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Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorPjotr Alexejewitsch Kropotkin
titleDie Große Französische Revolution 1789-1793 ? Band I
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorWalter Markov
year1982
firstpub1919
translatorGustav Landauer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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8. Aufruhrbewegungen in Paris und seiner Umgebung

Man begreift, daß unter solchen Umständen Paris nicht ruhig bleiben konnte. Der Hunger wütete auf dem Lande in der Umgegend der großen Stadt wie anderswo; es fehlte in Paris an Lebensmitteln wie in allen andern großen Städten; und das Zuströmen von Armen, die nach Arbeit suchten, konnte nur zunehmen, insbesondere in Voraussicht der großen Ereignisse, die jedermann herannahen fühlte.

Gegen Ende des Winters (März und April) werden Hungeraufstände und Kornplünderungen erwähnt in den Berichten der Intendanten in Orléans, Cosne, Rambouillet, Jouy, Pont-Sainte-Maxence, Bray-sur-Seine, Sens, Nangis, Viroflay, Montlhéry usw. In andern Teilen des Bezirks, in den Wäldern in der Nähe von Paris, rotteten die Bauern schon im März die Kaninchen und die Hasen aus; ja sogar die Wälder der Abtei von St. Denis wurden im Angesicht und mit Wissen von aller Welt niedergehauen und das Holz fortgeholt.

Paris verschlang die revolutionären Flugschriften, deren jeden Tag zehn, zwölf, zwanzig erschienen und die sofort aus den Händen der Reichen in die der Ärmsten gingen. Man riß sich um die Broschüre von Sieyès: ›Was ist der dritte Stand?‹, um die ›Betrachtungen über die Interessen des dritten Standes‹ von Rabaut-Saint-Étienne, die einen leichten Anflug von Sozialismus hatten, um die ›Rechte der Generalstaaten‹ von d'Antraigues und um hundert andere, die weniger berühmt sind, aber oft noch schärfer waren. Ganz Paris ereiferte sich leidenschaftlich gegen den Hof und die Adligen, und in den ärmsten Vorstädten, in den verrufensten Spelunken draußen vor der Stadt suchte und fand das Bürgertum bald die Arme und die Spieße, die es brauchte, um das Königtum zu treffen. Inzwischen brach am 27. April der Aufstand aus, den man später die ›Affaire Réveillon‹ nannte und der einer der Vorläufer der großen Revolutionstage war.

Am 27. April versammelten sich in Paris die Wahlausschüsse, und es scheint, daß es während der Abfassung der Denkschriften im Faubourg Saint-Antoine einen Streit zwischen den Bürgern und den Arbeitern gab. Die Arbeiter brachten ihre Beschwerden vor, und die Bürger antworteten ihnen mit grobem Schimpf. Réveillon, ein Papier- und Tapetenfabrikant, der früher selbst Arbeiter gewesen war und es durch geschickte Ausbeutung dazu gebracht hatte, Unternehmer mit dreihundert Arbeitern zu werden, machte sich hauptsächlich durch den groben Schimpf seiner Reden bemerkbar . . . Man hat sie seitdem oft genug gehört: ›Der Arbeiter kann sich von Schwarzbrot und Linsen nähren; der Weizen wächst nicht für ihn‹ usw.

Ist etwas Stichhaltiges an der Zusammenstellung, die später bei der Untersuchung über den Fall Réveillon von den Reichen vorgenommen wurde, wonach die Angestellten des Finanzamtes festgestellt hätten, daß zur gleichen Zeit mit diesem Aufruhr eine ›ungeheure Menge‹ abgerissener und gefährlich aussehender Armer nach Paris gekommen seien? Man kann darüber nur Vermutungen hegen, die schließlich müßig sind. Der Zustand der Gemüter, wie er war, und die grollende Empörung in der Umgebung von Paris genügen doch wohl, um zu erklären, was infolge des Benehmens Réveillons gegen die Arbeiter am Tag darauf eintrat.

