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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 7
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Sechster Theil.

—————

1.

Nach einigen Minuten des Schweigens nahm die durch ihre Erinnerungen tief bewegte Gräfin Wanda ihre Erzählung wieder auf.

»Wir blieben mehrere Tage in der Höhle, während welchen meinem Sohn Kraft und Gesundheit mit erstaunlicher Schnelligkeit zurückkehrten. Ueberrascht, keine organische Verletzung, keine ernste Störung der Lebensfunktionen bei ihm zu finden, beunruhigte sich Markus dennoch über sein finsteres Schweigen, über die scheinbare oder wirkliche Gleichgültigkeit, mit der er unser Entzücken und die Seltsamkeit seiner Lage aufnahm. Albert hatte völlig das Gedächtniß verloren. In finsteres Nachdenken versunken, strebte er vergeblich bei sich selbst zu begreifen, was um ihn hervorging.

Ich, die ich recht gut wußte, daß der Kummer die einzige Ursache seiner Krankheit und der ihr folgenden Katastrophen sei, ich war nicht so ungeduldig wie Markus, in ihm die schmerzliche Erinnerung an seine Liebe wieder erwachen zu sehen. Markus selbst gestand, daß dieses Vergessen der Vergangenheit allein die schnelle Rückkehr seiner physischen Kräfte erklären könne. Sein Körper belebte sich auf Kosten seines Geistes eben so schnell, als er von der peinlichen Macht des Gedankens gebrochen worden war.

– Er lebt, er wird gewiß leben, sagte er mir, vielleicht ist aber seine Vernunft für immer todt.

– Verlassen wir dieses Grab so schnell als möglich, antwortete ich ihm; die Luft, die Sonne und die Bewegung werden ihn gewiß aus diesem Seelenschlummer wecken.

– Entfernen wir ihn vor Allem von diesem falschen, unmöglichen Leben, das ihn getödtet hat, erwiederte Markus. Trennen wir ihn von dieser Familie und dieser Welt, welche seinen geistigen Bedürfnissen entgegenkämpft; führen wir ihn zu mitfühlenden Seelen und in ihrem Kreise wird sein Geist bald seine Klarheit und seine Kraft wiedergewinnen.

Konnte ich zögern? Während ich vorsichtig gegen Abend in der Nähe des Schreckensteins umherirrte, als Bettlerin die seltenen Vorübergehenden um Allmosen ansprechend, hatte ich erfahren, Graf Christian sei in eine Art Blödsinn gefallen. Er würde die Rückkehr seines Sohnes nicht begriffen haben und der Anblick dieses anticipirten Todes hätte Albert vollends vernichten müssen, wenn er ihn in diesem Zustande gesehen hätte. Durfte man ihn denn der alten Tante, dem unwissenden Kaplan und dem rohen Onkel zurückgeben und ihrer falsch verstandenen Pflege überlassen, die ihm das Leben so bitter gemacht und einem jammervollen Tode entgegengeführt hatten?

– Ach, fliehen wir mit ihm, sagte ich endlich zu Markus, damit er den Todeskampf seines Vaters und das entsetzliche Schauspiel der katholischen Götzendienerei nicht vor Augen habe, mit welcher man das Bett der Sterbenden umgiebt; mein Herz bricht bei dem Gedanken, daß dieser Gatte, der mich nicht verstanden, dessen einfache, stille Tugend ich aber stets verehrt und den ich seit meiner Trennung von ihm eben so gewissenhaft geachtet habe, wie während meiner Vereinigung mit ihm, die Erde verlassen soll, daher es uns möglich ist, uns gegenseitig Verzeihung zuzusichern.

Doch da es sein muß, da mein und meines Sohnes Erscheinen ihm nur gleichgültig oder verderblich sein kann, so laß uns fort; geben wir diesem Grabe der Riesenburg Denjenigen nicht zurück, den wir dem Tode abgerungen haben und dem das Leben, wie ich hoffe, noch eine erhabene Laufbahn öffnet.

Gehorchen wir dem ersten Gefühle, das uns hierher führte! Entreißen wir Albert den Fesseln der falschen Pflichten, welche Rang und Reichthum schaffen; diese Pflichten werden in seinen Augen stets Verbrechen sein, und wenn er sich zwingt, sie aus Gefälligkeit gegen Verwandte zu erfüllen, welche ihm schon das Alter und der Tod streitig machen, so geht er selbst bei diesem Versuche unter, er stirbt zuerst.

Ich weiß, was ich in dieser Sklaverei des Gedankens und diesem unaufhörlichen tödtlichen Widerspruch zwischen dem Leben der Seele und des positiven Daseins, zwischen aufgezwungenen Grundsätzen, Neigungen und Gewohnheiten gelitten habe. Ich sehe wohl, er ist denselben Weg gegangen und hat dasselbe Gift eingesogen.

Retten wir ihn also, und wenn er später von dem Entschluß, den wir fassen, abgehen will, wird er nicht stets vollkommene Freiheit haben, es zu thun? Wenn das Leben seines Vaters sich verlängert und wenn es ihm seine eigene geistige Gesundheit erlaubt, ist es nicht immer Zeit, zurückzukommen, um Christians letzte Tage durch seine Gegenwart und seine Liebe zu erheitern?

– Schwerlich, antwortete Markus. Ich sehe in der Zukunft furchtbare Hindernisse, wenn Albert seine Trennung von der bestehenden Gesellschaft, von der Welt und seiner Familie zurücknehmen will. Aber warum sollte er es wollen? Vielleicht erlischt diese Familie, ehe er sein Gedächtniß wiedergefunden hat, und was er dann, wenn er es wiederfindet, von dem denken wird, was ihm auf der Welt zu erringen bleibt, von seinem Namen, seinem Range und seinem Reichthum, das weiß ich wohl. Gebe der Himmel, daß dieser Tag bald komme! Unsere wichtigste und dringendste Aufgabe ist, ihn in eine Lage zu bringen, wo seine Heilung möglich wird.

Sobald Albert seine Kräfte völlig erlangt hatte, verließen wir eines Nachts die Grotte. In geringer Entfernung vom Schreckenstein setzten wir ihn auf ein Pferd und gewannen auf diese Weise die Grenze, die, wie du weißt, von da nicht sehr entfernt ist, und wo wir dann leichtere und schnellere Mittel zur Entfernung fanden.

Die Verbindungen, welche unser Orden mit den zahlreichen Anhängern des Freimaurerordens unterhält, sichern uns überall in Deutschland die Möglichkeit, zu reisen, ohne den Untersuchungen der Polizei unterworfen zu werden. Nur Böhmen, wegen der neuern Unruhen in Prag und der eifersüchtigen Aussicht der österreichischen Regierung, war für uns ein gefährliches Land.

– Und was wurde aus Zdenko? fragte die junge Gräfin Rudolstadt.

– Zdenko hätte uns bald durch seine Hartnäckigkeit, mit der er unsere Abreise, oder wenigstens die Albert's zu verhindern suchte, von dem er sich nicht trennen und uns doch auch nicht folgen wollte, ins Verderben gestürzt. Er bestand auf seiner Meinung, Albert könne außerhalb der düstern und entsetzlichen Wohnung des Schreckensteins nicht leben.

– »Nur hier,« sagte er, »ist mein Podiebrad ruhig, anderwärts quält man ihn, man verhindert ihn zu schlafen; man zwingt ihn, unsere Väter vom Berge Tabor zu verläugnen und ein Leben der Schmach und des Meineids zu führen, das ihn erbittert. Laßt mir ihn hier, ich will ihn pflegen, wie ich es schon so oft gethan habe. Ich störe sein Nachdenken nicht; wenn er nicht sprechen will, gehe ich lautlos umher und halte Stundenlang Cynaber's Maul in meinen Händen, damit er ihn nicht erschreckt, wenn er die seinigen leckt.

Will er sich aber erfreuen, so singe ich ihm Lieder, die er liebt, mache neue für ihn, die er ebenfalls gern haben wird, denn er hörte alle meine Compositionen gern und er allein verstand sie.

Laßt mir meinen Podiebrad, sage ich Euch. Ich weiß besser als Ihr, was ihm zukommt, und wenn Ihr ihn wieder sehen wollt, so werdet Ihr ihn finden, die Violine spielend, oder schöne Cypressenzweige pflanzend, die ich für ihn aus dem Walde hole, damit er das Grab seiner geliebten Mutter schmücke. Ich will ihn schon ernähren! Ich kenne alle Hütten, wo man dem guten, alten Zdenko niemals Brod, Milch und Früchte weigert, und schon lange sind die armen Bauern des Böhmer-Waldes gewöhnt, ohne ihr Wissen ihren edlen Herrn, den reichen Podiebrad, zu ernähren.

Albert liebt die Feste nicht, wo man das Fleisch der Thiere ißt; er zieht das Leben der Unschuld und der Einfachheit vor. Er braucht die Sonne nicht zu sehen, der durch die Blätter sich stehlende Mondstrahl ist ihm lieber, und wenn er Gesellschaft will, führe ich ihn zu den Lichtungen an unbewohnte Orte, wo des Nachts unsere guten Freunde, die Zingari, die Kinder des Herrn, sich aufhalten, die weder Gesetze, noch Reichthümer kennen.«

Ich hörte aufmerksam Zdenko zu, denn seine naiven Reden enthüllten mir das seltsame Leben, welches Albert mit ihm bei seinen häufigen Besuchen des Schreckensteins geführt hatte.

– »Fürchtet auch nicht,« fügte er hinzu, »daß ich jemals seinen Feinden das Geheimniß seiner Wohnung offenbare. Sie sind so lügenhaft und toll, daß sie jetzt sagen: ›Unser Kind ist todt, unser Freund ist todt, unser Herr ist todt!‹ Sie würden es nicht glauben können, daß er lebt, selbst wenn sie ihn sähen. Und übrigens war ich nicht gewohnt, ihnen zu antworten, wenn sie mich fragten, ob ich den Graf Albert gesehen hätte. ›Er ist gewiß todt?‹ Und weil ich bei diesen Worten lachte, antworteten sie, ich wäre ein Narr. Aber ich sprach nur vom Tode, um über sie zu spotten, weil sie an den Tod glauben oder wenigstens den Schein annehmen, daran zu glauben.

Wenn aber die Leute des Schlosses Miene machen, mir zu folgen, habe ich nicht tausend Kunstgriffe bei der Hand, um sie von meinem Wege abzubringen? O, ich kenne alle Listen des Hasen und Rebhuhns. Ich kann, wie sie, mich in einem Dickicht verbergen, unter dem Heidekraut verschwinden, einen falschen Weg einschlagen, über den Waldbach springen, im Verborgenen still stehen, um sie an mir vorübergehen zu lassen, und wie ein Irrlicht sie mit Gefahr ihres Lebens in Sümpfe und Schlammlöcher führen.

Sie nennen mich Zdenko, den Unschuldigen. Der Unschuldige ist gewitzigter als sie Alle. Es gab nur ein Mädchen, ein heiliges Mädchen, das die Klugheit Zdenko's täuschen konnte. Sie kannte die Zauberformeln, seinen Zorn zu fesseln; sie hatte den Talisman, alle Hindernisse, alle Gefahren zu übersteigen; sie hieß Consuelo.«

Als Zdenko deinen Namen aussprach, durchzuckte Albert ein leises Beben und er wandte den Kopf ab; doch sogleich ließ er ihn wieder auf seine Brust zurücksinken und sein Gedächtniß erwachte nicht.

Vergeblich suchte ich mit diesem ergebenen und blinden Hüter zu unterhandeln. Ich versprach ihm, Albert nach dem Schreckenstein zurückzubringen, wenn er ihn nach einem andern Ort begleiten wollte, wohin Albert zu gehen die Absicht hätte. Ich überredete ihn nicht, und als wir ihn endlich halb mit Gewalt, halb durch gute Worte gezwungen hatten, meinen Sohn aus der Höhle zu lassen, folgte er uns weinend, murrend und Klaglieder singend bis über die Gräben hinaus.

Als wir an einen Ort kamen, wo Ziska einst einen seiner größten Siege über Sigismund davon getragen hatte, erkannte Zdenko die Felsen wohl, welche die Grenzen bezeichnen, denn Niemand hat, wie er, in seinem herumschweifenden Leben alle Steige des Landes kennen gelernt. Hier blieb er stehen und sagte, mit dem Fuße auf die Erde stampfend:

– »Nie verläßt Zdenko den Boden mehr, welcher die Gebeine seiner Väter trägt! Es ist noch nicht lange her, wo mein Podiebrad mich verbannte, weil ich das heilige, Mädchen, das er liebt, verkannt und bedroht hatte, und ich mußte Wochen und Monate lang in fremdem Lande verweilen. Ich glaubte, ich müßte wahnsinnig werden. Seit Kurzem erst bin ich in meine geliebten Wälder zurückgekommen, um Albert schlafen zu sehen, weil seine Stimme in meinem Schlafe mir gesungen hatte, sein Zorn sei vorüber.

Jetzt, wo er mich nicht mehr verwünscht, stehlt Ihr mir ihn. Wenn Ihr ihn zu seiner Consuelo bringen wollt, so habe ich nichts dagegen; doch ich will nicht noch einmal mein Land verlassen, die Sprache unserer Feinde sprechen, ihnen die Hand reichen und den Schreckenstein öde und einsam zurücklassen. Das geht über meine Kräfte und übrigens haben es auch die Stimmen meines Schlummers mir verboten. Zdenko muß in dem Lande der Slaven leben und sterben; er muß leben und sterben, den Ruhm der Slaven und ihr Unglück in der Sprache seiner Väter besingend.

Lebt denn wohl und gehet! Wenn Albert mir nicht verboten hätte, Menschenblut zu vergießen, solltet Ihr mir ihn nicht also entführen; aber er würde mir fluchen, wenn ich die Hand gegen Euch erhöbe, und ich will ihn lieber nicht mehr sehen, als ihn erzürnt gegen mich erblicken.

Du hörst mich, mein Podiebrad!« rief er, die Hände meines Sohnes an seine Lippen drückend, der ihn ansah und ihm zuhörte, ohne ihn zu begreifen. »Ich gehorche dir und gehe. Wenn du wiederkehrst, wirst du einen warmen Ofen, deine Bücher in Ordnung, dein Lager mit neuen Blättern bedeckt und das Grab deiner Mutter mit immer grünen Palmen geschmückt finden. Wenn es die Zeit der Blumen ist, sollen Blumen auf ihm und auf den Gebeinen unserer Märtyrer am Rande der Quelle sich finden … Leb wohl, Cynaber!«

Und als der arme Zdenko mit von Thränen erstickter Stimme also gesprochen, sprang er den Abhang des Felsens hinab, der nach Böhmen zugeht, und verschwand im ersten Lichte des Morgens mit der Schnelligkeit eines Hirsches.

Ich schildere dir die Angst unsrer Herzen nicht, liebe Consuelo, während der ersten Wochen, welche Albert hier bei uns zubrachte. Verborgen in dem Pavillon, den du jetzt bewohnst, erwachte nach und nach seine geistige Kraft unter unsern langsamen und vorsichtigen Bemühungen. Das erste Wort, das nach einem zweimonatlichen Stillschweigen von seinen Lippen trat, wurde durch eine musikalische Aufregung hervorgerufen.

Markus sah ein, daß Alberts Leben mit seiner Liebe für dich innig vereinigt sei, und beschloß, die Erinnerung an diese Liebe nur dann erst hervorzurufen, wenn er wisse, daß du würdig, sie einzuflößen und frei seist, eines Tages ihr zu entsprechen. Er zog also über dich die genauesten Erkundigungen ein und lernte in kurzer Zeit deinen Charakter und dein vergangenes und gegenwärtiges Leben bis in die geringsten Einzelnheiten kennen.

Dank der weisen Organisation unsers Ordens, seiner Verbindung mit allen andern geheimen Gesellschaften, einer Masse von Neophyten und Adepten, welche den Auftrag haben, alle Dinge und Personen, die uns interessiren, mit der genauesten Aufmerksamkeit zu beobachten, kann unsern Forschungen nichts entgehen. Für uns hat die Welt keine Geheimnisse. Wir dringen in die Tiefen der Politik, wie in die Intriguen der Höfe ein.

Dein fleckenloses Leben, dein offener Charakter war also nicht sehr schwer kennen zu lernen und zu beurtheilen. Sobald der Baron von Trenck erfuhr, daß der Mann, von dem du geliebt wurdest und den du ihm niemals genannt hattest, kein Anderer als sein Freund Albert sei, sprach er von dir mit der herzlichsten Verehrung. Der Graf von Saint Germain, anscheinend einer der zerstreutesten, in Wahrheit aber einer der hellsehendsten Männer, dieser seltsame Seher, dieser überlegene Geist, der nur in der Vergangenheit zu leben scheint und dem in der Gegenwart doch nichts entgeht, verschaffte uns sehr schnell die vollständigste Kunde von dir. Sie war der Art, daß ich dir von jener Zeit an meine Liebe zuwandte und dich als meine Tochter ansah.

Als wir hinreichend unterrichtet waren, um sichere Schritte thun zu können, ließen wir unter dasselbe Fenster, an welchem wir jetzt sitzen, geschickte Musiker kommen. Albert stand da, wo du bist, an den Vorhang gelehnt, und betrachtete den Untergang der Sonne; Markus hielt eine seiner Hände und ich die andere. Mitten in einer für vier Instrumente eigens eingerichteten Symphonie, in welcher wir verschiedene böhmische Lieder hatten einweben lassen, die Albert so seelenvoll und schön vorträgt, ließ man ihm den Lobgesang an die Jungfrau hören, mit welchem du ihn einst entzückt hattest:

»O consuelo de mi alma …«

In diesem Augenblicke warf sich Albert, der, als er die Lieder unsers alten Böhmens gehört, sich schon leicht bewegt gezeigt hatte, in meine Arme und rief:

– »O, Mutter, Mutter!«

Markus ließ die Musik schweigen. Er war zufrieden mit der hervorgebrachten Wirkung und wollte für das erste Mal sie nicht mißbrauchen. Albert hatte gesprochen, er hatte mich erkannt, er hatte die Kraft, zu lieben, wiedergefunden.

Viele Tage verstrichen noch, ehe sein Geist seine ganze Freiheit wiedergewann; doch hatte er keinen Anfall von Delirium mehr. Sobald er von der Uebung seiner Fähigkeiten erschreckt schien, versank er in ein tiefes Schweigen; aber unmerklich gewann seine Physiognomie einen weniger finstern Ausdruck, und nach und nach verscheuchten wir mit Sanftmuth und Schonung auch diese verschlossene Stimmung.

Endlich hatten wir das Glück, das Bedürfniß geistiger Ruhe in ihm völlig verschwinden zu sehen und die Anstrengungen seines Denkvermögens hörten nur in den Stunden eines regelmäßigen, ruhigen Schlafs auf, der dem der andern Menschen ziemlich gleich war. Albert fand das Bewußtsein seines Lebens, seiner Liebe für dich und mich, seiner Mildthätigkeit, seines Enthusiasmus für seine Nebenmenschen und für die Tugend, seines Glaubens und des Bedürfnisses wieder, ihn zum Sieg zu führen.

Er fuhr fort, dich ohne Schmerz, ohne Mißtrauen und ohne Bedauern für das, was er Alles für dich gelitten hatte, zu lieben. Doch trotz seiner Sorge, uns zu beruhigen und uns seinen Muth und seine Entsagung zu zeigen, sahen wir, daß seine Leidenschaft für dich an Innigkeit nichts verloren hatte. Er hatte nur eine größere moralische und physische Kraft gewonnen, um sie zu ertragen. Wir suchten sie nicht zu bekämpfen. Im Gegentheil, Markus und ich vereinigten unsere Anstrengungen, ihm Hoffnung zu geben, und beschlossen, dich von dem Dasein des Gatten in Kenntniß zu setzen, um den du nicht in Kleidern, sondern in deinem Herzen fromme Trauer trugst.

Doch Albert hinderte uns mit edelmüthiger Entsagung und mit einem richtigen Gefühl für seine Lage dir gegenüber, es zu beeilen.

– »Sie hat mich nicht wahrhaft geliebt,« sagte er uns, »sie erbarmte sich nur meines Todesschmerzes; sie hat sich nicht ohne Grauen, vielleicht nicht ohne Verzweiflung, verbindlich gemacht, ihr Leben an das meine zu fesseln. Jetzt würde sie aus Pflichtgefühl zu mir zurückkehren. Wie unglücklich aber müßte ich sein, wollte ich ihr die Freiheit, die Aufregung in ihrer Kunst, vielleicht die Freuden einer neuen Liebe rauben! Es ist genug, der Gegenstand ihres Mitleids gewesen zu sein, macht mich nicht zu dem eines peinlichen Opfers. Laßt sie leben, laßt ihr die Freuden der Unabhängigkeit, den Rausch des Ruhms und noch höheren Glücks, wenn es sein muß, kennen lernen!

Ich liebe sie nicht meinetwegen, und wenn es auch nur zu wahr ist, daß sie meinem Glücke nothwendig, so werde ich gern dem Gedanken entsagen, glücklich zu sein, wenn mein Opfer zu ihrem Vortheil ist. Uebrigens, bin ich denn zum Glück geboren? Hab' ich ein Recht darauf, da Alles, was lebt, duldet und seufzt? Habe ich keine anderen Pflichten, als die, an meinem eigenen Glücke zu arbeiten? Kann ich nicht in der Uebung dieser Pflichten die Kraft finden, mich zu vergessen und nichts mehr für mich selbst zu wünschen?

Ich will es wenigstens versuchen; wenn ich unterliege, so habet Mitleid mit mir und sucht mir neuen Muth zu geben. Das wird besser sein, als mich mit eitlen Hoffnungen zu wiegen und mich unaufhörlich zu erinnern, daß mein Herz an dem selbstsüchtigen Wunsche krankt und sich selbst verzehrt, glücklich zu sein. Liebt mich, Freunde; segne mich, Mutter und sprecht mir nicht mehr von dem, was mir Kraft und Tugend raubt, wenn ich unwillkürlich den Stachel meiner Qualen fühle. Ich weiß wohl, das größte Unglück, das ich auf der Riesenburg erduldet habe, ist das, was ich Andern zufügte. Ich würde wieder wahnsinnig werden, ich stürbe vielleicht lästernd, wenn ich Consuelo die Qualen erdulden sähe, die ich den andern Gegenständen meiner Liebe nicht zu ersparen wußte.«

Seine Gesundheit schien vollkommen hergestellt und andere Hülfe, als meine Zärtlichkeit, unterstützte ihn noch im Kampf mit seiner unglücklichen Leidenschaft. Markus und einige andere Häupter unsres Ordens weihten ihn eifrig in die Geheimnisse unsrer Unternehmung ein. Ernste, schwermüthige Freuden fand er in diesen großen Plänen, in diesen kühnen Hoffnungen und besonders in den langen philosophischen Unterhaltungen, wo, wenn er auch nicht immer eine völlige Uebereinstimmung der Meinungen zwischen sich und seinen edlen Freunden traf, doch wenigstens seine Seele mit der ihrigen in Allem zusammenstimmte, was Tiefe und Wärme des Gefühls, Liebe des Guten, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Wahrheit umfaßte.

Dieses Streben nach dem durch den beschränkten Geist seiner Familie lange unterdrückten und zurückgewiesene Ideal fand endlich einen freien Raum zu seiner Entwickelung, und diese, durch edles Mitgefühl unterstützte, durch offnen und freundschaftlichen Widerspruch sogar aufgeregte Entwickelung war die Lebensluft, in welcher er, obgleich von geheimem Schmerz verzehrt, athmen und wirken konnte.

Albert ist ein wesentlich metaphysischer Geist. Nichts hat ihm je in dem frivolen Leben erfreut, in welchem der Egoismus seine Nahrung sucht. Er ist zur Beschauung der höchsten Wahrheiten, zur Uebung der strengsten Tugenden geboren; zu gleicher Zeit aber auch durch eine unter den Menschen sehr seltene Vollkommenheit moralischer Schönheit, mit einem Herzen begabt, dem Liebe und Zärtlichkeit Bedürfniß ist.

Christliche Milde genügt ihm nicht, er bedarf Zuneigungen. Seine Liebe dehnt sich auf Alle aus und doch fühlt er das Bedürfniß, sich auf einige Personen besonders zu beschränken. In seiner Hingebung ist er fantastisch; doch hat seine Tugend nichts Wildes an sich. Die Liebe berauscht ihn, die Freundschaft beherrscht ihn und sein Leben ist getheilt zwischen dem abstrakten Wesen, das er leidenschaftlich unter dem Namen der Menschheit verehrt und den einzelnen Personen, denen er seine Liebe weiht.

Kurz, sein erhabenes Herz ist voll von Liebe; alle edlen Leidenschaften finden hier eine Stelle und leben hier ohne Kampf neben einander. Wenn man sich die Gottheit in dem Bilde eines endlichen, sterblichen Wesens vorstellen könnte, so würde ich sagen, die Seele meines Sohnes ist das Bild der Weltseele, die wir Gott nennen.

Deshalb hatte er, ein schwaches menschliches Geschöpf, unendlich in seinem Streben und beschränkt in seinen Mitteln, bei seinen Verwandten nicht leben können. Hätte er sie nicht glühend geliebt, so würde er sich mitten unter ihnen ein besonderes Leben, einen starken und ruhigen Glauben, dem ihrigen fremd und doch nachsichtig für ihre harmlose Verblendung haben bilden können; doch diese Kraft hätte eine gewisse Kälte verlangt, die ihm eben so unmöglich war, wie sie mir gewesen.

Er hatte nicht an Geist und Herz einsam leben können; er hatte ihre Zustimmung angstvoll gesucht, mit Verzweiflung eine Gemeinheit der Ideen zwischen ihm und Denjenigen, die ihm so theuer waren, angestrebt. Deswegen hatte er sich allein in der ehernen Mauer ihrer katholischen Hartnäckigkeit, ihrer socialen Vorurtheile und ihres Hasses gegen die Religion der Gleichheit seufzend an ihrem Busen zerschellt.

Er war, gleich einer des Thaues beraubten Pflanze, vertrocknet, während er um den Regen des Himmels flehte, der ihm mit den Gegenständen seiner Neigung ein gemeinsames Dasein geben sollte. Müde, allein zu dulden, allein zu lieben, zu glauben und zu beten, hatte er das Leben bei dir wiederzufinden geglaubt, und als du seine Ideen vernahmst und theiltest, hatte sich Ruhe und Vernunft wieder bei ihm eingefunden; aber du theiltest nicht seine Gefühle und deine Trennung mußte ihn in eine noch tiefere und unerträglichere Einsamkeit versenken.

