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Die Gränz-Kommission

Carl Gottlieb Samuel Heun: Die Gränz-Kommission - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Gränz-Kommission
authorH. Clauren
year1824
publisherAnton v. Haykul
addressWien
titleDie Gränz-Kommission
pages1-94
created20051128
sendergerd.bouillon
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15.

»Aber, Assessorchen,« rief der Director, seinen Ellenbogen in meiner Seite, »so kommen Sie doch endlich einmal aus Ihrem Dusel heraus; Sie haben den ganzen Nachmittag und den herrlichen Wald verschlafen, in dem die delikatesten Rehbraten herumliefen, wie die Schaafe, und die meilenlangen Teiche, aus denen riesengroße Karpfen ellenhoch heraussprangen, als sehnten sie sich ordentlich auf unsere gräfliche Tafel, und die unabsehbaren Wiesen, auf denen podolische Ochsen weideten, glatt wie die Schnecken, und blank, wie venetianische Spiegel; ein saurer Rinderbraten von solch einem fetten Prachtthiere – Herr, das Wasser läuft einem im Munde zusammen, wenn man so etwas sieht. Gott, wer nur zehn Magen hätte; hier wird kannibalisch gegessen werden. Den seligen alten Keller, wollte ich sagen, den Keller des seligen alten Grafen – bis auf den letzten Tropfen wollen wir ihn austrinken; nur sachtchen angefangen, Assessorchen, von den ersten Sorten immer nur genippt, die bessern kommen zuletzt! Wir wollen ein Leben führen, wie der liebe Gott in Frankreich; unter vier Wochen bringt mich hier kein Mensch weg. Sehen Sie, um Gotteswillen, hier rechts und links den Waizen. Roß und Mann können sich darin verstecken; so hoch und so üppig; das giebt ein köstliches Milchbrod; da unten am Bache die buntscheckigen Kühe im blumigen Grase! ich sehe schon die Saane morgen auf unserm Kaffee; die Lappen sind so dick, daß man mit der Zimmeraxt kaum durch kann. Hier im Park – wir fuhren eben in diese herrliche Anlage ein – qualme ich alle Tage mein Morgenpfeifchen. Sechs Wochen bleiben wir hier; wir wollen schon die Sache trainiren. Freund, was wollen wir mit den lieben Eßwaaren hier im Wagen; wir müssen uns wahrhaftig schämen, wenn die Bedienten kommen und das liebe Gut auspacken. »Hier, Kinder,« rief er den Vorspännern zu, und kramte alle Wagentaschen leer, und spendete die Rindszunge, den Spickaal, die Tauben, Kapaunen, den rohen und gekochten Schinken, die Preßwurst und den geräuchertem Rheinlachs mit beiden Händen aus, – »da, thut Euch eine Güte, verzehrt's auf meine Gesundheit. Seht, Assessorchen,« fuhr er, die freigebige Rechte auf eine viertelstundenlange Reihe von Glasfenstern gerichtet, fort, »das sind die Treibhäuser! Blutpfirsichen habe ich da drinne wachsen gesehen, wie die Kindesköpfe groß; Ananas essen wir, wie Kohlrabi, und die Apfelsinen tröpfeln wir in den Champagnerpunsch. Nehmt Euch mit den Arbeiten nur Zeit und püffelt nicht so horribel, wie gewöhnlich; wir haben, wenn wir es recht anfangen, acht Wochen hier zu thun; da – da« schrie er, als wir links in eine große hundertjährige Allee einbogen, »da ist das Schloß« und vor uns lag ein Pallast im edelsten Styl gebaut, und all seine zahllosen hohen Fenster von oben bis unten glänzten in den Strahlen der Abendsonne, wie mit rothglühendem Golde übergossen; der Director schlug sich vor Freuden mit beiden fetten Patschchen auf den Bauch, mir aber klopfte das Herz in der Brust, denn die Schwingen meiner romantischen Phantasie, die mich zu Rosalindens Höhe hinauf gehoben hatten, wurden hier, vor der Größe ihrer Herrlichkeit mit einemmale flügellahm; ich schämte mich meiner kindischen Träumerei, und hätte viel darum gegeben, zehn Meilen weit weg zu seyn, um dieses für mich doch immer und ewig unerreichbare Zauberkind, nie – nie wieder zu sehen.

Unsere Vorspänner jagten auf der mit Hammerschlag belegten Chaussee, wie toll und thöricht auf das Schloß zu, und klatschten zu des Directors Gaudium und meinem großen Aerger, alle viere von Sattelpferd, Bock und Packbrett mit ihren Peitschen, als brächten sie eine Heerde Moldauer Schweine; die alte Erbchaise donnerte über die Brücke des Schloßgrabens, durch das lange überbaute Thor, in den mit breiten Quadersteinen gepflasterten Hof, und ein ganzes Heer goldbetreßter Lakaien, den Kammerdiener oder Haushofmeister an der Spitze, eilte vom Portal herab uns entgegen; dieser aber nahm das Wort, und bat im Namen der Frau Gräfin Erlaucht um Entschuldigung, wenn es Höchstihnen, wegen der vielen Gäste, welche Ihre Erlaucht mit ihrem Besuche beehrt, und sämmtliche Fremdenzimmer bereits in Beschlag genommen, diesmal unmöglich sey, den Herrn Justizdirector sammt dem Herrn Konkommissarius in ihrem Hause zu beherbergen.

Der Director fiel aus all seinen Himmeln so plötzlich, daß ich wahrhaftig glaubte, der Schlag hätte ihn auf der Stelle gerührt; die Pfeife war ihm, im engsten Verstande des Worts, total ausgegangen, all sein Blut stieg ihm zu Kopfe, er konnte keine Sylbe sprechen.

