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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 9
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Achter Theil.
Johann Ziska

Wir geben am Schluß des Doppel-Romans Consuelo und Gräfin von Rudolstadt diese historische Studie der Verfasserin, worin sie ihre Leser mit den historischen Ereignissen näher bekannt macht, die sie bei Gelegenheit von Consuelo's Aufenthalt auf der Riesenburg zum Verständniß des seltsamen Charakters Albert's nur flüchtig erwähnte..
Episode aus dem Hussitenkriege.

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Einleitung.

Die Geschichte Böhmens ist wenig bei uns bekannt. Um sie genauer zu studiren, müßte man der böhmischen und lateinischen Sprache mächtig sein. Da ich nun keine von beiden verstehe, sehe ich mich genöthigt aus einem dicken eben so schätzbaren als unverdaulichen Buche einige Seiten über den Hussitenkrieg als Erläuterungen, als Stützpunkte (wie man es, glaub' ich, nennt), und als Documente auszuziehen, um mich bei den beiden Hauptreihen der Abenteuer, die ich unter dem Titel » Consuelo« zu schildern unternommen habe, darauf zu berufen.

Als ich, die Spur meiner Heldin folgend, Böhmen durcheilte, setzte mich die Erinnerung an die alten Heldenthaten des Johannes Ziska und seiner Gefährten in Staunen. Ich zeichnete dann einige Bemerkungen auf, die ich dem Publikum jetzt übergebe, indem ich meine Leser bitte, sie weder für einen Roman noch für Geschichte zu halten, sondern nur für die einfache Erzählung der wahrhaften Ereignisse, deren Sinn und Bedeutung ich mehr in meinem Gefühle, als in den Finsternissen der Gelehrsamkeit gesucht habe.

Die Personen, die sich der Romanlectüre ergeben, rühmen sich im Allgemeinen keines größern Wissens als die Romane schreiben. Es ist also geschehen, daß mehrere Damen mich gefragt haben, wo der Graf Albert von Rudolstadt den Johannes Ziska aufgefischt hätte; was Johannes Ziska in einem, im achtzehnten Jahrhundert spielenden Roman mache; endlich, ob Johannes Ziska eine erdichtete oder historische Person wäre.

Weit entfernt diese heilige Unwissenheit zu verachten, bin ich erfreut, meinen geduldigen Leserinnen das Wenige mittheilen zu können, was ich darüber gelesen habe und es mit einigen Widersprüchen zu bereichern, die ich mir erlaubt habe aus bessern Quellen – darf ich sagen zuweilen unter meiner eignen Kappe? – zu schöpfen.

Warum nichts Ich habe immer die Ueberzeugung gehegt, daß ein trockner Gelehrter nicht den Werth eines Schülers hätte, der in seinem Herzen das Bewußtsein menschlicher Geschicke reden hört.

Meine Erzählung beginnt am Ende jenes berühmten und scandalösen Conciliums von Konstanz, wo die Scheiterhaufen des Johannes Huß und Hieronymus von Prag die Langweile der ehrwürdigen Väter und Prälaten ein wenig zerstreuten, welche in der gelehrten Versammlung saßen. Man weiß, daß es sich darum handelte einen Papst anstatt der zwei zu erhalten, die zum großen Aergerniß der Frommen sich um die Herrschaft der geistlichen Welt stritten. Es gelang ihnen drei zu erhalten.

Der Streit war lang und langweilig. Die reichen Aebte und majestätischen Bischöfe hatten wohl ihre Mätressen bei sich, Kostnitz hatte die schönsten und reichsten Curtisanen der Welt in sich versammelt, aber, lieber Gott! man wird Alles überdrüssig!

Die Kirche jener Zeit war nicht blos für die Wollust geboren, sie fühlte auch eine Lust nach der Herrschaft, welche die unruhigen, beweglichen Nationen sonderbar verkannten; ein kleines Bedürfniß der Rache machte sich von selbst fühlbar.

Der große Theolog Johann Gerson war von Seiten der Universität Paris gekommen, um die Verdammung eines seiner Collegen, Dr. Jean Petit, zu verlangen, welcher, wenig Jahre zuvor, die Ermordung des Herzogs von Orleans in Form einer Thesis zu Gunsten des Tyrannenmordes vertheidigt hatte. Jean Petit war die Creatur des Mörders Jean sans Pent, Herzogs von Burgund. Obgleich den Orleanisten ergeben, ward Johann Gerson anscheinend von einem edlern Gefühl bewegt. Ihm lag es am Herzen, die Ehre der Universität zu vertheidigen und die gottlosen Lehrsätze des blutigen Advocaten mit Schmach zu bedecken. Er erhielt keine Gerechtigkeit; und da er seinen Unwillen an Jemand sättigen wollte, erbitterte er sich für die Verdammung des Johannes Huß, des Doktors der Universität Prag, des Theologen Böhmens, des Repräsentanten der religiösen Freiheiten, die diese Nation seit Jahrhunderten in Anspruch nahm.

Wahrlich, eine sonderbare Art Grauen für vergossenes Blut zu zeigen, wenn man einen rechtlichen Mann wegen abweichender Meinungen Aus Ueberdruß an dem öffentlichen Leben oder durch Gewissensbisse getrieben endigte Johann Gerson seine Tage in einem Kloster, wo er das Buch de Imitatione Christi und später die Vertheidigung der Johanna von Arc schrieb. S. die treffliche Histoire de France von Henri Martin. den Flammen übergiebt; doch das war die Moral jener Zeit; und man muß schon ohne zu großes Entsetzen das Schauspiel der furchtbaren Krankheiten muthig beobachten, aus denen sich die männliche Kraft des noch in den Banden einer wilden blinden Jugend zurückgehaltenen Verstandes entwickelte. Ohnedem würden wir die ganze Geschichte nicht begreifen, und gleich nach der ersten Seite dieses mit Blut geschriebene Buch schließen.

Also, geliebte Leserinnen, keine Schwäche! Merken Sie sich das, ehe Sie die finstere Gestalt des Johannes Ziska betrachten; im fünfzehnten Jahrhundert, um nur von ihm zu sprechen, vergossen Könige, Päpste, Bischöfe und Fürsten, Volk und Soldaten, Barone und Leibeigene – Alle das Blut, wie wir heute Tinte vergießen. Die civilisirtesten Nationen Europa's boten nur ein weites Mordfeld und das Leben eines Menschen war, in den Händen von Seinesgleichen so wenig, daß es sich nicht der Mühe lohnte, davon zu sprechen.

Soll das heißen, das Gefühl des Wahren, der Begriff des Gerechten sei den Menschen jener Zeit unbekannt gewesen? Ach! wenn man das Ganze übersieht, so ist man bereit, Ja zu sagen; doch wenn man genauer das Einzelne betrachtet, so findet man in dieser göttlichen Schöpfung, die man Menschheit nennt, wohl den fortdauernden Kampf der Wahrheit gegen die Lüge, des Rechts gegen das Unrecht. Die, wenn auch zahllosen Verbrechen gehen nicht unbemerkt vorüber. Die Zeitgenossen, welche uns die düstere Schilderung überliefert haben, seufzen darüber, zwar mit Parteilichkeit, doch hörbar. Jeder weint über seine Anhänger und Freunde, Jeder verflucht und verdammt die Gräuelthaten der Andern; aber Jeder rächt sich und das Wiedervergeltungsrecht scheint bei diesen blutgierigen Christen, die nicht an die irdische Wohlthat des Erbarmens denken, ein heiliges Recht zu sein. Man streitet eifrig über die Gerechtigkeit der Ursachen, man prüft niemals die der Mittel; dieser letztere Begriff scheint noch gar nicht vorhanden zu sein.

Die Philosophie, welche das achtzehnte Jahrhundert unter dem Namen der Duldsamkeit gepredigt hat, ist die erste in der Welt erhobene Fahne gewesen, um den Geist des Katholicismus zur christlichen Milde zu führen. Bis dahin predigt der Katholicismus nur mit dem Henker an seiner rechten und dem Beichtvater an seiner linken Seite, und selbst dann noch, wenn die Toleranz sich bemüht, den Marterknecht von ihm zu entfernen, widersteht, droht, anathematisirt der Katholicismus, verbrennt Jean Jacques Rousseau's Schriften, behandelt Voltaire als Antichrist und stellt eine auffallende, vielleicht ewige Trennung mit der Philosophie her.

So war denn im fünfzehnten Jahrhundert Krieg, überall Krieg. Der Krieg ist die unvermeidliche Entwicklung der socialen Einheit und religiösen Erziehung. Ohne Krieg keine Nationalität, kein geistiges Licht, keine einzige Frage, die die Finsterniß durchdringen könnte. Um der Barbarei zu entgehen, mußte unser Geschlecht mit allen Mitteln der Barbarei ringen, Kampf oder Tod, blutiges Sterben oder Vernichtung; so war die Frage unbesieglich gestellt. Fügen Sie sich darein, oder Sie finden in der Geschichte der Menschheit nur eine tiefe Nacht, in dem Werke der Vorsehung nur Laune und Lüge.

Ich mußte bei dieser, schon längst bekannten Wahrheit verweilen, ehe ich Sie auf die rauchenden Gefilde Böhmens führte. Wenn ich Sie, zarte Leserin, gleich eintreten ließe, würden Sie, erschreckt, bei jedem Schritt auf Ruinen und Leichname zu stoßen, vielleicht glauben, Böhmen wäre damals eine barbarischere Nation als die andern gewesen; ich muß Sie also zuvor bitten, Madame, einen Blick auf unser schönes Frankreich zu werfen, und zu sehen, was es zu jener Zeit, d. h. während der letzten Jahre des unglücklichen Karl's VI., war.

Auf der einen Seite verwüsteten die Armagnaken die Felder bis an die Thore von Paris und plünderten und mordeten ihre Landsleute ohne Erbarmen, ein Herr von Vauru hängt an die Eiche von Meaux ein fünfzig Stück Menschenwild auf, die man alle Morgen baumeln sah S. Henri Martin.; ein Dauphin von Frankreich ermordet verrätherisch seinen Vetter auf der Brücke von Montereau, vergiftet seine Mutter, giebt seinen blödsinnigen Vater allen Leiden seiner Lage und allen Gefahren seines Stumpfsinnes preis; auf der andern Seite hält ein Herzog von Burgund, Mörder seines nahen Verwandten, mit Hülfe des Henkers Capeluche, mit Schlächtern und Mördern über seine Feinde Gericht; jede Partei verkauft für sich ihr Vaterland an England; die Engländer stehen vor den Thoren von Paris; in Paris herrscht Hungersnoth, Pest, Anarchie, Muthlosigkeit, nutzlose, wilde Rachgier; die Gefangenen sterben zu Hunderten in den Kerkern des Châtelet vor Hunger oder von Mördern erwürgt; die Seine wird von unzähligen Ledersäcken voll Leichnamen gedämmt; eine feiste in Liederlichkeit versunkene Königin; jedes Glied der königlichen Familie stiehlt die Schätze der Krone, verwüstet die Kirchen, drückt das Volk mit Abgaben zu Boden; dieser läßt das Reliquienkästchen des heiligen Ludwig einschmelzen, um eine Orgie zu bezahlen, jener entreißt den Unglücklichen den letzten Heller, um einen Zug gegen den Feind zu unternehmen, an den er gar nicht einmal zu denken wagt; vergeblich verlangen die Schaaren der Söldner ihren Sold, sie erhalten zur Entschädigung die Erlaubniß, das Land mit Feuer und Schwert zu verheeren; und am Tage des Begräbnisses Karl VI., wo kein einziger dieser Prinzen zurückblieb, um seinen Sarg zu begleiten, rief der Herzog von Bedford an diesem verfluchten Grabe: »Es lebe der König von Frankreich und England, Heinrich VI.!«

Nun, während Frankreich in einem solchen Todeskampfe lag, bot Böhmen ein nicht weniger entsetzliches, aber heroisches und großartiges Schauspiel dar. Eine Handvoll unbesieglicher Fanatiker warf die ungeheuern Heerhaufen Deutschlands zurück; Metzeleien und Mordbrennereien dienten wenigstens einen großen Schlag, ein patriotisches Werk zu versuchen; und wenn Böhmen endlich unterlag, so geschah es mit eben solchem Ruhm, als jene muthigen Männer von Ghent, deren Geschichte fast gleichzeitig ist.

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Johannes Ziska.

1.

Wenzel von Luxemburg herrschte in Böhmen. Frankreich hatte diesen rohen Monarchen gesehen, als er nach Rheims gekommen war, um mit den Fürsten des heiligen Reichs und Frankreichs sich wegen der Ausschließung des Gegenpapstes Bonifacius zu besprechen. »Wenzel's Gewohnheiten gemeiner Völlerei fielen dem französischen Hofe sehr auf, der wenigstens bei seiner Lüderlichkeit Eleganz zeigte; der Kaiser war von frühem Morgen an betrunken, wenn man ihn zu den Conferenzen aufsuchte S. Henri Martin.

Zur Zeit des Kostnitzer Conciliums und der Hinrichtung des Johannes Huß war Wenzel schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr Kaiser. Sein Bruder Sigismund hatte ihn endlich durch die Kurfürsten des römischen Reichs, in der Hoffnung, sein Nachfolger zu werden, absetzen lassen; doch sein Ehrgeiz wurde getäuscht und der Reichstag erwählte unter mehreren Bewerbern, von denen der Eine durch die Andern ermordet wurde, den Kurfürsten Ruprecht von der Pfalz.

Diese Wahl wurde nicht allgemein anerkannt. Aachen weigerte sich, Ruprecht zum römischen König zu krönen; mehrere andere Reichsstädte wollten den Eid, welchen sie dem gesetzlichen Nachfolger Carl's IV. Gestorben 1378. geleistet hatten, nicht verletzen. Ein Theil des Reichs entrichtete die Abgaben an Wenzel, der andere an Ruprecht.

Sigismund suchte von Allen Vortheil zu ziehen, überschwemmte Böhmen mit seinen Truppen, verheerte es durch seine Raubzüge, maßte sich, in Erwartung eines Bessern, die wirkliche Souveränetät an, verfolgte seinen Bruder in das Innere seines Reichs, brachte die Nation gegen ihn zum Aufstande und mühte sich, die letzten Hülfsmittel dieses schon todten Willens zu vernichten.

So glich der päpstlichen Würde nichts mehr als das Reich, da man zu derselben Zeit drei Päpste um die dreifache Krone sich streiten und drei Kaiser sich das Scepter aus den Händen reißen sah. Und man kann auch sagen, daß nichts Frankreich mehr glich, als Böhmen. In dem Einen ein unthätiger, falscher, der Trunkenheit und jeder Rohheit ergebener König; in dem Andern ein wahnsinniger Fürst, weniger verhaßt, aber eben so ohnmächtig. In Frankreich die Zwistigkeiten Armagnaks und der Burgunder und zwischen Beiden ein wild aufgeregtes Volk. In Böhmen die Raubzüge Sigismund's, der Widerstand eines weichlichen und zugleich grausamen Hofes und die im Namen von Johannes Huß sich zum Sturm bereitende Stimme des Volks. Doch hier war diese Volksstimme groß und mächtig, während sie bei uns der Knebel des Fremdlings mit all zu vielen Leiden und Zwistigkeiten erstickte.

Wenzel hatte sich vom Anfang an durch seine rohen Sitten und seine Thatlosigkeit verhaßt gemacht. Als sich im Jahr 1384 einige Große offen gegen ihn erklärten, rief er die Deutschen, mit Ausschluß seiner eigenen Unterthanen, um sein Land in Gehorsam zu erhalten und ließ die Unzufriedenen auf öffentlichem Marktplatz hinrichten.

Die stolze böhmische Nation konnte diesen Schimpf nicht ertragen und verzieh es ihm nie, Fremde zu seiner Hülfe herbeigerufen zu haben, um seinen Adel zu decimiren. Das war der Hauptgrund, welchen man bei der Erhebung des Volkes gegen ihn, die in der Folge ausbrach und an welcher Johann Huß im Namen der Universität Prag einen bedeutenden Theil nahm, zum Vorwand benutzte. Man warf ihm ferner die Ermordung des Johannes von Nepomuk bitter vor, jenes ehrwürdigen Geistlichen, den er hatte in die Moldau stürzen lassen, weil er die Beichte seiner Gemahlin nicht offenbaren wollte. Endlich wurde der Tod dieser frommen und sanften Johanna seinen Mißhandlungen zugeschrieben.

Wechselsweise ein Räuber der Kirchengüter und Verfolger der Ketzer, angeklagt von den Rechtgläubigen, die Hussitische Ketzerei begünstigt und von den Reformatoren Johann Huß der Wuth des Concils preis gegeben und dessen Schüler mißhandelt zu haben, fand er nirgends Theilnahme, weil er nie für irgend Jemand Theilnahme gezeigt hatte.

Sigismund unterstützte die Unzufriedenen, um ihm ein böses Spiel zu machen, und 1393 ward Kaiser Wenzel eines schönen Morgens im Stadthause verhaftet, wie ein von der Patrouille aufgebrachter Trunkenbold. Er entkam fast nackt in einem Kahne, wo ein Weib aus dem Volke ihn aufnahm, so daß er, wie man sagt, sie zu seiner Gemahlin erhob.

Doch Sigismund warf die Maske ab und drang in Böhmen ein. Die Böhmen nahmen sich wieder ihres Schattenkönigs an, um den Thronräuber in Respekt zu halten und zurück zu weisen. Wenzel wurde dadurch nicht klüger und verkaufte nach und nach sein Königreich, um trinken zu können. Er fing mit der Lombardei an, die ein Reichslehen war und die er für 150 000 Goldgülden an Johann Galeazzo Visconti verschenkte. Er hatte schon die Städte, Burgen und Schlösser Bayerns verloren, welche der Kurfürst von der Pfalz Ruprecht, ihm entrissen hatte, so daß er, in die Reichsacht erklärt, von den Seinigen gehaßt, von, allen verachtet, den Tag vor seiner zweiten Ehe mit Sophie von Bayern abgesetzt, sich im Jahre 1400 auf sein kleines Böhmen beschränkt sah.

Für einen gerechten, von seinem Volke geliebten Fürsten wäre das noch immer eine unbesiegbare Burg gewesen. Die Zwistigkeiten und die Theilungen der großen geistlichen und weltlichen Mächte bewiesen damals hinreichend, daß nur in dem Nationalgefühl einiger ritterlich gesinnter Raçen noch Kraft vorhanden war. Doch Wenzel wußte und konnte in nichts eine Stütze finden.

Im Jahre 1401 wurde er »in seine bösen Leidenschaften zurückgesunken« von den Großen gefangen genommen und in den schwarzen Thurm des Prager Schlosses eingesperrt. Von einem festen Schlosse in das andere gebracht, lebte er fast ein Jahr lang in Gefangenschaft. Endlich entfloh er wieder auf einem Kahne.

Böhmen nahm ihn von Neuem auf, weil Sigismund das Land mit einem ungarischen Raubheer verwüstete. »Es überließ sich entsetzlichen Ausschweifungen, überall, wo es sich zeigte, mordend und den Frauen Gewalt anthuend. Sie nahmen auf ihre Sättel Knaben und junge Mädchen und verkauften sie wie junge Ziegen. Sigismund zeigte sich nicht weniger grausam als seine Leute; da er eine Burg, die er belagerte, nicht gewinnen konnte, lockte er unter glänzenden Versprechungen den jungen Procopius, den Markgrafen von Mähren, einen Fürsten aus königlichem Geblüte, an sich und ließ ihn an eine Wurfmaschine, die an der Mauer war, anbinden, so daß die Belagerten gezwungen waren, ihren Herrn mit Pfeilschüssen zu tödten.« Als der Unglückliche von den erhaltenen Wunden wieder genaß, ließ ihn Sigismund nach Braunau führen und gab ihn dem Hungertode preis.

Wenzel brauchte sich nur den unerschrockenen Böhmen zu zeigen, so wurde Sigismund zurückgeworfen; doch mehrere der Hauptfestungen blieben in dessen Händen und man kann behaupten, daß bis zum Hussitenkriege diese von einem Schattenkönig regierte und von einem inneren Feinde bewachte Nation sich zu der republikanischen Verfassung heranbildete, nach der sie sich schon lange sehnte und die sie in Ausübung bringen wollte.

Während dieser Art eines Zwischenreichs, das noch fünfzehn Jahre dauerte, gewann zwar die Anarchie zuweilen die Oberhand und lähmte die Mittel der materiellen Entwickelung, doch arbeitete man dagegen auch lebhaft an der Wiederherstellung der religiösen und socialen Ideen. Der reformatorische Geist, der unter verschiedenen Benennungen und Formen in Frankreich, Holland, England, Italien und Deutschland seit mehreren Jahrhunderten gährte, begann in Böhmen einen festen Sitz zu gewinnen und jene mächtigen Kämpfe vorzubereiten, welche die Einrichtung und die Wirksamkeit der Inquisition beeilten.

Einige historische Erinnerungen sind hier durchaus nothwendig, um die kurze Wirksamkeit von Johannes Huß (von 1407 bis 1415), den wunderbaren Einfluß, den er im Lauf dieser sieben Jahre über sein Vaterland ausübte und das unerhörte Aufsehen erklärlich zu machen, das sein Märtyrertod hervorbrachte, den die vierzehn blutigen Jahre des Hussitenkrieges der katholischen Partei so furchtbar abbüßen ließen.

Das slavische Geschlecht der Czechen, das wir mit Unrecht Böhmen Es ist eben so, als wenn das Ausland, statt uns unsren glorwürdigen Namen Franken zu geben, hartnäckig dabei bleiben wollte uns Celten zu nennen. Die Boier wurden aus dem Lande, dem sie den Namen Böhmen hinterlassen haben, fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung vertrieben, und die Czechen sind ein ganz anderes Geschlecht. nennen, hatte Institutionen bewahrt, die aus seinem eigenen Geiste hervorgegangen waren und seit den Zeiten der Königin Libussa bis zu der von Wenzel V. im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts, kein fremdes Joch ertragen. Die Herrschaft der Przemysl, der Herzoge von Böhmen hatte also sechs Jahrhunderte gedauert.

Der erste Przemysl, der Stammvater dieses berühmten Geschlechts, war, nach der Sage, ein einfacher Bauer, den die Königin Libussa vom Pfluge wegnahm, (wie Rom den Cincinnatus) um ihn zu ihrem Gemahl und zum Fürsten ihres Volkes zu machen. Die naive und rührende Volkssage des alten Böhmens erzählt, sie habe ihn seine groben Bauernschuhe bewahren lassen und er habe sie seinem Sohn und Nachfolger übergeben, damit er seinen bäuerischen Ursprung und die Pflichten, die dieser ihm auferlege, nicht vergesse Diese Sage von einem Bauernkönig findet sich bei allen slavischen Völkern..

Wladislav II. war der zweite seiner Nachkommen, welcher den Königstitel trug. Dieser Titel war ihm von Friedrich Barbarossa ertheilt worden. Doch scheint es, als wenn dies für dieses Geschlecht ein verhängnißvolles Zeichen gewesen wäre. Der Eroberungsgeist, welcher sich der böhmischen Fürsten bemächtigte, mußte, nach dem ewigen Gesetz, die Nationalität ihrer Herrschaft vernichten.

Przemysl Ottokar II. besaß neben Böhmen auch Oesterreich, Steyermark, Krain, Istrien, einen Theil Kärnthens und sogar einen Seehafen, was, im Vorbeigehen gesagt, das Andenken Shakspeare's von einem großen geographischen Fehler reinigen könnte Bekanntlich läßt er in einem seiner Dramen in einer unbestimmten Zeit eine seiner Personen auf einem Schiffe an der Böhmischen Küste landen. Das könnte leicht der Hafen Naon sein, den der König Ottokar kaufte, welcher pomphaft die Gränze seines Reichs bis an das Ufer des adriatischen Meeres ausdehnte.. Er führte mit den preußischen Bauern Krieg, diktirte ihnen Gesetze, baute Königsberg, nahm Verona, Feltre und Treviso unter seinen Schutz und schlug, wie man sagt, aus Stolz mehr als aus Bescheidenheit, die Krone des deutschen Reichs aus, die dem Rudolph von Habsburg zufiel, welcher ihn eines Theils seiner Besitzungen beraubte.

Nach ihm wurde Wenzel IV. von den Polen zum König gewählt. Wenzel V., welcher Ungarn mit seinen Besitzungen vereinigte, ging in Ausschweifungen unter, wurde zu Olmütz ermordet und schloß die Nationaldynastie.

Fünf Jahre später bestieg Johann von Luxemburg den böhmischen Thron und der deutsche Einfluß begann die, seit so vielen Jahrhunderten zum ersten Mal in die Hand eines Ausländers gegebenen Böhmen zu erbittern. Johann, ein geschickter, ehrgeiziger Politiker, begriff seine Rolle, schickte die Deutschen fort und führte seinen Adel in den Krieg mit dem Auslande. Er ging endlich selbst aus dem Lande, unter dem Vorwande einer Krankheit, doch in der That, um den Böhmen Zeit zu lassen, sich an seine Herrschaft zu gewöhnen. Er unternahm mehrere Reisen nach Frankreich, besuchte die Päpste in Avignon, und während er die gesundere Luft dieser Gegenden einathmete, brachte er eines schönen Tages, kraft eines päpstlichen Dekrets, seinem Sohne die Kaiserkrone mit.

Dieser Sohn war Carl IV., als Kaiser erster König von Böhmen. Seine bedeutenden Unternehmungen gaben diesem Lande einen Glanz, den es noch nie gehabt hatte. Er baute die Neustadt Prag, ließ ein Gesetzbuch ausarbeiten, gründete das Collegium in Carlstein und versuchte die Moldau mit der Donau zu vereinigen. Sein größtes Werk aber war die Gründung der Universität in Prag, nach dem Muster der in Paris, wo er studirt hatte. Dieses gelehrte Institut wurde schnell berühmt und erzeugte Johannes Huß, Hieronymus von Prag und mehrere andere ausgezeichnete Männer, das heißt, den Hussitismus, eine ideale Republik, welche bald die Nachkommen seines Gründers in einen furchtbaren Krieg verwickeln sollte.

Carl IV. liebte demungeachtet diese Universität, sein edles Kind, zärtlich. Er fand an den gelehrten Streitigkeiten so viel Vergnügen, daß er, wenn man ihm mit der Ankündigung, das Mittagsessen sei bereit, dabei störte, auf die im Kampf erhitzten Doctoren zeigend, antwortete: »Hier ist mein Mahl, ich habe keinen andern Hunger.« Trotz dieser väterlichen Fürsorge für die Erziehung der Böhmen liebten ihn diese nie und warfen ihm vor, er beschäftige sich zu sehr mit seinen Familieninteressen. Der Vorwurf war vielleicht ungerecht, aber diese Familie hatte den unverzeihlichen Fehler, dem Auslande anzugehören: man ließ ihr ihn stets empfinden.

Unter dem Trunkenbold Wenzel, dem Sohne Carls IV., wurde die Universität Prag in sich selbst stark, gewann eine ungeheure Popularität und brachte den Johannes Huß hervor, den sie, als den schönsten Edelstein ihrer Krone, auf das Concil von Kostnitz schickte. Die Väter des Concils sandten ihr nicht einmal seine Asche zurück. Die Universität ließ Böhmen, dessen Haupt und Herz sie geworden war, Hannibals Schwur gegen Rom schwören.

Man darf jedoch nicht glauben, daß die Umwandlung dieses kriegerischen Volkes in ein denkendes und theologisches, die Sache weniger Jahre und das ausschließliche Werk der Universität gewesen wäre. So entwickelt sich das Leben einer Nation nicht. Den Vätern des Concils ist es erlaubt, in dem Styl jener Zeit zu sagen, das bis dahin der Religion treu zugethane Königreich Böhmen sei plötzlich der Cloak aller Sekten geworden. Doch schon lange hatte sich Böhmen der Ketzerei zugewandt und die ganze, von diesem Gift angesteckte civilisirte Welt flößte ihm tropfenweise den gefährlichen Trank ein.

Wenn ich diese Geschichte für ernste Männer schriebe (wie man in dieser Zeit, wo so wenig Ernst herrscht, so viele Männer nennt), so könnte ich nichts Geringeres thun, als jetzt die Geschichte der Ketzerei ausstellen. Ich müßte dann, um zu ihrer Wiege zu kommen, bis zur Wiege der Kirche zurückgehen; das wäre ein wenig langweilig und schwerfällig.

Beruhigen Sie sich, meine Damen, ich schreibe für Sie, und als ein guter Freund von Ihnen, will ich sie in wenig Worten zusammenfassen, um so mehr, da es in dieser Hinsicht noch keine Geschichte giebt, und die Geschichte noch nicht gemacht ist. Es giebt nichts Dunkleres und Ungewisseres als die Gewißheit mancher Thatsachen aus der Vergangenheit. Vielleicht sollte man sich damit beschäftigen, auch die der idealen Thatsachen ein wenig aufzusuchen. Wenn man über die moralischen Ursachen der Ereignisse sorgfältig nachdächte, so würde man vielleicht den Gang dieser Ereignisse auf eine befriedigendere Weise feststellen; brächte man ein wenig mehr Gefühl zum Studium der Geschichte, so würde man, glaube ich, Manches errathen, was die bloße Gelehrsamkeit vielleicht nie im Stande sein wird festzustellen.

Die Geschichte des menschlichen Gedankens errathen, dazu sind wir in der That in dieser Zeit der Zweifelsucht nach so vielen Jahrhunderten der Heuchelei gezwungen. Was sag' ich! Heuchelei und Zweifelsucht gehören allen Zeiten an, und die Geschichte, namentlich die Geschichte der Religion ist fast immer unter dem Einfluß der einen oder der andern geschrieben worden.

Die Kirche hat die Geschichte geschrieben, und zwar in den vergangenen Tagen vorzugsweise und am besten: die Kirche war genöthigt, sie ihren Interessen, ihrem Groll oder ihrem Abscheu gemäß zu schreiben. Die Fürsten haben die Geschichte schreiben lassen und sind dem Beispiel der Kirche gefolgt. Da die geistliche und weltliche Macht in ewigem Kampfe lag, so sind schon zwei große Widersprüche zwischen den Geschichtschreibern der beiden Feldlager erklärt.

Ferner haben Philosophen und Ketzer die Geschichte geschrieben: Groll und Bitterkeit gegen die unterdrückenden Mächte, Furcht und Eifersucht unter den verschiedenen Sekten, Unwissenheit und Uebereilung des Urtheils, das findet man bei den meisten dieser Geschichtschreiber. Neue Widersprüche! wo ist denn inmitten dieses Kampfes die Wahrheit der Geschichte? Die Geschichte ist nicht vorhanden, ich schwöre es Ihnen, mögen die Pedanten davon denken, was sie wollen!

Doch da die Vorsehung nichts zwecklos macht, so thut auch die Menschheit, in und durch welche bei uns die Vorsehung wirkt, nichts Zweckloses. Die Vergangenheit hat Berge von Materialien vor uns aufgehäuft, die Zukunft wird daraus Nutzen ziehen. Die Gegenwart erschrickt darüber und nähert sich mit furchtsamer Hand, doch sobald großartige Gesinnungen erwachen, sobald ein Jahrhundert der Aufklärung kommt, das weder das von Leo X. noch das von Louis XIV. sein wird, sondern ein Jahrhundert der Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe, dann wird die Geschichte erstehen und unsere Enkel werden eine klare und wohlthuende Idee davon haben.

– Wie? sagen Sie mir, wir haben keine Geschichte? Was haben wir denn in unsern Klöstern gelernt?

– Ach, meine Damen, Sie haben nur das Evangelium auswendig gelernt und auch das noch nicht einmal verstanden. Ihre Töchter können vielleicht anfangen, etwas zu begreifen, denn man hat angefangen, im Vergleich mit denen der Vergangenheit, gute Werke für die Jugend zu schreiben. Einige hochgesinnte Geister haben von Jahrhundert zu Jahrhundert ein wachsendes Licht in diesen finstern Abgrund geworfen. In unsern Tagen haben treffliche Gelehrte den Weg angezeigt; der Begriff einer neuen, der alten weit überlegenen Methode fängt an sich zu verbreiten und wird, trotz der skeptischen Heuchelei der Kirche und des heuchlerischen Skepticismus der Universität immer volksthümlicher.

Aber die schönen Arbeiten, die wir jetzt über Geschichte besitzen, sind nur noch kurze Ueberblicke des Gefühls, Blitze der Divinationsgabe. Ich habe es Ihnen gesagt, wir müssen die Geschichte nur errathen, so lange sie nicht wirklich besteht und uns völlig erläutert und enthüllt überliefert wird.

Ich gebe zu, daß manche Hauptpunkte von Lüge und Unwissenheit frei genug sind, um ein richtiges Urtheil darüber zu fällen. Wenn überall die Arbeit schon so weit gediehen, das Werk aus dem Groben herausgearbeitet wäre, daß Vernunft und Gefühl nichts mehr zu thun hätten, als sich über die Folgen und die Moralität der Thatsachen auszusprechen, so wären wir schon sehr weit und brauchten uns nicht zu beklagen; morgen früh würden wir schon unsern Herodotus und Tacitus haben.

Doch so weit sind wir noch nicht und unsere gelehrtesten Meister gestehen, daß manche Punkte (und nach meiner Ansicht sind es die wichtigsten) in einen dichten Nebel gehüllt sind.

Das ist der Fall mit der Ketzergeschichte; ich spreche nur von dieser, obgleich die Geschichte der officiellen Religion, die man Ihnen gelehrt hat und die Sie Ihren Kindern lehren, eben so lügnerisch, eben so dunkel und eben so ungewiß ist. Doch mein Gegenstand zwingt mich, auf die erstere mich zu beschränken, und ich frage Sie, ob Sie etwas davon wissen? Schämen Sie sich nicht, mit Nein zu antworten. Ihre Professoren wissen eben so wenig davon.

Und wie sollten sie es wissen? Stellen Sie sich vor, Madame, die eine ganze Hälfte der geistigen und moralischen Geschichte der Menschheit ist hier von der andern Hälfte des Menschengeschlechts vernichtet worden, weil sie sie bedrohte und belästigte. Ich muß den Versuch wagen, Ihnen begreiflich zu machen, wovon es sich handelt, und Sie werden dann sehen, daß diese heilige Mutter die Ketzerei uns eben so rechtmäßig, eben so kräftig erzeugt hat, als unsere andere Mutter, die heilige Kirche. Die eine hat uns getauft, zur Beichte gerufen und uns von Jahrhundert zu Jahrhundert an das Tageslicht geführt; die andere hat unser Herz bearbeitet und unsern Geist erwärmt; sie hat uns begeistert, vorwärts gedrängt von Jahrhundert zu Jahrhundert durch ihre geheimnißvollen und immer beredten Stimmen; aus der Tiefe rufe ich zu dir, das ist der herrliche Gesang, das der kräftige Schrei der in die Kerker versenkten, unter brennende Holzstöße begrabenen, lebendig in das Grab geschlossenen Ketzerei, wie er noch jetzt aus den finsteren Abgründen der Geschichte sich hören läßt.

Frauen, wenn ich mich erinnere, daß ich für Euch schreibe, so fühle ich mein Herz erleichtert; denn ich habe nie daran gezweifelt, daß bei allen Euren Lastern und Irrthümern, Eurer Trägheit, Eurer abgeschmackten Koketterie und kindischen Frivolität etwas Reines, Begeisterndes, Offenherziges, Großartiges und Edles in Euch lebt, das die Männer verloren haben, oder noch nicht besitzen. Ihr seid schöne Kinder, Euer Kopf ist schwach, Eure Erziehung jämmerlich, Eure Voraussicht unbedeutend, Euer Gedächtniß leer, Eure Denkfähigkeiten ohne Leben.

Die Schuld liegt nicht an Euch. Gott hat gewollt, daß in der Unthätigkeit Eures Verstandes sich Euer Herz freier entwickele als das der Männer, und daß Ihr das geheiligte Feuer der Liebe, die Schätze der Hingebung, die rührenden Reize romanhafter Sorglosigkeit und blinder Uneigennützigkeit bewahren solltet.

Deshalb, Ihr armen Frauen, ihr edlen Wesen, die der Mann nicht herabzuwürdigen vermocht hat, deshalb muß Euch die Geschichte der Ketzerei besonders interessiren und rühren; denn Ihr seid die Töchter der Ketzerei, Ihr seid Alle Ketzer; Ihr Alle protestirt in Eurem Herzen, Ihr Alle protestirt ohne Erfolg. Wie die Stimme der protestantischen Kirche aller Jahrhunderte ist Eure Stimme unter dem Urtheilsspruch der officiellen socialen Kirche erstickt worden. Ihr Alle seid von Natur unter der Nothwendigkeit Zöglinge des heiligen Johannes, des heiligen Franz und der übrigen großen Apostel des Ideals.

Ihr seid alle arm wie die ewigen Jünger des evangelischen Pauperismus; denn nach dem Gesetz der Ehe und der Familie habt Ihr keinen Güterbesitze und diesem Mangel an Macht und Wirksamkeit auf die zeitlichen Interessen verdankt Ihr diese ideale Richtung, jene Macht des Gefühls, jene Großartigkeit der Selbstverläugnung, die Eure Herzen zum innersten Heiligthum der Wahrheit, zu den höchsten Opferaltären macht.

Ich werde also versuchen, Euch die Geschichte der Ketzerei aus dem Gesichtspunkte des Gefühls darzustellen, weil das Gefühl die Pforte zu Eurem Verstande ist.

Ihr müßt doch wohl wissen, daß in unsrer Zeit ein großer Kampf ausgebrochen ist zwischen den Reichen und Armen, zwischen den Klugen und Einfältigen, zwischen der großen Zahl derer, die schwach durch Unwissenheit, und der kleinen Zahl anderer, welche diese durch List zu ihren Zwecken benutzt. Ihr wißt, daß mitten in diesem Kampf, dessen Fortdauer Gottes Absichten entgegen sein würde, tiefe Ideen aufgestiegen sind, daß sie allerlei Formen, selbst die des Irrthums und der Thorheit angenommen haben; daß endlich sich viele philosophische Sekten in das Reich der Geisterwelt theilen.

Ihr habt von Denen sprechen hören, welche die französische Revolution hervorgebracht haben, den Jacobinern, den Männern des Berges, den Girondisten, den Dantonisten, den Babouvisten, sogar den Hebertisten u. s. w. Seit fünfzehn Jahren habt Ihr andere Sekten ihre Banner entfalten und andere Ideen oder vielmehr dieselben Ideen bei den Saint-Simonisten, Doctrinären, Fourieristen, Communisten von Lyon und Chartisten Englands u. s. w. neue Formen annehmen sehen.

In allen diesen philosophischen Sekten und in allen diesen Volksbewegungen findet Ihr den Kampf der Gleichheit, die sich feststellen, gegen die Ungleichheit, die sich erhalten will; den Kampf des Armen gegen den Reichen, des Rechtlichen gegen den Schurken, des Unterdrückten gegen den Unterdrücker, des Weibes gegen den Mann, selbst des Sohnes gegen den Vater in der Gesetzgebung, weil er die Unterdrückung des Rechtes der Erstgeburt erobern mußte; des Arbeiters gegen den Meister, des Taglöhners gegen den Brodherrn, des freien Denkers gegen den die Mysterien bewachenden Priester u. s. w.; ein allgemeiner Kampf der ganzen Welt, der sich auf alle Grundsätze stützt, von allen Punkten ausgeht, aller Systeme sich bemächtigt, alle Mittel versucht.

Ihr seid nicht zu Ende; Ihr werdet noch Andere und Schlimmere sehen, wenn die herrschende Macht, statt der Discussion ein freies Feld zu öffnen, hartnäckig von der einen Seite zum Zwang, von der andern zur Bestechlichkeit ihre Zuflucht nimmt.

Nun, auf dem Punkte, wo wir sind, könnt Ihr nicht glauben, daß das Alles durchaus neu unter der Sonne sei, daß der menschliche Geist diese Gedanken seit fünfzehn Jahren zum ersten Male erzeugt hätte. Um so etwas zu glauben, müßte man annehmen, daß das Menschengeschlecht erst sein fünfzig Jahren zu leben und seiner Rechte und Bedürfnisse bewußt zu werden angefangen habe.