Sein fortdauernd bekämpfter und verleugneter Glaube wurde eine über Menschenkraft gehende Qual. Der Schwindel bemächtigte sich seiner. Da er die erhabenste Wesenheit seines Lebens an ihm gleichgesinnten Gemüthern nicht stählen konnte, mußte er langsam hinsterben.

Sobald er Herzen gefunden hatte, die ihn verstehen und mit ihm arbeiten konnten, erstaunten wir über die Milde in seinen Discussionen, über seine Duldsamkeit, sein Vertrauen und seine Bescheidenheit. Nach seiner Vergangenheit hatten wir ihn uns viel zu wild vorgestellt, wir fürchteten zu persönliche Meinungen, die Schroffheit eines überzeugten und begeisterten Sinnes, die, wie achtbar auch an sich, seinen Fortschritten gefährlich und einem Vereine wie dem unsern schädlich werden mußte.

Er setzte uns durch die Treuherzigkeit seines Charakters und die Anmuth seines Umganges in Erstaunen. Er, der durch seine Gespräche und Belehrungen uns besser und stärker machte, überredete sich, von uns Alles das zu empfangen, was er uns gab. Bald wurde er hier zum Gegenstand einer unbeschränkten Verehrung und du darfst dich nicht wundern, daß sich so Viele bemüht haben, dich zu ihm zurückzuführen, wenn du erfährst, daß sein Glück das Ziel der gemeinsamen Bestrebungen, das Bedürfniß aller Derjenigen wurde, welche ihm auch nur auf einen Augenblick näher traten.

2.

Aber das grausame Geschick unseres Hauses war noch nicht erfüllt. Albert sollte noch mehr leiden, sein Herz ewig für diese Familie bluten, die unschuldig an allen seinen Uebeln, doch durch ein seltsames Verhängniß verurtheilt war, sein Herz zu brechen, selbst durch die Trauer um ihn.

Sobald er stark genug war, die Nachricht zu ertragen, hatten wir ihm den Tod seines ehrwürdigen Vaters nicht verborgen, der kurze Zeit auf seinen eigenen, ich muß mich ja wohl dieses seltsamen Ausdrucks bedienen, um ein so seltsames Ereigniß zu bezeichnen, folgte. Albert beweinte seinen Vater mit zärtlicher Rührung, mit der Gewißheit, daß er nicht dieses Leben verlassen hätte, um in das Nichts des katholischen Paradieses oder der Hölle einzugehen, mit jener ernsten Freude, welche ihm die Hoffnung eines bessern und reicheren Lebens hienieden für diesen reinen, des Lohnes würdigen Mannes einflößte.

Er beklagte also weit mehr die Einsamkeit, in welcher seine übrigen Verwandten, der Baron Friedrich und das Stiftsfräulein Wenceslawa, zurückblieben, als den Tod seines Vaters. Er tadelte sich, fern von ihnen den Trost zu genießen, den sie nicht theilten, und beschloß, auf einige Zeit zu ihnen zu gehen, ihnen das Geheimniß seiner Heilung mitzutheilen und ihr Leben so glücklich als möglich zu machen.

Er wußte von dem Verschwinden seiner Base Amalie nichts, das während seiner Krankheit auf Riesenburg geschehen und das man ihm sorgfältig verborgen hatte, um ihm einen Schmerz mehr zu ersparen. Wir hatten es nicht für zweckmäßig erachtet, ihn davon zu unterrichtete. Wir hatten meine unglückliche Nichte einer beklagenswerthen Verirrung nicht entziehen können, und als wir uns des Verführers versichern wollten, war uns der weniger nachsichtige Stolz der sächsischen Rudolstadt zuvorgekommen. Sie hatten heimlich Amalie auf preußischem Gebiet verhaften lassen, wo sie ein sicheres Asyl zu finden hoffte, sie der Strenge des Königs Friedrich überliefert, und dieser Monarch hatte ihnen einen gnädigen Beweis seiner Huld gegeben, indem er ein junges, unglückliches Mädchen in die Festung Spandau einschließen ließ. Hier brachte sie länger als ein Jahr in strenger Haft zu, da sie mit Niemand in Verbindung stand und sich noch glücklich schätzen mußte, ihre Schmach von der edeln Huld des kerkermeisterischen Monarchen sorgfältig bewacht zu sehen.

– O, gnädige Frau, unterbrach sie Consuelo, ist sie noch immer in Spandau?

– Nein, wir haben sie befreit. Albert und Liverani konnten nur dich auf einmal entführen, da sie weit strenger bewacht wurde. Ihr heftiges Betragen, ihre unklugen Versuche zur Flucht, ihre Ungeduld und ihr Jähzorn hatten die Fesseln ihrer Sklaverei sehr erschwert. Doch wir haben andere Mittel, als diejenigen, denen du deine Rettung verdankst. Unsere Adepten sind überall und einige haben Ansehen genug an den Höfen, um es zur Beförderung unserer Pläne zu verwenden. Für Amalie haben wir den Schutz der Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des Königs von Preußen, in Anspruch genommen, die ihre Freilassung verlangt und erhalten hat unter der Bedingung, sich des jungen Mädchens anzunehmen und für ihr Betragen in der Zukunft zu stehen.

In wenig Tagen wird die junge Baronin bei der Prinzessin Sophie Wilhelmine sein, welche ein eben so gutes Herz als eine böse Zunge hat, und die ihr dieselbe Nachsicht und denselben Edelmuth beweisen wird, den sie gegen die Prinzessin von Culmbach, eine andere Unglückliche, gezeigt hat, die, wie Amalie, in den Augen der Welt befleckt und wie sie ein Opfer des Pönitentiarsystems der Festungen geworden ist.

Albert kannte also das Unglück seiner Cousine nicht, als er den Entschluß faßte, seinen Onkel und seine Tante auf Riesenburg zu besuchen. Er hätte die geistige Stumpfheit des Baron Friedrich, der nach so vielem Mißgeschick noch die Kraft hatte, zu leben, zu jagen und zu trinken, oder die fromme Unempfindlichkeit dieses Stiftsfräuleins nicht begreifen können, das keine Schritte that, ihre Verwandte wieder aufzufinden, aus Furcht, dem Skandal ihres Abenteuers größere Oeffentlichkeit zu geben.

Wir hatten Alberts Plan mit Entsetzen bekämpft, er führte ihn aber ohne unser Wissen aus. Er reiste eines Nachts ab, indem er uns einen Brief zurückließ, worin er eine baldige Wiederkehr versprach. Seine Abwesenheit war wirklich kurz; aber welchen Schmerz brachte er mit sich zurück!

«

Unter dem Schutz einer Verkleidung kam er nach Böhmen und überraschte den einsiedlerischen Zdenko in der Grotte des Schreckensteins. Von da wollte er seinen Verwandten schreiben, um sie von der Wahrheit in Kenntniß zu setzen und auf sein persönliches Erscheinen vorzubereiten. Er kannte Amalien als die Muthvollste und zugleich als die Leichtsinnigste, weshalb er seine erste Botschaft durch Zdenko an sie gelangen lassen wollte.

Im Begriff es zu thun, und während Zdenko aufs Gebirg gegangen ist, es war beim Anbruch des Tages, hörte er einen Flintenschuß und ein Jammergeheul. Er stürzt heraus und der erste Gegenstand, der seine Augen trifft, ist Zdenko, den blutenden Cynaber auf den Armen tragend. In der ersten Aufregung des Gefühls eilt Albert seinem armen alten Hund entgegen, ohne daran zu denken, sich das Gesicht zu verhüllen; doch während er das treue, zum Tod verwundete Thier in die sogenannte Mönchshöhle trägt, sieht er einen Jäger, so schnell als Alter und Wohlbeleibtheit es gestatten, auf ihn zulaufen, um seine Beute zurückzufordern.

Es war der Baron Friedrich, der mit der ersten Morgendämmerung auf den Anstand gegangen war und in der Dämmerung Cynaber's rothgelbes Fell für das eines wilden Thieres genommen hatte. Er hatte durch die Zweige auf ihn gezielt und leider war sein Blick noch scharf und seine Hand sicher genug, er hatte ihn getroffen und ihm zwei Kugeln in den Leib gejagt.

Plötzlich bemerkt er Albert und bleibt, im Glauben, ein Gespenst zu sehen, von Furcht erstarrt, stehen. Da er jede wirkliche Gefahr vergißt, taumelt er bis zum Rand des schroffen Felsensteigs zurück und stürzt in einen Abgrund, wo er sich an dem Felsen zerschellt. Er starb augenblicklich, an dem verhängnißvollen Orte, wo schon seit Jahrhunderten der Baum des Fluchs, die berühmte Eiche des Schreckensteins, der Hussit genannt, stand, einst der Zeuge und Mitschuldige gräßlicher Thaten.

Albert sah seinen Onkel fallen und eilte von Zdenko fort nach dem Rande des Abgrunds. Er sah die Leute des Barons, die sich beeilten, ihn aufzuheben und die Luft mit ihren Klagen erfüllten, denn er gab kein Lebenszeichen mehr. Albert hörte folgende Worte bis zu ihm dringen:

– »Unser armer Herr, er ist todt! Ach, was wird das gnädige Fräulein sagen!«

Albert dachte nicht mehr an sich, er rief, er schrie; doch sobald man ihn bemerkte, ergriff die leichtgläubigen Diener ein panischer Schrecken. Schon verließen sie den Leichnam ihres Herrn, um zu fliehen, als der alte Hans, der abergläubischste, aber auch der muthigste von Allen, sie aufhielt und ihnen, sich bekreuzigend, sagte:

– »Kinder, das ist nicht unser Herr Albert, den wir dort sehen. Es ist der Geist des Schreckensteins, der seine Gestalt angenommen hat, um uns Alle hier zu verderben, wenn wir feig sind. Ich hab's gesehen, er hat den Herrn Baron hinabgestürzt. Er möchte seinen Leichnam forttragen, um ihn zu verzehren, denn es ist ein Vampyr! Muth gefaßt, Kinder! man sagt, der Teufel hat kein Herz. Ich lege auf ihn an, während Ihr das Gebet des Exorcismus des Kaplans hersagt.«

Mit diesen Worten erhob Hans, nachdem er sich mehrmals bekreuzigt hatte, seine Flinte und zielte auf Albert, während die andern Diener sich um die Leiche des Barons drängten. Glücklicherweise war Hans zu aufgeregt und entsetzt, um richtig zu zielen; er handelte in einer Art von Wahnsinn. Demungeachtet pfiff die Kugel über Alberts Kopf hin, denn Hans war der beste Schütze in der ganzen Gegend, und wenn er ruhiger gewesen wäre, hätte er gewiß meinen Sohn erschossen. Albert blieb unentschlossen stehen.

– »Muth, Muth, Kinder,« rief Hans, seine Flinte wieder ladend. »Schießt drauf los, er hat Furcht! Ihr tödtet ihn nicht, denn keine Kugel kann ihn treffen, aber Ihr verjagt ihn wenigstens und wir haben Zeit, den Leichnam unsers armen Herrn fortzutragen.«

Albert, der alle Flinten auf sich gerichtet sah, verschwand in dem Dickicht und stieg, ohne gesehen zu werden, den Abhang des Gebirgs herab und überzeugte sich bald mit eigenen Augen von der traurigen Wahrheit. Der zerschellte Leichnam seines unglücklichen Onkels lag auf den blutigen Steinen. Sein Schädel war offen und der alte Hans rief mit trostloser Stimme die furchtbaren Worte:

– »Nehmet auch das Gehirn mit, laßt es nicht auf dem Felsen, denn der Hund des Vampyrs würde es sonst fressen.«

– »Ja, ja, er hat einen Hund,« antwortete ein anderer Diener, »den ich Anfangs für Cynaber gehalten habe.«

– »Aber Cynaber ist ja bei dem Tode des Grafen Albert verschwunden,« bemerkte ein Dritter, »man hat ihn nirgends wieder gesehen; er muß irgendwo gestorben sein, und der Hund, den wir oben gesehen, ist sein Schatten, wie der Vampyr auch ein Schatten ist, der dem Grafen Albert täuschend ähnlich ist. Gräßliches Gespenst! es wird mir nie aus den Gedanken kommen. Herr Gott erbarme dich unser und der Seele des armen Baron, denn er ist durch die Bosheit des Geistes ohne Sakramente dahingegangen.«

– »Ach, ich sagte es wohl, daß ein Unglück geschehen würde,« nahm Hans mit kläglichem Tone wieder das Wort, indem er die Fetzen der Kleider des Barons mit seinen blutigen Händen zusammenlas; »er wollte nimmer an diesem dreimal verfluchten Orte jagen! Er glaubte, weil Niemand hieher käme, müsse sich das Wild des ganzen Waldes hieher ziehen; und Gott weiß doch, daß auf diesem höllischen Gebirge niemals ein anderes Wild gewesen ist, als dasjenige, welches noch in meiner Jugend an den Zweigen der Eiche hing. Verfluchter Hussit! Baum des Verderbens! das Feuer des Himmels hat ihn verzehrt, aber so lange nur noch eine Wurzel in der Erde bleibt, kommen die boshaften Hussiten immer wieder hieher, um sich an den Katholiken zu rächen. Nun, schnell, nehmt die Bahre auf und fort! Man ist hier nicht in Sicherheit. Ach, das gnädige Fräulein, die arme Frau! was wird nun aus ihr werden? Wer soll zuerst ihr entgegentreten, um ihr, wie sonst, zu sagen: ›Der Herr Baron sind von der Jagd gekommen?‹ Sie wird sagen, laßt schnell das Frühstück bringen! Ja, ja, das Frühstück! Es wird lange Zeit vergehen, ehe Jemand im Schlosse wieder Appetit bekommt. Ei, ei, es ist doch zu viel Unglück in der Familie und ich weiß wohl, woher es kommt!«

Während man den Leichnam auf die Bahre setzte, antwortete Hans, von Fragen bedrängt, kopfschüttelnd:

– »In dieser Familie war Alles fromm und starb christlich, bis zu dem Tage, wo die Gräfin Wanda, Gott sei ihr gnädig, ohne Beichte gestorben ist. Seit dieser Zeit müssen Alle auf gleiche Weise enden; der Graf Albert ist nicht im Zustand der Gnade gestorben, was man auch sagen mag, und sein würdiger Vater hat es empfunden, er hat den letzten Athemzug gethan, ohne zu wissen, was er thut, und hier ist wieder Einer, der fortgeht, ohne die heiligen Sakramente, und ich wette, das Stiftsfräulein wird auch ein Ende finden, ohne Zeit zu haben, daran zu denken. Zum Glück ist diese heilige Dame immer im Zustand der Gnade.«

Albert verlor kein Wort von diesen traurigen Gesprächen, dem rohen Ausdruck eines wahren Schmerzes, dem furchtbaren Reflex des fanatischen Grauens, mit dem man uns Beide auf der Riesenburg betrachtet. Starr vor Entsetzen sah er den Trauerzug in der Ferne durch die Schlucht verschwinden und wagte ihm nicht zu folgen, obgleich er fühlte, daß er in der natürlichen Ordnung der Dinge der Erste sein, der seiner alten Tante die traurige Nachricht brächte und in ihrem Schmerz ihr zur Seite stehen müsse.

Doch es ist gewiß, daß, wenn er es gethan hätte, seine Erscheinung ihr den Tod oder Wahnsinn gegeben haben würde. Er sah es ein und zog sich verzweiflungsvoll in seine Höhle zurück, wo Zdenko, der den ernsten Zufall dieses traurigen Morgens nicht gesehen hatte, beschäftigt war, Cynaber's Wunde zu waschen. Es war zu spät. Als der Hund seinen Herrn eintreten sah, ließ er ein klägliches Winseln hören, kroch, trotz seines verletzten Körpers, bis zu ihm hin und starb unter seinen Liebkosungen zu seinen Füßen.

Vier Tage nachher sahen wir Albert bleich und erdrückt von diesen neuen Schlägen zurückkommen. Er brachte mehrere Tage ohne zu sprechen, ohne zu weinen zu. Endlich flossen seine Thränen in meinen Busen.

– »Ich bin verflucht unter den Menschen,« sagte er, »und es scheint, Gott wolle mir den Zutritt zu dieser Welt verschließen, wo ich Niemanden hätte lieben sollen. Ich kann mich nicht mehr dort zeigen, ohne Entsetzen, Tod oder Wahnsinn zu verbreiten. Es ist aus, ich darf Diejenigen nicht mehr wiedersehen, die meine Kindheit gepflegt haben. Ihre Gedanken über die ewige Trennung der Seele von dem Körper sind so absolut, so entsetzlich, daß sie lieber mich für immer im Grabe gefesselt glauben, als meine Züge wiederzusehen wünschen.

Seltsamer, abscheulicher Begriff vom Leben! Die Todten werden Denen Gegenstände des Hasses, die sie geliebt haben und wenn ihr Geist erscheint, glaubt man ihn von der Hölle ausgespieen, statt ihn vom Himmel gesandt zu wähnen.

Armer Onkel! edler Vater! Ihr waret Ketzer in meinen Augen, wie ich es in den euren war; und doch, wenn ihr mir wieder erschienet, wenn ich das Glück hätte, euer durch den Tod vernichtetes Bild wiederzusehen, würde ich es knieend empfangen, ihm die Arme entgegenstrecken und glauben, es habe sich von Gott losgerissen, wo die Seelen neue Kraft erlangen und ihre Gestalten sich wieder erneuen. Ich würde euch nicht eure abscheulichen Formeln des Fluches zurufen, die gottlosen Exorcismen der Furcht und der Feigheit; ich würde euch im Gegentheil zu mir rufen, euch liebend betrachten und euch bei mir behalten, gleich helfenden Mächten!

O, Mutter, es ist aus! Ich muß für sie todt sein, oder sie sterben durch oder ohne mich!«

Albert hatte sein Vaterland nicht verlassen, bis er sich versichert hatte, daß seine Tante auch diesem letzten Unglück widerstanden hatte. Diese alte Frau, eben so krank und eben so kräftig gebildet wie ich, findet auch in dem Gefühl ihrer Pflicht neue Lebenskraft. Achtungswürdig in ihren Ueberzeugungen und in ihrem Unglück, zählt sie mit Ergebung die bitteren Tage, welche Gottes Wille ihr noch auferlegt hat. Sie bewahrt aber in ihrem Schmerz eine gewisse stolze Unempfindlichkeit, welche ihre Liebe überlebt. Neulich sagte sie einer Person, die es uns geschrieben hat:

– »Wenn man das Leben nicht aus Pflicht ertrüge, so müßte man es doch aus Achtung für den Anstand ertragen.«

Dieses Wort zeigt dir das ganze Stiftsfräulein.

Von dieser Zeit ab dachte Albert nicht mehr daran, uns zu verlassen; sein Muth schien in den Prüfungen zu wachsen. Er schien sogar seine Liebe besiegt zu haben und sich in ein ganz philosophisches Leben stürzend, schien er nur mit der Religion, mit der Moral und revolutionären Handlungen beschäftigt; er unternahm die härtesten Arbeiten und sein umfassender Geist gewann auf diese Weise eine eben so ruhige und glänzende Entwickelung, als sein trauriges Herz fern von uns sich in fieberhafter Aufregung erschöpft hatte.

Dieser sonderbare Mann, der in seinem Delirium katholische Seelen mit Bestürzung erfüllt hatte, ward für Geister einer höheren Ordnung eine Fackel der Weisheit. Er ward in die tiefsten Geheimnisse der Unsichtbaren eingeweiht und nahm unter den Häuptlingen und Vätern dieser neuen Kirche seinen Rang ein. Er brachte ihnen die Erleuchtung, die sie mit Liebe und Dankbarkeit annahmen. Die Reformen, die er vorschlug, fanden ein williges Gehör und in der Uebung eines streitbaren Glaubens gewann er jene Hoffnung und Seelenruhe wieder, aus welcher Helden und Märtyrer hervorgehen.

Wir glaubten, er habe über seine Liebe zu dir gesiegt, so sorgfältig verbarg er uns seine Kämpfe und Leiden. Doch eines Tages brachte uns die Correspondenz der Adepten, die ihm nicht mehr verborgen bleiben konnte, eine bei aller ihrer Ungewißheit, mit der sie umhüllt war, grausame Nachricht. Du galtest in Berlin in der Meinung einiger Personen für die Mätresse des Königs von Preußen und der Anschein widersprach dieser Vermuthung nicht. Albert sagte nichts und erblaßte.

– »Geliebte Freundin,« sagte er zu mir nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »diesmal mußt du mich ohne Besorgniß abreisen lassen, die Pflicht meiner Liebe ruft mich nach Berlin, mein Platz ist bei der, die ich liebe und die meinen Schutz angenommen hat. Ich nehme gegen sie kein Recht für mich in Anspruch; wenn ihr die traurige Ehre, die man ihr zuschreibt, gefällt, so werde ich nichts thun, um sie davon zurückzubringen; doch wenn sie, wie ich es gewiß bin, von Fallstricken und Gefahren umgeben ist, dann werde ich sie ihnen zu entziehen wissen.«

– »Halt, Albert,« sagte ich, »fürchte die Macht dieser unglücklichen Leidenschaft, die dir schon so viel Schmerz bereitet hat; das Leid, das dir von dieser Seite kommt, ist das einzige, dem deine Kräfte nicht gewachsen sind. Ich weiß wohl, daß du nur noch durch die Tugend und deine Liebe lebst. Wenn diese Liebe in dir stirbt, wird die Tugend dir genügen?«

– »Und warum sollte meine Liebe sterben?« antwortete Albert mit Begeisterung. »Glaubst du denn, sie hätte schon aufgehört, ihrer würdig zu sein?«

– »Und wenn es wäre, Albert, was würdest du thun?«

Er lächelte mit bleichen Lippen und jenem glänzenden Blick, den ihm die Begeisterung seiner kühnen und schmerzlichen Gedanken gab.

– »Wenn das wäre,« antwortete er, »so würde ich fortfahren, sie zu lieben, denn die Vergangenheit ist kein Traum, der aus mir verwischt werden kann. Du weißt, ich habe sie oft so sehr mit der Gegenwart verwechselt, daß ich Eine von der Andern nicht mehr unterscheiden konnte. So will ich es auch ferner thun. Ich werde in der Vergangenheit diese engelgleiche Gestalt, diese Dichterseele lieben, welche mein düstres Leben plötzlich erleuchtet und entzündet hat. Ich werde nicht bemerken, daß die Vergangenheit hinter mir ist, in meinem Herzen werde ich ihre blühende Spur bewahren. Die Verirrte, der gefallene Engel wird mir noch so viel Sorge und Zärtlichkeit einflößen, daß ich ihm mein Leben weihen will, um ihn über seinen Fall zu trösten und der Verachtung der grausamen Menschen zu entziehen.«

Albert reiste mit mehreren unsrer Freunde nach Berlin, unter dem Vorwand, mit der Prinzessin Amalie, seiner Gönnerin, von Trenck, der damals in Glatz gefangen war, und von den freimaurerischen Operationen, in denen sie eingeweiht ist, zu sprechen. Du hast ihn eine Loge der Rosenkreuzer präsidiren sehen und er wußte zu jener Zeit nicht, daß Cagliostro wider unsern Willen in seine Geheimnisse eingeweiht, sich dieses Umstandes bedient hatte, um deine Vernunft zu erschüttern, indem er dir ihn wie ein Gespenst verstohlen zeigte. Um dieser einzigen That willen, einem Ungeweihten die freimaurerischen Mysterien zu zeigen, hätte Cagliostro verdient, für immer ausgeschlossen zu werden.

Doch es blieb sehr lange Allen unbekannt, und du mußt dich wohl auch an das Entsetzen erinnern, das er empfand, als er dich zum Tempel führte. Die Strafen für solchen Verrath werden von den Adepten mit Strenge verhängt und der Magier, der die Geheimnisse seines Ordens zu den angeblichen Wundern seiner Kunst verwendet, brachte vielleicht sein Leben, wenigstens seinen großen Ruf als Nekromant in Gefahr, denn man hätte ihn sogleich demaskirt und fortgejagt.

Während seines kurzen und geheimnißvollen Aufenthalts in Berlin wußte Albert dein Leben und deine Gedanken ziemlich genau zu durchdringen, um sich über deine Lage zu beruhigen. Er beobachtete dich ohne dein Wissen, ganz in der Nähe, und kam scheinbar ruhig, doch leidenschaftlicher in dich verliebt als je, zu uns zurück.

Er unternahm eine Reise ins Ausland und wirkte für unsere Sache sehr eifrig. Als er aber die Nachricht erhielt, daß einige Intriguanten, vielleicht Spione des Königs von Preußen, in Berlin eine besondere, für das Dasein der Freimaurerei gefährliche und für den Prinzen Heinrich und seine Schwester, die Aebtissin von Quedlinburg wahrscheinlich verderbliche Verschwörung anzetteln wolle, eilte er nach Berlin, um diesen Fürsten die Thorheit eines solchen Versuches vorzustellen und sie vor einer Falle zu warnen, die man ihnen zu legen schien.

Damals sahst du ihn und zeigtest, obgleich erschreckt über seine Erscheinung, in der Folge solchen Muth und sprachst dich gegen seine Freunde mit solcher Achtung und Hingebung für sein Gedächtniß aus, daß ihm die Hoffnung wieder leuchtete, von dir geliebt zu sein. Er beschloß daher, dich von seinem wirklichen Dasein durch eine Reihe mysteriöser Offenbarungen in Kenntniß zu setzen. Er ist sehr oft in deiner Nähe, sogar in deinem Gemach verborgen gewesen, während deiner stürmischen Unterhaltungen mit dem König von Preußen, ohne daß du etwas davon wußtest.

Unterdeß fühlten sich die Verschwörer durch die Hindernisse erzürnt, die Albert und seine Freunde ihren strafbaren oder wahnsinnigen Absichten entgegenstellten. Friedrich II. schöpfte Verdacht. Die Erscheinung der Kehrfrau, dieses Gespenstes, das alle Verschwörer in den Gallerien des Palastes erscheinen lassen, um Unordnung und Furcht zu erregen, erweckte seine Aufmerksamkeit.

Die Bildung einer Freimaurerloge, an deren Spitze sich Prinz Heinrich stellte, und die sich gleich vom Anfang an im Zwiespalt mit den Lehren Derjenigen befand, in welchen der König persönlichen Vorsitz führte, schien diesem Letztern ein sichtbarer Beweis der Empörung. Und vielleicht war auch in der That diese Bildung der neuen Loge eine von gewissen Verschwornen ungeschickt angenommene Maske, oder ein Versuch, bedeutende Personen zu kompromittiren.

Glücklicherweise waren diese auf ihrer Huth; und der König scheinbar wüthend, nur Unbekannte strafbar zu finden, insgeheim aber sehr zufrieden, gegen seine eigene Familie keine Strenge üben zu dürfen, wollte wenigstens ein Exempel statuiren. Mein Sohn, der Unschuldigste von Allen, wurde fast mit dir zu gleicher Zeit, deren Unschuld nicht weniger klar am Tage lag, verhaftet und nach Spandau geführt; doch hattet Ihr Beide unrecht, Euch nicht auf Kosten Anderer retten zu wollen, und bezahltet für alle Andern.

