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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Fünfter Theil.

—————

1.

Am folgenden Tage klopfte das Rothkehlchen gegen Mitternacht mit dem Schnabel und den Pfötchen an Consuelo's Fenster. In dem Augenblick, wo sie es öffnete, bemerkte sie den über seine orangenfarbene Brust gekreuzten schwarzen Faden, und mit einer unwillkürlichen Bewegung streckte sie die Hand nach ihm aus. Aber sogleich zog sie sie wieder zurück und sagte:

– Geh, Unglücksbote, geh, armer unschuldiger Träger strafbarer Briefe und verbrecherischer Worte. Ich würde vielleicht den Muth nicht haben, einem letzten Lebewohl nicht zu antworten. Ich darf nicht einmal meine Sehnsucht und meinen Schmerz zeigen.

Sie entfloh in den Musiksalon, um dem geflügelten Versucher zu entgehen, der, an eine bessere Aufnahme gewöhnt, in einer Art von Zorn an den Scheiben herumflatterte und dagegen stieß. Sie setzte sich an das Klavier, um das Geschrei und die Vorwürfe ihres Lieblings nicht zu hören, der ihr an die Fenster dieses Zimmers gefolgt war, und sie empfand etwas dem Angstgefühl einer Mutter Aehnliches, welche ihr Ohr den Klagen und Bitten ihres zur Strafe eingesperrten Kindes verschließt.

Doch nicht blos der Unmuth und der Kummer des Rothkehlchens sprach in diesem Augenblick zur armen Consuelo. Das Billet, das unter seinem Flügel ruhte, ließ sich mit einer weit herzzerreißenderen Stimme hören, und diese Stimme schien zu weinen und zu klagen, um die phantastische Gefangene zur Aenderung ihres Entschlusses zu bringen.

Demungeachtet widerstand sie; doch es liegt in der Natur der Liebe, durch Hindernisse nur noch heftiger zu werden und von Neuem den Angriff und immer gebieterischer, immer siegreicher nach jedem unserer Siege zu versuchen. Man könnte sagen, der Widerstand verschaffe ihr immer kräftigere Waffen.

Gegen drei Uhr kam Mattheus mit einem großen Blumenstrauße, den er jeden Tag seiner Gefangenen brachte (denn im Grunde liebte er sie ihrer Sanftmuth und Freundlichkeit wegen); und nach ihrer Gewohnheit band sie die Blumen auf, um sie selbst in die schönen Vasen auf der Console zu vertheilen. Das war eine ihrer Unterhaltungen in ihrer Gefangenschaft; doch diesmal war sie wenig empfänglich dafür und übernahm das Geschäft nur mechanisch, wie um einige Augenblicke dieser langsamen Stunden zu tödten, die auf ihr lasteten.

Doch als sie das Packet der Narcissen, welche mitten in dem großen Blumenstrauße lagen, auseinander legte, fiel ein wohlversiegelter, aber ohne Aufschrift versehener Brief heraus. Vergeblich suchte sie sich zu überreden, daß er von dem Tribunal der Unsichtbaren sein könnte. Hätte ihn Mattheus ohnedem gebracht? Unglücklicherweise war dieser schon fortgegangen und konnte keine Erklärung geben. Sie mußte ihm klingeln. Er brauchte wenigstens fünf Minuten, um wiederzukommen, und zufällig blieb er länger als zehn Minuten aus.

Consuelo hatte zu viel Muth bei dem Rothkehlchen verwendet, um bei dem Bouquet noch welchen zu haben. Der Brief war schon gelesen, als Mattheus zurückkam, gerade in dem Augenblicke, wo Consuelo an der Nachschrift war:

»Fragen Sie Mattheus nicht, er weiß von dem Ungehorsam nichts, den ich ihn begehen lasse.«

Mattheus wurde blos gebeten die Stutzuhr aufzuziehen, die stehen geblieben war.

Der Brief des Chevalier war leidenschaftlicher, stürmischer als alle übrigen; er war sogar gebieterisch in seinem Wahnsinn.

Wir schreiben ihn nicht ab. Die Liebesbriefe bewegen nur dasjenige Herz, welches das Feuer theilt, das ihn dictirt hat. An und für sich gleichen sie sich alle; aber jedes liebende Wesen findet in dem, der ihm gesandt wird, eine unwiderstehliche Macht, eine unvergleichliche Neuheit. Niemand glaubt so sehr, noch auf dieselbe Art geliebt zu werden, wie ein Anderer, er hält sich allein unter allen Menschen und am glühendsten geliebt. Da, wo diese unschuldige Verblendung, dieser mächtige Zauber nicht besteht, ist auch keine Leidenschaft und die Leidenschaft war endlich in Consuelo's friedliches und edles Herz gedrungen.

Das Billet des Unbekannten brachte alle ihre Gedanken in Verwirrung. Er bat um eine Zusammenkunft, noch mehr, er kündigte sie an und entschuldigte sich im Voraus über die Nothwendigkeit, die letzten Augenblicke zu benutzen. Er that, als glaube er, Consuelo habe Albert geliebt und könne ihn noch lieben. Er gab sich den Schein, sich ihrem Ausspruche unterwerfen zu wollen und forderte nur ein Wort des Mitleids, eine Thräne des Erbarmens, ein letztes Lebewohl; immer dieses letzte Lebewohl, das dem von einem großen Künstler dem Publikum verkündigten letzten Auftreten gleicht, und dem glücklicherweise noch viele andere folgen.

Die traurige Consuelo (traurig und doch von geheimer, unwillkürlicher und strahlender Freude bei dem Gedanken an diese Zusammenkunft verzehrt) fühlte an dem Erröthen ihrer Stirn, an den heftigen Schlägen ihres Herzens, daß sie wider ihren Willen einem verbrecherischen Gedanken sich hingab. Sie fühlte, daß ihre Entschlüsse und ihr Wille sie vor einem unbegreiflichen Zug des Herzens nicht bewahrten und daß sie, wenn der Chevalier sein Gelübde bräche, mit ihr spräche und ihr seine Züge zeigte, wie er entschlossen schien, nicht die Kraft haben würde, diese Verletzung der Gesetze der Unsichtbaren zu verhindern.

Sie kannte nur eine Hülfe: dieses Tribunal selbst um Beistand anzuflehen. Aber durfte sie Liverani anklagen und verrathen? Der würdige Greis, der ihr Alberts Leben verkündigt und am vorigen Tage das Vertrauen ihres Herzens mit väterlicher Liebe aufgenommen hatte, konnte vielleicht auch diese Offenbarung in seinem Herzen verschließen, den Wahnsinn des Chevalier beklagen und ihn nur bei sich selbst verdammen.

Consuelo schrieb ihm, daß sie ihn noch an demselben Abend um neun Uhr zu sehen wünsche, ihre Ehre, ihre Ruhe, ihr Leben vielleicht hinge davon ab. Das war die Stunde, in welcher der Unbekannte sich angekündigt hatte. Aber wem und durch wen sollte sie diesen Brief schicken? Mattheus weigerte sich, vor Mitternacht einen Schritt aus dem verschlossenen Garten zu thun; das war seine Ordre, und nichts konnte ihn davon zurückbringen. Er war stark getadelt worden, daß er seine Pflichten, in Bezug auf die Gefangene, nicht pünktlich erfüllt habe, und war jetzt unbeugsam.

Die Stunde näherte sich, und während Consuelo auf alle Mittel dachte, sich dieser verhängnißvollen Prüfung zu entziehen, hatte sie nicht einen Augenblick daran gedacht, ihr zu widerstehen. Tugend, den Frauen auferlegt, du wirst nie mehr als ein Name sein, so lange der Mann dich nicht zur Hälfte übernimmt. Alle Vertheidigungspläne schränken sich nur auf Ausflüchte ein, alle deine Opfer persönlichen Glücks zerschellen vor der Besorgniß, den geliebten Gegenstand zur Verzweiflung zu bringen.

Consuelo blieb bei einem letzten Mittel stehen, das ihr der Heldenmuth und die Schwäche, die ihren Geist wechselseitig beseelten, eingaben. Sie begann den geheimnißvollen Eingang in die unterirdischen Gewölbe, der im Pavillon selbst war, zu suchen, fest entschlossen, sich hinab zu wagen und von selbst vor den Unsichtbaren zu erscheinen. Sie nahm ziemlich willkürlich an, daß der Ort ihrer Sitzung, sobald sie nur erst in die Gewölbe eingedrungen wäre, zugänglich sei und daß sie sich jeden Abend an demselben Orte versammelten. Sie wußte nicht, daß sie an diesem Tage Alle abwesend waren und daß Liverani allein zurückgekommen sei, nachdem er zum Schein sie auf einem geheimnißvollen Ausflug begleitet hatte.

Doch alle ihre Bemühungen, die geheime Thür oder Fallthür der Kellergewölbe aufzufinden, waren vergeblich. Sie besaß nicht mehr wie in Spandau, die nothwendige Ruhe, Beharrlichkeit und Zuversicht, um die geringste Spalte in einer Mauer, das geringste Vorspringen eines Steines zu entdecken. Ihre Hände zitterten, während sie das Täfelwerk und die Tapeten untersuchte, ihr Auge war getrübt; jeden Augenblick glaubte sie auf dem Sande des Gartens oder auf dem Marmor der Vorhalle die Schritte des Chevalier zu hören.

Plötzlich schien es ihr, als vernehme sie sie unter sich, als wenn er eine unter ihren Füßen befindliche Treppe heraufstiege, als wenn er sich einer unsichtbaren Thür nähere, oder nach Art der Hausgeister durch die Mauer brechen werde, um sich ihren Blicken zu zeigen. Sie ließ das Licht fallen und floh in den Garten. Der hübsche Bach, der ihn durchfloß, hemmte ihren Lauf. Sie lauschte und glaubte hinter sich Schritte zu hören. Da verlor sie ein wenig den Kopf und warf sich in den kleinen Kahn, den der Gärtner brauchte, um Sand und Rasen von außen hereinzubringen.

Consuelo dachte, indem sie ihn losmachte, er werde am andern Ufer anhalten; aber der Bach war reißend und stürzte aus dem verschlossenen Garten heraus, eingeengt durch einen von einem Gitter geschlossenen niedern Bogen. Von dem Strome fortgezogen, stieß der Kahn in wenig Augenblicken gegen das Gitter. Consuelo bewahrte sich vor einem allzuheftigen Stoß, indem sie mit vorgestreckten Händen nach dem Vordertheil des Kahnes sprang. Eine Tochter Venedigs (und ein Kind des Volkes) konnte von diesem Manöver nicht sehr in Verlegenheit gesetzt werden.

Aber seltsames Geschick! das Gitter wich unter ihrer Hand und öffnete sich gegen den bloßen Druck, den der Strom dem Fahrzeug gab.

– Ach, dachte Consuelo, man verschließt vielleicht nie diesen Ausgang, denn ich bin eine Gefangene auf Ehrenwort, und doch fliehe ich und verletze meinen Schwur! Doch ich will nur Schutz und Rettung bei meinen Wirthen suchen, sie nicht verlassen oder verrathen.