Und doch, wenn Ihr in den Geschichtschreibern die klare, genaue und zusammenhängende Geschichte der stufenweisen Manifestationen aufsucht, die zu denen des achtzehnten Jahrhunderts und unserer Tage geführt haben, so findet Ihr sie nur verworren, verstümmelt und völlig getrennt. Unter den Neueren Seit einigen Jahren sind in dieser Rücksicht lobenswerthe und glückliche Versuche gemacht worden. Die Herren Michelet, Lavalleé, Henri Martin besonders, haben angefangen, ein neues Licht über diese Fragen auszubreiten, und sie mit der Aufmerksamkeit zu behandeln, die sie verdienen. Ich spreche von den trefflichen fragmentarischen Arbeiten der neuen Encyclopädie und einigen andern nicht, von denen die Ideen, die ich hier wieder gebe, nur ein Reflex und eine Herabziehung in das Alltagsleben sind. haben die Einen, erschreckt von der Menge der Sekten und der über ihre Lehrmeinungen durch die lügnerischen Urtheilsprüche der Inquisition und die Zerstörung der Documente herbeigeführte Dunkelheit gefürchtet, sich zu irren und zu täuschen; die Andern haben die Frage ganz einfach verachtet, sei es nun, daß sie keinen Theil an der Frage nahmen, die unsere Generation in Bewegung setzt, oder daß sie die Beziehung mit der Geschichte der älteren Sekten nicht bemerkten.

Bei den alten Geschichtschreibern ist es etwas Anderes. Erstlich ist von mehreren Jahrhunderten (und zwar von denen, die nicht am wenigsten mit Thatsachen und Ideen angefüllt sind) nichts mehr übrig, als Urtheile des Todes, der Aechtung und der Schmach. Während dieser Jahrhunderte sprach die Kirche das Urtheil der Vernichtung über die Menschen und ihre Gedanken aus, Lehrer und Schüler, Menschen und Schriften, Alles ging durch die Flammen; und die interessantesten, die wichtigsten Denkmale jener Zeit der Forschung und der Begeisterung sind für uns unwiederbringlich verloren.

So gleicht denn die Rolle der Kirche in jenen Zeiten dem Einbruch der Barbaren. Es ist ihr gelungen, die Denkmale des menschlichen Gedankens in die Nacht der Vernichtung zu senken; doch das Gefühl, welches aus diesen verurtheilten und mit Gewalt unterdrückten Ideen sich erzeugte, konnte im Herzen der Menschen nicht sterben. Die Idee der Gleichheit war unzerstörbar; die Henker konnten sie nicht erreichen: sie blieb tief eingewurzelt, und was Ihr heute sehet, ist nur die unterbrochene Folge, die unmittelbare Folgerung.

Die verfolgten Jahrhunderte, von denen ich spreche, umfassen die ganze Zeit des Christenthums bis zum Hussitenkrieg. Von da an wird die Geschichte klarer, weil endlich die religiösen Aufstrebungen in bürgerliche Kriege ausarten. Die Fragen treten bestimmter hervor, nicht mehr unter der Form von mystischen Vorschlägen, sondern unter der von politischen Gesetzen. Bald darauf tritt Luthers Reformation ein, die großen Religionskriege, die Entstehung einer neuen Kirche, welche sich der Herrschaft der alten entzieht und die die Arten ihrer historischen Wirksamkeit aufbewahrt; endlich die Erfindung der Buchdruckerkunst, welche die Wirksamkeit der Scheiterhaufen neutralisirt.

Es scheint, als wenn diese neue Kirche Luthers voll Liebe und Achtung für die langen und muthvollen Kämpfe der Ketzereien, die ihr vorausgegangen waren, sie vorbereitet und zur Welt gebracht hatten, Anfangs ihre Begeisterung und ihre Kenntniß daran hätte verwenden sollen, die Geschichte der Vergangenheit von Neuem zu schaffen, ihren Stammbaum zu ordnen und ihre Adelsdocumente wieder aufzufinden. Sie that es nicht, da sie zu beschäftigt war, sich in der Gegenwart festzusetzen und einen lebhaften Kampf durchzufechten. Man muß aber auch gestehen, daß jene Doctoren und Geschichtschreiber häufig nicht den Muth dazu besaßen und mit Entsetzen vor dem Gedanken zurückwichen, die Vergangenheit als ihre Mutter anzuerkennen.

Diese Vergangenheit war voll wahnsinniger Kämpfe und ausschweifender Gedanken. Wir sagten es schon früher, es war eine Zeit der Gewalt und die Hussiten sagten in ihrem kräftigen Style: Es ist jetzt die Zeit des Eifers und des Zorns. Wir wollen später anführen, inwiefern sie sich für die Diener des göttlichen Zornes hielten.

Doch dieser Wahnsinn, diese Excesse, dieser Eifer und diese Zornmüthigkeit, wütheten sie nicht auf gleiche Weise im Schooße der römischen Kirche? Hatte Rom das Recht, ihnen rücksichtlich der Rachsucht, der Grausamkeit, des Mordes und der Kirchenschänderei etwas vorzuwerfen?

Die protestantischen Doctoren erschraken demungeachtet vor den Anklagen, mit denen man das Haupt ihrer Väter belastete. Luther selbst, Ihr wißt es ja, war der Erste, der sich vor dem Strom entsetzte, dessen letzte Schranke er niedergeworfen hatte. Wie hätte er die glorreichen Makel seines Ursprungs annehmen können, er, der schon das furchtbare Werk seiner Zeitgenossen und die Keckheit von sich wies, welche er in seinen Nachkommen voraussah.

Seinen Schrecken vererbte er auf seine schwächlichen Nachfolger. Die Einen verläugneten ihren berühmten und finstern Ursprung und bemühten sich nachzuweisen, daß sie mit Denen oder Jenen nichts gemeinsam hätten. Die Andern versuchten, religiöser, aber nicht weniger schüchtern gesinnt, das Gedächtniß ihrer ketzerischen Vorältern von allen ihnen zugeschriebenen Excessen weiß zu waschen.

Daraus entstanden eine Menge Schriften, die man wohl mit Nutzen zu Rathe ziehen kann, weil wir in allen einzelne Züge der Wahrheit finden, auf die man sich aber nicht ausschließlich beziehen darf, um die historische Wahrheit kennen zu lernen, welche aufzusuchen unser jetziger Zweck ist … Herr Lenfant, in einer langen und interessanten Geschichte des Baseler Concils, aus der wir diese Notizen über den Hussitenkrieg ausgezogen haben, giebt die Sache ohne Umstände der Strenge seines Jahrhunderts preis: Er spottet und verachtet öfterer als er bewundert. Herr von Beausobre in seinen an Geist, Gelehrsamkeit und Gefühl weit vorzüglichern Werken bemüht sich Dinge zu läugnen, die doch den Charakter historischer Wahrheit an sich tragen. Er beschuldigt im Besondern und Allgemeinen alle Behauptungen der katholischen Schriftsteller der Lüge und wäscht, seine Parteilichkeit ein wenig weittreibend, die Ketzerei weiß wie Schnee.

Es kommt auf nichts weniger hier an, als das gerade Gegentheil von dem zu finden, was sehr ernste und sehr gelehrte Leute gefunden haben: daß, wie es nur eine Religion, es auch nur eine Ketzerei giebt.

Die officielle Religion, die bestehende Kirche hat immer nur dasselbe System durchgeführt; die geheime Religion, diejenige, welche noch immer eine Begründung sucht, die ideale Gesellschaft der Gleichheit, welche mit der Lehre Jesu anfängt, unter dem Namen der Ketzerei die Jahrhunderte des Katholicismus durchwandelt und bei uns mit der französischen Revolution zusammenfällt, um sich in Ermangelung eines Bessern, in den Chartistenclubbs und in der Aufregung der Communisten zu reformiren und sich immer klarer zu machen; diese Religion ist ebenfalls immer dieselbe, unter welcher Form sie auch erscheine, unter welchem Namen sie sich auch verberge, welche Verfolgungen sie auch ertragen mag.

Frauen, es ist immer der Kampf Eures Gefühl gegen die Autorität, der christlichen Liebe, die nicht der blinde Gott heidnischer Ueppigkeit, sondern der hellsehende Gott evangelischer Gleichheit ist, gegen die heidnische Ungleichheit, der Rechte in der Familie, in der Meinung, in der Treue, in der Ehre, in Allem, was die Liebe selbst ist.

Ihr fleißigen und kranken Armen, es ist immer Euer Kampf gegen diejenigen, die Euch noch immer sagen: »Arbeiter viel, um schlecht zu leben, und wenn Ihr nur wenig arbeiten könnt, so lebt gar nicht.«

Geistig Arme, denen die stiefmütterliche Gesellschaft den Begriff und das Beispiel der Rechtlichkeit verweigert hat, Ihr, die sie den Zufälligkeiten einer rohen Erziehung überläßt und sie züchtigt, als wenn Ihr die Subtilitäten ihrer Philosophie kenntet; es ist immer Euer Kampf.

Junge Geister, die Ihr in Euch die göttliche Begeisterung der Wahrheit fühlt und die Ihr nur dem Jesuitismus der Kirche entgeht, um unter den der Regierung zu gerathen, es ist Euer Kampf.

Männer des Gefühls, die Ihr dem Leiden und dem Elend der Armuth überliefert seid, Menschen voll Erbarmen, die Ihr von den Schauspielen der Leiden der Menschheit gequält werdet und für sie das Brod des Körpers und des Geistes verlangt, es ist immer Euer Kampf gegen die Menschen der falschen Wissenschaft, der gottlosen Weisheit, der gekrönten, der infulirten Sophistik.

Die Ketzerei der Vergangenheit und der Communismus unsrer Tage ist der Aufschrei der hungrigen Eingeweide und des trostlosen Herzens, das nach wahrer Kenntniß, nach der Stimme des Geistes, nach religiöser, philosophischer und socialer Auflösung des furchtbaren Räthsels begehrt, das seit so vielen Jahrhunderten über unsern Köpfen schwebt.

Das heißt Ketzerei und nichts Anderes: eine wesentlich christliche Idee, evangelisch in ihren stufenweisen Entwickelungen, revolutionär in ihren Versuchen und Ansprüchen; nicht aber ein todter Wortkampf, eine anmaßende Auslegung heiliger Textsprüche, eine Einflüsterung des satanischen Geistes, ein Durst nach Rache, Abenteuer und Eitelkeit, wie es der römischen Kirche gefallen hat, sie in ihren Flugschriften und Bannformeln zu nennen.

Jetzt, wo Ihr wißt, was die Ketzerei heißt, werdet Ihr nicht mehr glauben, wie man es Euch gewöhnlich einzureden sucht, Ihr Frauen und Kinder, sobald Ihr die Geschichte zu lesen anfangt, daß es ein langweiliges Kapitel sei, der Prüfung oder des Interesses unwürdig und gut in die lächerlichen Abgeschmackheiten der theologischen Vergangenheit verwiesen zu werden.

Es ist wahr, man hat dieses Kapitel zu verwirren gewußt, aber die Bemühung ernster Geister und nach Wahrheit dürstender Herzen wird jetzt größeres Licht hineinbringen. Die Geschichte der christlichen Gesellschaft schreiben zu wollen, ohne uns die Geschichte der Ketzereien genauer kennen zu lehren, das heißt, den Lauf eines Flusses kennen und beurtheilen zu wollen, von dem man nur ein einziges Ufer gesehen hat.

Man erzählt von einem Engländer (es könnte eben so gut ein Bürger von Paris sein), daß er, um eine Fahrt um den Genfersee zu machen, einen jener kleinen Schweizerwagen miethete, in welchen man seitwärts sitzt, und zufällig so saß, daß er dem See fortdauernd den Rücken zuwandte und in seinen Gasthof zurückkehrte, ohne ihn gesehen zu haben. Man versichert aber, daß er nicht weniger zufrieden mit seiner Reise gewesen, weil er die schönen Gebirge gesehen hätte, welche den See umgeben.

Das ist ein sehr triviales, aber auf die Geschichte wohl anwendbares Gleichniß. Das Gebirg ist die römische Kirche, welche in der Vergangenheit die Welt mit ihrer Macht beherrscht. Der tiefe See ist die Ketzerei, deren geheimnißvoller Quell Abgründe verbirgt und den Fuß des Berges unterwühlt. Der Reisende seid Ihr, wenn Ihr dem Engländer nachahmt, der nicht daran dachte, hinter sich zu blicken.

Wenn Ihr das Evangelium leset, die Apostelgeschichte, das Leben der Heiligen, und Eure Blicke dann auf die wirkliche Wahrheit richtet, wie erklärt Ihr den entsetzlichen Widerspruch der christlichen Moral mit den heidnischen Illusionen.

Einige Formeln unsers französischen Gesetzbuches (es sind leider nur Formeln!) erinnern allein noch an die Vorschriften Jesu und die Lehren der Apostel.

Wenn der Kaiser Julian plötzlich unter uns erschiene und man ihm nur diese Formeln zeigte, so würde er noch einmal ausrufen: »Du siegst, Galiläer!« Und wenn der heilige Petrus, das Haupt und der Gründer, dessen die römische Kirche sich rühmt, zur selben Prüfung gerufen würde, könnte er nicht anders sagen als: »Das ist das Werk meiner lieben Tochter, der heiligen Kirche.«

Doch der Papst würde ihm antworten: »Was sagt Ihr da, heiliger Vater? Es ist das abscheuliche Werk einer abscheulichen Revolution, in welcher die Fanatiker deine Altäre gebrochen, deine Priester beschimpft und unsere Tempel entheiligt haben.«

Ich denke, der heilige Peter, über eine solche Erklärung bestürzt, würde den heiligen Johannes rufen, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen; und der heilige Johannes, der mehr über die Gleichheit und Weisheit nachgedacht hat, als er, würde ihm sagen: »Nimm dich in Acht, Bruder, ich fürchte, der Hahn hat auf dem Thurm deiner römischen Kirche gekräht.«

Und dann, den Papst auffordernd, Zeugniß zu geben, würde er diesen fragen: »Was habt Ihr und die Andern denn gethan, daß die Fanatiker der Gleichheit sich solcher Ausschweifungen gegen Euch und Euren Cultus erlaubt haben?« – Wir haben unsere Schuldigkeit gethan, würde dann der Papst antworten und Jean Jacques Rousseau, Diderot und alle Begünstiger der Ketzerei verurtheilt und verfolgt.

Dann würde der heilige Johannes wissen wollen, wer diese großen Heiligen seien, die der Kirche im Namen der Christuslehre widerstanden hätten, denn er würde sie nicht anders beurtheilen. Er würde alle Diejenigen kennen lernen wollen, welche die Ketzerei des Evangeliums aufgebracht hätten und von Jahrhundert zu Jahrhundert, vom achtzehnten Jahrhundert zu Luther und Huß, von Wiklef zu Petrus Waldus, von Johann von Parma zu Joachim von Flora, von diesem zum heiligen Franz und vom heiligen Franz zu einer ununterbrochenen Reihe Aposteln der christlichen Ketzerei würde er den ganzen Strom der Ketzerei hinaufsteigen bis zu seiner Lehre, bis zu seinem Worte. Er würde dann dem heiligen Petrus es überlassen, wie er mit Gregor VII. und allen seinen Orthodoxen bis zu Gregor XVI. fertig würde, und zu seinem göttlichen Meister Jesus zurückkehren, um ihm von dem sonderbaren Laufe der Dinge dieser Welt Rechenschaft zu geben.

Das ist wirklich die Geschichte der Welt. Auf der einen Seite die Männer der Ordnung, der Zucht, der Erhaltung, socialer Regelmäßigkeit, politischer Macht; diese Männer, die nicht ohne Grund den heiligen Petrus zu ihrem Schutzpatron gewählt haben, bauen und regieren die Kirche mit großer Kraft, mit viel Geschicklichkeit und administrativer Weisheit, mit viel Muth und Glauben an ihr Prinzip der Einheit. Sie stellen ein großes Werk her; und Viele unter ihnen, welche zu gewissen Zeiten die christliche Gesellschaft vor den Stürmen der Politik, dem brutalen Ehrgeize weltlicher Despoten und dem Eindringen von Nationen barbarischer Sitte bewahren, sind der Bewunderung und Achtung werth.

Doch während sie diesen Kampf im Namen der geistlichen Macht gegen die weltliche führen, nehmen sie die Laster der Welt an, nehmen Theil an ihren Verbrechen und vergessen gezwungen ihre göttliche ideale Sendung. Sie werden ihrerseits Eroberer und Despoten, sie unterdrücken die Gewissen und kehren ihre Wuth gegen ihre eigenen Diener, gegen ihre nützlichsten Werkzeuge.

Diese eifrigen Diener, diese Anfangs kostbaren, bald aber der Kirche verderblichen Werkzeuge sind die Männer des Gefühls, des Enthusiasmus, der Aufrichtigkeit, der Uneigennützigkeit und der Liebe; es ist die andere Seite der menschlichen Natur, welche die Lehre Christi, das Gesetz der Bruderliebe auf Erden herrschen lassen will. Sie besitzen weder die gestaltende Wissenschaft, noch den Geist der Intrigue, noch den Ehrgeiz, der Kraft hervorbringt, noch den Reichthum, welcher die Seele des Krieges ist. Die Päpste haben ihn immer, weil sie sich stets mit den Interessen der Fürsten verbinden und sie thun mehr, als selbst Krieg führen, sie lassen ihn für sich führen, sie erwecken ihn und leiten ihn.

Die Apostel der Gleichheit sind arm. Sie haben das Gelübde der Armuth abgelegt, sie kommen aus den Verbrüderungen der Bettelmönche hervor; sie verbreiten sich über die Erde, von Almosen und oft von Verachtung lebend. Sie können sich nur auf das arme Volk stützen, bei dem sie unendliche Sympathien finden. Sie belehren es im Sinne des Evangeliums und rufen aus seinem Schooße neue Lehrer hervor, welche, ohne sich wirklich an sie anzuschließen und oft sogar, indem sie sich völlig von ihnen losreißen, ihr Werk fortsetzen, einen offenen Krieg mit der Kirche führen, mit dem Namen eines Ketzers belegt werden, die Massen aufregen, sich unter verschiedenen Namen in der Welt verbreiten, das Prinzip in verschiedener Hinsicht predigen und überall Verfolgungen ausstehen.

Doch die Bestimmung der Ketzerei ist nicht, schnell über die Kirche zu triumphiren, sie kann sie nur heimlich untergraben, sie zuweilen durch den Ausbruch des Volksunwillens erschüttern, dann von ihr betrogen, ihr Opfer werden, mit dem Märtyrertode endigen, und aus ihrer eigenen Asche wieder aufblühen, sich von Neuem bewegen, in der unzeitigen Festsetzung des Lutheranismus erstarren und sich endlich in die französische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts ergießen.

Ihr kennt die übrige Geschichte, ich habe sie Euch kürzlich angedeutet. Sie lebt in unsern Tagen, theils in der großen, permanenten Insurrection der Chartisten, theils in den tiefbegründeten und unzerstörbaren Vereinen des Communismus wieder auf. Die Communisten sind die Waldenser, die Armen von Lhon oder Leonisten, welche seit dem zwölften Jahrhundert das Gewerb der Seidenwirker und das Amt der Hüter des heiligen Feuers des Evangeliums verwalteten. Die Chartisten sind die Wiklefiten, welche im vierzehnten Jahrhundert England in Bewegung brachten und Heinrich V. zwangen, mehrmals die Eroberung Frankreichs zu unterbrechen. Wenn ich genau nachsuchte, fände ich auch irgendwo die Hussiten; und was die Taboriten, Picarden und selbst die Adamiten betrifft, so habe ich sie schon, bin aber nicht verbunden, sie näher zu bezeichnen.

Die geringe Anzahl der Letztern in der Vergangenheit und der jetzigen Zeit, läßt ihnen nur wenig Wichtigkeit. Sie sind nicht bestimmt, jemals welche zu haben. Ihre Idee ist übertrieben, fast wahnsinnig und gleich den Schlüssen des Wahnsinns eher ein Zeichen des Todes als der Genesung. Dieses Uebermaß der Begeisterung muß nothwendig verschwinden. Ich führe sie hier nur an, weil sie im Hussitenkriege eine Rolle spielen und es gut ist, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn ich ihre Wirksamkeit zeige.

Wenn Euch der Gegenstand reizt, so sucht jetzt in den Geschichtsbüchern die Schilderung der großen Aufstände der Albigenser, Waldenser, Begharden, Fratricellen, Lollharden, Wiklefiten, Turlupiner u. s. w. Ich übernehme es nur, Euch die Geschichte der Hussiten und Taboriten zu schildern, die eins und dasselbe ausmachen. Die Geschichte aller dieser Sekten und einer großen Anzahl anderer, die ich Euch nicht nenne, bildet auch nur eine einzige, was auch die Gelehrten davon sagen mögen, die große Unterschiede zwischen ihnen haben finden wollen Die Eifersüchteleien und Feindschaften dieser Sekten unter sich beweisen nur eine längstbekannte Wahrheit, es ist sehr schwer sich über die Mittel zu verständigen, ein großes Unternehmen ins Werk zu setzen, aber im Grunde haben Alle denselben Zweck, dieselbe Idee.. Es ist die Geschichte des Johannismus, das heißt der Auslegung und Anwendung des Evangeliums des heiligen Johannes, des Evangeliums der Bruderliebe und der Gleichheit. Es ist die Lehre des ewigen Evangeliums oder der Religion des heiligen Geistes, welche das ganze Mittelalter erfüllt und der Schlüssel zu allen seinen politischen Kämpfen, zu allen seinen Mysterien ist. Man finde in ihr einen andern Schlüssel auf, um alle Räthsel der jetzigen Zeit zu lösen, wo nicht, so erlaube man mir, meine Erzählung zu beginnen, die bis jetzt nur zu sehr der des Corporals Trimm gleicht, welche sich ebenfalls die Geschichte der sieben Schlösser des Königs von Böhmen nannte.

2.

Wir hatten den König von Böhmen, den Trunkenbold Wenzel, in einem seiner Schlösser (ich glaube, es war das von Tocznik) gelassen, während der junge Rector der Universität Prag, Johannes Huß, Wiklef's Schriften ins Böhmische übersetzte und seine Lehre predigte. Wiklef's Lehre war eine jener zahlreichen Formeln, welche die Lehre des ewigen Evangeliums, die große, seit mehrern Jahrhunderten in die Welt geworfene und 1250 von Abt Joachim von Flora in eine geordnete Form gebrachte Ketzerei angenommen hatte.

Wiklef war todt, seine Lehre aber überlebte den Apostel, und seine Schüler bereiteten unter dem Namen Lollharden, eine große Insurrection vor, vielleicht den Verbindungen, man sagt sogar, den Versprechungen trauend, welche ihnen entweder aus Politik, oder Neugier, oder Enthusiasmus Heinrich V. in den stürmischen Tagen seiner Jugend gegeben hatte. Sie suchten Theilnahme bei den andern Völkern und verbreiteten insgeheim unter ihnen ihre Lehre, indem sie sich dem in jenen Zeiten angenommenen Gebrauch zu Folge, an die bedeutendsten Männer wandten.

Man behauptet, Huß habe Anfangs voll Grauen den Gedanken an Ketzerei von sich gewiesen, sei aber durch zwei junge Engländer, die unter dem Vorwand, Unterricht bei ihm zu nehmen, zu ihm kamen, verführt worden. Man erzählt in dieser Hinsicht sogar eine Anekdote, die sehr einer Legende gleicht. Doch die Poesie der Traditionen behält immer historische Wichtigkeit; sie giebt zuweilen besser als die Geschichte, ein Bild von den Sitten und Gefühlen einer Epoche; sie giebt der dürren Zeichnung der Geschichte die Farben des Lebens und darf deshalb nicht verachtet werden.

Unsere beiden Wiklefiten baten also ihren Lehrer und Wirth, ihnen zu erlauben, die Vorhalle seines Hauses mit einigen Fresken zu schmücken. Als sie sie erhalten hatten, malten sie auf der einen Seite den Einzug Jesu Christi in Jerusalem auf einer Eselin, von einer großen Volksmasse zu Fuß begleitet, und auf der andern den Papst, auf einem schön geschmückten Rosse sitzend, vor ihm wohlbewaffnete Kriegsleute, Tänzer, Sänger und Lautenschläger, und hinter ihm prächtig geschmückte Cardinäle auf schönen Rossen. Alle Welt eilte zu den Bildern hin, die von den Einen bewundert, von den Andern als Lästerungen getadelt wurden.

Johann Huß, fährt die Sage fort, staunte über den Gegensatz, den diese Bilder ihm vor Augen brachten. Er dachte über die Einfachheit des göttlichen Lehrers und seiner Schüler nach, den Armen der Erde, und die im Herzen Einfältigen; er sah aber auch die Verderbniß und den unverschämten Aufwand der katholischen Autokratie und entschloß sich, Wiklef zu lesen. Darauf verbreitete und erläuterte er seine Lehre und fand überall lebendige Theilnahme.

Böhmen hatte viel Gründe, um, ohne sich viel bitten zu lassen, dieser Richtung zu folgen. Erstens, wie wir es schon oben gesagt haben, den Haß gegen die Fremdherrschaft, dann den gegen den Clerus, der es bedrückte und schändlich aussog. Im Volke gährte schon lange ein Keim der Rachsucht gegen die reichen Klöster. Was man von diesen Reichthümern erzählt, gleicht den Feenmährchen. Die Lehre der Waldenser war seit langer Zeit in die mährischen Gebirge eingedrungen. Man sagt sogar, daß Peter Waldus zur Zeit der Verfolgung, welche auf Befehl des Papstes Gregor XI. Carl V. über ihn verhängte, persönlich nach Böhmen gekommen sei und dort seine Tage geendet habe.

Die böhmischen Lollharden stammten ursprünglich aus Oesterreich. Einer ihrer Häuptlinge, der 1422 in Wien verbrannt wurde, hatte erklärt, in Böhmen seien mehr als 8000. Die Geschichtschreiber behaupten sogar, daß die Beguinen oder Begharden, Adamiten, Turlupinen, Flagellanten und Millenarier in den slavischen Ländern und namentlich in Böhmen zu verschiedenen Zeiten Eingang gefunden hätten. Prag hatte schon berühmte Doctoren, welche predigten, daß das Ende der Welt nahe sei, der Antichrist auf Erden erschienen wäre und den päpstlichen Thron einnähme.

Johann von Milicz Milicius, nach der Sitte der Geschichtschreiber dieser Zeit, alle Namen zu latinisiren. Es scheint nicht, als wenn alle diese aus den Reihen des Volks hervorgegangenen Ketzerlehrer ihre Familiennamen behalten hätten, viele aber ihren Taufnamen und den Namen ihres Dorfes. Johann Huß nahm den seinigen von Hussinetz, wo er geboren war. Ich bitte meine Leserinnen, beim Lesen der Geschichte dieser Jahrhunderte, auf die erstaunliche Menge berühmter Theologen in der Kirche und unter den Ketzern zu achten, die den Vornamen Johannes tragen. In der Zeit der Verbreitung des Johannismus und des Glaubens an das Evangelium des heiligen Johannes, ist dieser Umstand nicht gleichgültig., einer der Berühmtesten davon war nach Rom gefordert worden, um sich zu vertheidigen, und man sagt, er habe dieselben Worte an die Thür mehrerer Cardinäle geschrieben. Man führt auch Matthias von Janaw, genannt der Pariser, an, weil er in Paris studirt hatte, ausgezeichnet durch seine wunderbare Frömmigkeit, der durch seinen großen Eifer, zu predigen, eine große Verfolgung erlitt, und zwar nur der evangelischen Wahrheit wegen. Dieser verabscheute die Mönche und warf ihnen vor, den alleinigen Erlöser Jesum Christum » der Franciscus und Dominicus« wegen verlassen zu haben.

Man sieht nicht, daß der johannitische Eifer der Bettelorden ein Band der Theilnahme zwischen ihnen und den Böhmen errichtet hätte, sei es nun, daß diejenigen unter diesen Mönchen, welche das Land bewohnten, den Enthusiasmus zur Zeit, wo er in Italien und Frankreich ausbrach, nicht theilten, oder daß der Haß gegen die Klöster den Sieg über die Aehnlichkeit der Lehre bei den Böhmen davon trug; gewiß ist nur, daß diese Lehre unter andern Namen und Predigern später zu ihnen kam und ihnen gegen alle Mönchsorden als Waffen diente.

Diese böhmischen Lehrer hatten besonders den Versuch gemacht, die Gebräuche der griechischen Kirche wiederherzustellen, welcher Böhmen, ursprünglich von griechischen Missionären zum Christenthum bekehrt, stets besonders zugethan war. Das Abendmahl unter beiderlei Gestalten und die in der Sprache des Landes gehaltene Messe waren besonders die Ceremonien, welche, ihre Nationalität zu bestätigen, ihre Freiheit zu repräsentiren und im Geist des Volks die Gleichheit der Gläubigen vor Gott und den Menschen, vor der stolzen Tyrannei des Clerus zu bewahren schienen. Wir müssen auf diesen Punkt noch zurückkommen, der ein Beweggrund des Hussitenkrieges und das Sinnbild der revolutionären Idee Böhmens in dieser Zeit, so wie die äußere Hülle des Taboritismus bildet.

Der Adel, wenigstens der größere Theil des reinen böhmischen Adels, hing ebenso gut als das Volk an diesen alten Gebräuchen. Gregor VII. hatte sie aufgehoben. Doch der Wille dieses kräftigen Mannes hatte die Rechtgläubigkeit einer Nation nicht befehlen können, die niemals ganz der griechischen oder der lateinischen Kirche anhing, welche die Liebe zu ihrer Unabhängigkeit hauptsächlich in ihrem Gottesdienst aussprach und bis jetzt nach ihrem eigenen Willen in der Einfalt und Reinheit des Herzens geglaubt und gebetet hatte.

In den zwei Jahrhunderten nach Gregor VII. hatte ein lateinischer Cultus, als äußeres Zeichen des Gehorsams, neben einem national gewordenen griechischen Cultus bestanden, den man den eigentlichen Volksgottesdienst nennen konnte. Man hielt den Gottesdienst in böhmischer Sprache und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt auf dem Lande und heimlich auch in den Städten; an manchen Orten war es stets öffentlich geschehen, Dank den von den Päpsten bewilligten und aufrecht erhaltenen Privilegien.

Milicius wurde verfolgt und starb im Kerker, nachdem er ziemlich allgemein den alten Ritus wieder hergestellt hatte. Matthias von Janaw war Beichtvater Carls IV., der ihn sehr schätzte und zwischen den kühnen Grundsätzen seiner Universität und den Drohungen des heiligen Stuhls hin- und hergeschwankt zu haben scheint. Man wagte sogar, ihn zu bitten, an der Reformation der Kirche zu arbeiten. Die Furcht ergriff ihn, er warf die Versuchung von sich, entfernte Matthias, hörte auf, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zu nehmen und ließ die Inquisition mit Strenge gegen seine Mitchristen verfahren.

Gegen das Ende seiner Regierung ertheilte man also das heilige Abendmahl nur in Privathäusern und endlich nur in Wäldern und verborgenen Orten unter beiderlei Gestalt und zwar nicht ohne Lebensgefahr. Wenn man die also Communicirenden ergriff, beraubte, tödtete oder ertränkte man sie, so daß sie genöthigt waren, sich bewaffnet und in starker Anzahl zu versammeln. Das dauerte bis zur Zeit des Johannes Huß.

Man sieht jetzt, wie Huß in wenig Jahren Böhmens Prophet werden konnte. Er predigte offen Verachtung der päpstlichen Würde, die Freiheit der Communion und der gottesdienstlichen Gebräuche. In Folge eines Streites hatte er fast alle deutsche Graduirte von der Universität verjagen lassen. Die Inquisition gab ihm einen Verweis und ließ Wiklef's Schriften verbrennen. Er predigte nur um so lauter und brachte zuweilen das den Neuerungen günstige Volk zum Aufstande.

Sein Erzbischof hatte wenig Macht über ihn; Wenzels sittenloses Leben überließ den Staat der Anarchie. Erzürnt gegen den Papst, der ihn der deutschen Krone verlustig erklärt hatte, war es ihm nicht unangenehm, eine Partei sich gegen ihn erheben zu sehen. Sein Bruder und Feind Sigismund, der durch seine Intriguen einen Theil des böhmischen Adels nach seinem Willen lenkte, war auch nicht sehr zufrieden mit dem heiligen Stuhl, weil dieser Ruprecht, seinen Mitbewerber um das Reich, lange Zeit unterstützte; übrigens gaben ihm auch die Türken in Ungarn Beschäftigung genug, um ihn von dem Ketzerstreit abzuziehen.

Johann Huß predigte in der Capelle von Bethlehem böhmisch, in der Königsburg zu Prag und auf den Synoden und allgemeinen Versammlungen des böhmischen Clerus lateinisch gegen den römischen Clerus und die ganze Kirchenordnung. Unterstützt von Hieronymus von Prag, Jacob von Mies, genannt Jacobel, Johann von Jessenitz, Peter von Dresden Peter von Dresden soll der Verfasser jener Hymnen und geistlichen Gesänge sein, die halb deutsch, halb lateinisch, in den Kirchen des augsburgischen Glaubensbekenntnisses noch in Uebung sind. Man schreibt ihm auch die Verfassung ihrer Melodieen zu. – ( Lenfant). und mehreren Andern fing er an, die Handwerker und Weiber zu fanatisiren, welche ihrerseits ebenfalls zu predigen und sogar Bücher zu schreiben anfingen, indem sie erklärten, es gebe keine andere Kirche auf Erden mehr, als die des Huß.

Die folgende Geschichte des Johannes Huß ist bekannt. Nachdem er in Böhmen mehrere Verfolgungen ausgestanden hatte, wurde er vor das Concil geladen. »Er erschien, geschützt durch einen Geleitsbrief des Kaisers Sigismund Sigismund, nach dem Tode Ruprechts 1410 zum Kaiser erhoben, wollte durch dieses Opfer seinen Frieden mit Rom befestigen.. Demungeachtet warf man ihn bei seiner Ankunft in Kostnitz ins Gefängniß, während eine vom Concil ernannte Commission seine Lehren prüfte. Er wurde zu gleicher Zeit mit dem Gedächtniß seines Lehrers Wiklef verdammt.

Anfangs zeigte Huß einiges Schwanken, fand aber bald seine Festigkeit wieder und wollte nicht eher widerrufen, bis man ihm seine Irrthümer aus der heiligen Schrift nachwiese. Er appellirte vom Concil an das Gericht Jesu Christi und erklärte, er wolle lieber tausendmal verbrannt werden Man erzählt, daß Johann Huß, während er Wiklefs Schriften las, sich das seltsame Vergnügen machte, sieh die Spitzen seiner Finger an der Flamme seiner Lampe zu verbrennen. Als man ihn fragte, warum er sich einen solchen Zeitvertreib machte, antwortete er, auf das Buch zeigend:»Dieser Kelch wird mich weit führen.«, als durch seinen Widerruf Diejenigen kränken, denen er die Wahrheit gelehrt hätte. Man entkleidete ihn seiner kirchlichen Weihen, überlieferte ihn den weltlichen Gerichtsbarkeiten und brachte ihn, auf Befehl desselben Kaisers, der ihm Freiheit und Leben geschworen hatte, auf den Scheiterhaufen.

Einige Zeit zuvor war Hieronymus von Prag verhaftet und gefangen nach Kostnitz gebracht worden. Er war schwach, verleugnete Wiklef und Johannes Huß und wurde absolvirt. Einige Zeit nachher ließ er das Concilium um eine öffentliche Audienz bitten und erklärte, daß er gegen sein Gewissen gelogen habe und an die Wahrheit der Lehren seiner Meister glaube; dann schritt er unerschrocken dem Feuertode entgegen.

Schändlicher und entsetzlichen als dieses doppelte Gericht war die Theorie, mit welcher das Concil es zu rechtfertigen suchte. Ein Decret verbot Jedem bei Strafe, als Ketzer und Majestätsverbrecher ergriffen zu werden, den Kaiser und das Concil wegen der Verletzung des Geleitsbriefs für Johann Huß zu tadeln« Henri Martin, Histoire de France. .

Während dieses Prozesses hatten sich die Hussiten in Böhmen, das Volk in düsterer und schmerzlicher Erwartung, der Adel in erbittertem Schweigen ruhig verhalten; als die Nachricht von seinem Tode ankam, erhob sich fast ganz Böhmen, von den Leuten aus der Hefe des Volkes an, das zu Zuhörern gehabt zu haben, man ihm so sehr vorgeworfen hatte, bis zu den alten Herren, die in ihm den Wiederhersteller ihrer alten Freiheiten und ihrer nationalen Gebräuche gesehen hatten.

Einmüthig von heftigem Unwillen ergriffen, stellte die Universität ein an die ganze Christenheit gerichtetes öffentliches Zeugniß zu Gunsten des Märtyrers aus.

»O, heiliger Mann,« sagte dies Manifest, »Mann von unschätzbarer Tugend, beispielloser Uneigennützigkeit und christlicher Liebe! Er verachtete die Reichthümer im höchsten Grade, öffnete den Armen das Herz; man sah ihn vor den Betten der Kranken knieen. Die unbezähmbarsten Charaktere gewann er durch seine Sanftmuth und brachte die, der Reue am Unzugänglichsten durch Ströme von Thränen zur Selbsterkenntniß. Er entnahm der in Vergessenheit begrabenen heiligen Schrift mächtige und ganz neue Beweggründe, um die lasterhaften Geistlichen zu bewegen, von ihren Verirrungen abzulassen und die Sitten aller Orden nach dem Beispiel der ursprünglichen Kirche zu reformiren« … »Schmach, Verleumdung, Hunger, tausend unmenschliche Qualen und endlich der Tod, den er erlitten hat und zwar das Alles nicht blos mit Geduld, sondern mit freudigem Gemüthe, das Alles giebt ein lebendiges Zeugniß der unerschütterlichen Standhaftigkeit wie des unwandelbaren Glaubens und der grenzenlosen Frömmigkeit dieses gerechten Mannes &c.«

Briefe voll der bittersten Vorwürfe wurden von allen Seiten an das Concil gerichtet. Man sagte ihm, es sei nicht vom Geist Gottes, sondern vom Geist der Bosheit und der Wuth zusammenberufen worden; es habe einen Unschuldigen auf das Zeugniß schändlicher Personen verurtheilt, ohne auf die Stimme der Bischöfe, der Lehrer und der achtbaren Männer Böhmens hören zu wollen, welche seine Rechtgläubigkeit bezeugen könnten; das Concil sei eine Versammlung von Satrapen, der Rath der Pharisäer gegen Christus und tausend andere Beleidigungen, die oft mit großer Beredtsamkeit ausgesprochen sind.

Diese Schriften machten die Runde durch ganz Deutschland und erzürnten den Papst und die Cardinäle gewaltig. Der Legat des Papstes fand eine so schlechte Aufnahme in Böhmen, daß er an diesen und den Kaiser schrieb: » Die Hussiten können nur durch Feuer und Schwert zur Ordnung zurückgeführt werden.« Sigismund beeilte sich nicht, ein Reich zu verderben, das er als das seine ansah. Er zögerte und die Revolution wartete nicht, bis er einen Entschluß gefaßt hatte.

Sie fing damit an, den Gedächtnißtag des Märtyrertodes von Johannes Huß (6. Juli) zu feiern und in allen Kirchen sein Andenken zu preisen, dann schlug sie Medaillen zu seiner Ehre und die Universität, welche an der Spitze der Bewegung stand, machte sein Glaubensbekenntniß, die erste Formel des Hussitismus, bekannt.