Du hast mehrere Monate nicht weit von der Zelle Alberts gewohnt und mußt wohl die seelenvollen Klänge seiner Violine gehört haben, wie er deinen Gesang vernommen hat. Schnelle und sichere Mittel der Flucht standen zu seiner Verfügung, doch wollte er nicht eher davon Gebrauch machen, bis er die deinige eben so gesichert hätte. Der goldene Schlüssel ist kräftiger als alle Riegel der königlichen Gefängnisse; und die preußischen Kerkermeister, meist unzufriedene Soldaten oder in Ungnade gefallene Officiere, sind außerordentlich bestechlich. Albert entfloh mit dir zu gleicher Zeit, du sahst ihn aber nicht, und aus Gründen, die du später erfahren sollst, wurde Liverani beauftragt, dich hierher zu bringen.

Albert liebt dich mehr als je; er liebt dich aber mehr als sich selbst und wird tausendmal weniger unglücklich über dein Glück mit einem Andern sein, als er es über sein eigenes wäre, wenn du es nicht völlig, mit ihm theilst. Die moralischen und philosophischen Gesetze und die kirchliche Macht, unter der Ihr Euch jetzt hier befindet, erlauben sein Opfer und machen deine Wahl frei und achtungswürdig.

Wähle denn, meine Tochter; erinnere dich aber auch, daß Alberts Mutter dich fußfällig bittet, keinen Eingriff in die erhabene Redlichkeit ihres Sohnes zu thun, indem du ein Opfer bringst, dessen Bitterkeit auf sein Leben fallen würde. Dein Aufgeben wird ihm Schmerz bereiten, dein Mitleid ohne deine Liebe aber muß ihn tödten.

Die Zeit ist gekommen, wo du dich erklären mußt. Ich darf deine Entscheidung nicht wissen. Geh in dein Zimmer; du findest daselbst zwei ganz verschiedene Anzüge, deine Wahl entscheidet über das Loos meines Sohnes.

– Und welcher von Beiden zeigt meine Trennung von ihm an? fragte Consuelo zitternd.

– Ich war beauftragt, dir es zu sagen; doch will ich es nicht thun. Ich will wissen, ob du es errathen wirst.«

Mit diesen Worten nahm die Gräfin Wanda ihre Maske wieder, drückte Consuelo an ihr Herz und entfernte sich rasch.

3.

Die beiden Gewänder« welche die Neophytin in ihrem Zimmer fand, waren ein herrlicher Brautschmuck und ein Traueranzug mit allen unterscheidenden Zeichen der Witwenschaft. Sie zögerte einige Augenblicke. Ihr Entschluß in Betreff der Wahl des Gatten war genommen, aber welcher von diesen beiden Anzügen konnte äußerlich ihre Gesinnung aussprechen?

Nach kurzer Ueberlegung bekleidete sie sich mit dem weißen Gewand, dem Schleier, den Blumen und den Perlen der Braut. Dieser Anzug zeugte von gewähltem Geschmack und war außerordentlich elegant. Consuelo war bald fertig, aber als sie sich in dem Spiegel mit den drohenden Sentenzen besah, fühlte sie nicht mehr, wie das erste Mal, Lust zu Lächeln. Eine tödtliche Blässe bedeckte ihre Züge und Grauen erfüllte ihr Herz. Was sie auch zu thun entschlossen war, sie fühlte, daß immer entweder Sehnsucht, oder Vorwurf ihr blieben, daß ein Herz durch dieses Zurücktreten verletzt werden würde; und das ihrige empfand im Voraus schon einen tiefen Schmerz.

Als sie ihre Wangen und ihre Lippen so weiß wie ihren Schleier und ihr Orangenbouquet sah, fürchtete sie für Albert und Liverani den Anblick einer so gewaltigen Aufregung und sie war versucht, Schminke aufzulegen, entsagte dem aber sogleich.

– Wenn mein Gesicht lügt, dachte sie, wird mein Herz auch lügen können?

Sie kniete an ihrem Bett nieder, verbarg ihr Gesicht in die Vorhänge und blieb, schmerzlichen Gedanken hingegeben, bis zu dem Augenblick, wo die Uhr Mitternacht schlug. Sie erhob sich sogleich und sah einen Unsichtbaren mit schwarzer Maske hinter sich stehen. Ich weiß nicht, welcher Instinkt ihr die Vermuthung zuflüsterte, es sei Markus. Sie täuschte sich nicht, und doch gab er sich ihr nicht zu erkennen und sagte ihr nur mit sanfter, schwermüthiger Stimme:

– Madame, Alles ist fertig. Bedecken Sie sich gefälligst mit diesem Mantel und folgen Sie mir.

– Ach, sagte Consuelo, sich in den schwarzen Mantel hüllend, der ihr geboten wurde, das ist Cagliostros Kappe!

– Es ist kein Cagliostro hier, antwortete Markus, und unsere Mysterien bestehen weder aus Betrug, noch aus Verrath. Schlagen Sie die Kappe nicht mehr über ihr Gesicht herunter, es ist noch nicht Zeit.

Consuelo folgte dem Unsichtbaren durch den Garten bis zu dem Ort, wo der Bach sich unter dem grünen Bogen des Parks verlor. Da fand sie eine offene Gondel, ganz schwarz und ganz ähnlich den Gondeln von Venedig, und in dem riesigen Ruderer, der vorn stand, erkannte sie Carl, welcher bei ihrem Anblick ein Zeichen des Kreuzes machte. Auf diese Weise pflegte er seine höchste Freude zu bezeichnen.

– Ist es mir erlaubt, mit ihm zu sprechen? fragte Consuelo ihren Führer.

– Sie können ihm laut einige Worte sagen, antwortete dieser.

– Nun, lieber Carl, mein Befreier und mein Freund, sagte Consuelo, tief bewegt, nach einer so langen Zurückgezogenheit unter geheimnißvollen Wesen ein bekanntes Gesicht wiederzusehen, darf ich hoffen, daß nichts das Vergnügen stört, welches du über mein Wiederfinden empfindest?

– Nichts, Signora, antwortete Carl mit sicherer Stimme; nichts, als vielleicht die Erinnerungen an die … die nicht mehr von dieser Welt ist und die ich immer noch an Ihrer Seite zu sehen glaube. Muth und Zufriedenheit, edle Herrin, gute Schwester! Wir sind jetzt, wie in jener Nacht, wo wir aus Spandau entflohen!

– Das ist auch ein Tag der Befreiung, Bruder, sagte Markus. Wohlan, rudere mit deiner gewohnten Kraft und Geschicklichkeit, welche jetzt mit der Klugheit deiner Zunge und der Kraft deines Gemüthes gleichen Schritt halten. Es gleicht wirklich einer Flucht, gnädige Frau, fügte er, zu Consuelo gewendet, hinzu; doch der Hauptbefreier ist nicht mehr derselbe …

Als er die letzten Worte aussprach, bot er ihr die Hand, um sie zu der mit Kissen belegten Bank zu führen. Er fühlte, wie sie bei der Erwähnung Liverani's leise zitterte, und bat sie, sich nur für einige Augenblicke das Gesicht zu bedecken. Consuelo gehorchte und die von dem kräftigen Arme geführte Barke glitt rasch über die dunklen, stummen Wogen dahin.

Nach einer Fahrt, deren Dauer von der sinnenden Consuelo nicht berechnet werden konnte, hörte sie in einiger Entfernung ein Geräusch von Stimmen und Instrumenten; der Lauf der Barke wurde langsamer und erhielt, ohne anzuhalten, leichte Stöße, als wenn sie sich dem Lande näherte. Die Kappe sank leise zurück und die Neophytin glaubte aus einem Traum in den andern überzugehen, als sie das, ihren Blicken dargebotene feenhafte Schauspiel sah.

Die Barke fuhr an einem flachen Ufer hin, das mit Blumen und schönen Grasplätzen bedeckt war. Der zu einem ungeheuren Becken erweiterte Bach schien wie entzündet und reflectirte flammende Colonnaden, die sich in feurige Kreise verschlangen, oder im funkensprühenden Regen unter dem langsamen und gemessenen Ruderschlag der Barke sich brachen. Eine herrliche Musik erfüllte die klare Luft und schien über den duftenden Rosen- und Jasminhecken zu schweben.

Als Consuelo's Augen sich an diesen plötzlichen Lichterglanz gewöhnt hatten, konnte sie sie auf die erleuchtete Façade des Palastes heften, der sich in geringer Entfernung erhob und sich in dem unbeweglichen Wasserspiegel mit Feenglanze reflectirte.

Dieses elegante Gebäude, das sich in dem gestirnten Himmel abzeichnete, diese harmonischen Stimmen, dieses Concert von trefflichen Instrumenten, diese offenen Fenster, an welchen zwischen purpurnen Vorhängen vom Lichte hellerleuchtet, Consuelo geschmückte Männer und Frauen sich bewegen sah, strahlend von Stickereien, Diamanten, Gold und Perlen, mit gepuderten Köpfen, die dem allgemeinen Anblick der Gesellschaft jener Zeiten, mit dem weißen Schimmer, etwas eigenthümlich Weibisches und Phantastisches gab; dieses ganze fürstliche Fest, vereinigt mit der Schönheit einer lauen und heiteren Nacht, welche ihre Kühle und Düfte bis in die glänzenden Säle verbreitete, erfüllte Consuelo mit lebhafter Aufregung, die fast einem Rausche glich.

Sie, die Tochter des Volkes, aber die Königin patriotischer Feste, sie konnte ein solches Schauspiel nach so vielen Tagen der Gefangenschaft, der Einsamkeit, des düsteren Nachdenkens nicht sehen ohne einen Aufschwung ihres Gemüths, ein Bedürfniß, zu singen, ein eigenthümliches Erbeben bei dem Anblick eines Publicums zu empfinden. Sie erhob sich in der Barke, und plötzlich von dem Chor Händel's ergriffen:

Singen wir den Ruhm
Juda's des Siegers!

vergaß sie alles Andere, um ihre Stimme in diesen Gesang einer großartigen Begeisterung zu mischen.

Aber ein neuer Stoß der Barke, die, am Ufer hinfahrend, zuweilen über einen Ast oder über Rasenstücke streifte, ließ sie schwanken. Gezwungen, sich an der ersten Hand festzuhalten, die sich ihr zur Stütze darbot, bemerkte sie erst jetzt, daß sich eine vierte Person in der Barke befand, ein maskirter Unsichtbarer, der gewiß nicht dagewesen war, als sie eingetreten.

Ein, dunkelgrauer, weiter und faltiger Mantel, ein breitkrempiger Hut auf eine eigenthümliche Weise aufgesetzt, ich weiß nicht, was in den Zügen dieser Maske, hinter welcher die lebendige Physiognomie beredt zu sprechen schien, noch mehr als alles Uebrige, der Druck der zitternden Hand, welche die ihrige nicht mehr losgeben wollte, ließen Consuelo den Mann erkennen, den sie liebte, den Chevalier Liverani, wie er sich ihr das erste Mal auf dem Spandauer See gezeigt hatte.

Da verschwand aus Consuelo's Gedächtniß die Musik, die Illumination, der Zauberpalast, das berauschende Fest, Alles, was nicht das gegenwärtige Gefühl betraf, sogar das Herannahen des feierlichen Augenblicks, der ihr Geschick feststellen sollte. Aufgeregt und wie besiegt von einer übermenschlichen Macht, sank sie athemlos auf die Kissen der Barke neben Liverani zurück. Der andere Unbekannte, Markus, stand am Eingang der Barke und wandte ihnen den Rücken zu.

Das Fasten, die Erzählung der Gräfin Wanda, die Erwartung einer furchtbaren Entwicklung, die unerwartete Erscheinung dieses im Vorüberfahren sich darbietenden Festes hatten alle Kräfte Consuelo's erschüttert. Sie fühlte nur noch die die ihrige drückende Hand Liverani's, seinen ihren Leib berührenden Arm, als halte er sich bereit, sie zu verhindern, sich von ihm zu entfernen und jene göttliche Verwirrung, welche die Gegenwart des geliebten Gegenstandes selbst der Luft mittheilt, die man athmet.

So blieb Consuelo einige Minuten; sie sah nicht mehr den funkelnden Palast, es war, als wäre er in tiefe Nacht wieder zurückgesunken, sie hörte nichts mehr, als den glühenden Hauch des Geliebten an ihrer Seite und das Klopfen ihres eigenen Herzens.

– Gnädige Frau, sagte Markus, sich plötzlich nach ihr umwendend, erkennen Sie nicht die Arie, die man jetzt singt und würde es Ihnen kein Vergnügen machen, anzuhalten, um diesen herrlichen Tenor zu hören?

– Was auch die Arie und die Stimme sein mag, antwortete Consuelo zerstreut, halten Sie an oder fahren Sie weiter, wie es Ihnen gefällt.

Die Barke legte fast am Fuße des Schlosses an. Man konnte die in den Fenstern stehenden Personen und selbst die Gesichter Derjenigen, welche in den Zimmern umhergingen, deutlich erkennen. Es waren keine Schattengestalten mehr, die wie in einem Traume vorüberwogten, sondern wirkliche Personen, vornehme Herren und Damen, Gelehrte und Künstler, von denen mehrere Consuelo nicht unbekannt waren. Doch sie strengte ihr Gedächtniß nicht an, um sich auf ihre Namen oder auf die Theater und Paläste zu besinnen, wo sie sie schon gesehen hatte. Die Gesellschaft war plötzlich für sie wieder zu einer Laterna magica geworden, ohne Bedeutung und Interesse. Das einzige Wesen, welches für sie in dem Weltall zu leben schien, war Derjenige, dessen Hand unter den Falten der Mäntel heimlich in der ihrigen glühte.

– Kennen sie die schöne Stimme nicht, die das venetianische Lied singt? fragte Markus von Neuem, erstaunt über die Unbeweglichkeit und scheinbare Gleichgültigkeit Consuelo's.

Und da sie weder die Stimme, die zu ihr sprach, noch die, welche sang, zu hören schien, trat er ihr ein wenig näher und setzte sich ihr gegenüber auf die Bank, um seine Frage zu erneuern.

– Entschuldigen Sie, mein Herr, antwortete Consuelo, nachdem sie sich gezwungen hatte, ihn zu hören; ich gab nicht Achtung. Ich kenne wirklich diese Stimme und diese Arie; ich selbst habe sie, vor ziemlich langer Zeit, componirt. Sie ist sehr schlecht und wird sehr schlecht gesungen.

– Wie heißt denn dieser Sänger, fragte Markus wieder, gegen den Sie mir allzustreng scheinen? Ich finde ihn bewundernswerth.

– Ach, Sie haben es nicht verloren, sagte Consuelo mit leiser Stimme zu Liverani, der ihr eben in seiner Hand das kleine Kreuz von Filigran hatte fühlen lassen, von dem sie sich zum ersten Male in ihrem Leben getrennt hatte, als sie es bei ihrer Abreise von Spandau nach *** ihm anvertraute.

– Sie erinnern sich des Namens dieses Sängers nicht mehr? begann Markus hartnäckig von Neuem, während er aufmerksam Consuelo's Züge beobachtete.

– Verzeihung, mein Herr, antwortete sie ein wenig ungeduldig, er heißt Anzoleto. Ach, das abscheuliche D! er hat diesen Ton verloren.

– Wünschen Sie sein Gesicht nicht zu sehen? Sie irren sich vielleicht. Von hier aus können Sie ihn deutlich sehen, denn ich sehe ihn sehr gut. Es ist ein sehr schöner junger Mann.

– Wozu ihn ansehen? erwiederte Consuelo etwas unmuthig; ich bin überzeugt, daß er immer noch derselbe ist.

Markus ergriff sanft Consuelo's Hand und Liverani unterstützte ihn, sie zu bewegen, aufzustehen und aus dem weit geöffneten Fenster zu sehen. Consuelo, die vielleicht dem Einen widerstanden hätte, gab dem Andern nach, warf einen Blick auf den Sänger, auf diesen schönen Venetianer, der in diesem Augenblick der Zielpunkt von mehr als hundert weiblichen Blicken, Blicken der Gunst, der Gluth und der Begier war, und sagte, sich wieder setzend und verstohlen den Fingern Liverani's widerstehend, der das kleine Kreuz wiedernehmen wollte, das sie ihm auch endlich überließ:

– Er ist sehr stark geworden.

– Ist das die ganze Erinnerung, die Sie für einen alten Freund haben? erwiederte Markus, der sie noch immer unter seiner Maske hervor mit seinem Blicke fixirte.

– Es ist ein Kamerad, antwortete Consuelo, und unsere Kameraden sind nicht immer unsere Freunde.

– Doch sollte es Ihnen nicht einiges Vergnügen machen, mit ihm zu sprechen? Wie, wenn wir in den Palast gingen und wenn man sie bäte, mit ihm zu singen?

– Wenn es eine Prüfung ist, sagte Consuelo etwas boshaft, da sie die Hartnäckigkeit des Markus zu bemerken begann, so bin ich gern dazu bereit, denn ich soll Ihnen in Allem gehorchen. Machen Sie mir aber dieses Anerbieten blos eines Vergnügens wegen, so wünschte ich, Sie dispensirten mich davon.

– Soll ich hier anlegen, mein Bruder? fragte Carl, indem er mit dem Ruder militärisch grüßte.

– Fahre weiter, Bruder! antwortete Markus.

Carl gehorchte, und nach wenigen Augenblicken hatte die Barke das Bassin hinter sich und vertiefte sich in den Wald. Die Dunkelheit wurde immer dichter. Nur die kleine Leuchte, welche vorn an der Gondel hing, warf ein bläuliches Licht auf die Bäume in der Nähe. Von Zeit zu Zeit sah man zwischen den dunklen Blättern in der Ferne die Lichter des Schlosses schwach glänzen. Die Töne des Orchesters verschwammen allgemach, und während die Barke am Ufer hinglitt, streifte sie die grünenden Aeste und Consuelo's schwarzer Mantel ward mit ihren duftenden Blättern bedeckt.

Sie kam endlich nach und nach wieder zu sich selbst, und bekämpfte das unbeschreibliche Gefühl der Liebe und der Nacht. Sie hatte ihre Hand aus der Liverani's gezogen und ihr Herz wurde immer schwerer, je mehr der Schleier der Trunkenheit vor dem Lichte des Willens und der Vernunft sank.

– Hören Sie! gnädige Frau, sagte Markus, hören Sie nicht von hier aus den Beifall der Zuhörer? Ja, wahrhaftig, das ist Händeklatschen und Beifallruf. Man ist entzückt über das, was man gehört hat. Der Anzoleto hat im Schlosse einen bedeutenden Erfolg.

– Sie verstehen sich nicht darauf, sagte Consuelo, indem sie eine Magnoliablüthe ergriff, welche Liverani im Vorüberfahren gepflückt hatte und ihr verstohlen in den Schooß warf. Sie drückte diese Blüthe krampfhaft in ihre Hände und verbarg sie in ihrem Busen, als die letzte Reliquie einer unbezähmbaren Liebe, welche die verhängnißvolle Prüfung für immer heiligen oder vernichten sollte.

4.

Beim Ausgang aus dem Garten und dem Walde, an einem malerischen Orte, wo der Bach sich unter uralten Felsen verlor und aufhörte schiffbar zu sein; legte die Barke endlich wirklich ans Land. Consuelo hatte wenig Zeit, die ernste, vom Monde beschienene Landschaft zu betrachten. Sie gehörte noch immer zu dem weiten Umfang der Residenz; aber die Kunst hatte an diesem Orte nichts mehr gethan, als die ursprüngliche Schönheit der Natur zu erhalten. Die alten, auf dem düstern Rasen zerstreuten Bäume, die glückliche Abwechslung des Bodens, die Hügel mit schroffen Wänden, die ungleichen Wasserfälle, die Gruppen schüchterner, hüpfender Hirsche.

Eine neue Person fesselte hier Consuelo's Aufmerksamkeit, Gottlieb, der nachlässig auf der Stange eines Tragsessels in ruhiger Haltung saß. Er erbebte bei dem Wiedererkennen seiner Freundin aus dem Gefängniß, enthielt sich aber auf ein Zeichen von Markus, mit ihr zu sprechen.

– Sie verbieten also diesem armen Kinde, mir die Hand zu drücken? sagte Consuelo leise zu ihrem Führer.

– Nach Ihrer Einweihung sind Sie hier unbeschränkt in allen Ihren Handlungen, antwortete er ihr auf gleiche Weise. Belieben Sie zu sehen, wie Gottliebs Gesundheit sich verbessert hat und wie sehr seine körperliche Kraft ihm zurückgekehrt ist.

– Darf ich nicht wenigstens wissen, nahm die Neophytin wieder das Wort, ob er meinetwegen nach meiner Flucht aus Spandau Verfolgungen erlitten hat? Verzeihen Sie meiner Ungeduld. Dieser Gedanke hat mich stets verfolgt, bis zu dem Tage, wo ich ihn am Garten des Pavillons vorübergehen sah.

– Er hat in der That gelitten, antwortete Markus, aber nur kurze Zeit. Sobald er Sie befreit wußte, rühmte er sich mit naivem Enthusiasmus, dazu beigetragen zu haben und seine unwillkürlichen Offenbarungen während seines Schlafes wären Einigen von uns bald verderblich geworden. Theils zur Strafe, theils um ihn zu verhindern, andern Gefangenen zur Flucht zu verhelfen, wollte man ihn in ein Irrenhaus einsperren. Da entfloh er, und da wir ihn im Auge behielten, ließen wir ihn hieher führen, wo wir ihn an Leib und Seele gepflegt haben.

Wir wollen ihn seiner Familie und seinem Vaterlande zurückgeben, sobald er die nöthige Klugheit erlangt hat, um mit Nutzen an unserm Werke zu arbeiten, das auch das seinige geworden ist, denn er ist einer unserer reinsten und glühendsten Adepten.

Doch der Sessel ist bereit, gnädige Franz steigen Sie gefälligst ein. Ich verlasse Sie nicht, obgleich ich Sie den treuen und sichern Armen Carls und Gottliebs anvertraue.

Consuelo setzte sich gehorsam in den von allen Seiten geschlossenen Tragsessel, der nur durch einige in der Decke angebrachte Spalten frische Luft erhielt. Sie bemerkte also nicht mehr, was um sie her vorging. Zuweilen sah sie die Sterne schimmern und schloß daraus, daß sie noch in freier Luft sei, dann sah sie den Himmel verschwinden, doch ohne zu wissen, ob Gebäude oder der dichte Schatten der Bäume seinen Anblick verhinderte.

Die Träger schritten schnell und im tiefsten Stillschweigen vorwärts. Einige Zeit lang beschäftigte sie sich damit, aus den von Zeit zu Zeit auf dem Sande rauschenden Schritten zu errathen, ob vier Personen oder blos drei sie begleiteten. Mehrere Male glaubte sie an der rechten Seite des Tragsessels Liverani's Schritt zu erkennen; doch konnte das auch nur eine Täuschung sein, und übrigens mußte sie sich bemühen, nicht mehr an ihn zu denken.

Als der Tragsessel hielt und sich öffnete, konnte sich Consuelo eines Gefühls des Grauens nicht erwehren, als sie sich unter dem düstern und wohlerhaltenen Fallgitter eines alten Feudalschlosses sah. Der Mond erleuchtete mit vollem Lichte den von Ruinen eingefaßten Schloßhof, der jetzt von weißgekleideten Personen erfüllt war, welche bald einzeln, bald in Gruppen gleich Gespenstern umherirrten. Dieser schwarze und massive Bogen des Eingangs ließ den Hintergrund des Gemäldes noch blauer, durchsichtiger, fantastischer erscheinen.

Diese herumirrenden, schweigenden oder mit leiser Stimme sprechenden Schatten, ihre geräuschlose Bewegung auf dem dichten Grase des Hofes, der Anblick dieser Ruinen,welche Consuelo als diejenigen wiedererkannte, in denen sie schon einmal gewesen und wo sie Albert wiedergesehen hatte, machten einen solchen Eindruck auf sie, daß sie von abergläubischer Furcht ergriffen wurde. Unwillkürlich sah sie sich nach Liverani um. Er stand in der That mit Markus neben ihr, aber die Dunkelheit des Gewölbes erlaubte ihr nicht zu entscheiden, welcher von Beiden ihr die Hand reiche, und diesmal sprach ihr von plötzlicher Trauer und unbestimmter Furcht erstarrtes Herz nicht.

Man ordnete ihren Mantel über ihre Kleider und die Kappe so über ihren Kopf, daß sie Alles sehen konnte, ohne von Jemand erkannt zu werden. Einer sagte ihr, sie solle kein einziges Wort, keinen Ausruf sich entschlüpfen lassen, was sie auch sehen möchte, und so wurde sie in den innern Hof geführt, wo wirklich ein seltsames Schauspiel sich ihren Blicken zeigte.

Eine Glocke rief mit schwachem, düsterm Tone in diesem Augenblick die Schatten nach der verfallenen Kapelle, in welcher Consuelo vor Kurzem beim Leuchten der Blitze eine Zuflucht vor dem Gewitter gesucht hatte. Diese Kapelle war jetzt von Kerzen erleuchtet, die in einer systematischen Ordnung aufgestellt waren. Der Altar schien erst seit Kurzem aufgerichtet zu sein; er war mit einem Bahrtuche bedeckt und mit wunderlichen Insignien geschmückt, wo die Sinnbilder des Christenthums mit denen des Judenthums, mit ägyptischen Hieroglyphen und verschiedenen kabbalistischen Zeichen gemischt waren.

Auf dem Chore, das man mit Balustraden und symbolischen Säulen umgeben hatte, sah man einen von Kerzen umgebenen Sarg, auf dem kreuzweis gelegte Gebeine und ein Todtenkopf ruhte, in welchem eine blutrothe Flamme brannte. Zu diesem Cenotaphe führte man einen jungen Mann, dessen Züge Consuelo nicht sehen konnte; eine breite Binde bedeckte die Hälfte seines Gesichts; es war ein Aufzunehmender, der von Aufregung oder Ermattung erschöpft schien. Ein Bein und ein Arm waren nackt, seine Hände auf den Rücken gebunden und sein weißes Gewand mit Blut befleckt. Ein Verband am Arm schien anzuzeigen, daß man ihm zur Ader gelassen hatte. Zwei Gespenster schwangen um ihn her flammende Kienfackeln und bedeckten sein Gesicht und seine Brust mit Wolken von Rauch und einem Regen von Funken.

