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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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10. Vorbereitungen zum Staatsstreich

Die geläufige Version über den 14. Juli ist ungefähr folgendermaßen zusammenzufassen: Die Nationalversammlung tagte. Ende Juni, nach zwei Monaten der Verhandlungen und des Zögerns, waren die drei Stände endlich vereinigt. Die Macht entglitt den Händen des Hofes. Da nun unternahm es der Hof, einen Staatsstreich vorzubereiten. Das Militär wurde zusammengerufen und um Versailles versammelt; es sollte die Versammlung auseinandertreiben und Paris zur Vernunft bringen.

Am 11. Juli – so fährt die geläufige Version fort – entschließt sich der Hof zum Handeln: Necker wurde aus dem Ministerium entlassen und verbannt. Paris erfährt es am 12., und Bürger bilden einen Zug, der durch die Straßen zieht und eine Statue des gestürzten Ministers herumträgt. Im Palais-Royal ruft Camille Desmoulins zu den Waffen. Die Faubourgs erheben sich und machen in 36 Stunden 50 000 Spieße zurecht; am 14. marschiert das Volk gegen die Bastille, die bald ihre Brücken herunterläßt und sich ergibt . . . Die Revolution hat ihren ersten Sieg errungen.

Das ist die übliche Auffassung, die man bei den Feiern der Republik immer wiederholt. Indessen ist sie nur zur Hälfte richtig. Sie ist zwar richtig in der trockenen Aneinanderreihung der Haupttatsachen, aber sie sagt nicht, was über die Rolle des Volkes in der Erhebung gesagt werden muß, und sie schweigt über das wahre Verhältnis zwischen den zwei Elementen der Bewegung: dem Volk und dem Bürgertum. Denn in der Erhebung von Paris um den 14. Juli herum gab es, wie in der ganzen Revolution, zwei getrennte Strömungen von verschiedenem Ursprung: die politische Bewegung des Bürgertums und die Volksbewegung. Die beiden reichten sich in bestimmten Augenblicken an den großen Tagen der Revolution zu vorübergehendem Bündnis die Hand und errangen die großen Siege über das Ancien régime. Aber das Bürgertum war immer mißtrauisch gegen seinen vorübergehenden Bundesgenossen – das Volk. So war es auch im Juli 1789. Das Bündnis wurde vom Bürgertum widerwillig geschlossen, und es beeilte sich auch, gleich am Tage nach dem 14. und sogar schon während der Bewegung, sich zu organisieren, um das rebellische Volk im Zaume zu halten.

Seit dem Fall Réveillon hatte das Volk, das ausgehungert war und dem es sichtlich mehr und mehr an Brot fehlte, das die Enttäuschungen durch leere Versprechungen satt war, sich zu erheben gesucht. Aber es fühlte sich nicht unterstützt, nicht einmal von denen aus dem Bürgertum, die im Vordertreffen des Kampfes gegen die königliche Autorität standen, und knirschte vergeblich im Zügel. Aber jetzt entschließt sich die Hofpartei, die sich um die Königin und die Prinzen schart, einen großen Schlag zu tun, um der Nationalversammlung und der Gärung des Volks in Paris ein Ende zu machen. Militär wird in Massen versammelt und die Anhänglichkeit der Soldaten an den König und die Königin mit allen Mitteln zu erhalten gesucht; sie bereiten offen einen Staatsstreich gegen die Nationalversammlung und gegen Paris vor. Da läßt die Nationalversammlung die unter ihren Mitgliedern und ihren Freunden in Paris tätig sein, die den ›Appell ans Volk‹, das heißt an die Volkserhebung, wollen. Und da das Volk der Faubourgs nichts sehnlicher wünscht, entspricht es dem Appell. Es wartet die Entlassung Neckers nicht ab, sondern es beginnt schon am 8. Juli, ja sogar schon am 27. Juni, sich zu erheben. Jetzt zieht das Bürgertum seinen Nutzen daraus, treibt das Volk in den offenen Aufstand und läßt es sich bewaffnen; zur selben Zeit bewaffnet es sich selbst, um die Volksströmung zu meistern und sie zu hindern, ›zu weit‹ zu gehen. Der Aufstand schwillt immer stärker an, die Woge des Volks bemächtigt sich – gegen den Willen der Bürger – der Bastille, des Sinnbilds und Bollwerks der Königsgewalt; daraufhin beeilt sich das Bürgertum, das mittlerweile seine Miliz organisiert hat, die ›Sensenmänner‹ wieder zur Ruhe zu bringen.