Dieses von Meister Johann Cardinal und der ganzen Universität unterzeichnete Bekenntniß nimmt durchaus nichts weiter in Anspruch, als das Recht, das Abendmahl unter beiden Gestalten zu genießen, wie es Christi Einsetzung nach seinen eignen Worten und denen des heiligen Johannes verlangen. Sie behandeln die Entziehung des Kelchs als eine menschliche, erst vor Kurzem erfundene, den heiligen canonischen Büchern aber unbekannte Einrichtung, verzeihen denen, die aus Unwissenheit und Einfalt sich bisher dieser Anordnung unterworfen haben, und erklären endlich, daß dieses Dogma menschlicher Erfindung von jetzt an keine Rücksicht mehr bedürfe und daß man sich an die Lehre Jesu zu halten habe, welche über jede hinterlistige und gewaltige Macht, über alle Drohungen und Schrecken den Sieg davon tragen müsse.

Eine solche Erklärung schien keineswegs bedeutende Stürme nach sich ziehen zu dürfen. Die römischen Rechtgläubigen fanden nicht viel daran auszusetzen, außer, daß, wenn es keine Ketzerei an sich sei, das Abendmahl unter beiderlei Gestalten zu halten; so sei es doch eine, zu behaupten, daß die Kirche sündige, wenn sie nur das Sacrament unter einer Gestalt ertheile. Bisher kämpfte man nur über eine Subtilität und der Schluß der Orthodoxie war ein Sophismus.

Doch wenn die Erklärung der Universität den aristokratischen Klassen, dem Adel, der Geistlichkeit und selbst den Bürgerklassen Böhmens auch genug that, so war sie doch keineswegs der Ausdruck der Religion der Masse, in der die eifrige Lehre des ewigen Evangeliums und alle die verworrenen, aber leidenschaftlichen Ideen evangelischer Gleichheit arbeiteten, welche die Priester des Concils den Aussatz der Waldenser nannten.

Wiklef und Johann Huß, im Sinne der scholastischen Philosophie ausgezeichnete Theologen, tiefe und anerkannte Gelehrte, Männer der Wissenschaft und also auch der Welt, hatten, entweder, weil sie in ihrem Begriff einer neuen christlichen Gesellschaft noch nicht so weit gegangen waren, als ihre proletarischen Schüler, oder weil sie diesen idealen Begriff unter den Formeln einer bloß äußerlichen Religion geschildert hatten, mit jener Klugheit geschrieben, welche sie im Auge behalten mußten, um in dem Streit mit den Sophisten und den Mächtigen dieser Welt ihre Lehre nicht zu compromittiren.

Die Gemüther des Volkes, weiter getrieben durch ihr inneres Feuer und ihre wirkliche Leiden, hatten schnell daran gedacht, die unter diesem Dogma verborgene Idee zu realisiren; und während die von Natur oder durch ihre Lage geduldigeren Klassen sich begnügten, nur den Kelch in Anspruch zu nehmen, bereiteten sich die von Fanatikern aufgeregten und geführten Armen die Gleichheit und die Gemeinschaft der Güter und Rechte zu fordern, von denen der Kelch für sie nur das Symbol war.

So begannen denn die wohlhabenderen Klassen, die Gelehrten und die Mehrzahl der Handwerk treibenden Bewohner der großen Städte, die Sekte der Calixtiner oder reinen Hussiten zu bilden, während die Bauern, die Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern dumpf grollten, wie das Meer beim Ausbruch eines Sturmes, und sich zu den Wuthausbrüchen des Taboritismus und der andern von Muth und wildem Instinkte erfüllten Sekten vorzubereiten, welche siegreich Rom und dem ganzen deutschen Reiche vierzehn Jahre lang widerstehen sollten.

Schon zur Zeit des Johannes Huß hatten diese Exaltirten die Meinung aufgestellt, der Priester sei nichts mehr als ein anderer Mensch und jeder Christ mit vollem Rechte Priester, um die Geheimnisse der Religion auszulegen und die Sacramente zu ertheilen. Beim Concil zu Kostnitz waren die Prager Schuhmacher angeklagt worden, daß sie Beichte hörten und den heiligen Leib unsers Herrn austheilten. Die bei dieser Anklage gegenwärtigen Großen hatten erröthend Böhmens Ehre vertheidigt und die Sache schien so ungeheuer, daß man nicht wagte, auf dieser Anklage gegen Johannes Huß zu beharren. Doch die Schuhmacher von Prag fühlten sich vielleicht dadurch nicht sehr gekränkt und man sah, daß eine Frau aus dem Volke die Hostie aus den Händen eines Priesters riß mit den Worten: Ein Weib von tugendhaftem Lebenswandel sei würdiger, das Brod des Himmels auszutheilen, als ein schändlicher Pfaff.

Als die Aufstände und Gewaltthätigkeiten begannen und mehrere Große im Innern, eine Art von Burggrafen, die seit langer Zeit auf eigene Rechnung das Räuberhandwerk trieben, sich der hussitischen Lehre bedienten als Vorwand, um die Kirchen zu plündern, die Klöster zu brandschatzen und die Reisenden zu berauben, traten die mächtigsten Herren Böhmens zusammen, um über die Folgen der Erklärung der Universität zu berathschlagen. Sie wählten aus ihrer Mitte die Angesehensten zu einer Deputation, die den König aufsuchen und einladen sollte, sich ein wenig um sein Reich zu bekümmern.

In der geistigen Verfassung dieser beiden gleichzeitigen Monarchen, des Trunkenbolds Wenzel und des wahnsinnigen Carl's VI. in Frankreich, bestand, wie wir schon gesagt haben, eine große Uebereinstimmung. In dem Innern ihrer Schlösser verborgen, waren sie nur glücklich, wenn man sie vergaß, und betraten nur widerwillig den Schauplatz, auf den man sie nur am Tage der Gefahr rief, gleich alten Fahnen, die man aus dem Staub hervorzieht.

Wenzel, über die Unruhen erschrocken, berauschte sich, um Muth zu erhalten, in seiner Burg Tocznik, auf dem Gipfel eines Berges im Distrikt von Podwester. Als er die Deputirten kommen sah, ergriff ihn Furcht und er schloß sich ein. Demungeachtet gelang es, einige zu ihm zu bringen und sie überredeten ihn, nach Prag zu kommen, wo er sich in dem Wyssehrad einschloß. Dieser träge, in Ausschweifungen versunkene und von Natur feigherzige König war eine armselige Schutzwache. Sobald er in seiner Hauptstadt ankam, verlangten die Deputirten der Stadt, er sollte ihnen Kirchen einräumen, um das Volk nach ihrer Weise zu unterrichten und das Abendmahl nach Art der Utraquisten So nannte man damals die Calixtiner oder reinen Hussiten, weil sie sub utraque parte communicirten. auszutheilen. Er verlangte Zeit, um darüber nachzudenken und ließ unter der Hand Herrn Nicolaus von Hussinetz, der an ihrer Spitze stand, sagen, er spänne hier einen Strick, an dem er leicht hängen könnte.

Die Hussiten von Prag beharrten mit bewaffneter Hand auf ihrem Verlangen. Die Räthe des Königs antworteten in seinem Namen durch Drohungen. Der Stadtrath beunruhigte sich über diese gegenseitige Stimmung; doch Johannes Ziska, Wenzel's Kämmerer, schlug sich ins Mittel und verzögerte den Ausbruch, indem er dem Volke, über das er bereits einen großen Einfluß ausübte, sagte, es solle erst den Ausspruch des Concils für oder gegen die Hussiten abwarten.

Es ist Zeit, von dem furchtbaren Blinden, Johannes Ziska vom Kelche zu sprechen. Ueber ihn herrscht solche Dunkelheit, daß man selbst seinen Familiennamen nicht kennt. Man weiß nur, daß er Johannes hieß, der in jener Zeit gewöhnlichste Name; der Beiname Ziska bedeutet einäugig; er war es von Kindheit an. Man versichert, daß er von edler Geburt sei. Er war arm geboren und lebte mitten unter den Plünderungen arm in der ihm angeborenen Nüchternheit und Sittenstrenge, doch ohne daß er den von seinen Soldaten geübten Communismus anders angesehen hätte, als eine treffliche Maßregel der Mannszucht in jenen schwierigen Zeiten.

Nichts enthüllt in ihm philosophische Bildung oder einen tieferen religiösen Gedanken. Er ist ein Fanatiker des Patriotismus, kein Fanatiker der Religion; und wenn auch seine Anlagen zu kriegerischer Divinationsgabe fast an eine ekstatische Fähigkeit grenzen, so scheint er sich doch wenig um die theologischen Fragen seiner Zeit gekümmert zu haben. Er fühlte seinen Beruf, der in den Tagen des Eifers und des Zorns an ihn ergangen war und gab sich ihm ausschließlich hin. Unternehmend, rachsüchtig, unbesiegbar und unbesiegt, war er der Fleisch gewordene göttliche Zorn. Bei ihm findet sich keine erhabene Begeisterung wie bei Johanna von Arc, er ist nicht wie diese, die Seele und das Herz des patriotischen Kriegs, aber er ist sein Haupt und sein Arm; und wie sie das Palladium und die Oriflamme ist, ist er die Fackel und das Schwert.

Er wurde in Tracznova, im Bezirk Königsgräz, man weiß nicht, zu welcher Zeit, geboren. Man weiß nur, daß er bei Carl IV. Page war und im Kriege gegen die deutschen Ritter 1410 mit Auszeichnung in Polen diente. Wahrscheinlich mochte er beim Ausbruch des Hussitenkriegs wenig älter als 45 Jahre sein. Zur Zeit der Hinrichtung des Johannes Huß war er in Wenzel's Dienst und man behauptet, daß er von seinem Herrn die Erlaubniß erhielt, den Mördern Haß und Rache zu schwören.

Er gehört zu Denen, welche die Treulosigkeit des Concils und den grausamen Hohn des kaiserlichen Geleitsbriefs als eine Böhmen angethanene Beleidigung ansahen. Doch, obgleich die Thatsache, die ich anführen will, nicht erwiesen ist, so hat sie doch einigen Geschichtschreibern als ein noch besserer Grund der Wuth geschienen, welche Ziska gegen die Mönche fühlte; denn man kann wohl sagen, daß er während der sieben Jahren seiner furchtbaren Sendung nur von ihrem Blute lebte.

Nach der Sage (welcher ich in Ländern, deren Geschichte von den Unterdrückern großentheils vernichtet oder umgearbeitet worden ist, ziemlich traue) soll ein Mönch seine Schwester, die eine Nonne war, gemißbraucht oder geschändet und Ziska geschworen haben, dieses Verbrechen an allen Geistlichen, die in seine Hände fallen würden, zu rächen. Er hielt gräßlich Wort, und diese Rachsucht schildert ihn weit besser, als viele andere Angaben. Völlig uneigennützig bei der Plünderung der Klöster und mit lacedämonischer Strenge seinen Beutetheil zurück weisend, ohne Eitelkeit oder Ehrfurcht, keineswegs begeistert gleich den Fanatikern, die er führte, scheint es, als wenn nur ein persönlicher Beweggrund zur Rache ihn zu einer so fortdauernden, unversöhnlichen, kalten und mit so tiefer Wollust genossenen Wuth hingerissen hätte.

Doch wenn man aufmerksam dieses eben so gewaltthätige als ruhige Leben Ziska's prüft, staunt man über die tiefe Politik, welche in allen seinen Handlungen obgewaltet und man fragt sich, zu welchen andern Mitteln er seine Zuflucht hätte nehmen können, um seinem Vaterlande die nationale Unabhängigkeit zu verschaffen, die er ihm zu geben allein die Kraft in sich fühlte.

Indem wir ihm gewissermaßen Schritt für Schritt folgen; werden wir ihn genauer prüfen und unter dem düsteren Fanatismus, der ihm mit Unrecht zugeschrieben worden ist, einen besonnenem hellsehenden, hartnäckigen Willen finden, der weit richtiger und aufgeklärter ist, als man es glaubt. Auf diese Weise möchten wir seine persönliche Rachsucht als eines jener Reizmittel betrachten, welche die Vorsehung bei großen Lebensaufgaben erweckt, nicht aber als die einzige Ursache und den einzigen Zweck der seinigen.

Der gemeine Haufe täuscht sich immer bei solchen Erscheinungen; er will das Räthsel eines ganzen Lebens in einer einzigen Thatsache finden und sieht nicht ein, daß diese Thatsache nur der Wassertropfen ist, welcher das Gefäß überfließen läßt.

Auf Ziska's Anrathen willigte Wenzel ein, daß die Hussiten mehrere Kirchen zu ihrem Gebrauch erhielten und Dank dieses Zugeständnisses, verging das Jahr 1417, ohne daß die ersten Erwerbungen der Reform große Gewaltthätigkeiten nach sich gezogen oder mit solchen gedroht hätte.

Sigismund antwortete auf die Vorwürfe, die man ihm machte durch einen eben so feigen als unverschämten Brief. Er vertheidigte sich, daß er Huß preis gegeben habe, behauptete, er hätte sein Unglück mit Schmerz angesehen und zornerfüllt mehrere Mal das Concil verlassen; dann führte er, nicht die untrügliche Autorität der Entscheidungen der Kirche, sondern die politische Macht dieses Concils an, das nicht aus einigen wenigen Geistlichen, sondern aus Gesandten der Könige und Fürsten der ganzen Christenheit bestände. Endlich bedrohte er die Hussiten mit einem Kreuzzug, der mit großem Aergerniß und außerordentlichen Gefahren begleitet sein würde und bat sie deshalb sehr freundlich, ein ganzes Reich einer völligen Verwüstung nicht preis zu geben und jede Neuerung von sich zu weisen. In Bezug auf die Unordnungen, welche man dem Clerus vorwarf, so gab er, nach dem Beispiel seiner Vorfahren vor, er mische sich nicht in solche Angelegenheiten. Sie mögen sich selbst reformiren, sagte er mit höhnender Gleichgültigkeit, da sie wissen, daß sie es thun müssen. Sie haben die heilige Schrift vor Augen und uns einfältigen Leuten ist es weder erlaubt, noch möglich, diese zu ergründen.

Der ironische Atheismus dieser Antwort mußte alle Böhmen in ihrem Rechtssinn und ihrem religiösen Enthusiasmus verletzen. Bald darauf kam eine Entscheidung des Concils rücksichtlich ihrer an; sie bestand aus vierundzwanzig Artikeln, die Jedermann durch Tyrannei und Grausamkeit empörten. Sie erinnert an die abscheulichen Aechtungen Sulla's und Tiber's. Es ist eine ausführliche Darstellung und Entwickelung der schmachvollsten Lehren der Angeberei und Grausamkeit.

Der erste Artikel befiehlt Wenzel, der römischen Kirche Gehorsam und Treue zu schwören. Die dreiundzwanzig andern nennen alle Arten von Aufstand, welche mit Feuer und Schwert, oder wenigstens durch Exil und Elend bestraft werden sollten. Alle Freunde der hussitischen Lehre werden zum Tode verdammt; man verbrenne sie, so wie alle Bücher und Tractaten, die auf Wiklef's und Johann Huß's Lehre Bezug haben und alle Lieder, die gegen das Concil gemacht worden sind; die Universität Prag soll reformirt, die Wiklefiten von ihr verjagt und bestraft werden; man soll das frühere Abendmahl wieder einsetzen und die dagegen Handelnden bestrafen; die Hauptschuldigen, wie J ohann von Jessenitz, Jacobel, Simon von Rockizana, Christian von Prachatitz, Johann Cardinal, Zdenko von Lomben u. s. w., dem Gericht des apostolischen Stuhles übergeben; alle Diejenigen, welche widerrufen, sollen die Verurtheilung Derjenigen, welche nicht wiederrufen, feierlich billigen; wer die Wiklefiten und Hussiten vertheidigt und beschützt, soll bestraft werden und wer es gethan hat, schwören, es nicht mehr zu thun, und sie so lange zu verfolgen, bis sie zur Strafe gezogen, d. h. verbannt oder verbrannt worden sind u. s. w.

Das hieß die eine Hälfte Böhmens, mit dem Tode, dir andere Hälfte mit Verbannung bestrafen, sobald Böhmen sich soweit erniedrigte, seinen Glauben abzuschwören und das Verbrechen gut zu heißen, sobald es einwilligte, sich selbst schmachvoll aus der Reihe der Nationen auszustreichen. Die Böhmen bewiesen bald, daß sie dazu keine Lust hatten.

Im Monat Mai 1418, als das Concil geendet war. kam der Cardinal, Johann Dominik, dieser, Böhmen schon so verhaßte Inquisitor, um seinen Auftrag zu erfüllen und die Bekehrung der Ketzer mit Gewalt durchzusetzen. Er fing damit an, sich während der Feier des hussitischen Abendmahls in die Kirche von Slana zu begeben, die nicht geweihten Kelche auf den Boden zu werfen und einen Geistlichen und einen Laien dieser Versammlung verbrennen zu lassen. Damit wurde der letzte Damm niedergeworfen und das Meer entfesselt.

Furchtbare Unruhen brachen auf allen Seiten aus. Der erschreckte Wenzel wagte nichts zu ihrer Unterdrückung zu thun und nahm sogar den Schein an, sie zu billigen. Demungeachtet berathschlagten die Hussiten einen andern König zu wählen, aber einer ihrer Priester, Coranda, ein beredter, listiger Mann, sprach sehr verständig zu ihnen:

Brüder, sagte er, wir haben zwar nur einen trägen, dem Trunk ergebenen König, doch wenn wir alle andere beobachten, so werden wir keinen finden, der ihm vorzuziehen wäre; man kann ihn sogar für das Muster eines Fürsten ansehen; denn seine Unthätigkeit giebt uns Kraft. Es ist also billig, Gott um seine Erhaltung zu bitten. Wir haben einen König und haben keinen. Er ist ein König dem Namen, doch nicht der That nach. Es ist wie ein Bild an der Wand. Und was kann ein König gegen uns thun, der lebend todt ist?

Dieser sinnvolle Scherz hatte einen eben solchen Erfolg bei den Empörern, wie bei dem Fürsten. Wenzel war es weit mehr um sein Leben als um seine Würde zu thun. Er schloß Coranda in sein Herz. Dominik, von Beschimpfungen verfolgt und mit demselben Tode bedroht, welchen er gegen die Ketzer verhängt hatte, floh nach Ungarn zu Sigismund, um ihn gegen die Hussiten aufzuregen. Doch er starb bald daselbst, nachdem er den Ruhm gehabt hatte, einen Prediger zum Widerruf zu bringen, der, wie man sagte, den reinen Deismus predigte. Es ist wahr, er hielt diesen Unglücklichen drei Tage lang an einen Pfahl gebunden, wo er so gequält wurde, daß er den Tod wie eine Gnade erbat.

Mitten unter diesen Stürmen versammelte Johann Ziska, mit einem offenen Brief versehen, den sein Herr Wenzel ihm in der Zeit freundlicher Laune gegeben und mit eigener Hand versiegelt hatte und worin er ihn bevollmächtigte, seinem Schwure treu den Tod Johannes Huß's zu rächen, viel Volk, begann den Bezirk von Pilsen zu durchziehen, wo er Alles mit Feuer und Schwert verheerte, bemächtigte sich der Hauptstadt, machte sich zum Herrn der ganzen Provinz, und verjagte alle Priester und Mönche daraus. Er richtete das Abendmahl unter beider Gestalt daselbst ein und setzte den eifrigen und geistreichen Coranda zum Priester ein.

Doch aus Furcht, in einen Hinterhalt zu fallen, dachte er darauf, mit seinem Heere eine feste Stellung einzunehmen. Er wählte dazu die uneinnehmbare Gegend von Hradistie in der Provinz Bechin und befahl, bis er eine Stadt sich bauen konnte, seinen Leuten, an denjenigen Orten, wo sie ihre Häuser haben wollten, Zelte zu errichten. Nicolas von Hussinetz, derselbe, welchem Wenzel einen Strick zum Hängen versprochen hatte, stieß hier mit seiner Bande zu ihm.

Nach wenig Tagen versammelten sich an diesem Orte 40 000 Personen jedes Geschlechts und jedes Alters, welche aus der Umgegend und besonders aus Prag herbeikamen und für welche 300 Tafeln aufgerichtet wurden, um an dem neueingerichteten Brüdermahle Theil zu nehmen.

Vielleicht wurde damals der Berg, auf welchem das Lager sich befand, mit dem mystischen Namen Tabor belegt, welchen er seitdem fortwährend getragen hat, so wie die Burg den Namen Ziska erhielt, die man noch heute sieht. Dieser feste Ort hat in allen Kriegen Deutschlands eine Rolle gespielt und unsere Armeen erinnern sich noch jetzt aus den Kriegen Napoleon's daran.

Von diesem Augenblicke erhielten die Hussiten Johann Ziska's den Namen Taboriten und bildeten nach und nach eine immer schärfer ausgesprochene Sekte und ein immer unerschrockneres und furchtbareres Heer.

Ein gleichzeitiger Schriftsteller, der Zeuge der Begebenheiten war, hat uns einen Bericht von dieser ersten großen evangelischen Communion der Hussiten hinterlassen.

»Im Jahre 1419, am Tage des heiligen Michael, versammelte sich eine große Menge Volks auf einer weiten Ebene, die Kreuze ( Cruces) genannt, in der Nähe von Tabor. Es kamen Viele von Prag her, Einige zu Fuß, Andere zu Wagen. Das Volk war von Meister Jacobel, Meister Johann Cardinal und Meister Matthias Tocznicz eingeladen. Meister Matthias ließ eine Tafel auf leeren Tonnen errichten und theilte dem Volke ohne weitere Ceremonien das heilige Abendmahl aus. Die Tafel war nicht einmal bedeckt und die Priester trugen keine Priesterkleider. Meister Coranda, der Pfarrer von Pilsen, begab sich mit einer großen Schaar beiderlei Geschlechts an denselben Ort, das heilige Abendmahl mit sich führend. Ehe sie sich trafen, ließ ein Edelmann, nachdem er das Volk ermahnt hatte, einem armen Manne, dessen Kornfeld man beschädigt hatte, zu entschädigen, eine so reiche Collecte sammeln, daß dieser Mann nichts dabei verlor, denn man war nicht feindselig gesinnt. Die Schaaren des Volkes zogen nur mit Stecken daher, wie Pilgrime. Gegen Abend entfernte sich die ganze Masse nach Prag und kam im Schein der Fackeln vor dem Wisherad an. Es ist wunderbar, daß man sich bei dieser Gelegenheit dieser Burg nicht bemächtigte, deren Eroberung später so viel Blut kostete.«

Mit solcher Frömmigkeit und Sanftmuth feierten die Taboriten zum ersten Male im Großen die Gebräuche ihres neuen Cultus. Beim Abschied versprachen sie sich, zum nächsten St. Martinsfeste wieder zusammenzukommen; doch bald wurden sie von den Garnisonen gestört, welche Sigismund noch immer in den Städten und Schlössern hielt. Die Leute von Tauß, Klattaw und Sussicz, die sich zu einer neuen Communion dem Versammlungsplatze näherten, wurden von Coranda gewarnt, sich mit Waffen zu versehen, weil man ihnen einen Hinterhalt lege. Von Knin und Aust erhielten ebenfalls die Pilger die Warnung, auf ihrer Hut zu sein, und die Einen schickten den Andern Wagen mit wohlgewaffneten Männern.

Doch ehe diese Schaaren sich mit einander vereinigen konnten, wurden sie von den Kaiserlichen, an deren Spitze Sternberg, ein katholischer Herr und Münzmeister von Cuttemberg, stand, angegriffen. Die von Aust wurden niedergehauen, die von Knin aber warfen Sternberg zurück und nöthigten ihn zur Flucht, worauf sie den ganzen Tag auf dem Schlachtfelde blieben, die Todten von Aust beerdigten und von ihren Priestern ein Todtenamt halten ließen. Von da begaben sie sich, Siegeslieder singend, nach Prag und wurden fröhlich von ihren Brüdern empfangen.

Bei dieser Gelegenheit schrieb Ziska denen von Tauß Tauß, Taus, Tausch, Tysta, oder Tuste ist dieselbe Stadt. Man findet in den alten Geschichtschreibern keinen einzigen Ort, selbst den wichtigsten nicht, über den sie übereinstimmten. Noch heutiges Tages scheint die germanisirte Orthographie der böhmischen Namen wenig fester zu stehen. Ich strebe also nach keiner Genauigkeit bei diesen Namen, über die mich nichts hat hinreichend aufklären können. Man kennt die Gleichgültigkeit unserer französischen Geschichtschreiber der letzten Jahrhunderte und die leichtfertigen Verunstaltungen der mittelalterlichen Latinität in Bezug auf fremde Namen. Demungeachtet möchte ich glauben, daß der wahre alte Name von Tauß Tusta war, wegen einer in mehreren Büchern über diesen Gegenstand angeführten Anekdote. Die Sage erzählt, der Kaiser Otto I. habe den Fürsten Boleslaw von Böhmen gezwungen, zur Strafe seines verübten Brudermordes, einen Kessel über das Feuer zu halten, und, als dieser sich setzen wollte, ihm zugerufen: Tusta. Die Legende kann falsch sein, aber sie ist alt und das Wortspiel zeigt auf einen Namen, der damals angenommen wurde, hin. Diese pedantische Abhandlung ist die einzige die ich mir erlaube, oder vielmehr verzeihen werde. Ich hatte das fantastische Schloß Riesenburg im Roman Consuelo, in die Nähe von Tauß verlegt., im Distrikt Pilsen, einen sehr schönen Brief. Wir lassen ihn folgen, weil diese kostbaren Documente uns besser als alle Declamationen der Schriftsteller die historischen Charaktere kennen lehren. Man hat diesen 1541 im Rathhause von Prag gefunden.

An den tapfern Hauptmann und die ganze Stadt Tista.

Geliebter Bruder! Gott wolle durch seine Gnade Euch zu Eurer früheren christlichen Liebe zurückführen, damit Ihr in guten Werken als wahre Kinder Gottes in seiner Furcht beharrt. Wenn er Euch gezüchtigt und bestraft hat, so bitte ich Euch in seinem Namen, laßt Euch nicht durch Betrübniß niederschlagen. Achtet Diejenigen, die für den Glauben arbeiten und welche von Seiten unsrer Gegner, besonders durch die Deutschen, deren mächtige Bosheit Ihr wegen des Namens Jesu Christi erfahren habt, Verfolgungen erleiden. Ahmt den alten Böhmen nach, Euren Vätern, die stets bereit waren, Gottes und ihre eigene Sache zu vertheidigen.

Wir, geliebten Brüder, die wir stets das Gesetz Gottes und das Wohl der Republik vor Augen haben, wir müssen sehr wachsam sein und Jeder, der ein Messer handhaben, einen Stein werfen und eine Keule tragen kann, muß sich zum Kampfe bereithalten.

Deshalb, sehr geliebte Brüder, gebe ich Euch Nachricht, daß wir uns von allen Seiten in Schaaren versammeln, um die Feinde der Wahrheit und die Vernichter unsrer Nation zu bekämpfen, und bitte Euch inständig, daß Ihr Euren Prediger auffordert, in seinen Predigten das Volk zum Krieg gegen den Antichristen zu ermahnen, Jedermann, jung oder alt, sei bereit.

Ich wünsche, daß wenn ich bei Euch sein werde, es weder an Brod, noch Bier, noch Nahrungsmitteln, noch an Weideplätzen fehle und daß Ihr gute Waffen in Vorrath sammelt. Es ist die Zeit, sich nicht blos gegen die äußeren, sondern auch gegen die innern Feinde zu waffnen. Erinnert Euch Eures ersten Kampfes; wo Ihr nur Wenige gegen Viele und waffenlos gegen Wohlbewaffnete waret.

Die Hand Gottes hat sich nicht zurückgezogen; seid muthig und bereit, Gott stärke Euch.

Ziska vom Kelche,
»Aus göttlicher Hoffnung Haupt der Taboriten.«

3.

Ziska hatte bisher nur armes Volk unter seinen Befehlen. Er übte sie im Waffenhandwerk, worin er selbst ein Meister war und machte aus ihnen treffliche Soldaten. Seine Burg Tabor wuchs schnell heran. Von schroffen Felsen und zwei Strömen beschützt, die aus dem Berge eine Halbinsel machten, wurden sie noch von tiefen Gräben und so starken Mauern vertheidigt, daß sie allen Kriegsmaschinen trotzen konnten und Thürme und Wälle waren mit Klugheit vertheilt und mit cyclopischer Festigkeit erbaut. Er verschaffte sich bald Reiterei, indem er einen Posten überfiel, wo Sigismund tausend Pferde hatte. Er lehrte seinen Leuten reiten und im Sattel fechten.

Dann begab er sich mit 7000 Mann, welche hinreichten, die Einen mit Begeisterung, die Andern mit Schrecken zu erfüllen, nach Prag. Die Hussiten von Prag schlugen ihnen vor, die Festungen zu zerstören und sich eidlich zu verbinden, Sigismund niemals als König anzuerkennen. Ziska fürchtete, der Augenblick sei noch nicht gekommen und man müsse vor allen Dingen sich des Clerus entledigen. Dazu trieb ihn einerseits sein Haß, andererseits gedachte er auch, wieviel Ausgaben ein solches Unternehmen nothwendig machen würde, und er wußte wohl, woher er sich die Kriegskosten verschaffen könne.

Die Ungeduld der Taboriten war außerordentlich. Vielleicht glaubten sie, Ziska gehe nicht schnell genug, denn sie sprachen noch immer davon, Wenzel absetzen und einen Bürger, Namens Nicolas Gansz, zum König wählen zu wollen. Um sie zu beschäftigen, gab Ziska, der den Herrn, dem er gedient hatte und der ihm freundlich gewesen war, nicht preisgeben und verlassen wollte, ihnen die Plünderung der Klöster preis, während Wenzel sich in ein anderes, eine Stunde von Prag gelegenes festes Schloß zurückzog. Das Kloster von St. Ambrosius und das der Carmeliter wurden verwüstet und die Mönche daraus verjagt.

Das Pfand eines jeden Sieges war die Feier der neuen Communion in den Kirchen. Man trug die Monstranz, d. h. Brod und Wein, in einem hölzernen Kelche herbei, um den Gegensatz zu den goldenen und mit Edelsteinen besetzten Gefäßen, deren sich die Katholiken bedienten, noch mehr hervorzuheben. Ziska drang an ihrer Spitze in das Haus des Priesters, der seine Schwester gemißbraucht hatte, tödtete ihn, entriß ihm seine Priestergewänder und hing ihn am Fenster auf.

Von da gingen sie auf das Rathhaus, wo der Magistrat sich versammelt hatte, um Maaßregeln gegen sie zu ergreifen. Ein Prämonstratenser Mönch, Namens Johann und erst vor Kurzem Hussit, einer der furchtbarsten Männer der Revolution, belebte die Volkswuth, indem er ein Gemälde trug, auf dem der hussitische Kelch abgebildet war. Der Magistrat antwortete dem Volke, das die Freigebung einiger Gefangenen verlangte, mit Festigkeit.

In diesem Augenblick warf eine wahnsinnige Hand gegen Johann, den Prämonstratenser, und seine Monstranz einen Stein. Bei diesem Schimpf erwachte die Wuth des Volks. Man brach in das Stadthaus ein. Eilf Rathsherren ergriffen die Flucht und alle Andern mit den Richtern und den Bürgern ihrer Partei wurden zu den Fenstern herausgeworfen und unten mit Bratspießen und Heugabeln aufgefangen. Der Knecht des Richters, wahrscheinlich derselbe, welcher den Stein geworfen, wurde in der Küche erschlagen.

Der gräßliche Blutdurst wurde durch dies erste vergossene Blut nur noch mehr aufgeregt; man hatte Anfangs nur gelobt, in alle Kirchen und Klöster zu gehen, um die katholischen Altäre zu stürzen und den neuen Cultus einzurichten. Wenn Johann Ziska gehofft hatte, durch die Bewilligung solcher Demonstrationen den Forderungen seiner Partei genug zu thun, so hatte er jenen verderblichen Wahnsinn nicht berücksichtigt, welcher sich der Menschen bemächtigt, sobald sie sich zur Ausführung von Gewaltthätigkeiten vereinigen, ohne zuvor ihre Berechtigung bedacht zu haben.

Uebrigens hatte er durch die Befriedigung seiner persönlichen Rachsucht ein verderbliches Beispiel gegeben. Bald war ganz Prag voll Blut und Feuer, und Ziska, der in Gegenwart des Feindes seines Landes ein tüchtiger Führer und patriotischer Krieger war, sah sich mit dem ersten Schritt in alle Gräuel dieses Bürgerkrieges hineingerissen. Die hussitischen Bewohner der Altstadt Prag hatten denen der Neustadt ihre Unterstützung versprochen. Die Ermordung des Magistrats entsetzte sie und sie schlossen sich in ihre Häuser ein. Die Mörder belagerten sie darin; erst die Nacht setzte dem Kampfe ein Ziel und seit diesem Tage hegten die Bewohner beider Städte Prags stets einen Groll gegen einander.

Am folgenden Tage begann der Aufstand von Neuem. Die schöne Karthause, Mariengarten genannt, wurde geplündert. Der Prior war entflohen. Die Karthäuser wurden mit Dornenkronen durch die Straßen geschleppt und mit aller möglichen Schmach bedeckt. Als man auf der Prager Brücke an den Ort gekommen war, wo Johann Nepomuk auf Befehl Wenzels ertränkt worden war, machten einige Hussiten den Vorschlag, die Karthäuser zum Sühnopfer zu bringen; Andere, solchen Gräueln abgeneigt, widersetzten sich; es kam von Neuem zum Kampfe. Endlich wurden die Karthäuser in das Rathhaus der Altstadt gebracht, von wo der Magistrat ihnen zur Flucht verhalf.

Als Wenzel diese Unordnungen erfuhr, wußte er nichts weiter, als in Wuth zu gerathen, seine Diener zu mißhandeln und an einem Schlagfluß zu sterben. Während er die Vergleichsvorschläge seiner Räthe hörte, welche, wie alle Stände des Reichs, in ihren Ansichten für und gegen die Lehre getheilt waren, bemerkte sein Obermundschenk zufällig, er habe das Alles wohl vorausgesehen. Dieses Wort reizte den König dermaßen, daß er ihn bei den Haaren ergriff, ihn zu Boden warf und ermordet haben würde, wenn es den Umstehenden nicht gelungen wäre, ihn zu entwaffnen. Er fiel, von einem Gehirnschlag getroffen, in ihre Arme. Zehn Tage nachher starb er, großes Geschrei ausstoßend und brüllend wie ein Löwe.

Alle Geschichtschreiber der Zeit stellen diesen Kaiser als einen Sardanapal, Thersites und Copronymus dar. Sie beschuldigen ihn, die Taufbecken und den Altar, auf dem er als Kind gekrönt wurde, verunreinigt zu haben, ein Vorzeichen der Unreinheit seines Lebens und der Schmach seiner Regierung. »Man kann von ihm sagen, was Sallust von vielen Leuten sagt, die ihrem Bauche und dem Schlafe fröhnen, deren Leib ein Sklave der Wollust ist, die die Seele nur belästigt und die man eben so wenig im Leben als nach dem Tode achten kann Cochläus.«.

Man behauptet, daß er einen seiner Köche, der sich, wahrscheinlich auf Befehl der Aerzte, weigerte, ihm zu essen zu geben, an den Bratspieß stecken und braten ließ; daß er leidenschaftlich seinen Hund liebte, weil er Jedermann biß; daß er immer einen Henker bei sich hatte, den er seinen Gevatter nannte, weil er ihm sein Kind aus der Taufe gehoben hatte. Er ließ einen Doctor der Theologie in den Fluß werfen, weil er gesagt hatte, daß nur der ein ächter König sei, welcher gut regiere.

Dieses schöne Wort des Johann von Nepomuk (denn gewiß ist nur von ihm hier die Rede), und mehrere andere Züge seines Charakters lassen mich glauben, daß er, wenn er bis zur Zeit der Predigt und des Prozesses von Johann Huß gelebt hätte, sich seiner Lehre angeschlossen und sein Schicksal getheilt haben würde. Seine Heiligsprechung fand erst im siebzehnten Jahrhundert statt und wahrscheinlich war es für die Universität Prag eine jener Höflichkeiten, welche die Kirche von Zeit zu Zeit gewissen Orten und Corporationen gewährt, um ihnen zu schmeicheln. Man weiß, wie die Canonisation des heiligen Franz von Assisi, des großen Ketzers des Johannismus und des wahren Urhebers aller Secten, welche dem Pauperismus des ewigen Evangeliums anhängen, bekämpft und gewährt wurde. Woran knüpfen sich nicht die Gunstbezeigungen im Himmel!

Wenzel starb ohne Kinder. Man sagt, er sei durch Zauberei und Gift unfruchtbar gemacht worden. Er wurde von Niemand bedauert. Die Katholiken hatten ihn vor den Drohungen der Hussiten zittern sehen. Diese wußten, daß er in seinen letzten Tagen ein Verzeichniß Derjenigen unter ihnen ausgesetzt hatte, die er zum Tode bringen wollte und während er sie scheinbar begünstigte, unaufhörlich an seinen Bruder Sigismund geschrieben hatte, um ihn aus ihren Händen zu befreien. Er war also mit seiner Furcht und Trägheit der Hauptanstifter des Bürgerkrieges; denn während er den Magistrat von Prag erwürgen ließ und den Sektirern die katholischen Tempel öffnete, rief er Sigismund herbei und gab die Hussiten der Provinzen den Deutschen preis.

Sein Leichnam büßte Nepomuk's Tod, dem er während seines Lebens entgangen war. In der Basilika der Hofburg beigesetzt, wo die Särge der Könige von Böhmen standen, wurde er kurze Zeit darauf wieder ausgegraben und von den Taboriten in die Moldau geworfen. Doch wie ein sonderbares Schicksal ihm stets sein Heil im Wasser hatte finden lassen, wurde er von einem Fischhändler, der ihm seine Fische geliefert hatte, aufgefischt und erkannt. Der königliche Leichnam wurde im Hause des Fischers verborgen gehalten und in der Folge für zwanzig Goldducaten von seiner Familie wieder zurückgekauft.

Nach Wenzels Tod trat ein langes Interregnum ein, während welchem der furchtbare und tapfere Einäugige von Tabor in der That der einzige Fürst Böhmens war.

4.

Sophie von Bayern, Wenzels Wittwe, wandte sich vergeblich an Sigismund um Hülfe, der in Ungarn genug mit den Türken zu thun hatte, und schloß sich, so gut sie konnte, in der festen Burg Wenzels, auf der Kleinseite Prags, am linken Ufer der Moldau gelegen, ein. Die Alt- und Neustadt Prag, so wie die Burg Wisherad, von der noch oft in dieser Geschichte die Rede sein wird, liegen auf dem rechten Ufer. Man weiß bereits, daß trotz der Meinungsverschiedenheit und der häufigen Kämpfe beide Städte hussitisch waren. Die Kleinseite, welche das Schloß der Könige Böhmens enthält und wo der Hof, die hohe Geistlichkeit und die Großwürdenträger des Reichs ihre Wohnungen aufgeschlagen hatten, blieb der katholischen Partei.

Sophie, durch ihr Alleinstehen und die wachsende Erbitterung der Gemüther erschreckt, beschloß einen kühnen Streich zu wagen. Sie sammelte einige Truppen, verließ heimlich mit einem Herrn von Schwanberg die Stadt und wollte unvermuthet den furchtbaren Ziska im Distrikt Pilsen angreifen.

Ziska hatte in dieser Zeit nur eine kleine Anzahl Taboriten mit ihren Frauen und Kindern, die ihnen fast überall folgten, bei sich. Zurückgezogen auf einen Hügel, der mit Steinen und Gebüsch bedeckt war und über den die Reiterei der Königin nicht kommen konnte, ohne von ihren Pferden zu steigen, erwartete er dort, nicht ohne Unruhe den Ausgang eines Kampfes, wo er sich von allen Seiten eingeschlossen sah.

Die Frauen der Taboriten retteten ihn durch eine sonderbare Kriegslist. Beim Anbruch der Nacht breiteten sie ihre Kleider und Schleier in dem Gebüsch aus, wo die Kaiserlichen sich gestiefelt und gespornt hinein wagen mußten. Sobald sie eingetreten waren und einige Schritte in diesen Netzen gethan hatten, verwickelten sich ihre Füße so sehr darin; daß sie weder vor noch zurück konnten, und während sie sich frei zu machen suchten, warf sich Ziska auf sie und machte sie nieder. Die Königin und ihr General ergriffen im Dunkel der Nacht die Flucht.

