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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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14. Volksaufstände

Paris hatte, als es die Anschläge des Hofes vereitelte, der Autorität des Königs einen tödlichen Schlag versetzt. Andererseits gab das Auftreten des Volks in Lumpen auf den Straßen als Streitmacht der Revolution der ganzen Bewegung einen neuen Charakter, eine neue Richtung nach der Gleichheit. Die Reichen, die Mächtigen begriffen den Sinn dessen, was sich in Paris in diesen Tagen vollzogen hatte, völlig, und die Auswanderung, zuerst der Prinzen, dann der Günstlinge, der Wucherer, machte den Sieg noch nachdrücklicher.

Wenn sich indessen die Erhebung auf die Hauptstadt beschränkt hätte, hätte die Revolution nie so weit kommen können, daß sie bald die Zertrümmerung der alten Privilegien herbeiführte. Der Aufstand im Zentrum war nötig gewesen, um die Zentralregierung zu treffen, sie zu erschüttern, ihre Verteidiger zu entmutigen. Aber um die Macht der Regierung in den Provinzen zu zerstören, um das alte Regime in seinen gouvernementalen Anmaßungen und seinen wirtschaftlichen Privilegien zu treffen, bedurfte es der breiten Erhebung des Volkes – in den Städten, den Marktflecken und den Dörfern. Und eben das geschah im Laufe des Juli in weiten Gebieten Frankreichs.

Die Historiker, die sich alle, wissentlich oder nicht, den ›Deux Amis de la Liberté‹ sehr eng angeschlossen haben, haben diese Bewegung in den Städten und auf dem Lande durchweg als eine Folge der Eroberung der Bastille hingestellt. Die Nachricht von diesem Erfolge hätte das Land zur Erhebung gebracht. Die Schlösser wurden niedergebrannt, und diese Erhebung der Bauern rief so viel Schrecken hervor, daß die Adligen und die Geistlichkeit am 4. August auf ihre Feudalrechte verzichteten.

Indessen ist diese Fassung nur halb wahr. Für die Städte ist es zutreffend, daß eine große Zahl städtischer Erhebungen unter dem Einfluß der Eroberung der Bastille stattfanden. Die einen, wie die Erhebung in Troyes vom 18. Juli, von Straßburg am 19., Cherbourg am 21., Rouen am 24., Maubeuge am 27., folgten der Erhebung von Paris sofort, während andere in den nächsten drei oder vier Monaten nachkamen, – bis die Nationalversammlung das Gesetz über die Städteverwaltung vom 14. Dezember 1789 beschloß, das die Einrichtung einer bürgerlichen Stadtverwaltung legalisierte, die sich einer sehr großen Unabhängigkeit von der Zentralregierung erfreute.

Was jedoch die Bauern angeht, ist es einleuchtend, daß bei der Langsamkeit des Verkehrswesens die zwanzig Tage, die zwischen dem 14. Juli und dem 4. August verstrichen, völlig ungenügend sind, um die Wirkung der Eroberung der Bastille auf das Land und die Gegenwirkung des Bauernaufstandes auf die Entscheidungen der Nationalversammlung zu erklären. Die Dinge in solcher Weise betrachten, heißt in der Tat, die große Tragweite der Bewegung auf dem Lande verkleinern.

Die Erhebung der Bauern zur Abschaffung der Feudallasten und zur Wiedererlangung der Gemeindeländer, die den Dorfgemeinden seit dem siebzehnten Jahrhundert von den weltlichen und geistlichen Herren weggenommen worden waren, ist der Kern und das Wesen der großen Revolution. Auf sie ist der Kampf des Bürgertums um seine politischen Rechte gepfropft. Ohne das hätte die Revolution nie die Tiefe erreicht, die sie in Frankreich erlangte. Diese große Erhebung auf dem Lande, die schon im Januar 1789 (ja sogar schon 1788) anfing und vier Jahre dauerte, machte es der Revolution möglich, die ungeheure Arbeit zu vollbringen, die wir ihr verdanken. Sie hat die Revolution instand gesetzt, die ersten Richtpfähle eines Zustandes der Gleichheit in den Boden zu pflanzen, in Frankreich den republikanischen Geist zur Entfaltung zu bringen, den seitdem nichts ersticken konnte, und die großen Prinzipien des Agrarkommunismus zu verkünden, die, wie wir sehen werden, im Jahre 1793 emporkommen. Diese Erhebung endlich gibt der französischen Revolution ihren besonderen Charakter und bezeichnet ihren tiefen Unterschied von der englischen Revolution in den Jahren 1648–1657.