»Unsre Absicht« antwortete ich daher dem höflichen Impertinenten, der sich kaum des Lachens enthalten konnte, »war auch gar nicht, der Frau Gräfin beschwerlich zu fallen; wir fuhren nur sogleich vor, um uns zu erkundigen, ob die Frau Gräfin und die gegenseitigen Herren Kommissarien bereits eingetroffen, um in diesem Falle sogleich, und vielleicht heute noch, unsere gemeinschaftlichen Arbeiten anzufangen, und haben uns übrigens unser Absteigequartier bereits bei einem alten Freunde von mir, bei dem Herrn Pfarrer bestellt.«

Die andern Kommissarien waren, wie der Haushofmeister erzählte, schon seit acht Tagen hier, die Frau Gräfin aber erst vor einer halben Stunde angelangt, und auf jeden Fall von der Reise noch zu sehr angegriffen, um heute noch unsere Aufwartung anzunehmen.

»Auf die Pfarre nun« rief ich zum Wagen heraus, und so traten wir unsern noch ziemlich mit Ehren gedeckten Rückzug an. Mir fielen tausend Mühlsteine von der Seele, als ich die Brücke wieder im Rücken hatte und den Leuten aus dem Gesichte war; der Director aber rang aus dem Wagen hinaus die Hände und schimpfte das Blaue vom Himmel herunter. »Zwei Regimenter will ich in das Schloß legen,« rief er im lautesten Unmuthe, »und die Frau hat für uns keinen Platz darin! aber die fremden Herren Kommissarien – die haben ein Unterkommen finden können, und hausen schon acht Tage hier! i, so wollte ich doch, daß einer noch heute in der Nacht das verwünschte Schloß an allen vier Ecken anzündete. und die alte Hexe mitten darin zu Pulver und Asche verbrennte.« Ich bat ihn, vor dem Vorspännern und seinem Bedienten nicht so vermessene Reden zu führen und erschrak selber darüber, denn ich hatte ja in voriger Nacht das ganze Schloß schon brennen gesehen, aber in meinem Traume hatte es ganz anders ausgesehen, wie hier. Jetzt hätte das Feuer lichterloh aus allen Fenstern schlagen können; ich hätte keine Leiter angesetzt, so entzaubert war ich von den süßen Träumereien meiner letzten vier und zwanzig Stunden.

Wie gut war es, daß ich mir hier durch frühere Dienstfertigkeit einen Bekannten gewonnen hatte, der uns aus unserer beschämenden Verlegenheit retten sollte. Wir hielten jetzt vor dem Pfarrhofe meines ehrlichen Ehrhard, und erhielten auf meine, durch unsern Bedienten hinein gesandte Anfrage, ob wir für Geld und gute Worte auf einige Tage bei Sr. Wohlehrwürden ein freundliches Unterkommen uns erbitten dürften, eine beifällige Antwort. Die Pfarrfrau empfing uns mit ungezählten Knixen in der Hof-, der Ehrenprediger in der Hausthür. Ein neuer Irrthum; das war nicht mein alter Ehrhard, sondern sein Nachfolger; jener war vor anderthalb Jahren schon schlafen gegangen und ruhte, wie sein Wiesenprozeß, bis zum jenseitigen großen Morgen, an dem über manches Ungerechte gerichtet werden soll vom allgerechten Richter des Weltalls.

Des armen Dorfpriesters enges Studirstübchen war unser beiderseitiges Schlaf-, Speise-, Gesellschafts –, Audienz- und Arbeitszimmer; ein zuckerarmer Eierkuchen mit sauerm Saanensallat, unser Abendbrod.

Der Director wollte sich aus der Atzel die Haare ausraufen, so aufgebracht war er über die abscheuliche alte Wurschen, und daß er seine herrlichen Speisevorräthe so verschwenderisch weggeworfen, meinte er, sich in seinem letzten Stündlein noch nicht vergeben zu können. »Die Bauerlümmel werden nicht einmal unsere Delikatessen zu schätzen wissen,« schrie er, in unserm kleinen Studirkäfich auf- und abgehend, »was nützt der Kuh Muskate; denen ist ein Stück Speck mit Mehlklößen lieber, als unser Rheinlachs und unsere Trüffelwurst, und während die Kerle in unsere Mandeltorte einhauen wie die wilden Eber, sollen wir uns hier am jämmerlichen Eierkuchen vergnügen; die saure Saane geht mir im Leibe herum, wie ein knurrendes Ungethüm; bin ich morgen wieder zu solch einem gottesfürchtigen Pfarrgericht verdammt, so tragen sie noch in dieser Woche den abgehungerten Justizdirector mausetod zum Hause hinaus.« Er setzte sich in der Bosheit die ganze Nacht hin, und arbeitete fast bis am hellen Morgen; in drei Tagen längstens wollte er hier mit dem ganzen Geschäfte fertig seyn; dann müßten auch die andern Herren Kommissarien von hier wieder aufbrechen, und diesen ihr Götterleben auf dem Schlosse abzukürzen, war seiner Rache ein süßer Gedanke.

14.