Ehe noch Sigismund persönlich den kecken Aufstand der Hussiten angreifen konnte, zerstörte Ziska, sein Werk eifrig verfolgend, fast alle Klosterkirchen und Klöster Böhmens. Man zählt 550 dieser Gebäude, von denen er keinen Stein auf dem andern ließ. Die katholischen Geschichtschreiber werden nicht müde, über die traurigen Resultate dieser Verwüstung zu seufzen. Die pomphaften Schilderungen, die sie uns von den Heiligthümern des Luxus und der Trägheit hinterlassen haben, erklären hinreichend die Wuth eines arbeitsamen und armen Volkes, das von seiner Arbeit und Dürftigkeit den Clerus fett werden sah.

Das Kloster der königlichen Burg in Prag besaß sieben Capellen, von denen jede die Größe einer Kirche hatte. Um den Garten herum konnte man an den Mauern die ganze heilige Schrift lesen auf schönen Brettern mit großen Buchstaben geschrieben, deren Größe mit der Höhe der Mauern immer zunahm.

Doch nichts glich der Pracht der Benediktiner von Opatowitz. Ihr Kloster war von Wratislaw, dem ersten König Böhmens, im elften Jahrhundert gegründet worden und man nahm nur reiche Personen unter der Bedingung darin auf, daß sie all ihr Vermögen dem Kloster weihten. Es befand sich hier ein Schatz, der schon lange die Sehnsucht jener alten Burgherrn im Innern des Landes erweckt hatte, von denen wir schon gesprochen haben, und die unter dem Vorwand des Kriegs oder der Religion immer umherspürten und jetzt auf eigene Rechnung die Eroberung der Klöster versuchten.

Dies war der Gegenstand der Sehnsucht eines gewissen Raubritters, Namens Johann Miesteski, welcher, angezogen durch ein wunderbares Abenteuer Carl's IV., von dem die Sage sich im Lande erhalten hatte, unaufhörlich in der Nähe des Klosters zu finden war. Obgleich diese Sage eigentlich nicht zu unserm Gegenstande paßt, so wollen wir sie doch treu unserer Liebe für den Theil der Geschichte, den wir ihr Colorit nennen, unsern Lesern mittheilen. Ernstere Geschichtschreiber als wir, haben sie in lateinischer Sprache gegeben.

Eines Tags, im Jahre 1359, verschwand Kaiser Carl auf der Jagd mit zweien seiner Begleiter und kehrte erst am Abend zu seinen Gefährten in Königsgrätz zurück. Der Kaiser setzte sich an die Tafel, antwortete denjenigen, die über seine Abwesenheit beunruhigt gewesen waren, nur mit einem Lächeln und begnügte sich, ihnen zu sagen, ein furchtbarer Eidschwur verhindere ihn, sein geheimnißvolles Verschwinden zu erklären. Doch bemerkte man, daß der Kaiser einen Ring von alterthümlicher Form am Finger trug, mit einem Diamanten, wie der kaiserliche Schatz keinen zweiten aufzuweisen hatte.

Man bewunderte dieses Juwel und der Kaiser starb fast vor Lust, zu sprechen. Endlich, als der gute Wein ihn gesprächiger gemacht hatte, dachte er ein wenig nach und erklärte, er könne mit gewissen Beschränkungen sein Abenteuer wohl erzählen, ohne seinen Eid zu verletzen und erzählte nun Folgendes:

Er sei in ein Kloster getreten, um ein wenig auszuruhen, und sei vom Abt, der ihn für einen Herrn vom Hofe gehalten hätte, sehr gut aufgenommen und bewirthet worden. Nach dem Mahle hätte er, gedrängt, seinen Namen zu nennen, versprochen, es nur in der Kirche in Gegenwart des Abts und zwei der ältesten Mönche, zu thun. Der Abt habe nur diejenigen, zu denen er das meiste Vertrauen gehabt, gewählt, den Kaiser in die Kirche geführt, und hier habe dieser erklärt, nur der Wunsch, ihren Schatz zu sehen, habe ihn zu ihnen geführt. Er habe zu gleicher Zeit sein Wort als römischer Kaiser verpfändet, nichts davon zu nehmen und nie einwilligen zu wollen, daß etwas davon genommen würde.

Bei diesen Worten sei der Abt von großem Schrecken ergriffen worden, habe sich mit seinen beiden Mönchen entfernt, lange berathschlagt und endlich dem Monarchen geantwortet:

»Allergnädigster Herr, wir bekennen Euch, daß von den sechzig Mönchen, die in diesem Kloster leben, wir drei die einzigen sind, die von dem Schatze Kenntniß haben. Wenn Einer von den Dreien stirbt, so vertraut man das Geheimniß einem Andern an, und wir schwören keiner lebenden Seele den Schatz zu zeigen. Uebrigens ist der Zugang auch sehr gefährlich und er ist nicht für Ew. Majestät gemacht.«

Der Kaiser verlangte, als Vierter zum Eide und zur Kenntniß des Schatzes gelassen zu werden. Die besorgten Mönche berathschlagten von Neuem, und da sie weder eine abschlägige Antwort geben, noch einwilligen wollten, ließen sie ihn zwischen zwei Vorschlägen wählen: entweder den Schatz ohne den Ort, oder den Ort ohne den Schatz zu sehen.

Zeigt mir nur den Schatz, sagte der Kaiser, und ich bin zufrieden.

Ihr müßt Euch also unserer Führung überlassen, entgegneten die Mönche.«

Lieben Väter, antwortete der Kaiser, mein Leben ist in Eurer Hand.

Darauf nehmen sie den Kaiser bei der Hand, führen ihn in einen dunkeln Raum ( conclave), mit Backsteinen belegt, zünden zwei Kerzen an, warfen ihm eine Kaputze über das Haupt, so daß er nur das sehen konnte, was unter seinen Füßen war; dann hoben die Mönche einige Steine auf, und er sieht undeutlich eine tiefe Höhle vor sich, wo er hinabsteigen mußte.

Unten angekommen, führen sie ihn so lange hin und her, bis er völlig verirrt war und bringen ihn in einen Keller, der die Länge zweier Straßen hatte. Hier nehmen sie ihm die Kappe ab und führen ihn in Gewölben umher voll Silberstufen, Goldbarren, Kreuzen und andern reich mit Steinen versehenen kirchlichen Gefäßen und einer Masse anderer Juwelen.

Sire, sagte jetzt der Abt; all diese Schätze gehören Euch, wir bewahren sie für Ew. Majestät, geruht davon zu nehmen, soviel Euch gefällt.

Gott bewahre mich, antwortete Carl, Kirchengut anzurühren!

Man soll nicht sagen, erwiederte der Abt, daß Ew. Majestät mit leeren Händen von hier gegangen sei.

Und er steckte ihm den Ring an den Finger, den der Kaiser nach Beendigung der Erzählung seinen Jagdgefährten zeigte, ohne ihnen den Namen oder die Lage des Klosters zu bezeichnen. Er schätzte sich vielleicht glücklich, herausgekommen zu sein und man billigte es wahrscheinlich sehr, daß er die hinterlistigen Anerbietungen des Abts von der Hand gewiesen habe, als dieser, um ihn auf die Probe zu stellen, gesagt hatte: das Alles ist Euer. Ein Mönchswort! Hätte der Kaiser ihn beim Wort genommen, so möchte es zweifelhaft sein, ob er die Treppe wieder hinaufgestiegen wäre. Wie dem auch sei, seine Höflinge hatten von seinen Begleitern bald erfahren, daß hier die Rede von dem Schatz der Benediktiner von Opatowitz sei und auf diese Weise hatte sich das Gerücht davon verbreitet.

Die Folge der Geschichte von diesem Schatze zeigt, wie sehr die Mönche an diesen nutzlosen Reichthümern hingen. Ein halbes Jahrhundert nach dem Abenteuer Carl's IV. wurde das Kloster von Opatowitz auf eine gewaltsame Weise heimgesucht. Johann Miesteczki benutzte Ziska's Raubzüge, um sich seinerseits zu bereichern, und kam gegen Abend zu Pferde von zwei Genossen begleitet, in dem Kloster an, unter dem Vorwand, dem Abt, der sich, Peter Laczur nannte, seine Huldigung darzubringen. Der Wegelagerer wurde gut aufgenommen und bewirthet.

Doch während des Abendessens kamen, wie durch Zufall, noch zwei Andere und dann Drei und endlich seine ganze Bande herbei, die über die Mönche herfiel und eine große Anzahl von ihnen tödtete. Während dieser Execution, bemächtigte sich Miesteczki des Abtes, setzte ihm den Dolch auf die Gurgel und befahl ihm das Geheimniß des Klosters zu verrathen. Die alten Mönche ließen sich grausam mißhandeln und beobachteten ein hartnäckiges Stillschweigen. Der unglückliche Abt wurde auf die Tortur gebracht und gestand nichts. Er starb wenig Tage nachher, sein Geheimniß ins Grab mit sich nehmend. Die katholischen Geschichtschreiber der Zeit machen aus ihm einen Märtyrer.

Mesteczki brachte von seinem Zug nur die heiligen Kirchengefäße, die Privatkasse des Abtes und andere Beute mit, von der er das Schloß und die Stadt Opoczuo kaufte. Dann führte er, um seine Seele von dem Kirchenraub rein zu waschen, einen wilden Krieg gegen die Hussiten, die seine Fahne an einen Galgen in Prag aufhingen. Von ihnen später in Chrudin belagert, trat er, um sein Leben zu retten, zu den Hussiten über und plünderte abermals mit ihnen die Klöster, denn dieses Handwerk war sehr nach seinem Geschmack. Endlich versöhnte er sich nach allen diesen Abenteuern mit Sigismund und starb vielleicht im Geruch der Heiligkeit. Das Benediktinerkloster von Opatowitz wurde von den Taboriten wieder erobert und geplündert. Es wird nicht gesagt, ob sie den Schatz fanden. Vielleicht ruht er noch immer unter irgend einer Ruine im Schooße der Erde.

Da wir dieses Kapitel, so wie unser Gewährsmann M. Lenfant, Histoire du Concile de Bâle. , der ganz andere, völlig unpassende Episoden erzählt, den Anekdoten gewidmet haben, so wollen wir sie mit der von Puchnick, des Prager Bischofs beschließen, der vor dem Aufstande des Johannes Huß starb. Wenzel, der einen großen Hang zum Spott hatte, ließ ihn eines Tages rufen und befahl ihm, aus seinem Schatze so viel Gold zu nehmen, als er tragen könne.

Weniger klug und weniger bescheiden als Carl IV. es bei den Benediktinern in Opatowitz gewesen war, füllte der Prälat seine Taschen und seine Kleider so sehr, daß er keinen Schritt thun konnte und wie eine Statue vor dem gekrönten Trunkenbold stehen blieb, der lachte, als wenn die Gewölbe seines Palastes zusammenfallen sollten. Als er genug gelacht hatte, wurde die Beute bis auf den letzten Heller dem Bischof wieder abgenommen und er unter dem Spottgelächter der Diener mit Schande davon gejagt.

So waren die Sitten der Zeit und des Hofes. Die Habsucht des böhmischen Clerus war zum Sprüchwort geworden. Das Volk verglich die Mönche mit unreinen Thieren, welchen die Klöster zu Ställen dienten. Es übte an ihnen Gerechtigkeit mit einer Rohheit und Wildheit, die man im Mittelalter bei allen Völkern, unter allen Klassen und unter der Inspiration aller religiösen Ideen findet. Man zerbrach die Bilder und Statuen der Heiligen; man schnitt ihnen Nasen und Ohren ab und warf sie auf die Gassen und Straßen, wo sie von den Vorübergehenden mit Füßen getreten wurden.

Man sieht darin mehr Fanatismus als Habsucht; denn viele sehr werthvolle Gegenstände, unter andern Kunstgegenstände und kostbare Manuscripte gingen verloren, die mehr vermißt werden, als die Gold und Silberbarren der Klöster.

Ziska bemächtigte sich dieses letztern Raubes und ließ ihn nach Tabor bringen, wo sie gewissenhaft zur Erbauung der Stadt und der Festungswerke, so wie zum Unterhalt der Truppen und ihrer Familien verwendet wurden. Er behielt für sich nur einige Schinken und geräuchertes Fleisch, was er seine Spinngewebe nannte, weil man sie von den Wänden der Refectorien abfegte.

Unglücklicherweise beschränkte sich die Rachsucht nicht darauf. Die Mönche und Nonnen wurden wie Heilige behandelt und allen Qualen, aller Schmach preisgegeben. Wir gehen schnell über die Einzelheiten weg, die die Haut schaudern machen.

Im Jahre 1419 zerstörten die Taboriten nur in Prag vierzehn solcher Klöster. Sie verschonten nur das der slavonischen Benediktiner, welches sich für die hussitische Lehre erklärte und dessen Abt ihnen entgegen ging und ihnen das Abendmahl unter beider Gestalt darbot. Sie empfingen es beladen und umgeben mit ihren Bogen, Hellebarden, Keulen, Scorpionen und Sturmböcken.

Diese Benediktiner gehörten zu denen, welche unter Carl IV. das Privilegium erhalten hatten, den Gottesdienst in slavischer Sprache zu halten, was ein Schritt zu dem Schisma war; und da die Gründung ihres Hauses gleichzeitig mit der der Universität Prag war, so darf man glauben, daß sie sich stets denselben Ideen der Unabhängigkeit und der Reform zugeneigt hatten. Sie hatten sich gewiß den Anklagen nicht angeschlossen, welche der böhmische Clerus beim kostnitzer Concil gegen Johann Huß und Hieronymus erhob; denn keiner von diesen wurde begnadigt und nie war eine Hinrichtung so auffallend gerächt worden, als die dieser beiden berühmten Männer.

5.

Die Herren von Rosenberg hatten die hussitische Lehre eifrig angenommen und Einer von ihnen sich sehr bereit gezeigt, den Tod des Johannes Huß zu rächen. Doch seine Verheißungen scheiterten an Sigismund's Verführungen. Er wurde der gehaßteste und verachtetste Feind der Taboriten und mit dem Anfang des Jahrs 1420 brach Ziska wie ein Gebirgsstrom von der Höhe seines Tabor über die Stadt Aust herein, die fast zu seinen Füßen lag und die Rosenberg gehörte. Man war im Carneval und nach fröhlich verlebten Abenden schliefen die Bewohner so tief, daß sie im Schlafe überrascht und ermordet wurden. Alle wurden niedergehauen, ihre Häuser dem Boden gleich gemacht. Das Nest der Papisten beleidigte Ziska's Auge: er machte ein Kornfeld daraus.

Ulrich von Rosenberg, ein naher Verwandter des Letztern, den die Geschichtschreiber der Zeit von Rosen nannten, blieb noch einige Zeit auf der Seite Johann Ziska's. Wir erwähnen ihn hier, damit man ihn nicht mit dem Erstern verwechsele, der von den Taboriten mit Dreschflegeln erschlagen, dann in Stücke zerschnitten und ins Feuer geworfen wurde.

Ziska zerstörte im Anfange desselben Jahres 1420 noch ein Dutzend Klöster und ermordete ihre Bewohner. Coranda begleitete ihn auf diesen barbarischen Zügen. Hynek Krussina, ein kluger und tapferer Mann, ahmte Ziskas Eifer nach und sammelte auf einem Berge bei Kuttemberg, den er Horeb taufte, eine Schaar von Bauern, welche den Namen Horebiten annahmen. Die Taboriten und Horebiten schlossen sich im Kampf an einander und nahmen gemeinsam auf den Schlachtfeldern das Abendmahl. Sie verabredeten sich im Fall einer Gefahr sich stets zu benachrichtigen und sich gegenseitig zu unterstützen. In Erwartung des drohenden Krieges von außen hielten sie sich durch die Vernichtung der Mönche, die Ziska die inneren Feinde nannte, in Athem.

Mitten unter diesen Ereignissen wurde Ziska blind. Während er die Festung Raby belagerte, stieg er auf einen Baum, um seine Leute zu sehen und zu ermuthigen. Eine bei ihm vorüberfliegende Bombe zerschmetterte die Aeste und ließ einen kleinen Holzsplitter ihm ins Auge springen, das einzige, was er noch besaß. Die Festung wurde deswegen nicht weniger mit Sturm genommen und in Asche verwandelt; drauf ließ sich Ziska sein Auge verbinden und erschien kurze Zeit darauf wieder im Felde.

Man darf nicht glauben, daß dieser Krieg gegen die Mönche ohne Strapatzen und Gefahren war. Fast alle diese Klöster waren befestigt, und wenn die Aebte auf ihre Vasallen nicht rechnen konnten, so riefen sie kaiserliche Truppen herbei. Zuweilen sah man auch Bauern oder Arbeiter, der Privilegien wegen, die sie sich erhalten wollten, die Waffen gegen die Taboriten erheben. Die Bergleute von Kuttemberg Im Böhmerwalde, an der bayerschen Gränze. größtentheils Deutsche, haßten die Horebiten so sehr, daß sie ihnen beim Vorüberziehen durch die engen Pfade des Gebirgs aufpaßten, sie wie wilde Thiere mit dazu abgerichteten Hunden aufspürten und in die Gruben stürzten, nachdem sie sie zum Lauf gezwungen hatten. Man sagt, in einer dieser Gruben sollen 6000 Hussiten liegen.

Die Zustimmung der Massen zu dem schrecklichen Werke Ziska's wurde also mehr als ein Mal durch Privatinteresse durchkreuzt. Wenn die verhungerte Schaar der finstern Taboriten sich auf eine vom Kaiser privilegirte, oder vor Kurzem erst eroberte Gegend warf, konnte sie recht leicht von den zahlreichen Bewohnern mit Dreschflegeln und Heugabeln empfangen werden.

Ziska's System ging augenscheinlich dahin, das Land zu verwüsten, um gegen Sigismund einen unversöhnlichen und mörderischen Partheikrieg zu organisiren, und wenn man den Plan eines Mannes, dessen historisches Dasein mit Dunkelheit und Verläumdung umgeben ist, durch Vermuthungen ergänzen darf, so kann und muß man selbst die systematische Zerstörung aller Klöster und des ganzen böhmischen Clerus auf diese Weise erklären, ohne persönliche Rachsucht dabei zu Hülfe zu nehmen.

In der That, wollte denn Ziska etwas Anderes, als einen Krieg für die Nationalunabhängigkeit gegen die deutschen Eindringlinge? Wenn er diesen wollte, konnte er ihn nicht als ein verzweifeltes Unternehmen betrachten, auf welches er sich auf alle Weise und durch alle Opfer vorbereiten müsse? Dieser Nationalkrieg wäre mit dem Bestehen dieser mönchischen Bevölkerung, aus Flüchtlingen und Verbrechern aller Nationen zusammengesetzt, die mit dem Concil von Constanz ihren Frieden geschlossen hatten, indem sie ihm über der Asche des Johannes Huß Gehorsam geschworen, niemals möglich gewesen.

Ziska fand in dein Enthusiasmus der Taboriten den Stoff und die Verheißung des Siegs. Vaterlandsliebe reichte nicht hin, um plötzlich den böhmischen Proletarier zu vermögen, sich zu waffnen, seine Hütte zu verbrennen, seine Frau und seine Kinder durch ein verwüstetes Land zu führen, mit ihnen auf dem Wall einer Festung zu fechten, und in der Vertheidigung seiner Nationalfahne entweder vor Hunger oder an den Wunden zu sterben. Der Fanatismus besaß für diese heldenmüthige Vertheidigung, für dieses unerbittliche Losreißen von der Heimath, für dieses mühselige, herumschweifende Leben, für diesen entschlossenen Willen endlich, zu siegen oder zu sterben, Hülfsmittel, die der Nationalstolz nach der glänzenden und kräftigen Regierung Carls IV. schon nicht mehr besaß.

Ziska ist nicht blos ein tapferer Feldherr, sondern auch ein vollendeter Politiker, wenigstens glauben wir es und hoffen es zu beweisen, obschon er keinen bessern Ruf hinterlassen hat, als den eines wilden Kriegers. Daher unterschied er gleich von vornherein, nicht die Partei, welcher er sich anschließen, sondern diejenige, die er schaffen mußte, und während die Prager Hussiten über ihre vier Artikel Man wird später sehen, worin diese politische und religiöse Formel der gemäßigten Partei der Hussiten bestand. lange Reden hielten, ohne in sich selbst die Kraft zu finden, die Königin und die Kaiserlichen zu verjagen, rief Ziska von allen Seiten die Tapfersten und Eifrigsten zu sich und bildete sogleich eine furchtbare Heerschaar und eine verwegene Partei, blind seiner militärischen Inspiration ergeben, während er selbst fortdauernd in seinem Traum politischer Unabhängigkeit durch eine Freiheit von jeder religiösen Prüfung begeistert wurde, die keine menschlichen Grenzen kannte.

Daher wurde auch der Berg Tabor, wie durch Zauberei, Böhmens Mittelpunkt. Er war der Altar, wo das heilige Feuer nicht erstarb; die Höhle, aus der in der Zeit der Gefahr Schaaren von düstern Erzengeln oder mitleidslosen Dämonen hervorbrachen, das mystische Paradies, wo man in den Stunden der Ruhe die Verwirklichung eines gemeinsamen Lebens vollkommener Gleichheit versuchte.

Bei der Plünderung der Klöster wußte also Ziska sehr gut, was er that. Er hatte ein Heer zu erhalten und dieses Heer repräsentirte für ihn Böhmen, weil es der Hüter der Nationalfreiheit und Einheit war. Er rechnete auf einen Krieg, der mehrere Jahre dauern mußte, was auch eintraf. In den Reichthümern der Klöster lagen die Mittel, dieses Heer während dieser ganzen Zeit zu erhalten; und während er sich bedeutende Hülfsmittel sicherte, raubte er zu gleicher Zeit dem Feind dieselben Hülfsmittel.

Sigismunds Betragen bewies bald, daß Ziska sich nicht getäuscht hatte in seinem Glauben, der apostolische Kaiser werde zur Aufbringung der Kriegskosten die Kirchen und Klöster mit eben so wenig Gewissensbissen plündern, als die Ketzer es ihrerseits thaten. Auch verlor Ziska keine Zeit, um ihm diesen Vortheil zu nehmen. Die Burgherren, welche vor ihm die Hand ans Werk legten und sich mit den Schätzen des Clerus bereicherten, theils, um ihrer Habsucht und ihrer Verschwendung zu stöhnen, theils, um dadurch Sigismunds Gunst zu erkaufen, zeigten Ziska wohl, daß er nicht zögern dürfe und daß jeder Akt des Mitleids oder der Uneigennützigkeit Böhmens Untergang herbeiführen müsse.

Die von religiöser Wuth getriebenen Taboriten faßten vielleicht den Gedanken ihres Häuptlings nicht. Sie dürsteten wahrhaft nach dem Blut der Mönche und Priester, welche die Ketzerei in Rom angezeigt hatten und die größern Theils mit heldenmüthiger Entschlossenheit sterbend, sie selbst in ihren Qualen mit den Bannstrahlen des Papstes, dem Schwert des Kaisers, und den Scheiterhaufen der Inquisition bedrohten.

Es war also ein Krieg auf Tod und Leben zwischen den beiden Lehrmeinungen; und wenn Ziska weniger barbarisch als seine Anhänger gewesen wäre (was, ich gebe es gern zu, eine sehr gewagte Vermuthung wäre), so hätte er allen Einfluß auf s eine Vernichtungsengel, wie er sie nannte, verloren, wenn er sich ihren Grausamkeiten widersetzt hätte.

Man darf nicht vergessen, daß Ziska in seine rein militärischen Gedanken versunken, sich im Grunde wenig um die Lehre bekümmerte; er nannte sich fortdauernd Calixtiner, um seinen Einfluß auf diejenigen Hussiten zu behalten, welche die zahlreichste, wenn auch nicht die kräftigste Partei für den Augenblick ausmachte; übrigens mußte er sich einen Einfluß auf alle Glaubensschattirungen des Hussitismus zu erhalten suchen, und das vermochte er nur, wenn er alle Excesse duldete, ohne gerade die Verantwortlichkeit selbst für diejenigen übernehmen zu wollen, an denen er den thätigsten Theil genommen hatte.

Wir führen diese Gründe nicht an, um die Verbrechen zu entschuldigen, die durch Ziska gegen die Menschheit begangen wurden. Aber man hat ihn nicht allein derjenigen angeklagt, und man muß immer wiederholen, daß diese Verbrechen, die uns heutigen Tages, Gott sei Dank, nicht zu rechtfertigen scheinen, im Mittelalter im Geiste der Menschen nicht dieselbe Wichtigkeit hatten. Die Kirche war mit dem Beispiel vorangegangen. Sie, die Hüterin der milden und erbarmungsvollen Ideen des Christenthums, das höchste Gesetz, die höchste ideale Gerechtigkeit aller andern materiellen Gerechtigkeiten der Staaten, sie hatte die Scheiterhaufen angezündet, Torturen erfunden, Kreuzzüge gegen Andersdenkende anbefohlen. Die Moralisten der Kirche würden also wenig dabei gewonnen haben, wenn sie Ziska das Verbrechen der beleidigten Menschheit vorgeworfen hätten.

Daher haben die katholischen Geschichtschreiber auch nur versucht, ihm das Verbrechen der beleidigten Vaterlandsliebe zuzuschieben, im Glauben, das Erstere würde ihn bei der Nachwelt nicht gehässig genug machen. Sie haben seinen Vandalismus, die Zerstörung der Denkmäler und Bibliotheken, des Ruhms und der Aufklärung des Landes hervorgehoben.

Ich glaube, es giebt Epochen, wo ein solcher Vandalismus mehr als gerechtfertigt werden kann; und man hat sie oft mit dem Entschluß des Schiffskapitains verglichen, der seine reiche Ladung ins Meer wirft, um seine Mannschaft aus dem Sturm zu retten.

Ich habe so eben bewiesen, daß ohne diese Verwüstung die Böhmen nicht sechs Monat dem Feinde hätten widerstehen können. Man wird sehen, daß sie durch sie vierzehn Jahr lang mit unglaublicher Energie Widerstand leisteten.

Doch noch eine andere, schwere Beschuldigung lastet auf Ziska, die wir noch prüfen müssen. Um ihn als den schändlichen Häuptling einer Handvoll Verbrecher zu schildern, um ihm seinen furchtbaren und doch geheiligten Charakter des Volksoberhauptes und des Repräsentanten seines Vaterlandes zu nehmen, hat man ihn, besonders in den ersten Zeiten seines Unternehmens, dargestellt, als wenn er Schrecken und Verwüstung seinen eigenen Landsleuten, seinen Glaubensgenossen gebracht hätte; man hat sich bemüht, den Haß und das Entsetzen gewisser Provinzen zu schildern, die Anfangs seinem Gebote widerstanden und die er nur mit Gewalt mit sich fortriß. Seine Lobredner haben vergeblich versucht, seine Verheerung der böhmischen Fluren zu läugnen oder zu mildern; wir halten sie für wahr, verstehen sie aber auf folgende Weise:

Es kam nicht blos für die Anhänger Ziska's darauf an, mit den Heerhaufen Sigismund's Krieg zu führen; sie hatten auch Anfangs mit den Anhängern der Monarchie, mit den Freunden der Fremdherrschaft zu thun; und ganze Bevölkerungen, namentlich diejenigen, welche, wie wir schon gesagt haben, gewisse Privilegien für Ackerbau und Gewerbe, oder gewisse Eroberungsrechte genossen, machten mit ihren katholischen Herren gemeinsame Sache.

Noch mehr: In den ersten Zeiten des Aufstandes faßten die Bauern die Mission der Taboriten nicht und wollten neutral bleiben. Wie arm und niedergedrückt auch der Söldling, wie gedemüthigt auch der Sklav sei, er hat doch nicht immer den Willen zum Aufstande, selten den Muth dazu. Der Sklav gewöhnt sich an seine Fessel, der Arme liebt sein Strohdach und die Furcht vor dem Schlechtern hindert ihn häufig, das Bessere zu wünschen.

Die Taboritenpriester kamen in die Dörfer und predigten das Wort Christi an seine Jünger: »Stehet auf, verlaßt Eure Netze und folgt mir.« Ziska fügte als ächter Parteiführer hinzu: »Ueberlaßt Eure Hütten, Euer irdenes Geschirr, Euer dürftiges Mahl und die Heerden, die man Eurer Sorge vertraut hat und die Waffen, mit denen man Euch gegen uns bewaffnet hat, meinen Soldaten, meinen Kindern; denn sie sind das flammende Schwert des Engels, die Posaune des jüngsten Gerichts. Sie kommen Eure Herren zu strafen, Euer Joch zu brechen. Ihr seid ihnen Hülfe und Beistand, Liebe und Achtung schuldig.«

Der Leibeigene blieb oft taub bei dieser Sprache und antwortete: »Seid Ihr von Gott geschickt, so achtet wenigstens Eure Nächsten. Ihr compromittirt uns bei Euren Herren; Ihr ruinirt uns. Ihr seid zu zahlreich, um von unserm Brod zu leben, doch nicht zahlreich genug, um uns zu vertheidigen, wenn die Priester und Herrn auf uns losschlagen. Entfernt Euch, oder wir vertheidigen uns und behandeln Euch wie Räuber.«

Daher die blutigen Kämpfe! Dörfer und Städte selbst, die keine kaiserlichen Truppen aufgenommen und dem katholischen Glauben nicht geschworen hatten, wurden in Asche gelegt, gräßlich geplündert, die Einwohner gemordet, weil sie sich geweigert hatten, zur Vertheidigung des Landes beizutragen. Diese furchtbaren Executionen sicherten Ziska's Erfolg. Alle kräftig Widerstrebende wurden vertilgt. Wer sich ergab, vermehrte das Taboritische Heer. Ruinirt, von jedem Band mit der ehemaligen Gesellschaft losgerissen, genöthigt, als Bettler über ein verwüstetes Land hinzuziehen, hatten sie keine andere Zuflucht mehr, als Tabor, diese seltsame Stadt, wohin sich nach Vollendung der Werke des Bluts eine neue Gesellschaft zurückzog, um begeistert zu beten und mit heiligem Eifer das Gesetz brüderlicher Gleichheit und idealer Gemeinschaft auszuüben.

»Das Haus ist verbrannt,« sagte Ziska, »aber der Tempel steht offen. Die Familie ist zerstreut durch das Schwert, sie bilde sich unter dem Worte Gottes von Neuem. Hier finden die Wittwen neue Gatten und die Waisen sicherere Stützen als sie verloren haben.« So zog er, freiwillig oder gewaltsam, die Bevölkerungen sich nach. Er schickte ihnen Anfangs seine Priester und wenn deren Predigt nutzlos war, kam er mit seinen unerbittlichen Befehlen und seinem gräßlichen Urtheilsspruch.

In kurzer Zeit war der Ackerbau vernichtet, der Gewerbfleiß gelähmt, die Felder blieben brach, die Dörfer, wo der Feind hätte Ruhe finden können, wurden zu Trümmerhaufen, die Berge und Wälder wurden mit unsichtbaren Vertheidigern bevölkert, jeder Busch am Wege für den lauernden Parteigänger ein Zufluchtsort. Die katholischen Herren wagten sich nicht mehr aus ihren Schlössern heraus, die kaiserlichen Garnisonen blieben stumm hinter ihren Wällen. Prag und die königlichen Plätze fragten sich, was daraus werden sollte und verloren sich in theologische Streitigkeiten oder in Vergleichsvorschlägen mit der Krone, ohne sich zu vertheidigen zu wagen. Böhmen war ruinirt.

Sigismund lachte über sein Elend und beeilte sich nicht, heran zu kommen, im Glauben, die verschiedenen Parteien würden ihm den Weg bahnen, indem sie sich gegenseitig verschlängen. Doch Tabor war reich, Tabor befestigte sich. Das Heer Tabors wuchs mit jedem Tage und stählte sich im Waffenhandwerk, und als das Juste milieu sich bei Ziska über den Schaden beklagte, den er ihm verursacht hätte, zeigte Ziska auf Tabor und sagte:

»Hier ist das Heil, macht Euch zu Taboriten. Ihr wollt nicht leiden? Wir wollen gern für Euch kämpfen, aber das Geringste, was daraus erfolgen kann, ist, daß Eure Ruhe und Bequemlichkeit ein wenig gestört wird. Thut wie wir, oder laßt uns unsern Willen.«

Das war Ziska's Rolle. Es kam eine Zeit, wo Alle, Fanatiker und Laue, Taboriten und Calixtiner sie verstanden und sich unter seinen Willen beugten. Doch gehen wir den Ereignissen nicht voraus und folgen wir dem Gange der ersten Kämpfe ein wenig.

6.

Die Bewohner Prags nannten sich größtentheils Calixtiner; in Rom nannte man sie aus Hohn die hinkenden Hussiten, weil sie in mehreren Punkten von Johannes Huß abgewichen waren; in Tabor hießen sie falsche Hussiten, weil sie sich mehr an das Wort Wiklef's und Johannes Huß hielten, als an den Geist der Lehre derselben. Sie selbst, die Calixtiner, nannten sich reine Hussiten. Im Jahre 1420 hatten sie ihre Lehre in vier Artikel ausgesprochen: 1) das Abendmahl unter beider Gestalt; 2) die freie Predigt des Wortes Gottes; 3) die Bestrafung der öffentlichen Vergehen; 4) die Einziehung der geistlichen Güter und die Abschaffung aller weltlichen Macht und Privilegien des Clerus Diese vier Artikel waren eine mehr politische als religiöse Protestation. Die drei scheinbar auf die Religion bezüglichen Artikel sind ein thatsächlicher Angriff gegen die zeitliche Macht und den Reichthum des Clerus. Wer die Bestrafung der öffentlichen Vergehen verlangt, trachtet nur danach, die Rechtsfälle und die Unterdrückung der Angriffe gegen die nationale Gesellschaft den Händen der von der Nation gewählten Magistratspersonen und nicht den Abgesandten des Fürsten und der Kirche zu übergeben..

Sie schickten nach Tabor eine Deputation, um sich zu erkundigen, wie sie sich von der Königin befreien könnten, welche mit einigen Truppen noch immer die Kleinseite Prags besetzt hielt. Man hat die Antwort der Taboriten auf diese Frage wörtlich aufbewahrt. »Wir beklagen Euch, daß Ihr nicht die Freiheit habt, das Abendmahl unter beider Gestalt zu genießen, weil Ihr von zwei Festungen beherrscht werdet. Wollt Ihr aufrichtig unsern Beistand annehmen, so wollen wir kommen, sie zu brechen, die monarchische Regierung abschaffen und aus Böhmen eine Republik machen.« Ich glaube, man braucht diese Antwort keiner langen Auslegung zu unterwerfen, um zu sehen, daß die Wiedereinsetzung des Kelchs weder eine eitle Subtilität, noch das einfältige Vorurtheil eines barbarischen Fanatismus war, wie man es gewöhnlich glaubt, sondern das Zeichen und die Formel einer gründlichen Umwälzung der bestehenden Gesellschaft.

Der Vorschlag wurde angenommen. Die Burg Wyssherad erstürmt. Darauf belagerten die Prager und Taboriten unter Ziska's Befehl die Kleinseite. Erst seit kurzer Zeit waren in Böhmen die Mörser in Gebrauch gekommen. Die Belagerten schleuderten mit Hülfe dieser Kriegsmaschinen Schrecken in die Reihen der Hussiten. Aber die Taboriten hatten gelernt, auf ihre Arme und ihre Keckheit zu rechnen. Sie bemächtigten sich der Brücke, die durch ein Fort, mit Namen Sachsenhausen, vertheidigt wurde, und belagerten mitten in der Nacht das Fort St. Wenzeslaus. Die Königin ergriff die Flucht.

Eine Verstärkung der Kaiserlichen, die ins geheim angekommen war, vertheidigte die Burg. Das Gefecht wurde hartnäckig. Die Hussiten waren bereits Herren der ganzen Stadt; nur noch ein Schritt, und das letzte Fort Sigismund's in Prag entfiel seinen Händen. Doch die Großen des Reichs vermittelten, benutzten ihr gewohntes Uebergewicht über die Hussiten von Prag und überredeten sie, in einen viermonatlichen Waffenstillstand zu willigen. Man kam überein, daß der Gottesdienst auf beiden Seiten während dieser Zeit frei, der Clerus und das Eigenthum geachtet sein und Ziska Pilsen und seine übrigen Eroberungen herausgeben sollte.

Ziska verließ mit seinen Taboriten die Stadt, entschlossen, diesen wahnsinnigen Vertrag nicht zu beobachten. Der Magistrat von Prag übernahm seine Geschäfte wieder; doch die während des Kampfes aus der Stadt geflohenen Katholiken wagten nicht dahin zurückzukehren, aus Furcht vor dem Hasse des Volkes. Sigismund schrieb Drohbriefe und Ziska begann wieder seine verheerenden Züge in den Provinzen.

Sobald die Königin ihren Schwager Sigismund zu Brünn in Mähren erreicht hatte, riefen sie einen Landtag der Prälaten und Großen zusammen, und schrieben den Pragern, hier mit ihnen zu unterhandeln. Der mährische Adel hatte den Kaiser jubelnd empfangen. Die hussitischen Deputirten kamen an und nahmen das Abendmahl unter beider Gestalt öffentlich in der Stadt, die sogleich mit dem Interdict belegt, nämlich für die ganze Zeit, daß sie in ihr blieben, der heiligen Sacramente beraubt wurde, weil der papistische Clerus sie als besudelt und befleckt betrachtete. Darauf überreichten sie ihre Forderungen, nämlich ihre vier Artikel, Sigismund, der sich über sie lustig machte.

Lieben Böhmen, sagte er zu ihnen, laßt das, hier ist kein Concil.

Dann gab er ihnen schriftlich seine Bedingungen; sie sollten die Ketten und Barricaden aus den Straßen Prags entfernen und die Eisenstangen und Säulen in die Burg tragen; alle Verschanzungen, die sie vor St. Wenceslaus errichtet hätten, abwerfen; seine Truppen und seine Befehlshaber bei sich aufnehmen und sich ihm völlig unterwerfen, dann wolle er ihnen eine allgemeine Amnestie gewähren und sie nach der Weise seines kaiserlichen Vaters regieren, aber nicht anders.

Die Deputirten kehrten niedergeschlagen nach Prag zurück und lasen diesen Befehl im Rathe vor. Die Geister waren muthlos, Ziska war nicht mehr da; die Katholiken regten sich und drohten. Man führte Punkt für Punkt Sigismunds Willen aus. Die Domherren, Pfarrer, Mönche und Priester kehrten im Triumph in die Stadt zurück, beschützt von den kaiserlichen Soldaten.

Diejenigen Hussiten, welche an diesen Feigheiten keinen Theil hatten, entfernten sich aus Prag und begaben sich sämmtlich nach Tabor. Sie wurden unterwegs von einigen königlich gesinnten Edlen angegriffen und gingen nach einem harten Kampfe siegreich aus ihren Händen hervor. Ein Theil suchte Niclas von Hussinetz in Sudomirz, der andere Ziska in Tabor auf. Diese Häuptlinge führten sie in den Krieg und ließen mehrere feste Plätze von ihnen zerstören und einige feindliche Städte plündern.

Sigismund schrieb den Pragern, dankte ihnen für ihre Unterwerfung und schickte den Katholiken den Befehl zu, alle Wiklefiten, Hussiten und Taboriten ohne Gnade zu erwürgen. Die Papisten ließen sich nicht lange bitten und übten die abscheulichsten Grausamkeiten; Böhmen war ein Feld des Blutes.

Doch Niemand wagte Ziska vor Ankunft des Kaisers anzugreifen. Sigismund wagte noch nicht, sich in Böhmen zu zeigen. Er ging nach Schlesien und bestrafte dort einen ältern Aufstand, ließ zwölf der Empörer den Kopf abschlagen und Johann von Crasa, einen hussitischen Prediger, in den Straßen Breslaus von vier Pferden zerreißen; man rechnete ihn zu den böhmischen Märtyrern, denn die Ketzerei hat eben so gut ihre Verzeichnisse von Opfern, wie die urchristliche Kirche und eben so gute Ansprüche darauf.