Sie sprang an das Ufer, an das eine Wendung des Wassers das Fahrzeug geworfen hatte, und trat in ein dichtes Gebüsch. Consuelo konnte unter diesem dunkeln Schatten nicht sehr schnell laufen. Die Allee schlängelte sich, immer enger werdend, durch den Wald. Die Fliehende stieß jeden Augenblick gegen die Bäume und fiel mehrmals auf den Rasen. Doch sie fühlte die Hoffnung wieder in ihr Herz treten; die Finsterniß gab ihr Muth; es schien ihr unmöglich, daß Liverani sie hier entdecken könne.

Nachdem sie lange Zeit auf gutes Glück hingegangen war, fand sie sich am Fuße eines mit Felsenstücken besäeten Hügels, deren ungewisse Umrisse sich in dem grauen, mit Wolken bedeckten Himmel abzeichneten. Ein ziemlich frischer Gewitterwind hatte sich erhoben und der Regen begann zu fallen. Consuelo, die nicht umzukehren wagte, aus Furcht, Liverani möge ihre Spur gefunden haben und an den Ufern des Baches sie suchen, schlug einen etwas rauhen Fußsteig ein, der auf den Hügel führte. Sie dachte, oben auf dem Gipfel werde sie die Lichter des Schlosses sehen, wo immer es auch liegen möchte. Aber als sie in der Finsterniß dahin gekommen war, zeigten ihr die Blitze, welche den Himmel zu erleuchten anfingen, die Ruinen eines großen Gebäudes, die mächtigen, schwermüthigen Trümmer einer früheren Zeit.

Der Regen nöthigte Consuelo, hier einen Schutz zu suchen; sie fand ihn nur mühsam. Die Thürme waren von oben bis unten im Innern jedes Gebälks beraubt und Schaaren von Fledermäusen, Eulen und Raubvögeln umschwirrten sie mit jenem scharfen, wilden Geschrei, das die Stimme der Geister, der unglücklichen Bewohner der Ruinen zu sein scheint.

Mitten durch Steinhaufen und Dornengesträuch kam Consuelo, nachdem sie die Kapelle durchgangen war, wo das bläuliche Licht der Blitze die nackten Umrisse der Bogenfenster erleuchtete, in den innern Hof, der mit glattem, dichtem Rasen bedeckt war; sie vermied einen tiefen Brunnen, der sich durch seine üppigen Schlingpflanzen und einen herrlichen wilden Rosenstock kenntlich machte, welcher von innen herauswuchs.

Die Masse der Trümmer, welche diesen verlassenen Hof umgab, bot ein phantastisches Schauspiel und bei dem schnellen Verlöschen der Blitze konnte das Auge nur mit Mühe die kahlen Mauern, alle diese unzusammenhängenden Formen der Zerstörung zu einem Bilde zusammenstellen; ungeheure Feueressen, noch von dem Rauch eines für immer verloschenen Heerdes geschwärzt, stiegen, von ihren Verbindungsmauern getrennt, in eine Entsetzen erregende Höhe; zerbrochene Treppen wandten sich in den leeren Raum hinaus, als wollten sie die Zauberer zu ihrem lustigen Tanze führen; hohe Bäume waren in den Gemächern aufgewachsen, an deren Mauern noch Spuren der Frescogemälde zu sehen waren; Steinbänke in den tiefen Fensternischen und immer, von außen wie von innen ein leerer, unheimlicher Raum, der Zufluchtsort von Liebespaaren in den Zeiten des Friedens; die Höhlen von Räubern in den Stunden der Gefahr; aus den Schießscharten drangen spielend Blumenguirlanden, einzelnstehende Giebel erhoben sich gleich Obelisken in die Luft und die Thüren waren von diesen Trümmern und dem Schutt bis zum Giebelfelde verschüttet.

Es war ein furchtbarer und poetischer Aufenthalt; Consuelo fühlte sich von abergläubischen Schrecken ergriffen, als wenn ihre Gegenwart einen den düstern Unterhaltungen oder den schweigenden Träumereien der Todten geweihten Ort entheiligt hätte. In einer stillen Nacht und in einer weniger aufgeregten Gemüthsstimmung würde sie die ernste Schönheit dieser Trümmer bewundert und vielleicht nicht über die Strenge des Schicksals und die Zeit geklagt haben, welches mitleidslos den Palast und die Burg zu Boden stürzt und ihre Trümmer neben denen der Hütte mit Gras überwuchert. Die Trauer, welche die Ruinen dieser furchtbaren Wohnungen einflößen, ist in der Einbildungskraft des Künstlers und in dem Herzen des Patriziers nicht dieselbe.

Aber in diesem Augenblick der Verwirrung und der Furcht, und in dieser Mitternacht wurde Consuelo nicht von der Begeisterung getragen, die sie schon zu ernsteren Wagnissen getrieben hatte, und war plötzlich wieder zum Kinde des Volkes geworden, das bei dem Gedanken zitterte, die Phantome der Nacht erscheinen zu sehen, und besonders die alten Burgherren, wilde Tyrannen während ihres Lebens und drohende und klagende Gespenster nach ihrem Tode fürchtete. Der Donner erhob seine Stimme, der Wind warf von den einzeln stehenden Mauern Steine und Kalk herab, die langen Ranken des Epheus und des Ginsters wanden sich gleich Schlangen um die Zinnen der Thürme.

Consuelo, die gegen den Regen und die herabfallenden Steintrümmer einen Schutz suchte, trat unter das Gewölbe einer Treppe, die besser erhalten schien als die andern; es war die des großen Thurmes, des festesten und ältesten Bauwerks der ganzen Burg; am Ende von zwanzig Stufen fand sie einen großen achteckigen Saal, welcher das ganze Innere des Thurmes einnahm; denn die Wendeltreppe war, wie bei allen solchen Gebäuden, in der achtzehn bis zwanzig Fuß dicken Mauer angebracht. Das Gewölbe dieses Saales hatte die innere Form eines Bienenstockes. Es waren weder Thüren noch Fenster mehr vorhanden; aber diese Oeffnungen waren so eng und tief, daß der Wind sich nicht darin fangen konnte; Consuelo beschloß, hier das Ende des Gewitters abzuwarten und an ein Fenster tretend, blieb sie länger als eine Stunde in dem Anblick des majestätischen Schauspiels versunken, den der aufflammende Himmel und die furchtbare Stimme des Donners ihr darbot.

Endlich ließ der Wind nach, die Wolken zerstreuten sich, und Consuelo wollte sich entfernen; doch als sie sich umwandte, sah sie erstaunt eine dauerndere Helle als die der Blitze in dem Innern des Saales. Dieses Licht wuchs und erfüllte das ganze Gewölbe, während ein leises Knistern in dem Kamine sich hören ließ. Consuelo blickte nach dieser Seite und sah in dem antiken Kamine, einem ungeheueren ihr entgegengähnenden Schlund, ein Feuer von Reisholz, welches sich wie von selbst entzündet hatte. Sie trat näher und bemerkte halb verbranntes Holz und alle Reste eines erst vor Kurzem unterhaltenen und später ohne Vorsicht sich selbst überlassenen Feuers.

Erschreckt über diesen Umstand, der ihr die Gegenwart eines Bewohners verrieth, eilte Consuelo, die aber doch keine Spur von Möbeln um sich erblickte, schnell nach der Treppe und wollte sie hinabsteigen, als sie unten Stimmen und menschliche Tritte hörte, welche in dem Steingeröll, mit der sie bedeckt war, rauschten. Jetzt verwandelten sich ihre phantastische Schrecken in wirkliche Besorgnisse. Dieser feuchte, zerstörte Thurm konnte nur von einem Wildhüter bewohnt sein, der vielleicht eben so roh wie seine Wohnung, vielleicht betrunken und brutal und sehr wahrscheinlich weniger civilisirt und weniger ehrfurchtsvoll als der achtbare Mattheus war.

Die Schritte näherten sich ziemlich schnell. Consuelo stieg eilig die Treppe hinauf, um diesen zweideutigen Gästen nicht zu begegnen, und nachdem sie wieder zwanzig Stufen erstiegen hatte, befand sie sich in dem zweiten Stockwerk, wo es nicht sehr wahrscheinlich war, daß man ihr nachkommen würde, da es ganz unbedeckt und völlig unbewohnbar war. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört; sie sah sogar einige Sterne durch die üppige Pflanzenwelt schimmern, welche fast dreißig Fuß hoch den ganzen Thurm überwuchert hatte. Ein Lichtstrahl, der von unten herauf drang, erleuchtete bald die dunklen Mauern des Gebäudes, und indem Consuelo sich vorsichtig näherte, sah sie bald durch einen breiten Spalt, was in dem untern Stockwerk vorging, den sie eben verlassen hatte.

Zwei Männer waren in dem Saale, der eine ging hin und her und schlug die Füße an einander, wie Jemand, der sich erwärmen will, der andere hatte sich in den Kamin niedergebeugt und schien beschäftigt, das Feuer neu anzuschüren, das wieder aufzuflammen begann. Anfangs sah sie nur ihre Kleider, die einen vornehmen Rang verkündeten und ihre Hüte, die ihr Gesicht verbargen; aber als sich das Licht des Kamins verbreitete und derjenige, welcher mit seiner Degenspitze das Feuer geschürt hatte, sich wieder aufrichtete, um seinen Hut an einen vorspringenden Stein der Mauer zu hängen, sah Consuelo ein schwarzes Haar, das sie erbeben ließ, und den obern Theil eines Gesichts, das ihr fast einen Schrei des Entsetzens und der Zärtlichkeit entrissen hätte.

Er erhob die Stimme und Consuelo konnte nicht mehr zweifeln, es war Albert von Rudolstadt.

– Tritt näher, Freund, sagte er zu seinem Gefährten, und erwärme dich an dem einzigen Kantine, der in dieser weiten Burg brauchbar geblieben. Es ist ein trauriger Zufluchtsort, Trenck, aber auf deinen Wanderungen hast du wohl schon schlechtere gefunden.

– Und oft sogar gar keinen, antwortete der Liebhaber der Prinzessin Amalie. Wahrlich, sie ist gastlicher als sie aussieht und ich wäre mehr als einmal sehr gern damit zufrieden gewesen. Ei, lieber Graf, du hängst also zuweilen in diesen Ruinen deinen Gedanken nach und hältst in diesem Geisterthurme deine Nachtwachen?

– Ich komme wirklich oft hieher und aus begreiflicheren Gründen. Ich kann sie dir jetzt nicht sagen, du sollst sie aber später erfahren.

– Ich kann sie leicht errathen. Von der Spitze dieses Thurmes herab schaust du in einen gewissen Garten und beherrschest einen gewissen Pavillon …

– Nein, Trenck, die Wohnung, von der du sprichst, liegt hinter dem Walde des Hügels und ich kann sie von hier aus nicht sehen.

– Aber du kannst dich in wenig Augenblicken dahin begeben und vor unbequemen Wächtern dich dann wieder hierher zurückziehen. Nun, gestehe nur, soeben als ich dich in dem Walde fand …

– Ich kann nichts gestehen, lieber Trenck, und du hast versprochen, nicht zu fragen.

– Es ist wahr. Ich sollte nur daran denken, mich zu freuen, daß ich dich in diesem ungeheuren Park oder vielmehr in diesem Walde gefunden habe, in dem ich mich so verirrt hatte, daß ich ohne dich in irgend eine Schlucht gestürzt oder in einem klaren Waldbache ertrunken wäre. Sind wir noch weit vom Schlosse?

– Mehr als eine Viertelstunde. Trockne also deine Kleider, während der Wind die Fußsteige des Parkes trocknet, und dann wollen wir uns wieder auf den Weg machen.