Das ist die Doppelbewegung, von der jetzt zu berichten ist.

Wir haben gesehen, die Absicht der königlichen Sitzung vom 23. Juni war, den Generalstaaten klarzumachen, daß sie nicht die Macht wären, die sie sein wollten; daß es bei der absoluten Gewalt des Königs sein Bewenden hätte; daß die Generalstaaten daran nichts zu ändern hätten und daß die beiden privilegierten Stände, der Adel und die Geistlichkeit, selbst bestimmen sollten, welche Konzessionen sie für eine gerechtere Verteilung der Steuern für nützlich hielten. Die Wohltaten, die dem Volk bewilligt werden sollten, sollten alsdann vom König in Person ausgehen, und diese Wohltaten sollten sein: die Abschaffung der Fronden (die schon zu großem Teil vollzogen war), der toten Hand und der Freilehensgebühren, die Einschränkung des Jagdrechts, die Einführung einer regelrechten Aushebung an Stelle der Auslosung zur Miliz; die Unterdrückung des Wortes ›taille‹ (so hieß die Steuer, von der der Adel und die Geistlichkeit befreit waren) und die Organisation der Provinzialbehörden. All dies obendrein in Form leerer Versprechungen oder eigentlich bloßer Titel von Reformen; denn der ganze Inhalt dieser Reformen, aller Gehalt dieser Änderungen sollte erst noch gefunden werden; und wie konnte man ihn finden, ohne an die Privilegien der beiden oberen Stände die Axt zu legen? Aber der wichtigste Punkt der Rede des Königs – weil nämlich bald die ganze Revolution sich um diesen Punkt drehte – war die Erklärung des Königs in betreff der Unverletzlichkeit der Feudalrechte. Er erklärte die Zehnten, die Grundzinsen, die Renten und die grundherrlichen und feudalen Rechte für unbedingt und auf immer unverletzliches Eigentum! Mit diesem Versprechen wollte der König offenbar den Adel gegen den dritten Stand auf seine Seite bringen. Aber ein Versprechen von dieser Tragweite geben, hieß die Revolution von vornherein derart einschränken, daß sie ohnmächtig wurde, auch nur das geringste in den Finanzen des Staates und in der ganzen inneren Organisation Frankreichs zu reformieren. Es hieß das alte Frankreich, das Ancien régime in Bausch und Bogen beibehalten. Und man wird später sehen, daß im ganzen Verlauf der Revolution das Königtum und die Aufrechterhaltung der Feudalrechte – die alte politische und die alte wirtschaftliche Form für den Geist der Nation miteinander unlöslich verbunden sind.

Man muß sagen, daß das Manöver des Hofes bis zu einem gewissen Grad gelang. Nach der königlichen Sitzung brachte der Adel dem König, und insbesondere der Königin, im Schloß eine Huldigung dar, und es waren am nächsten Tag nur 47 Adlige, die sich mit den zwei andern Ständen verbanden. Erst einige Tage später, als sich das Gerücht verbreitete, hunderttausend Pariser seien in Anmarsch gegen Versailles – infolge der allgemeinen Befürchtung also, die nach Eintreffen dieser Nachricht im Schloß herrschte, und auf einen Befehl des Königs, der von der Königin unter Tränen bestätigt wurde (denn der Adel verließ sich nicht mehr auf den König), verband sich auch der Hauptteil der Adligen mit dem Klerus und den Herren vom dritten Stand. Und auch jetzt noch verhehlten sie kaum ihre Hoffnung, diese Rebellen binnen kurzem gewaltsam auseinandergetrieben zu sehen.

Indessen werden diese ganzen Manöver des Hofes, all diese Verschwörungen und selbst die Reden, die von dem oder jenem Prinzen oder Adligen geführt wurden, bei den Revolutionären bald bekannt; alles wurde durch tausend geheime Kanäle, die man nicht versäumt hatte herzustellen, nach Paris berichtet, und die Gerüchte, die aus Versailles kamen, dienten dazu, die Erregung in der Hauptstadt zu schüren. Es kommen Momente, wo die Mächtigen sich nicht einmal auf ihre Lakaien verlassen können, und dahin war es in Versailles gekommen. So gründeten, während der Adel sich an dem kleinen Erfolg labte, der in der königlichen Sitzung erlangt worden war, einige Revolutionäre des Bürgertums in Versailles selbst einen Klub, den Klub Breton, der bald zu einem großen Sammelpunkt und später zum Jakobinerklub wurde – und in diesen Klub kamen sogar die Bedienten des Königs und der Königin und berichteten, was insgeheim hinter verschlossenen Türen am Hofe gesprochen wurde. Einige Abgeordnete aus der Bretagne, unter andern Le Chapelier, Glezen, Lanjuinais waren die Gründer dieses Klubs Breton; und Mirabeau, der Herzog von Aiguillon, Sieyès, Barnave, Pétion, der Abbé Grégoire und Robespierre nahmen an ihnen teil.