Wir hatten uns am folgenden Morgen kaum angekleidet, als uns einer meiner Universitätsfreunde, der junge Graf von Weidenheim, mit seinem Besuche überraschte; er erinnerte sich mit zarter Dankbarkeit eines kleinen Liebesdienstes, den ich ihm damals geleistet hatte, wie ihm einst zwei Pferde mit dem Wagen durchgingen, denen ich in den Zügel gefallen war, und nannte mich dafür heute noch den Retter seines Lebens und sich meinen ewigen Schuldner; jetzt kam er vom Schlosse, lud uns im Namen der alten Wurschen für heute Mittag zur Tafel ein, und erzählte mir im Laufe des Gesprächs, daß er zu einem auswärtigen Gesandtschaftsposten bestimmt sei, und sich hier Gräfin Rosalinde zu seiner kleinen Gesandtin erkohren habe. Vorgestern Abend noch hätte ich ihn aus Eifersucht umbringen können, heute hörte ich die Nachricht sogar mit beyfälliger Gleichgültigkeit an, so wandelbar ist der Mensch in seinen Ansichten und Gefühlen. So lange ich die wunderschöne Rosalinde für ein Wesen meines Gleichen gehalten, so lange hatte ich mir die Möglichkeit geträumt, aus dem Zauber, in den mich ihr Liebreiz versetzt hatte, kühne Hoffnungen für meine Zukunft herzuleiten; so bald ich aber von der Standeskluft zwischen uns beiden unterrichtet worden war, hatten sich diese Träume allmählig verloren und je näher ich ihr gekommen, desto mehr hatte ich die Unübersteiglichkeit dieser Kluft kennen gelernt, desto mehr hatte die Vernunft ihre Rechte über das Herz wieder geltend gemacht, und desto ruhiger hatte ich über die Lächerlichkeit meiner Verirrungen nachzudenken mich gewöhnt, und während dieser stufenweisen Herausarbeitung meiner Selbst, hatte sich die rasch emporgeschlagene Loderflamme meiner Leidenschaftlichkeit abgekühlt. Der junge Graf war einer der liebenswürdigsten seines Standes, ganz der alte fröhliche unbefangene Mann, der er sonst war, gesund an Leib und Seele, von sehr einnehmenden Äußern, und von einer beispiellosen Herzensgüte; ich hätte keinen gewußt, dem ich die reizvolle Rosalinde lieber gegönnt hätte, und so stattete ich ihm mit ziemlich aufrichtiger Theilnahme, meine Glückwünsche ab.

Durch die Erinnerungen unserer akademischen Jugendzeit traulicher geworden, ließ sich der Graf späterhin über die Eigenheiten seiner künftigen Schwiegermutter nicht undeutlich aus, und kam dann auf die bevorstehende Gränzregulirung, über welche sie so wüthend sey, daß sie bereits erklärt habe, die ganze Herrschaft Waitzenlinde eher verkaufen, selbst verschleudern zu wollen, ehe sie zugebe, daß die neue Gränzlinie mitten durch ihre Güter gezogen werde; da er nun die Überzeugung habe, daß beide Höfe, ihrer Marotten wegen, keine andern Gränzbestimmungen treffen würden, ihm aber an der Behaltung dieser großen schönen Herrschaft viel gelegen sey, so habe er bereits einen dritten, den Baron Seiferdingen an der Hand, der in seinem Nahmen Waitzenlinde kaufen und es, nach abgeschlossenem Handel mit der alten Wurschen, an ihm abtreten werde; damit also keine fremde Kauflustige sich eindrängen, bäte er, auf die Theilung der Güter nur recht fest und bestimmt zu bestehen, in der ersten Hitze des Ärgers schlüg die Gräfin dann das Gut gleich los; Seiferdingen, der als sein Reisegesellschafter sich auf dem Schlosse bereits befinde, trete dann sofort vor, und der Handel wäre abgemacht, ehe ein Fremder daher ein Wort erführe.

Dem Director war dieß eine willkommene Gelegenheit, sein Müthchen an der ungastlichen Gräfin zu kühlen, und er versprach halb in Scherz halb in Ernst, die alte Erlaucht bis zum Stick- und Schlagfluß zu ärgern.

15.

Je näher die Mittagszeit kam, desto bänglicher ward mir um's Herz. Was sollte ich, von meiner Thorheit kaum geheilt, da oben auf dem Schlosse! das Ideal meiner Phantasie, die wunderliebliche Rosalinde in den Armen eines Andern zu sehen, Zeuge ihrer bräutlichen Scherze und Tändeleien zu sein, ihre kosenden Neckereien, ihren schmachtenden Blick, den süßen Kuß ihrer schwellenden Rosenlippen – nein, nein, nein! ich schützte Kopfschmerz vor, und beschloß, zu Hause zu essen; unsere gute Pastorin, welche gehört hatte, daß wir auf dem Schlosse speisen würden, und auf mein Mittagbrot daher gar nicht eingerichtet war, entschuldigte sich, wenn sie mir in der Geschwindigkeit nichts anders, als arme Ritter vorsetzen könne; ich hätte mit trocknem Brod vorlieb genommen! aß ich dieß doch in Ruhe und ungestörtem Frieden.

Der Director steigerte seinen Antheil an meinem vorgeblichen Übelbefinden bis zum Mitleid; er gab mir die besten Worte, daß ich mitgehen solle, begriff nicht, wie man um eines bischen Kopfschmerzes willen ein solches Mittagbrod, ein gräfliches Diner aufgeben könne, behauptete, daß mein ganzes Übel vom leeren Magen, vom gestrigen magern Eierkuchen und von dem vermaledeiten Saanensallat herrühre, von dem ihm heute Morgen noch hundeschlimm gewesen sei, tröstete mich, daß mir, wenn ich recht tüchtig gegessen, viel besser sein werde, und brummte mir, als all sein Zureden vergeblich war, im Abgehen ein verdrüßliches »wem nicht zu rathen, ist nicht zu helfen« zum Abschiede.