– Dieses alte Schloß gefällt mir weniger als das neue, ich gestehe es gern und begreife sehr wohl, warum man es den Raubvögeln überlassen hat. Demungeachtet ist es mir sehr angenehm, mich zu dieser Stunde und an diesem düstern Abend mit dir allein hier zu befinden. Es erinnert mich an unsere erste Begegnung in den Ruinen einer alten schlesischen Abtei, an meine Einweihung, an die Schwüre, die ich in deine Hände niederlegte, an dich, meinen Richter, meinen Meister damals, jetzt meinen Bruder und Freund! Lieber Albert! welche seltsame, unglückliche Wechsel sind seitdem über uns hingegangen! Beide todt für unsere Familien, unser Vaterland, vielleicht für unsere Liebe! … Was soll aus uns werden und wie sollen wir jetzt unter den Menschen leben?

– Dein Leben, lieber Trenck, kann sich noch mit Glanz und Entzücken füllen. Die Herrschaft des Tyrannen, der dich haßt, hat, Gott sei Dank, auf dem Boden Europa's noch seine Grenzen.

– Aber meine Geliebte, Albert? ist es möglich, daß sie mir ewig und nutzlos treu bleibt?

– Du solltest es nicht wünschen, Freund; doch ist es nur zu gewiß, daß ihre Leidenschaft eben so dauernd sein wird als ihr Unglück.

– So sprich mir von ihr, Albert! glücklicher als ich, kannst du sie sehen und hören …

– Ich kann es nicht mehr, lieber Trenck; täusche dich darüber nicht. Der phantastische Name und die wunderliche Rolle des Trismegistus, in die man mich gesteckt und die mich mehrere Jahre lang bei meinen kurzen und geheimnißvollen Beziehungen mit dem Schlosse zu Berlin beschützte, hat ihren Zauber verloren; meine Freunde werden verschwiegen sein und die von mir Getäuschten (denn um unsrer Sache und deiner Liebe zu dienen, war ich genöthigt, Einige ganz unschuldig zu täuschen) nicht hellsehender werden als sie es früher waren; doch Friedrich hat eine Verschwörung gewittert und ich kann nicht mehr nach Preußen zurückkehren, denn meine Bemühungen würden durch sein Mißtrauen gelähmt werden und das Gefängniß von Spandau möchte sich nicht zum zweiten Male zu meiner Flucht öffnen.

– Armer Albert, du hast viel in diesem Gefängniß leiden müssen, mehr vielleicht als ich in dem meinigen.

– Nein, ich war bei ihr. Ich hörte ihre Stimme, ich arbeitete an ihrer Befreiung. Ich bedaure weder die Schrecken des Kerkers ertragen, noch für ihr Leben gezittert zu haben. Wenn ich meinetwegen litt, so habe ich es nicht bemerkt; litt ich für sie, so erinnere ich mich dessen nicht mehr. Sie ist gerettet und wird glücklich sein.

– Durch dich, Albert! Sage mir, daß sie nur durch dich und mit dir glücklich sein wird, oder ich achte sie nicht mehr; ich entziehe ihr meine Bewunderung und meine Freundschaft.

– Sprich nicht so, Trenck. Du würdest die Natur, die Liebe und den Himmel schmähen. Unsere Frauen sind eben so frei gegen uns, als unsere Freundinnen, und sie im Namen einer Pflicht, sie nur um unsers eigenen Vortheils willen fesseln wollen, wäre Verbrechen und Entweihung.

– Ich weiß es, und ohne mich zu derselben Höhe der Tugend emporschwingen zu können, wie du, fühle ich wohl, daß wenn Amalie mir ihr Wort entzogen hätte, ich deshalb nicht aufgehört haben würde, sie zu lieben und die Tage des Glückes zu segnen, die sie mir gegeben hat; doch ist es mir wohl erlaubt, dich mehr als mich selbst zu lieben und Jeden zu hassen, der dich nicht liebt. Du lächelst, Albert, du begreifst meine Freundschaft nicht, und ich fasse deinen Muth nicht. Ach, wenn es wahr ist, daß Diejenige, welche Dein Wort erhalten hat, sich (vor dem Ende ihrer Trauer, die Wahnsinnige!) in einen unserer Brüder verliebt hat, wäre er auch der Verdienstvollste unter uns, der verführerischeste der Männer, so kann ich es ihr nie verzeihen. Verzeihe du ihr, wenn du es vermagst!

– Trenck, Trenck, du weißt nicht, wovon du sprichst; du begreifst es nicht und ich kann mich nicht erklären. Urtheile über dieses bewundernswürdige Weib noch nicht; später wirst du sie kennen lernen.

– Und wer verhindert dich, sie in meinen Augen zu rechtfertigen? Sprich denn! wozu das Geheimniß? Wir sind allein hier. Dein Geständniß kann sie nicht compromittiren und so viel ich weiß, bindet dich kein Schwur, das vor mir zu verbergen, was wir Alle nach deinem Betragen vermuthen. Sie liebt dich nicht mehr. Wie kann sie sich entschuldigen?

– Hatte sie mich denn je geliebt?

– Das eben ist ihr Verbrechen. Sie hat dich nie verstanden.

– Sie konnte es nicht und ich konnte mich ihr nicht enthüllen. Uebrigens war ich krank, wahnsinnig; die Wahnsinnigen liebt man nicht, man beklagt und fürchtet sie.

– Du warst nie wahnsinnig, Albert, ich habe dich nie so gesehen. Die Schärfe und die Kraft Deines Geistes haben mich im Gegentheil immer lebendig ergriffen.

– Du hast mich beim Handeln, in Thätigkeit fest und Herr meiner selbst gesehen, niemals in dem schweren Kampfe der Ruhe, unter den Qualen der Muthlosigkeit.

– Also auch du kennst die Muthlosigkeit? Ich hätte es nie geglaubt.

– Weil du alle Gefahren, alle Hindernisse, alle Gebrechen unsers Unternehmens nicht siehst. Du hast dich nie in die Tiefe des Abgrunds versenkt, den ich mit ganzer Seele ergründet, dem ich mein ganzes Dasein geweiht habe; du hast nur seine ritterliche, edle Seite kennen gelernt, nur leichte Arbeiten und heitere Hoffnungen übernommen.

– Weil ich weniger groß, weniger enthusiastisch und wenn ich es gestehen soll, weniger fanatisch bin, als du, edler Graf. Du hast die Schaale des Eifers bis auf die Hefe leeren wollen, und wenn die Bitterkeit dich zu ersticken drohte, hast du gezweifelt am Himmel und an den Menschen.

– Ja, ich habe gezweifelt und bin grausam dafür bestraft worden.

– Und jetzt zweifelst du noch? leidest du noch immer?

– Jetzt hoffe, glaube und handle ich. Ich fühle mich glücklich. Siehst du nicht die Freude auf meinem Gesichte strahlen, fühlst du nicht, wie mein Herz von Trunkenheit überfließt?

– Und doch bist du von deiner Geliebten, was sage ich? von deiner Frau verrathen!

– Sie war nie weder das Eine noch das Andere. Sie verdankte mir nichts, verdankt mir noch nichts; sie verräth mich nicht. Gott schickt ihr die Liebe, die größte Gnade des Himmels, um sie zu belohnen, daß sie an meinem Sterbebette für mich einen Augenblick des Erbarmens gehabt hatte. Und ich sollte ein ihrem edlen Mitleide, ihrer hohen Milde entrissenes Versprechen geltend zu machen suchen, um ihr zu danken, daß sie mir die Augen geschlossen, mich beweint, mich an der Schwelle der Ewigkeit, die ich zu übertreten glaubte, gesegnet hat? Ich sollte ihr sagen:

– »Weib, ich bin dein Herr, Du gehörst mir, kraft des Gesetzes, kraft deiner Unklugheit und deines Irrthums. Du wirst meine Umarmungen dulden, weil du an einem Tage der Trennung einen Abschiedskuß auf meine eisige Stirn gedrückt hast! Du mußt für immer deine Hand in die meinige legen, meinen Schritten folgen, mein Joch ertragen, in deinem Busen eine keimende Liebe ersticken, unbesiegbare Wünsche zum Schweigen bringen, dich in meinen entheiligenden Armen, an meinem selbstsüchtigen, feigen Herzen vor Sehnsucht nach einem Anderen verzehren!«

O, Trenck, glaubst du, ich könnte glücklich sein, wenn ich so handelte? Wäre mein Leben nicht noch eine herbere Pein als das ihrige? Ist das Leiden des Sklaven nicht der Fluch des Herrn? Großer Gott, welches Wesen ist gemein, roh genug, um an einer nicht erwiederten Leidenschaft, an einer Treue, gegen die das Herz des Opfers sich empört, mit stolzem Bewußtsein sich zu berauschen? Dem Himmel sei Dank, ich bin kein solches Wesen, ich werde es nie sein.

Ich wollte diesen Abend Consuelo aufsuchen, ihr das Alles sagen und ihr die Freiheit wiedergeben. Ich habe sie in dem Garten, wo sie gewöhnlich spazieren geht, nicht gefunden; das Gewitter trat dann ein und nahm mir die Hoffnung, sie später in den Garten kommen zu sehen. Ich wollte nicht in ihre Gemächer dringen; ich hätte dann von dem Recht des Gatten Gebrauch gemacht. Und schon das Erbeben ihrer Furcht, die Blässe ihrer Verzweiflung würden mich so geschmerzt haben, daß ich mich nicht dazu entschließen konnte.

– Und hast du nicht auch unter den Bäumen die schwarze Maske Liverani's gefunden?

– Wer ist dieser Liverani?

– Kennst du den Namen deines Nebenbuhlers nicht?

– Liverani ist ein falscher Name. Kennst du ihn, diesen Mann, diesen glücklichen Nebenbuhler?

– Nein; aber du fragst mich danach mit einem seltsamen Wesen. Albert, ich glaube dich zu verstehen. Du verzeihst deiner unglücklichen Gattin, du giebst sie auf, du mußt es; doch du wirst, hoffe ich, den Niederträchtigen züchtigen, der sie verführt hat.

– Bist du gewiß, daß es ein Niederträchtiger ist?

– Wie, der Mann, dem man die Sorge für ihre Befreiung, den Schutz für ihre Person während einer langen und gefährlichen Reise anvertraut hatte, derjenige, welcher sie beschützen, achten, nicht ein einziges Wort zu ihr sprechen, ihr sein Gesicht nicht zeigen sollte! … Ein mit der Vollmacht, mit dem blinden Vertrauen der Unsichtbaren bekleideter Mann, dein Waffen- und Eidbruder, wie ich es bin, wahrscheinlich! O, wenn man mir deine Gattin anvertraut hätte, Albert, ich hätte an diesen schändlichen Verrath, ihre Liebe zu gewinnen, nicht einmal gedacht!

– Trenck, noch einmal, du weißt nicht, wovon du sprichst. Nur drei Männer unter uns wissen, wer dieser Liverani ist und kennen sein Verbrechen. In einigen Tagen wirst du aufhören, diesen glücklichen Sterblichen, welchem Gott in seiner Güte, vielleicht in seiner Gerechtigkeit, Consuelo's Liebe gegeben hat, zu tadeln und zu verwünschen.

– Seltsamer, herrlicher Mensch! Du hassest ihn nicht?

– Ich kann ihn nicht hassen.