Seit die Generalstaaten in Versailles zusammengetreten waren, herrschte in Paris die größte Bewegung. Das Palais-Royal mit seinem Garten und seinen Cafés war zu einem Klub unter freiem Himmel geworden, wo zehntausend Menschen aller Bevölkerungsschichten zusammenkamen, um sich die Neuigkeiten mitzuteilen, über die Flugschriften des Tages zu diskutieren, in der Masse neue Kraft für die bevorstehende Aktion zu finden, sich kennenzulernen, sich zu verständigen. Alle Gerüchte, alle Neuigkeiten, die in Versailles im Klub Breton sich einfanden, wurden sofort diesem wogenden Klub des Volks von Paris übermittelt. Von da fanden sie ihren Weg in die Arbeiterviertel, und wenn manchmal die Legende als Schrittmacher der Wirklichkeit dazukam, so war sie, wie es bei den Legenden des Volkes oft vorkommt, noch wahrer als die Wahrheit selbst; denn sie war nur eine Einkleidung, ließ unter der Form der Legende die geheimen Motive der Handlungen hervortreten und beurteilte in ihrer Intuition die Menschen und die Dinge oft richtiger als die gescheiten Leute. Wer urteilte denn besser über Marie Antoinette, die Polignac, den arglistigen König und die Prinzen als die unbekannten Massen der Arbeiterviertel? Wer erriet sie besser als das Volk?

Von dem Tag nach der königlichen Sitzung an atmete die Großstadt schon den Geist der Empörung. Das Rathaus sandte der Nationalversammlung seine Glückwünsche, und das Palais-Royal übermittelte ihr eine Adresse, die in einer kriegerischen Sprache abgefaßt war. Für das ausgehungerte, bis jetzt mißachtete Volk bedeutete der Sieg der Nationalversammlung einen Hoffnungsschimmer, und der Aufstand war in seinen Augen das einzige Mittel, sich das Brot, das ihm fehlte, zu schaffen. Zu der Zeit, wo die Teuerung immer schlimmer wurde und wo es selbst an dem schlechten, dem gelben und brandigen Mehl, das man für die Armen aufbewahrte, fortwährend fehlte, wußte das Volk wohl, daß es in Paris und in seiner Umgebung genug Brot gab, um alle zu ernähren – und die Armen sagten sich, daß die Wucherer ohne einen Aufstand niemals aufhören würden, das Volk Hunger leiden zu lassen.

Je mehr indessen die Aufregung des Volkes in den düstern Winkeln zunahm, um so mehr hatten das Bürgertum von Paris und die Volksvertreter in Versailles Angst vor dem Aufstand. Lieber den König und den Hof als die Empörung des Volks! Noch am Tage der Vereinigung der drei Stände, am 27. Juni, nach dem ersten Siege des dritten Standes, trennte sich Mirabeau, der sich bis dahin aufs Volk berufen hatte, scharf von ihm und sprach in der Absicht, die Abgeordneten von ihm zu trennen. Er warnte sie und riet, sich von ›aufrührerischen Bundesgenossen‹ zu trennen. Man sieht, hier bildet sich schon in der Nationalversammlung das künftige Programm der Gironde aus. Mirabeau will, die Versammlung solle ›zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur öffentlichen Ruhe, zur Autorität der Gesetze und ihrer Minister‹ beitragen. Er geht sogar noch weiter. Er will, daß sie sich um den König schart, denn dieser will das Rechte; wenn es vorkäme, daß er das Üble täte, geschähe es, weil er getäuscht und schlecht beraten würde!

Die Versammlung stimmt dieser Rede mit Beifall zu. ›Die Wahrheit ist‹, sagt Louis Blanc sehr gut, ›daß das Bürgertum weit entfernt war, den Thron umzustürzen, sondern schon sich dahinter zu schützen suchte. Vom Adel verleugnet, fand Ludwig XVI. im Schoße der Kommunen, die einen Augenblick so halsstarrig gewesen waren, seine treuesten und beflissensten Diener. Er hörte auf, der König der Edelleute zu sein, er wurde der König der Besitzenden.‹

Dieser ursprüngliche Fehler der Revolution lastet – wir werden es noch sehen – die ganze Zeit hindurch auf ihr, bis zur Reaktion.