Nach einer Stunde, als ich meine frugalen Ritter schon bezwungen, und in der dunkelschattigen Laube im Pfarrgärtchen Kaffee trank, traf der gräfliche Laufer vom Schlosse, mit einem Billet vom Director ein, in dem dieser mich ersuchte ihm mehrere auf den hiesigen Gränzpunkt Bezug habende Papiere zuzusenden; Postscript schrieb er: »Wie haben Sie sich im Lichte gestanden, Assessorchen! wir werden fürstlich essen und königlich trinken. Als ich vor der Kirche vorbeiging, dampften mir eine Menge Wohlgerüche entgegen, daß ich vor Freuden beinahe in Ohnmacht gesunken wäre; Bayonner Schinken in Burgunder gekocht, neue Heringe mit jungen Bohnen, einen feinen Rehziemer, Erdbeereis und ein delikates Spritzgebäckniß habe ich schon herausgerochen; im Speisesaal durch den mich der Herr Gesandte zufällig führte, stand die Tafel in der zierlichsten Ordnung; neben jedem Kouvert zwei blanke schlanke Flaschen; um jede hing an einem silbernen Kettchen ein weiß emaillirtes Schild mit dem Namen des Götterweins; die schönsten Kolliers in der Welt sind diese niedlichen Schildchen; auf dem Schenktische bemerkte ich, kraft eines rundum geworfenen Seitenblicks, hohe Champagnergläser vom reinsten Krystall; in den alabasterweißen, künstlich gebrochenen Servietten staken nach der alten Mode Zettel mit dem Namen der Gäste, damit jeder ohne lange Komplimente und Umstände gleich seinen Platz finde; der Ihrige war neben der jungen Gräfin Rosalinde! Das ist ein schönes Stück Fleisch, eine scharmante Person; so recht, wie für mein Assessorchen zur Tischnachbarin geschaffen. Wünsche guten Appetit zu Ihren armen Rittern.«

Dreimal las ich, nach Abfertigung des Laufers, das verwünschte Postscript durch. Neben ihr hatte ich sitzen sollen! hatte sie das gekartet? Ein schönes Stück Fleisch nennt sie der Director! eine scharmante Person! Gott, wie gemein, wie nichts sagend! – ich hätte doch sollen mit auf das Schloß gehen! was mußte sie von mir denken! bestimmt hielt sie mein Ausbleiben für alberne Blödigkeit, für Scheu vor der Gesellschaft der höhern Stände, für – ach, ich wußte selbst nicht, wofür ich es jetzt auslegen sollte. Aus seinem schwelgenden Überflusse wünschte mir der boshafte Mensch, der Director guten Appetit, zu meinen armen Rittern; war ich doch selber der ärmste aller fahrenden Ritter.

16.

Aus Unmuth und langer Weile blätterte ich in einer alten Hauspostille auf alle Tage im Jahre, die ich mir aus des Pfarrers Studirstübchen mit in die Laube genommen, ich schlug den heutig Tag auf, an diesem war dem andächtigen Leser auseinandergesetzt, wievielerlei Kreuze ein frommer Christ zu tragen habe; es waren deren zu meinem Schreck an die dreihundert. Das deine findest du doch nicht drinn, sagte ich still lächelnd zu mir selbst, kann ich mir doch selber kaum beschreiben, was mich drückt und auf mir lastet; und doch kam mir hier manches Kreuz vor Augen, was so ziemlich auf mich paßte; als da war 1) das Kreuz des Hungers, denn ehrlich gesagt, an den armen Rittern hatte ich mich nicht recht satt gegessen; 2) das Kreuz in Liebesnöthen; dabei stand unter andern: »so ein rechtgläubiger Christ in solchen versiret, soll er darum nicht allen Muth verlieren, maaßen sich oft vielerlei anders gestaltet, als der Mensch gedacht; und ja zuweilen, wenn der Himmel auch noch so trübe, ein freundlich Sternlein sich hervorthut, ehe Jemand sich dessen versiehet;« 3) das Kreuz des übergroßen Glücks; mit folgender Bemerkung: »so wie das Gold das schwerste Metall, also drückt auch Glück, Reichthum, Ehre und Liebesguth in allzugroßem Maas, den Menschen am heftigsten und dergestalt darnieder, daß er es schier nicht tragen mag, und Gott den Vater bitten muß, daß er ihm Kraft verleihe gnädiglich, auf daß er nicht verschmachte.« Ich lachte fast laut auf über dieses heute zu Tage seltene Kreuz, und meinte, mit diesem wohl am ersten noch fertig werden zu wollen. Ich blinder, kurzsichtiger Mensch; ich stand in demselben Augenblick schon halb darunter. Peter, der jüngste Sprößling des überreichen Ehesegens in meines Priesters armen Hause, sprang in die Laube und schrie: »Rosalindchen bringt Ihnen Kirschen, einen ganzen Teller voll.«

Rosalinde? Kirschen! mir? ich fuhr, als brenne die Bank unter mir, von meiner alten Hauspostille auf, und schon stand das wunderholde Mädchen, in dem allerreizendsten Hausnegligee, ihren italienischen Strohhut am linken Arme hängend in der Rechten einen feinen Porzellainteller mit großen frischen Kirschen, vor mir in der Laube, verbeugte sich mit jungfräulichem Anstande und niedergeschlagenen Augen, wollte sprechen, hob den Blick, sah mich an, lächelte verlegen, und gerieth in die holdeste Verwirrung, als ich ihr, von meiner Überraschung noch nicht wieder zu mir selbst gekommen, auf den Teller deutend, entgegen rief: »mein Gott, Ew. Erlaucht haben sich selbst inkommodirt –«

»Meine Mutter« begann das engelschöne Kind, ich ließ es aber, aus eigener Verlegenheit, und in dem unglücklichen Bestreben, diese durch Reden zu übertäuben, nicht zum Worte kommen, und fiel daher mit der Entschuldigung schnell ein, daß ich selbst schuldigerweise nicht hätte ermangeln wollen, der gnädigen Frau Mutter meine Ehrfurcht persönlich zu bezeigen, daß mich aber eine Unpäßlichkeit –

»Da werden Ihnen vielleicht die Kirschen recht erquickend seyn, sagte der wunderholde Engel, etwas gesammelter, mit sanfter Freundlichkeit, sie sind ganz frisch, ich habe sie selbst gepflückt.«

»Mein Gott, diese ausgezeichnete Gnade – ich bin – ich kann nicht Worte finden, meinen devotesten Dank –«