– Du willst sein Glück nicht stören?

– Im Gegentheil, ich arbeite eifrig daran, es zu sichern, und bin darin weder erhaben, noch seltsam. Du wirst bald über die Lobsprüche lächeln, die du mir ertheilst.

– Wie, du leidest nicht?

– Ich bin der glücklichste der Menschen.

– Dann war deine Liebe sehr gering, oder du liebst nicht mehr. Ein solcher Heroismus liegt nicht in der menschlichen Natur; er ist fast entsetzlich, und ich kann nicht bewundern, was ich nicht verstehe. Halt, Graf, du treibst deinen Spott mit mir und ich bin sehr einfältig. Ja, jetzt errathe ich; du liebst ein anderes Weib und dankst der Vorsehung, die dich von deinen Verbindlichkeiten gegen die Erste befreit, indem sie sie untreu macht.

– Ich muß dir wohl mein Herz öffnen, Baron, du zwingst mich dazu. Höre denn; es ist eine ganze Geschichte, ein wirklicher Roman. Aber es ist kalt hier, das Feuer von Reisholz kann diese alten Mauern nicht durchwärmen, und übrigens fürchte ich auch, daß du hier am Ende an die Kerkermauern von Glatz denkst. Das Wetter ist hell geworden, wir können unsern Weg nach dem Schlosse wieder aufnehmen, und da du es mit Anbruch des Tages wieder verlässest, will ich dich nicht zu lange vom Schlafe abhalten, ich gebe dir die seltsame Erzählung unterwegs.

Die beiden Freunde nahmen ihre Hüte, nachdem sie die Nässe davon abgeschüttelt hatten, stießen mit den Füßen die Feuerbrände auseinander, um sie zu verlöschen, und verließen Arm in Arm den Thurm. Ihre Stimmen verloren sich in der Ferne und bald gab das Echo der alten Burg nicht mehr das schwache Geräusch ihrer Tritte auf dem nassen Grase des Hofes zurück.

2.

Consuelo blieb in seltsamer Betäubung versunken zurück. Was sie am meisten in Erstaunen setzte, wovon das Zeugniß ihrer Sinne sie nur überreden konnte, war nicht Alberts edles Betragen oder seine heldenmüthige Gesinnung, sondern die wunderbare Leichtigkeit, mit welcher er selbst das furchtbare Problem des Schicksals auflöste, welches er ihr bereitet hatte.

War es denn Consuelo so leicht, glücklich zu sein? War die Liebe zu Liverani eine rechtmäßige? Sie glaubte geträumt zu haben, wenn sie sich an das erinnerte, was sie gehört hatte. Es war ihr schon erlaubt, sich ihrer Leidenschaft für diesen Unbekannten hinzugeben. Die strengen Unsichtbaren setzten sich mit Albert, in Bezug auf Seelengröße, Muth und Tugend, auf gleiche Stufe; Albert selbst vertheidigte und rechtfertigte sie gegen Trenck's Tadel. Weit entfernt, ihre wechselseitige Leidenschaft zu verdammen, überließen Albert und die Unsichtbaren sie ihrer freien Wahl, dem mächtigen Zug ihres Herzens, und das Alles ohne Kampf, ohne Ursache zum Bedauern oder Reue, ohne daß es irgend Jemand eine Thräne gekostet hätte!

Zitternd vor Aufregung noch mehr als vor Kälte, stieg Consuelo wieder in den gewölbten Saal hinab und belebte von Neuem das Feuer, welches Albert und Trenck im Kamine auseinandergestoßen hatten. Sie betrachtete die Spur ihrer feuchten Füße auf dem staubigen Fußboden. Es war ein Zeugniß von der Wahrheit ihrer Erscheinung, welches Consuelo aufsuchen mußte, um daran zu glauben.

Am Kamin zusammengekrümmt, wie das träumerische von den Hausgeistern beschützte Aschenbrödel, versank sie in tiefes Nachdenken. Ein so leichter Sieg über ihr Geschick schien ihr für sie nicht gemacht. Ueber die wunderbare Seelenruhe Alberts konnte kein Besorgniß obwalten. Gerade sie vermochte Consuelo am wenigsten in Zweifel zu ziehen. Albert empfand keine Schmerzen; seine Liebe lehnte sich gegen seine Gerechtigkeit nicht auf. Mit einer Art begeisterter Freude erfüllte er das größte Opfer, welches der Mensch Gott darbringen kann.

Die seltsame Tugend dieses einzigen Mannes erfüllte Consuelo mit Staunen und Entsetzen. Sie fragte sich, ob ein solches Losreißen von menschlichen Schwächen mit menschlichen Neigungen vereinbar wäre. Bezeichnete diese scheinbare Unempfindlichkeit Alberts nicht eine neue Phase des Wahnsinns? Litt er nicht nach der schmerzlichen Uebertreibung seines Gedächtnisses und seines Gefühls an einer Art Lähmung des Herzens und der Erinnerung? Konnte er so schnell von seiner Liebe geheilt sein und war diese Liebe so gering, daß ein einfacher Act seines Willens, eine einfache Entschließung seines Denkvermögens sie bis auf die kleinste Spur vernichten konnte?

Bei aller Bewunderung dieses Triumphs der Philosophie konnte sich Consuelo eines Gefühls der Demüthigung nicht erwehren, als sie mit einem Hauch diese heftige, langdauernde Leidenschaft, auf die sie mit Recht stolz gewesen war, vernichtet sah. Sie ging alle, selbst die unbedeutendsten Worte, die er gesagt hatte, wieder durch; der Ausdruck seines Gesichts, mit dem er sie gesprochen, war noch vor ihren Augen. Es war ein Ausdruck, den Consuelo noch nicht an ihm kannte.

Albert war in seinem Aeußern ebenso verändert, wie in seinen Gesinnungen. Man konnte ihn mit Recht einen neuen Menschen nennen; und wenn der Ton seiner Stimme, wenn der Umriß seiner Züge, wenn die Wirklichkeit seiner Worte die Wahrheit nicht bestätigt hätten, so hätte Consuelo glauben können, jenes sogenannte Spiegelbild, die fabelhafte Person des Trismegistus an seiner Statt zu sehen, welche der Doktor hartnäckig ihm unterschieben wollte.

Die Veränderung, welche Ruhe und Gesundheit in dem Aeußern und den Geberden Alberts hervorgebracht hatten, schienen Superville's Irrthum zu bestätigen. Er hatte seine entsetzliche Magerkeit verloren und schien größer geworden zu sein, nachdem sein schwächlicher, in sich selbst zusammengesunkener Wuchs sich aufgerichtet und verjüngt hatte. Sein Schritt war ein anderer; seine Bewegungen geschmeidiger, seine ganze Haltung eben so elegant und zierlich, als sie früher nachlässig, und, .so zu sagen, von ihm verachtet gewesen war.

Selbst seine geringsten Handlungen setzten Consuelo in Erstaunen. Sonst hatte er nie an das Feuer gedacht; er hätte seinen Freund Trenck beklagt, naß geworden zu sein, ohne daran zu denken, die zu seinen Füßen zerstreuten Feuerbrände zusammenzuschieben, denn die äußeren Gegenstände und die materielle Sorge waren ihm völlig fremd geworden. Er würde seinen Hut nicht geschüttelt haben, ehe er ihn wieder aufgesetzt hätte; der Regen hätte eisig auf sein langes Haar herablaufen können und er würde es nicht gefühlt haben.

Endlich trug er zuvor nie einen Degen, er hatte, selbst im Spiel, diese Paradewaffe, dieses Bild des Hasses und des Mordes, nicht brauchen mögen. Jetzt trug er ihn, ohne dadurch in seinen Bewegungen gehindert zu sein; er sah die Klinge vor dem Feuer glänzen und sie erinnerte ihn nicht an das von seinen Vorfahren vergossene Blut. Die in seiner Person dem Johannes Ziska auferlegte Buße war nur ein schmerzlicher Traum, den ein wohlthätiger Schlummer endlich gänzlich verlöscht hatte. Vielleicht war ihm die Erinnerung daran mit den übrigen Erinnerungen an sein Leben und seine Liebe, die sein Leben selbst gewesen, und es jetzt nicht mehr zu sein schien, verloren gegangen.

Da regte sich ein unbestimmtes, unerklärliches Gefühl in Consuelo, ein Gefühl, das Kummer, Bedauern, verletztem Stolze glich. Sie wiederholte sich Trenck's letzte Vermuthungen in Bezug auf eine neue Liebe Alberts, und diese Vermuthung schien ihr wahrscheinlich. Nur eine neue Liebe konnte so viel Duldsamkeit, so viel Mitleid geben. Und waren Alberts letzte Worte, als er seinen Freund mit sich fortführte und ihm eine Erzählung, einen Roman versprach, nicht die Bestätigung dieses Zweifels, das Geständniß und die Erklärung dieser innigen, verschwiegenen Freude, von der er erfüllt schien?

– Ja, sagte Consuelo, seine Augen leuchteten von einem Glanze, den ich nie darin gesehen habe. Sein Lächeln hat einen Ausdruck des Triumphs, der Trunkenheit; und er lächelte, er lachte fast, er, dem sonst das Lachen unbekannt schien. Es lag sogar eine Art Spott in seiner Stimme, als er dem Baron sagte:

– »Bald wirst auch du über die Lobsprüche lachen, die du mir ertheilst.«

Kein Zweifel mehr, er liebt, aber nicht mehr mich. Er kämpft nicht dagegen, er denkt nicht einmal daran; er segnet meine Untreue, er begünstigt sie, freut sich darüber, erröthet nicht über mich, er überläßt mich meiner Schwäche, deren ich mich allein schämen werde und deren Schmach ganz auf mein Haupt zurückfällt. O Himmel, ich war nicht allein strafbar, Albert war es noch mehr! Ach, warum habe ich das Geheimniß eines Edelmuths belauscht, den ich so sehr bewundert und niemals hätte annehmen mögen?

Jetzt fühle ich es wohl, es liegt etwas Heiliges in der beschwornen Treue. Gott allein, der unser Herz ändert, kann es davon entbinden. Denn vielleicht mögen die durch einen Schwur vereinigten Herzen das Opfer ihrer Rechte anbieten und es annehmen. Aber wenn gegenseitige Unbeständigkeit allein die Trennung gebietet, dann ereignet sich unter diesen beiden Wesen etwas Entsetzliches, als wären sie eines Mordes schuldig, denn sie haben mit kaltem Blute die Liebe in ihrem Busen getödtet, welche sie vereinigte.

Mit dem ersten Lichte des Morgens ging Consuelo wieder in den Wald zurück. Sie hatte die ganze Nacht in dem verlassenen Thurme zugebracht, in tausend düstere und kummervolle Gedanken versenkt. Es wurde ihr nicht schwer, den Weg in ihre Wohnung zurück zu finden, obgleich sie ihn in der Finsterniß gemacht hatte und er ihr in der Eile ihrer Flucht länger vorgekommen als er es bei der Rückkehr war.

Sie stieg den Hügel hinab, ging an dem Bache bis zu dem Gitter hin, durch das sie sich mit Leichtigkeit hindurch schwang. Sie war weder furchtsam, noch aufgeregt. Es kümmerte sie wenig, gesehen zu werden, da sie entschlossen war, ihrem Gewissensrathe Alles ohne Umschweif zu erzählen.