Aber das Elend wuchs in der Hauptstadt noch von Tag zu Tag. Necker hatte wohl Maßregeln ergriffen, um den Gefahren einer Teuerung zu begegnen. Er hatte am 7. September 1788 die Getreideausfuhr verboten und unterstützte die Einfuhr durch Prämien; siebzig Millionen wurden verausgabt, um im Ausland Getreide zu kaufen. Er machte ferner überall den Beschluß des Kronrats vom 23. April 1789 bekannt, der den Richtern und den Polizeioffizieren erlaubte, die Kornspeicher der Privatpersonen zu untersuchen, ihre Vorräte aufzunehmen und sie im Fall, daß es notwendig sei, auf den Markt zu schicken. Aber die Ausführung dieser Maßnahmen war den alten Behörden anvertraut – und damit ist alles gesagt! Jetzt gab die Regierung denen Prämien, die Getreide nach Paris brachten; aber das importierte Getreide wurde unter der Hand wieder ausgeführt, um wieder eingeführt zu werden und die Prämie ein zweites Mal zu erlangen. In den Provinzen kauften die Aufkäufer das Korn zum Zweck dieser Spekulationen; man kaufte sogar die künftige Ernte auf dem Halme.

Jetzt zeigte sich der wahre Charakter der Nationalversammlung. Sie war ohne Frage bei dem Schwur im Ballhaus bewunderungswürdig gewesen, aber sie blieb gegen das Volk vor allem bürgerlich. Am 4. Juli debattierte die Versammlung auf Grund des Berichts des Ausschusses für Volksernährung über die Maßregeln, die zu ergreifen seien, um dem Volk Brot und Arbeit zu garantieren. Man sprach viele Stunden lang, machte einen Vorschlag nach dem andern. Pétion schlug eine Anleihe vor, andere schlugen vor, den Provinzialtagen die Vollmacht zu geben, die nötigen Maßnahmen zu treffen – aber man faßte keinen Beschluß, man tat nichts: man begnügte sich damit, das Volk zu bedauern. Und als einer der Abgeordneten die Frage der Kornwucherer anschnitt und einige von ihnen mit Namen nannte, hatte er die ganze Versammlung gegen sich. Zwei Tage später, am 6. Juli, kündigte Bouche an, man kenne die Schuldigen und eine formelle Anzeige werde am Tag darauf erstattet. ›Ein allgemeiner Schrecken bemächtigte sich der Versammlung‹, sagt Gorsas im ›Courrier de Versailles et de Paris‹, den er eben gegründet hatte . . . Aber der nächste Tag kam und kein Wort mehr war von dem Gegenstand zu hören. Die Sache war zwischen zwei Sitzungen unterdrückt worden. – Warum? Aus Furcht – die Ereignisse werden es beweisen – vor kompromittierenden Enthüllungen.

Jedenfalls fürchtete die Versammlung den Volksaufstand dermaßen, daß sie, als es am 30. Juni bei Gelegenheit der Verhaftung von elf Gardisten, die sich geweigert hatten, ihre Gewehre scharf zu laden, in Paris einen Aufruhr gab, eine Adresse an den König beschloß, die in den denkbar servilsten Ausdrücken abgefaßt war, und ihre ›große Anhänglichkeit an die Autorität des Königs‹ beteuerte.

Wenn der König eingewilligt hätte, dem Bürgertum den geringsten Anteil an der Regierung zu geben, hätte es sich mit ihm verbündet und ihm mit seiner ganzen Organisationskraft geholfen, das Volk im Zaume zu halten. Aber – und das mag späteren Zeiten zur Lehre dienen – es gibt im Leben der Individuen, der Parteien und auch der Institutionen eine Logik, die der Wille keines Menschen umstoßen kann. Der Despotismus des Königs konnte nicht mit dem Bürgertum paktieren, das seinen Anteil an der Staatsgewalt verlangte. Logischer-, notwendigerweise mußte er es bekämpfen, und nachdem der Kampf einmal ausgebrochen war, mußte er unterliegen und seinen Platz der Repräsentativregierung abtreten – da diese Form dem Bürgertum am meisten zusagt. Er konnte auch, ohne seinen natürlichen Verbündeten, den Adel, zu verraten, nicht mit der Demokratie des Volkes paktieren, und er tat, was in seinen Kräften stand, um die Adligen und ihre Privilegien zu schützen – auf die Gefahr hin, sich später von diesen nämlichen Privilegierten von Geburt verraten zu sehen.