Der Kaiser ließ die Aufforderung Martins V., einen Kreuzzug gegen die Hussiten zu unternehmen, öffentlich bekannt machen. Diese wahnsinnige Strenge brachte in Böhmen die Wirkung hervor, die man davon erwarten mußte. Der Prämonstratensermönch Johann, den wir schon in den ersten Unruhen Prags gesehen haben, kam, begünstigt von der Verwirrung, wieder dahin und predigte in der Fastenzeit. Er sprach heftig gegen den Kaiser und gab ihm einen Namen, der ihm in Böhmen geblieben ist: das rothe Pferd der Apokalypse.

– Lieben Prager, sagte er, gedenkt an die von Breslau und an Johannes Crasa.

Das Volk versammelte die Bürgerschaft und Universität und schwor in ihre Hände, Sigismund niemals aufzunehmen und die neue Gestalt des Abendmahls bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Die Feindseligkeiten begannen von Neuem in der Stadt und auf dem Lande. Man vertheilte durch das ganze Reich Aufruhrbriefe. Ueberall wurde derselbe Schwur geleistet und stieg zum Himmel auf.

Sigismund entschied sich endlich für den offenen Krieg. Er warb Truppen in Ungarn, in Schlesien, in der Lausitz, im ganzen Reiche.

Albert, Erzherzog von Oesterreich, an der Spitze von 4000 Pferden und verstärkt von andern bedeutenden Truppenmassen und vom Feldhauptmann von Mähren, zog zuerst dem furchtbaren Blinden entgegen. Ziska schlug sie zwischen Prag und Tabor und zerstörte dann, ohne sich mit ihrer Verfolgung aufzuhalten, ein reiches Kloster, das wir wegen einer Episode hier erwähnen. Von den Vasallen, die es vertheidigten, blieben nur noch sechs Männer, welche sich bis zuletzt wie Löwen vertheidigten. Erstaunt über ihre Tapferkeit versprach Ziska demjenigen von den Sechsen, welcher die andern Fünf tödten würde, das Leben. Sogleich warfen sie sich wie Hunde auf einander. Es blieb nur einer von ihnen am Leben, der sich zum Taboriten erklärte, nach Tabor ging und dort zum Zeichen seiner Treue das Abendmahl unter beider Gestalt genoß.

Die Hussiten von Prag belagerten aber die Burg St. Wenzel. Der Gouverneur nahm den Schein an, als wolle er sich ergeben, plünderte und raubte Alles, was er im Schlosse finden konnte, und entfernte sich, nachdem er seine Vertheidigung seinem Collegen Plauen überlassen hatte. Als die Belagerer, im Vertrauen auf sein Wort, in das Schloß stürzten, wurden sie geschlagen und zurückgetrieben. Doch Ziska kam an. Er verweilte, nicht weit von Prag, vor einigen Hussiten, welche ein Kloster zerstörten und die Mönche beschimpften.

Bruder Johann, sagten sie zu ihm, wie gefällt dir das Mahl, das wir diesen heiligen Komödianten zurichten?

Doch Ziska, der an nichts Unnützem Gefallen fand, zeigte auf die Feste St. Wenzel und antwortete ihnen:

Warum habt Ihr diese Scheerbude ( calvitia officina) verschont?

– Ach, sagten sie, wir sind gestern mit Schanden davon gejagt worden.

– So kommt mit mir, antwortete Ziska.

Ziska hatte nur 30 Reiter bei sich. Er rückte in Prag ein, und kaum hatte man seinen dicken, geschorenen Kopf, seinen langen, polnischen Schnurrbart und seine für immer erloschenen Augen gesehen, die ihn, wie man sagt, furchtbarer als den Tod machten, so ermuthigten sich die Prager und fühlten sich von Wuth und neuer Kraft gestählt. St. Wenzel wird erstürmt und Ziska kehrt nach Tabor zurück, indem er ihnen empfiehlt; ihn bei der Gefahr stets herbeizurufen.

Kaum ist er fort, so erscheint eine Verstärkung der Kaiserlichen und nimmt die Burg wieder, Ziska hat eine wahrhaft übermenschliche Macht. Da, wo er mit einer Hand voll Taboriten war, da war der Sieg und wenn er fort ging, schien er ihm auf dem Fuße zu folgen; die Seele, der Nerv dieser Revolution war in ihm, oder vielmehr in Tabor; denn es schien, als müsse er nach jedem Gefecht sich dort neue Kräfte holen. Die Calixtiner aber besaßen nur einen wankenden Glauben, unklare Absichten, ein Gefühl persönlichen Interesses, immer bereit, der Furcht oder der Verführung nachzugeben.

Ein taboritischer Häuptling, der durch die Umlaufschreiben Ziskas zu dem Kriege ohne Pardon aufgefordert war, griff den Wisherad an, welchen die Kaiserlichen wieder eingenommen hatten. Er wurde zurückgeworfen und wäre mit all den Seinen umgekommen, wenn Ziska sich nicht gezeigt hätte. Die Kaiserlichen, die einen kräftigen Ausfall gemacht hatten, kehrten sogleich zurück.

Diesmal wurde Ziska mit offenen Armen in der Stadt empfangen. Die Geistlichen, der Rath und die Bürgerschaft eilten ihm entgegen und führten die Frauen und Kinder der Taboriten in ihre Häuser, um sie zu beherbergen und zu bewirthen. Seine Soldaten durchstrichen die Straßen, nahmen den katholischen Frauen ihre Schleier und schnitten ihren Gatten die Schnurrbärte ab. Mehrere Städte erklärten sich für die Taboriten Laina Zatec, und Slan, von denen weiterhin die Rede sein wird, und die zum Rang der heiligen Städte der Verheißung erhoben wurden. und schickten ihre Männer nach Prag, um dem Blinden ihre Dienste anzubieten.

Im Wisherad war eine neue Verstärkung eingetroffen und der Kaiser näherte sich in Eilmärschen. Ziska ließ vom Kloster St. Katharina (das man abgebrochen hatte) bis zur Moldau Verschanzungen aufwerfen, die Burg von allen Seiten einschließen, um jede Zufuhr an Lebensmitteln und neue Verstärkungen zu verhindern, alle Bäume in dem Garten des erzbischöflichen Palastes niederhauen, um die Bewegungen des Feindes zu entdecken, und die Prager erneuerten freudig ihren Schwur, niemals Sigismund bei sich aufzunehmen.

7.

Die festen Schlösser Prags, welche auf Seiten des Kaisers standen, schienen uneinnehmbar, und da sie auf die nahe Ankunft der kaiserlichen Armee rechneten, lachten sie über die Vorbereitungen der Volksmenge. Die Garnison des Wisherad sah ruhig die Frauen und Kinder Tag und Nacht arbeiten, um einen breiten Graben zwischen der Stadt und der Burg zu ziehen.

Wie thöricht! riefen sie von der Höhe der Mauern zu ihnen hinab; glaubt Ihr, die Gräben könnten Euch vom Kaiser trennen? Ihr solltet lieber das Land bauen.

Doch die Taboriten waren nicht mehr blos eine in Tabor lagernde Heerschaar, sondern eine zahlreiche mächtige Sekte. Mehrere Städte nahmen die Benennung Taboriten an, und die neue Lehre verbreitete sich über ganz Böhmen. Diese sogenannte neue Lehre, welche nach der Ansicht der Calixtiner die kühnen Aussprüche des Johannes Huß noch gewaltig übertrieben, war nur eine Rückkehr zu den Lehren der Waldenser, die denen des Johannes Huß und selbst Wiklefs lange vorhergingen. Wir werden bald ihre Artikel sehen.

Während man Sigismund erwartete, brachte die lebhafte Gährung der Geister zahlreiche Beispiele jener Ekstase hervor, die man bei allen religiösen Aufständen wiederfindet. Die patriotische Begeisterung steigert den Glauben zu einem wahrhaften Magnetismus und ganze Bevölkerungen erhoben sich bei dem Zurufe neuer Propheten, um in den heiligen Krieg zu ziehen.

Die große taboritische Prophetengabe, welche Böhmen zu jener Zeit fanatisirte, verkündigte die nahe Ankunft Jesu Christi auf Erden. Er sollte wiederkommen, und auf den Trümmern aller Reiche über die Menschen Gericht halten und durch die Waffen der Taboriten ein neues Reich gründen ( jenes Reich Gottes, jene ideale Republik, jene Brudergemeinde, welche die Evangelisten und Apostel verheißen, und an welche die ersten Schüler des Christenthums im materiellen Sinne geglaubt haben). Alle Städte Böhmens sollten dann von der Erde verschlungen werden, mit Ausnahme von fünf, die sich immer rein und treu gezeigt hätten.

Diese fünf Städte erhielten mystische Namen. Pilsen wurde die Sonne, Laan der Mond, Slan der Stern, Glato oder Klattau die Morgenröthe, Zatek Segor genannt. Die Priester ermahnten das Volk, den Zorn Gottes, der über die ganze Welt einbrechen würde, zu vermeiden und sich in die fünf heiligen Städte, oder in die Städte der Zuflucht zu begeben. Viele reiche Böhmen und Mähren verkauften ihre Güter zu geringem Preis und gingen, nach dem Beispiel der ersten Christen, mit ihren Familien und brachten das Geld der großen taboritischen Familie.

Dieser glühende Impuls mußte diese Menschen unbesiegbar machen, so lange er in ihren Herzen wohnte und das sah weder der Kaiser voraus, noch begriffen es die Soldaten in seinen Burgen. Sie lachten hinter ihren unbezwinglichen Mauern über die Befestigungen der Taboriten, die aus ihren Karren Barricaden bildeten, um sich dahinter zu verschließen und bewegliche Schanzen, hinter deren Schutz sie angriffen. Jede Taboritenfamilie kam mit den Ihrigen nach Prag, Greise, Frauen und Kinder mit sich führend. Alle unerschrocken und an den Krieg gewöhnt. Dieser Karren wurde zum Wall und zum Arsenal der Familie. Man focht hinter ihm, verwundet verschanzte man sich in ihm, man trieb ihn mit Wuth gegen die Flüchtlinge. Es war eine treffliche Kriegswaffe. Die Kaiserlichen lernten ihn bald fürchten.

Endlich im Monat Juni desselben Jahres (1420) betrat Sigismund an der Spitze von 140 000 Mann vom Churfürsten von Brandenburg, dem Markgrafen von Meißen, dem Erzherzog von Oesterreich und den Fürsten von Bayern befehligt, Böhmen. In Königsgrätz, einer katholischen und königlich gesinnten Stadt, dem Witthum der Königinnen von Böhmen, wo er immer starke Garnisonen gehalten hatte, wurde er gut empfangen. Alle katholischen Großen Mährens und Schlesiens kamen hinter ihm drein, alle böhmischen Edelleute gingen ihm entgegen.

Ulrich von Rosenberg, der bis dahin mit Ziska vereinigt gewesen war, mochte nun der Mord und der Untergang seiner Verwandten ihn gegen die Taboriten aufgebracht oder der Kaiser ihn gewonnen haben, wie es ziemlich bewiesen ist, oder mochte endlich sein Geist von einem entsetzlichen Gesicht, das er in dieser Zeit hatte, in welchem er Jesum Christum, Johannes Huß, St. Wenzel und St. Adalbert in einer tragischen Phantasmagorie erblickte, betroffen worden sein, er schwor die hussitische Lehre in die Hand des päpstlichen Legaten ab und zog dem Kaiser mit 500 Reitern zu.

Seine erste That war, eine hussitische Stadt wegzunehmen und die Mauern niederzureißen; doch da er Ziska am Fuße des Berges Tabor herausgefordert hatte, ward er daselbst von Nicolas von Hussinetz empfangen und niedergehauen. So kam er beim Kaiser nicht als Sieger, sondern als Flüchtling an und diese erste unglückliche Waffenthat war für die kaiserliche Armee von böser Vorbedeutung.

Diesem furchtbaren Heere fehlte eben die Einheit und die Idee, welche die Hussiten stark machte. Die Fürsten, welche es commandirten, hatten sich schon tödtlich beleidigt und erst vor Kurzem zum Behuf dieses Zugs sich wieder ausgesöhnt; sie haßten sich aber deswegen nicht weniger. Der Kaiser verachtete sie von ganzem Herzen, sie und ihre Unterthanen. Er nährte eine tiefe Geringschätzung gegen die Mährer, Schlesier, Ungarn, kurz gegen alle slavische Raçen. Die Söldner-Horde, welche den größten Theil des Heeres ausmachte, konnte man nicht bezahlen, und da die Plünderung, auf welche diese Art von Truppen rechnete, ihnen, Dank der Vorkehrungen Ziska's, der im voraus das Land verwüstet hatte, fehlte, so war das kaiserliche Heer schon unzufrieden, ehe es noch das Schwert gezogen hatte.

Doch kam es unbelästigt bis an die Mauern Prags. Die Städte öffneten ihm die Thore; denn es befanden sich in ihnen nur Katholiken, die den Kaiser freudig empfingen. Alle Hussiten waren in Prag; und Sigismund konnte nur vierundzwanzig in Litomeritz auftreiben, die er in die Elbe werfen ließ. Die heilige Stadt Slan selbst öffnete ihm die Thore, aber er wagte nicht hineinzukommen, weil er einen Hinterhalt fürchtete.

Als er endlich am 30. Juni vor Prag angekommen war, versuchte er anfangs einen kleinen Krieg, in welchem er viele Leute verlor, und am 11. Juli entschloß er sich einen allgemeinen Sturm zu wagen. Die Taboriten kämpften verzweifelt für ihren Altar und ihren Heerd. Die kaiserlichen Truppen bemächtigten sich der Kleinseite. Ein Corps Ungarn wandte sich in den großen Raum des bischöflichen Palastes; doch die Taboriten, welche den Bewohnern von Prag überall, wo die Gefahr am höchsten war, zur Hülfe herbeieilten, entschieden den Sieg und drängten die Kaiserlichen bis zur Moldau zurück.

Ziska, der sich gewöhnlich vor entscheidenden Gefechten hütete, blieb mit der Elite seiner Taboriten auf einem hohen Berge Dieser Ort trägt noch jetzt den Namen Berg Ziska's. verschanzt, östlich von der Neustadt, in der Nähe des Prager Galgens. Die Deutschen, die in ihm das Schicksal der Schlacht sahen, griffen ihn hier mit Entschlossenheit an. Die sächsische Infanterie füllte die Gräben mit Faschinen und bahnte der Reiterei den Weg.

Ziska vertheidigte sich furchtbar. Der kräftige und unerschrockene Weinbauer Robyck kämpfte an seiner Seite und warf mehrmals den Feind zurück. Zwei Frauen und ein junges Mädchen der Taboriten thaten Wunder der Tapferkeit und fielen, mit Wunden bedeckt, unter den Hufen der Pferde, nachdem sie wiederholt sich zu ergeben sich geweigert hatten. Doch die Zahl der Belagerer wuchs immer mehr und Ziska war nahe daran, zu erliegen, als die Taboriten der Neustadt, von Johann dem Prämonstratenser geführt, der den Kelch als Standarte trug, zum Schutz ihres Häuptlings herbeieilten und die Kaiserlichen mit Verlust zurücktrieben, obgleich der Kaiser immer neue Schaaren herbeizog. Er mußte an diesem Tage vom Angriffe ablassen.

Einige Tage nachher vollendete die Hand eines Weibes die Niederlage der Kaiserlichen. Eine taboritische Pragerin schlich sich des Nachts zur Zeit eines heftigen Windes in ihr Lager und legte Feuer an ihre Belagerungsmaschinen. Viele Reichthümer und werthvolle Gegenstände gingen dabei verloren, der größte Verlust aber war, daß sämmtliche Leitern verbrannten. Bestürzung ergriff die kaiserliche Armee und der Kaiser hob entsetzt am 30. Juli die Belagerung auf. Sie hatte vier Wochen gedauert, während welcher Zeit die Prager, um zu zeigen, daß sie sich nicht fürchteten, weder Tag noch Nacht die Thore schlossen.

Noch am Tage seines Abzugs rühmte sich der Kaiser, er wolle sich in der Burg St. Wenzel vom Erzbischof Konrad zum König von Böhmen krönen lassen. Er schlug mehrere Ritter und nahm die Schätze mit sich, die sein Vater und sein Bruder in Carlstein niedergelegt hatten, und die goldenen und silbernen Leisten, mit denen die Gräber der Heiligen in der Kirche St. Wenzel's bedeckt waren. Er verpfändete mehrere böhmische Städte an die Herzöge von Sachsen, um ihre Truppen zu bezahlen, und die Edelsteine der Krone an Geldwechsler, die kaiserlichen Reliquien an Nürnberger Kaufleute.

Sigismund's Rückzug war sehr unglücklich; fortdauernd beunruhigt von den Hussiten, erreichte er Ungarn, ließ seine Truppen aus einander gehen, außer einigen Garnisonen, die er in einigen Festungen gelassen hatte, die Güter der Herren Podiebrad zu verwüsten, von denen er in diesem unglücklichen Kreuzzug besonders zu leiden gehabt hatte. Diese unerschrockene und ausdauernde Familie der Podiebrad hat später Böhmen einen hussitischen König gegeben.

Ziska verließ bald nach Sigismund Prag und arbeitete darauf hin, die kaiserliche Armee auszuhungern, wenn es ihr einfallen sollte, wieder zurückzukommen; das heißt, er nahm seine Raub- und Verwüstungszüge wieder auf, und verlor keinen Tag für dieses Werk höllischen Patriotismus und ließ keinen Augenblick lang den blutdürstigen Eifer seiner Taboriten erkalten.

Während seiner Abwesenheit fuhren die Prager fort, die Festungen Wysherad und St. Wenzel anzugreifen, die noch immer von Kaiserlichen besetzt und mit Kriegsmaschinen versehen, sich nicht zu regen wagten und sich nur auf die Vertheidigung beschränkten.

Eines Nachts, als die Taboriten der Neustadt, vom Wysherad zurück geschlagen, sich in Unordnung zurückzogen, fanden sie auf Befehl des Raths die Thore der Stadt verschlossen. Hätte die kaiserliche Besatzung sich einige Schritte weiter gewagt, so wäre diese muthige Schaar der Taboriten vernichtet worden. Sie verdankten ihre Rettung nur der Furchtsamkeit der Kaiserlichen, die in ihre Feste zurück kehrten, ohne zu ahnen, daß der Feind ihr preis gegeben sei. Erzürnt über die Treulosigkeit des Raths erfüllten diese Taboriten am folgenden Morgen die Stadt mit ihren Verwünschungen und alle Taboriten beschlossen, diese feige Stadt zu verlassen, für die sie ihr Blut vergossen hatten und die sie aufopferte.

Der Prämonstratenser machte dem Volke begreiflich, daß seine Rettung nur auf den Taboriten beruhe. Die erschreckte Bürgerschaft rief die Priester, die Magistratspersonen und vornehmsten Bürger zusammen. Der Mönch übernahm es, das Wort bei dieser Ausgleichung zu führen. Den Taboriten wurde Abbitte und Ehrenerklärung gethan; der Rath betheuerte, die Thore könnten nur aus Unbedachtsamkeit geschlossen worden sein. Man beschwor die Vertheidiger der Freiheit in Prag zu bleiben, aber trotz der Thränen und Bitten des Volks, packte eine große Anzahl der Taboriten ihre Habseligkeiten zusammen, bestieg ihre Karren und entfernte sich, die Monstranz an ihrer Spitze, nur sich Ziska anzuschließen und ihn auf seinen Streifzügen zu begleiten.

Er gab ihnen so viel Arbeit als sie wünschen konnten. Vor Prachatitz angekommen, wo er seine ersten Studien gemacht hatte, bot er der Stadt seinen Schutz unter der Bedingung an, daß sie die Katholiken verjagen sollten. Doch diese, welche sehr zahlreich waren, ließen ihm antworten: sie fürchteten einen so kleinen Edelmann wie ihn keineswegs. Der furchtbare Blinde ließ ihnen diese Beleidigung schwer büßen. Er bemächtigte sich der Stadt ohne Schwierigkeit, hieß die Frauen und Kinder hinaus gehen, erwürgte alle Katholiken, und legte Feuer an die Kirche, wohin sich die gemäßigt Gesinnten geflüchtet hatten. Achthundert Personen kamen unter ihren Trümmern um.

Am 15. September begannen die Taboriten, die Horebiten und die Bewohner der heiligen Städte, an ihrer Spitze Führer von geprüfter Tapferkeit, die Belagerung von Wysherad von Neuem. Die erschöpfte und entmuthigte Besatzung schrieb an den Kaiser, daß sie sich nur noch vier Wochen halten könne und erhielt nur Versprechungen von ihm. Nicolas von Hussinetz fing die Lebensmittel und die Briefe auf, die der Kaiser später schickte, um seine Ankunft anzuzeigen.

Mit der höchsten Noth kämpfend, schickten endlich die von Wysherad, nachdem sie sich noch fünf Wochen gehalten und Pferde, Hunde, Katzen und Ratten verzehrt hatten, ihre Officiere an die Prager, um zu kapituliren. Man kam von beiden Seiten überein, sich fünfzehn Tage lang ruhig zu verhalten, und wenn der Kaiser am ' sechzehnten keine Lebensmittel schickte, solle die Besatzung sich den Hussiten ohne weitere Vertheidigung ergeben.

Während dieser Zeit stand Sigismund, der ein neues Heer geworben hatte, vor Cuttenberg. Se. kaiserl. Majestät war in eine tiefe Schwermuth versunken und suchte seinen Unmuth durch Musik zu zerstreuen. Eine andere Erholung gewährte es ihm, von seinen Hussaren die Besitzungen der böhmischen Herren, welche die hussitische Lehre angenommen hatten, mit Feuer und Schwert verwüsten zu lassen, ohne weder Frau noch Kind zu verschonen. Er unterhandelte mit den Prager Deputirten, suchte sie zu betrügen und bedrohte sie endlich mit seiner gewöhnlichen Rohheit, die über seine instinktmäßige List und Klugheit immer den Sieg davon trug.

Endlich erschien er am 31. October mit einem Heere, das er aus Mähren hatte kommen lassen, vor Prag. Er zeigte sich mit dem Degen in der Hand auf einem Hügel in der Nähe des Wysherad und gab auf diese Weise der Garnison das Signal zum Kampfe. Aber es war um einen Tag zu spät; am Tage zuvor war die Zeit des Waffenstillstandes abgelaufen. Die Besatzung des Wysherad, treu ihrem Wort und von der Gewissenhaftigkeit gerührt, mit welcher die Taboriten sie während des Waffenstillstandes in Ruhe gelassen hatten, antworteten dem Signal des Kaisers nicht. Ein düstres Schweigen lag auf der Festung.

Die von Kummer und Krankheiten erschöpften Soldaten waren gleich Gespenstern von ihren Zinnen herab unbewegliche Zeugen des Gefechts, das sich vor ihren Augen entspann; anfangs erstarrt vor Erstaunen gerieth der Kaiser bald in eine große Wuth und als seine Officiere die erfinderischen Befestigungen der Taboriten bewunderten und ihn aufforderten, seine Person und sein Heer einer unmöglichen Unternehmung nicht preiszugeben, rief er:

– Nein, nein, ich will diese Dreschflegelträger züchtigen.

– Diese Dreschflegel sind sehr furchtbar, antwortete einer der Generale.

– Pfui, über Euch Mähren! versetzte der Kaiser außer sich; ich habe Euch immer für Feiglinge gehalten, doch nicht in diesem Grade.

Sogleich stiegen die Ritter vom Pferde und sagten:

– Ihr sollt sehen, daß wir dahin gehen, wohin Ihr Euch nicht wagt.

Sie warfen sich diesen eisernen Dreschflegeln entgegen, die der Kaiser so verachtet hatte, und Keiner kehrte wieder. Die Ungarn, die sie rächen wollten, bekamen mit den Bewohnern der heiligen Städte zu thun und ergriffen die Flucht. Der Kaiser drückte seinem Pferde beide Sporen ein und entkam mit großer Mühe. Die Prager verfolgten ihn und verschonten Keinen, den sie erreichen konnten. Der größte Theil des mährischen Adels blieb auf dem Platze; mehr als 300 Herren von der kaiserlichen Partei lagen vier Tage unbeerdigt auf dem Schlachtfelde. Die Verpestung der Luft war fürchterlich. Ein Hussitenhäuptling ließ sie endlich, voll Mitleid über das Schicksal so vieler tapfern Männer, auf seine Kosten im Kirchhofe von St. Pancratius beerdigen.

Der Tag dieses zweiten Sieges endete sich mit einem rührenden Auftritt. Die Garnison des Wysherad ergab sich, treu ihrem Schwur, mit sämmtlichen Kriegsmaschinen der Citadelle, den Pragern. Die Belagerer empfingen die Belagerten mit offnen Armen. Sie beeilten sich, den Hunger zu stillen, der sie so lange quälte, gaben ihnen Kleider, Lebensmittel und Alles, was nothwendig war, um sich in guter Ordnung zurückzuziehen.

Am folgenden Morgen mit Anbruch des Tages sah man die Bevölkerung in Masse in die Burg ziehen, nicht um sie zu befestigen, sondern um sie zu zerstören. Man mußte diesen mörderischen Ort, diese so sichere und furchtbare Waffen in den Händen des Feindes zerstören; es war das Geschäft von zwei Tagen. Die Burg hatte siebenhundert Jahr gestanden und wurde ein Kohlgarten. Am 3. November zogen die Prager in Procession auf das Schlachtfeld und dankten Gott in ihren böhmischen Hymnen.

Der Kaiser rächte sich für diese Niederlage durch Verheerung der Besitzungen Podiebrads. Ein einziger dieser Herren hatte sich bis jetzt noch geweigert, der hussitischen Lehre beizutreten. Er eilte nach Prag, um sein neues Glaubensbekenntniß auszusprechen. Solche Wirkung mußten Sigismunds Gewaltthätigkeiten haben. Nachdem der Kaiser alles mögliche Leid dem Lande zugethan hatte, wo er größere Grausamkeiten verübte als alle, die Ziska je gethan hatte, verließ er es. Der Letztere verschonte doch wenigstens so viel als möglich Frauen und Kinder und begnadigte alle die, welche sich ihm aufrichtig ergaben. Sigismund verschonte nichts und opferte in seiner blinden Wuth Freunde wie Feinde. Die Horebiten suchten die Klöster mit furchtbaren Repressalien heim. Diejenigen von den Mönchen, welche sie nicht verbrannten, ließen sie gefesselt auf dem Eise zurück, wo sie vor Kälte umkamen.

Nach ihrem Siege versammelten die Prager, die jetzt von Seiten Sigismunds nur Unglück zu befürchten hatten, die vornehmsten Herrn des Landes, um einen andern König zu wählen, und diese erklärten sich für Jagellon, den König von Polen, einen erst neubekehrten Christen, von dem sie glaubten, er werde sich um ihre Religion nicht bekümmern. Doch die Horebiten verwarfen voll Unwillen diesen Vorschlag.

– Kaum haben wir einen fremden König verjagt, sagte Niclas von Hussinetz, Ziska's unerschrockener Gefährte, so verlangt Ihr einen zweiten!

Erzürnt über ihre Absicht führte er alle seine Taboriten aus Prag und belagerte und eroberte mit ihnen die kaiserlichen Städte im Innern.

Doch bald darauf kam er mit energischen Absichten wieder. Die Horebiten waren nicht weniger unzufrieden als er über die gemäßigten Hussiten. Kaum war die Gefahr vorüber, so vergaßen die mit dem strengen Leben, wozu Johann Ziska's System sie nöthigte, unzufriedenen Calixtiner, daß sie seiner Kriegskunst, seiner Tapferkeit und der Begeisterung seiner stürmischen Gefährten ihr Heil verdankten. Sie affektirten einen großen Abscheu gegen die an den Mönchen verübten Grausamkeiten; doch dieses Mitleid, das aufrichtige Gemüther geehrt hätte, war nur ein heuchlerischer Abfall bei einer Partei, die sich denselben Excessen überließ, sobald sie es ungestraft thun zu können glaubte.

Die eifrigen Sekten hatten die Mauern einer katholischen Stadt mit den Calixtinern zugleich belagert und diese begingen ihr Abendmahl mit großer Pracht, indem ihre Priester den Wein und das Brod in reichen Gefäßen herbeibrachten. Das erregte das Aergerniß jener strengeren Reformatoren, welche jede Spur von Pracht aus dem Gottesdienste entfernen und jede weltliche Herrschaft dem Clerus nehmen wollten. Sie warfen sich auf die calixtinischen Prediger und riefen:

– Wozu sollen diese Komödiantenjacken? Legt sie ab und communicirt mit uns ohne diese Fähnlein, oder wir reißen sie Euch weg.

Einige Häupter beider Parteien stillten diesen Zwist; aber Niclas von Hussinetz marschirte nach Prag und verlangte unter Drohungen von den Calixtinern eben so viel Taboriten als Prager zur Bewachung der Thürme und zu den Berathungen hinzuzulassen. Die Prager entgegneten sehr naiv: da der Feind nicht mehr da sei, so wüßten sie nicht, weshalb sie so gut bewacht und berathen sein sollten. Man stritt sich besonders über die religiösen Ansichten und bemerkte jetzt eine sehr beunruhigende Meinungsverschiedenheit bei den Gemäßigten.

Die Erbitterung stieg so sehr, daß eine besondere Berathung nöthig wurde, um die Parteien wieder auszusöhnen. Man versammelte Deputirte aller Parteien in der St. Ambrosiuskirche. Diejenigen der beiden Städte Prags nahmen zwei verschiedene Plätze ein und die Taboriten auf gleiche Weise; nur verbot man Frauen und Priester zuzulassen.

Die Taboriten hegten großartige Ideen in Bezug auf die Emancipation ihrer Frauen, gaben ihnen gleiche Rechte und Zutritt zu ihren Berathungen, was diese durch ihr heldenmüthiges Betragen selbst auf dem Schlachtfelde rechtfertigten, außerdem hatten sie auch eine außerordentliche Verehrung für ihre Priester. Nachdem sie ihnen alle weltliche Macht und jedes gesellschaftliche Privilegium genommen hatten, betrachteten sie sie wie Heilige und Engel und in der That mußten diese Priester einen solchen Charakter haben, um nur durch ihr moralisches Uebergewicht einen solchen Einfluß zu gewinnen.

Sie waren also sehr erzürnt über diese Ausschließung ihrer Frauen von einer entscheidenden Berathung und wollten sich entfernen; doch da Niclas von Hussinetz einer der Ersten aus der Stadt eilte, fiel sein Pferd in einen Graben und zerbrach ihm das Bein. Man brachte ihn nach Prag zurück und trug ihn in das von Herrn von Rosenberg verlassene oder eroberte Haus. Er starb am Brande, was die Taboriten in große Bestürzung versetzte. Sie verloren an ihm eine große Stütze und einen von den andern Parteien gefürchteten Führer. Ziska, der, bis jetzt nur der Erste nach ihm hatte sein wollen, wurde zum Oberhaupt der Taboriten ernannt.

Endlich wurde die Zusammenkunft von beiden Seiten angenommen und festgesetzt. Die Universität, welche völlig calixtinisch war, wohnte ihr bei und las die von den Taboriten öffentlich anerkannten Artikel, wie diejenigen, welche ihnen nur zugeschrieben wurden, laut vor.

Die meisten derselben verdienen erwähnt zu werden; und wäre es auch nur für diejenigen Leserinnen, welche vor Allem historische Farbe lieben. Nichts zeigt die wilde und zugleich erhabene Tapferkeit der Taboriten mehr und giebt einen bessern Ueberblick über die Lehre des heiligen Evangeliums und über die Rechte der Menschen im funfzehnten Jahrhundert. Ihr mystischer Styl zeichnet beredter die gewaltig aufgeregte und doch so romantische Stellung Böhmens zu jener Zeit, als die Erzählung der Ereignisse selbst, und wir bitten unsere Leserinnen, das Capitel nicht zu überschlagen.

8.

Die Weissagung der Taboriten.

1. In diesem Jahre des Herrn (1420) kommt das Ende der Zeit und aller Leiden herbei; in diesen Tagen der Rache und der Vergeltung werden alle Feinde Gottes und alle Sünder der Welt sterben, ohne daß ein einziger übrig bleibt. Sie werden umkommen durch das Schwert, durch das Feuer, durch die sieben Landplagen, durch Hunger, durch den Zahn wilder Thiere, durch Schlangen, durch Skorpionen, durch den Tod; wie es im Prediger Salomons geschrieben steht.

In dieser Zeit der Rache darf also kein Mitleid, oder Nachahmung der Milde Jesu Christi sein, denn es ist die Zeit des Eifers, des Zornes, der Grausamkeit. Verflucht jeder Gläubige, der sein Schwert nicht zieht, das Blut der Feinde Jesu Christi zu vergießen und seine Hände darin zu waschen; denn selig ist, wer der großen H… (der römischen Kirche) das Uebel vergilt, das sie gethan hat.

2. In dieser Zeit der Rache und lange vor dem letzten Gericht werden alle Städte, Dörfer und Schlösser und alle Gebäude untergehen, wie Sodom, und Gott wird in keines eingehen, noch irgend ein Gerechter.

3. In dieser Zeit werden nur fünf Städte (die obengenannten fünf heiligen Städte) bleiben, wohin die Gläubigen sich flüchten müssen, so wie in die Höhlen und die Gebirge, wo jetzt die wahren Gläubigen versammelt sind.

Diese jetzt in den Bergen versammelten Gläubigen sind der Leichnam, um den sich die Adler sammeln, d. h. die Heerschaaren des Herrn, um sein Gericht zu vollführen.

4. Prag wird zerstört werden, wie Gomorra.

5. Jeder Herr, Vasall oder Bauer, der das Gesetz Gottes nicht befördern wird (man kann die Lehre des Fortschritts nicht deutlicher bezeichnen), der soll unter die Füße getreten werden, wie Satan und der Drache. In diesen Tagen der Rache können die Frauen ihre Gatten und ihre Kinder verlassen (um die Sünde zu fliehen) und sich in die Gebirge oder in die freien Städte flüchten.

Nach diesen finstern und drohenden Verkündigungen folgt die Formel der idealen Welt der Taboriten. Es ist derselbe Traum vom Reich Gottes auf Erden, das von den Jüngern Jesu verkündigt und gleich nach seinem Tode erwartet wurde.

6. Wenn Jesus Christus von Neuem den Thron bestiegen hat, wird die streitbare Kirche von Grund auf verbessert werden und keine Sünde, kein Aergerniß, kein Fluch, keine Lüge auf Erden mehr sein. Die Gläubigen werden fleckenlos und glänzend wie die Sonne sein.

7. Nach dieser Erneuerung werden die Auserwählten wieder vom Tode erstehen und Christus wird mit ihnen vom Himmel kommen. Er wird auf Erden wandeln und jedes Auge wird ihn sehen und er wird ein herrliches Fest auf den Bergen geben. Bis dahin sterben die Auserwählten nicht. Sie gehen in den Himmel und kehren mit Jesus Christus zurück-und man wird erfüllt sehen, was geweissagt ist von Jesaias und der Apokalypse.

8. Dann wird sein weder Verfolgung, noch Leiden, noch Unterdrückung, und es ist nicht mehr erlaubt, einen König zu wählen, denn Gott allein wird regieren und die Herrschaft beim Volke der Erde sein.

9. Dann wird Niemand mehr seinen Bruder belehren, denn Gott unterrichtet ihn; kein geschriebenes Gesetz wird mehr gelten und die Bibel selbst zerstört werden, denn wenn das Gesetz in Aller Herzen geschrieben ist, bedarf es keiner Lehren mehr und alle Stellen, wo die Schrift von Verfolgung, Irrthümern und Aergernissen weissagt, haben keinen Sinn mehr.

10. In dieser Zeit werden die Frauen aus Liebe empfangen, ohne daß die Sinne daran Theil haben, und sie werden ohne Schmerzen gebähren.

Wir haben versucht, diese Verkündigung, deren einzelne Sätze in einer solchen Unordnung uns überliefert worden sind, daß sie keinen Sinn haben, in eine verständigere Ordnung zubringen. Ich vermuthe in dieser Verwirrung eine Bosheit der calixtinischen Universität.

In der Verkündigung, und den Vorschriften, die ihr folgen, sind zwei sehr verschiedene Punkte zu unterscheiden, der eine die Zeit des Eifers, des Zornes und der Grausamkeit, wo alle Excesse des Fanatismus geheiligt werden, um das im zweiten verkündigte Reich Gottes herbeizuführen; in diesem zweiten athmen alle Vorschriften nur Liebe und brüderliche Einigkeit. Indem man diese beiden Abtheilungen mit einander vermischte, das jüngste Gericht und das nahe Paradies auf Erden, hat man aus dem Himmel der Taboriten eine Hölle und aus ihrem Ideal der Vollkommenheit eine Mördergrube gemacht. Doch schon der einfachste Verstand reicht hin, um den Sinn und die logische Ordnung dieses Glaubensbekenntnisses wiederherzustellen.

Auf diese doppelte Weissagung folgt in dem Breslauer Manuskript eine Reihe von Vorschriften, welche die größte Aehnlichkeit mit denen der Waldenser und Lollarden haben. Wenn man von den drei oder vier Hundert Artikeln, die von der Kirche bei allen Sekten des Johannismus und besonders bei den Taboriten verdammt wurden, sich einen kurzen Begriff machen will, so kann man es selbst thun, indem man von allen Lehren der katholischen Kirchenzucht das Gegentheil annimmt.

»Keine Prälaten, d. h. keine Reichthümer in der Kirche; keine Auszeichnungen, keine weltliche Macht für sie, keine Einmischung der Sacramente in die Handlungen der Laiengesellschaft; keine Tempel; das Gebet auf offenem Felde, im Schooße der Natur, dem Tempel, welchen der Ewige für alle Menschen geweiht hat; keine kostspieligen Ceremonien; einfache Gebräuche; das Geschäft des Hirten ohne Lohn und in apostolischer Einfachheit; keine Heiligsprechung, kein Fegfeuer, keine Kirchhöfe, keinen Ablaß, lauter Mittel, den Einfältigen das Geschenk der Gnade und die Erlösung schändlich zu verkaufen, welches der Heiland allen Menschen ertheilt hat, ohne Speculanten einzusetzen, die daraus Geldgewinn ziehen könnten.

Keine Gebete für die Todten; das war eine tiefsinnige Idee, welche die Katholiken verdammten, ohne sie zu begreifen und daraus den Schluß zogen, manche Sekten glaubten nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Wir werden später diese Idee sich entwickeln und erläutern sehn. Kein geweihtes Oel und keine eiteln Ceremonien; die Taufe in dem Wasser der Bäche, wie Jesus sie selbst von Johannes empfing. Keine lateinischen Messen und canonische Stunden; Jeder muß sein Gebet verstehen und es Gott aus der Tiefe seines Herzens darbringen. Keinen Papst; die Kirche Christi hat nur einen Herrn, nämlich Jesum im Himmel; es ist eine Abscheulichkeit, ihr auf Erden einen mit Verbrechen und Ungerechtigkeiten beladenen Repräsentanten zu geben.

Keine Ohrenbeichte; Gott allein kann unsere Herzen erkennen und uns unsere Sünden vergeben. Wenn Jemand seinem Bruder beichten will, so sage ihm sein Bruder statt aller Buße: Geh und sündige nicht mehr. Keine Priestergewänder oder Altarschmuck; keine Gewänder, kostbare Schaalen oder Kelche &c. &c.. Endlich überall Selbstverläugnung, nämlich brüderliche Gleichheit, die reine und einfache Lehre des göttlichen Meisters und zum Beginn dieses großen Werkes die Vernichtung aller Vollmachten und aller Mittel der Theokratie.«

Auf diese Weise die Gleichheit in dem geistlichen Stande aussprechen, hieß sie auch in der geselligen Ordnung verkündigen. Die Kirche und die Throne fühlten zu lebendig, wie sehr sie an einander gefesselt seien, um diese Lehre nicht zu ersticken. Sie hatten nichts gethan, als diejenigen nur dem Märtyrertod preiszugeben, welche sie verkündigten; man kennt die Geschichte ihres erhabenen, gottbegeisterten Lebens; die Lehre selbst lebte, wie man sieht, glühender als je bei den Taboriten wieder auf; denn zu Allem, was wir so eben erwähnt haben, bekannten sie sich fast wörtlich.