»Meine Mutter wäre« hob Rosalinde, die sich an dem gänzlichen Verluste meines Konzeptes heimlich zu ergötzen schien, lächelnd an: »Meine Mutter wäre, wenn ihr böser Fuß ihr nicht das Gehen gar zu sehr erschwerte, gern selbst gekommen, Ihnen zu sagen, wie tief sie sich Ihnen verpflichtet fühlt –«

»Die gnädigste Frau Mutter! mir? – verpflichtet?«

»Wir haben« fuhr Rosalinde ernster werdend, mit dem sanftesten Wohllaut ihrer Glockenstimme fort, »wir haben nicht vergessen, was Sie Gutes an uns gethan, mein seliger Vater hat uns oft von Ihnen erzählt, wie theilnehmend Sie sich seiner angenommen und wie Sie nicht müde geworden, sein Recht zu verfolgen, und meine arme Mutter meinte noch heute, daß, wenn der Vater am Leben geblieben wäre, und Sie beim Herrn Justizrath Brummer, der Prozeß gewiß – –«

Ich war während der kurzen Rede stückweise aus den Wolken gefallen; also nicht die vermeintliche junge Gräfin Wurschen, sondern die bildhübsche Tochter des wohlseligen Pfarrers zu Waitzenlinde, war das Idol meiner Liebesträume gewesen! Ich stieg im Laufe unsers nun immer lebhafter werdenden Gesprächs allmählich von meiner reichsgräflichen Devotion zum Herzenstone der traulichen Innigkeit herab, sog, indem ich Hunger und Durst in den herrlichen frischen Kirschen stillte, jedes Wort von dem allmählich sich immer mehr erschließenden Purpurmündchen des niedlichen Pfarrkindes, und mußte meine Augen immer mit Gewalt von der Graziengestalt wegwenden, denn sie schien den brennenden Blick nicht ertragen zu können, mit dem ich sie verschlingen zu wollen scheinen mochte, und ward immer schüchterner und verlegener, je öfterer sie ihm begegnete. Ein Kreuz, das des Hungers, war mir durch die, wie durch Himmel gesandten Mannakirschen abgenommen, aber das in Liebesnöthen, und das des Übermaaßes in meinem Glücke, fühlte ich, seit Rosalinde in der Laube neben mir saß, und so unbefangen und natürlich plauderte, wie ein Kind mit dem Vertrautesten seines Kreises, in ihrer ganzen Schwere. In des Mädchens Flötenstimme, im Lächeln, in jeder seiner Bewegungen, im schmachtenden Blicke seines seelenvollen Auges, in seinem ganzen Wesen lag ein solcher Zauber, eine solche Anmuth, in jeder Aeußerung so viel Gemüth, so viel Kindliches, rein Weibliches, daß ich – sie stand, ihr Tellerchen wieder in der Hand, auf, und wollte – ich hatte meiner Empfindungen nicht länger Meister bleiben können und ihr, vielleicht durch zu lebhaft betonte Worte, die Feuersbrunst, die in meinem Innern auf allen Ecken und Enden unaufhaltsam emporzulodern anfing, verrathen, und wollte gehen; ich bat, sie zu ihrer Mutter begleiten zu dürfen, nahm ihren Arm und ging mit ihr durch das endlos lange Dorf, bis zum allerletzten Häuschen, wo die Mutter, nach des Vaters Tode, von einer ärmlichen Wittwenpension kümmerlich lebte.

Rosalinde gestand mir auf dem Hinwege, daß sie bei dem Eintritte in die Laube sehr überrascht gewesen wäre, in mir denselben zu finden, den sie gestern früh im Fenster über dem schwarzen Mohren, und gestern Abend am Bleichfasse bei den Binsenenten gesehen; sie schämte sich noch nach dem Fasse gegangen zu seyn, und habe sich den ganzen Abend darüber Vorwürfe gemacht, allein der Knabe, den sie auf dem Arme gehabt, sey von dem hydraulischen Kunstwerke so begeistert gewesen, daß er das schwimmende Binsengefieder sich durchaus in der Nähe habe besehen wollen; dann kam sie auf die alte Gräfin zu sprechen, die sie gegen meine Anfälle mit der rührendsten Gutmüthigkeit vertheidigte. Die offenbare Ungerechtigkeit bei dem Wiesenprozesse schob sie auf den Advokaten der Gräfin, und die unerträglichen Marotten, den Geiz, die Härten, den Egoismus, den Hochmuth, mit denen die Alte alle ihre Umgebungen oft bis auf das Blut quälte, nannte sie bloße Launen, bei denen die arme Frau selbst gewiß mehr leide, als die Personen ihres Kreises. »Die Art Menschen,« fuhr sie, meinen Unwillen über die Wurschensche Erlaucht sanft begütigend fort, »ist vom Glück verwöhnt, und sieht darum das kleinste Misgeschick für ein unerträgliches Unglück an. Ich bin jetzt seit des Vaters Tode bei ihr gewesen und habe sie, während die junge Gräfin Rosalinde in der Pensionsanstalt war, auf ihrer Reise begleitet. Wohl war es mir Anfangs, als wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, nur einen Monat bei ihr auszuhalten; denn alles zu thun, was in unsern Kräften steht, und nie – nie ein zufriedenes Wort darüber zu hören, nie einen anerkennenden Blick des Wohlwollens dafür einzuärndten, immer und ewig ausgescholten, und, selbst in Gegenwart Anderer, mit dem schneidenden Vorwurfe gänzlicher Untauglichkeit belastet zu werden, – nein, es geht nichts über die Bitterkeit einer solchen Lage. Da ich aber sah, daß hundert anderen meines Gleichen kein besseres Loos vom Himmel bereitet war, fing ich an, mein Schicksal als eine Schule für mein zukünftiges Leben anzusehen; Tragen, Dulden und unsere Pflicht thun – das ist ja die schwere Aufgabe aller der Mädchen, die arm und mittellos in die Welt geworfen werden. Mir ward mein Loos noch leichter als mancher andern; ich trug eine Schuld an die junge Gräfin ab; diese hatte, als ich noch im Vaterhause war, die Hälfte ihres Taschengeldes jahrelang an ihre Maitres gegeben, um mir Unterricht in Sprachen und Musik zu ertheilen; die Alte durfte das nicht wissen; vor der hieß es immer, mein Vater bezahle dieß alles; sollte ich nun dafür nicht ihrer Mutter Gutes thun, so viel ich vermochte? und späterhin, als ich sah, daß diese mit all ihrem unermeßlichen Gelde doch nicht glücklich war, daß ihr in der ganzen Welt nichts Freude machte; daß sie nie und nirgends zufrieden war, lernte ich begreifen, daß meine Lage tausendmal besser sei, als die der Gräfin; ich söhnte mich mit meinem Geschick aus und habe nie wieder geklagt, und ihren Mismuth mit Ruhe und Ergebung ertragen. Ich stand in meiner Einbildung jetzt viel höher beim lieben Gott angeschrieben, als die arme reiche Frau, und ich sah ihre ewig bösen Launen, ihr Zerfallensein mit sich und der ganzen Welt, als eine ganz natürliche Folge der Übersicht an, die sie von ihrer eigenen bemitleidenswerthen Lage hatte. Man darf den Großen, den Vornehmen, den Reichen, welche von der Menge oft so schonungslos beurtheilt und beneidet werden, nur eine Zeit lang recht nahe stehen, um sich zu überzeugen, daß sie wahrhaft nicht so glücklich sind, als sie scheinen. Mit dieser Überzeugung bin ich jetzt zu meinem Mütterchen zurückgekehrt, und will mir den Schatz meiner gesammelten kleinen Erfahrungen für mein künftiges Leben aufheben.«