Uebrigens beschäftigte sie das Gefühl ihres vergangenen Lebens dermaßen, daß die Gegenwart ihr nur noch ein untergeordnetes Interesse darbot. Liverani existirte kaum noch für sie. So ist das menschliche Herz. Die keimende Liebe braucht Gefahren und Hindernisse, die erloschene entzündet sich wieder, wenn es nicht mehr von uns abhängt, sie in dem Herzen des Andern zu erwecken.

Diesmal schienen die unsichtbaren Wächter Consuelo's geschlafen zu haben und ihr nächtlicher Spaziergang von Niemand bemerkt worden zu sein.

In ihrem Klavier fand sie einen neuen Brief des Unbekannten, ebenso voll zärtlicher Achtung als der des vorigen Tages kühn und leidenschaftlich gewesen war. Er klagte, daß sie sich vor ihm fürchtete und tadelte sie, sich in ihre Zimmer verschlossen zu haben, als wenn sie an seiner schüchternen Verehrung gezweifelt hätte. Er bat sie demüthig, ihm zu erlauben, sie nur im Garten in der Dämmerung zu sehen und versprach ihr, wenn sie es wünsche, nicht mit ihr zu sprechen, sich nicht zu zeigen.

»Sei es nun aus Entfremdung des Herzens oder aus Gewissenhaftigkeit,« fügte er hinzu, »Albert entsagt dir ruhig, anscheinend sogar kalt. In seinem Herzen spricht die Pflicht lauter als die Liebe. In wenigen Tagen werden die Unsichtbaren dir seinen Entschluß mittheilen und deine Freiheit aussprechen. Dann kannst du hier bleiben, um dich in ihre Geheimnisse einweihen zu lassen,wenn du bei diesem edlen Entschlusse verharrst; und bis dahin werde ich ihnen meinen Schwur halten und mich deinen Augen nicht zeigen. Doch wenn du dieses Versprechen nur aus Theilnahme an mir gethan hast, wenn du dich loszumachen wünschest, so sprich und ich breche alle meine Verbindungen und fliehe mit dir. Ich bin nicht Albert, meine Liebe ist stärker als meine Tugend. Wähle!«

– Ja, es ist gewiß, sagte Consuelo, indem sie den Brief des Unbekannten auf die Tasten ihres Klaviers zurückfallen ließ, dieser liebt mich, Albert aber nicht. Vielleicht hat er mich nie geliebt, und mein Bild war nur eine Schöpfung seines Wahnsinns. Und doch schien mir diese Liebe erhaben, und wollte der Himmel, sie wäre es noch in dem Maße, die meinige durch ein peinliches und erhabenes Opfer wieder zu erwerben! Es wäre für uns Beide besser als die ruhige Trennung zweier verbrecherischer Herzen. Auch für Liverani wäre es besser, wenn ich ihn mit herzzerreißendem Schmerze verlassen hätte, als daß ich ihn jetzt wie einen Zwang meiner Einsamkeit an einem Tage des Unwillens, der Scham und schmerzlicher Trunkenheit annehme.

Sie antwortete Liverani die wenigen Worte:

»Ich bin zu stolz und zu aufrichtig, um Sie zu täuschen. Ich weiß, was Albert denkt, wozu er entschlossen ist, ich habe seine vertrauten Mittheilungen an einen gemeinsamen Freund belauscht. Er giebt mich ohne Kummer auf, und nicht die Tugend allein triumphirt über seine Liebe. Ich werde dem Beispiel, das er mir giebt, nicht folgen. Ich habe Sie geliebt, und entsage Ihnen, ohne einen Andern zu lieben. Ich bin dieses Opfer meiner Würde, meinem Gewissen schuldig. Ich hoffe, Sie werden sich nicht mehr meiner Wohnung nähern. Wollen Sie einer blinden Leidenschaft nachgeben und mir ein neues Geständniß entreißen, so würden Sie es bereuen. Sie würden vielleicht mein Vertrauen dem gerechten Zorn eines gebrochenen Herzens und dem Entsetzen eines verlassenen Gemüths verdanken. Es wäre eine Strafe für mich und für Sie. Wenn Sie darauf bestehen, Liverani, so lieben Sie nicht so, wie ich geglaubt habe.«

Liverani bestand dennoch darauf; er schrieb wieder und war bei aller seiner Demuth beredt, überzeugend, aufrichtig.

»Sie berufen sich auf meinen Stolz,« sagte er, »und ich habe keinen Stolz gegen Sie. Wenn Sie in meinen Armen einen Abwesenden bedauern, so wird es mich schmerzen, doch nicht beleidigen. Zu Ihren Füßen niedergeworfen, würde ich Sie mit Thränen bitten, ihn zu vergessen und mir allein zu vertrauen. Wie Sie mich auch lieben mögen, wie gering es auch sei, ich werde Ihnen, wie für ein unendliches Glück dafür dankbar sein.«

Das war der Inhalt einer Reihe von glühenden, schüchternen, beharrenden und bittenden Briefen. Vor dem innigen Ringen einer wahren Liebe fühlte Consuelo ihren Stolz schwinden. Unmerklich gewöhnte sie sich an den Gedanken, daß sie noch nie zuvor, nicht einmal vom Grafen von Rudolstadt, geliebt worden sei. Jetzt bekämpfte sie den unwillkührlichen Unmuth, den diese ihren heiligsten Erinnerungen zugefügte Schmach in ihr geweckt hatte; sie fürchtete, wenn sie ihn äußere, das Glück Alberts zu stören, das dieser in einer neuen Liebe finden könne.

Sie beschloß also schweigend die Trennung anzunehmen, welche auszusprechen er das Tribunal der Unsichtbaren beauftragt zu haben schien, und sie enthielt sich, ihren Namen den Antworten beizufügen, die sie dem Unbekannten zukommen ließ, und befahl ihm, auf gleiche Weise zu handeln.

Uebrigens waren diese Antworten voll Klugheit und Zartgefühl. Indem sich Consuelo von Albert losmachte und sich an den Gedanken einer neuen Liebe gewöhnte, wollte sie keinem blinden Rausche nachgeben. Sie verbot dem Unbekannten, vor ihr zu erscheinen und das Gelübde des Schweigens eher zu brechen, als die Unsichtbaren ihn davon entbunden hätten. Sie erklärte ihm, es wäre ihr freier, ungezwungener Wille, diesem geheimnißvollen Bunde beizutreten, der ihr Vertrauen und Achtung einflöße; sie sei entschlossen, die nothwendigen Studien zu machen, um ihre Lehre kennen zu lernen und jeden persönlichen Gedanken von sich zu entfernen, bis sie, durch ein wenig Tugend, das Recht erlangt hätte, an ihr eignes Glück zu denken. Sie hatte nicht die Kraft, ihm zu sagen, daß sie ihn nicht liebe, wohl aber die, ihm zu gestehen, daß sie ihn nicht ohne reife Ueberlegung lieben wolle.

Liverani schien sich zu unterwerfen und Consuelo studirte aufmerksam mehrere Bücher, welche Mattheus ihr eines Morgens von Seiten des Fürsten gebracht hatte, mit der Bemerkung, Se. Durchlaucht und sein Hof hätten die Residenz verlassen, sie werde aber bald von ihm Nachricht erhalten.

Sie begnügte sich mit dieser Botschaft, fragte Mattheus nicht weiter, und las die Geschichte der Mysterien des Alterthums, des Christenthums und der verschiedenen Sekten und geheimen Gesellschaften, die sich daraus gebildet haben; eine sehr gelehrte handschriftliche Zusammenstellung, die ein gewissenhafter, geduldiger Adept in der Bibliothek des Ordens der Unsichtbaren gemacht hatte.

Diese ernste und anfangs sehr mühsame Lectüre fesselte nach und nach ihre Aufmerksamkeit und beschäftigte sogar ihre Einbildungskraft. Die Schilderung der Prüfungen in den alten ägyptischen Tempeln erregten ihr manchen furchtbaren und poetischen Traum. Die Erzählungen von den Verfolgungen der Secten des Mittelalters und der Reformation erschütterten ihr Herz mehr als je und diese Geschichte des Enthusiasmus bereitete ihr Gemüth für den religiösen Fanatismus ihrer bevorstehenden Einweihung vor.

Vierzehn Tage lang erhielt sie von außen keine Nachricht und lebte zurückgezogen, von der geheimnißvollen Aufmerksamkeit des Chevalier umgeben, aber fest in dem Entschluß, ihn nicht zu sehen und ihm nicht zu viel Hoffnung zu machen.

Die Hitze des Sommers begann fühlbar zu werden und Consuelo, den Tag über in ihre Studien versenkt, hatte nur die kühleren Stunden des Abends zu ihrer Erholung und frische Luft zu schöpfen. Nach und nach hatte sie ihre langsamen und träumerischen Spaziergänge in den schattigen Gängen ihres Gartens wieder angefangen. Sie glaubte sich allein, und doch ließ ihr, ich weiß nicht welches dunkle Gefühl, zuweilen den Gedanken aufkommen, daß der Unbekannte nicht fern von ihr sei.

Diese schönen Nächte, diese kühlen Schatten, diese Einsamkeit, dieses träumerische Murmeln des Baches, der Duft der Pflanzen, der leidenschaftliche Gesang der Nachtigall, dem ein noch wollüstigeres Schweigen folgte, das glänzende Licht des Mondes, welches sich durch die dichten, duftenden Gebüsche hindurchstahl, der Abendstern, der hinter den rosigen Wolken des Himmels heraufstieg … alle die klassischen, aber ewig frischen und mächtigen Gefühle der Jugend und der Liebe versenkten Consuelo's Gemüth in gefährliche Träumereien; ihr schlanker Schatten auf dem weißen Sande der Alleen, der Aufflug eines Vogels, das Flüstern der vom Abendwind bewegten Blätter, Alles ließ sie erzittern und ihren Schritt verdoppeln; doch kaum waren diese leichten Schrecken verschwunden, als eine unendliche Sehnsucht an ihre Stelle trat, und das stärkere Klopfen ihres Herzens brachte alle Mahnungen ihres Willens zum Schweigen.

Einmal wurde sie mehr als gewöhnlich durch das Rauschen der Blätter und die unbestimmten Töne der Nacht beunruhigt. Es schien ihr, als gehe Jemand nicht weit von ihr, zöge sich zurück bei ihrer Annäherung und nähere sich, wenn sie sich setzte. Die Aufregung ihres Herzens gab ihr noch deutlichere Zeichen. Sie fühlte sich kraftlos gegen ein Begegnen an diesem schönen Orte und unter diesem herrlichen Himmel. Der Abendhauch spielte um ihre brennende Stirn.

Sie floh nach dem Pavillon und verschloß sich in ihr Zimmer. Die Lichter waren noch nicht angezündet. Sie stellte sich hinter eine Jalousie und wünschte glühend denjenigen zu sehen, von dem sie nicht gesehen werden mochte.

Sie sah in der That einen Mann herkommen, der langsam unter ihren Füßen hinging, ohne zu rufen, ohne ein Zeichen zu geben, anscheinend zufrieden, die Mauern zu sehen, die sie bewohnte. Dieser Mann war gewiß der Unbekannte, wenigstens fühlte es Consuelo sogleich an ihrer Unruhe und glaubte seine Gestalt und seinen Gang zu erkennen.

