. Juli durch seine Masse und sein tapferes Handeln dem alten Regime einen Keulenschlag versetzt. Die Revolution machte einen Sprung vorwärts.

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