Die einfache, verständige Rede des Mädchens hatte mich ernst gestimmt; ihre Resignation, ihre Ruhe, ihr fester Blick auf sich und ihre Pflicht gaben ihr in meinen Augen eine ganz eigene neue Glorie; das, was mich gleich vom ersten Augenblicke so wundersam an das Grazienkind gefesselt hatte, sein blendendes reizvolles Aeußere, erhielt durch die nähere Kenntniß dieses klaren, himmlischen Gemüths gleichsam einen noch veredeltern Glanz. War mir doch in meinem Leben nicht so sonderbar zu Muthe gewesen, als auf diesem Gange. Wer konnte dieses schuldlose, heitere Wesen sehen, ohne sich zu ihm hingezogen zu fühlen; aus allen Häusern, an denen wir im Dörfchen vorübergingen, kamen ihr die Mädchen und Frauen fröhlich entgegen, bewillkommten sie mit herzlicher Biederkeit, und freuten sich, sie noch schöner und größer, und noch so gut und freundlich zu finden, und Jedem wußte sie etwas Liebes und Theilnehmendes zu sagen; als aber eine alte Bäuerin, auf mich deutend, im gutmüthigen Scherze fragte, ob der schmucke, junge Herr etwa der mitgebrachte Herr Bräutigam sey, ward sie feuerroth, und konnte die Versicherung, daß ich ein, zur Gesellschaft auf dem Schlosse gehöriger Fremder wäre, kaum über die Lippen bringen.

Ich klagte, im Weitergehen, sanft schmollend, über den doch fast gar zu fernen Platz, den sie mir angewiesen, und meinte, daß sie wohl statt mich zu den Fremden zu zählen, mich als einen Freund ihres Hauses hätte vorstellen können; sie schlug die Augen blitzschnell zur Erde nieder, ein dunkeler Purpur überflog von Neuem den Liliensammet ihrer Wangen, sie wollte etwas darauf erwiedern, aber der Schreck, den von der alten Bauerfrau auf das Tapet gebrachten Witz wieder, und von mir selbst berührt zu sehen, schien ihr das Zünglein gelähmt zu haben. Konnte denn für meine Eigenliebe ein zarteres Geständniß erdacht werden? sagte denn dieses Schweigen, diese Rosengluth, dieser niedergesenkte Blick, diese liebliche Verwirrung mir nicht laut, daß –

»Ah, Mutterchen ist im Garten,« hob sie, nach einem kleinen dunkelbeschatteten Hause aufsehend, an, »ich werde Sie melden« setzte sie, mit einem rückwärts geworfenen freundlichen Blick hinzu, und flog voraus; »nur nicht als Fremden« rief ich ihr nach, folgte im stillen Entzücken über die unbeschreibliche Anmuth, die das süße Zauberbild umschwebte, und begrüßte die ehrwürdige Pfarrfrau mit einer kindlichen Traulichkeit, als wäre ich bereits ihr feierlich erklärter Herr Schwiegersohn.

17.