Aber bald bemächtigten sich seltsame Zweifel und peinliche Besorgnisse ihres Geistes. Dieser schweigende Spaziergänger erinnerte sie fast eben so sehr an Albert, als an Liverani. Sie waren Beide von derselben Höhe, und jetzt, wo Albert durch eine neue Gesundheit umgewandelt, einen freieren Gang hatte und den Kopf nicht mehr in trüber oder krankhafter Haltung auf seine Brust herabsinken ließ oder auf seine Hand stützte, kannte Consuelo seine äußere Erscheinung wenig mehr, als die des Chevalier.

Diesen hatte sie auf einen Augenblick am hellen Tage gesehen, als er, in einen faltigen Mantel gehüllt, in einiger Entfernung vor ihr herschritt. Auch Albert hatte sie nur wenig Augenblicke in der verlassenen Burg gesehen, seitdem er so verschieden von dem war, wie sie ihn kannte, und jetzt sah sie den Einen oder den Andern sehr undeutlich im Sternenlicht, und jedes Mal, wo sie sich auf dem Punkte glaubte, ihre Zweifel zu zerstreuen, trat er unter die Schatten der Bäume und verlor sich, selbst einem Schatten gleich.

Er verschwand endlich ganz und gar und Consuelo blieb, zwischen Freude und Furcht getheilt und tadelte sich, nicht den Muth gehabt zu haben, Albert geradezu anzurufen, um zwischen ihnen eine offene und ungezwungene Erklärung herbeizuführen.

Dieser Vorwurf wurde immer lebhafter, je mehr er sich entfernte und je überzeugter sie selbst wurde, daß sie wirklich nur ihn gesehen hätte. Hingerissen von jener gewohnten Ergebung, die bei ihr stets die Stelle der Liebe für ihn vertreten hatte, sagte sie sich, er irre wohl blos in ihrer Nähe herum, in der schüchternen Hoffnung, sie zu unterhalten. Das war wohl nicht das erste Mal, daß er es versuchte; er hatte es ja Trenck an jenem Abend gesagt, wo er wahrscheinlich in der Dunkelheit an Liverani vorbeigegangen war.

Consuelo beschloß, diese nothwendige Erklärung zu veranlassen. Ihr Gewissen legte ihr die Pflicht auf, ihre Zweifel über die wahrhafte Gemüthsstimmung ihres edlen oder wankelmüthigen Gatten aufzuhellen. Sie eilte in den Garten hinab und lief ihm zitternd, doch muthig nach, aber sie hatte seine Spur verloren und ging den ganzen Garten hindurch, ohne ihm zu begegnen.

Endlich sah sie beim Heraustreten aus einem Bosquet plötzlich am Rande des Wassers einen Mann stehen. War es derselbe, den sie suchte? Sie rief ihn mit dem Namen Albert; er erbebte, erhob seine Hände zum Gesicht, und als er sich umwandte, verhüllte die schwarze Maske schon seine Züge.

– Albert; sind Sie es? fragte Consuelo; Sie, Sie allein suche ich.

Ein unterdrückter Ausruf verrieth bei dem Unbekannten ich weiß nicht welche Bewegung der Freude oder des Schmerzes. Er schien fliehen zu wollen; Consuelo hatte Alberts Stimme zu erkennen geglaubt, sie warf sich ihm entgegen und hielt ihn beim Mantel zurück. Aber ihre Hände sanken nieder! der sich öffnende Mantel ließ auf der Brust des Unbekannten ein ziemlich großes silbernes Kreuz sehen, welches Consuelo nur zu genau kannte: es war das ihrer Mutter, dasselbe, welches sie auf ihrer Reise dem Chevalier als ein Zeichen der Dankbarkeit und des Mitgefühls anvertraut hatte.

– Liverani, sagte sie, immer nur Sie! da Sie es sind, leben Sie wohl; warum haben Sie mir nicht gehorcht.

Er warf sich zu ihren Füßen, umschlang sie mit seinen Armen und drückte sie glühend und achtungsvoll. Consuelo hatte nicht die Kraft, sich von ihm loszumachen.

– Wenn Sie mich lieben und wenn Sie meine Liebe wünschen, so lassen Sie mich, sagte sie. Nur vor den Unsichtbaren will ich Sie sehen und Sie anhören. Ihre Maske erregt mir Entsetzen, Ihr Schweigen erkältet mein Herz.

Liverani legte die Hand an seine Maske, er wollte sie abreißen und sprechen. Consuelo hatte, gleich der neugierigen Psyche, nicht mehr den Muth, die Augen zu schließen; aber plötzlich sank der Schleier des geheimen Tribunals über ihren Kopf. Die Hand des Unbekannten, welche die ihrige eilig ergriffen hatte, wurde schweigend losgemacht. Consuelo fühlte sich, ohne scheinbare Heftigkeit und Zorn, aber schnell fortgezogen. Man erhob sie von dem Boden, sie fühlte unter ihren Füßen das Brett einer Barke schwanken, sie fuhr den Bach lange Zeit entlang, ohne daß irgend Jemand zu ihr sprach, und als man ihr das Licht wiedergab, befand sie sich in demselben unterirdischen Saale, wo sie zum ersten Male vor dem Tribunal der Unsichtbaren erschienen war.

3.

Alle die sieben Richter saßen, wie das erste Mal, maskirt, stumm, undurchdringlich, gleich Phantomen, da. Die achte Person, welche Consuelo damals angeredet hatte und der Sprecher des Rathes, der Lehrer der Adepten zu sein schien, redete sie in folgenden Worten an:

– Consuelo, du hast bereits Prüfungen bestanden, aus denen du zu deinem Ruhme und unsrer Zufriedenheit hervorgegangen bist. Wir können dir unser Vertrauen schenken und wollen es dir beweisen.

– Halt! sagte Consuelo; Ihr glaubt mich ohne Tadel, und ich bin es nicht. Ich war Euch ungehorsam, ich habe meinen Bezirk übertreten, auf den Ihr mich beschränkt habt.

– Aus Neugier?

– Nein.

– Kannst du sagen, was du erfahren hast?

– Was ich erfuhr, betrifft nur mich persönlich; ich habe unter Euch einen Beichtiger, dem ich es vertrauen kann und will.

Der Greis, den Consuelo anrief, erhob sich und sagte:

– Ich weiß Alles. Der Fehler dieses Mädchens ist unbedeutend. Sie weiß nichts von dem, was nach Eurem Willen ihr unbekannt bleiben soll. Das Bekenntniß ihrer Gefühle geschehe zwischen ihr und mir. Unterdeß benutzt die Zeit und offenbart ihr ohne Zögern, was sie wissen soll. Ich verbürge mich für sie in allen Stücken.

Nachdem der Sprecher sich an das Tribunal gewandt und von ihm ein Zeichen der Einwilligung erhalten hatte, nahm er wieder das Wort.

– Höre mich wohl, sagte er, ich spreche zu dir im Namen derer, welche du hier versammelt siehst; ihr Hauch, ihr Geist erleuchtet mich. Ihre Lehre will ich dir jetzt offenbaren.

Der unterscheidende Charakter der Religion des Alterthums ist, eine doppelte Offenbarung zu haben, eine äußere und öffentliche, eine innere und geheime. Die eine ist der Geist, die andere die Form oder der Buchstabe. Unter den materiellen und rohen Symbolen lag der tiefe Sinn, der erhabene Gedanke. Aegypten und Indien, die großen Grundtypen der alten Religionen, die Mütter der reinen Lehren, bieten diesen doppelten Ausdruck, dieses nothwendige und verhängnißvolle Zeichen der Gesellschaft im Kindesalter und des mit der Entwickelung des Menschengeistes verknüpften Elends im höchsten Grade.

Du hast jetzt gelernt, worin die großen Geheimnisse von Memphis und Eleusis bestanden, du weißt jetzt, warum die mit der dreifachen religiösen, militärischen und industriellen Macht in den Händen der Hierophanten gelegte göttliche, politische und sociale Wissenschaft nicht bis zu den untersten Klassen dieser bürgerlichen Vereine des Alterthums hinabstiegen.

Die im Wort des Offenbarers von reineren und durchsichtigeren Symbolen umhüllte christliche Idee trat in die Welt, um dem Volke die Erkenntniß der Wahrheit und das Licht des Glaubens zu geben. Aber die Theokratie, der unvermeidliche Mißbrauch der Religionen, welche unter Verwirrung und Gefahren zur Herrschaft gelangen, bemühte sich bald, das Dogma noch einmal zu umhüllen und trübte es durch diese Verhüllung.

Mit den Mysterien erschien der Götzendienst wieder und während der mühsamen Entwickelung des Christenthums sah man, daß die Hierophanten des apostolischen Roms durch eine göttliche Züchtigung das göttliche Licht verloren und in dieselbe Finsterniß versanken, in welche sie die Menschen hatten stürzen wollen. Die Entwickelung des menschlichen Geistes bereitete sich jetzt in einem den Fortschritt der Vergangenheit ganz entgegengesetzten Sinn. Der Tempel war nicht mehr, wie im Alterthum, das Heiligthum der Wahrheit. Aberglaube und Unwissenheit, das rohe Symbol und der todte Buchstabe herrschten auf den Altären und der Geist stieg endlich in die schon lange herabgewürdigten niedern Klassen herab.

Arme Mönche, unbekannte Lehrer, demüthigende Büßende, tugendhafte Apostel des Christenthums machten die geheime und verfolgte Religion zum Asyl der verkannten Wahrheit. Sie bemühten sich, das Volk in die Religion der Gleichheit einzuweihen, und predigten im Namen des Johannes ein neues Evangelium, nämlich eine freiere, kühnere und reinere Auslegung der christlichen Offenbarung.

Du kennst die Geschichte ihrer Arbeiten, ihrer Kämpfe und ihres Märtyrerthums, du kennst die Leiden der Völker, ihr glühendes Streben, ihren furchtbaren Aufschwung, ihre beklagenswerthe Erschlaffung, ihr stürmisches Erwachen, und mitten unter diesen bald erhabenen, bald entsetzlichen Bemühungen, ihre heldenmüthige Beharrlichkeit, die Finsterniß zu fliehen und die Wege Gottes zu finden.

Die Zeit ist nahe, wo der Vorhang des Tempels für immer zerrissen und die Menge stürmend das Heiligthum der heiligen Bundeslade erringen werde. Dann werden alle Symbole verschwinden und die Zugänge der Wahrheit nicht mehr durch die Drachen des religiösen und monarchischen Despotismus beherrscht werden. Alle Menschen werden auf dem Pfade des Lichts wandeln und sich mit aller Kraft ihres Geistes Gott nähern.

Niemand wird mehr seinem Bruder sagen:

– »Sei unwissend und beuge dich! Schließ die Augen und nimm das Joch auf dich!«

Jeder Mensch wird im Gegentheil seinen Bruder um die Hülfe seines Auges, seines Herzens und seines Armes bitten können, um in die Geheimnisse der heiligen Wissenschaft einzudringen.

Doch diese Zeit ist noch nicht gekommen, wir begrüßen jetzt kaum die am Horizonte aufschimmernde Morgenröthe. Die Zeit der geheimen Religion dauert noch immer, die Aufgabe des Mysteriums ist noch nicht erfüllt. Wir sind noch immer in den Tempeln eingeschlossen, beschäftigt Waffen zu schmieden, um die Hüter zu entfernen, welche sich zwischen uns und das Volk stellen. Wir sind noch immer gezwungen, unsere Thüren verschlossen und unsere Worte geheim zu halten, damit man unsern Händen nicht die mit so vieler Mühe gerettete und der Gemeinheit der Menschen bewahrte heilige Lade entreiße.