Doch was die Taboriten von mehreren andern Sekten unterscheidet, das ist ihre Meinung über das heilige Abendmahl. Bekanntlich wurde die Transsubstantiationslehre erst 1215 auf dem Concil des Lateran in der Kirche eingeführt und die Entziehung des Kelchs, die als nothwendige Folge davon betrachtet wurde, schreibt sich aus derselben Zeit her. Bis dahin war die götzendienerische Lehre von der wirklichen Gegenwart kein Glaubensartikel und die göttliche Substanz im geweihten Brode war von den bedeutendsten Geistern des Katholicismus symbolisch erklärt und angenommen worden.

Ich glaube im fünfzehnten Jahrhundert und nach dem Hussitenkriege glaubten die stärksten Geister der Kirche, besonders Aeneas Sylvius (Papst Pius II.) weit weniger buchstäblich an diese Transsubstantiation als das Volk. Ich habe mächtige Gründe zu dieser Annahme, doch hier ist nicht der Ort, sie auseinander zu setzen.

Wie dem auch sei, mehrere, in jeder andern Hinsicht der Kirche sehr feindliche Sekten hatten das Dogma von der wirklichen Gegenwart angenommen. Die Lollharden Böhmens, die Picarden und die Mehrzahl der Taboriten verwarfen es geradezu in dem beschränkten Sinne, in welchem es die Kirche endlich annahm. Die Letztern sagten, »Jesus Christus sei nicht körperlich und sacramentlich bei dem Abendmahl gegenwärtig und, man dürfe ihn nicht verehren, noch die Kniee vor diesem Sacramente beugen, noch irgend ein Zeichen götzendienerischer Huldigung darbringen.«

Man kann nicht klarer sein. Sie fügten hinzu: »Man empfange den Leib und das Blut Jesu Christi eben so gut bei jedem gewöhnlichen Mahle, als bei dem heiligen Abendmahle, sobald man im Zustand der Gnade sei.« Das war eine Wiederherstellung des reinen Gedankens Jesu Christi und die Einsetzung der Communion in dem wahren Sinne, ohne ihr ihre mystische und göttliche Bedeutung zu nehmen.

Als der Rector der Universität dieses Glaubensbekenntniß vorgelesen hatte, griffen die calixtinischen Gelehrten alle Artikel an und machten sich anheischig, ihre Falschheit zu beweisen. Die Taboriten nahmen nicht einstimmig die ganze Verantwortlichkeit dafür aus sich; einige beklagten sich und sagten:

»Auf dem Concil von Kostnitz hat man uns vierzig ketzerische Artikel auf den Hals geschoben; hier thut man noch mehr; man schreibt uns siebzig zu.«

Sie verlangten eine Abschrift von allen Artikeln, um darauf antworten zu können.

Nicolas Biscupec, der vornehmste Prediger der Taboriten, ergriff das Wort, um den Luxus der calixtinischen Geistlichen zu verdammen und sie anzuklagen, daß sie immer noch weltliche Güter besäßen. Die Erörterungen des eigentlichen Dogma wurden wahrscheinlich mit Absicht bei Seite geschoben; denn die taboritische Verheißung hatte einen tiefen Sinn und einen furchtbaren socialen Zweck, den ihre Lehrer nach der Sitte und dem Bedürfniß der Zeit, wie ich denke, entschlossen waren, nicht bekannt werden zu lassen. Der Streit wurde daher auf die äußeren Formeln, auf die Ceremonien beschränkt und wurde unter den Gelehrten der beiden Parteien ganz persönlich.

In der That, die für den Augenblick herrschende Fragen waren die Attribute und die Macht des neuen Clerus festzustellen. Die Priester der gemäßigten Partei haßten die katholischen Priester, waren aber keineswegs abgeneigt, ihre Reichthümer, die Befriedigung der Eitelkeit und den politischen Einfluß zu erben; sie bemühten sich so viel als möglich die dem Priesterthum zugestandenen Privilegien und Genüsse für sich zu behalten.

Die taboritischen Priester, ächte Apostel, bald wild und rachsüchtig, wie der heilige Matthäus, bald mild und ascetisch, wie der heilige Johannes, wollten eifrig und aufrichtig das evangelische Leben wieder einführen. Sie lebten von Almosen, wie die Franziskaner, waren armselig gekleidet, erlaubten Laien das Abendmahl auszutheilen, weigerten sich, die Ohrenbeichte zu hören, verwarfen das Kirchenmonopol für alle Sacramente und übten mit einem Worte nur das Amt des Lehrers und Predigers.

Vielleicht thut die heutige Kirche, welche trotz ihrer Reclamationen unter Festen und Maskeraden schnell ihrem Untergange entgegeneilt, in ihrem eigenen Interesse wohl, sich, wenn die verhängnißvolle Zeit gekommen ist, auf diese einfachen und erhabenen Mittel der Taboritenpriester zu beschränken. Wahrlich, der Clerus hatte nie eine ausgedehntere moralische Kraft und glich so sehr eifrigen Adepten, als in einer Zeit, wo schon der Name eines Priesters die Volkswuth entzündete.

Es ist gewiß, daß bereits in unsern Tagen einzelne Mitglieder des französischen Clerus den edlen und muthigen Gedanken gehabt haben, durch Entsagung und evangelische Predigt das Priesteramt wieder zu Ehren zu bringen; doch sogleich sind sie auch der Ketzerei beschuldigt worden. Sie haben sich der Kirche unterwerfen müssen; man wird sich aber von ihr trennen, denn das Wort Kirche bedeutet jetzt eine gewisse, unbewegliche Macht in der Gesellschaft, dem Fortschritt des öffentlichen Geistes und der persönlichen Begeisterung entgegengesetzt.

Man begreift jetzt; warum das Dogma von der wirklichen Gegenwart die calixtinische Kirche so sehr interessirte. Der Mensch, welcher sich die Wunderkraft anmaßt, die Gottheit in seinen Kelch herabsteigen zu lassen und welcher allein rein genug gehalten wird, um die göttliche Materie rein zu erhalten, ist in den Augen der Einfältigen wie von einem magischen Charakter umflossen, er ist ein Heiliger, ein Engel, fast Gott selbst; ja er ist mehr als Gott, weil er Gott befiehlt und nach seinem Willen ihn in die Materie des Brodes verkörpert.

Als die römische Kirche dieses Dogma eines rohen Götzendienstes erdachte, heiligte sie die Person des Priesters; sie erhob ihn über die Menge, wie über die Könige; und der Widerstand aller Sekten war eine Protestation des Volks gegen diese empörende Ungleichheit, die nicht durch die Tugend, Weisheit, Wissenschaft, Liebe und ächte Heiligkeit, sondern durch ein Privilegium erworben wurde, das dem Betrug der alten Hierophanten würdig war.

Der neue Clerus, der sich in Böhmen erhob, hütete sich wohl, diese Mittel von sich zu weisen. Der Adel und die Aristokratie, welche hier wie anderwärts mit ihm gemeine Sache machten, kümmerten sich nicht darum, das Dogma so sehr zu prüfen, um darüber jede Täuschung fallen zu lassen. Aber das niedere Volk, bei welchem die erhabene Untrüglichkeit der natürlichen Logik und das unverletzliche Gefühl bei solchen Fragen Gelehrsamkeit ersetzt, blickte besser als die Universität, besser als der Magistrat, besser als die Aristokratie, besser selbst als Ziska, sein politischer Führer, auf den Grund dieser Mysterien.

Dabei muß man noch bemerken, daß in jener Zeit, Dank den Predigten einer Menge ketzerischer Lehrer, von denen die Geschichtschreiber nur oberflächlich sprechen, über deren Wirksamkeit sie aber einstimmig sind, das böhmische Volk in Religionssachen außerordentlich unterrichtet war. Die diplomatischen Gesandten der Kirche Roms waren darüber ganz erstaunt. Sie berichteten, mancher Bauer, den sie befragt hätten, wisse die heilige Schrift vom Anfange bis zu Ende auswendig und die Taboriten brauchten keine Bücher, weil sie lebendige Bücher unter sich hätten.

Noch ein Wort, um die Stimmung der Gemüther in Prag im J. 1420 klar aufzufassen. Ich bitte meine Leserinnen um Entschuldigung, daß ich das Drama der Ereignisse durch eine lange Abhandlung unterbreche. Man kann die Ereignisse, besonders in dieser Revolution, nicht begreifen, wenn man sich nicht eine Idee von den Ursachen macht. Ich finde in dem gelehrten Schriftsteller, aus dem ich hier einen Auszug gebe, folgenden, für einen so schwerfälligen Mann sehr leichtsinnigen Gedanken.

»Wenn die Wiedereinsitzung des Kelchs eine so große Nothwendigkeit war, um ein ganzes Königreich in Brand zu setzen, oder wenn dieselbe Einsetzung ein Verbrechen war, groß genug, um einen so entsetzlichen Sturm über die Böhmen herbeizuführen, so ist das eine Rechtsfrage, keine Religionsstreitigkeit, die mir nicht zu lösen obliegt.«

Es sei dem Verfasser von zweiunddreißig gewichtigen Werken, dem protestantischen Hofprediger der Königin von Preußen erlaubt, seine Fähigkeit zu denken, zu verläugnen, während er, unterstützt von Denkschriften und Documenten die Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts schreibt, heute aber, steht es selbst dem geringsten unserer Schüler nicht zu, auf diese Weise sich aus dem Conflict zu ziehen und unsere Vorältern für verrückt zu erklären, weil sie sich für solche Jämmerlichkeiten in Brand setzen ließen. Die Wiedereinsetzung oder Entziehung des Kelches war für die als politische Macht eingesetzte Kirche eine Lebensfrage. Es war eine Lebensfrage für die als unabhängige Gesellschaft eingesetzte böhmische Nationalität. Es war endlich auch eine Lebensfrage für alle Völker als Mitglieder der Menschheit, als denkende vom Christenthum civilisirte Wesen, als eine zur Erinnerung der socialen Wahrheiten, welche das Evangelium hatte ahnen lassen, aufsteigende Macht.

Durch die Verwerfung des auf objektive und götzendienerische Weise verstandenen Dogma's von der wirklichen Gegenwart sprachen die Taboriten einen logischen Grundsatz aus. Sie befreiten sich von dem geistlichen Wunder, von dem Joch der Kirche, welches seit Gregor VII., der geistlichen Sendung untreu, auf den Häuptern der Kinder Christi gelastet hatte.

Durch die Annahme des heiligen Abendmahles unter beider Gestalt und durch die Weigerung, die Frage gründlich zu erörtern, mußten die Calixtiner nach und nach die Theilnahme und die Mitwirkung der Massen verlieren und endlich das Mißlingen einer Revolution herbeiführen, welche sie nur zum Nutzen der privilegirten Kasten unternommen und unterstützt hatten.

9.

Die Conferenz und die Synode, welche später der ganze hussitische Clerus hielt, um die neuen Dogmen aufzuhellen, führte zu keinem Resultat. Man konnte zu keinem Verständniß kommen, da die Einen zuviel Ungestüm, die Andern zu viel Heuchelei hinzubrachten. Die in ihrem Entschluß, einen König zu erhalten, beharrende calixtinische Partei schickte eine Gesandtschaft, aus zwei Großen, zwei Edlen, zwei Bürgermeistern und zwei Geistlichen der Universität (Johann Cardinal und Peter von England) bestehend, zu Ladislaus Jagellon, dem König von Polen, um ihm die Krone von Böhmen anzutragen.

Die gemäßigte Partei hatte den wohlverdienten Verdruß, in diesem Unternehmen zu scheitern. Vergeblich setzte sie ihre Beschwerden gegen Sigismund auseinander, vergeblich führte sie an, daß die polnische und die böhmische Nation gemeinschaftliche Sache machen müsse, da Sigismund der Feind der slavischen Nationen wäre und Polen schon großen Schaden zugefügt hätte. Se. Hoheit, der König von Polen, der den heiligen Stuhl eben so sehr wie den Kaiser fürchtete, hielt sie hin, entsetzte sich über ihre vier Artikel und versprach ihnen endlich, nachdem er Conferenzen über Conferenzen gehalten hatte, seinen Schutz, um sie mit Sigismund und dem Papst wieder auszusöhnen.

Die Abgesandten der böhmischen gemäßigten Partei hatten noch außerdem den Verdruß, in Polen in abgeschlossenen und unbewohnten Orten beherbergt zu werden, denn da der Papst über alle durch ihre Gegenwart verunreinigten Orte das Interdict ausgesprochen hatte, so wäre das Volk da, wo sie verweilten, des Gottesdienstes beraubt worden.

Inzwischen setzten die Taboriten ihren Parteikrieg fort und die kaiserlichen Truppen nährten ihre Wuth durch wilden Hohn. Die Hauptleute von Sigismunds Besatzungen machten oft Ausfälle, betraten zu Pferde die calixtinischen Kirchen, mordeten die Communicanten und ließen ihre Pferde aus dem Kelche trinken. Ihrerseits nahmen die Prager das Schloß Conraditz weg, nachdem die Garnison capitulirt und abgezogen war. Das Schloß wurde verbrannt.

Mit den ersten Tagen des Jahres 1421 verließ Ziska Prag, um seine guten Freunde und schönen Brüder heimzusuchen; so nannte er die Mönche. Ich muß hier wiederholen, daß dieser Kampf gegen die Klöster nicht ohne Gefahr war und Ziska dabei viel Leute verlor. Schon konnte man sie nicht mehr unverhofft überfallen; Alle hatten sich in Vertheidigungsstand gesetzt und hielten wirkliche Belagerungen aus. Selbst die Nonnen riefen kaiserliche Truppen zu Hülfe, leisteten kräftigen Widerstand und ertrugen alle Schrecken des Krieges. Man ertränkte sie in den Gräben, man hing sie an den Bäumen in ihren Gärten auf. Viele dieser Unglücklichen starben, wie man sagt, vor Furcht, ehe die unversöhnliche Hand der Taboriten sich auf sie gelegt hatte, oder aus Hunger und Kälte, indem sie in die Wälder und Berge flohen.

Ziska ging ohne Unterbrechung und Ruhe von einer Eroberung zur andern. Die königliche Stadt Mies ergab sich ihm freiwillig. Es war der Geburtsort Jacobels, der sie zur hussitischen Lehre bekehrt hatte. Die Festung Schwanberg capitulirte nach einer sechstägigen Belagerung; Rockizana, Vaterstadt des berühmten Johann Rockizana, der bald eine große Rolle in dieser Revolution spielen sollte, wurde erobert. Chotieborz und Przelaucz hatten dasselbe Schicksal; Cottiburg vertheidigte sich, mehr als tausend Taboriten kamen vor ihr um. Commotau wurde von einer deutschen Schildwache überliefert, die ihren Hut durch ein Loch in der Mauer hielt, damit man ihn mit Geld fülle. Die Taboriten züchtigten seinen Geldgeiz, nachdem sie von ihm Gewinn gezogen hatten, und opferten ihn zuerst.

Ziska, der während der Belagerung dieser Stadt durch den Hohn der Weiber erbittert worden war, die sich, um ihn zu beschimpfen, nackt auf den Mauern gezeigt hatten, und da mehrere Taboriten und zwei ihrer Prediger von der Stadt verbrannt worden waren, ließ zwei oder dreitausend Bürger niederhauen und schonte diesmal selbst Weiber und Kinder nicht. Die Edelleute, Priester und eine Anzahl Arbeiter wurden verbrannt; die taboritischen Frauen übernahmen die Hinrichtung der katholischen Weiber, ohne selbst die Schwangern zu verschonen.

Diese Stadt der Idumäer und Amalekiter, wie die Taboriten sagten, wurde mit all der Wuth behandelt, wozu sie ihre düstern Prophezeihungen drängten. Ein Geschichtschreiber erzählt, er habe noch mehrere Jahrhunderte nachher seltsame Spuren dieser gräßlichen Tragödie gesehen.

»Auf dem Kirchhofe dieser Stadt liegt eine so ungeheure Menge menschlicher Zähne, daß man, besonders wenn es regnet, in der aufgeweichten Erde ganz reine Zähne auflesen kann. Gräbt man mit dem Finger in die Erde, so trifft man ganze Haufen von Zähnen; und selbst in den Spalten der Mauern, wo sie mit dem Mörtel vermischt sind. Das kommt, wie man mir gesagt hat, daher, weil Diejenigen, welche hier ermordet worden sind, nicht begraben wurden.«

Nach Commotau nahmen die Taboriten Beraun, zeigten daselbst aber mehr Milde; Ziska befahl, des Blutes zu schonen. Die Priester wurden nur verbrannt, wenn sie einen ganzen Tag lang sich geweigert hatten, die hussitische Lehre anzunehmen. Ein Tag der Geduld war, wie es scheint, für die Sieger schon viel. Die Bewohner von Melnik schickten Abgeordnete, um sich zu unterwerfen und die Artikel des Taboritismus anzunehmen. Broda wurde wie Commotau behandelt, weil es der geschworne Feind Johann Hussens gewesen war. Kaurschim, Kolin, Chrudim und Raudnitz ergaben sich und bekannten sich zum taboritischen Glauben. Die Bewohner waren die Ersten, die ihre Kirchen verbrannten, ihre Klöster zerstörten, ihre Mönche ermordeten und ihre Priester in siedendes Pech warfen.

Von da eilte Ziska nach dem Berge Kuttemberg im Böhmerwalde. Hier hatten die Grubenarbeiter, welche fast alle Deutsche und von der Partei des Kaisers Sie genossen große Privilegien, die den Arbeitern und Bauern dieser Gränze seit 1046 bewilligt waren, weil sie sie kräftig gegen Kaiser Heinrich III. vertheidigt hatten. Sie bezahlten keine Abgaben, hatten einen besondern Rath &c. waren, in den vorhergehenden Jahren und noch ganz kürzlich die Taboriten verfolgt. Sie kauften sie von einander, um das Vergnügen zu haben, sie zu ermorden. Man gab für einen Priester fünf Gulden und für einen Laien einen Gulden. Man hatte 1700 in die erste Grube, 1300 in die zweite und in die dritte eben so viel gestürzt. »Deshalb,« sagt ein Geschichtschreiber, »hat man immer an diesem Orte am 8. April das Todtenamt für die Märtyrer gefeiert, ohne daß irgend Jemand es verhindern konnte, bis zum Jahre 1621.«

Als die auf Kuttemberg die Annäherung des Rächers erfuhren, gingen sie ihm mit einem Priester, der das heilige Abendmahl trug, entgegen, baten knieend um Gnade und erhielten sie. Was man auch sagen mag, Ziska wurde überall von seiner Politik geleitet und überließ sich seinem Grolle nur, wenn er ihm zum Erfolg seines Werkes nothwendig schien. Die Silbergruben des Kuttemberg waren der Schatz des Reichs; und Ziska beschloß in Uebereinstimmung mit denen von Prag, diese Gegend zu behalten.

Ein Taboritenpriester warf den Kuttembergern ihr vergangenes Betragen vor, ermahnte sie, nicht mehr darein zurückzufallen und verkündigte ihnen die Bedingungen des Friedens. Alle, welche die Religion verändern wollten, sollten als Brüder behandelt werden, Alle, welche es nicht wollten, ein Vierteljahr Zeit erhalten, ihre Güter zu verkaufen und sich zu entfernen, wohin es ihnen gefiele.

Man muß mit Trauer gestehen, daß Ziskas Milde ihm keinen Gewinn brachte und er später gezwungen wurde, ihr zu entsagen. Es ist augenscheinlich, daß bei der Politik, die er sich vorgezeichnet hatte, jedes Gefühl des Mitleids ein Fehler wurde.

Um diese Zeit begann Ziska zu bemerken, daß der wilde Eifer seiner Taboriten seine Macht nicht mehr anerkannte. Er hatte sie bisher mit großer Geschicklichkeit geleitet. Bei der Annäherung der ersten Belagerung Prags, als die Nation ihre Kräfte noch nicht genau kannte und mit einer mit Schrecken gemischten Wuth Sigismunds zahlreiche Armee ankommen sah, hatte Ziska, der wohl begriff, daß der Religionseifer von Tabor allein den einem verzweifelten Widerstand nothwendigen Fanatismus geben konnte, diesen Fanatismus begünstigt und schien ihn völlig zu theilen. In dieser Zeit der Aufregung und der Besorgniß hatte man gesehen, daß er den Charakter eines Priesters annahm, um seinen Befehlen größeres Gewicht zu geben. Er war zum Schein Taborit geworden, hatte selbst das Abendmahl ausgetheilt und wie die Apostel von Tabor und der heiligen Stätte, gepredigt und geweissagt.

Nach der Niederlage und der Flucht des Kaisers und während der Conferenzen über die Religion, von denen wir gesprochen haben, sah aber Ziska seinen Einfluß durch jenen Taboriteneifer in den Verhandlungen des Raths in Prag sehr erschüttert. Er war von den calixtinischen Geistlichen deshalb getadelt worden und ohne sich gegen die taboritischen Artikel auszusprechen, hatte er sich mehr unter der Hand als offen, den vier Artikeln zugeneigt, von denen die gemäßigten Hussiten nicht abweichen wollten. Seit dieser Zeit blieb er Calixtiner und ließ sich stets durch einen calixtinischen Priester, der ihn nicht verließ, und bei ihm im Priestergewande den Gottesdienst hielt, die Messen nach dem Meßbuch lesen und das Abendmahl ertheilen.

Nichts war den Ideen und Gefühlen der Taboriten mehr zuwider und demungeachtet hatten sie nicht gemurrt, mochte er nun die Kunst besitzen, ihnen dieses Betragen annehmlich zu machen, oder weil sie fühlten, dieses unbesieglichen Helden zu bedürfen, Vielleicht waren sie in ihren Grundsätzen auch nicht einig genug, um irgend eine bedeutende Empörung zu bewirken. Aber je mehr die Zustimmung der Städte und der Fortschritt ihrer Propaganda ihnen Zuversicht gab, desto sichtbarer zeigte sich in ihren Reihen ein Element der Empörung.

Die Geschichtschreiber haben fast alle der Sekte, die sich um das, Jahr 1417 mit den Taboriten vereinigte,ohne Unterschied den Namen Picarden gegeben. Der Prämonstratensermönch Johann war einer ihrer eifrigsten Apostel und wir werden bald sehen, daß sie die unbeschränkte Macht des furchtbaren Blinden zu erschüttern suchte.

Sobald Ziska bemerkte, daß ein Keim des Zwiespalts sich bei den Seinigen festgesetzt hatte, beschloß er, ihn nachdrücklich zu bekämpfen. Die Capitulation von Kuttemberg war von den Prager Taboriten nicht allzu gewissenhaft beobachtet worden; man hatte trotz der geschwornen Treue mehrere Katholiken gemißhandelt.

In Sedlitz, im Kreise Czaslau, wollte Ziska die Gebäude eines herrlichen Klosters schonen und verbot seinen Leuten, es im Geringsten zu beschädigen. Einer von ihnen jedoch legte während der Nacht Feuer an. Um diesen Ungehorsamen zu entdecken und zu züchtigen, verfuhr Ziska, wie man sagt, mit seiner gewohnten List und Härte. Er schien den Brand zu billigen und denjenigen mit einer bedeutenden Geldsumme belohnen zu wollen, der sich ihm als Urheber nennen würde. Der Schuldige nannte sich. Ziska bezahlte ihm das Geld, dann sprach er schwere Strafen gegen alle diejenigen aus, welche von jetzt an seinem Befehle zuwider Feuer anlegen würden.

Nach dieser Maßregel darf man glauben, daß bei mehr als einer Gelegenheit seine Rache in Bezug auf die Besiegten überschritten wurde und daß man ihm nicht immer so gehorchte, wie er es glauben machen wollte. Für diesmal beschränkte er sich darauf, in Tabor einige der Picarden umbringen zu lassen, welche gegen ihn murrten; und indem er seine Taboriten zu neuen Unternehmungen führte, ließ er ihnen noch mehr als dreißig Klöster zerstören. Endlich nahm er, vereinigt mit den Pragern, nach langer mühseliger Belagerung, Jaromir und behandelte die Einwohner sehr hart, weil sie sich nicht ihm, sondern den Calixtinern von Prag hatten ergeben wollen.

Während dieser Zeit zerstörte auch Johann, der Prämonstratenser, Klöster; in Prag jagte er gewaltthätig die Nonnen von St. Georg auseinander, die man bis jetzt noch verschont hatte, weil sie sämmtlich von vornehmem Stande waren. Außerdem verbrannte er Klöster und Mönche. In einem Frauenkloster in Brux waren sieben Nonnen am Fuße des Altars erwürgt worden und die Legende berichtet, daß die Statue der heiligen Jungfrau den Kopf abwandte und das Christuskind, das sie in ihrem Schooße trug, ihr den Finger aus den Mund gelegt habe.

Endlich ergab sich die Stadt Boleslaw an die Prager, nachdem der katholische Herr Johann von Michalowitz, dem man zu gleicher Zeit eine starke Burg weggenommen hatte, in dem Versuch, Boleslaw wieder zu erhalten, gescheitert war.

10.

Ein solches Glück öffnete endlich der katholischen Partei über die Wichtigkeit und Kraft dieser Revolution die Augen. Es kam ein Augenblick, wo sie, verzweifelnd an ihrer Unterdrückung, sie gut zu heißen beschloß, um von ihr nicht erdrückt zu werden. Sigismund konnte Niemand Zuneigung einflößen; er selbst war unzufrieden mit Jedermann. Die Herren von Rosenberg verließen ihre Schlösser und auf einer allgemeinen Adelsversammlung in Czaslaw erklärten sich fast alle Edelleute, sich von der Partei des Kaisers trennen zu wollen.

Was die Religion betraf, so fanden die Hussiten, welche Unterpfänder des Glaubens verlangten, einen leichten Markt bei diesen so strenggläubigen Gewissen und brachten sie ohne Schwierigkeit zur Annahme ihrer vier Artikel. Doch zu diesen vier Artikeln fügten sie noch einen fünften hinzu, der das Versprechen forderte, nur denjenigen zum König anzuerkennen, der von der Nationalversammlung gewählt sei.

Die mährischen Städte, die man aufgefordert hatte, diesen fünf Artikeln beizutreten oder des Krieges gewärtig zu sein, schickten Gesandte an diesen Landtag mit der Erklärung, sie würden die vier ersten Artikel ohne Umstände annehmen, doch der fünfte sei bedeutend und verlange Zeit zur Ueberlegung. Diese urkundlichen Documente zeigen ziemlich deutlich, daß zu jener Zeit der katholische Glaube gerade nicht glänzte, Rom nur eine weltliche Macht war, mehr vom Kaiser, als von Papst repräsentirt und man sehr gern mit den Entscheidungen der Concile seinen Spott getrieben hätte, wenn man nicht einen politischen Kampf mit diesem Fürsten hätte fürchten müssen.

Es wird nicht gesagt, ob Ziska bei dieser Versammlung gegenwärtig war, doch unterstützte er sie auf jeden Fall und verwarf das Bündniß des katholischen Adels gegen Sigismund nicht. Die Mehrzahl der Taboriten ließ sich von ihnen leiten; aber die Picarden und Diejenigen, welche sich von ihnen hatten exaltiren lassen und sich jetzt neue oder reformirte Taboriten nannten, tadelten ihn offen.

Diese picardischen Taboriten waren in Prag ziemlich zahlreich. An allen andern Punkten würden sie unter der furchtbaren Hand Ziska's gestanden haben, in Prag konnten sie sich noch unbemerkt in die verschiednen Parteien einschleichen. Johann der Prämonstratenser entflammte sie mit seinem glühenden Wort und seinem Feuereifer. Er deklamirte gegen das Bündniß mit den Katholiken; bezeichnete die Wartemberg und Rosenberg besonders als jeder Feigheit, jedes Verrathes, fähig und sagte voraus, daß sie die Revolution untergraben und Böhmen dem ersten Fürsten preisgeben würden, der ihre Stimme und ihre Waffen erkaufen wolle. Die Folge der Ereignisse bewies; daß er sich nicht täuschte.

Trotz dieser Protestationen wurden die Katholiken aufgenommen und protestirten ihrerseits gegen Sigismund und die Kirche. Konrad, der Erzbischof von Prag, derselbe, welcher erst vor Kurzem den Kaiser gekrönt hatte, ging feierlich zur Hussitenlehre über und brach mit Rom. Ulrich von Rosenberg, jener abergläubische Gottesläugner, der Visionen hatte und schon zweimal seinen Glauben abgeschworen hatte, zuerst für Johannes Huß und dann für Martin den fünften, der Verräther, welcher unter Ziska und später unter Sigismund gedient hatte, stand mit dem Erzbischof an der Spitze der Versammlung und sprach in seinem Namen und in dem aller Mitglieder der Geistlichkeit und des Adels die vier calixtinischen Artikel und die Entsetzung des Kaisers vom böhmischen Throne aus.

In dieser Erklärung jedoch befinden sich hinterlistige Rückhalte. Es heißt wörtlich darin, » man wolle die vier Artikel gegen Alle und Jeden vertheidigen, wenn man nicht vielleicht aus der heiligen Schrift besser unterrichtet würde, was die Doctoren der Universität Prag noch nicht hätten thun können.« In Bezug auf Sigismunds Thronentsetzung heißt es ferner: »Zeit unsers Lebens, wenn Gott nicht durch seinen Rathschluß es anders zu fügen scheinen möchte, wollen wir Sigismund nicht zum König annehmen, weil er uns betrogen hat &c.«

Dieser Vertrag wurde im Namen Prags, der Bürger Tabors, des gesammten Adels und der Städte errichtet. Ohne für die Zukunft etwas festzustellen, erwählte die katholische Partei und die gemäßigte Hussitenpartei, welche stillschweigend sich für einen ausländischen König erklärten, zwanzig unbescholtene und würdige Männer um das Königreich während des Interregnums zu regieren; vier Bürgermeister von Prag repräsentirten die Bürgerschaft, fünf Dynasten den hohen Adel Böhmens, sieben Edelleute den niedern Adel u. s. w.

An der Spitze der Edelleute war Johannes Ziska ernannt und die Zahl der Repräsentanten dieser Classe zeigt, daß sie die zahlreichste und einflußreichste war. Man hatte festgesetzt, daß diese Regenten unbeschränkte Vollmachten haben sollten; aber die Menge welche diesem Artikel folgte, zeigen den schlechten Glauben der Katholiken; es sind eben so viel offene Thüren, um die Sache zu verlassen, sobald der Wind des Glücks die Fahnen dieser Edlen nach einer andern Himmelsgegend wehen lassen sollte.

Im Fall eines Zwiespalts im Regentschaftsrathe bestimmte die Versammlung zwei Priester als Beiräthe. Der Eine von diesen beiden dictatorischen Priestern starb unterwegs an der Pest; der Andere Johannes von Prziban, kam, gleich nach seiner Rückkehr nach Prag, mit dem furchtbaren Mönch Johannes in Streit, der ihn anklagte, als Abgeordneter seinen Auftrag überschritten zu haben, ihn verdammen und aus der Stadt jagen ließ.

Der Prämonstratenser hatte damals in Prag viel Einfluß. Kurze Zeit nachher klagte er Johann Sadlo, einen Edelmann, der bei einem Gefecht die Böhmen den Deutschen preisgegeben hatte, des Verraths an und nachdem er ihn unter guten Verheißungen nach Prag gelockt, ließ er ihn des Nachts ergreifen und in dem Rathhause der Altstadt Prag enthaupten.

Die Katholiken und Calixtiner, welche nach und nach unruhig wurden über den Prämonstratenser, der, gleich der Bergpartei an der Spitze eines Jacobinerclubs sich betrug, erhoben große Klagen über die Ermordung Johann Sadlo's und rühmten ihn als ein beiden Parteien treues Mitglied ihrer Gemeinde, was freilich zu Gunsten der Rechtlichkeit Johann Sadlo's nicht viel beweist.

Während dies in Prag vorging, schickte Sigismund Abgesandte an den Reichstag in Czaslaw. Es wurde ihnen sehr schwer, Zutritt zu erhalten, und als sie ihren Vortrag mit großen Lobsprüchen für den Kaiser eröffneten, wurden sie plötzlich von Ulrich von Rosenberg unterbrochen, der sich damals als einen der Erbittertsten gegen seinen Herrn zeigte. »Laßt das,« sagte er ihnen, »und zeigt uns Eure Beglaubigungsbriefe.«

Das kaiserliche Schreiben war mit Honig und Galle gemischt. Der Kaiser bot Frieden, seine Freundschaft, selbst Freiheit des Gottesdienstes, Genugthuung für die von seinem Heere begangenen Ungerechtigkeiten und Beschädigungen; das Alles für die Katholiken und für die gemäßigten Hussiten. Er gab aber auch zu verstehen, daß er mit Strenge gegen die Taboriten verfahren wolle, und drohte, daß, wenn man sie nicht seinem Zorn überlasse, von Neuem seine Nachbarn und Freunde nach Böhmen zu führen; selbst, fügte er hinzu, wenn wir die Gewißheit hätten, daß dies nicht geschehen könne, ohne Euch unersetzlichen Verlust für Euch und Eure Nachkommen und ohne eine Schmach zuzufügen, die Euch dem bittern Hohn der übrigen Welt preisgeben würde.

Dieser ungeschickte und harte Brief reizte alle Gemüther auf. Man hätte vielleicht die Taboriten aufgeopfert, wenn man dem Worte Sigismunds hätte vertrauen können; doch man kannte ihn zu gut; er hatte den Fehler begangen, sich zu zeigen. Die Reichsversammlung gab eine schöne und stolze Antwort.

»Erlauchter Fürst und König! Da Eure erhabene Majestät uns verspricht, unsere Beschwerden zu hören, und uns auffordert, sie vorzulegen, so folgen sie hier.

Ihr habt zur Schmach unsers Vaterlandes die Verbrennung des Magisters Johannes Huß gestattet, der mit einem Geleitsbrief Ew. Majestät nach Constanz gegangen war; alle Ketzer haben die Freiheit gehabt, vor dem Concil zu sprechen; nur unsern trefflichen Männern hat man sie verweigert.

Ihr habt Meister Hieronymus von Prag verbrennen lassen, einen rechtlichen und gelehrten Mann, der ebenfalls im Vertrauen auf Euern Schutz dahin gegangen war.

Ihr habt Böhmen mit der Acht und Aberacht belegt und in den Bann thun, und die Bannbullen in Breslau zur Schmach und zum Verderben Böhmens verkündigen lassen; denn Ihr habt alle umliegende Lande gegen uns aufgeregt, wie gegen öffentliche Ketzer.

Auswärtige Fürsten, die Ihr gegen uns geführt habt, haben Böhmen mit Feuer und Schwert verheert und kein Alter, kein Geschlecht, keinen Stand, weder Geistliche noch Laien verschont; Ihr habt in Breslau Johann von Crasa, unsern Mitbürger, weil er das Abendmahl unter beider Gestalt billigt, mit Pferden zerreißen und verbrennen lassen.

Ihr habt Bürger von Breslau wegen eines Vergehens enthaupten lassen, das zwar in der That gegen Wenzel begangen, aber verziehen worden war.

Ihr habt das Herzogthum Brabant, das Euer Vater Carl IV. mit herkulischer Anstrengung erworben hatte, dem Reiche entfremdet. Ihr habt ohne Zustimmung der Nation die Mark Brandenburg verpfändet.

Ihr habt die kaiserliche Krone aus dem Königreiche entfernt, um uns der Verachtung und dem Hohn der Welt preiszugeben. Ihr habt die heiligen Reliquien fortgeschafft, die uns Ehre machten, und die verschiedenen von unsern Vorfahren gesammelten und den Klöstern gegebenen Juwelen an Euch genommen, Ihr habt gegen unsere Rechte und Gewohnheiten die königliche Tafel Ein öffentlicher Schatz, über den der König nur zu Gunsten der Armen verfügen konnte. und alles Geld, das zum Unterhalt der Wittwen und Waisen bestimmt war, entfremdet.

Mit einem Worte, Ihr habt alle unsere Rechte und Privilegien verletzt und aufgehoben, sowohl die in Böhmen, als in Mähren, und deshalb seid Ihr an allen unsern öffentlichen Unruhen Schuld.

Daher bitten wir Ew. Majestät, das Alles wieder in den vorigen Stand zu setzen und alle unsere Schmach von uns zu nehmen; der Nation die drei Provinzen wieder zu geben, die ohne Wissen der Stände des Königsreichs abgerissen worden sind; die böhmische Krone, die Reichskleinodien, die Edelsteine, den Tisch, die öffentliche Briefe, die Diplome und Alles was uns entzogen ist, zurückzubringen; die benachbarten Nationen und besonders diejenigen, welche zu Böhmen gehören (Mähren, Schlesien, Brabant, Lausitz und Brandenburg), zu hindern, uns zu beunruhigen und unser Blut zu vergießen.

Wir bitten auch Ew. Majestät, uns Euern Entschluß klar und deutlich wissen zu lassen, in Bezug auf die vier Artikel, von denen wir fest entschlossen sind, nicht abzulassen, so wenig als von unsern Rechten, Privilegien und guten Gebräuchen u. s. w.«

Dieses Document scheint in der lateinischen Sprache eine Großartigkeit, oder vielmehr eine imponirende Wichtigkeit zu haben, welche eher zeigt, was der hohe Adel Böhmens früher gewesen, als was er zu dieser Zeit war. Diese Großen, welche ihre alten Privilegien in Anspruch nahmen und die Ehre ihres Vaterlandes in ihren Juwelen und Pergamenten suchten, sahen nicht, wo sie wirklich bedroht wurden; und, während sie mit dem Kaiser über die Freiheiten der Nation stritten, fühlten sie nicht, daß die Nation, jedes Zaubers enttäuscht, nicht mehr da war, um ihnen mit ihrem Blute bei ihrer Wiedereroberung zu helfen.

Das Volk wollte diese Freiheiten für sich selbst und nicht mehr blos für diese Große und für diese Klöster, welche es mit Füßen traten und für eigene Rechnung aussaugten. Das Volk verlangte an dieser ehrenwerthen Körperschaft, welche man das Reich nannte, Theil zu nehmen; und der hohe Adel, der nicht aufrichtig die Hände dazu bot, bewirkte mit diesem Trotz gegen den Kaiser nur eine nutzlose Provocation. Er hätte eine Wahl treffen sollen. Er glaubte sich durch sich selbst gegen die äußeren und inneren Feinde halten zu können. Die Taboriten und Picarden protestirten ganz leise, und am Tage der Gefahr konnten die Edeln nur durch Demüthigung und Erniedrigung zu den Füßen des Kaisers ihre Privilegien wieder erhalten.

Sigismund antwortete noch einmal, daß er an dem Tode des Johannes Huß und Hieronymus von Prag unschuldig sei und daß seine Vermittelung zu Gunsten Böhmens ihm sehr schwer zu verdauende Sachen vom Concil zugezogen hätte. Nicht Böhmen an sich sei geschmäht und verurtheilt worden, sondern schlechte Leute, welche geraubt, gemordet, gebrannt hätte; mit andern Worten, der Adel sei in der Reichsacht nicht mitbegriffen und könne mit seiner Hülfe wieder zu Ehren gelangen, aber die schlechten Leute, d. h. das Volk und seine Apostel müßten Angesichts der Welt gezüchtigt und entehrt werden.

Der Kaiser behauptete, die Krone, Juwelen und Reliquien nur mit sich genommen zu haben, um sie Beschimpfungen zu entziehen; übrigens hätten dieselben Großen, welche ihm diese Handlung wie einen Diebstahl vorwürfen, ihn durch ihren eigenen Rath und untersiegelte Documente dazu bevollmächtigt. Er wolle einem Schiedsgericht der Fürsten »seiner Nachbarn und Freunde« die Unordnungen und die Beschädigungen unterwerfen, deren man ihn in Böhmen anklage.