Dann begann zwischen ihm und Denjenigen, welche die Ceremonie leiteten und die Unterscheidungszeichen ihrer verschiedenen Würde trugen, ein seltsames Gespräch, welches Consuelo an das erinnerte, das Cagliostro ihr in Berlin zwischen Albert und den unbekannten Personen hatte hören lassen. Drauf legten mit Schwertern bewaffnete Gespenster, die sie die furchtbaren Brüder nennen hörte, den Aufzunehmenden auf den Fußboden und drückten ihm die Spitze ihrer Waffen auf das Herz, während mehrere Andere mit großem Schwerterklirren ein erbittertes Gefecht begannen, indem die Einen sich der Aufnahme des neuen Bruders widersetzten, indem sie ihn als verworfen, unwürdig und verrätherisch betrachteten, während die Andern im Namen der Wahrheit und eines erworbenen Rechts für ihn zu kämpfen behaupteten.

Die seltsame Scene regte Consuelo wie ein peinlicher Traum auf. Dieser Kampf, diese Drohungen, dieser magische Kultus, das Schluchzen, welches junge Leute am Sarge hören ließen, wurde so gut nachgeahmt, daß ein nicht im voraus eingeweihter Zusehender sich in der That davor entsetzt hätte.

Als die Pathen des Auszunehmenden in dem Wort- und Schwerterkampfe den Sieg über ihre Gegner davongetragen hatten, hob man ihn auf, gab ihm einen Dolch in die Hand und befahl ihm, geradeaus zu gehen und Jeden niederzustoßen, der sich seinem Eintritt in den Tempel widersetzen würde.

Consuelo sah nichts mehr. In dem Augenblicke, wo der Neueingeweihte mit erhobenem Arme und in einer Art von Wahnsinn einer niedrigen Thür zuschritt, nach der man ihn drängte, führten Consuelo's beide Führer, die ihre Arme nicht losgelassen hatten, sie schnell fort, als wollten sie ihr den Anblick eines entsetzlichen Schauspiels entziehen, und geleiteten sie, die Kappe über ihr Gesicht werfend, auf vielen Umwegen und über Trümmer, wo sie mehr als einmal strauchelte, an einen Ort, wo das tiefste Schweigen herrschte. Hier gab man ihr das Licht wieder und sie sah sich in dem großen achteckigen Saale, wo sie früher das Gespräch Alberts und Trencks mit angehört hatte.

Alle Oeffnungen waren dieses Mal sorgfältig verschlossen und verhangen; die Wände und die Decke schwarz ausgeschlagen; auch hier brannten Kerzen in einer besondern, von der in der Kapelle verschiedenen Ordnung aufgestellt. Ein Altar, in der Gestalt eines Calvarienberges, auf dem drei Kreuze standen, verhüllte den großen Kamin. Mitten im Saale erhob sich ein Grabmal, auf welchem ein Hammer, Nägel, eine Lampe und eine Dornenkrone lagen. Schwarz gekleidete und maskirte Personen knieten oder saßen um dasselbe herum auf Teppichen mit silbernen Thränen besäet; sie weinten und seufzten nicht; ihre Haltung zeugte von einem düsteren Nachdenken, oder von einem stummen und tiefen Schmerz.

Consuelo's Führer ließen sie bis an den Sarg herantreten, und nachdem die Männer, die ihn hüteten, aufgestanden und an dem andern Ende in Ordnung gestellt waren, sprach einer von ihnen also zu ihr:

– Consuelo, du hast so eben der Einweihungsceremonie eines Freimaurers beigewohnt. Dort, wie hier, sahst du einen unbekannten Cultus, geheimnißvolle Zeichen, das Bild des Todes, einweihende Priester, einen Sarg. Was hast du von diesem Bilde, von diesen für den Aufzunehmenden entsetzlichen Prüfungen, von den Worten, die man zu ihm sprach und von diesen Zeichen der Achtung, der Liebe und des Schmerzes an einem erlauchten Grabe verstanden?

– Ich weiß nicht, ob ich recht verstanden habe, antwortete Consuelo. Der Anblick verwirrte mich; jene Ceremonie schien mir barbarisch; ich beklagte den Aufzunehmenden, dessen Tugend und Muth nur auf materielle Proben gestellt wurde, als wenn der physische Muth hinreichte, um in das Werk des moralischen Muthes eingeweiht zu werden. Ich tadle, was ich gesehen habe, und traure über diese grausamen Spiele eines finstern Fanatismus, oder über diese kindischen Prüfungen eines rein äußerlichen und götzendienerischen Glaubens. Ich hörte dunkle Räthsel vorlegen und die Lösung, die der Aufzunehmende gegeben hat, schien mir von einem mißtrauischen oder rohen Katechismus dictirt.

Doch dieses blutige Grab, dieses erwürgte Opfer, dieser antike Mythus von Hiram, dem von eifersüchtigen und habgierigen Arbeitern gemordeten göttlichen Baumeister, dieses heilige, im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangene Wort, das dem Eingeweihten als der magische Schlüssel verbeißen wird, der ihm den Tempel öffnen soll, das Alles scheint mir ein Symbol nicht ohne Großartigkeit und Interesse; aber warum ist diese Fabel so schlecht zusammengefügt, oder mit so verfänglicher Auslegung begabt?

– Was verstehst du darunter? Hast du die Erzählung, die du als Fabel behandelst, recht gehört?

– Was ich gehört und schon zuvor aus den Büchern gelernt habe, die man mir in meiner Einsamkeit zum Studium empfahl, ist Folgendes: Hiram, der Meister der Arbeiter im Tempel Salomonis, hatte die Arbeiter in Klassen getheilt. Sie erhielten verschiedenen Arbeitslohn und ungleiche Rechte. Drei Ehrgeizige der niedrigsten Klasse beschlossen, den Lohn der höheren Klasse sich anzueignen und Hiram das Losungswort, die geheime Formel zu entreißen, an welcher er in der feierlichen Stunde der Belohnung die Gesellen von den Meistern unterschied. Sie lauerten ihm im Tempel auf, wo er nach der Ceremonie allein zurückgeblieben war, stellten sich Jeder an einem der drei Ausgänge des heiligen Ortes auf, bedrohten ihn, schlugen ihn grausam und ermordeten ihn, ohne daß sie ihm sein Geheimniß, das verhängnißvolle Wort hätten entreißen können, das sie mit ihm und seinen Priviligirten auf gleichen Rang stellen sollte. Dann schleppten sie seinen Leichnam fort und vergruben ihn unter Trümmern. Und seit diesem Tage beweinen die Adepten des Tempels, Hiram's Freunde, sein trauriges Geschick und widmen seinem Gedächtniß fast göttliche Ehre.

– Und wie erklärst du jetzt diesen Mythus?

– Ich habe darüber nachgedacht, ehe ich hierher kam; meine Auslegung ist folgende: Hiram ist der kalte Verstand und die Regierungskunst der bürgerlichen Gesellschaft des Alterthums. Sie beruhte auf der Ungleichheit des Standes, auf der Herrschaft der Kasten. Diese ägyptische Fabel ziemte dem geheimnißvollen Despotismus der Hierophanten. Die drei Ehrgeizigen waren der Unwille, die Empörung und die Rache; es sind vielleicht die der Priesterkaste untergeordneten Kasten, welche mit Gewalt ihr Recht wieder zu erlangen suchten. Der ermordete Hiram ist der Despotismus, welcher seinen Zauber und seine Kraft verloren hat und mit dem das Geheimniß die Menschen durch Verblendung und Aberglauben zu beherrschen, ins Grab gestiegen ist.

– Erklärst du wirklich auf diese Weise den Mythus?

– Ich habe in Euern Büchern gelesen, daß er durch die Tempelritter aus dem Orient gebracht worden war und daß sie sich seiner bei ihren Einweihungen bedienten. Sie mußten also ihn ziemlich auf diese Weise erklären; doch während die Templer unter Hiram die Theokratie und unter den Mördern Gottlosigkeit, Anarchie und Wildheit verstanden, beklagten sie, welche die bürgerliche Gesellschaft einer Art Mönchsdespotismus unterwerfen wollten, in Hiram's Vernichtung nur ihre eigene Ohnmacht. Das verlorene und wiedergefundene Wort ihrer Herrschaft war das der Verbrüderung oder der Schlauheit, ähnlich dem alten Städtewesen oder dem Tempel des Osiris. Deshalb wundere ich mich, zu sehen, daß Ihr diese Fabel immer noch bei Euern Einweihungen zu dem Werke allgemeiner Befreiung gebraucht. Ich möchte glauben, sie werde Euren Adepten nur als eine Prüfung ihres Geistes und ihres Muthes vorgehalten.

– Wohlan, wir, die wir diese Formen der Freimaurerei nicht erfunden haben und uns ihrer wirklich nur bedienen als moralische Prüfungen, wir, die wir mehr als Gesellen und Meister in dieser symbolischen Wissenschaft sind, weil wir dahin gekommen sind, nicht blos Maurer zu sein, wie man es in den gewöhnlichen Reihen dieses Ordens versteht, wir fordern dich feierlich auf, den Mythus Hiram's, wie du ihn verstehst, uns zu erklären, damit wir über deinen Eifer, deinen Verstand und deinen Glauben das Urtheil fällen können, das dich hier an der Pforte des wahren Tempels aufhält, oder dir den Eintritt in das Heiligthum öffnet.

– Ihr verlangt von mir das Wort Hiram's, das verlorene Wort? Das wird mir die Pforten des Tempels nicht öffnen; denn dieses Wort heißt Tyrannei oder Lüge. Aber ich kenne die wahren Worte, die Namen der drei Pforten des göttlichen Gebäudes, durch welche Hiram's Mörder eintraten, um diesen Häuptling zu zwingen, sich unter den Trümmern seines Werkes zu begraben; sie heißen Freiheit, Bruderliebe, Gleichheit.

– Consuelo, deine Auslegung, wahr oder falsch, enthüllt uns die Tiefe deines Herzens. Bleib denn verschont, jemals auf Hiram's Grab zu knieen. Eben so wenig sollst du durch den Grad hindurchgehen, wo der Neophyt sich auf dem Bild der Asche von Jacques Molay, dem Großmeister, dem großen Opfer des Tempels, jener kriegerischen Mönche, jener ritterlichen Prälaten des Mittelalters niederwirft. Du würdest aus der zweiten Prüfung siegreich wie aus der ersten hervorgehen. Du würdest die lügnerischen Spuren einer fanatischen Barbarei erkennen, die noch jetzt als Formeln der Garantie für diejenigen Geister nothwendig sind, welche von dem Princip der Ungleichheit erfüllt werden. Erinnere dich also wohl, daß die Freimaurer der ersten Grade zum größeren Theil nur dahin streben, einen profanen Tempel, einen geheimnißvollen Schutz zu errichten, für eine als besondere Kaste gebildete Gesellschaft. Du verstehst es anders und sollst geraden Weges in den allgemeinen Tempel eintreten, der alle Menschen, demselben Cultus geweiht, von derselben Liebe begeistert, aufnimmt. Doch mußt du hier noch eine letzte Station machen und dich vor diesem Grabe niederwerfen. Du mußt Christum verehren und in ihm den einzig wahren Gott verehren.

– Ihr sagt das, um mich abermals zu prüfen, antwortete Consuelo mit Festigkeit; aber Ihr habt mich gewürdigt, mir die Augen über hohe Wahrheiten zu öffnen, als Ihr mich in Euren geheimen Schriften lesen ließet. Christus ist ein göttlicher Mensch, den wir als den größten Philosophen, als den größten Heiligen der alten Zeit verehren. Wir beten ihn an, so weit es uns erlaubt ist, den besten und größten der Lehrer und Märtyrer anzubeten. Wir können ihn wohl den Heiland der Menschen in dem Sinne nennen, daß er seinen Zeitgenossen Wahrheiten lehrte, die sie nur noch geahnet hatten und welche die Menschheit in eine neue Phase des Lichts und der Heiligkeit einführen sollten. Wir können wohl bei seiner Asche niederknieen, um Gott für die Auferweckung eines solchen Propheten, eines solchen Beispiels, eines solchen Freundes zu danken; aber wir verehren Gott in ihm und begehen nicht das Verbrechen der Götzendienerei. Wir unterscheiden die Göttlichkeit der Offenbarung von der des Offenbarers.

Gern weihe ich also diesen Sinnbildern eines für immer erhabenen und herrlichen Todes die Huldigungen einer frommen Dankbarkeit und einer kindlichen Begeisterung; aber ich glaube nicht, daß das letzte Wort der Offenbarung von Jesus' Zeitgenossen verstanden und ausgesprochen sei, denn es war noch nicht wirklich auf der Erde. Von der Weisheit und dem Glauben seiner Schüler, von der Fortsetzung seines Werkes während achtzehn Jahrhunderte erwarte ich eine praktischere Wahrheit, eine vollständigere Anwendung des heiligen Wortes und der Lehre der Bruderliebe. Ich erwarte die Entwickelung des Evangeliums, ich erwarte noch etwas mehr als die Gleichheit vor Gott, ich erwarte sie und rufe sie an unter den Menschen.

– Deine Wort sind kühn und deine Lehre ist voll Gefahr. Hast du in der Einsamkeit wohl daran gedacht? Hast du das Unglück vorausgesehen, das dein neuer Glaube schon im Voraus auf deinen Kopf zusammenhäuft? Kennst du die Welt und deine eigenen Kräfte? Weißt du, daß wir in den civilisirtesten Ländern der Erde nur Einer gegen Hunderttausende sind? Weißt du, daß in der Zeit, in welcher wir leben, unter den Menschen, die dem erhabenen Gotteslehrer Jesus eine schmachvolle und rohe Verehrung weihen und den jetzt fast eben so zahlreichen, welche seine Sendung und sogar sein Dasein läugnen, unter Götzendienern und Gottesläugnern für uns unter der Sonne kein Platz zu finden ist, als inmitten von Verfolgungen, von Hohn, Haß und Verachtung des Menschengeschlechts? Weißt du, daß man noch zur Stunde in Frankreich Rousseau fast eben so ächtet als Voltaire, den religiösen Philosophen und den Philosophen des Unglaubens? Weißt du, daß sie von ihrer Verbannung aus sich gegenseitig ächten? Weißt du, daß du in eine Weit zurückkehren sollst, wo Alles dahin streben wird, um deinen Glauben zu verderben? Weißt du endlich, daß du dein Apostolat von Gefahren, Zweifeln, Täuschungen und Leiden umringt, ausüben mußt?

– Ich bin dazu entschlossen, antwortete Consuelo, die Augen senkend und die Hand auf ihr Herz legend; Gott helfe mir!

– Wohlan, meine Tochter, sagte Markus, der noch immer Consuelo an der Hand hielt, du wirst von uns einigen moralischen Leiden unterworfen werden, nicht um Deinen Glauben zu prüfen, an dem wir jetzt nicht mehr zweifeln können, sondern um ihn zu stärken. Nicht in dem Frieden der Ruhe, noch in den Freuden dieser Welt, sondern in Schmerz und Thränen wächst und erhebt sich der Glaube. Fühlst du den Muth in dir, peinlichen Eindrücken und vielleicht heftigen Schrecken entgegenzugehen?

– Wenn es sein muß und wenn mein Herz daraus Gewinn ziehen soll, so unterwerfe ich mich Eurem Willen, antwortete Consuelo ein wenig bedrückt.

Sogleich begannen die Unsichtbaren die Teppiche und die Fackeln aufzuheben, welche den Sarg umgaben. Dieser wurde in eine der tiefen Fensternischen gerollt und mehrere Adepten ergriffen eiserne Stangen und eilten, einen runden Stein aufzuheben, der die Mitte des Saales einnahm. Da bemerkte Consuelo eine kreisrunde Oeffnung, weit genug, um eine Person hindurchzulassen, deren Granitrand, von der Zeit geschwärzt und abgegriffen, unbezweifelt eben so alt war, als die andern Theile des Baues. Man brachte eine lange Leiter herbei und senkte sie in die finstere Tiefe der Oeffnung. Dann führte Markus Consuelo hinzu und fragte sie dreimal mit feierlichem Tone, ob sie den Muth habe, allein in die unterirdischen Gewölbe des großen Schloßthurmes hinabzusteigen.

– Hört mich, meine Väter oder meine Brüder, denn ich weiß nicht, wie ich Euch nennen soll … antwortete Consuelo.

– Nenne uns deine Brüder, erwiederte Markus; du befindest dich hier unter den Unsichtbaren, die mit dir in gleichem Range stehen, wenn du noch eine Stunde aushältst. Du wirst ihnen hier Lebewohl sagen, um sie nach einer Stunde in Gegenwart der obersten Richter wiederzufinden, deren Stimme du nie hören, deren Gesicht du nie sehen wirst. Diejenigen, welche ihn ausmachen, nenne deine Väter. Sie sind die Hohenpriester, die geistlichen und weltlichen Herren unsers Tempels. Wir werden vor ihnen und vor dir mit unverhülltem Gesicht erscheinen, wenn du fest entschlossen bist, an der Thür des Heiligthums durch diesen finstern und mit Schrecken bedeckten Weg, welcher sich hier unter deinen Füßen öffnet, und auf dem du allein, ohne allen Schutz, als den deines Muths und deiner Beharrlichkeit, wandeln mußt, uns wiederzufinden.

– Ich werde ihn gehen, wenn es nothwendig ist, antwortete zitternd die Neophytin, aber ist denn diese Prüfung, die ihr mir als so strenge verkündet, unvermeidlich? O, Ihr Brüder, Ihr wollt gewiß mit der schon genug geprüften Vernunft eines Weibes nicht spielen, das keine Affectation, keine falsche Eitelkeit kennt? Ihr habt mich heute zu einem langen Fasten verurtheilt, und obgleich die geistige Aufregung den Hunger mehrere Stunden schweigen läßt, so fühle ich mich doch körperlich geschwächt. Ich weiß nicht, ob ich nicht der Anstrengung, die Ihr mir auferlegt, unterliege. Ob mein Körper leidet und schwach wird, kümmert mich wenig, ich schwöre es Euch, aber werdet Ihr nicht für moralische Feigheit nehmen, was nur Hinfälligkeit der Materie ist? Sagt mir, wollt Ihr es mir verzeihen, wenn ich die Nerven eines Weibes habe, sobald ich, zu mir zurückgekommen, den Muth eines Mannes wiederfinde?

– Armes Kind, antwortete Markus, ich höre lieber von dir das Geständniß deiner Schwäche, als wenn du uns durch tolle Keckheit blenden wolltest. Wenn du willst, so wollen wir dir einen Führer geben, einen einzigen, um dich im Nothfall auf deiner Pilgerschaft zu unterstützen und dir beizustehen. Bruder, fügte er hinzu, sich an den Chevalier Liverani wendend, der während dieses ganzen Gesprächs, die Augen auf Consuelo gerichtet, an der Thür gestanden hatte, nimm die Hand deiner Schwester und führe sie durch die unterirdischen Räume zum allgemeinen Versammlungsort.

– Und Ihr, mein Bruder, sagte Consuelo verlegen, wollt Ihr nicht auch mich begleiten?

– Das ist unmöglich. Du kannst nur einen Führer erhalten, und den ich dir bezeichne, ist der einzige, den ich dir mitgeben darf.

– Ich werde Muth haben, antwortete Consuelo, sich in ihren Mantel hüllend; ich gehe allein.

– Du verschmähst den Arm eines Bruders und Freundes?

– Ich verschmähe weder seine Theilnahme, noch sein Mitgefühl, aber ich gehe allein.

– So geh, edles Mädchen, und fürchte nichts. Diejenige, welche allein in die Seufzergrotte der Riesenburg hinabgestiegen ist, Diejenige, welche so vielen Gefahren trotzte, um die verborgene Grotte des Schreckensteins zu finden, wird das Innere unserer Pyramide leicht durchschreiten. Geh denn und suche, gleich den jugendlichen Heroen des Alterthums, durch Prüfungen die Einweihung in heilige Mysterien. Brüder, reicht ihr die Schaale, diese ehrwürdige Reliquie, welche ein Abkömmling Ziska's uns zugebracht hat und in welcher wir das erhabene Sakrament des brüderlichen Abendmahls feiern.

Liverani nahm vom Altar einen roh gearbeiteten hölzernen Kelch, und nachdem er ihn gefüllt hatte, reichte er ihn Consuelo mit einem Brode.

– Schwester, nahm Markus das Wort, es ist nicht blos ein edler, milder Wein und ein Brod von reinem Weizen, das wir dir darbieten, um deine physischen Kräfte wieder herzustellen; es ist der Leib und das Blut des göttlichen Mannes, wie er es selbst verstand, nämlich das himmlische und zugleich materielle Zeichen brüderlicher Gleichheit. Unsere Väter, die Märtyrer der Taboritenkirche, dachten, die Einmischung gottloser und kirchenschänderischer Priester wäre bei der Heiligung des erhabenen Sakraments nicht so viel werth, als die reinen Hände eines Weibes oder eines Kindes.

Nimm also mit uns hier das Abendmahl, bis du dich zum Bankett des Tempels niedersetzest, wo das große Mysterium des Brüdermahls sich dir deutlicher enthüllen wird. Nimm diese Schaale und trinke zuerst. Wenn du Glauben hast, so werden einige Tropfen dieses Getränks für deinen Körper ein stärkendes Mittel sein und deine glühende Seele wird dein ganzes Wesen auf Flammenfittigen erheben.

Nachdem Consuelo zuerst getrunken, reichte sie die Schaale Liverani, der sie ihr gebracht hatte, und dieser ließ sie, nachdem er gleichfalls getrunken, bei allen seinen Brüdern die Runde machen. Nachdem Markus die letzten Tropfen genossen, segnete er Consuelo und forderte die Versammlung auf, sich zu sammeln und für sie zu beten. Dann überreichte er der Neophytin eine kleine silberne Lampe und half ihr die Füße auf die ersten Stufen der Leiter setzen

– Ich brauche dir nicht zu sagen, fügte er hinzu, daß dein Leben von keiner Gefahr bedroht wird; aber fürchte für deine Seele. Fürchte nie bis zur Pforte des Tempels zu kommen, wenn du das Unglück hast, nur ein einziges Mal auf diesem Gange hinter dich zu blicken. Du hast an verschiedenen Orten mehrere Stationen zu machen; du mußt dann Alles prüfen, was sich deinen Blicken darstellt; doch sobald sich eine Pforte vor dir öffnet, so überschreite sie und kehre dich nicht um. Das ist, wie du weißt, die strenge Vorsicht der alten Einweihungen. Auch mußt du, nach dem alterthümlichen Gebrauch, sorgfältig die Flamme deiner Lampe bewahren, das Sinnbild deines Glaubens und deines Eifers.

Geh nun, meine Tochter, und der Gedanke gebe dir übermenschlichen Muth, daß, was du jetzt verurtheilt bist, zu leiden, zur Entwicklung deines Geistes und Herzens in der Tugend und im wahren Glauben nothwendig ist.

Consuelo stieg vorsichtig die Staffeln hinab, und sobald sie die letzte erreicht hatte, zog man die Leiter zurück und sie hörte den schweren Stein geräuschvoll niederfallen und den Eintritt in die unterirdischen Gewölbe über ihrem Haupte verschließen.

5.

Während der ersten Augenblicke sah Consuelo, die aus einem Saale kam, wo der Glanz von hundert Fackeln brannte, in dem nur von dem Scheine ihrer kleinen Lampe erhellten Raume nichts als einen hellen Nebel, der sie umgab und den ihr Blick nicht durchdringen konnte. Doch nach und nach gewöhnten sich ihre Augen an die Finsterniß, und da sie zwischen sich und den Wänden eines in Bezug auf Ausdehnung und die achteckige Form ganz ähnlichen Saales mit dem, den sie verlassen hatte, nichts Entsetzliches sah, so beruhigte sie sich insoweit, die seltsamen Charaktere, welche sie an der Mauer bemerkte, in der Nähe zu betrachten.

Es war eine einzige, lange Inschrift, die in mehreren Rundlinien um den von keiner Oeffnung unterbrochenen Saal herumlief. Als Consuelo diese Bemerkung machte, fragte sie sich nicht, wie sie aus diesem Kerker herauskommen solle, sondern, wozu ein solcher Bau gedient haben möge. Unheimliche Gedanken, die sie anfangs von sich entfernte, erhoben sich in ihrem Geiste; und bald wurden diese Ideen durch das Lesen der Inschrift bestätigt, die sie, langsam hinschreitend und ihre Lampe in die Höhe der Charaktere erhebend, entzifferte.

»Betrachte die Schönheit dieser auf den Fels gegründeten und vierundzwanzig Fuß dicken Mauern, die seit tausend Jahren stehen, ohne daß weder der Sturm des Krieges, noch die Wirkung der Zeit, noch die Mühen des Arbeiters ihnen etwas anhaben konnte! Ist dieses Meisterstück der Maurerkunst von der Hand der Sklaven errichtet worden, um vielleicht die Schätze eines reichen Herrn aufzunehmen?

Ja, um in die Eingeweide des Felsens, in die Tiefen der Erde Schätze des Hasses und der Rache zu versenken. Hier sind zwanzig Generationen von Menschen, die Mehrzahl unschuldig, Einige heroisch, Alle als Opfer oder Märtyrer zu Grunde gegangen; hier haben gelitten, geweint, gewüthet, gelästert: Kriegsgefangene, Leibeigene, die sich gegen ihr Joch empörten oder von Abgaben zu sehr ausgesogen waren, um neue bezahlen zu können, religiöse Neuerer, erhabene Ketzer, Unglückliche, Besiegte, Fanatiker, Heilige, auch Verbrecher, Menschen, in der Rohheit der Lager aufgezogen, dem Gesetze des Mordes und der Raubsucht unterworfen und einem gräßlichen Wiedervergeltungsrecht hingegeben.

Das sind die Katakomben, welche mächtige Männer von beknechteten Menschen errichten ließen, um das Geschrei ihrer besiegten Brüder zu ersticken und ihre Leichname verbergen. Hieher kam keine Luft zum Athmen, nicht ein Strahl des Tageslichts; hier war kein Stein, den Kopf zu stützen, nur eiserne, in der Mauer befestigte Ringe, um die Ketten der Gefangenen hindurchzuziehen, und diese zu hindern, sich einen Platz auf dem feuchten, kalten Boden zu suchen, um darauf zu ruhen.

Hieher drang nur Luft, Tageslicht und Nahrung, wenn es den in dem obern Saale aufgestellten Wächtern gefiel, einen Augenblick den Stein zu erheben und den am Tage nach einer Schlacht zu Hunderten hier zusammengepferchten, zum größeren Theil verwundeten und verstümmelten oder noch gräßlicher zu denken! zuweilen nur einem einzigen Unglücklichen ein Stück Brod hinzuwerfen, der zuletzt übrig geblieben war und in Schmerz und Verzweiflung mitten unter den faulenden Leichnamen seiner Gefährten hinstarb, zuweilen von denselben Würmern benagt, ehe er völlig todt und in Fäulniß sich auflösend, ehe das Gefühl des Lebens und das Grauen des Bewußtseins in seinem Kopfe erloschen war.