Du bist jetzt aufgenommen in den neuen Tempel; aber dieser Tempel ist immer noch eine Festung, welche seit Jahrhunderten für die Freiheit steht, ohne sie erringen zu können. Der Krieg herrscht um uns her. Wir wollen Befreier sein und sind nur noch Kämpfer. Du kommst hierher, um den Bruderbund, die Fahne des Heils, das Zeichen der Freiheit zu empfangen und vielleicht mit uns im Kampfe zu sterben. Das ist das Geschick, welches du angenommen hast.

Du unterliegst vielleicht ohne das Zeichen des Sieges über deinem Haupte wehen zu sehen. Noch immer rufen wir im Namen des heiligen Johannes die Menschen zum Kreuzzug auf. Wir stellen noch immer ein Symbol auf; wir sind die Erben der früheren Johanniter, die unbekannten, geheimnißvollen und beharrlichen Nachfolger von Wiclef, Johannes Huß und Luther; wie sie, wollen wir das Menschengeschlecht befreien; aber wie sie, sind wir selbst nicht frei, und wie sie, gehen wir vielleicht dem Schaffot entgegen.

Doch der Kampf hat den Ort und die Waffen wesentlich geändert. Noch immer trotzen wir der argwöhnischen Strenge der Gesetze, noch immer setzen wir uns der Aechtung, dem Elend, der Gefangenschaft, dem Tode selbst aus; denn die Mittel der Tyrannei sind noch immer dieselben, aber unsere Mittel sind nicht mehr der Aufruf zum materiellen Aufstand, die blutige Predigt des Kreuzes und des Schwertes. Unser Kampf ist ein rein geistiger, wie unsere Sendung.

Wir wenden uns an den Geist, wir wirken durch den Geist. Nicht mit gewaffneter Hand können wir die jetzt auf alle Hülfsmittel roher Kraft gestützten und organisirten Regierungen stürzen. Wir führen einen langsameren, stilleren, inneren Krieg, wir greifen sie in ihrem Herzen an. Wir erschüttern ihre Grundlagen, indem wir den blinden Glauben und die götzendienerische Ehrfurcht, die sie einzuflößen suchen, zerstören. Wir lassen überall, selbst in die Herzen, ja sogar in den verwirrten und verblendeten Geist der Fürsten und Könige das eindringen, was Niemand mehr das Gift der Philosophie zu nennen wagt; wir vernichten jedes Trugbild; von unserer Burg herab schleudern wir die glühenden Kugeln der begeisternden Wahrheit und der unerbittlichen Vernunft auf die Altäre und die Throne.

Wir werden siegen, zweifle nicht. In wie viel Jahren, oder in wie viel Tagen? Wir wissen es nicht. Aber unser Unternehmen ist schon so alt, es ist mit so viel Glauben geführt, mit so wenig Erfolg erstickt, mit so viel Eifer wieder aufgenommen, mit so viel Leidenschaft verfolgt worden, daß es nicht untergehen kann; es ist seiner Natur nach unsterblich geworden, wie die unsterblichen Güter, die es zu erringen trachtet. Unsere Vorfahren haben es begonnen und jede Generation hat geglaubt, es zu Ende zu bringen.

Wenn wir selbst es nicht ebenfalls ein wenig hofften, so würde vielleicht unser Eifer weniger glühend und erfolgreich sein; doch wenn auch der Geist des Zweifels und des Spottes, der zu dieser Zeit die Welt beherrscht, uns durch seine kalten Berechnungen und seine entmuthigenden Schlüsse bewiese, daß wir einen Traum verfolgen, der erst in mehreren Jahrhunderten zu verwirklichen ist, so würde doch unsere Ueberzeugung von der Heiligkeit unsrer Sache nicht erschüttert werden, und wenn wir auch mit etwas größerer Anstrengung und größerem Schmerze arbeiteten, so würden wir doch nicht weniger für die Menschen der Zukunft uns bemühen.

Denn zwischen uns und der Vergangenheit und den kommenden Generationen herrscht ein so enges und festes religiöses Band, daß wir fast in uns die selbstsüchtige und persönliche Richtung der menschlichen Individualität erstickt haben. Das kann freilich der gemeine Haufe nicht begreifen, und doch liegt in dem Stolz des Adels etwas, welches unserm erblichen religiösen Enthusiasmus gleicht.

Die Großen bringen dem Ruhme viel Opfer, um ihren Ahnen würdig zu sein und ihren Nachkommen höhere Ehre zu hinterlassen. Wir, die wir an dem Tempel der Wahrheit bauen, wir bringen der Tugend viele Opfer, damit das Werk der Meister fortbestehe und wir fleißige Schüler bilden. Dem Geist und dem Herzen nach leben wir zugleich in der Vergangenheit, in der Zukunft und in der Gegenwart. Unsere Vorfahren und unsere Nachfolger sind wir so gut als wir selbst. Wir glauben an die Fortdauer des Lebens, der Gefühle, der großmüthigen Instinkte in den Seelen, wie die Patrizier an die Trefflichkeit der Raçe in ihren Adern glauben.

Wir gehen noch weiter, wir glauben an die Transmission des Lebens, der Individualität, der Seele und der menschlichen Person. Wir fühlen uns vom Geschick und der Vorsehung zur Fortsetzung des Werkes berufen, das wir, von Jahrhundert zu Jahrhundert immer verfolgt und weitergeführt, schon geträumt haben. Manche unter uns haben sich in der Beschauung der Vergangenheit und der Zukunft sogar so vertieft, daß sie fast den Begriff der Gegenwart verloren haben.

Das ist das erhabene Fieber, die Ekstase unserer Gläubigen und unserer Heiligen; denn auch wir haben Heilige und Propheten, vielleicht sogar Schwärmer und Seher; doch wie sehr sich auch die Erhabenheit ihrer Verzückung verirren mag, wir achten ihre Begeisterung, und Albert, der Fanatiker und Seher, hat unter uns nur Brüder gefunden voll Theilnahme für seine Schmerzen und Bewunderung für seinen Enthusiasmus.

Wir glauben auch an die Ueberzeugung des Grafen Saint Germain, den die Welt für einen Betrüger oder für einen Verrückten hält. Obgleich seine Erinnerungen aus einer dem Menschengedächtniß unzugänglichen Vergangenheit einen ruhigeren, bestimmteren und noch unbegreiflichern Charakter an sich tragen, als Alberts Verzückungen, so haben sie doch auch einen Charakter der Aufrichtigkeit und eine Klarheit, die wir unmöglich verspotten können.

Wir zählen unter uns viele andere Seher, Mystiker, Dichter, Männer des Volkes, Philosophen,Künstler, glühende Sectirer, unter den Bannern verschiedener Häupter vereinigt; Böhmisten, Theosophen, mährische Brüder, Herrnhuter, Quäker, selbst Pantheisten, Pythagoräer, Xerophagisten, Illuminaten, Johanniter, Templer, Millenarier, Joachimiten u. s. w. Alle diese alten Secten existiren nicht weniger und sogar mit nur geringen Veränderungen, obgleich sie diejenige Entwickelung nicht mehr haben, die sie in der Zeit ihrer Entstehung hatten.

Die Eigenthümlichkeit unserer Zeit besteht eben darin, alle Formen wieder zu erzeugen, welche der strebende oder reformatorische Geist in den vergangenen Jahrhunderten abwechselnd dem religiösen und philosophischen Gedanken gegeben hat. Wir nehmen also unsere Adepten aus diesen verschiedenen Gruppen, ohne eine absolute Gleichheit der Lehrmeinung, die in der Zeit, in welcher wir leben, unmöglich ist, zu fordern. Wenn wir nur in ihnen den Geist der Zerstörung finden, so ist das hinreichend, sie in unsern Reihen aufzunehmen; unsere ganzes organisirende Weisheit besteht darin, die Baumeister nur unter denjenigen Geistern zu wählen, welche über den Schulstreitigkeiten stehen, bei denen die Liebe zur Wahrheit, der Eifer für die Gerechtigkeit und der Instinkt des moralisch Schönen über die Gewohnheiten der Familie und die Eifersüchtelei der Secte die Oberhand behalten.

Es ist übrigens nicht so schwer, als man glaubt, sehr ungleichartige Elemente an demselben Werke gemeinsam arbeiten zu lassen; denn diese Verschiedenheiten sind mehr scheinbar als wirklich. Im Grunde sind alle diese Häretiker (ich gebrauche diesen Namen aus Achtung) in der Hauptsache, nämlich die geistige und weltliche Tyrannei zu zerstören, oder wenigstens dagegen zu protestiren, einverstanden. Die Antagonismen, welche bis jetzt die Verschmelzung aller dieser edlen und nützlichen Widerstrebungen verzögert haben, kommen aus der Eigenliebe und Eifersucht, den dem Menschengeschlecht inwohnenden Lastern, dem unglücklichen und unvermeidlichen Gegengewicht jeden Fortschrittes der Menschheit.

Durch Schonung dieser empfindlichen Seiten, durch das Versprechen für jede Gemeinde, daß sie ihre Meister, Institutionen und Gebräuche behalten soll, kann man, wenn auch keine Gesellschaft, doch eine Armee aufstellen, und wie ich es schon sagte, sind wir nur noch ein Heer, das zu Eroberung eines gelobten Landes, einer idealen Gesellschaft, auszieht. Auf dem Standpunkte, auf welchem sich noch immer die menschliche Natur befindet, giebt es bei dem Einzelnen so viel Charakterverschiedenheiten, so viel verschiedene Stufen des Begriffs der Wahrheit, so viel verschiedene Ansichten, sinnige Offenbarungen der reichen Natur, welche den Menschengeist erschafft, daß es durchaus nothwendig ist, Jedem die Bedingungen seines moralischen Lebens und die Elemente seiner Kraft zum Handeln zu überlassen.

Unser Werk ist groß, unsere Aufgabe ungeheuer. Wir wollen nicht allein auf gleichmäßige Grundlagen und auf eine neue Ordnung der Dinge ein allgemeines Reich gründen; wir wollen auch eine Religion wieder herstellen.

Uebrigens fühlen wir recht wohl, daß das Eine ohne das Andere unmöglich ist. Daher haben wir zwei Handlungsweisen. Eine ganz materielle, um durch die Kritik, durch Prüfung, selbst durch Spott, durch Voltairianismus und durch Alles, was sich daran knüpft, die alte Welt zu untergraben und in sich selbst zusammenzustürzen. Das furchtbare Zusammenwirken aller kecken Willen und aller heftigen Leidenschaften beschleunigt unsern Fortschritt in dieser Richtung.

Unsere andere Handlungsweise ist ganz geistig, sie will die Religion der Zukunft aufbauen. Die Auserwählten an Geist und Tugend unterstützen uns an dieser unaufhörlichen Arbeit unsers Gedankens. Das Werk der Unsichtbaren ist ein Concilium, welches die Verfolgung der bestehenden Weltordnung hindert, öffentlich aufzutreten, das aber unaufhörlich berathschlagt, und in demselben Geiste auf allen Punkten der civilisirten Welt arbeitet.