Auch da schlug das Bürgertum im Lauf dieser neun Jahre die absolute Gewalt des Königtums und die politischen Privilegien der Kamarilla zu Boden. Aber daneben sind die Kämpfe um das Recht jedes Individuums, sich zu der Religion zu bekennen, die ihm beliebt, die Bibel nach seiner persönlichen Auffassung auszulegen, seine Geistlichen selbst zu wählen – kurz, das Recht des Individuums zu der Entfaltung des Geistes und der Religion, die ihm zusagt, für die englische Revolution charakteristisch. Es handelt sich noch um das Recht jedes Sprengels und infolgedessen der städtischen Einwohnerschaft zur Autonomie. Aber die englischen Bauern erhoben sich nicht so allgemein, wie es in Frankreich geschah, zur Abschaffung der Feudallasten oder der Zehnten oder zur Wiedererlangung des Gemeindelandes; und wenn die Scharen Cromwells eine Zahl Schlösser zerstörten, die wahre Festungen des Feudalismus vorstellten, so wagten sich diese Kriegsbanden weder an die feudalen Anmaßungen der Herren auf Grund und Boden, noch auch nur an die feudale Gerichtsbarkeit, die die Grundherren über ihre Vasallen ausübten. Daher kam es, daß die englische Revolution zwar dem Individuum wertvolle Rechte eroberte, aber die feudale Gewalt des Grundherrn nicht zerstörte: sie hat sie nur gemildert, ließ ihm aber seine Rechte über die Ländereien – die noch in unsern Tagen bestehen.

Die englische Revolution eroberte ohne Frage dem Bürgertum die politische Macht; aber diese Macht wurde nur dadurch erlangt, daß das Bürgertum sie mit dem Grundadel teilte. Und wenn die Revolution dem englischen Bürgertum für seinen Handel und seine Industrie eine Ära der Prosperität schaffte, so wurde diese Prosperität unter der Bedingung erlangt, daß das Bürgertum, das den Gewinn davon hatte, sich nicht an die Grundprivilegien des Adels machte. Im Gegenteil half es den Adligen, sie wenigstens dem Wert nach noch zu steigern. Es half den Grundherrn, sich auf gesetzlichem Wege mit Hilfe der Einhegung (Enclosure Acts) der Gemeindeländereien zu bemächtigen, was die ländliche Bevölkerung dem Elend preisgab, sie der Willkür der Grundherrn überlieferte und einen großen Teil von ihnen zwang, in die Städte auszuwandern, wo die Proletarier von den Industriebourgeois regelrecht ausgebeutet wurden. Das englische Bürgertum half ferner dem Adel aus seinen ungeheuren Ländereien nicht nur eine Quelle oft fabelhaften Einkommens, sondern eine Quelle politischer Macht und lokaler Gerichtsbarkeit zu machen, indem unter neuen Formen das Recht der Gerichtsbarkeit der Grundherrn wiederhergestellt wurde. Es half ihm endlich, seine Einkünfte zu verzehnfachen, indem es dem Adel (vermittelst einer prohibitiven Gesetzgebung über den Verkauf von Grundstücken) das Monopol auf den Grund und Boden einräumte, den eine Bevölkerung, deren Industrie und Handel immer mehr anwuchsen, immer dringender brauchte.Ausgehend von der völlig falschen Vorstellung, daß der Grundherr den gesamten Boden seiner Seigneurie in Besitz hatte, während er doch nur Richter und Vorgesetzter der Gendarmerie war (im Falle ihrer Anforderung durch den König), verabschiedete das Parlament ein Gesetz, durch das der Grundherr zum Eigentümer aller brachliegenden Gemeindeländereien werden konnte (Weiden, Ödland, Wiesen und Wälder) und das Recht zu ihrer Einhegung erhielt. Auf diese Weise gingen und gehen noch immer Hunderttausende von Hektar Boden von den Bauern an den Adel über.

Man weiß heute, daß das französische Bürgertum, hauptsächlich das Großbürgertum der Industrie und des Handels, in seiner Revolution das englische Bürgertum nachahmen wollte. Auch das französische Bürgertum hätte gerne mit dem Königtum und dem Adel paktiert, um zur Macht zu gelangen. Aber es gelang ihm nicht, weil die Basis der französischen Revolution viel breiter war als in England. In Frankreich war die Bewegung nicht allein eine Erhebung, um die religiöse Freiheit oder auch die Freiheit des Handels und der Industrie für das Individuum zu erobern oder nur die Selbständigkeit der Stadtverwaltung in den Händen einiger Bourgeois zu gründen. Es war vor allem eine Erhebung der Bauern: eine Volksbewegung zur Eroberung des Bodens und zu seiner Befreiung von den Feudallasten, die ihn beschwerten; und obwohl darin ein mächtiges individualistisches Element war – der Wunsch, den Boden individuell zu besitzen –, gab es doch auch das kommunistische Element: das Recht des ganzen Volkes an die Erde, das 1793 von den Armen laut verkündet wird.

Darum würde man die Tragweite der Bauernerhebung vom Sommer 1789 sonderbar verkleinern, wenn man sie als eine Episode von kurzer Dauer hinstellen wollte, die von der Begeisterung über die Eroberung der Bastille hervorgerufen worden sei.

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