Siehe hier, Neophyt, die Quellen menschlicher Größe, welche die Zeitgenossen der Mächtigen, vielleicht mit Bewunderung und Eifersucht betrachteten! An benagten Todtenschädeln, an gebrochenen und vertrockneten Menschengebeinen, an Thränen und Blutflecken siehe, was die Sinnbilder deiner Waffen bedeuten, wenn deine Väter dir die Schmach des Patriciats hinterlassen haben, siehe, was die Wappenschilder der Fürsten bedeuten, denen du gedient hast oder denen du dienen möchtest, wenn du aus dem Volke entstammst.

Ja, hier ist der Grund zu dem Ursprung des Adels, hier ist die Quelle des Ruhms und des erblichen Reichthums der Welt; hier sieht man, wie sich eine Kaste erhoben und in Besitz erhalten hat, welche die andern Kasten noch immer fürchten, ihr schmeicheln und liebkosen. Hier, hier sind die Erfindungen der Menschen, um sich von Vater auf Sohn über die andern Menschen zu erheben!«

Nachdem Consuelo diese Inschrift in dreimaliger Runde um den Thurm, von Schmerz und Entsetzen ergriffen, gelesen hatte, setzte sie ihre Lampe auf die Erde und kniete nieder, um zu ruhen. Ein tiefes Schweigen herrschte in diesem finstern Ort und entsetzliche Betrachtungen erhoben sich in Fülle in ihr.

Die lebhafte Phantasie Consuelo's rief tausend düstere Erscheinungen um sie her. Sie glaubte todtenbleiche, mit gräßlichen Wunden bedeckte Gespenster an den Wänden hinschleichen, oder an der Erde neben ihr hinkriechen zu sehen. Sie glaubte ihr jammervolles Seufzen, ihr Todesröcheln, leises Aechzen, das Klirren ihrer Ketten zu hören. Im Geiste sah sie das Leben der Vergangenheit, wie es im Mittelalter gewesen sein mußte, wie es noch vor Kurzem während der Religionskriege gewesen war. Sie wähnte über sich in dem Saale der Hüter den schweren, unheimlichen Schritt jener in Eisen gekleideten Männer, das Aufschlagen ihrer Lanzen auf den Fußboden, ihr rohes Gelächter, ihre Lieder wilder Lust, ihre Drohungen und Flüche zu hören, wenn die Klage der Opfer bis zu ihren Ohren drang und ihren gräßlichen Schlaf unterbrach, denn diese Häscher hatten geschlafen, sie hatten über diesem Kerker, über diesem vergifteten Abgrund, aus dem die faule Luft des Grabes und das Wüthen der Hölle aufstieg, schlafen können und sollen.

Bleich, mit starren Augen und vom Entsetzen aufgesträubten Haaren, sah und hörte Consuelo nichts mehr. Als sie ihres eigenen Daseins bewußt ward und sich erhob, um der Kälte zu entgehen, die sich ihrer bemächtigte, bemerkte sie, daß während ihres peinlichen Zustandes ein Quaderstein aus dem Boden gehoben und zurückgeworfen worden war und ein neuer Weg sich vor ihr öffnete. Sie näherte sich und sah eine schmale, steile Treppe, die sie mit Mühe hinabstieg und welche in eine neue Höhle, enger und niedriger, als die erste, führte. Als sie den Boden berührte, der weich und sanft war, hielt sie die Lampe hinab, um zu sehen, ob sie nicht in Schlamm versänke.

Sie sah nur einen grauen Staub, feiner als der feinste Sand, in welchem hie und da statt Kiesel eine zerbrochene Ribbe, ein Menschenbein, der Rest eines Schädels, eine noch mit weißen und festen Zähnen besetzte Kinnlade, Zeichen der Jugend und der Kraft, die plötzlich ein gewaltsamer Tod gebrochen hatte, hervorstand. Einige, fast vollständige Skelette waren aus diesem Staub gezogen und an den Mauern aufgestellt worden.

Ein anderes, vollkommen erhaltenes stand, mitten um den Leib gefesselt, an der Wand, als wenn es verurtheilt gewesen wäre, hier umzukommen, ohne sich niederlegen zu können. Sein Körper, statt sich zu beugen und vorwärts zu fallen, war steif zurückgelehnt, in einer stolzen Haltung voll unversöhnlicher Verachtung. Die Bänder der Gebeine waren versteint. Sein zurückgelehnter Kopf schien das Gewölbe zu betrachten und seine von dem Todeskampf der Kinnbacken geschlossenen Zähne schienen ein furchtbares Gelächter der Verachtung oder des erhabenen Fanatismus auszudrücken.

Ueber ihm war auf der Mauer in großen, rothen Buchstaben sein Name und seine Geschichte verzeichnet. Es war ein unbekannter Märtyrer der religiösen Verfolgungen und das letzte der an diesem Orte ermordeten Opfer. Zu seinen Füßen kniete ein Skelett, dessen von dem Rückgrat losgelöster Kopf auf dem Boden lag, dessen steife Arme aber noch immer die Kniee des Märtyrers umarmt hielten; es war seine Frau.

Die Inschrift sagte unter Anderem:

»Hier starb N. mit seiner Frau, seinen drei Brüdern und seinen zwei Kindern, weil er Luthers Lehre nicht abschwören wollte und selbst bei der Tortur die Unfehlbarkeit des Papstes zu läugnen fortfuhr. Er starb stehend, vertrocknet und zum Theil versteinert, ohne zu seinen Füßen seine Familie ansehen zu können, die auf der Asche ihrer Freunde und Väter mit dem Tode rang.«

Dieser Inschrift gegenüber las man folgende:

«Neophyt, der weiche Boden, den du betrittst, ist zwanzig Fuß tief. Es ist nicht Sand noch Erde, sondern Menschenstaub. Dieser Ort war das Beinhaus des Schlosses. Hieher warf man Diejenigen, welche in dem obern Kerker gestorben waren, sobald die neuen Ankömmlinge keinen Platz mehr fanden. Es ist die Asche von zwanzig Generationen. Glücklich und selten die Patrizier, welche unter ihre Ahnen zwanzig Generationen Mörder und Henker aufzählen können!«

Consuelo fühlte sich von dem Anblick dieser Gebeine weniger entsetzt, als sie es in dem Kerker durch ihre eigene Phantasie gewesen war. In dem Anblick des Todes liegt etwas zu Ernstes und zu Feierliches, als daß schwache Furcht und herzzerreißendes Mitleid die Begeisterung oder die Seelenruhe starker und gläubiger Gemüther schwächen könnte. In Gegenwart dieser Reliquien fühlte die edle Schülerin Alberts mehr Ehrfurcht und Erbarmen, als Schrecken und Bestürzung. Sie kniete vor den Resten des Märtyrers nieder und im Gefühl der Rückkehr ihrer moralischen Kraft rief sie, indem sie diese Knochenhand küßte:

– O, nicht das erhabene Schauspiel einer glorreichen Vernichtung kann Grauen oder Entsetzen erregen, vielmehr die Idee des mit Todesqualen ringenden Lebens. Der Gedanke, was in jenen trostlosen Gemüthern hat vorgehen müssen, erfüllt die Lebenden mit Bitterkeit und Entsetzen! Aber du, heiliges Opfer, stehend Gestorbener, das Haupt zum Himmel gewandt, du bist nicht zu beklagen, denn du bist nicht schwach geworden und deine Seele ist in der Verzückung der Andacht entflohen, die mich mit Ehrfurcht erfüllt.

Consuelo erhob sich langsam und machte ruhig ihren Brautschleier los, der sich an den Gebeinen der neben ihr knieenden Frau angehakt hatte. Eine schmale und niedrige Thür öffnete sich vor ihr. Sie nahm ihre Lampe wieder auf und trat, sorgsam, sich nicht umzuwenden, in einen schmalen und düstern Gang, welcher steil abwärts führte. Zu ihrer Rechten und Linken sah sie den Eingang zu niedrigen Kerkern, die in die wahrhaft grabähnliche Mauer eingesenkt waren.

Diese Höhlen waren zu niedrig, um darin stehen, und nicht lang genug, um darin liegen zu können. Sie schienen das Werk der Cyklopen, so stark waren sie gebaut und mit solcher Kunst in das Mauerwerk eingefügt, als sollten sie zu Wohnungen von wilden, gefährlichen Thieren dienen. Doch Consuelo konnte sich nicht täuschen; sie hatte die Arena von Verona gesehen; sie wußte, daß die einst zum Vergnügen des Volkes, zu den Gefechten der Gladiatoren aufbewahrten Tiger und Bären eine tausendmal bessere Wohnung gehabt hatten.

Uebrigens las sie auch über den eisernen Thüren, daß diese undurchdringlichen Kerker für besiegte Fürsten, für mächtige Heerführer, für Gefangene aufbewahrt waren, die durch ihren Rang, ihren Geist oder ihre Energie besonders wichtig und furchtbar waren. Diese gräßlichen Vorkehrungen gegen ihre Entweichung gaben Zeugniß von der Liebe oder der Achtung, die sie ihren Anhängern eingeflößt hatte.

Hier war endlich das Wüthen dieser Löwen, welche mit ihrem Ruf die Welt erschüttert hatten, erloschen. Ihre Macht und ihre Willenskraft war gegen eine Mauer zerschellt; ihre herkulische Brust war vertrocknet in dem Streben bei einer in die vierundzwanzig Fuß tiefen Mauern angebrachten unmerklichen Spalte ein wenig frische Luft zu schöpfen. Ihr Adlerblick hatte sich getrübt, um in ewiger Finsterniß einen schwachen Lichtschein zu finden. Hier begrub man Diejenigen lebendig, die man öffentlich nicht zu tödten wagte. Erlauchte Häupter, edle Herzen hatten hier die Uebung, den Mißbrauch der Rechte des Stärkern gebüßt.

Nachdem Consuelo einige Zeit durch diese dunkeln und feuchten Gallerien, die unter den Felsen hinliefen, geirrt war, hörte sie das Geräusch eines fließenden Wassers, welches sie an den furchtbaren unterirdischen Strom der Riesenburg erinnerte. Aber ihr Geist war mit dem Unglück der Menschheit zu sehr beschäftigt, um lange an sich selbst zu denken. Sie war genöthigt, sich ein wenig aufzuhalten, um an einem Brunnenloche vorbeizugehen, das mit dem Boden in gleicher Richtung war und von einer Fackel erleuchtet wurde. Unter der Fackel las sie an einem Pfahle die wenigen Worte, die keiner Erläuterung bedurften:

»Hier ertränkte man sie!«

Consuelo beugte sich ein wenig vor, um in das Innere des Brunnens zu schauen. Das Wasser des Baches, auf welchem sie kaum vor einer Stunde so friedlich gefahren war, stürzte sich hier in eine furchtbare Tiefe und wühlte schäumend in den Abgrund, wie begierig, ein Opfer zu ergreifen und fortzureißen. Das rothe Licht der Kienfackel gab diesem unheimlichen Wasser die Farbe des Blutes.

Endlich kam Consuelo an eine starke Thür, die sie vergeblich zu erschüttern suchte. Sie fragte sich, ob man sie, wie bei den Einweihungen in die ägyptischen Pyramiden, mit unsichtbaren Ketten in die Höhe ziehen werde, während zu ihren Füßen ein Abgrund sich öffnen und ein heftiger, plötzlicher Wind ihre Lampe verlöschen sollte.

Mehr aber noch beunruhigte sie ein anderer Schreck. Seitdem sie in der Gallerie ging, hatte sie bemerkt, daß sie nicht allein sei; es ging Jemand hinter ihr, so leise, daß sie nicht das geringste Geräusch hörte; doch glaubte sie das Rauschen eines Gewandes neben dem ihrigen vernommen zu haben, und als sie am Brunnen vorbeiging, hatte das hinter ihr befindliche Licht der Fackel an der Wand, an der sie hinging, zwei wankende Schatten statt eines einzigen geworfen.

Wer war denn dieser furchtbare Gefährte, den zu sehen ihr verboten war, bei Strafe, die Frucht aller ihrer Mühen zu verlieren und nie über die Schwelle des Tempels zu schreiten? War es ein entsetzliches Gespenst, dessen Häßlichkeit ihren Muth erschüttert und ihre Vernunft getrübt haben würde? Sie sah seinen Schatten nicht mehr, bildete sich aber ein, seine Athemzüge dicht neben sich zu hören; und diese unglückliche Thür, die sich nicht öffnen wollte!

Die zwei oder drei Minuten, die während dieser Erwartung verstrichen, schienen ihr ein Jahrhundert. Der stumme Begleiter erregte ihr Furcht; sie glaubte, er werde sie auf die Probe stellen, indem er zu ihr spräche oder durch irgend eine List sie zwänge, ihn anzusehen. Ihr Herz schlug gewaltig; endlich sah sie, daß über der Thür noch eine Inschrift zu lesen war.

»Hier erwartet dich die letzte Prüfung, und zwar die schwerste. Wenn dein Muth erschöpft ist, so schlage zweimal an den linken Flügel dieser Thür; wo nicht, so klopfe dreimal an den rechten Flügel. Bedenke, daß der Ruhm deiner Einweihung im Verhältniß zu deiner Anstrengung steht.«

Consuelo zögerte nicht und klopfte dreimal an der rechten Thür. Der Flügel öffnete sich wie von selbst und sie trat in einen geräumigen, von vielen Fackeln erleuchteten Saal. Es befand sich Niemand darin und Anfangs verstand sie nichts von den symmetrisch um sie her aufgestellten seltsamen Gegenständen. Es waren Maschinen von Holz, Eisen und Erz, deren Gebrauch sie nicht kannte, seltsame Waffen auf Tischen ausgebreitet, oder an der Mauer aufgehängt.

Einen Augenblick lang glaubte sie sich in einem Waffensaal, denn man sah hier in der That Musketen, Kanonen, Feldschlangen, eine vollständige Sammlung von Kriegsmaschinen, die zu den andern Instrumenten gehörten. Man hatte beliebt, hier alle Zerstörungsmittel zusammenzubringen,die die Menschen erfunden haben, sich gegenseitig zu vernichten.

Doch als die Neophytin einige Schritte weiter in diesem Arsenal gemacht hatte, sah sie andere Gegenstände raffinirterer Grausamkeit; Leitern, Bretter, Sägen, große Kübel, Schrauben, ein ganzes Museum Torturwerkzeuge, und auf einer, in der Mitte über einer aus Keulen, Zangen, Feilen, gezähnten Beilen und aus allen den gräßlichen Werkzeugen des Henkers bestehenden Trophäen aufgehangenen Tafel las man die Worte:

»Sie sind Alle sehr kostbar, Alle authentisch;
sie sind alle gebraucht worden

Da fühlte Consuelo ihr ganzes Wesen erschüttert. Ein kalter Schweiß benetzte die Flechten ihrer Haare. Ihr Herz schlug nicht mehr. Unfähig, dem Grauen dieses Anblicks und den blutigen Gespenstern, die in Masse ihre Phantasie erzeugte, sich zu entziehen, betrachtete sie Alles, was vor ihr lag, mit jener dumpfen, unheilvollen Neugier, die sich im Uebermaaß des Schreckens unserer bemächtigt. Statt die Augen zu schließen, sah sie auf eine Art von eherner Glocke, die einen unförmlichen Kopf hatte, und einen runden Helm auf einem dicken, formlosen Körper ohne Beine, der in der Höhe der Knie abgeschnitten war. Es glich einer kolossalen Statue von roher Arbeit, zum Schmuck eines Grabmals bestimmt.

Nach und nach, wie Consuelo aus ihrer Erstarrung erwachte, begriff sie durch eine innere Anschauung, daß man den Dulder knieend unter diese Glocke setzte. Ihr Gewicht war so furchtbar, daß er sie mit keiner menschlichen Anstrengung erheben konnte. Ihre innere Weite war gerade groß genug, daß er keine Bewegung zu machen vermochte. Doch hatte man nicht die Absicht, ihn darin ersticken zu lassen, denn das an der Stelle des Gesichts herabgelassene Visir des Helms und der ganze Raum des Kopfes war mit kleinen Löchern versehen, in denen bei einigen noch spitzige Stilette staken. Mit Hülfe dieser grausamen Stiche quälte man das Opfer, um ihm das Geständniß seines wirklichen oder eingebildeten Verbrechens, die Anklage gegen seine Eltern oder Freunde, das Geständniß seines politischen oder religiösen Glaubens zu entreißen Jedermann kann ein Instrument dieser Art mit hundert andern nicht minder erfindungsreichen im Arsenal zu Venedig sehen. Consuelo hatte es nicht gesehen. Diese gräßlichen Marterwerkzeuge, wie der Anblick der Kerker der Inquisition und der Bleikammern des herzoglichen Palastes sind der Neugier des Publikums erst seit dem Eintritt der Franzosen in Venedig, zur Zeit der Kriege der Republik geöffnet worden..

Oben auf dem Helm las man mit in das Metall eingegrabenen Buchstaben die Worte in spanischer Sprache:

Es lebe die heilige Inquisition!

Und darunter ein Gebet, das durch ein gräßliches Mitleid dictirt schien, aber auch vielleicht aus dem Herzen und unter der Hand des armen Arbeiters hervorgegangen sein konnte, der verurtheilt war, diese höllische Maschine zu fertigen:

Heilige Mutter Gottes, bitte für den armen Sünder!

Eine während dieser Qualen abgerissene und wahrscheinlich durch das Blut festgeklebte Haarlocke war noch unter diesem Gebet als ein gräßliches und unvergängliches Zeichen zurückgeblieben; sie hing aus einem der Löcher hervor, welche das Stilet erweitert hatte. Es waren weiße Haare!

Plötzlich sah Consuelo nichts mehr, ihr Leiden war zu Ende. Ohne daß ein Gefühl körperlichen Schmerzes sie gewarnt hätte, denn ihre Seele und ihr Leib lebten nur noch in dem verstümmelten und gequälten Leib und der Seele der Menschheit, fiel sie starr auf dem Fußboden nieder, wie eine von ihrem Fußgestell abgelöste Bildsäule; aber in dem Augenblicke, wo ihr Kopf auf das Erz der Höllenmaschine aufschlagen wollte, wurde sie von den Armen eines Mannes, den sie nicht sah, aufgefangen. Es war Liverani.

6.

Als Consuelo wieder zum Bewußtsein kam, sah sie sich auf purpurnen Teppichen sitzen, welche die Stufen von weißem Marmor einer eleganten corinthischen Vorhalle bedeckten. Zwei maskirte Männer, in denen sie an der Farbe ihrer Mäntel Liverani und Denjenigen erkannte, den sie mit Recht für Markus halten zu müssen glaubte, stützten sie in ihren Armen und riefen ihre Lebensgeister zurück.

Ungefähr vierzig andere Personen, verhüllt und maskirt, dieselben, welche sie auf dem Scheingrabe Jesu versammelt gesehen, waren in zwei Reihen längs den Stufen aufgestellt und sangen im Chor eine feierliche Hymne in einer unbekannten Sprache, indem sie Rosenkränze, Palmen und blühende Zweige schwangen. Die Säulen waren mit Guirlanden geschmückt, die sich wie ein Triumphbogen vor der verschlossenen Pforte des Tempels und über Consuelo in Festons durchkreuzten.

Der Mond erleuchtete mit glänzendem Licht allein diese weiße Façade; und draußen, rings um dieses Heiligthum, bildeten alte Taxusbäume, Cypressen und Fichten ein undurchdringliches Bosquet, gleich einem heiligen Haine, unter welchem in silbernem Lichte eine geheimnißvolle Woge murmelte;

– Schwester, sagte Markus, indem er Consuelo beim Aufstehen half, du bist siegreich aus deinen Prüfungen hervorgegangen. Erröthe nicht, unter dem Gewicht des Schmerzes körperlich gelitten und schwach geworden zu sein. Dein edles Herz ist von Unwillen und Erbarmen vor dem Anblick der sichtbaren Zeugen der Verbrechen und Leiden der Menschheit gebrochen. Wärest du aufrecht und ohne Hülfe hierher gekommen, so würden wir weniger Achtung vor dir gehabt haben, als da wir dich sterbend und zerknirscht hierher trugen.

Du hast die Höhlen eines adeligen Schlosses gesehen, nicht die eines besondern Ortes, berühmt unter Allen durch die Verbrechen, deren Schauplatz es gewesen, sondern ähnlich allen denen, deren Ruinen einen großen Theil Europa's bedecken; furchtbare Trümmer eines ungeheuren Netzes, in welches die feudale Macht Jahrhunderte lang die civilisirte Welt gefangen hielt, oder die Menschen unter das Verbrechen seiner wilden Herrschaft und das Grauen der Bürgerkriege beugte.

Diese schändlichen Wohnungen, diese gräßlichen Burgen dienten nothwendig allen Gräueln zur Zuflucht, welche die Menschheit erfüllt sehen mußte, ehe sie durch die Religionskriege, durch die Mühen der sich freimachenden Sekten und durch das Märtyrerthum der Auserwählten unter den Menschen zum Begriff der Wahrheit kam.

Durchreise Deutschland, Frankreich, Italien, England, Spanien, die slavischen Länder: Du wirst kein Thal finden, keinen Berg besteigen, ohne über dir die mächtigen Trümmer irgend einer furchtbaren Burg zu sehen, oder wenigstens unter deinen Füßen im Grase eine Spur der Befestigung zu entdecken. Das sind die blutigen Spuren des von der Patrizierkaste über die knechtischen Kasten ausgeübten Rechts des Eroberers.

Und wenn du alle diese Ruinen untersuchst, wenn du den Boden aufgräbst, der sie verschlungen hat und unaufhörlich arbeitet, sie verschwinden zu lassen, findest du in allen die Spuren dessen, was du hier gesehen hast; ein Verließ, eine Höhle für die Ueberfülle der Todten, enge und erstickende Löcher für wichtige Gefangene, einen Winkel zum heimlichen Mord und auf der Spitze eines alten Thurmes, oder in der Tiefe irgend eines Verließes ein Gerüst für die widerstrebenden Sklaven und widerwilligen Soldaten, einen Galgen für die Ausreißer, Schmorpfannen für die Häretiker.

Wie Viele sind in siedendem Pech umgekommen, wie Viele in den Wogen verschwunden, wie Viele hat man lebendig in Gruben vergraben! Ach, wenn die Mauern der Schlösser, wenn die Wasser der Seen und Flüsse, wenn die Höhlen der Felsen sprechen und alles Unrecht erzählen könnten, das sie gesehen haben! Die Zahl ist zu groß, als daß die Geschichte jedes Einzelne hätte auszeichnen können.

Aber nicht blos der Adel, nicht ausschließlich das Patriziergeschlecht hat die Erde mit so vielem unschuldigen Blute geröthet. Die Könige, die Fürsten und die Priester, die Throne und die Kirche, das sind die großen Quellen des Unrechts, das die lebenden Kräfte der Zerstörung.

Ein finsterer Eifer, ein düsterer, doch starker Gedanke hat in einem der Säle unsrer alten Burg einen Theil der Marterinstrumente zusammengebracht, die der Haß des Stärkeren gegen den Schwächern erfunden hat. Die Beschreibung würde keinen Glauben finden, das Auge kann sie kaum begreifen, der Gedanke weigert sich, es einzugestehen.

Und doch haben diese gräßlichen Werkzeuge Jahrhunderte lang in den königlichen Schlössern, wie in den Burgen der kleinen Fürsten, besonders aber in den Kerkern der heiligen Inquisition gedient; was sag ich! sie werden noch jetzt, obgleich seltener, gebraucht. Noch immer besteht die Inquisition, noch immer martert sie; und in Frankreich, dem civilisirtesten aller Länder, giebt es noch Provinzialparlamente, welche sogenannte Hexen verbrennen.

Ist denn auch die Tyrannei gestürzt? Verwüsten die Könige und Fürsten nicht mehr das Land? Trägt der Krieg in die reichen Städte, wie in die Hütte des Armen bei der geringsten Laune des kleinsten Fürsten nicht mehr Verödung? Besteht nicht noch immer in halb Europa die Sklaverei? Sind die Soldaten nicht immer noch fast überall der Herrschaft der Peitsche und des Stockes unterworfen? Werden die schönsten und tapfersten Soldaten der Welt, die Preußen, nicht noch immer mit Ruthen und Stockstreichen wie Thiere dressirt? Treibt nicht die Knute die russischen Horden vor sich her? Werden die Neger in Amerika nicht mehr als Hunde und Pferde gemißhandelt? Wenn auch die Burgen der alten Barone gebrochen und in harmlose Wohnungen verwandelt sind, stehen die der Könige nicht immer noch aufrecht? Dienen sie nicht öfterer den Unschuldigen, als den Schuldigen zum Gefängniß! Und du, meine Schwester, du, die sanfteste und edelste der Frauen, warst du nicht gefangen in Spandau?

Wir kennen dich als edel, wir rechnen auf deinen Geist der Gerechtigkeit und Milde; aber da wir dich als einen Theil Derjenigen, die hier sind, bestimmt sehen, in die Welt zurückzukehren, die Höfe zu besuchen, den Fürsten persönlich näher zu treten, da du namentlich der Gegenstand ihrer Verführungen werden wirst, mußten wir dich vor dem Taumel dieses glanz- und gefahrvollen Lebens warnen, durften wir dir selbst die furchtbarste Lehre nicht vorenthalten.

Wir haben durch die Einsamkeit, zu welcher wir dich verdammten, und durch die Bücher, die wir in deine Hände gaben, zu deinem Geist; wir haben durch väterliche Worte und durch bald strenge, bald zärtliche Ermahnungen zu deinem Herzen; wir haben durch die schmerzlichsten Prüfungen voll tieferen Sinnes, als die der alten Mysterien, zu deinen Augen gesprochen. Jetzt, wenn du beharrst, die Einweihung zu empfangen, kannst du ohne Furcht vor die unbestechlichen, aber väterlichen Richter treten, die du schon kennst und die dich hier erwarten, um dich zu krönen, oder um dir die Freiheit zu geben, uns für immer zu verlassen.

Mit diesen Worten erhob Markus den Arm und zeigte Consuelo die Pforte des Tempels, über welcher die drei heiligen Worte: Freiheit, Gleichheit, Bruderliebe in feurigen Buchstaben sichtbar wurden.

Körperlich gebrochen und geschwächt, lebte Consuelo nur noch durch den Geist. Sie hatte Markus' Rede nicht stehend anhören können. Gezwungen, sich auf dem Sockel einer Säule wiederzusetzen, stützte sie sich auf Liverani, doch ohne ihn zu sehen, ohne an ihn zu denken.