Am 27. April trug das Volk, das über den Widerstand und die Reden des reichen Fabrikanten wütend war, eine Puppe, die ihn vorstellte, herbei, um sie auf der Place de la Grève zu verurteilen und hinzurichten. Auf der Place Royale verbreitete sich das Gerücht, der dritte Stand habe Réveillon zum Tode verurteilt. Aber als der Abend da ist, zerstreut sich die Menge und jagt allenthalben durch die Rufe, die sie während der Nacht ausstößt, die Reichen in Angst. Endlich, am nächsten Morgen, am 28., kommt die Menge in Réveillons Fabrik, zwingt die Arbeiter, die Arbeit einzustellen, belagert darauf das Haus des Fabrikanten und macht sich daran, es zu plündern. Militär kommt herbei, das Volk leistet Widerstand und schleudert Steine, Dachziegel und Möbel aus den Fenstern und von den Dächern herab. Die Soldaten schießen, und das Volk verteidigt sich mehrere Stunden lang mit wütender Energie. Das Ergebnis: zwölf Soldaten tot und achtzig verwundet; auf der Seite des Volkes zweihundert Tote und dreihundert Verwundete. Die Arbeiter bemächtigen sich der Leichen ihrer Brüder und tragen sie durch die Straßen der Arbeiterviertel. Einige Tage darauf rotten sich 500 bis 600 Menschen in Villejuif zusammen und wollen die Tore des Gefängnisses Bicêtre erstürmen.

Dies also ist der erste Konflikt zwischen dem Volk von Paris und den Reichen, und er übte eine tiefgehende Wirkung aus. Zum erstenmal sah man, wie das Volk aussieht, wenn es zur Wut gebracht ist, und dieser Anblick war von starkem Einfluß auf die Wahlen: die Reaktionäre kamen nicht durch.

Es braucht kaum erst gesagt zu werden, daß die Herren Bürger den Versuch machten, diesen Aufruhr als einen Streich hinzustellen, den die Feinde Frankreichs inszeniert hätten. Wie hätte sich das brave Volk von Paris gegen einen Fabrikanten empören können?! ›Englisches Geld hat sie zu dem Aufstand gebracht‹, sagten die einen; ›das Geld der Prinzen‹, sagten die revolutionären Bürger, und niemand wollte zugeben, daß das Volk sich lediglich darum empörte, weil es im Elend war und weil es die Anmaßung der Reichen satt war, die es noch im Elend beleidigten. Man sieht so, wie sich schon damals die Legende vorbereitet, die später den Versuch macht, die Revolution auf ihr parlamentarisches Werk zu beschränken und alle Volkserhebungen während der Jahre der Revolution als ›Zwischenfälle‹ hinzustellen: als das Werk von Räubern oder von Agenten, die bald von Pitt, bald von der Reaktion bezahlt sein sollten. Späterhin nehmen die Geschichtsschreiber die Legende auf: ›Dieser Krawall konnte von der Regierung zum Vorwand benutzt werden, die Eröffnung der Generalstaaten hinauszuschieben, also konnte er nur von der Reaktion ausgehen.‹ Wie oft hat man dieselbe Beweisführung in unsern Tagen vorgebracht!

Nun denn, die Tage vom 24. bis 28. April sind die Vorläufer der Tage vom 11. bis 14. Juli. Das Volk von Paris betätigt von da an seinen revolutionären Geist, der aus den Arbeiterschichten der Vorstädte hervorging. Neben dem Palais-Royal, dem Revolutionsherd des Bürgertums, richten sich die Faubourgs auf – die Zentren der Volkserhebung. Von da an wird Paris zum Herd der Revolution, und die Generalstände, die sich in Versailles versammeln, halten ihre Blicke auf Paris gerichtet, um da die Kraft zu suchen, die sie stärken und anreizen kann, in ihrer Abrechnung und ihrem Kampf mit dem Hof vorwärts zu marschieren.

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