Zum Schluß versprach er dem hohen Adel eine Vermehrung seiner Privilegien, warf dem Volke bitter die Zerstörung des Wysherad, der erhabenen Tempel und schönen Kirchen Prags vor und bedrohte es mit dem Zorn seiner Feinde, nämlich mit einem Krieg mit dem Auslande, wenn es die St. Veitskirche und die Burg St. Wenzel nicht respectire.

Während dieser Unterhandlung ließ Sigismund, der immer auf seine Armee rechnete, 20 000 Schlesier nach Böhmen rücken, welche die Männer und Frauen erwürgten und den Kindern Füße, Hände und Nasen abschnitten. Eben so feig als grausam ergriffen sie schon bei der Nachricht die Flucht, daß Ziska gegen sie anrücke.

Die Bauern und die Taboriten der benachbarten Städte hatten sich eilig versammelt und wollten sie bis nach Schlesien verfolgen, doch Czinko von Wartemberg, derselbe, welchen der Prämonstratenser Johannes bereits als Verräther bezeichnet hatte, trat mit den Feinden in Unterhandlung und verbot seinen Leuten, ihren Rückzug zu belästigen.

Ambrosius, ein calixtinischer Pfarrer vor Graditz, wiegelte das Volk gegen Czinko auf und die Bauern würden ihn mit ihren eisenbeschlagenen Dreschflegeln erschlagen haben, wenn er nicht eilig entflohen wäre. Ambrosius schrieb nach Prag, um ihn des Verraths anzuklagen und wahrscheinlich predigte der Prämonstratenser gegen ihn. Vielleicht hätte man Schlesien erobern können ohne den Abfall dieses Wartenberg. Doch die Großen rechtfertigten ihren Collegen und die gemäßigte Partei weigerte sich, ihn zu verdammen.

11.

Die Mehrzahl der Geschichtschreiber setzen in das Jahr 1421, in dessen Mitte wir jetzt angekommen sind, die Hauptverfolgung der Sekte der Picarden durch Johannes Ziska. Sie erzählen darüber ungefähr Folgendes.

Einst erfuhr Ziska, daß eine Sekte (die Einen sagen, sie habe aus vierzig Personen, Andere, aus einer großen Menge bestanden) sich einer Insel auf dem Flusse Lusinitz, bemächtigt habe. (Ich glaube nicht, daß irgend ein Fluß eine so große Insel enthalte, um von einer großen Menge besetzt zu werden.)

Diese Sekte war aus Frankreich (dem belgischen Gallien) mit einem Priester, Namens Picard, gekommen, der sich für den Sohn Gottes ausgab und Adam nennen ließ. Er schloß Ehen, was aber die Frauen nicht hinderte, den Männern gemeinsam zu gehören; eine sehr widersprechende Behauptung. Sie gingen nackt, genügten ihren Leidenschaften während des Gottesdienstes, überließen sich tausend Ausschweifungen, die man nicht nennen kann, und das Alles im Namen ihres Glaubens, mit ernstem Fanatismus, während sie sich freie Menschen, die einzigen Kinder Gottes, die vorzugsweise Reinen nannten, die nicht sündigen könnten, weil sie zu dem Stande der Vollkommenheit gekommen seien, der den Begriff des Bösen nicht zuläßt. Einst verließen vierzig von ihnen die Insel, brachen in die Dörfer ein und schlugen mehr als zweihundert Bauern, die sie Kinder des Teufels nannten, todt.

Ziska belagerte sie auf ihrer Insel, bemächtigte sich ihrer und ließ sie alle erschlagen, mit Ausnahme von zweien, von denen er erfahren wollte, worin ihr Aberglauben bestände, und der Frauen, von denen mehre im Gefängniß niederkamen, ohne daß man sie bekehren konnte. Ulrich von Rosenberg machte sich das Vergnügen, sie zu verbrennen. Sie erduldeten das Feuer lachend und singend.

Die Geschichtschreiber nennen diese Sekte bald Picarden, bald Adamiten und Nicolaiten und behaupten, sie hätten sich auch in Mähren auf der Insel eines Flusses gezeigt, dort sich demselben Wahnsinn überlassen und sich zu demselben Glauben bekannt. Sie wurden daselbst von den Katholiken geopfert und erlitten den Tod mit demselben Enthusiasmus.

Man erzählt, daß Ziska mehrmals zu verschiedenen Epochen die Picarden verfolgte, besonders aber im Jahre 1421. Zwei ihrer Priester, von denen der Eine seiner Beredtsamkeit wegen den Beinamen Loquis führte, wurde Anfangs von einem calixtinischen Edelmann verhaftet und auf die Bitte der Taboriten losgelassen; später von Neuem in Chrudim verhaftet, wurden sie von dem Stadthauptmann an einen Pfahl gebunden und dieser fragte Loquis, indem er ihm einen heftigen Faustschlag auf den Kopf gab, was er von dem heiligen Abendmahl dächte. Martin Loquis antwortete ruhig, das Dogma von der wirklichen Gegenwart sei eine Entheiligung und Götzendienerei.

Darauf wollten die Calixtiner sie verbrennen, aber der Pfarrer von Graditz, derselbe Ambrosius, der bei dem Einfall der Schlesier so viel Energie gezeigt hatte, verwendete sich für die Gefangenen und sie wurden ihm überlassen. Er führte sie nach Graditz, behielt sie vierzehn Tage bei sich und versuchte vergeblich, sie zu seiner Ueberzeugung zu bringen. Der calixtinische Erzbischof Konrad ließ sie nach Raudnitz führen und behielt sie acht Monate in einem Kerker, verbot auch dem Volke, sie zu besuchen, aus Furcht vor der Ansteckung.

Endlich forderte sie Ziska zurück, um sie nach Prag zu bringen und sie zum abschreckenden Beispiel daselbst verbrennen zu lassen. Aber die Bürgermeister von Prag widersetzten sich dem, weil sie einen Aufstand fürchteten, denn Martin Loquis hatte viele Anhänger in Prag. Sie zogen es vor, einen Bürgermeister mit einem Henker nach Raudnitz zu senden, damit der Erzbischof sie nach Willkür bestrafen könne.

Konrad ließ sie auf die Tortur bringen und während der Qualen nannten sie einige von denen, welche ihre Ansicht über das heilige Abendmahl theilten. Der Erzbischof ermahnte sie, ihren Irrthümern zu entsagen: »Nicht wir sind es, welche irren,« antworteten sie lächelnd, »Ihr nur betet, vom Clerus getäuscht, die Kreatur an.« Sie wurden auf den Richtplatz geführt und man ermahnte sie, sich dem Gebete des Volkes zu empfehlen: »Nicht wir bedürfen der Fürbitten,« antworteten sie wieder; »es bitte darum, wer es bedarf.« Sie wurden Beide in eine Tonne voll siedenden Pechs geworfen.

Aus diesen Thatsachen geht klar hervor, daß die Calixtiner in Böhmen so sehr die Oberhand gewonnen hatten, daß man nicht mehr öffentlich die wirkliche Gegenwart zu läugnen wagte, und wer es that, den Märtyrertod erlitt. Es geht eben so klar hervor, daß die Zahl Derjenigen, welchen man den Schimpfnamen Picarden beilegte (es war ein Ausdruck der Verachtung, den sich schon lange die feindlichen Sekten gegenseitig zuwarfen, ohne daß ihn irgend eine annehmen wollte, nur die Adamiten auf dem Flusse ausgenommen), beträchtlich war, weil man durch ihre öffentliche Hinrichtung die Wuth des Volkes fürchtete. Das bewiesen übrigens auch die Folgen, welche Loquis' Märtyrertod nach sich zog.

Loquis und die neuen Taboriten hatten mit den Grundsätzen der Adamiten nichts weiter gemein, als die Läugnung der wirklichen Gegenwart. Deshalb wahrscheinlich werfen die Geschichtschreiber, entweder aus Irrthum, oder aus Bosheit beide Parteien zusammen. Die Adamiten wurden von allen andern Sekten verabscheut.

Die Picarden, die sich wenig von den Waldensern unterschieden, waren innig mit den Taboriten vereinigt und mit ihnen so vermischt, daß die ganze Heerschaar von Tabor durch ihre Art, das heilige Abendmahl ohne Ceremonien zu feiern, durch ihre Nichthaltung der Fasten, durch ihre Zulassung beim Abendmahl der Kinder und Narren, kurz durch die Vernachlässigung aller Vorschriften der calixtinischen Kirche hinreichend zeigten, sie gehörten zu den Picarden, d. h. sie glaubten an die wirkliche Gegenwart nicht Johann Huß glaubte an diese wirkliche Gegenwart. Zur Zeit der ersten Communion der Taboriten im freiem Felde, im Beginn der Revolution, waren fast Alle Calixtiner. Aber die Conferenz in Prag und die taboritische Verheißung zeigte, daß man sich bald über dieses Dogma enttäuscht hatte. Die Läugnung der wirklichen Gegenwart fand immer größere Anhänger. Von Ziska beschränkt, brach sie nach seinem Tode um so heftiger aus; alle Taboriten wurden zu Picarden, zu Feinden der Anbetung der Eucharistie. Ziska wußte nie, oder wollte nie wissen, wie viel Picarden unter seinem Heere seien. Die heiligen Städte der Verheißung, welche ihm stets eine so kräftige Unterstützung zuführten, waren waldensischen Ursprungs. Sie hatten seit dem 12. Jahrhundert den Johannismus angenommen, indem sie den in Frankreich verfolgten waldensischen Flüchtlingen eine Zufluchtsstätte gaben..

Dieses katholische Dogma wäre also zu jener Zeit vielleicht von allen Nationen verworfen worden, wenn die Taboriten in Böhmen gesiegt hätten. Doch die Zeit war noch nicht reif dazu, das Volk war noch nicht stark genug, um über die höheren Klassen zu triumphiren, und diese fühlten sich, oder waren vielleicht noch nicht stark genug, um die Fürsten zu überwinden, welche ihrerseits gegen die Kirche nicht zu kämpfen wagten. Die Volksmeinung mußte also zu Grunde gehen und nach heldenmüthigen Anstrengungen das ganze Unternehmen scheitern, obgleich sie eine geheimnißvolle Propaganda hinter sich ließ, die noch für einige Zeit gegen das herrschende Dogma ohnmächtig war.

Wir lassen Martin Loquis, Johann dem Prämonstratenser und ihren zahlreichen Anhängern den Beinamen Picarden, ohne uns in pedantische Untersuchungen einzulassen, die man darüber erheben könnte. Ein Geschichtschreiber hätte wohl das Recht, einen Namen für sie aufzufinden, der ihren wahren Glauben bezeichnete; ich kann mir aber dieses Recht nicht anmaßen, und lasse, um verständlich zu bleiben, diesen Namen jenen Märtyrern der Wahrheit, der so schmachvoll war und es nicht mehr ist.

»Doch was sollen wir denn,« sagt Herr von Beausobre in seiner interessanten Abhandlung, »aus den Adamiten auf dem Flusse Lusinitz machen?« Herr von Beausobre unterscheidet sie vollständig von den durch Ziska, der sie nicht unterscheiden wollte, ebenfalls geopferten andern Picarden, und Herr von Beausobre hat Recht. Aber vielleicht läßt er sich von seinem edlen Charakter irreleiten, wenn er sich bemüht zu beweisen, daß die Adamiten nie existirt, oder wenigstens weder die Gemeinschaft der Frauen, noch die Nacktheit, noch die andern Schändlichkeiten geübt hätten, die man ihnen zuschrieb.

Ohne in diese geistreiche aber kindische Auslegung der Texte, der doppelsinnigen Worte, der Daten und Vergleichungen einzugehen, glaube ich doch, daß man mit den Geschichtschreibern aller Parteien, die es bezeugt haben, die Existenz dieser Adamiten zugeben kann. Dazu genügt es, sich der Quelle aller der im Taborismus ausgesprochenen Ideen der großen taboritischen Weissagung zu erinnern, die wir mitgetheilt und geordnet haben, um sie verständlich zu machen.

Diese Weissagung schloß zwei Epochen in sich. Die eine der Mühseligkeit, der Leiden, der Wirksamkeit, des Zorns, der Rache und der Vernichtung während welcher die neuen Gläubigen aus eigener Vollmacht das Recht und Unrecht, das was sie beobachten von dem was sie vernichten, kurz, das Gute vom Bösen unterscheiden. Die andere Epoche war ein Ideal der Vollkommenheit, der Ruhe, der Milde, der Duldsamkeit, der Bruderliebe und Unschuld, in welche man bei der Ankunft Jesu Christi auf Erden gleich nach der Vernichtung der alten gottlosen Gesellschaft treten sollte. In dieser Zeit sollte es weder heilige Schrift, noch Priester, noch Lehrsätze geben, weil die Menschen in den paradiesischen Zustand gekommen, das Böse von der Erde verbannt oder Alles gut wäre.

Dieser falsch verstandene und ohne Ideal auf die gegenwärtige Wirklichkeit angewendete Traum der Vollkommenheit war hinreichend, um die Sekte der Adamiten zu erzeugen. Die Verheißung der Taboriten war nicht neu; sie war nur die Erneuerung der Ansicht der Waldenser, welche sie unter andern Formen zwei Jahrhunderte zuvor ausgesprochen hatten. Die Sekte der Adamiten war auch nicht neu; sie war aus Frankreich gekommen, hatte mehrere Epochen und mehrere Länder durchschritten. Sie war gewissermaßen ewig, wie das Bestehen aller Ideen und eben so alt als die Offenbarung des Christenthums.

Sie sollte in Böhmen nicht völlig endigen; man hat sie unter andern Formeln bei den Wiedertäufern von Münster gesehen; sie ist noch in unsern Tagen in den unglücklichen Versuchen zur Emancipation der Frauen aufgetreten. Es ist eine jener auswüchsigen, überschwenglichen und wahnsinnigen Sekten, von denen ich im Anfang dieser Erzählung versprochen habe, ein wenig zu sprechen und das Wenige, was mir darüber zu sagen, ist Folgendes:

Der Mensch hat immer das Ideal geträumt, sei es im Himmel oder auf Erden. Jeder baut sich sein Ideal nach der Reife seines Verstandes oder der Gluth seiner Wünsche, nach dem Verlangen seiner Triebe oder der Erhabenheit seiner Gefühle. Wenn die Taboriten auf der Erde den Himmel der Zärtlichkeit, der Bruderliebe, der keuschesten Liebe träumten (die Sinne sollten keinen Theil an der Fortpflanzung des Geschlechts haben), so zeigten sie, welche Milde und Sittenstrenge, welche Treue und Gerechtigkeit in dem Innern dieser wilden Herzen glühte, die von der Wuth der Zeiten und der Unbeugsamkeit des Fanatismus zu ihrem erhabenen Ziele fortgerissen wurden.

Als die Adamiten dagegen mitten unter den Excessen der Gegenwart die absolute Freiheit der Zukunft verwirklichen wollten, so zeigten sie sich als unsinnig. Noch mehr, indem sie von dieser Freiheit sich ein rohes, grobes Bild machten, so bewiesen sie, daß ihr Fanatismus von der schlechtesten Art sei und während sie zur Unschuld der Engel gelangen wollten, konnten sie nur zu der der Thiere hinabsinken.

Doch sie liebten sich untereinander, sie nannten sich Brüder und übten eine absolute Brudergemeinschaft; sie erlitten den Tod singend und lachend. Auch sie waren Märtyrer ihres Glaubens; denn ihre Frauen übten nicht, wie die der Regentschaft, eine Frömmigkeit und Ueppigkeit, die im Princip einander entgegengesetzt waren. Sie glaubten an die Heiligkeit ihrer Bacchanalien: sie waren wahnsinnig. Mußte man sie verbrennen oder bedauern?

Und muß man in unsern Tagen, wo man keinen Scheiterhaufen mehr kennt, nicht diejenigen, welche sich noch immer zu dem unreinen Glauben der Frauengemeinschaft bekennen, nicht beklagen und bekehren? Glücklicherweise ist die Zahl der Heuchler so groß, daß die der Narren und Närrinnen sehr klein wird. Sie bedrohen die Gesellschaft nicht, wie man es hat glauben machen wollen.

Das Dogma der Frauengemeinschaft läßt in den Religionskriegen nur vorübergehende Spuren. Es sank jedes Mal, wo es ins Leben treten wollte, schnell in die Nacht zurück; und in unsern Tagen hat es sich nur, was man auch sagen mag, unglücklicher Köpfen bemächtigt, die durch den Mangel des Verstandes dem Irrthum ergeben und für einen solchen Taumel vorbereitet waren.

Die schönsten Hände haben zuweilen Warzen. Vergeblich schneiden die Wundärzte sie aus und vertreiben sie: sie vergehen von selbst, wie die Kindheit vergeht. Der Adamismus wird von der Erde verschwinden, sobald das wahre Gesetz der Ehe verkündigt wird.

Doch wir kehren zur Geschichte des furchtbaren Blinden zurück. Wahrscheinlich vertilgte Ziska die Insulaner auf dem Flusse Lusinitz aus einem ihm eigenthümlichen Gefühl des Unwillens gegen ihre Gebräuche, und um sich aus ihrer Nachbarschaft zu befreien, die sich bereits durch Feindseligkeiten angekündigt hatte. Was die Picarden betrifft, so ist seine Absicht weniger klar und die Geschichtschreiber zaudern nicht sie der Reinheit seiner calixtinischen Grundsätze zuzuschreiben.

Doch wenn man sich erinnert, daß Ziska zu andern Zeiten sich als einen eifrigen Taboriten gezeigt, daß er das Abendmahl ertheilt und geweissagt hatte; wenn man sieht, wie er bisher mit diesen Taboriten, welche die wirkliche Gegenwart geläugnet hatten und nie daran glaubten, in gutem Verständniß lebte und sich ihnen werth machte, so darf man annehmen, daß Ziska in Loquis und dem Prämonstratenser Männer züchtigte und fürchtete, deren Politik seinen Einfluß zu schmälern drohte Es ist ganz gewiß, daß diese Picarden Ziska's Betragen in Bezug auf die Religion tadelten. Sie spotteten über ihn, daß er die Messe nach dem Missale durch leinene Priester, wegen ihrer leinenen Soutanen, lesen ließ. Ziska's Calixtiner (denn es gab auch calixtinische Taboriten, d. h. Männer, welche, wie er, der Religion Prags und der Politik Tabor's huldigten) spotteten ihrerseits über diese reformirenden Priester und nannten sie Ziska's Schuster, weil sie, wie man sagte, dieselben Schuhe beim Meßdienst und im Felde trugen. Diese Erklärung scheint mir ein wenig willkürlich. Die Schuhmacher hatten in Prag bei den Aufständen und religiösen Proclamationen die energischste Rolle gespielt. Sie glichen so ziemlich den Fleischern bei den Aufständen in Paris zur selben Zeit, und ich glaube die Benennung Schuhmacher war in Böhmen mit der eines Sansculotten unserer Revolution synonym geworden..

Ziska wollte Böhmen retten nach einem mit eben so viel Muth als Klugheit, entworfnen Plane. Die Kühnheit mangelte ihm eben so wenig als die List. Er vereinigte sich bei Gelegenheit mit der calixtinischen Partei und trat wieder von ihr zurück. In einer gewissen Zeit glaubte er Männer opfern zu müssen, welche, nach seiner Ansicht, der Revolution durch ihren stürmischen Eifer Gefahr bringen mußten. Er fürchtete, die Läugnung des Dogma von der wirklichen Gegenwart, eine Läugnung, welche so gewaltige Folgen nach sich zog, möchte die gemäßigte Partei zurückscheuchen und ihn selbst unwiederbringlich mit denjenigen Klassen veruneinigen, ohne die er sein Werk nicht ausführen zu können glaubte.

Ziska täuschte sich in der Hoffnung, alle unter sich uneinigen verschiedenen Stände des Reichs gegen den Kaiser führen zu können. In diesem Augenblicke war er wahrscheinlich von den Gebräuchen der katholischen Partei berauscht und faßte große Hoffnung. Er erfuhr bald, was er von solchen unmöglichen Bündnissen erwarten konnte.

12.

Die Nachricht von der Hinrichtung des Martin Loquis erregte einen Aufstand in Prag. Alle Picarden der Neustadt eilten zum Prämonstratenser. Sie versammelten sich während der Nacht auf einem Kirchhof. Hier beklagten sie sich über die Tyrannei Ziska's und des calixtinischen Raths.

Nachdem der Prämonstratenser lange mit ihnen berathschlagt hatte, faßte er beim ersten Ton der zur Metten läutenden Glocke seinen Entschluß. Er stellte sich sogleich an ihre Spitze und führte sie vor das Rathhaus der Altstadt Prag. Da wirft er dem Rathe seinen Verrath und seine Feigheit vor, erklärt ihn für abgesetzt und verworfen und schreitet sofort zur Wahl eines neuen Raths und neuer picardischer Bürgermeister. Er verkündigt, daß die Alt- und Neustadt künftig nur eine Stadt bilden und einem Rathe seiner Wahl gehorchen solle.

Kaum hat er diesen neuen Magistrat gebildet, so ruft er die Gemeinde zusammen, und erklärt ihr, sie müsse einen Pfarrer, den er bezeichnet, fortjagen, weil er die Mummereien des römischen Cultus beibehält; es sei Zeit mit den calixtinischen Priestern zu Ende. zu kommen, und wahrhaft evangelische einzusetzen, » weil Geistliche und Laien ferner nur ein Volk ausmachen sollen

Das Volk, der gemeine Haufe, um mit meinem Gewährsmann zu sprechen (was mich nicht kränkt, weil ich sehe, daß die Armen und Unterdrückten die Aufgeklärteren und Aufrichtigern in Sachen der Religion waren) der gemeine Haufe läuft in die Kirchen, verjagt die calixtinischen Priester, setzt neue ein und giebt der ganzen Stadt seine Gesetze, ohne daß die frühern Bürgermeister noch irgend wer sich ihnen zu widersetzen wagt.

Während dieser Zeit rückten die Taboriten und Horebiten dem Kaiser entgegen, der über Kuttemberg in Böhmen einbrach. Trotz Ziska's Milde wandten sich die Bergleute zu Sigismund und nahmen, von dem Raubritter Miestezki, demselben, welcher die Mönche von Opatowicz für seine Rechnung geplündert und später sich mit Ziska vereinigt hatte, geführt, Przelautzi, stürzten 125 Taboriten in die Gruben, tödteten 1000 in Chutibor und verbrannten deren Anführer und zwei Priester derselben.

Inzwischen unterhandelte die Aristokratie mit dem König von Polen. Als Wladislaw sich geweigert hatte, die Krone anzunehmen, baten ihn die »zur Probe« Calixtiner gewordenen katholischen Herren und die wahren Calixtiner, ihnen seinen Vetter Coribut zu schicken. Wladislaw spielte abwechselnd mit allen Parteien. Im vorhergehenden Jahre hatte er mit Sigismund über die Beruhigung Böhmens unterhandelt und sich zugleich verbindlich gemacht, mit ihm gegen sie zu marschiren, wofern der Kaiser ihm gegen die deutschen Ordensritter beistehen wolle.

Das Ende dieser Verhandlung war ein Ehevertrag zwischen dem König von Polen und Wenzel's Wittwe. Sigismund hatte seinem neuen Bundesgenossen die Wahl zwischen Sophie und seiner eigenen Tochter gelassen und der Pole die reifere vorgezogen, weil sie die reichere war. Aber Sigismund's Gesandten, die seine Einwilligung nach Polen überbringen sollten, waren von den Hussiten aufgefangen und festgehalten worden, so daß die Hochzeit verschoben wurde und die beiden Fürsten Zeit gewannen, sich noch einmal zu entzweien.

Sogleich schickte Wladislaw eine Gesandtschaft nach Prag, um Coribut anzubieten, der Böhmen im Namen des Königs von Polen beherrschen sollte. Coribut stand schon an der Gränze und verlangte nur Truppen, um in Böhmen einzuziehen. Man konnte ihm keine schicken, weil der Kaiser an der entgegengesetzten Grenze sich zeigte und man nicht allzu viel Mannschaft besaß, um ihm die Spitze zu bieten.

Kaum war Sigismund in Böhmen, als die katholischen Herren, die so kräftig gegen ihn protestirt hatten, seinem Rufe gehorchten und zu ihm eilten, ihm Gehorsam und Treue zu schwören. Die von diesem Abfall erschreckte gemäßigte Partei rief Ziska zu Hülfe, und er eilte nach Prag, um es in Vertheidigungsstand zu setzen. Er wurde wie ein Held, wie der Befreier des Vaterlands empfangen; man läutete mit allen Glocken, die Priester und jungen Leute zogen ihm entgegen und es gab keine Festlichkeit, die man seinen Begleitern nicht erwiesen hätte. Die bleichen Taboriten, die in Friedenszeiten so abscheulich waren, waren, wenn man sich fürchtete, schön wie Engel.

Ziska brachte acht Tage zu, Prag für eine Belagerung in Stand zu setzen und mit allem Nöthigen zu versehen. Von da eilte er auch andere wichtige Plätze, unter andern Kuttemberg zu befestigen, das der Kaiser bereits verlassen hatte. Aber weil er so treulosen Verbündeten nicht mehr traute, betrat er die Stadt selbst nicht, sondern verschanzte sich mit seinem Heere auf einem benachbarten Berge, von wo aus er die Kaiserlichen beobachtete.

So wurde es Sigismund leicht, sich Kuttembergs wieder zu bemächtigen. Er belagerte Ziska auf seinem Berge, aber schon in der zweiten Nacht erschlugen der furchtbare Blinde und seine Taboriten die Vorposten des kaiserlichen Lagers, bahnten sich einen Weg mitten durch das feindliche Heer und zogen ruhig nach Kolin, wo sie sich festsetzten.

Es war im Monat December. Die Kälte vertrieb den Kaiser. Während er in Bayern ausruhte, verlor der unermüdliche Blinde keine Zeit, neue Truppen auszuheben, bis selbst an die schlesische Grenze, und als um Weihnachten die Kälte nachließ, eilte er an die andere Grenze zurück, weil er glaubte, die Kaiserlichen könnten sich bald wieder sehen lassen. Sie zögerten auch nicht. Sigismund überfiel Kuttemberg und verbrannte diese Stadt, um ihr ein Zeichen seines Schutzes zu geben, und ließ alle Bewohner niederhauen ( ohne selbst die Kinder in der Wiege zu verschonen), damit Ziska hier sich nicht festsetzen und ihm den Rückzug abschneiden könne.

Seine Vorsicht schützte ihn vor den unbesieglichen Waffen der Taboriten nicht. Ziska erreichte ihn schon am andern Tage, hieb seine Armee nieder und verfolgte ihn drei Stunden weit; er verlor dabei 150 mit werthvollen Gegenständen beladene Wagen, welche gleichmäßig unter die Taboriten vertheilt wurden. Am folgenden Tage belagerte Ziska Deutsch-Brod, verlor dabei 3000 Männer, nahm sie aber am Tage darauf und verbrannte sie vollständig, daß vierzehn Jahre lang keine Seele mehr darin wohnte. Nach diesem Siege schlug Ziska, auf den kaiserlichen Fahnen sitzend, einige der Taboriten zu Rittern. Man bemerkt bei ihm jenen Hang zu äußerer Größe, der Napoleon so verderblich wurde.

Der Kaiser zog sich in großer Eile nach Ungarn zurück. Ein unerschrockener Abenteurer, der Florentiner Pippo, der ihm folgte, ertrank beim Uebergang über einen Fluß mit 1500 seiner Söldner unter dem Eise.

Es ist Zeit, eine neue Person auf den Schauplatz zu führen, einen der festesten Männer jener Zeit, und der einzige Gegner, den Sigismund Ziska entgegenstellen konnte. Es war ein Priester, der sich Johannes nannte, wie so viele Andere und den man bald Johann von Prag, bald Johann den Eisernen ( ferreus), wegen seines kriegerischen Charakters, bald den eisernen Bischof nannte, denn er war Bischof von Olmütz und eifriger Katholik. Er hatte früher Jacobel beim kostnitzer Concil angeklagt und da er gegen Jedermann die offenste Sprache führte, den Trunkenbold Wenzel durch seine Vorstellungen gewaltig aufgebracht.

Seit Conrad zu den Hussiten übergegangen war, hatte der Papst an die Stelle des Abtrünnigen Johann den Eisernen auf den erzbischöflichen Stuhl von Prag erhoben; doch das war freilich nur ein Bisthum in partibus. Eigentlich war der katholische Prälat weit mehr werth als der politische Conrad. Er war nicht weniger intolerant, nicht weniger grausam, doch fest und aufrichtigen Herzens und zeigte die Talente eines großen Feldherrn. Wenn er seine Messe gelesen hatte, legte er seine Priestergewänder ab, und bestieg vollständig gerüstet, den Helm auf dem Kopfe, das Schwert in der Hand, sein Roß. Er rühmte sich keinen Ketzer zu verschonen. Es starben mehrere Tausende durch ihn und seine Waffen, er erschlug 200 Hussiten mit eigener Hand. Er starb im Jahre 1430 als Cardinal. Bei manchem Strauße wurde er vom Abte von Trebitz unterstützt, einem adeligen Herrn, mehr für den Krieg als für das Brevier geschaffen.

Der erste Zug des eisernen Bischofs geschah gegen eine Abtheilung Taboriten, die zwei Priester von Tabor in Mähren gesammelt, und sich auf einem bewaldeten Berge so wohl verschanzt hatten, daß man sie nicht bezwingen konnte. Sie warfen auf die Belagerer große Felsstücke herab und schlugen sich, trotz der Tapferkeit des aus den Vasallen des Bischofs, ungarischen und österreichischen Hülfstruppen bestehenden Heeres in der Nacht durch, und retteten sich nach Böhmen, wo sie sich mit den Horebiten vereinigten.

Mehrere böhmische Große von der calixtinischen Partei, unter Andern Victorin von Podiebrad (Vater des Königs Georg), die von diesen Angriffen hörten, dachten darauf, den kriegerischen Bischof zu beschäftigen, damit er keinen Einfall nach Böhmen thun könne. So entstand ein ziemlich erbitterter Kampf in Mähren, wo Johann der Eiserne bei mehreren Niederlagen und Siegen, große Proben von Thätigkeit, Muth und Feldherrntalent gab. Wir gehen in das Einzelne dieser Kämpfe nicht ein, um den Hauptschauplatz nicht aus dem Auge zu verlieren.

Noch immer übte Johann der Prämonstratenser auf das ganze Volk einen für die Calixtiner beunruhigenden Einfluß aus. Ein wahrscheinlich calixtinischer neuer Stadtrath war an die Stelle des vom Mönch eingesetzten picardischen getreten. Man klagte ihn vor diesem als Picarden an, eine Benennung, die an sich selbst schon ein Staatsverbrechen war; man beschuldigte ihn, sich zu sehr in die öffentlichen Angelegenheiten gemischt, Przibam verbrannt und Johann Sadlo ohne hinreichende Gründe enthauptet zu haben, und der Rath berieth sich über die Mittel, wie man einen so durchgreifenden und beim Volke so beliebten Mann bei Seite schaffen könne.

Obgleich diese Berathung sehr geheim gehalten wurde, erhielt der Prämonstratenser doch bald Nachricht davon und stürzte sich, nur seiner gewohnten Kühnheit Gehör gebend, in die Gefahr. Er dringt, nur von zehn seiner Anhänger begleitet, in den Rathssaal und erklärt dem Magistrat, daß er von seinem Urtheil an das Volk appellire. Kaum hat er seine Rede geendet, als die Thüren geschlossen werden, der Henker, den man eilig herbeigerufen hat, sich seiner bemächtigt und ihm, wie seinen Gefährten den Kopf abschlägt.

Aber während diese Lictoren noch beschäftigt sind, die Spuren dieser gräßlichen Hinrichtung zu vertilgen und eilig den Saal reinigen, lassen sie Blut auf die Straßen hinabfließen. Das von diesem Anblick aufgeregte Volk, stürzt in das Rathhaus, schlägt die Thüren ein und das Erste, was sich den Blicken zeigt, ist der vom Rumpfe getrennte Kopf des Prämonstratensers. In einem Augenblick sind die Richter, die Bürgermeister und alle ihre Helfershelfer in Stücken gehauen.

Jacobel Oder Jacob von Mies, derselbe, der der Freund und Schüler des Johannes Huß und wahrscheinlich seiner Ansicht nach Picard war. nimmt das Haupt des Johannes auf, legt es auf eine Schüssel, eilt auf die Straße und ruft das Volk auf, den Mord des Märtyrers zu rächen. Die Häuser der Bürgermeister werden sogleich erstürmt und verwüstet. Man läuft zu dem Collegium Carl's IV., das bisher noch verschont geblieben war, und führt alle Mönche gefangen fort. Man verbrennt die Bibliothek und enthauptet sieben Personen, welche Johannes, des Prämonstratensers Feinde gewesen waren.

Jacobel ließ das Haupt des Mönchs und die seiner Gefährten vierzehn Tage lang in der Stadt umhertragen, auf einem Sarge ausgestellt und das Volk sang mit ihm die Hymne für das Gedächtniß der Märtyrer: Isti sunt sancti, qui etc. Endlich werden die Köpfe mit den Leichnamen in einer Kirche mit großer Feierlichkeit beigesetzt, und ein Prediger hält über den Text aus der Apostelgeschichte: Und fromme Männer begraben Stephan, eine Leichenrede. Dann ermahnte er das Volk, der Lehre, welche der Prämonstratenser ihm gelehrt hätte, treu zu bleiben, und die Versammlung ging aus einander, Prediger und Zuhörer in Thränen zerfließend. Das Volk fühlte wohl, daß es einen seiner kräftigsten Streiter verloren hatte.

Im Anfang des Jahres 1422 eroberten die Taboriten die Stadt Sobieslaw, von welcher achtzehn andere Städte oder Dörfer und ein mit fischreichen Teichen versehenes Gebiet abhingen. Dann unternahm Ziska einen Zug nach Oesterreich, verbreitete Schrecken unter dessen Bewohner, die bei seiner Annäherung in die Wälder und Einöden flüchteten, und führte eine große Menge Vieh mit sich hinweg. Ein anderes Corps Taboriten drang in die Mark Brandenburg verheerte es mit Feuer und Schwerdt und belagerte Frankfurt an der Oder, dessen Vorstädte und Karthause er verbrannte. Die Prager eroberten und verheerten die Stadt Luditz.

Inzwischen war Sigismund Coribut mit 5000 Reitern nach Prag gekommen. Er wurde von den Calixtinern, welche durchaus einen König verlangten, gut aufgenommen. Ziska war mit seinen Taboriten anderwärts beschäftigt. Die Großen, welche auf die Seite Sigismunds zurückgetreten waren, hielten sich, so viel sie konnten, in ihren Schlössern verschanzt. Sie protestirten gegen Coribut's Wahl und nachdem sie sich mit denjenigen Edeln, die zu ihrer Partei gehörten, versammelt hatten, erklärten sie, daß sie, zwar die erste Gesandtschaft der Böhmen nach Polen geduldet, doch weder die zweite, noch die dritte gebilligt hätten; sie glaubten ihres Eides gegen ihren rechtmäßigen Fürsten Sigismund nicht entbunden zu sein und Coribut sei nicht im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft, denn er sei ein geborener Russe und Feind des christlichen Glaubens. Coribut war ein Litthauer und der griechischen Kirche zugethan

Als die Prager darauf antworteten, Coribut müsse wohl oder übel angenommen werden, ließen die Großen des Reiches die königliche Krone und die Reichskleinodien aus der Capelle St. Wenzel auf das Schloß Carlstein bringen, welches für Sigismund von einer starken Besatzung bewacht wurde; und Coribut, der wahrscheinlich die ganze Gültigkeit seiner Wahl in seinen kräftigen Körperbau setzte, belagerte Carlstein, ohne gekrönt zu seien.

Man findet von dieser furchtbaren Belagerung, welche sechs Monate dauerte, ohne zu einem Zweck zu führen, sehr genaue Beschreibungen. Die calixtinische Partei mit ihrem König vermochte nichts oder fast nichts, während die Taboriten mit ihrem unüberwindlichen Blinden nichts oder fast nichts unmöglich fanden.

Carlstein wurde jedoch durch Wurfmaschinen von einer so trefflichen Erfindung bedrängt, daß, wie der Geschichtschreiber Theobald sagt, kein Werkmeister ähnliche hat machen können: »Die benachbarten Wälder wiederhallten von dem Lärm der Schläge.« Man riß sogar die Säulen einer Kirche von Prag ein, um daraus Kugeln zu machen. Doch die Befestigungen waren so stark, daß man sie nicht erschüttern konnte. Die Garnison war aus den trefflichsten Kriegern gewählt worden. Sie vertheidigte sich hartnäckig, indem sie große Steine gegen die Belagerer schleuderte und die Ziegel von den Dächern herabwarf. Mit Matten und Faschinen aus Eichenzweigen schwächte sie die Wirkung der Schleudern.

Die Calixtiner kamen auf den Gedanken, mit ihren Wurfmaschinen zweitausend Fässer voll Unrath und verfaulte Leichname in die Festung zu schleudern. Die verpestete Luft erregte unter den Belagerten eine gräßliche Krankheit. Die Haare fielen ihnen aus und alle Zähne wurden locker. Doch es gelang ihnen, all diesen Unrath durch lebendigen Kalk und Arsenik zu vertilgen. Ein Bewohner der Altstadt Prag war in ihre Hände gefallen; sie stellten ihn mit einem an einen Stock gebundenen Fuchsschwanz auf einen Thurm und baten ihn höhnend, die Fliegen wegzujagen. Die Belagerer achteten die Gegenwart dieses Unglücklichen nicht und beschossen den Thurm nur um so heftiger. Aber keine der Kugeln erreichte das Opfer und von Aberglauben ergriffen, banden die Belagerten ihn wieder los und gaben ihm die Freiheit.

Im Herbst machte man einen Waffenstillstand für einige Tage. Die Belagerten luden einige ihrer Feinde ein, sie zu besuchen und bewirtheten sie trefflich, um ihnen den Glauben beizubringen, daß es ihnen an Lebensmitteln nicht fehle, obgleich sie ziemlich aufgezehrt waren. Die Prager glaubten, sie erhielten durch unterirdische Gänge frische Zufuhr.

Eines Tages gaben sich die Belagerer den Schein, eine Hochzeit zu feiern. »Man hörte den Ton von Flöten und das Lärmen von Tanzenden, obgleich weder Braut noch Bräutigam da war und sie nicht einmal schwarzes Brod zu genießen hatten.« Endlich hatten sie nur noch einen armseligen Bock, den sie auf die Mauern klettern ließen, um den Feinden den Glauben beizubringen, sie hätten noch Schlachtvieh. Sie mußten ihn tödten; und als sie ihn gegessen hatten, schickten sie seine Haut dem Anführer der Prager, einem Schneider, zum Geschenk, um ihm für seinen Waffenstillstand zu danken.

Es war sehr kalt und die Prager hatten große Lust, nach Hause zurückzukehren. Sie wünschten die Belagerten zum Teufel, der allein mit ihnen zu Stande kommen könnte, und gaben das Unternehmen auf, worüber Coribut sehr mißvergnügt war. Die standhafte und witzige Besatzung von Carlstein gab mehrere Freudenschüsse zu Ehren des Bockes, der sie gerettet hatte.

Während dieser Belagerung hatte eine starke deutsche Armee unter dem Befehl der Erzbischöfe, der Kurfürsten und Fürsten des heiligen deutschen Reiches zum Entsatz des Carlsteines in Böhmen eindringen wollen. Sie mußten zuvor Plauen belagern, wohin sie eine Menge von Tauben und Sperlingen, mit brennendem Pech beschmiert, hineinwarfen; doch diese Kriegslist gelang nicht. Die vor den Räubereien der Kaiserlichen in die Stadt geflüchteten Bauern unternahmen einen kräftigen Ausfall, drangen mitten in die feindliche Armee ein, erschlugen fünfzig Männer und führten Gefangene mit sich hinweg. Einer der brennenden Sperlinge fiel auf eine Strohbaracke und setzte das ganze Lager in Brand. Während die kaiserliche Armee zum Löschen der Feuersbrunst herbeieilte, drangen auch die übrigen Belagerten aus Plauen heraus, warfen sich auf den bestürzten Feind und brachten ihm eine völlige Niederlage bei. Auf die Nachricht von Ziska's Heranziehen, gaben die Deutschen das ganze Unternehmen auf und verließen das Land.