Demungeachtet war ihr kein Wort des Sprechers entgangen. Todtenbleich, das Auge starr, die Stimme erstorben, hatte sie nicht den irren Blick, der den Nervenkrämpfen zu folgen pflegt. Eine gewaltige Exaltation erfüllte ihre Brust, deren Athemzüge Liverani nicht mehr hörte. Ihre schwarzen Augen, welche durch Ermüdung und Schmerz ein wenig eingesunken waren, glänzten in düsterem Feuer. Eine kleine Falte auf ihrer Stirn verrieth einen unerschütterlichen Entschluß, den ersten ihres Lebens.

Ihre Schönheit flößte in diesem Augenblicke Denjenigen der Umstehenden, welche sie sonst unveränderlich sanft und wohlwollend gesehen hatten, Furcht ein. Liverani zitterte wie das Jasminblatt, welches der Nachthauch auf der Stirn seiner Geliebten bewegte. Sie erhob sich mit mehr Kraft, als er erwartet hätte, aber sogleich brachen ihre Knie zusammen, und um die Stufen hinaufzusteigen, ließ sie sich fast von ihm tragen, ohne daß der Druck seiner Arme, der sie so sehr bewegt, ohne daß die Nähe seines Herzens, das das ihrige entzündet hatte, sie nur einen Augenblick lang aus ihrer innern Beschauung erweckt hätte.

Er legte zwischen seine Hand und die Consuelo's das silberne Kreuz, diesen Talisman, der ihm Rechte über sie gab und ihm diente, sich von ihr erkennen zu lassen. Consuelo schien weder das Pfand, noch die Hand, die es reichte, zu erkennen. Die ihrige war durch den Schmerz krampfhaft zusammengezogen. Es war ein mechanischer Druck, wie man einen Zweig ergreift, um sich am Rande eines Abgrunds zu erhalten; aber das Blut des Herzens drang nicht bis zu dieser erkalteten Hand.

– Markus, sagte Liverani mit leiser Stimme, im Augenblick, als dieser an ihm vorüberging, um an der Pforte des Tempels zu klopfen, verlaß uns nicht. Die Prüfung war zu stark. Ich fürchte.

– Sie liebt dich, antwortete Markus.

– Ja, aber sie stirbt vielleicht! erwiederte Liverani schaudernd.

Markus klopfte dreimal an die Thür, die sich öffnete und sogleich wieder verschloß, als Consuelo mit Liverani eingetreten war. Die andern Brüder blieben unter der Vorhalle, bis man sie zur Feier der Einweihung rufen würde; denn zwischen dieser Einweihung und den letzten Prüfungen fand immer noch zwischen den Häuptern der Unsichtbaren und den Aufzunehmenden eine geheime Unterredung statt.

Das Innere des Kiosk, in Gestalt eines Tempels, in welchem die Einweihungen im Schlosse von *** geschahen, war herrlich geschmückt und zwischen jeder Säule mit den Statuen der größten Freunde der Menschheit verziert. Die Bildsäule Jesu Christi stand in der Mitte des Amphitheaters zwischen der des Pythagoras und Plato. Apollonius von Tyana befand sich neben dem heiligen Johannes, Abailard neben dem heiligen Bernhard, Johann Huß und Hieronymus von Prag neben der heiligen Catharina und Johanna von Arc.

Doch Consuelo hielt sich nicht auf mit der Betrachtung dieser äußeren Gegenstände. Ganz in sich selbst versunken, sah sie ohne Ueberraschung und Aufregung dieselben Richter wieder, die ihr Herz so tief geprüft hatten. Sie fühlte in Gegenwart dieser Männer, wer sie auch sein mochten, keine Verwirrung mehr und erwartete mit großer, scheinbarer Ruhe ihren Ausspruch.

– Bruder, sagte die achte Person, die etwas tiefer als die sieben Richter saß und immer das Wort für sie nahm, zu Markus, wen führst du hierher zu uns? Wie ist sein Name!

– Consuelo Porporina, antwortete Markus.

– Darnach fragt man Euch nicht, mein Bruder, erwiederte Consuelo; seht Ihr nicht, daß ich im Brautgewande und nicht im Witwenschleier hier erscheine? Verkündigt die Gräfin Albert von Rudolstadt.

– Tochter, sagte der Sprecher, ich rede im Namen des Rathes zu dir. Du trägst nicht mehr den Namen, den du aussprichst. Deine Ehe mit dem Grafen von Rudolstadt ist gebrochen.

– Mit welchem Rechte? und kraft welcher Vollmacht? fragte Consuelo mit heftiger und starker Stimme, wie im Fieber. Ich erkenne keine theokratische Macht an. Ihr habt mich selbst gelehrt, Euch über mich keine andern Rechte zuzugestehen, als die ich Euch freiwillig gebe, und mich nur Eurem väterlichen Willen zu unterwerfen. Das wäre der Eure nicht, wenn Ihr ohne die Zustimmung meines Gatten und ohne die meinige meine Ehe auflöstet. Dieses Recht hat weder er, noch ich Euch gegeben.

– Du täuschest dich, Tochter; Albert hat uns das Recht gegeben, über sein und dein Loos zu verfügen; und du selbst hast es uns gegeben, als du uns dein Herz öffnetest und uns deine Liebe für einen Andern gestandest.

– Ich habe Euch nichts gestanden, antwortete Consuelo, und ich widerrufe das Bekenntniß, das Ihr mir entreißen wollt.

– Führe die Sibylle ein, sagte der Sprecher zu Markus.

Eine Frau von hohem Wuchs, ganz weiß gekleidet und das Gesicht unter ihrem Schleier verhüllt, trat ein und setzte sich in die Mitte des von den Richtern gebildeten Halbkreises. An ihrem krampfhaften Zittern erkannte Consuelo leicht Wanda.

– Sprich, Priesterin der Wahrheit, sagte der Sprecher, sprich, Auslegerin und Offenbarerin der tiefsten Geheimnisse, der zartesten Regungen des Herzens. Ist diese Frau die Gattin Alberts von Rudolstadt?

– Sie ist seine treue und achtbare Gattin, antwortete Wanda; doch in diesem Augenblick müßt Ihr ihre Scheidung aussprechen. Ihr seht ja, durch wen sie hergeführt wird; Ihr seht, daß derjenige unsrer Kinder, dessen Hand sie hält, der Mann ist, den sie liebt und dem sie, kraft des unverjährbaren Rechts der Liebe in der Ehe, gehören soll.

Consuelo wandte sich erstaunt nach Liverani und erblickte ihre eigene Hand, die erstarrt und fast wie todt war, in der seinigen. Sie schien unter der Gewalt eines Traumes zu sein und sich mit Gewalt zu erwecken. Endlich entriß sie sich mit Kraft diesem Drucke und ihre Hand besehend, erblickte sie den Eindruck des Kreuzes ihrer Mutter.

– Das ist also der Mann, den ich geliebt habe! sagte sie mit dem traurigen Lächeln einer heiligen Offenheit. Ja, ich habe ihn zärtlich, innig geliebt; aber es war ein Traum! Ich glaubte, Albert wäre nicht mehr und Ihr sagtet mir, dieser sei meiner Achtung und meines Vertrauens würdig. Dann sah ich Albert wieder; ich glaubte aus seinen Worten zu verstehen, daß er nicht ferner mein Gatte sein wolle, und konnte nicht umhin, diesen Unbekannten zu lieben, dessen Briefe und Werbungen mich mit einem thörichten Reiz entzückten.

Aber man hat mir gesagt, Albert liebe mich noch immer und entsage mir nur aus Tugend und Edelmuth. Wie hat sich denn Albert eingeredet, daß ich in Pflicht und Hingebung hinter ihm zurückbleiben wolle? Was habe ich bis jetzt Strafbares gethan, daß man mich fähig hält, durch die Annahme eines selbstsüchtigen Glücks sein Herz zu brechen? Nein, eine solche Schuld soll mich nie beflecken.

Wenn Albert mich seiner für unwürdig hält, weil, ich eine andere Liebe im Herzen trug als die seinige, wenn er Bedenken trägt, diese Liebe zu zerstören, wenn er nicht den Wunsch hegt, mir noch eine größere einzuflößen, so unterwerfe ich mich seinem Ausspruch; ich nehme das Urtheil dieser Trennung an, gegen das sich demungeachtet mein Herz auflehnen wird; aber ich werde nie die Gattin oder Geliebte eines Andern sein.

Leb wohl, Liverani, oder wer du auch seist, den ich an einem Tage der Hingebung, über den ich weder Schaam noch Reue empfinde, das Kreuz meiner Mutter anvertraut habe, gieb mir das Pfand wieder zurück, damit zwischen uns nichts mehr sei, als die Erinnerung gegenseitiger Achtung und das Gefühl einer ohne Bitterkeit und Schmerz erfüllten Pflicht.

– Wir erkennen eine solche Moral nicht an, du weißt es, nahm die Sibylle wieder das Wort; solche Opfer kennen wir nicht; wir wollen die in der Welt verloren gegangene und entheiligte Liebe, die freie Wahl des Herzens, die heilige und freiwillige Vereinigung zweier sich gleich liebender Wesen wieder berechtigen und heiligen. Wir üben über unsere Kinder das Recht aus, das Gewissen zu lenken, die Fehler zu vergeben, die Sympathien zu ordnen, die Fesseln der alten Gesellschaft zu brechen. Du hast also nicht das Recht, über dein Wesen eines Opfers wegen zu verfügen, du kannst die Liebe in deinem Busen nicht ersticken und die Wahrheit deines Bekenntnisses nicht widerrufen, ohne von uns dazu bevollmächtigt zu sein.

– Was sprecht Ihr mir von Freiheit, von Liebe und Glück? rief Consuelo in einem plötzlichen Gefühl der Begeisterung und strahlend von göttlichem Glanze einen Schritt gegen die Richter thuend. Habt Ihr mich nicht so eben Prüfungen bestehen lassen, die eine ewige Blässe auf der Stirn, einen unüberwindlichen Ernst in der Seele zurücklassen müssen? Für welches unempfindliche, schändliche Wesen haltet Ihr mich, wenn Ihr mich nach dem, was ich gesehen, was ich erfahren, was ich jetzt von der Geschichte der Menschen und meinen Pflichten in dieser Welt weiß, noch fähig glaubt, an persönliche Befriedigungen zu denken und sie zu suchen?

Nein, nein! keine Liebe, kein Ehebund, kein Glück, keine Freiheit, kein Ruhm, keine Kunst, nichts mehr für mich, sobald ich auch nur den Letzten meiner Mitmenschen deshalb Leiden machen soll! Und ist es nicht bewiesen, daß jede Freude in dieser heutigen Welt nur auf Kosten der Freude eines Andern erkauft wird? Hat man nichts Besseres zu thun, als nur sich zufrieden zu stellen? Denkt Albert so und habe ich nicht das Recht, zu denken wie er? Hofft er nicht in seinem Opfer selbst die Kraft zu finden, mit mehr Eifer und Verstand als je für die Menschheit zu wirken?

Laßt mich so groß wie Albert sein. Laßt mich die lügnerische und strafbare Täuschung des Glücks fliehen. Gebt mir Mühsal, Anstrengung, Schmerz und Begeisterung! Ich begreife die Freude jetzt nur noch im Leiden; ich dürste nach dem Märtyrerthum, seitdem Ihr mir unkluger Weise die Trophäen des Todes habt sehen lassen. O, Schmach denen, welche die Pflicht erkannt haben und noch, daran denken, ihren Antheil am Glück und der Ruhe auf Erden zu erhalten!

Was sind wir, was bin ich? O Liverani! wenn du noch meine Liebe suchst, nachdem du die Prüfungen bestanden hast, die mich hierher führen, so bist du wahnsinnig, so bist du nur ein Kind, unwürdig des Namens eines Mannes, unwürdig gewiß, daß ich dir die heldenmüthige Neigung Albert's zum Opfer bringe! Und du, Albert, wenn du hier bist, wenn du mich hörst, solltest du dich wenigstens nicht weigern, mich Schwester zu nennen, mir die Hand zu reichen und mir zu helfen, den rauhen Pfad zu gehen, der dich zu Gott führt.

Consuelo's Enthusiasmus hatte den höchsten Grad erreicht, das Wort genügte ihr nicht mehr, sich auszusprechen. Eine Art Schwindel bemächtigte sich ihrer und wie es der Pythonissa geschah, in dem Paroxysmus ihrer göttlichen Begeisterung sich wahnsinnigem Geschrei und Wuthausbrüchen zu überlassen, wurde sie hingerissen das überschwellende Gefühl durch den Ausdruck, der ihr der natürlichste war, kund zu geben. Sie begann mit begeisterter Stimme und mit einer Kraft, derjenigen wenigstens gleich, die sie entwickelt hatte, als sie denselben Hymnus in Venedig zum ersten Mal ihres Lebens in Gegenwart Marcello's und Porpora's vortrug, zu singen:

I cieli immensi narrano
Del grande Iddio in gloria!
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes!

Dieser Hymnus kam ihr in den Sinn, weil er vielleicht der natürlichste und ergreifendste Ausdruck ist, den die Musik jemals dem religiösen Enthusiasmus gegeben hat. Aber Consuelo besaß nicht die nöthige Ruhe, ihre Stimme zu halten und zu beherrschen; nach den zwei Versen ward ihr Gesang ein Schluchzen, sie brach in Thränen aus und sank auf die Knie.

Die von ihrer Begeisterung gleich ergriffenen Unsichtbaren hatten sich einmüthig erhoben, als wollten sie stehend, in ehrfurchtsvoller Haltung, den Gesang der Begeisterten hören. Aber als sie sie ihrem Gefühl erliegen sahen, traten sie Alle in den Raum herab und näherten sich ihr, während Wanda sie in ihre Arme nahm, in die Liverani's legte und rief:

– Nun, sieh ihn doch an und erfahre, daß Gott dir die Vollmacht giebt, die Liebe und die Tugend, das Glück und die Pflicht zu vereinigen.

Einen Augenblick lang taub und wie in eine andere Welt verzückt, sah Consuelo endlich Liverani an, dem Markus die Maske entrissen hatte. Sie that einen durchdringenden Schrei und wäre fast an seinem Busen beim Erkennen Albert's gestorben.

Albert und Liverani war derselbe Mann.

Schluß.

In diesem Augenblicke öffneten sich die Pforten des Tempels mit einem metallischen Klang und die Unsichtbaren traten Paarweise ein. Die magische Stimme der Harmonika, dieses erst vor Kurzem erfundenen Instruments Alle Welt weiß, daß die Harmonika eine solche Sensation in Deutschland bei ihrem ersten Erscheinen erregte, daß die poetischen Phantasien darin übernatürliche Stimmen hören wollten, welche von den Beschwörern durch gewisse Mysterien hervorgerufen würden. Dieses, ehe es allgemein bekannt wurde, als magisch angesehene Instrument wurde eine Zeit lang von den Adepten der deutschen Theosophie zu denselben göttlichen Ehren erhoben, als die Lyra bei den Alten und viele andere musikalische Instrumente bei den Urvölkern der Himalaya. Sie machten sie zu einer der Hieroglyphen ihrer geheimnißvollen Bilderschrift. Sie stellten sie unter der Gestalt einer phantastischen Chimära dar. Die Neophyten der geheimen Gesellschaften wurden, wenn sie sie, nach den Schrecken und Aufregungen ihrer furchtbaren Prüfungen, zum ersten Male hörten, so heftig bewegt, daß mehrere in Verzückungen verfielen. Sie glaubten den Gesang unsichtbarer Mächte zu hören, denn man verbarg ihnen den Spieler und das Instrument sorgsam. Man findet ungemeine seltsame Einzelnheiten über die außerordentliche Rolle der Harmonika bei den Aufnahmeceremonien der Illuminaten., dessen durchdringender Klang für Consuelo's Sinn noch ein unbekanntes Wunder war, ließ sich in den Lüften hören und schien von der Kuppel herabzusteigen, die dem Mondstrahle und den belebenden Lüften der Nacht offen stand. Ein Blumenregen sank langsam auf das glückliche Paar, das sich in der Mitte dieses feierlichen Marsches befand. Wanda stand neben einem goldenen Dreifuß, aus dem ihre rechte Hand helle Flammen und Wolken von Wohlgerüchen hervorlockte, während die Linke die beiden Enden einer Kette von Blumen und symbolischen Blättern hielt, die um die beiden Liebenden geschlungen war.

Die Häupter der Unsichtbaren, das Gesicht mit ihren langen, rothen Mänteln bedeckt und das Haupt mit denselben Eichenzweigen und Akazienblättern bekränzt, standen mit ausgestreckten Armen da, wie um die Brüder zu empfangen, die im Vorüberziehen vor ihnen sich neigten. Die Häuptlinge besaßen die Majestät der antiken Druiden; doch ihre vom Blute reinen Hände waren nur geöffnet, um zu segnen und eine fromme Ehrfurcht ersetzte in den Herzen der Adepten das fanatische Grauen der Religionen der Vergangenheit.

Während die Eingeweihten vor das ehrwürdige Tribunal traten, nahmen sie die Masken ab, um offenen Gesichts diese erhabenen Unbekannten zu grüßen, die sich ihnen niemals anders offenbart hatten, als durch Handlungen milder Gerechtigkeit, väterlicher Liebe und hoher Weisheit. Ohne Bedauern und ohne Mißtrauen, ihrem Schwure treu, suchten sie nicht mit neugierigen Blicken unter diesen undurchdringlichen Schleiern zu lesen. Wahrscheinlich kannten ihre Adepten diese Magier einer neuen Religion nicht, die in der weltlichen Gesellschaft und im Schooße ihrer eigenen Versammlungen, selbst mit ihnen vermischt, die besten Freunde, die innigsten Vertrauten der Mehrzahl unter ihnen und vielleicht eines Jeden im Besondern waren. Doch in der Ausübung ihres gemeinsamen Cultus war die Person des Priesters für immer verschleiert, wie das Orakel der alten Zeit.

Glückliche Kindheit des naiven Glaubens, gleichsam fabelhafte Morgenröthe geheiligter Conspirationen, welche zu allen Zeiten die Nacht des Mysteriums mit poetischem Dunkel umhüllt! Obgleich kaum ein Jahrhundert uns von dem Dasein dieser Unsichtbaren trennt, ist es für den Geschichtschreiber schon zweifelhaft; doch dreißig Jahr später nahm der Illuminatismus die von dem gemeinen Haufen nicht gekannten Formen wieder auf und das erfindungsreiche Genie seiner Häupter eignete sich die Ueberlieferungen der geheimen Gesellschaften des mystischen Deutschlands an und erschreckte die Welt durch die furchtbarste und bestorganisirte der politischen und religiösen Verschwörungen. Er erschütterte einen Augenblick lang alle Dynastieen auf ihren Thronen und unterlag ebenfalls, der französischen Revolution gleichsam in elektrischer Fortpflanzung seinen erhabenen Enthusiasmus, seinen glühenden Glauben und seinen furchtbaren Fanatismus hinterlassend.

Ein halbes Jahrhundert vor diesem von dem Geschick ausgezeichneten Tage, während die üppige Regierung Ludwigs XV., der philosophische Despotismus Friedrichs II., die sceptische und spottende Herrschaft Voltaire's, die ehrgeizige Diplomatie Maria Theresia's und die ketzerische Duldsamkeit Ganganelli's für lange Zeit der Welt nur Hinfälligkeit, Antagonismus, Chaos und Auflösung zu verkündigen schienen, regte sich vielleicht die französische Revolution im Dunkeln und keimte unter der Erde. Sie pflegte in bis zum Fanatismus gläubigen Geistern den Traum einer universellen Revolution, und während Ausschweifung, Heuchelei oder Unglaube offen die Welt regierten, verwirklichte ein erhabener Glaube, eine herrliche Offenbarung der Zukunft Pläne einer eben so tiefen und vielleicht noch weisern Reform als der Fourierismus und Saint-Simonismus unsrer Tage bereits in einigen Gruppen ausgezeichneter Männer den idealen Begriff einer künftigen Gesellschaft, die derjenigen, welche ihre Wirksamkeit in der Geschichte noch verbirgt und verdeckt, geradezu entgegengesetzt war.

Ein solcher Contrast ist einer der hervorstechendsten Züge des achtzehnten Jahrhunderts, das zu sehr mit Ideen und geistigen Strebungen aller Art erfüllt war, als daß die Synthesis von den philosophischen Geschichtschreibern unserer Tage mit Klarheit und Einsicht hätte erfaßt werden können. Es ist ein Haufe von widersprechenden Documenten und unverstandenen Thatsachen, die beim ersten Anblick ganz unverständlich erscheinen; es sind Quellen, die die Aufregung des Jahrhunderts getrübt hat und die man erst sorgsam reinigen müßte, um den festen Grund wiederzufinden.

Viele kräftige Arbeiter sind unbekannt geblieben und haben in das Grab das Geheimniß ihrer Sendung mitgenommen. Mancher glänzende Ruhm ist der Aufmerksamkeit der Zeitgenossen entzogen worden! Manche herrliche Arbeiten verlangen noch heute die sorgsame Prüfung der Kritiker. Aber nach und nach wird das Licht in die Verwirrung eintreten, und wenn unser Jahrhundert erst zur Selbsterkenntniß kommt, wird es auch das Leben seines Vaters, des achtzehnten Jahrhunderts, dieses ungeheure Logogryph, diesen nebelhaften Brillanten erkennen, wo so viel Feigheit bei so Viel Größe, so viel Weisheit bei so viel Unwissenheit, so viel Barbarei bei so hoher Civilisation, so viel Klarheit bei so tiefem Irrthum, so viel Ernst bei so viel Thorheit, so viel Unglaube bei so viel Glauben, ein so gelehrter Pedantismus bei so frivoler Spottsucht, so viel Aberglaube bei so viel stolzer Vernunft zu finden ist.

Diese Periode von hundert Jahren, welche die Herrschaft der Frau von Maintenon und der Frau von Pompadour, Peter den Großen, Catharina die Zweite, Maria Theresia und die Dubarry; Voltaire und Swedenborg, Kant und Mesmer, Jean Jacques Rousseau und den Cardinal Dubois, Schroepfer und Diderot, Fénélon und Law, Zinzendorf und Leibnitz, Friedrich II. und Robespierre, Ludwig XIV. und Philipp Egalité, Maria Antoinette und Charlotte Corday, Weishaupt, Babeuf und Napoleon sah … Ein furchtbares Laboratorium, wo so viel heterogene Formen in den Schmelztiegel geworfen wurden, daß sie in ihrem ungeheuren Gährungsproceß eine Masse von Rauch ausstießen, in dem wir noch jetzt, eingehüllt in Finsterniß und verworrenen Bildern, hinwandeln.

Consuelo so wenig wie Albert und die unsichtbaren Häuptlinge so wenig als ihre Adepten besaßen ein klares Bild von diesem Jahrhundert, dem sie mit glühender, begeisternder Hoffnung eine völlige Umwandlung bringen wollten. Sie glaubten sich am Vorabend einer evangelischen Republik wie die Schüler Jesu am Vorabende des Reiches Gottes auf Erden, wie die böhmischen Taboriten am Vorabend des Paradieses, wie später der französische Convent am Vorabend einer Propaganda zu stehen glaubte, die siegreich über die ganze Welt sich ausbreiten sollte.

Aber ohne dieses wahnsinnige Vertrauen, wo wäre der hochsinnige Enthusiasmus? und ohne große Thorheit, woher kämen großartige Resultate? wo wäre der Begriff menschlicher Bruderliebe ohne das Utopien des göttlichen Träumers Jesus? Wären wir noch Franzosen ohne die ansteckende Geschichte der begeisterten Johanna von Arc? Hätten wir die ersten Elemente der Gleichheit erobert ohne die Chimären des achtzehnten Jahrhunderts?

Diese geheimnißvolle Revolution, welche die Sekten der Vergangenheit, jede zu ihrer Zeit, geträumt und welche die mystischen Verschwörer des vorigen Jahrhunderts fünfzig Jahre vorher dunkel vorausgesagt hatten, als eine Zeit politischer und religiöser Reform ahnete Voltaire und die ruhig philosophischen Geister seiner Zeit, selbst Friedrich II. nicht, dieser große Schöpfer logischer und kalter Kraft. Die glühendsten wie die weisesten Köpfe waren weit davon entfernt, in der Zukunft zu lesen.

Jean Jacques Rousseau hätte sein Werk verläugnet, wenn er im Traum den Berg und darauf die Guillotine gesehen hätte; Albert von Rudolstadt wäre plötzlich wieder in den lethargischen Wahnsinn des Schreckensteins gefallen, wenn ihm jene blutige Kriegslaufbahn und in ihrem Gefolge Napoleon's Despotismus, die Restauration der alten Zeit und in ihrem Gefolge die Herrschaft der gemeinsten materiellen Interessen offenbart worden wäre; er, der an dem unmittelbaren und unwiderruflichen Umsturz der Schaffote und Gefängnisse, der Kasernen und der Klöster, der Bankhäuser und der Citadellen gearbeitet.

Sie träumten also, diese edlen Kinder und handelten mit aller Kraft ihres Geistes ihrem Traume gemäß. Sie gehörten nicht mehr und nicht weniger ihrem Jahrhundert, als die geschickten Politiker und die weisen Philosophen ihrer Zeit. Sie sahen nicht mehr und nicht weniger als diese die absolute Wahrheit der Zukunft, dieses große Unbekannte, welches ein Jeder von uns mit den Attributen unseres eigenen Geistes schmückt und die uns Alle täuscht und doch auch bestätigt, wenn sie unsern Söhnen, in tausend Farben gekleidet, erscheint, von denen ein jeder von uns ein Stück für ihre kaiserliche Toga bereitet hat.

Glücklicherweise sieht jedes Jahrhundert sie majestätischer, weil jedes Jahrhundert mehr Arbeiter für ihren Triumph hervorbringt. Was die Menschen betrifft, die ihren Purpur zerreißen und sie mit ewiger Trauer bedecken möchten, so vermögen sie nichts gegen sie, sie verstehen sie nicht. Sklaven der Wirklichkeit des Augenblicks, wissen sie nicht, daß die Unsterbliche keine Zeit hat und daß, wer sie nicht träumt so wie sie morgen sein kann, sie niemals sieht, wie sie heute sein muß.

In dem Augenblicke erhabner Freude, wo Consuelo's Augen sich endlich mit Entzücken auf Albert wandten, fühlte sich dieser mit aller Kraft der Gesundheit begabt, von aller Trunkenheit des Glücks getragen und von dem allmächtigen Glauben erfüllt, der Berge versetzen könnte, wenn es in solchen Augenblicken andere Berge zu tragen gäbe, als die Last unserer eigenen vom Rausche des Glücks erschütterten Vernunft.