Ich ward es noch diesen Abend. Wie das eigentlich kam, weiß ich selbst nicht. Aber es ging alles ganz natürlich zu; von Haus aus waren wir beide arm; also in diesem Punkte einander gleich. Mein Brod, und so viel, um eine kleine Frau Assessorin satt zu machen, verdiente ich. Rosalinde brachte die Kunst, sich mit Wenigem zu begnügen, mir mit in das Haus, ein Kapital, das in einer kleinen Wirthschaft auskömmliche Zinsen trägt. Darin waren wir also auch gleich. Seit lange schon hatte ich mir die Töchter des Landes im Stillen besehen. Reiche Mädchen wagte ich nicht anzusprechen, aus Besorgniß, der Assessor Habenichts werde vom Herrn Papa einen Korb bekommen; und den unbemitteltern hatte ich noch weniger den Muth mich zu nähern, weil sie fast ohne Ausnahme über ihren Stand erzogen, und dadurch auf ein Leben angewiesen waren, das ich ihnen bei meinem Einkommen nicht bieten konnte. Hier – hier in meiner wunderlieblichen Rosalinde fand ich, was ich gesucht hatte, ich fand tausendmal mehr. Mit jeder Viertelstunde, daß ich das holde Kind sprach und beobachtete, entfalteten sich neue Reize, neue Vorzüge, neue Tugenden; und ehe der Mond auftauchte aus dem stillen See unweit des Gärtchens, hatte ich meine gewichtigen Worte vor Mutter und Tochter angebracht, und war froh, daß ich es vom gepreßten Herzen herunter hatte. Beide waren wohl über die Hast des liebenden Drängers überrascht, die Alte erwiederte mit freundlichem Wohlwollen, sie habe von ihrem seligen Herrn nichts als Gutes und Liebes über mich gehört, indessen müsse sie sich doch einige Bedenkzeit ausbitten; im Ganzen fände sie sich durch meinen Antrag geehrt, und lasse ihrem Kinde völlig freien Willen. Da zog Rosalinde fröhlich weinend der Mutter Hand an ihre Lippen, ich warf mich zwischen beiden zu ihren Füßen nieder, und fragte das Mädchen meines Herzens, ob es des Lebens Freude und Leid mit mir theilen wolle, und Rosalinde sank neben mir auf ihre Knie, die Mutter segnete uns, der Mond entstieg dem stillen See und erleuchtete die blühende Gartenlaube, in der drei fromme, glückliche Menschen einander in den Armen lagen.

18.

»Wie ist mir geschehen? wie ist es möglich gewesen?« fragte sich Rosalinde, den schnellen Wechsel der Dinge nicht begreifend, mit stillen Lächeln und warf den jungfräulichen Blick gen Himmel, daß sich der Vollmond in den Thränen wundersam wiederspiegelte, die ihr in den großen schwarzen Augen schwammen.

»Das ist da oben beschlossen!« sagte die Mutter mit gläubigem Vertrauen. »Jedesmal, nun kann ich es wohl sagen, jedesmal, daß der selige Vater aus der Stadt kam, und Sie gesehen hatte, sprach er immer von Ihnen mit Enthusiasmus und feurigem Lobe; das hat Ihnen Rosalindens Herz gewonnen, ohne daß sie es selbst weiß; und wenn wir dann beide allein waren, wiederholte er immer die Behauptung, daß das ein Mann wäre, für sein Lindchen wie geschaffen. In seinem Geiste habe ich nur gehandelt, wenn ich den Zufall, der Euch, meine Kinder, so sonderbar zusammengeführt hat, für das Werk einer höhern Fügung halte, und in meinem Segen sprach ich den seinigen aus.«

Rosalinde weinte, an meine Brust gelehnt, laut; ihr nasser Blick schweifte schweigend in der unermeßlichen Sternenwelt umher, als wollte sie die Friedenswohnung des Geschiedenen erforschen. »Mein Väterchen« sagte sie halb laut, wie für sich hin, »ich suchte dich vergebens, aber deine Liebe und deine Tugenden habe ich in diesem Herzen gefunden.« Sie legte ihre kleine Hand auf meine Brust, und lispelte mit der Lauterkeit eines schuldlosen Kindes lächelnd: »Kein Fremder mehr, mein Freund, mein treu geliebter Freund;« ich umschlang trunken vom Entzücken die bräutliche Jungfrau, und saß, als unser Mütterlein, vom kühlen Abend gemahnt, schon längst sich in das Haus und zur Ruhe begeben, immer noch in der lauschigen Laube, und wollte zehnmal fort und konnte nicht. Wer es kennt, das Kosen der bräutlichen Liebe, wer es kennt, das unnennbare Glück, ein Mädchen, wie die engelgleiche Rosalinde, sein, ganz sein nennen zu können, wer es kennt, das ewige Necken und Tändeln, das Hingeben und Sträuben, das bis zum süßesten Wahnsinn gesteigerte Zauberspiel der unschuldig Liebenden, der wird die Seligkeit dieser unvergeßlichen Verlobungsnacht ermessen!

19.

Mein Director schnarchte schon, als ich heim kam, ich hatte also Niemand, dem ich meine Freude verkünden konnte; aber als früh am Morgen, wo der alte Director noch immer schnarchte, der Graf Weidenheim mich in meinem Pfarrgärtchen mit seinem Besuche überraschte, that es mir wohl, daß gerade ein alter Universitätsfreund der erste war, der aus meinem Munde die frohe Nachricht vernehmen sollte.

»Weiß schon alles,« fiel er mir theilnehmend in das Wort. »Lindchen ist heute sechs Uhr schon oben auf dem Schlosse gewesen, bei meiner Braut; um sieben Uhr war bereits Seiferdingen, auf Anstiften meines Bräutchens, bei der gnädigsten Mama, und erklärte nach heillos hitzigen Debatten den gestern abgeschlossenen Scheinhandel von Waitzenlinde für ungültig, wenn sie nicht die sonst auf ihn, als ihren Nachfolger im Gutsbesitz fallende Verpflichtung übernehme, die Ansprüche des seligen Pfarrers Ehrhard wegen der bewußten Wiesennutzung vollständig zu tilgen, die Wiese selbst aber, unweigerlich an den zeitigen Pfarrer sofort wieder zurückzugeben; indem er nicht gesonnen sey, einen Prozeß mit zu kaufen, den sie allein angezettelt habe, der noch nicht geschlichtet sey, und der für die Gutsherrschaft offenbar verloren gehen müsse. Mama hat sich anfänglich mit Händen und Füßen gestemmt; endlich ist denn, da Seiferdingen sein Ehrenwort gegeben, ohne Abmachung dieses Punktes, Waitzenlinde nicht zu kaufen, sondern heute noch wieder nach Hause zu fahren, das desfallsige Instrument gleich gerichtlich ausgefertigt worden, und heute noch wird die von Seiferdingen bedungene Summe an die Wittwe Ehrhard ausgezahlt. Die Geschichte hat mich sehr gedrückt; nun erst freue ich mich auf den Besitz von Waitzenlinde, denn ein, mit unrechtem Gute behaftetes Grundstück brennte mir unter den Füßen, und mein Bräutchen freut sich hauptsächlich, daß die Sache jetzt so gekommen; hat Ihre niedliche Rosalinde für Ihren künftigen Haushalt doch nun eine recht erkleckliche Ausstattung, und diese von Gott und Rechtswegen. Heute, mein Freund, sind Sie sammt der künftigen Frau Assessorin, feierlichst bei der Mama zur Tafel eingeladen, und Ihr beiderseitiges Wohl soll unter dem Donner der auf dem Schloßportale aufgepflanzten Pöller ausgebracht werden, so will es die kleine Gebieterin meines Herzens.«