In der Verzweiflung schwur Sigismund, Böhmen dem innern Zwiespalt preis zu geben; und als er sah, daß die Mähren sich mit den Böhmen gegen ihn verbunden hatten, schenkte er die Provinz seinem Schwiegersohn, dem Herzog Albert, mit der Bedingung, sie zu erobern. Die mährischen Hussiten schrieben sogleich an Ziska, ihnen zu Hülfe zu kommen; doch dieser fühlte, daß Coribut's Anspruch auf die Krone eine dringendere Gefahr sei und daß er ihn im Herzen Böhmens bekämpfen müsse.

Er schickte den Mähren denjenigen seiner Kriegshauptleute, den er am höchsten schätzte, Procop den Geschorenen, der gegen seinen Willen in seiner Jugend zum Priester geweiht worden war und später, seiner Kriegsthaten wegen, der Große genannt wurde. Wir werden diesem großen Manne, dem Nachfolger Ziska's im Oberbefehl über die Taboriten und dem Fortsetzer seines politischen Werkes, eine neue Reihe Episoden widmen. Hier beschränken wir uns nur auf die Versicherung, daß er in Mähren eine dem Unterricht Ziska's würdige Kriegskunst und eine Tapferkeit zeigte, die der Begeisterung der Taboriten, deren eifrigster Schüler er war, würdig war.

Ziska rückte vor Prag. Nachdem er auf Alles gesehen und die Grenzen rein gefegt hatte, kam er zurück, um mit diesem Schattenkönig Mann gegen Mann zu fechten. Ein Corps seiner Taboriten kam ihm zuvor und drang, unwilliger und ungeduldiger als er, des Nachts in die Altstadt, bemächtigte sich dreier Häuser und begann einen innern Krieg. Es war aber zu wenig zahlreich, um die Oberhand zu erhalten. Es wurde zurückgeworfen, zum Theil erschlagen und Mehrere ertranken auf dem Rückzuge in der Moldau.

Als Ziska diese Nachricht erfuhr, war er einen Augenblick lang bestürzt. Er hatte gehofft, Prag ohne Feindseligkeit durch seine bloße Gegenwart einzuschüchtern und durch seine Vorstellungen ihm den Traum der Monarchie zu benehmen. Der schlechte Empfang, der seiner unklugen Vorhut geworden war, gab ihm viel zu denken.

Zwischen den böhmischen Großen, welche Sigismund, und der gemäßigten Partei, welche Coribut wollte, sah er sich mit seinen Taboriten allein. Er, dessen Gedanke stets gewesen war, sein Vaterland nur gegen das Ausland beschützen zu dürfen, fand sich in Kampf mit zwei entgegengesetzten Parteien verwickelt. Seine Lage wurde gefährlich, und verloren in seinen Gedanken und ergriffen vielleicht von der Idee, daß seine Aufgabe geendigt und er nicht mehr der Mann dieser dritten Partei sei, sondern sich mitten unter den beiden andern zum politischen Führer aufwerfen müsse, näherte er sich langsam der Hauptstadt.

Wenn Ziska diese Besorgniß fühlte, welche die Geschichtschreiber ihm zuschreiben, ohne sie zu erklären, so war es gewiß eine Offenbarung seines Schicksals. Jener Mann, der die Volkswuth wieder stählen und dem unbesieglichen Taborismus neuen Aufschwung verleihen sollte, war schon vorhanden. Er war bereits mit dem Werke beschäftigt. Dunkle Weissagungen der Taboriten sagten, Ziska werde sieben Jahre lang Böhmen zum Siege führen und dann sterben, um in einem andern Helden wiederaufzuleben, der noch fernere sieben Jahre sein Werk fortsetzen sollte.

Dieser Mann, dieser Held war Procop der Geschorene, Procop der Große, Procop der Picarde Er war in dem Proceß gegen Martin Loquis mit verwickelt und verhaftet worden und hatte wahrscheinlich nur dem Prämonstratenser seine Rettung gedankt., d. h. der wahre Taborit. Ziska, der Calixtiner, der unmögliche Vermittler zwischen den auf das Aeußerste gebrachten Parteien, sollte noch einigen Glanz verbreiten und dann sterben, denn es blieb ihm nichts mehr als die Wahl, von den Seinigen verlassen zu werden oder seinen eignen Ruhm aufzugeben.

Zaudernd, die Fackel in den Schooß der hussitischen Lehre zu werfen, sandte er Anfangs Deputirte nach Prag, um den übereilten Zug seiner Leute von sich abzuwälzen und die calixtinische Partei zu ermahnen, Coribut nicht zum König zu wählen. Er versicherte, Böhmen gegen den Kaiser und gegen die Großen vertheidigen zu können, ohne daß ein freies Volk sich einem König zu unterwerfen brauche.

Die Prager antworteten ihm, es sei ihnen sehr angenehm, daß er keinen Theil an dem letzten Einbruch der Taboriten hätte; sie seien aber sehr erstaunt, daß er ihnen von Coribut abriethe, da er doch wissen müsse, die ganze Republik habe eines obersten Führers nöthig.

Aus dieser Antwort erkannte Ziska, daß man nicht wünsche, er möchte dieser nothwendige Führer sein; und beleidigt, einen Fremden dem erprobten Schild des Vaterlandes vorgezogen zu sehen, rief er, seinen Commandostab erhebend:

Ich habe zweimal Prag befreit, doch ich bin entschlossen, es zu verderben, und will ihm zeigen, daß ich mein Vaterland eben so gut retten als unterdrücken kann!

13.

Sogleich machte sich Ziska an die Ausführung dieses furchtbaren Entschlusses, verheerte auf seinem Wege die Güter der katholischen Herren und rückte vor Graditz, welches als calixtinisch galt, mit der Absicht, es zu überfallen. Doch die Taboriten, die wahrscheinlich lieber sogleich gegen Prag gerückt wären, begannen zu murren.

Eines Nachts, wo sie in der Finsterniß ihren Weg verfolgten, weigerten sie sich, ermattet von einem langen Tagesmarsch, weiter zu gehen. »Dieser Blinde,« sagten sie, »glaubt wohl, uns sei Tag und Nacht eben so gleich wie ihm.« Ziska fragte, ob ein Dorf in der Nähe sei; man nannte ihm eins. »So steckt es in Brand« sagte er, «damit es Euch leuchte.«

Man gehorchte ihm und etwas weiter trafen sie Czinko von Wartenberg und einige andere katholische Große, die ihnen ein hartnäckiges Gefecht lieferten. Sie siegten, wie gewöhnlich und mehrere Große kamen darin um; darauf führte Ziska die Taboriten nach Graditz. Diese Stadt, welche eine geheime Zuneigung für ihn hatte, empfing ihn, statt sich zu vertheidigen, mit offnen Armen. Die Prager wollten sie wiedernehmen und wurden geschlagen. Von da eilte Ziska nach Czaslau und bemächtigte sich ihrer ohne Mühe. Die Prager kamen wieder, um ihn zu beunruhigen und wurden, wie bei Graditz, geschlagen und zurückgeworfen.

Diese Nachrichten verbreiteten Schrecken in Prag und der Magistrat beschloß, Abgeordnete an Ziska zu schicken, um ihm einen Vergleich vorzuschlagen; doch der calixtinische Adel widersetzte sich dem und behauptete, den furchtbaren Blinden überwinden zu können. Es war leichter, sich dessen zu rühmen, als es zu thun.

Gleich nachher unternahm Ziska einen Zug nach Mähren, um Procop gegen den eisernen Bischof beizustehen. Bei der bloßen Annäherung der taboritischen Armee entfloh Herzog Albert; und Sigismund, der ihn begleitete, um seinen Triumph mit anzusehen, theilte die Schmach seiner Flucht. Johann der Eiserne wich nicht zurück, konnte aber Johann Ziska nicht verhindern, ihm mehrere Plätze wegzunehmen und eine große Zahl hussitisch gesinnter Edlen Mährens auf seine Seite zu ziehen.

Ziska hielt sich nicht lange in diesem Lande auf; sein System war zu verwüsten und zu schrecken, nicht, zu erobern. Er überließ Procop den Kampf mit dem Bischof und drang nach Oesterreich ein, wo er Entsetzen und Verwüstung bis an das Ufer der Donau verbreitete. Der Herzog, der ihm nachgerückt war, fand ihn schon nicht mehr. Ziska wagte niemals unnütz eine Schlacht. Ein schneller, kühner, unergreifbarer Feind, führte ihn die Schnelligkeit seiner Entschlüsse dahin, wo man ihn am wenigsten erwartete und ließ ihn, wie durch Zauberei, aus den Orten verschwinden, wo man ihn zu erreichen glaubte. Es genügte ihm, seinen Weg durch Trümmer zu bezeichnen und diese Art, den Feind zu schwächen, war das Sicherste, um Zeit zu gewinnen und die Anstrengungen des Einbruchs zu mindern.

Während man ihn noch an der Donau suchte, war er schon nach Mähren zurückgekehrt und eroberte Festungen. Bei Cremzir war er genöthigt, mit Johann dem Eisernen einen Kampf zu bestehen: es war ein seiner würdiger Gegner. Unerwartet mitten in der Nacht angegriffen, war Ziska entweder, weil seine Lage wirklich schwierig, oder weil er schon an seinem Stern zu zweifeln anfing, so erschrocken, daß, wie man erzählt, er ohne Procop zum ersten Male geschlagen worden wäre; doch Procop, im Gesicht verwundet, ließ das Visir seines Helmes herab, um sein Blut zu verbergen, und that, umgeben von der auserwählten Schaar, die man die Brüderschaar nannte, Wunder der Tapferkeit. Er stürzte sich mit solcher Wuth in das dichteste Gewühl, daß Ziska, aus Besorgniß, er möchte sich zu weit wagen, seinen Eifer zurückhalten mußte; dann verschanzte er sich mit seiner Armee hinter seinen Wagen und that, als wolle er den Tag abwarten, um das Gefecht wieder zu beginnen.

Der Bischof, der sich nach Olmütz zurückgezogen hatte und für den andern Tag eine Verstärkung von den Oesterreichern erwartete, beunruhigte ihn in dieser Nacht nicht weiter. Doch mit Tagesanbruch ließ Ziska zusammenpacken, weil auch er durch aufmerksame Spione von der Annäherung der Oesterreicher gehört hatte, und ging nach Böhmen zurück, das Gebiet des Bischofs und das ganze mährische Land mit Brand und Mord verheerend. Er fand Graditz wieder in der Macht der Calixtiner.

Kaum siegreich aus einem Hinterhalte hervorgegangen, den die katholischen Großen ihm gelegt hatten, nahm dieser unermüdliche Mann, der Sigismund und den Erzherzog außerhalb der Grenzen und innerhalb die Katholiken und Calixtiner in Schranken hielt, Graditz wieder und bemächtigte sich der Festung Mlazowitz und Lipochowitz, das er ohne Gnaden dem Boden gleich machte, ging in den Pilsner Kreis, zerstörte Przestitz, Luditz und eroberte sich, überall von den katholischen und calixtinischen Großen beunruhigt und verfolgt, aber von den Freistädten unterstützt, nach einem Ausflug an die Elbe, Kolin, eine beträchtliche, zwölf Stunden von Prag entfernte Stadt.

Die Prager gingen über die Elbe, um ihn zu erreichen; aber Ziska, den Sylvius, in Bezug auf die Kriegslisten, einen andern Hannibal nennt, entfloh eilig, statt ihnen entgegenzutreten, als wenn er von Furcht ergriffen wäre, um sie an einen gewissen Ort zu locken, den er gut kannte. Als er hier angekommen war, sagte er zu seinen Leuten:

– Wo sind wir?

– In Maleschaur, auf den Bergen, antwortete man ihm.

– Ist der Feind noch fern?

– Nein, er verfolgt uns eifrig und ist im Thale.

– Jetzt ist's Zeit, rief Ziska, und nachdem er Alles zur Schlacht vorbereitet hatte, sprach er, von seinem Wagen herab, also zu seinen Soldaten:

»Lieben Brüder und tapfern Gefährten! Ihr seht, daß wir von Männern angegriffen werden, die wir mit Wohlthaten überhäuft und zweimal aus Sigismund's Händen errettet haben. Jetzt sind sie aus Herrschsucht nach unserm Blute begierig. Muth also! Heute ist ein entscheidender Tag, wo es in Wahrheit darauf ankommt, zu siegen oder zu sterben.«

Er sprach noch, als man ihm anzeigte, daß die feindlichen Fahnen, am Fuße des Berges gesehen würden. Er gab das Zeichen zur Schlacht. Sie war erbittert; aber der Sieg verließ die Taboriten nicht. Die Prager ergriffen die Flucht und ließen mehrere Tausende der Ihrigen auf dem Schlachtfelde, unter ihnen eine große Anzahl böhmischer Edlen. Diese Schlacht geschah am 8. Juni 1424.

Ziska eilte sogleich nach Kuttemberg, das die Prager nach der von Sigismund befohlenen Verbrennung wieder aufgebaut hatten. Er verbrannte es von Neuem, und begab sich nach Klattau, das ihn voll Ungeduld erwartete. Ein zweiter Sieg, der in Bezug auf seine Manöver und Resultate dem von Maleschaur ziemlich gleich war, führte Ziska endlich vor die Thore Prags und diesmal mit dem Entschluß und der Gewißheit, es zu überwältigen.

Doch in dem Augenblicke, wo der Adel im taboritischen Heere seine Waffen gegen die Hauptstadt, gegen die Mutter des Vaterlandes wenden will, fühlt er sich von dem Gedanken erschreckt und weicht vor dem Unternehmen zurück. Die von ihren Reden bewegten Soldaten zaudern. Es regt sich ein dumpfer Verdacht, als wenn Ziska nur seinem Stolz genügen und eine persönliche Beschimpfung rächen wolle. Um den Aufruhr zu stillen, besteigt der Blinde eine Biertonne und spricht also zu ihnen:

»Warum, Ihr Gefährten, murret Ihr gegen mich, gegen mich, der Euch täglich mit Gefahr seines Lebens vertheidigt? Bin ich Euer Führer oder Euer Feind? Habe ich Euch je irgend wohin geführt, wo Ihr nicht gesiegt hättet? Wer hat Euch noch in den letzten Schlachtenden Sieg gegeben, wenn nicht ich? Ihr seid reich, Ihr habt unter meiner Führung Ruhm gewonnen; und ich, ich habe, zum Lohn für meine Mühen, das Augenlicht verloren und kann nur mit Hülfe Eurer Augen wirksam sein. Es reut mich nicht, wenn Ihr mich ferner unterstützen wollt. Ich will den Untergang Prags nicht und denke auch nicht, daß seine Bewohner nach dem Blut des alten blinden Hundes dürsten. Nach dem Euren sind sie begierig. Sie fürchten Eure unbesiegbare Hand und Euer unerschrocknes Herz.

Wohlan denn nach Prag, da keine Wahl mehr übrig bleibt, da entweder diese Stadt oder Ihr zu Grunde gehen müßt. Beendigen wir den Bürgerkrieg, den der Feind in das Herz Böhmens führen kann. Wir werden die Stadt genommen und die Verräther verjagt haben, ehe Sigismund davon etwas weiß. Dann wird es uns leichter sein, ihn mit einer kleinen Hand voll innig verbundner Leute, als mit einer großen, in Parteien zerrissenen Armee zu besiegen.

Doch, damit Ihr mir nichts vorwerfen könnt, so berathet Euch. Wollt Ihr den Frieden? Mir ist's recht; doch fürchtet, es bereuen zu müssen. Wollt Ihr den Krieg? Ich bin bereit, dazu.«

Diese kurze Anrede entflammte die Taboriten. Sie eilten zu den Waffen und drangen bis an die Mauern Prags vor, entschlossen, sie kräftig anzugreifen.

Die calixtinische Partei war verloren und sie fühlte es, Prag war durch Ziska's Siege geschwächt und Ziska besaß mehr Anhänger darin, als man es Anfangs geglaubt hatte. Der Magistrat und die Bürger konnten sich nicht mehr verständigen. Das taboritische Heer war zahlreicher und geübter, als Ziska noch irgend eins seinen Feinden entgegengestellt hatte.

Bestürzung verbreitete sich durch die ganze Stadt und einstimmig schickten alle Stände an Ziska den Meister Johann von Rockizana einen Hussitenpriester, einen Mann von großer Beredtsamkeit und großem Einfluß, dessen Ehrgeiz der Stadt, die er gerettet hatte, viel Unruhe und Unglück zuziehen sollte.

Der alte, von seiner Beredtsamkeit überwundene Krieger willigte in eine völlige Aussöhnung und zog triumphirend in die Stadt ein. Auf dem Felde, wo der Friede geschlossen war, errichtete man einen großen Steinhaufen und schwor auf dieser Art druidischen Altars die Steine, aus dem er bestände, gegen den Ersten zu gebrauchen, der den Bürgerkrieg wieder entzünden würde.

Coribut war vom König von Polen zurückberufen worden, der sich mit dem Kaiser aussöhnen wollte und sich wirklich versöhnte. Der eiserne Bischof hielt sich trotz der Hartnäckigkeit der Taboriten und des Fortschritts der hussitischen Lehre so gut in Mähren, daß der Herzog wieder Muth gewann und Sigismund hoffen durfte, sich endlich zum Herrn von Böhmen zu machen.

Der König von Polen hatte nicht Wenzel's Wittwe, wie er Anfangs die Absicht hatte, sondern eine andere Sophie, die Tochter des Großfürsten der Moscowiter geheirathet. Der Kaiser war bei dieser Hochzeit gegenwärtig und Ladislav schwur, Coribut nicht wieder nach Böhmen zu schicken. Aber der junge Mann, der Geschmack an diesem Königsspiel gewann, kehrte insgeheim nach Böhmen zurück und wurde hier als ein Arm mehr gegen Sigismund wohl empfangen.

Dieser Schritt erregte das Mißtrauen des Kaisers wieder und bewog ihn, direct mit Ziska zu unterhandeln. Er schickte ihm Gesandte mit glänzenden Anerbietungen, in der Hoffnung, ihn zu verführen, vielleicht ihn zu betrügen, und wenn auch nicht durch die Waffen, doch durch die Intrigue die Krone Böhmens wieder zu erhalten. Er bot ihm die Regierung des Reichs an, wenn er sich seiner Partei anschließen und die Aufrührer zurückführen wolle.

»Seltsames Schicksal,« sagt bei dieser Gelegenheit ein katholischer Schriftsteller, »daß ein Kaiser, der in Italien, Deutschland, in Frankreich, in ganz Europa eines so hohen Rufes genoß, gezwungen war, zur Wiedererlangung seines Königsreichs sich vor einem kleinen Edelmann, einem Blinden, einem Heiligenschänder, einem verruchten Menschen zu demüthigen.«

Man behauptet, Ziska habe sich von diesen Anerbietungen blenden und betäuben lassen und sei sogleich mit Coribut und den Pragern nach Mähren gezogen, unter dem Vorwand, Sigismund zu bekämpfen, in der That aber, um näher mit Sigismund unterhandeln zu können. Das kann sehr leicht eine Verläumdung mehr gegen den Helden sein, dessen Absichten stets so verläumdet worden sind.

Wie dem auch sei, die Vorsehung scheint nicht gewollt zu haben, ihn in dieser gefährlichen Versuchung persönlichen Ehrgeizes unterliegen zu lassen; sie entzog ihn diesem Kampfe, der verderblicher als alle seine Schlachten war, um den Taboriten eine heilige Erinnerung und Böhmen einen berühmten Helden zu lassen. Er starb an den Gränzen Böhmens und Mährens am 11. October 1424 an der Pest, die in seinem Heere wüthete.

Einige sagen, er habe sterbend seinen Leuten befohlen, seinen Leichnam den Raben zu überlassen, weil er ihn lieber den Vögeln des Himmels als den Würmern des Grabes gönnte; Andere, er habe befohlen, ihm die Haut abzuziehen und daraus eine Trommel zu machen, indem er ihnen voraus sagte, der Ton dieser Trommel würde hinreichen, Schrecken unter ihre Feinde zu verbreiten und da, wo Ziska's Haut sei, würde auch der Sieg sein Seine Freunde, sagt Krantzius, thaten, was er befohlen und fanden, was er verbeißen hatte..

Unser Gewährsmann setzt diese Sage unter die Mährchen und ich bedauerte diesen poetischen und dem Geist der Zeit so angemessenen Umstand, als ich mich erinnerte, daß Friedrich der Große in Versen und in Prosa in einem Briefe an Voltaire versichert, diesen Schatz in Prag gefunden und nach Berlin mitgenommen zu haben. Herr Lenfant starb, als Friedrich noch Kronprinz war, d. h. lange vor seinen ersten Siegen in Sachsen und Böhmen. Wir können also glauben, daß die Reliquie die Taboriten noch unter dem großen Procop zum Siege führte und bis zu dem Augenblick, wo sie unter die Curiositäten eines Nationalmuseums verwiesen wurde, in Achtung blieb.

Auch Ziska's Keule hat noch lange nach ihm ihre Rolle gespielt. Der Kaiser Ferdinand I. sah diese große eiserne Keule neben einem Grabmal hängen und befahl, im Glauben, das müsse das Grab irgend eines Helden sein, seinen Höflingen, ihm die Grabschrift zu lesen. Niemand war kühn genug, es zu thun und er las selbst den Namen Ziska. Pfui, pfui, sagte der Kaiser zurücktretend, dieses häßliche Thier, obgleich seit einem Jahrhundert todt, stößt den Lebenden noch Furcht ein! Darauf verließ er die Kirche, ließ anspannen und übernachtete eine Stunde von der Stadt, obgleich er entschlossen gewesen war, die Nacht darin zuzubringen.

Man sah diese furchtbare Waffe noch 1619, als Ferdinand II. den Kurfürsten der Pfalz, Friedrich V., den die Böhmen zum König gewählt hatten, besiegte. Doch die Kaiserlichen nahmen bei ihrer Rückkehr die Keule mit und kratzten die Inschrift aus.

Wenn Ziska geschunden wurde, so ward wenigstens sein Leichnam der Ehre des Begräbnisses nicht beraubt. Die Taboriten brachten ihn in die Kathedrale von Czaslau, und diese Stadt, welche immer den reinen Grundsätzen treu geblieben war, wollte ihn nicht mehr lassen. Die Inschrift, welche 1619 die Kaiserlichen verlöschten, ist von den Geschichtschreibern aufbewahrt worden.

»Hier liegt Johannes Ziska, der keinem General in der Kriegskunst wich, ein nachdrücklicher Sieger des Stolzes und der Habsucht der Geistlichen, ein glühender Vertheidiger seines Vaterlandes. Was zu Gunsten der römischen Republik der blinde Appius Claudius durch seine Rathschläge und Markus Furius Camillus durch seine Tapferkeit that, das habe ich zu Gunsten Böhmens gethan. Ich habe nie dem Glück, das Glück nie mir den Rücken gewandt. So blind ich war, habe ich stets die Gelegenheit zum Handeln erkannt. Ich habe elf Mal in offener Schlacht gesiegt. Ich habe die Sache der Unglücklichen und Dürftigen gegen aufgeschwemmte und sinnliche Priester geführt und Gottes Schutz in diesem Unternehmen empfunden. Wäre ihr Haß und ihr Neid nicht dagegen getreten, so würde ich in der Reihe der berühmtesten Männer genannt werden. Doch trotz des Papstes ruhen meine Gebeine an diesem heiligen Orte.«

An Johannes Ziska, Gregor, sein Oheim.

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Nichts ist wahrer als diese Grabschrift. Aeneas Sylvius hat sie gerechtfertigt, indem er Ziska als monstrum detestabile, crudele, horrendum, importunum etc., bezeichnet. Und es giebt heutiges Tages Personen, welche fragen, ob Ziska je gelebt habe. So schreibt und folglich so kennt man die Geschichte!

Ziska war auf seinem Grabmal in halberhabener Arbeit mit folgender Umschrift abgebildet worden:

» Im Jahre 1424, Donnerstags, am Tage vor dem heiligen St. Gallustage, starb Johannes Ziska vom Kelche, Führer der Republikaner, die für den Namen Gottes leiden.«

Jede Sekte, jede Partei der Hussiten schrieb ein Distichon zu Ehren Ziska's in diesem Tempel. Das, welches wir eben gelesen, war gewiß von keiner calixtinischen Hand verfaßt.

»Unfern vom Grabe,« sagt unser Berichterstatter, »steht ein Altar, wo Johann Huß und Ziska neben einander abgebildet sind. Unter Ziska's Bilde las man folgende lateinische Verse …«, die ich in der Uebersetzung gebe und die, nach meiner Meinung, von den Picarden herrühren müssen, die an die Rückkehr der Todten auf die Erde oder besser gesagt an die Seelenwanderung glaubten Diese sehr gemischte Sekte war stark mit den Ansichten der Millenarier versetzt. Aber nach Ziska wird man sehen, daß die Taboriten an die unmittelbare Wiederkehr der Seelen in neue Körper glaubten.:

» Huß ist vom Himmel zurückgekommen. Wenn Ziska, sein Rächer, wiederkehrt, gottloses Rom, dann sei auf deiner Hut!«

Johannes Ziska war, ihrer Meinung nach, der wiedererstandene Johann Huß, und Procop wurde als im Besitz der Seele Ziska's angesehen. In der Bibel sieht man den Geist der Propheten, ganz oder zum Theil, in den ihrer Fortsetzer oder Schüler übergehen.

Unter Johannes Huß Figur las man:

» Huß, Dein Rächer liegt hier, Sigismund selbst hat sich vor ihm gebeugt; und wie man an mehreren Orten die Brustbilder der Helden, so wird Czaslau ewig das Gedächtniß Ziska's bewahren.«

Das könnte von einem der katholischen Großen geschrieben worden sein, gegen welche Ziska, trotz ihres Verraths, bis zu seinem Tode Schonung und scheinbare Freundschaft beobachten zu müssen glaubte. Der elende Rosenberg, der bei Gelegenheit die alten Picarden mit verbrennen half, gehörte zu dieser Zahl, und ohne politische Treue und religiösen Glauben zu haben, die er nach Gelegenheit wechselte, mußte er wohl wenigstens der berühmten Tapferkeit Ziska's Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Weiterhin findet sich noch eine seltsame, halb heidnische, halb picardische Grabschrift:

» Hier liegt Ziska, mächtig im Kriege, der Ruhm seines Vaterlandes, die Ehre des Mars. Er hat die Mönche, diese verbrecherische Pest, mit seinen rächenden Blitzen in den Styx gestürzt. – Er wird wiederkehren, um die viereckigen Mützen zu bestrafen.«

Hinter dem Altar lag ein langer, breiter Stein mit folgenden Worten:

» Dieser Stein war Ziska's Tafel, wann er den Leib und das Blut des Herrn genoß.«

Das ist ächt calixtinisch.

Endlich unter der Keule:

» Johannes Ziska ruht unter diesem Marmor; er war das Schrecken der Tonsurirten Roms. Huß, er war der Rächer Deines Todes, denn er verfolgte bis aufs Aeußerste die Feinde des Kelchs und mordete die Mönche. Diese ganz mit ihrem Blute geröthete Keule wird das ewige Gedächtniß davon sein.«

Dieses blutige Distichon ist offenbar taboritisch.

Ich habe alle diese Grabschriften abgeschrieben, weil sie mir die Achtung und die Liebe zu beweisen scheinen, welche Ziska der Calixtiner den von so viel widersprechenden Gedanken bewegten Gemüthern einflößte. Ein Ketzer aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts fügte den vorhergehenden Huldigungen die seinige hinzu:

» Hier liegt der Vertheidiger des Kelchs und des Glaubens, die Geißel der Mönche und des römischen Bischofs, der kühne Vertheidiger Böhmens, der Schrecken des deutschen Reichs, jener einäugige Heerführer, dem Tracznova das Leben gab und der sein Wappen führte.«

Von allen diesen Leichenreden ziehe ich der gerechten historischen Würdigung und des tiefen religiösen Gefühls wegen diejenige vor, welche ihn das Haupt der Republikaner nennt, die für den Namen Gottes leiden, und gern schriebe ich sie dem reinsten, kräftigsten, tapfersten und unterrichtetsten der Taboriten, Procop dem Großen, zu.

Da wir die Urtheile der Vergangenheit über Ziska prüfen, wollen wir auch die des Cochläus anführen, des am leidenschaftlichsten gegen ihn eingenommenen Geschichtschreibers:

»Erwägt man seine Thaten, so kann man ihn den größten Feldherrn nicht allein an die Seite stellen, sondern sogar ihnen vorziehen. Hat irgend einer mehr Schlachten geliefert und mehr Siege gewonnen als er, obgleich er blind war? Er lehrte den Böhmen die Kriegskunst. Er war der Erfinder jener Wälle, die sie aus ihren Wagen machten und deren sie sich während seines Lebens und nach seinem Tode so glücklich bedienten. Da die Taboriten keine Reiterei hatten, so suchte er ihnen diese zu geben, indem er der feindlichen Reiterei die Pferde nahm, um das hinter den Wagen verschanzte Fußvolk zu unterstützen, &c.«

Dieser Krieg mit den Wagen hat die Bewunderung aller Geschichtschreiber erregt. Durch sie fanden die Taboriten, in einem Corps Soldaten, Munitionen, Waffen und Gepäck vereinigend, stets das Mittel, sich hinter beweglichen Verschanzungen aufzustellen. Sie hatten auf diese Weise das Geheimniß entdeckt, sich der Burgen zu entschlagen, indem sie selbst augenblicklich und nach allen Combinationen, die ihnen Ziska's Kriegskunst vorschrieb, am ersten besten Orte aus ihren Lagern feste Plätze machten. Um sich zu verständigen oder ihre Angriffs- und Vertheidigungspläne zu bilden, gebrauchten sie Mittel, die nur ihnen allein bekannt waren. Diese Mittel bestanden aus Buchstaben, Zeichen oder Figuren, woraus jeder Soldat den Wagen erkannte, zu dem er gehörte, und jeder Wagenführer seinen Platz im Gefecht einnahm und wiederfand.

Zu der Keule oder dem mit Eisen beschlagenen Dreschflegel der Bauern hatte Ziska die Lanze und das Schild der alten Deutschen gefügt. Die Lanze war lang, leicht und so gut zu gebrauchen, daß sie zu gleicher Zeit als Pike und Wurfspieß diente. Auch das Schild war leicht und tragbar, obgleich von Mannshöhe. Es war von Holz und trug das Bild des Kelches mit schönen Denksprüchen, welche die herrschende Meinung jeder Sekte aussprachen, an der Außenseite. Man befestigte es in der Erde und kämpfte dahinter mit Bogen und Armbrust. Ohne Zweifel war das Holz dieser leichten Schilde von außerordentlicher Härte, um den Streichen des Feindes zu widerstehen. Alle diese Kampfarten waren den Deutschen so fremd geworden, daß sie sich von Entsetzen ergriffen fühlten und nicht wußten, wie sie darüber siegen sollten.

Der furchtbare Blinde stand stets auf seinem Wagen neben der Hauptfahne. Er hatte aufmerksame und kluge Führer bei sich, die ihm den Stand der Schlacht und die Gegend beschrieben; und obgleich er das Schwert nicht mehr zog, leitete er doch Alles mit der Schnelligkeit, Klugheit, Geistesgegenwart, Vorsicht und dem Scharfsinn eines großen Heerführers.

Sein Gedächtniß war so treu, daß er nur die Namen des Orts, wo er sich befand, zu hören brauchte, um sich an die Gegend zu erinnern, wie er sie vor mehrern Jahren im Vorüberziehen gesehen hatte, bis auf die geringsten Einzelnheiten, bis auf einen Bach und einen Felsen. Uebrigens stellte er sich nach der einfachsten Beschreibung die Gegend, die Thäler, Berge und Wälder so richtig vor, daß er nie einen Fehler machte und nie eine Bewegung befahl, die nicht leicht und schnell auszuführen gewesen wären.

Napoleons Lorgnette, welche das Schicksal so vieler Schlachten entschied, verdiente wohl berühmt zu werden, und das Attribut seiner Porträts und seiner Statuen zu bleiben; doch die rathende Blindheit Ziska's besitzt noch etwas Verhängnißvolleres, Wunderbareres und Schrecklicheres. Man stellt gewöhnlich die Gerechtigkeit mit einer Binde vor den Augen dar. Ziska, dieser Diener der Gerechtigkeit Gottes bei den Taboriten und der menschlichen Gerechtigkeit seines Jahrhunderts in Wahrheit, mußte, gleich der Nemesis der Alten, blind sein und unempfänglich bei den Grauen und Scenen der Verzweiflung. Er war ein abstraktes Wesen, dessen Hand sich nicht mehr im Blute besudelt, dessen Name aber Alles leitete und dessen Inspiration Alles in Bewegung setzte Er starb mit dem Ruhme, siegreich aus mehreren Schlachten hervorgegangen und nie überwunden worden zu sein..

Er wußte immer sich bei den Seinigen beliebt zu machen, und seine Soldaten beteten ihn seiner Sanftmuth, seiner Uneigennützigkeit, seiner Ruhe und seiner Leutseligkeit wegen an. Sie sprachen nie mit ihm, ohne ihn Bruder Johann zu nennen, und er gab auch ihnen den Brudernamen zurück.

Er war von mittlerm Wuchs, hatte einen gedrungenen Körper, breite Brust, dicken Kopf, kastanienbraune, aber kurz abgeschorene Haare, einen langen Schnurrbart, großen Mund und eine Adlernase. Er trug immer den polnischen Schnurrbart und die polnische Tracht, was in einem Lande, wo man deutsche Sitten hatte annehmen müssen, für eine Eigenthümlichkeit gelten konnte und was bei ihm wahrscheinlich nur eine Rückkehr, oder eine sichtbare Hinneigung zur alten slavischen Sitte war.

Man sah noch lange nachher in Tabor ein Porträt, das während seiner Lebenszeit von ihm genommen war und wohl ein Kunstwerk sein konnte, denn die Zeiten Albrecht Dürers näherten sich. Ziska war, in der einen Hand seine Keule, in der andern den tonsurirten Kopf eines Mönchs haltend, vorgestellt. Ein Engel stand vor ihm und reichte ihm den Kelch. Aehnliche Bilder waren durch ganz Böhmen verbreitet. An den Thoren der Städte, an den Mauern, auf den Schildern, überall sah man Engel, welche der gierigen Menge roh gearbeitete Kelche darboten Das gab zu einem lateinischen Distichon Anlaß, dessen Sinn ungefähr folgender ist: »Böhmen malt so viel Becher, daß es keinen andern Gott als Bacchus zu haben scheint.«.

Ich denke mir, diese Figuren, wie roh sie auch gemalt sein mochten, müssen einen großartigen Charakter an sich getragen haben und Albrecht Dürer sie gesehen und von ihnen ergriffen worden sein. Einige Holzschnitte dieses Meisters scheinen hussitische Symbole zu sein. Man sieht darauf den einfachen kunstlosen Kelch in der Hand des Engels und den mit Verzierungen, Perlen und Edelsteinen überladenen Kelch in der Hand der großen H…, dem Symbol der römischen Kirche. Vom Himmel herab regnet Blut, die geflügelten Diener des göttlichen Zorns schweben in den Wolken, im Hintergrunde bemerkt man Hinrichtungen: Nackte Menschen werden auf die Gipfel der Berge geschleppt und auf die Piken und Heugabeln der Soldaten hinabgeworfen.

Albrecht Dürer war zur Partei der Reformation getreten. Obgleich er als wahrer Künstler unsrer Tage, Dank seinem Talent, sich mit allen Parteien vertrug, so hatten doch vielleicht in dem Innern seines Herzens alle apokalyptische Allegorien ihre Deutung in den Ereignissen der jüngern Vergangenheit. Vielleicht sind diese Opfer, die man aufjagt und von den Gipfeln der Gebirge herabstürzt, die von den Bergleuten Kuttembergs gemordeten Taboriten Es können aber auch Taboriten sein, die sich an den Katholiken rächen und sie den Manen ihrer Verwandten zum Opfer bringen. Man findet auf diesen Bildern Alles, selbst die böhmische Lanze wieder.. Eine hochgewachsene, mit einem Federbusch geschmückte Person zeichnet sich in der Ferne ab und beaufsichtigt, wie Herodes oder Pilatus, die Hinrichtungen. Das ist vielleicht Sigismund oder Rosenberg. Anderwärts sieht man Prälaten und Monarchen, welche Märtyrer quälen und verbrennen lassen, vielleicht Johannes Huß, Hieronymus von Prag, Johann von Crasa, Martin Loquis und so viele Andere.

Ich weiß, man giebt den berühmten Blättern eine Deutung aus der Geschichte der Kirche gezogen, aus dem alten Martyrologium und der Apokalypse des heiligen Johannes; doch vom heiligen Johannes zu den Ketzerverfolgungen des fünfzehnten Jahrhunderts ist in dem Sinne eines jener johannitischen Ketzer ein kürzerer Schritt, als von der Apokalypse zu den Märtyrern des Diocletian. Es ist sicher, daß die Ketzereien das Mittelalter in der Zeit wiederauflebender Wissenschaften die dunkeln Weissagungen des Johannes bewundernswürdig aufgeklärt haben und daß ich außerdem keine andere genügende Erklärung finden kann. Alles Gefühl, alle Poesie dieser religiösen Umwälzungen vereinigt sich um die Apokalypse; alle Symbole wurden daraus entnommen und mit Begeisterung hervorgezogen und gefeiert.

»Ziska's Tod stürzte sein Heer in große Verzweiflung. Man hörte nur Klagen und Murren gegen das Glück, welches einen solchen Menschen zum Tode verurtheilt hätte. Nachdem die Taboriten die Gegend, wo er gestorben war, mit Feuer und Schwert verwüstet, als wollten sie sie seinen Manen zum Opfer bringen, und ihm die letzte Ehre erwiesen hatten, theilten sie sich in drei Haufen.«

Die ersten behielten den Namen Taboriten und wählten Procop zu ihrem Führer, den Ziska zum Erben seines Werks eingesetzt hatte; die zweite wählte den Namen Horebiten und stellte Procop den Kleinen an ihre Spitze, der nur deshalb diesen Beinamen erhielt, um ihn durch den Gegensatz, den seine Gestalt darbot, zu unterscheiden, denn auch er war ein großer Kriegführer; die dritte Schaar nahm den Namen Waisen an, um ihre Trauer zu bezeugen und ernannten mehrere Häuptlinge, um darzuthun, daß sie keinen Einzigen ausschließlich würdig fände, Ziska nachzufolgen.

Diese Waisen blieben immer auf ihren Wagen und machten daraus ein bewegliches Lager, oder vielmehr eine bewegliche Stadt. Sie legten sich das Gesetz auf, niemals wo anders sich aufzuhalten und nur in die Städte zu gehen, um die Kriegsbedürfnisse und die Lebensmittel des Heeres sich zu verschaffen.

»Diese Theilung hinderte die drei Abtheilungen nicht, sich, wenn es der gemeinsamen Sache galt, innig mit einander zu verbinden. Sie nannten Böhmen das gelobte Land, und die Deutschen Philister, Idumäer, Moabiter, Amalekiter, auf solche Weise die Bewohner der verschiedenen Provinzen unterscheidend. Die Waisen und Horebiten zogen nach der Lausitz und Schlesien, Alles mordend und verbrennend. Procop der Geschorene an der Spitze der Taboriten und Prager aber rückte über Mähren nach Oesterreich.«

Unter der Führung der beiden Procops verrichteten die Taboriten die glänzendsten Thaten und machten Böhmen zum Schrecken der umliegenden Nationen, des ganzen germanischen Reichs und der römischen Kirche. Unter ihrer Führung wurden die Böhmen nicht mehr als Menschen, sondern als unbesiegliche Dämonen und Phantome angesehen, »so daß es sich nicht mehr darum handelte, gegen diese höllische Höhle, diese Wohnung des Satans den Fluch zu schleudern, sondern sie auszutreiben.«

Ende des siebenten Theils.

 

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Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

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