Consuelo stand endlich vor ihm wie die Galathee des gottgeliebten Künstlers und erwachte zur Liebe und zum Leben. Stumm und gesammelt, ihre Züge von himmlischer Glorie umstrahlt, war sie zum ersten Male ihres Lebens vollkommen und unbestreitbar schön. Eine erhabene Ruhe lag auf ihrer Stirn und ihre großen Augen befeuchteten sich von jener Wollust der Seele, von der die Trunkenheit der Sinne nur ein schwacher Widerschein ist. Sie war nur deshalb so schön, weil sie nicht wußte, was in ihrem Herzen und auf ihrem Gesichte vorging. Albert allein existirte für sie, oder vielmehr sie existirte nur noch in ihm und er allein schien ihr einer unendlichen Achtung und einer unbegrenzten Bewunderung würdig.

Auch hatte sich Albert, während er sie betrachtete, wirklich verändert und wie in ein übernatürliches Strahlengewand gehüllt. Wohl fand sie in der Tiefe seines Blickes die ganze ernste Größe der edlen Schmerzen wieder, die er erlitten hatte; doch dieses Leid der Vergangenheit hatte in seinen Zügen keine Spur körperlichen Schmerzes zurückgelassen. Auf seiner Stirn ruhte die sanfte Heiterkeit des auferstandenen Märtyrers, der die mit seinem Blute geröthete Erde unter seinen Füßen fliehen und den Himmel unendlicher Seligkeit über seinem Haupte sich öffnen sieht. Niemals schuf ein begeisterter Künstler in den schönsten Tagen der antiken oder christlichen Kunst eine edlere Helden- oder Heiligengestalt.

Alle Unsichtbaren blieben von Bewunderung ergriffen, nachdem sie einen Kreis um sie geschlossen, stehen und überließen sich einige Augenblicke lang dem edlen Vergnügen, dieses schöne Paar zu betrachten, dessen Glück vor Gott so rein, vor den Menschen so züchtig war. Dann sangen zwanzig herrliche Männerstimmen nach einem ernsten und einfachen Rhythmus im Chor einen Hochzeitgesang. Die Musik war von Porpora, dem man die Worte zugeschickt hatte, indem man für eine vornehme Hochzeit einen Hochzeitgesang von ihm erbat; man hatte ihn würdig belohnt, ohne daß er wußte, von welchen Händen die Wohlthat kam. Wie Mozart kurz vor seinem Tode einst seine herrlichste Begeisterung für ein geheimnißvoll bestelltes Requiem finden sollte, so hatte Porpora allen Geist seiner Jugend wiedergefunden, um einen Hochzeitgesang zu schreiben, dessen poetisches Geheimniß seine Phantasie wieder erweckt hatte.

Gleich bei den ersten Tacten erkannte Consuelo den Styl ihres geliebten Meisters, und sich mit Mühe von den Blicken ihres Geliebten losreißend, wandte sie sich zu den Koryphäen, um ihren Adoptivvater zu suchen; doch nur sein Geist war da.

Unter denen, die sich zu seinen würdigen Dollmetschern gemacht hatten, erkannte Consuelo mehrere Freunde, Friedrich von Trenck, den Porporino, den jungen Benda, den Grafen Golowkin, Schubart, den Chevalier d'Eon, den sie in Berlin kennen gelernt hatte und dessen wahres Geschlecht ihr eben so wenig, wie dem ganzen Europa bekannt war; die Grafen von Saint-Germain, den Kanzler Cocceji, den Gatten der Barbarini, den Buchhändler Nicolai, Gottlieb, dessen schöne Stimme alle andern beherrschte, endlich Markus, den ein bezeichnender Wink Wanda's ihr deutlich bemerkbar machte und den ein geheimnißvoller Instinkt ihr zuvor in dem Führer hatte erkennen lassen, welcher sie vorstellte und bei ihr die Stelle eines Pathen oder Adoptivvaters vertrat.

Alle Unsichtbaren hatten ihre langen schwarzen Gewänder geöffnet oder über ihre Schultern zurückgeschlagen. Ein roth und weißes Kleid, zierlich und einfach mit einer goldenen Kette geschmückt, an der die Insignien des Ordens hingen, gab ihnen einen herrlichen Anblick. Ihre Maske war um ihre Hand geschlungen, bereit, das Gesicht zu bedecken bei dem geringsten Zeichen des Wächters, der aus der Kuppel des Gebäudes zur Beobachtung ausgestellt war.

Der Sprecher, welcher das Mittleramt zwischen den Häuptern der Unsichtbaren und den Adepten einnahm, demaskirte sich ebenfalls und kam, dem glücklichen Gatten Glück zu wünschen. Es war der Herzog von ***, jener reiche Fürst, der sein Vermögen, seinen Geist und seinen enthusiastischen Eifer dem Werke der Unsichtbaren geweiht hatte. Er war der Wirth ihrer Vereinigung und seine Residenz seit langer Zeit das Asyl von Wanda und Albert, die sich übrigens allen profanen Augen verborgen hielten.

Diese Residenz war zugleich der Mittelpunkt der Operationen des höchsten Gerichts des Ordens, obgleich es noch mehrere andere gab, und wo die etwas zahlreicheren Versammlungen, wenn nicht außerordentliche Fälle eintraten, nur alljährlich in den Tagen des Sommers stattfanden. In alle Geheimnisse der Häuptlinge eingeweiht, handelte der Herzog für sie und mit ihnen; doch er verrieth ihr Incognito nicht, und während er auf sich allein alle Gefahren des Unternehmens nahm, war er ihr Dollmetscher und ihr sichtbarer Berührungspunkt mit den Mitgliedern der Gesellschaft.

Als die Neuvermählten mit ihren Brüdern die herzlichen Glückwünsche der Freude und der Zuneigung getauscht hatten, nahm Jeder wieder seinen Platz ein und der zum Bruder Sprecher wieder gewordene Fürst sprach zu dem mit Blumen bekränzten und vor dem Altare knieenden Paare also:

– Geliebte, theure Kinder, im Namen des allmächtigen, allliebenden und allweisen Gottes und nach ihm im Namen der drei Tugenden, die das Bild der Gottheit in der menschlichen Seele sind: Thätigkeit, Milde und Gerechtigkeit und die sich in der Anwendung in die Formel verkehren: Freiheit, Bruderliebe, Gleichheit; endlich im Namen des Tribunals der Unsichtbaren, das sich der dreifachen Pflicht gewidmet hat: des Eifers, des Glaubens und der Forschung, nämlich der dreifachen Forschung nach den politischen, moralischen und göttlichen Wahrheiten: spreche ich, Albert Podiebrad, Consuelo Porporina, die Bestätigung und Confirmation der Ehe aus, die Ihr in Gegenwart Gottes und Eurer Verwandten und selbst in Gegenwart eines Priesters der Religion auf der Riesenburg den ** des Jahrs 175* geschlossen habt. Diese, vor den Menschen gültige Ehe war nicht gültig vor Gott. Es fehlten drei Dinge: 1) die absolute Hingebung der Gattin, für immer mit einem Gatten zu leben, der sich seiner letzten Stunde zu nähern schien; 2) die Sanktion einer vom Gatten anerkannten und angenommenen religiösen und moralischen Autorität; 3) die Einwilligung einer der gegenwärtigen Personen, deren Namen auszusprechen mir nicht erlaubt ist, die aber mit einem der beiden Gatten durch Bande des Blutes nahe verwandt ist. Wenn diese drei Bedingungen jetzt erfüllt sind und Keiner von Euch einen Anspruch zu erheben oder etwas einzuwenden hat …, so vereinigt Eure Hände und erhebt Euch alle drei, um den Himmel zum Zeugen der Freiheit Eurer Handlung und der Heiligkeit Eurer Liebe zu nehmen.

Wanda, welche immer noch den Brüdern des Ordens unbekannt blieb, ergriff die Hände ihrer beiden Kinder. Ein gleicher Aufschwung von Zärtlichkeit und Enthusiasmus ließ sie alle drei aufstehen, als wären sie nur ein einziger Mensch gewesen.

Die Formeln der Ehe wurden ausgesprochen und die einfachen und rührenden Gebräuche des neuen Cultus mit Andacht erfüllt. Dieses Versprechen einer gegenseitigen Liebe war kein einzelner Art mitten unter gleichgültigen Zuschauern, dem moralischen Bande fremd, das eben gefeiert wurde. Sie waren alle berufen, diese religiöse Weihe zweier Wesen zu heiligen, die durch einen gemeinsamen Glauben mit ihnen verbunden waren.

Sie streckten segnend die Arme über den Gatten aus, faßten sich dann alle zusammen an der Hand und bildeten eine lebendige Kette, eine Kette brüderlicher Liebe und religiöser Vereinigung, um sie, während sie den Schwur aussprachen, ihnen beizustehen, sie zu beschützen, ihre Ehre und ihr Leben zu vertheidigen, sie im Nothfall zu unterstützen, sie mit aller Kraft zum Guten zurückzuführen, wenn sie auf dem Pfade der Tugend straucheln sollten, sie so viel als möglich vor der Verfolgung und den Verführungen von außen bei allen Gelegenheiten, bei allen Begegnissen zu bewahren; endlich sie eben so innig, eben so herzlich und gewissenhaft zu lieben, als wenn sie mit ihnen durch den Namen und durch das Blut vereinigt wären.

Der schöne Trenck sprach diese Formeln in beredten und einfachen Worten für Alle Andere aus; dann fügte er, sich an den Gatten wendend, hinzu:

– Albert, der unheilige und verbrecherische Gebrauch der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft, von der wir uns insgeheim trennen, um sie einst zu uns zu führen, verlangt, daß der Gatte seiner Gattin im Namen einer demüthigenden und despotischen Macht Treue auferlegt. Wenn sie unterliegt, muß er seinen Nebenbuhler tödten; er hat sogar das Recht, seine Gattin zu tödten, das heißt man, den der Ehre zugefügten Flecken mit Blut abzuwaschen.

In dieser alten blinden und verdorbenen Welt ist Jedermann daher der natürliche Feind dieses Glücks und dieser Ehre, die mit solcher Rohheit bewacht werden. Der Freund, der Bruder selbst maßt sich das Recht an, dem Freund und Bruder die Liebe seiner Gefährtin zu entreißen, oder man giebt sich wenigstens das grausame und feige Vergnügen seine Eifersucht zu erregen, seine Wachsamkeit lächerlich zu machen und Mißtrauen und Verwirrung zwischen ihn und den Gegenstand seiner Liebe zu säen.

Hier verstehen wir, du weißt es, die Freundschaft, die Ehre und den Familienstolz besser. Wir sind Brüder vor Gott und derjenige unter uns, welcher auf die Gattin seines Bruders einen verwegenen und anredlichen Blick würfe, hätte in unsern Augen das Verbrechen der Blutschande in seinem Herzen schon gethan.

Hingerissen von ihrer Bewegung zogen alle Brüder ihre Degen und schworen diese Waffe lieber gegen sich selbst zu wenden, als den Schwur zu verletzen, den sie durch Trenck's Mund ausgesprochen hätten. Aber aufgeregt von einer jener begeisterten Gefühle, die der Sibylle einen so großen Einfluß über die Phantasie ihrer Brüder gab und welche oft die Meinungen und die Entscheidungen der Häupter selbst modificirte, durchbrach sie den Kreis und trat in die Mitte.

Ihre stets energische und glühende Rede beherrschte die Versammlung; ihr hoher Wuchs, ihre um ihren abgemagerten Körper wogenden Kleider, ihre majestätische, obgleich wankende Haltung, das krampfhafte Zittern ihres stets verschleierten Hauptes und bei alle dem jene Grazie, welche die selbst verschwundene Schönheit noch verkündigt, jener bei dem Weibe mächtige Reiz, der noch besteht, wenn er auch in Wahrheit schon vergangen ist und selbst dann noch das Herz bewegt, wenn er die Sinne nicht mehr berührt; endlich selbst ihre erloschene Stimme, welche unter der Herrschaft der Begeisterung plötzlich einen wundersamen, eindringenden Klang erhielt, Alles trug dazu bei, aus ihr ein geheimnißvolles Wesen zu machen, das beim ersten Anblick fast Schrecken erregte, bald aber mit einer Ueberzeugungskraft und einem unwiderstehlichen Zauber begleitet war.

Alle schwiegen, um die Stimme der Seherin zu vernehmen, Consuelo war von ihrer Haltung, eben sowie die Uebrigen und vielleicht mehr noch ergriffen, weil sie das Geheimniß ihres seltsamen Lebens kannte. Während ein unwillkürlicher Schauer ihre Glieder ergriff, fragte sie sich, ob dieses dem Grabe entgangene Wesen wirklich der Welt gehöre und ob es nicht nach Ankündigung ihres Orakels mit jener Flamme des Dreifußes, die es mit durchsichtigem und bläulichem Glanze umgab, in die Lüfte verschwimmen würde.

– Verbergt den Schimmer dieser Waffen vor mir! rief die erbebende Wanda. Es sind gottlose Schwüre, welche Werkzeuge des Hasses und des Spottes zum Zeugen nehmen. Ich weiß wohl, der Gebrauch der alten Welt hat dieses Eisen an die Seite eines jeden als frei geachteten Mannes gegeben, als ein Zeichen der Unabhängigkeit und des Stolzes.

Ich weiß wohl, in den Ideen, die Ihr gegen Euern Willen aus dieser alten Welt in Euer neues Dasein mit hinüber genommen habt, ist der Degen das Symbol der Ehre, und Ihr glaubt heilige Verpflichtungen zu übernehmen, wenn Ihr, gleich den Bürgern des alten Roms, bei dem Eisen geschworen habt.

Doch hier ist es eine Entheiligung des erhabenen Schwures. Schwört vielmehr bei der Flamme des Dreifußes. Die Flamme ist das Symbol des Lebens, des Lichts und der göttlichen Liebe; aber braucht Ihr denn noch sichtbare Zeichen und Sinnbilder? seid Ihr noch Götzendiener und stellen die Bilder, die diesen Tempel schmücken, für Euch etwas Anderes dar, als Ideen?

O, beharret vielmehr bei Eurem bessern Gefühl, Eurem bessern Instinkte, bei Eurem eigenen Herzens und wenn Ihr bei dem lebendigen Gott, bei der wahren ewigen und heiligen Religion nicht zu schwören wagt, so schwöret bei der heiligen Menschheit, bei der glorreichen Begeisterung Eures Muthes, bei der Keuschheit dieser jungen Frau und bei der Liebe ihres Gatten.

Schwöret bei dem Genie und der Schönheit Consuelo's, daß Euer Wunsch und selbst Eure Gedanken nie diese heilige Arche der Ehe, diesen unsichtbaren und mystischen Altar entheiligen werden, auf welchem die Hand der Engel den Schwur der Liebe eingräbt und verzeichnet.

– Wißt Ihr, was die Liebe ist? fuhr die Sibylle nach einem Augenblick der Sammlung fort, und mit einer Stimme, die jeden Augenblick klarer und durchdringender wurde.

Wenn Ihr es wüßtet, Ihr ehrwürdigen Häupter unsers Ordens und Diener unsers Bundes, so würdet Ihr in Eurer Gegenwart nie diese Formel einer ehelichen Verpflichtung aussprechen lassen, die Gott allein bestätigen kann und die von den Menschen geheiligt, eine Art Entheiligung des göttlichsten aller Mysterien ist. Welche Kraft könnt Ihr einer Verpflichtung geben, die an sich selbst ein Wunder ist?

Ja, die Vereinigung zweier Willen, die sich in einen einzigen vermischen, ist ein Wunder; denn jede Seele ist kraft des göttlichen Rechts ewig frei. Und doch, sobald zwei Seelen sich einander ergeben und durch die Liebe sich an einander fesseln, wird ihr gegenseitiger Besitz so heilig und ein eben so göttliches Recht, als die individuelle Freiheit.

Ihr seht wohl, hier ist ein Wunder und sein Geheimniß behält sich Gott eben so gut für immer vor, wie das des Lebens und des Todes. Ihr fragt diesen Mann und dieses Weib, ob sie einander für dieses Leben ausschließlich gehören wollen; und ihre Gluth ist so groß, daß sie Euch entgegnen:

– »Nicht allein für dieses Leben, sondern für die Ewigkeit.«

Gott flößt ihnen also durch das Wunder der Liebe weit mehr Glauben, Kraft und Tugend ein, als Ihr von ihnen zu verlangen wagt. Hinweg also mit diesen kirchenschänderischen Eidschwüren und rohen Gesetzen! Laßt ihnen das Ideal und bindet sie in der Wirklichkeit nicht durch die Ketten des Gesetzes. Laßt Gott die Sorge, das Wunder fortzusetzen. Bildet die Gemüther so, daß das Wunder sich an ihnen erfüllen kann: formt sie für das Ideal der Liebe; ermahnt, unterrichtet, rühmt und zeigt den Ruhm der Treue, ohne welche es keine moralische Kraft, keine erhabene Liebe giebt. Aber tretet bei der Ausübung des Schwurs nicht wie katholische Priester, wie die Behörden der alten Welt ein.

Ich sage es Euch abermals, die Menschen können nicht als Bewahrer für die Fortdauer eines Wunders auftreten, noch seine Hüter sein. Was wißt Ihr von den Geheimnissen des Ewigen? Sind wir schon in diesen Tempel der Zukunft getreten, in jene himmlische Welt, wo der Mensch, wie man uns sagt, unter heiligen Schatten mit Gott Zwiesprach halten soll, wie ein Freund mit seinem Freunde? Ist denn das Gesetz der unauflöslichen Ehe aus dem Munde des Herrn hervorgegangen? sind seine Absichten in dieser Hinsicht auf Erden proclamirt worden? Und wir selbst, Kinder der Menschen, haben wir dieses Gesetz einstimmig anerkannt? Haben die Priester Rom's niemals die eheliche Vereinigung gebrochen sie, die sich für unfehlbar ausgeben?

Unter dem Vorwand der Richtigkeit haben diese Priester wahrhaft die Scheidung geheiligt, deren Aergerniß die Geschichte und ihre Jahrbücher aufgezeichnet hat. Und christliche Gesellschaften, reformirte Secten, die griechische Kirche haben nach dem Beispiel des Mosaismus und aller Religionen des Alterthums in unsrer modernen Welt offen das Gesetz der Scheidung angenommen. Was wird denn aus der Heiligkeit und Wirksamkeit eines Gott geleisteten Eides, wenn es erwiesen ist, daß die Menschen uns eines Tages davon lossprechen können?

O, verletzt die Liebe nicht durch die Entheiligung der Ehe; Ihr würdet nichts damit gewinnen, als sie in reinen Herzen zu verlöschen. Heiligt die eheliche Verbindung durch Ermahnungen, durch Gebete, durch eine Oeffentlichkeit, die sie achtungswürdig macht, durch rührende Ceremonien; Ihr müßt es, wenn Ihr unsere Priester, das heißt unsere Freunde, unsere Führer, unsere Rathgeber, unsere Tröster, unser Licht seid.

Bereitet die Gemüther auf die Heiligkeit eines Schwures vor und wie der Familienvater seine Kinder zum Wohlstand, Würde und Sicherheit zu erziehen sucht, so beschäftigt Euch, die Ihr unsere geistlichen Väter seid, eifrig, Eure, Söhne und Töchter in die Verfassung zu bringen, die der Entwickelung der wahren Liebe, Tugend und der erhabenen Treue günstig sind.

Und wenn Ihr ihnen religiöse Prüfungen auferlegt habt, durch die Ihr erkennen könnt, daß nicht Habgier, Eitelkeit, leichtsinniger Sinnenrausch oder Verblendung der vom Ideal abgewendeten Sinne sie zu einander führt; wenn Ihr überzeugt seid, daß sie die Größe ihres Gefühls, die Heiligkeit ihrer Pflichten und die Freiheit ihrer Wahl verstehen, dann erlaubt ihnen, sich einander hinzugeben und gegenseitig ihre unveräußerliche Freiheit zum Opfer zu bringen.

Ihre Familie, ihre Freunde und die große Familie der Gläubigen mögen mit Euch sich vereinigen, diesen Bund zu bestätigen, den der Ernst des Schwurs achtungswürdig machen soll.

Aber achtet wohl auf meine Worte; der Schwur sei eine religiöse Erlaubniß, eine väterliche und sociale Vollmacht, eine Ermuthigung und Ermahnung zur Fortdauer der Verbindung; doch nie ein Gebot, eine Verpflichtung, ein Gesetz mit Drohungen und Züchtigungen, eine auferlegte Sklaverei mit Scandal, Gefängniß und Ketten im Fall der Uebertretung. Auf andere Weise werdet Ihr nie auf Erden das Wunder vollständig und dauernd sich erfüllen sehen.

Die ewig fruchtbringende Vorsehung, der gnädige Gott, unermüdlich in seinem Erbarmen, wird immer junge, glühende und reine Paare Euch zuführen, die bereit sind, sich mit gutem Glauben für Zeit und Ewigkeit zu verbinden. Doch Euer antireligiöses Gesetz und Euer der Menschheit widerstrebender Schwur werden stets in ihnen die Wirkung der Gnade vernichten.

Die Ungleichheit der ehelichen Rechte bei beiden Geschlechtern, eine durch die socialen Gesetze geheiligte Ruchlosigkeit, die durch die öffentliche Meinung aufgestellte Verschiedenheit der Pflichten, die falschen Unterscheidungen der ehelichen Ehre und alle die abgeschmackten Begriffe, welche das Vorurtheil in Folge schlechter Institutionen geschaffen hat, werden stets den Glauben erkälten und den Enthusiasmus der Gatten zerstören; und die Aufrichtigsten, die am willigsten sich der Treue Hingebenden werden am ersten von Schwermuth ergriffen, von der Länge der Verpflichtung erschreckt und gegenseitig entzaubert werden.

Das Abschwören der persönlichen Freiheit ist in der That dem Willen der Natur und der Forderung des Gewissens entgegen, sobald die Menschen dazwischen treten, weil sie das Joch der Rohheit und Unwissenheit mit sich bringen! es stimmt aber mit dem Wunsch edler Herzen und ist den religiösen Trieben starker Willen nothwendig, wenn Gott uns die Mittel giebt, gegen alle Versuchungen zu kämpfen, mit denen die Menschen die Ehe umgeben haben, um daraus das Grab der Liebe, des Glücks und der Tugend, eine beschworene Prostitution zu machen, wie unsere Väter, die Lolharden, sagten, die Ihr wohl kennt und auf die Ihr Euch oft bezieht. Gebt also Gott was Gottes ist und nehmt dem Kaiser, was nicht des Kaisers ist.

Und Ihr, meine Söhne, sagte sie, auf den Mittelpunkt der Gruppe zutretend, die Ihr geschworen habt, dem Ehebunde nicht zu nahe zu treten, Ihr habt damit einen Schwur geleistet, dessen Wichtigkeit Ihr vielleicht nicht begriffen habt. Ihr gehorchtet einem edlen Gefühl und entspracht begeistert dem Anruf der Ehre. Das ist Eurer würdig, Schüler eines siegreichen Glaubens. Aber wisset jetzt, daß Ihr damit mehr gethan habt, als eine bloße Handlung persönlicher Tugend. Ihr habt ein Princip geheiligt, ohne welches Keuschheit und eheliche Treue niemals möglich sind. Dringt also tief in den Geist eines solchen Schwurs und erkennt, daß keine wahrhafte, persönliche Tugend möglich ist, so lange die Glieder der Gesellschaft sich nicht gegenseitig für die Tugend verbindlich machen.

O, Liebe, göttliche Flamme! so mächtig und so vergänglich, so plötzlich und so flüchtig! Blitz des Himmels, der unser Leben durchdringen zu müssen scheint und vor seinem Ende in uns erlischt, aus Furcht, uns zu verzehren und zu vernichten! Wir Alle fühlen wohl, daß du das von Gott selbst ausgegangene und belebende Feuer bist und daß derjenige unter uns, der dich in seinem Busen festhalten und bis zu seiner letzten Stunde dich eben so glühend und vollständig erhalten könnte, der Glücklichste und der Größte unter den Menschen wäre.

Daher werden die Zöglinge des Ideals immer suchen, dir in ihren Seelen ein Heiligthum zu bereiten, in dem du dich gefällst, damit du nicht eilst, sie zu verlassen, um zum Himmel aufzusteigen. Aber ach, du, aus der wir eine Tugend, eine der Grundlagen der menschlichen Gesellschaften gemacht haben, um dich nach unserm Wunsche zu ehren, du hast dich doch nicht nach dem Willen unserer Gesetze fesseln lassen wollen und bist frei geblieben, wie der Vogel in den Lüften, launisch wie die Flamme auf dem Altar. Du scheinst unserer Schwüre, unserer Verträge, unseres Willens sogar zu lachen. Du fliehst uns, trotz Allem, was wir erfunden haben, um dich in unsern Sitten festzuhalten. Du wohnst eben so wenig in dem von wachsamen Hütern umgebenen Harem, als in der christlichen Familie, welche zwischen der Drohung des Priesters, dem Urtheil des Richters und dem Joch der öffentlichen Meinung gestellt ist.

Woher kommt denn deine Unbeständigkeit und deine Undankbarkeit, geheimnißvoller Zauber, Liebe, grausam symbolisirt unter den Zügen eines kindlichen, blinden Gottes? Welche Zärtlichkeit und welche Verachtung flößen dir denn abwechselnd diese menschlichen Herzen ein, die du alle mit deinem Feuer entzündest und fast alle verlässest, um sie in der Qual der Sehnsucht, der Neue, oder des noch gräßlicheren Widerwillens sterben zu lassen?

Woher kommt es, daß man dich auf dem ganzen Erdkreis knieend verehrt, dich verherrlicht und zum Gott macht, daß die göttlichen Dichter dich besingen, als die Weltseele, daß barbarische Völker dir Menschenopfer bringen, indem sie die Wittwen in den Holzstoß stürzen, der die Leiche des Gatten verzehrt, daß die jungen Herzen dich in ihren süßen Träumen anrufen und die Greise dem Leben fluchen, wenn du sie dem Grauen der Einsamkeit überlässest?

Woher kommt dieser bald erhabene, bald fantastische Cultus, den man dir von der goldenen Kindheit der Menschheit bis zu unserm eisernen Zeitalter weiht, wenn du nur eine Chimäre, der Traum eines trunkenen Augenblicks, der Irrthum der vom Sinnenrausch erglühten Phantasie bist? –

O, du bist ja kein gemeiner Instinkt, kein bloßes Bedürfniß animalischen Lebens! Nein, du bist nicht das blinde Kind des Heidenthums, du bist der Sohn des wahren Gottes und selbst das Element der Gottheit! Aber du hast dich uns nur noch in den Wolken des Irrthums offenbart und deine Wohnung unter uns nicht aufschlagen wollen, weil du nicht entheiligt werden wolltest.