Der Director trank sich bei den vielen Gesundheiten dieses Mittags einen Haarbeutel über den ganzen Rücken, ich gewann aber während dieses fröhlichen Mahles die Überzeugung, daß meine Rosalinde zehntausendmal hübscher und liebenswerther war, als die hochgräfliche; ihre schwesterliche Zuneigung zu meinem Mädchen und ihre gediegene Herzensgüte wogen aber die ihr im Vergleich mit Lindchen ermangelnden äußern Reize, wenigstens in meinen Augen, reichlich auf. Daß ich die glückliche Wendung der Wiesengeschichte auch dem Grafen zu danken hatte, lag am Tage; hatte er doch gestern erst sich mir als meinen ewigen Schuldner erklärt, und schien ihm doch der Umstand, daß mir jetzt dadurch etwas Gutes mit widerfuhr, ein vorzüglich erfreulicher Zufall zu sein; aber er hatte auf eine sehr zarte Weise durch die Bemerkung, daß die fragliche Entschädigung den Ehrhardschen Erben von Gott und Rechtswegen gebühre, und daß, wenn sich Jemand dabei ein Verdienst erworben, dieß nur seine Braut und Seiferdingen gewesen, jeden Dank von meiner Seite im Voraus abgelehnt.

20.

Wenige Tage nach diesen glücklichen Ereignissen ward ich von der Gränzkommission abberufen, um als Rath und Justitiarius in das Forstdepartement zu treten. Die junge Frau Forsträthin in spe begleitete mich bis zu Floßinspectors, um ihre Jugendfreundin Christine zu besuchen. Das Floßwesen gehörte zum Ressort des genannten Departements; ich nahm den alten Herrn unter vier Augen in das Gebet, und ließ einige scharfe Worte von einer Untersuchung fallen, die ihm hinsichtlich seiner Dienstführung bevorstehe, und die bei der unerbittlichen Strenge des jetzigen General-Ober-Land-Forstmeisters höchst nachtheilig für ihn ausfallen könne, wenn er sich nicht ganz rein wisse; ich tippte dabei so deutlich auf die jährliche Spazierfahrt der fünftausend Klafterchen in die Residenz, daß er merken mußte, wie genau ich von seinen bisherigen Dienstwidrigkeiten unterrichtet war. Hätte er Gewissen und Herz auf dem rechten Flecke gehabt, so hätte er mich, durch Dringen auf Beweise dieser Beschuldigungen, in keine kleine Verlegenheit setzen können; so aber rang er die Hände, schob alle Schuld auf seine Frau, nannte eine Menge ehemaliger, zum Theil schon verstorbener Vorgesetzter, mit denen er das Spiel gemeinschaftlich getrieben, und ließ mich da einen Blick in ein Gewebe von Schurkereien thun, das so fein angelegt war, daß der offenbar den Hals brach, der es anrührte, ohne der Sache selbst den geringsten Dienst zu leisten, denn jeder in meiner Stellung mußte vorhersehen, daß er hier mit seinen beschränkten Kräften und Mitteln nicht durchgreifen könne. Als den einzigen Ausweg, jeder möglichen Verdrießlichkeit zu entgehen, schlug ich ihm vor, unter dem Vorwande zunehmenden Alters, um Entlassung anzuhalten; der nicht invalide Lieutenant Ehrhard werde um die Stelle einkommen, an ihm sey es, alle seine Verbindungen in der Residenz in Bewegung zu setzen, um diesem den Posten, auf den derselbe, als Invalide, gesetzmäßige Ansprüche habe, zu verschaffen; Erhard werde sein Schwiegersohn und so bleibe die Stelle bei der Familie, und alles, bis auf die fünftausend Klaftern, die Ehrhards mir bekannt gewordene Rechtlichkeit fortan gewiß nicht heimlich mitschwimmen lasse, in statu quo, und seine arme Christine, die, sobald irgend eine Untersuchung gegen ihn verhängt werde, schuldlos geächtet, ehrlos und ewig unglücklich sey, werde die Frau des Mannes, den sie einzig und allein liebe, und ohne den, wie es mir scheine, das ganze Lehen ihr keinen Werth habe.

Der Floßinspector that in der Angst seines Herzens, wie ich ihm gerathen; der Lieutenant kam auf meine Veranlassung um die Stelle ein; das ganze Kollegium wollte ihm, als einem rechtlichen und unterrichteten Manne, wohl, und willfahrte seinem Gesuche um so bereitwilliger, als er zweimal für das Vaterland geblutet und diesem seine Gesundheit geopfert hatte, und so erhielt er den Posten, und ein halb Jahr später legten die Eltern Christinens Hand in die Seine.

Mich aber fragte gestern mein holdseliges Frauchen, ob ich noch Binsenenten machen könnte, und als ich, durch die sonderbare Frage überrascht, mich erkundigte, für wen, umschlang sie mich fröhlich weinend, schmiegte das Lockenköpfchen, über und über erglüht, mir an die Brust und lispelte mit jungfräulicher Verschämtheit, die erste mütterliche Verkündigung, »für unser Kind.«

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