Inzwischen kamen von allen Seiten die Nachrichten über die Verschwörungen des Hofes zu den Anhängern des Herzogs von Orléans, die sich in Montrouge versammelten, und ebenso zu Revolutionären, die sich im Klub Breton trafen. Die Truppen wurden in Versailles und auf dem Wege von Versailles nach Paris zusammengezogen. In Paris selbst besetzten sie die wichtigsten Punkte in der Richtung nach Versailles. Man sprach von 35 000 Mann, die auf diesem Raume versammelt waren, zu denen in einigen Tagen noch 20 000 stoßen sollten. Die Königin und die Prinzen verabredeten untereinander, die Nationalversammlung sollte aufgelöst werden, Paris sollte im Falle des Aufstandes zu Boden geschlagen werden, nicht nur die Rädelsführer und der Herzog von Orléans sollten verhaftet und getötet werden, sondern auch die unter den Abgeordneten, die, wie Mirabeau, Mounier, Lally-Tollendal, Ludwig XVI. zu einem konstitutionellen König machen wollten. Zwölf Abgeordnete, sagte später Lafayette, sollten geopfert werden. Der Baron von Breteuil und der Marschall von Broglie waren dazu ausersehen, diesen Plan zur Ausführung zu bringen – beide waren voller Eifer, zur Tat zu schreiten. ›Wenn Paris niedergebrannt werden muß‹, sagte der erste, ›wird man es niederbrennen.‹ Und der Marschall von Broglie hatte an den Prinzen von Condé geschrieben, eine Artilleriesalve hätte in Bälde ›diese Raisonneure auseinandergetrieben und die absolute Gewalt, die am Verlöschen ist, an die Stelle des republikanischen Geistes gesetzt, der sich bilden will‹.

Und man glaube nicht, wie einige reaktionäre Historiker behauptet haben, das seien nur Märchen. Der Brief der Herzogin von Polignac an den Stadtkommandanten Flesselles vom 12. Juli, den man später gefunden hat und in dem alle in Betracht kommenden Personen mit verabredeten Namen bezeichnet waren, beweist das Komplott zur Genüge, das der Hof für den 16. Juli angezettelt hatte. Wenn daran noch im geringsten zu zweifeln erlaubt wäre, würden die Worte zum Beweis genügen, die am 10. Juli in Caen die Herzogin von Beuvron in Anwesenheit von mehr als sechzig triumphierenden Adligen an Dumouriez richtete.

›Nun, Dumouriez‹, sagte die Herzogin, ›Sie wissen die große Neuigkeit nicht? Ihr Freund Necker ist fortgejagt; der König steigt wieder auf den Thron, die Nationalversammlung ist aufgelöst; Ihre Freunde, die siebenundvierzig, sind vielleicht zu dieser Stunde in der Bastille, und mit ihnen Mirabeau, Target und etliche Hundert dieser Unverschämten vom dritten Stand; und sicherlich ist der Marschall von Broglie mit 30 000 Mann in Paris.‹ (Memoiren von Dumouriez, zweiter Teil, S. 35.) Die Herzogin hatte sich geirrt: Necker wurde erst am 11. entlassen, und Broglie hütete sich, nach Paris zu gehen.

Aber was tat in dem Zeitpunkt die Nationalversammlung? Sie tat, was alle Parlamente immer getan haben und immer tun werden. Sie faßte keinen Beschluß.

Gerade an dem Tage, wo das Volk von Paris begann, sich zu erheben, also am 8. Juli, beauftragte die Versammlung Mirabeau, ihren Tribunen, mit der Abfassung einer demütigen Bittschrift an den König; und indem die Versammlung bat, Ludwig XVI. möchte die Soldaten zurückrufen, füllte sie ihre Bittschrift mit Schmeicheleien. Sie sprach ihm von einem Volke, das seinen König zärtlich liebte, das dem Himmel für das Geschenk dankte, das er ihm mit seiner Liebe gemacht hätte! Und diese nämlichen Worte, diese nämlichen Schmeicheleien, werden im Laufe der Revolution von den Vertretern des Volks noch mehr als einmal an den König gerichtet werden.

Die Revolution kann nicht verstanden werden, wenn man nicht die ohne Unterlaß wiederholten Anstrengungen der besitzenden Klassen bemerkt, den König in ihr Lager zu ziehen und aus ihm einen Schild gegen das Volk zu machen. Alle Trauerspiele von 1793 sind im Keime schon in dieser Bittschrift der Nationalversammlung enthalten, die einige Tage vor dem 14. Juli abgefaßt wurde.

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