Du wirst wiederkehren, wie zu den fabelhaften Zeiten Astrea's, wie in den Träumen der Dichter und in unserm irdischen Paradies wohnen, wenn wir durch erhabene Tugenden die Gegenwart eines Gastes wie du verdient haben.

O, wie süß wird dann der Aufenthalt auf der Erde dem Menschen werden, und wie herrlich, darauf geboren zu sein! Wenn wir Alle Brüder und Schwestern sind, wenn die Vereinigungen nur durch die Kraft, die man aus dir schöpft, frei geschlossen und treu gehalten werden; wenn statt des entsetzlichen, unmöglichen Kampfes, den die eheliche Treue gegen die gottlosen Versuchungen der Ausschweifung, der heuchlerischen Verführung der zügellosen Gewalt, heimtückischer Freundschaft und kluger Sittenlosigkeit führen muß, jeder Gatte nur keusche Schwestern um sich her findet, eifersüchtige und zartsinnige Hüterinnen des Glücks einer Schwester, die sie ihm zur Gefährtin gegeben haben, während jede Gattin in den andern Männern eben so viel Brüder ihres Gatten, die glücklich und stolz über ihr Glück sind, ebensoviel geborene Beschützer ihrer Ruhe und ihrer Würde findet, dann wird das treue Weib nicht mehr die einsame Blume sein, die sich verbirgt, um den gebrechlichen Schatz ihrer Ehre zu bewahren, das oft verlassene Opfer, das sich in Einsamkeit und Thränen verzehrt, machtlos in dem Herzen ihres Geliebten die Flamme wieder zu beleben, die sie in dem ihrigen rein bewahrt hat.

Dann wird der Bruder nicht mehr gezwungen sein, seine Schwester zu rächen und denjenigen, den sie liebt und ersehnt, zu tödten, um ihr den Schein einer falschen Ehre wiederzugeben; dann wird die Mutter nicht mehr für ihre Tochter zittern, die Tochter nicht mehr über ihre Mutter erröthen; dann besonders wird der Gatte nicht mehr argwöhnisch und despotisch sein und die Gattin ihrerseits die Bitterkeit des Opfers und den Groll der Sclaverei abschwören.

Furchtbare Leiden, abscheuliche Ungerechtigkeiten werden nicht mehr das heitere und ruhige Heiligthum der Familie beflecken. Die Liebe wird dauern können, und wer weiß! vielleicht vermag der Priester und der Richter, mit Grund dem dauernden Opfer der Liebe vertrauend, dann im Namen Gottes selbst mit eben so viel Weisheit und Gerechtigkeit unauflösliche Verbindungen zu weihen, als er es jetzt ohne sein Wissen mit Gottlosigkeit und Thorheit thut.

Aber diese Tage der Vergeltung sind noch nicht gekommen. Hier in dem geheimnißvollen Tempel, in welchem wir uns nach dem Worte des Evangeliums drei oder vier im Namen des Herrn vereinigt haben, können wir nur die Tugend träumen und sie unter uns versuchen. Diese äußere Welt, die uns mit Verbannung, Gefangenschaft oder Tod strafen würde, wenn sie in unsere Geheimnisse eindränge, können wir nicht zur Heiligung unserer Versprechungen und zur Sicherung unserer Institutionen anrufen. Ahmen wir ihre Unwissenheit und Tyrannei nicht nach.

Heiligen wir die eheliche Liebe dieser beiden Kinder, die im Namen des lebendigen Gottes, des Gebers aller Liebe, von uns den Segen der väterlichen und brüderlichen Liebe verlangen. Geben wir ihnen Vollmacht, sich eine ewige Treue zu versprechen, aber schreibt ihren Schwur nicht in ein Buch des Todes, um ihn in der Folge durch Schrecken und Zwang ihnen ins Gedächtniß zurückzurufen. Laßt Gott den Hüter sein; sie selbst müssen ihn alle Tage ihres Lebens anrufen, damit er in ihnen das heilige Feuer unterhalte, das er auf sie hat niedersteigen lassen.

– Das erwartete ich von dir, gottbegeisterte Sibylle! rief Albert, seine durch die so lange und mit solcher Kraft der Ueberzeugung gesprochene Rede erschöpfte Mutter in seine Arme aufnehmend.

Ich erwartete das Geständniß jenes Rechts, das du mir gewährst, derjenigen, die ich liebe, Alles zu versprechen, Du erkennst es an, es ist mein theuerstes, mein heiligstes Recht. Ich verspreche ihr also, ich schwöre ihr, sie mein ganzes Leben lang einzig und treu zu lieben und nehme Gott zum Zeugen. Sage mir, Prophetin der Liebe, ob es keine Lästerung ist.

– Du stehst unter der Macht des Wunders, antwortete Wanda. Gott segne deinen Schwur, denn er ist es, der dich mit dem Glauben begabt, ihn auszusprechen. Immer ist das leidenschaftlichste Wort, welches den Liebenden auf die Lippen tritt, in der Begeisterung ihrer göttlichen Freuden. Es ist ein Orakel, das dann ihrem Busen entschlüpft. Die Ewigkeit ist das Ideal der Liebe wie das des Glaubens. Niemals erreicht das menschliche Herz besser den höchsten Gipfel seiner Macht und seiner Klarheit, als in dem Enthusiasmus einer hohen Liebe. Das Immer der Liebenden ist also eine innere Offenbarung, eine göttliche Manifestation, die ihr erhabenes Licht und ihre wohlthuende Wärme auf alle Augenblicke ihrer Vereinigung werfen soll. Wehe Demjenigen, der diese heilige Formel entweiht! Er sinkt aus dem Zustand der Gnade in den der Sünde, er verlöscht den Glauben, das Licht, die Kraft und das Leben in seinem Herzen.

– Und ich, sagte Consuelo, ich nehme deinen Schwur an, Albert! und beschwöre dich, den meinigen zu empfangen. Auch ich fühle mich unter der Herrschaft des Wunders und dieses Immer unsers kurzen Lebens scheint mir nichts gegen die Ewigkeit, für welche ich mich dir ergebe.

– Erhabene Verwegene! sprach Wanda mit einem Lächeln der Begeisterung, das unter ihrem Schleier hervorzuleuchten schien, verlange von Gott die Ewigkeit mit dem, den du liebst, zum Lohn deiner Treue gegen ihn in diesem kurzen Leben.

– Ach ja! rief Albert, zum Himmel die Hand seiner Gattin mit der seinigen verschlungen emporhebend; das ist das Ziel, die Hoffnung und der Lohn! Großartig und glühend sich in dieser Phase des Daseins lieben, um die Verheißung zu erhalten, sich in andern wieder zu finden und sich abermals zu vereinigen! O, ich fühle es wohl, daß dies nicht der erste Tag unserer Vereinigung ist, daß wir uns schon geliebt, schon besessen haben in einem frühern Leben. So viel Gluth ist keine Gabe des Zufalls. Die Hand Gottes bringt uns zu einander und vereinigt uns als die beiden Hälften eines einzigen in der Ewigkeit unzertrennlichen Wesens.

Nach der Feier der Vermählung und obgleich die Nacht schon weit vorgeschritten war, ging man zur Feier der definitiven Einweihung Consuelo's im Orden der Unsichtbaren; dann entfernten sich die Mitglieder des Tribunals und man zerstreute sich in die Alleen des heiligen Haines, um bald wiederzukehren, und das Banquet des Brudermales einzunehmen. Der Fürst ( der Bruder Sprecher) führte den Vorsitz und nahm es über sich, Consuelo die tiefsinnigen und rührenden Symbole zu erklären.

Das Mahl wurde von treuen Dienern aufgetragen, die in einem gewissen Grad dem Orden angehörten. Karl stellte Consuelo Mattheus vor und sie sah endlich sein ehrliches, sanftes Gesicht unbedeckt. Aber sie bemerkte mit Bewunderung, daß diese achtungswerthen Diener von den Brüdern der andern Grade nicht als Untergebene behandelt wurden. Zwischen ihnen und den ausgezeichneten Personen des Ordens herrschte, was auch ihr Rang in der Welt sein mochte, kein Unterschied.

Die dienenden Brüder, wie man sie nannte, erfüllten gern und freudig die Geschäfte eines Mundschenken und eines Haushofmeisters. Sie wachten über die Ordnung des Dienstes, wie die Gehülfen, welche in der Kunst, ein Festmahl zu ordnen, ein begründetes Urtheil haben; und dieses sahen sie überdies wie eine religiöse Ceremonie, wie ein christliches Osterfest an. Sie fühlten sich also durch diesen Dienst nicht mehr gedemüthigt als die die Opfer leitenden Leviten eines Tempels.

Sobald sie die Tafel wieder versehen hatten, setzten sie sich selbst, nicht an abgesonderte, für sie besonders bezeichnete Plätze, sondern an die unter den Gästen selbst für sie aufbewahrten Orte. Es rief sie Jeder zu sich, der sich das Vergnügen machen wollte, ihre Schaale und ihren Teller zu füllen.

Wie bei den Festmahlen der Freimaurer, führte man nie die Schaale an die Lippen, ohne einen edlen Gedanken, ein schönes Gefühl oder einen erhabenen Wunsch auszusprechen. Aber das abgemessene Geräusch, die kindischen Gebärden der Freimaurer, der Hammer, das Kauderwelsch der Toaste und die fremde Benennung der Werkzeuge, waren von diesem Feste verbannt, das unter herzlichen und ernsten Gesprächen verging.

Die dienenden Brüder beobachteten eine Haltung, die achtungsvoll ohne Wegwerfung und bescheiden ohne Zwang war. Karl fand seinen Platz während eines Ganges zwischen Albert und Consuelo. Gerührt bemerkte die Letztere, außer der Mäßigkeit und guten Haltung, auch einen außerordentlichen Fortschritt in der geistigen Bildung dieses braven Bauern, der durch sein Herz der Erziehung fähig geworden und durch eine rasche, bewundernswürdige Entwicklung des Gefühls in gesunde Begriffe der Religion und Moral eingeweiht worden war.

– O mein Freund! sagte sie zu ihrem Gatten, als der Deserteur den Platz gewechselt hatte, und Albert sich wieder ihr näherte, das ist also der von der preußischen Miliz geschlagene Sclave, der rohe Holzschläger aus dem Böhmerwald, der Mörder Friedrichs des Großen! Lichtvoller, milder Unterricht hat in so wenig Tagen einen gerechten, frommen und verständigen Menschen statt eines Banditen aus ihm gemacht, den die rohe Gerechtigkeit der Nationen zum Mord getrieben und mit der Peitsche und dem Galgen gebessert hätte

– Edle Schwester, sagte der, in diesem Augenblicke zu Consuelo's rechter Hand sitzende Fürst, Sie haben diesem von der Verzweiflung irre geführten, aber mit den edelsten Gefühlen begabten Herzen in Roswald wichtige Lehren über Religion und Erbarmen gegeben. Seine Erziehung war hernach leicht und schnell; und wenn wir ihm etwas Gutes zu lehren hatten, ergab er sich schon im Voraus gern, indem er sagte:

– »Das hat mir auch die Signora gesagt!«

Sein Sie versichert, es ist leichter als man glaubt, die rohesten Menschen aufzuklären und zu moralisiren, wenn man es nur will. Ihre Lage verbessern, ihnen Selbstachtung einflößen, indem man sie zu achten und zu lieben anfängt, verlangt nur eine aufrichtige Menschenliebe und die Achtung der Menschenwürde.

Doch Sie sehen, daß diese guten Leute nur erst untern Graden angehören; wir richten uns nach ihrer Fassungskraft und ihrem Fortschritt in der Tugend, um sie mehr oder weniger in unsere Mysterien einzuweihen. Der alte Mattheus steht zwei Grade höher als Karl; und wenn er den, dem er jetzt angehört, nicht überschreitet, so geschieht das nur, weil sein Geist und sein Herz ihm nicht weiter zu gehen erlauben.

Niedrige Herkunft oder geringe gesellschaftliche Stellung werden uns nie zurückhalten; Sie sehen Gottlieb, den Schuhmacher, den Sohn des Kerkermeisters in Spandau, in demselben Grade wie Sie, obgleich er in meinem Hause, aus Neigung und Gewohnheit, untergeordnete Geschäfte führt. Seine lebhafte Einbildungskraft, sein Eifer für Studien, seine Begeisterung für die Tugend, kurz die unvergleichliche Schönheit der Seele, die diesen armseligen, häßlichen Körper bewohnt, haben ihn schnell würdig gemacht, im Innern des Tempels als einer unseres Gleichen und als Bruder behandelt zu werden.

Dem edlen Kinde konnten wir an Tugenden und Ideen fast nichts mehr geben. Im Gegentheil hatte er zu viel; wir mußten in ihm ein Uebermaaß von Aufregung besänftigen und ihn von den moralischen und physischen Krankheiten heilen, die ihn zum Wahnsinn geführt hätten. Die Immoralität seiner Umgebung und die Verdorbenheit der bestehenden Welt hatten ihn aufgereizt, ohne ihn zu verderben; doch wir allein, mit dem Geist Jakob Böhme's und der wahren Aufklärung seiner tiefsinnigen Symbole bewaffnet, wir konnten ihn überzeugen, ohne den Zauber zu stören, und die Auswüchse seiner mystischen Poesie entfernen, ohne seinen Eifer und seinen Glauben zu erkälten.

Sie müssen bemerken, daß die Heilung seiner Seele auf seinen Körper zurückgewirkt hat, daß wie durch Zauberei seine Gesundheit wiedergekommen ist und seine seltsame Gestalt sich schon umgewandelt hat.

Nach dem Mahle nahm man die Mäntel wieder und erging sich an dem sanften Abhang des Hügels, den der heilige Hain beschattete. Die Ruinen der alten, für die Prüfungen aufbehaltenen Burg beherrschten diese schöne Gegend, in der Consuelo nach und nach die Fußsteige wieder erkannte, die sie kurz zuvor in der Gewitternacht durcheilt war. Die reichhaltige Quelle, die aus einer roh in den Felsen gehauenen Grotte entsprang und einst einer abergläubischen Verehrung geweiht war, lief murmelnd durch das Haidekraut nach dem Ausgang des Thales, wo sie den hübschen Bach bildete, den die Gefangene des Pavillons so gut kannte. Die von Natur mit feinem, jetzt vom Mond versilberten Sande bestreuten Alleen durchkreuzten in allen Richtungen das Gebüsch, wo die herumwandelnden Gruppen sich begegneten, sich mischten und anmuthige Gespräche wechselten.

Ein hohes Gitterwerk verschloß diesen Raum, dessen reicher und umfangreicher Kiosk für ein Studienkabinet, den Lieblingsaufenthalt des Fürsten galt und den Müssiggängern und Neugierigen untersagt war. Auch die dienenden Brüder ergingen sich gruppenweise, doch mehrentheils an dem Gitterwerke, um zu beobachten und die Brüder zu benachrichtigen, im Fall ein Ungeweihter sich nähern sollte. Diese Gefahr war nicht sehr zu fürchten. Der Fürst schien sich nur mit Freimaurerei zu beschäftigen, wie er es auch in der That, nur auf eine untergeordnete Weise, that; doch die Freimaurerei war damals durch die Gesetze geduldet und von den Fürsten, die darin eingeweiht waren oder nur sich dafür hielten, beschützt. Niemand ahnte die Bedeutung der höhern Grade, die, von Stufe zu Stufe, bis zum Tribunal der Unsichtbaren führten.

Uebrigens beschäftigte in diesem Augenblicke das öffentliche Fest, welches in der Ferne die Façade des herzoglichen Palastes erleuchtete, die zahlreichen Gäste des Fürsten zu sehr, als daß man daran gedacht hätte, die glänzenden Säle und neuen Gärten mit den Felsen und Ruinen des alten Parks zu vertauschen. Die junge Markgräfin von Bayreuth, die vertraute Freundin des Herzogs, machte in seinem Namen die Honneurs des Hauses. Er hatte eine Unpäßlichkeit vorgeschützt, um zu verschwinden; und gleich nach dem Banket der Unsichtbaren ging er, bei dem Soupe seiner hochgebornen Gäste des Palastes zu präsidiren.

Als Consuelo, auf Alberts Arm gestützt, in der Ferne die Lichter glänzen sah, erinnerte sie sich an Anzoleto und klagte sich in Gegenwart ihres Gatten, der es ihr vorwarf, naiv an, einen Augenblick lang gegen den geliebten Gefährten ihrer Kindheit grausam und spöttisch gewesen zu sein.

– Ja, sagte sie, es war eine strafbare Bewegung; aber ich war in jenem Augenblicke sehr unglücklich. Ich war entschlossen mich dem Grafen Albert zu opfern und die boshaften und grausamen Unsichtbaren warfen mich noch einmal dem gefährlichen Liverani in die Arme. Ich hatte den Tod im Herzen. Ich fand denjenigen mit Entzücken wieder, von dem ich mich mit Verzweiflung trennen mußte, und Markus wollte mich von meinem Schmerze abziehen, indem er mich den schönen Anzoleto bewundern ließ.

Ach, ich hätte nie geglaubt, daß ich ihn mit solcher Gleichgültigkeit wiedersehen könnte! Aber ich bildete mir ein, zur Prüfung verurtheilt zu sein, mit ihm zu singen, und ich war bereit ihn zu hassen, weil er mir auf diese Weise den letzten Augenblick, den letzten Traum meines Gefühls entriß.

Jetzt, lieber Freund, könnte ich ihn ohne Bitterkeit wiedersehen und ihn mit Nachsicht behandeln. Das Glück macht so gut und milde! Könnte ich ihm eines Tages nützlich sein und ihm ernste Liebe für seine Kunst, wenn auch nicht Geschmack an der Tugend einflößen!

– Warum daran verzweifeln? fragte Albert. Erwarten wir einen Tag des Unglücks und der Verlassenheit. Jetzt, mitten in seinen Triumphen, würde er taub für die Rathschläge der Weisheit sein. Doch wenn er seine Stimme und seine Schönheit verloren hat, können wir uns seiner Seele vielleicht bemächtigen.

– Uebernimm du diese Bekehrung, Albert.

– Nicht ohne dich, liebe Consuelo.

– Fürchtest du denn die Erinnerungen der Vergangenheit nicht?

– Nein, ich bin so anmaßend, daß ich nichts fürchte. Ich stehe unter der Macht des Wunders.

– Und auch ich, Albert, kann an mir selbst nicht zweifeln! O du hast wohl Recht ruhig zu sein«

Der Tag begann anzubrechen und die reine Luft des Morgens ließ sich durch tausend Wohlgerüche fühlen. Man war in den schönsten Tagen des Sommers. Die Nachtigallen sangen im Gebüsche und antworteten sich von einem Hügel zum andern. Die Gruppen, die sich jeden Augenblick um die beiden Gatten bildeten, fügten, statt ihnen lästig zu sein, zu dem Rausch ihres eigenen Entzückens die sanften Freuden einer brüderlichen Freundschaft oder wenigstens des zartesten Mitgefühls hinzu.

Alle bei diesem Feste anwesenden Unsichtbaren wurden Consuelo als Glieder ihrer neuen Familie vorgestellt. Es war die Elite der Talente, der Geisteskräfte und Tugenden des Ordens: die Einen in der äußern Welt hochberühmt, andere in niedern Stellungen in dieser, aber ausgezeichnet durch ihre Wirksamkeit und ihre Kenntnisse in dem Tempel. Plebejer und Patricier in zarter, inniger Freundschaft verbunden.

Consuelo mußte ihre wahren Namen und die noch poetischern erfahren, die sie in ihren geheimnißvollen, brüderlichen Beziehungen führten: es waren Hesperus, Ellops, Päon, Hylas, Euryale, Bellerophon &c. Niemals hatte sie sich in einem so zahlreichen und auserwählten Kreise edler Seelen und interessanter Charaktere gesehen. Die Berichte, die sie von ihren Arbeiten bei der Propaganda, von den Gefahren, denen sie getrotzt und ihren errungenen Resultaten gaben, hatten für sie den Reiz eben so vieler Dichtungen, von denen sie nicht geglaubt hätte, sie seien mit dem unverschämten und verderbten Lauf der Welt, die sie kennen gelernt hatte, je vereinbar.

Die Zeichen der Freundschaft und Achtung, die oft wahrhaft herzlich und innig rührend waren und nie mit der geringsten Annäherung an die herkömmliche Galanterie, mit der geringsten Andeutung gefährlicher Vertraulichkeit befleckt wurden, die erhabene Sprache, der Reiz der Beziehungen, in denen Gleichheit und Bruderliebe in ihrem erhabensten Ausdruck realisirt waren; die schöne goldene Morgenröthe, die sich am Himmel wie in dem geistigen Leben erhob – das Alles trat in das Dasein Consuelo's und Alberts wie ein göttlicher Traum.

Arm in Arm verschlungen, dachten sie nicht daran, sich von ihren theuren Brüdern zu entfernen. Ein geistiger Rausch, sanft und mild wie die Morgenluft, erfüllte ihre Brust und ihre Seele. Die Liebe füllte ihren Busen zu sehr, um ihn erbeben zu lassen.

Trenck erzählte die Leiden seiner Gefangenschaft in Glatz und die Gefahren seiner Flucht. Wie Consuelo und Haydn im Böhmerwald, hatte er Polen durchstrichen, aber bei strenger Kälte, mit Lumpen bedeckt und mit einem verwundeten Gefährten, dem liebenswürdigen Schell, den seine Denkwürdigkeiten uns seitdem als den angenehmsten der Freunde geschildert haben. Er hatte die Violine gespielt, um Brod zu erhalten und wie Consuelo an den Ufern der Donau bei den Bauern als Minstrel gedient.

Dann sprach er ganz leise von der Prinzessin Amalie, von seiner Liebe und seinen Hoffnungen. Armer Trenck! Er ahnte das furchtbare Gewitter, das sich über seinem Haupte zusammenzog, eben so wenig als das glückliche Paar, das bestimmt war, aus diesem schönen Traum einer Sommernacht zu einem Leben voll Kämpfe, Täuschungen und Leiden überzugehen!

Der Porporino sang unter den Cypressen eine von Albert zum Gedächtniß der Sache der Märtyrer componirte herrliche Hymne; der junge Benda begleitete ihn auf der Violine; Albert selbst ergriff das Instrument und entzückte die Zuhörer mit einigen Tönen. Consuelo konnte nicht singen; sie weinte vor Freude und Enthusiasmus.

Der Graf von Saint-Germain erzählte von den Gesprächen des Johannes Huß und Hieronymus von Prag mit einer Wärme, Beredtsamkeit und Weisheit, daß, wer ihn hörte, glauben mußte, er sei dabei gegenwärtig gewesen. In solchen Stunden der Aufregung und des Entzückens streitet der traurige Verstand nicht gegen die Täuschungen der Poesie.

Der Chevalier d'Eon malte mit scharfen Zügen und entzückendem Reiz das Elend und die Lächerlichkeiten der erlauchtesten Tyrannen Europa's und die Laster der Höfe und die Schwächen dieses socialen Gebäudes, das dem Enthusiasmus so leicht dünkte, unter seinem glühenden Ausflug zu beugen.

Der Graf Golowkin schilderte anmuthig das große Gemüth und die komischen Fehler seines Freundes Jean Jacques Rousseau. Dieser philosophische (in unseren Tagen würde man sagen excentrische) Edelmann hatte eine sehr schöne Tochter, die er nach seinen Ideen erzog und die abwechselnd bald Emil, bald Sophie, bald der schönste Knabe, bald das reizendste Mädchen war. Er sollte sie zur Einweihung vorstellen und Consuelo mit ihrer Unterweisung beauftragen.

Zinzendorf setzte die Organisation und die evangelischen Sitten seiner herrnhutischen Brüdergemeinden auseinander. Er fragte achtungsvoll Albert über mehrere Schwierigkeiten um Rath und die Weisheit selbst schien aus dessen Munde zu sprechen. Er ward ja durch die Gegenwart und den sanften Blick seiner Freundin begeistert.

Er schien Consuelo ein Gott. Er vereinigte für sie allen Zauber: Philosoph und Künstler, erprobter Martyr, triumphirender Heros, ernst wie ein Weiser des Porticus, schön wie ein Engel, heiter und ungekünstelt zuweilen wie ein Kind, wie ein glücklich Liebender, kurz vollkommen wie ein Mann, den man liebt!

Als Consuelo an die Pforte des Tempels klopfte, hatte sie geglaubt, vor Aufregung und Ermattung sterben zu müssen. Jetzt fühlte sie sich stark und kräftig wie zur Zeit, als sie an der Küste des adriatischen Meeres, in aller Kraft ihrer Jugend, unter einer brennenden Sonne spielte, die von dem Hauche des Meeres gemäßigt war. Es schien, als wenn das Leben in all seiner Macht, das Glück in all seiner Innigkeit sich ihrer durch alle Fibern bemächtigt hätte und daß sie es aus allen Poren wieder ausathme. Sie zählte die Stunden nicht: sie hätte gewünscht, diese zaubervolle Nacht endige nie. Warum kann man die Sonne unter dem Horizonte nicht aufhalten in manchen Nächten, wo man sich in der ganzen Fülle des Seins fühlt und wo alle Träume des Enthusiasmus verwirklicht oder realisirbar scheinen?

Endlich färbte sich der Himmel mit Purpur und Gold; eine silberne Glocke benachrichtigte die Unsichtbaren, daß die Nacht ihnen ihren schützenden Schleier entzöge. Sie sangen noch eine Hymne an die aufgehende Sonne, dem Sinnbilde des neuen Tages, den sie für die Welt träumten und vorbereiteten. Dann nahmen sie zärtlich Abschied von einander und verabredeten sich, die Einen in Paris, die Andern in London, Andere in Madrid, Wien, St. Petersburg, Warschau, Dresden, Berlin wiederzusehen. Alle versprachen, in Jahresfrist an demselben Tage an der Pforte des gesegneten Tempels mit neuen Neophyten oder alten, jetzt abwesenden Brüdern sich wieder einzufinden. Dann schlugen sie die Mäntel dichter über einander, um ihre elegante Kleidung zu verbergen und zerstreuten sich geräuschlos auf den schattigen Fußsteigen des Parks.

Albert und Consuelo, von Markus geleitet, stiegen die Schlucht bis zum Bache hinab; Karl nahm sie in seiner verschlossenen Gondel auf und führte sie bis zum Pavillon, auf dessen Schwelle sie einen Augenblick still standen, um das majestätische Gestirn zu betrachten, das am Himmel aufstieg. Bis dahin hatte Consuelo, wenn sie den leidenschaftlichen Worten Alberts antwortete, ihm stets seinen wahren Namen gegeben; aber als er sie der Betrachtung entzog, in der sie sich zu vergessen schien, konnte sie ihm, während sie ihre brennende Stirn an seine Achsel lehnte, nur sagen: » O Liverani!«

Ende des sechsten Theils.

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