Geheimnißvolle Mittheilungen bringen das Korn, sobald es reif, auf die Tennen, säen es auf dem Felde der Menschheit, sobald wir es aus den Aehren befreit haben; und bei diesen letzten geheimen Bemühungen kannst du mitwirken, wir werden dir sagen, auf welche Weise, wenn du dich bereit erklärt haben wirst.

– Ich bin bereit, antwortete Consuelo mit fester Stimme, indem sie den Arm zum Zeichen des Schwurs erhob.

– Versprich nicht zu schnell, Weib mit den edlen Trieben, mit dem unternehmenden Geiste. Du hast vielleicht nicht alle Tugenden, welche ein solcher Auftrag erfordert. Du hast die Welt kennen gelernt, du hast in ihr bereits die Begriffe der Klugheit angenommen, eine sogenannte Lebensweisheit, Verschwiegenheit, kluges Betragen.

– Ich schmeichle mich dessen nicht, entgegnete Consuelo, mit bescheidenem Stolze lächelnd.

– Nun, du hast wenigstens zu zweifeln, zu disputiren, zu spotten, zu argwöhnen gelernt.

– Zweifeln vielleicht. Nehmt mir den Zweifel, der nicht in meiner Natur lag und mir viel Schmerz bereitete, ich werde Euch segnen. Nehmt mir vor Allem den Zweifel an mir selbst, der mich machtlos machen würde.

– Wir wollen dir den Zweifel nur nehmen, indem wir dir unsere Grundsätze entwickeln. Materielle Garantien aber für unsere Aufrichtigkeit und unsere Macht werden wir dir eben so wenig geben, als wir es bisher gethan haben. Mögen die geleisteten Dienste dir genügen, wir werden dir immer bei Gelegenheit beistehen; doch in die Geheimnisse unseres Gedankens und unserer Handlungen werden wir dich nur einführen je nach dem thätigen Antheil, den wir dir zugestehen.

Du wirst uns nicht kennen lernen; nie unsere Züge sehen. Du wirst nie unsere Namen erfahren, wenn uns nicht ein großes Interesse zwingt, das Gesetz zu überschreiten, welches uns für unsere Schüler zu Unbekannten und Unsichtbaren macht. Kannst du dich blindlings Männern anvertrauen und unterwerfen, welche für dich nie etwas Anderes als abstracte Wesen, lebende Ideen, geheimnißvolle Stützen und Rathgeber sind?

– Eine eitle Neugier allein könnte mich dazu treiben, Euch anders kennen zu wollen. Ich hoffe, dies kindische Gefühl wird mich nie erfassen.

– Es handelt sich nicht mehr um Neugier, sondern um Mißtrauen. Das deinige wäre nach der Logik und Klugheit der Welt begründet. Eine Mensch vertritt seine Handlungen, sein Name ist eine Garantie oder eine Warnung; sein Ruf unterstützt oder verläugnet seine Handlungen oder seine Pläne.

Bedenkst du wohl, daß du niemals das Betragen irgend Eines von uns im Besondern mit den Vorschriften des Ordens vergleichen kannst? Du mußt an uns wie an Heilige glauben, ohne zu wissen, ob wir nicht vielleicht Heuchler sind. Du wirst vielleicht sogar aus unsern Entscheidungen scheinbare Ungerechtigkeiten, Verrath und Grausamkeiten hervorgehen sehen. Du kannst unsere Schritte eben so wenig wie unsere Absichten controliren.

Ist dein Glaube stark genug, um mit geschlossenen Augen am Rande eines Abgrunds hinzugehen?

– Bei der Ausübung des Katholicismus habe ich in meiner Kindheit eben so gehandelt, antwortete Consuelo nach einem augenblicklichen Nachdenken. Ich habe einem Priester, dessen Züge ich hinter dem Schleier des Beichtstuhls nicht sah und von dem ich weder Namen, noch Leben kannte, mein Herz geöffnet und die Leitung meines Gewissens überlassen. Ich sah in ihm nur das Priesteramt, der Mensch galt mir nichts. Ich gehorchte Christo und bekümmerte mich um den Diener nicht. Glaubt Ihr, das sei so schwer?

– So erhebe denn jetzt die Hand, wenn du darauf beharrst.

– Einen Augenblick, sagte Consuelo. Eure Antwort würde über mein Leben entscheiden, aber erlaubt Ihr mir, Euch eine einzige, die erste und letzte Frage vorzulegen?

– Du siehst es, schon zögerst du, schon suchst du andere Garantien, als in deiner freien Willenskraft, und in dem Sehnen deines Herzens nach der Idee, die wir vorstellen. Doch sprich. Deine Frage wird uns über deine Stimmung aufklären.

– Hier ist sie. Ist Albert in alle Eure Geheimnisse eingeweiht?

– Ja.

– Ohne irgend eine Beschränkung?

– Ohne irgend eine Beschränkung.

– Und er folgt Euch?

– Sage vielmehr, wir folgen ihm. Er ist ein Licht in unserm Rathe, das reinste, das göttlichste vielleicht.

– Warum sagtet Ihr mir das nicht zuerst? Ich hätte keinen Augenblick gezögert. Führt mich wohin Ihr wollt, verfügt über mein Leben. Ich bin die Eure und schwöre Euch.

– Du erhebst die Hand. Aber auf was schwörst du?

– Auf Christi Bild, das ich hier sehe.

– Was ist Christus?

– Der der Menschheit offenbarte göttliche Gedanke.

– Ist dieser Gedanke ganz im Buchstaben des Evangeliums niedergelegt?

– Ich glaube es nicht; aber ich glaube, er ist vollständig in seinem Geist enthalten.

– Deine Antworten genügen uns und wir nehmen den Schwur an, den du geleistet hast.

Jetzt wollen wir dich in die Pflichten gegen Gott und gegen uns selbst einführen. Erfahre denn zuvor die drei Worte, in denen das ganze Geheimniß unserer Mysterien besteht und die wir vielen unsrer Verbrüderten nur sehr langsam und vorsichtig offenbaren. Du brauchst eine lange Lehrzeit nicht; und doch wirst du nachdenken müssen, um ihre ganze Bedeutung kennen zu lernen. Freiheit, Bruderliebe, Gleichheit: Das ist die geheimnißvolle und tiefsinnige Formel des Werkes der Unsichtbaren.

– Ist das wirklich das ganze Geheimniß?

– Du glaubst, es sei keins; doch prüfe den Zustand der Gesellschaft und du wirst sehen, daß es für die Menschen, gewohnt vom Despotismus, der Ungleichheit, der Feindseligkeit beherrscht zu werden, eine neue Erziehung, eine vollständige Umwandlung, eine wahre Offenbarung ist, ehe sie dahin kommen, die menschliche Möglichkeit, die sociale Nothwendigkeit und die moralische Entsagung klar zu begreifen, welche in diesem dreifachen Lehrsatze besteht: Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe.

Die kleine Anzahl rechtlicher Gemüther und reiner Herzen, die von Natur gegen die Ungerechtigkeit und die Schmach der Tyrannei protestiren, erfassen sogleich diese geheime Weisheit. Ihre Fortschritte sind schnell, denn es handelt sich bei ihnen nur darum noch, ihnen die Anwendung zu lehren, die wir gefunden haben.

Aber für die größere Masse, für die Männer der Welt, die Höflinge und Mächtigen, bedenke, wie viel Vorsicht und Schonung nothwendig ist, um ihrem Geiste die geheiligte Formel des unsterblichen Werkes anzuvertrauen. Man muß sich mit Symbolen und Umschreibungen umgeben; man muß sie überreden, es handele sich nur um eine eingebildete, auf die Uebung des persönlichen Gedankens beschränkte Freiheit, um eine relative Gleichheit, die sich nur auf die Mitglieder des Vereins ausdehnt und nur in ihren geheimen und wohlwollenden Vereinigungen anwendbar ist; endlich um eine romanhafte Bruderliebe, die man einer gewissen Anzahl von Personen bewilligt, und auf vorübergehende Dienste, auf einige gute Werke, auf gegenseitige Hülfe beschränkt.

Für diese Sklaven der Gewohnheit und des Vorurtheils sind unsere Geheimnisse nur Statuten der heroischen, alten Ritterorden, die der bestehenden Macht nichts anhaben, dem Elend des Volkes keine Hülfe bringen. Für sie giebt es nur unbedeutende Grade, die Kenntniß frivoler Wissenschaft oder herkömmlicher Adelsvorrechte, eine Reihe von Einweihungen, deren wunderliche Ceremonien ihre Neugier unterhalten, ohne ihren Geist aufzuklären. Sie glauben Alles zu wissen und wissen nichts.

– Wozu dienen sie? fragte Consuelo, die aufmerksam zuhörte.

– Zum Schutz der ungehinderten Wirksamkeit der Wissenden und Kennenden, antwortete der Sprecher. Das soll dir erklärt werden. Höre zuvor, was wir von dir erwarten.

Europa (besonders Deutschland und Frankreich) ist mit geheimen Gesellschaften und unterirdischen Laboratorien erfüllt, in denen sich eine große Revolution vorbereitet, die in Frankreich oder Deutschland ausbrechen wird. Der Schlüssel davon liegt in unsern Händen und wir bemühen uns, die Leitung aller dieser Vereine zu erhalten, ohne Wissen des größten Theils ihrer Mitglieder und ohne daß die Einen die Andern kennen. Obgleich unser Zweck noch nicht erreicht ist, so ist es uns doch gelungen, überall festen Fuß zu fassen, und die bedeutendsten unter diesen verschiedenen Verbrüderten gehören zu uns und unterstützen unsere Bemühungen.

Wir werden dich in alle diese heiligen Orte, in alle diese profanen Tempel einführen, denn die Verderbniß und die Frivolität haben auch ihre Städte erbaut und in einigen arbeitet das Laster und die Tugend an demselben Werke der Zerstörung, ohne daß das Böse um seine Verbindung mit dem Guten weiß. Das ist das Gesetz der Verschwörungen.

Du sollst das Geheimniß der Freimaurer kennen lernen, der großen Verbrüderung, welche unter den mannichfachsten Formen und mit den verschiedensten Ideen dahin arbeitet, den Begriff der Gleichheit zu verbreiten und sie praktisch üben zu lassen. Du sollst alle Grade aller Gesellschaften erhalten; obgleich die Frauen nur unter dem Titel der Adoption zugelassen werden und nicht alle Geheimnisse der Lehre kennen lernen. Wir werden dich wie einen Mann behandeln, dir alle Insignien, alle Ansprüche, alle Formeln geben, die dir nothwendig sind, um mit den Logen in Verbindung zu treten und die Unterhandlungen zu pflegen, mit denen wir dich beauftragen werden.

Dein Stand, dein wechselnder Aufenthalt, deine Talente, der Zauber deines Geschlechts, deiner Jugend und deiner Schönheit, deine Tugenden, dein Muth, deine Rechtlichkeit und deine Verschwiegenheit machen dich zu dieser Rolle besonders geschickt und geben uns die nothwendige Sicherheit. Dein vergangenes Leben, das wir bis in die geringsten Einzelnheiten kennen, ist uns ein hinreichendes Unterpfand. Du hast freiwillig mehr Prüfungen bestanden, als die Freimaurer erfinden könnten, und bist siegreicher und stärker daraus hervorgegangen, als ihre Adepten aus den eitlen Scheinprüfungen, welche ihre Beständigkeit beweisen sollten.

Uebrigens ist die Gattin und die Schülerin Alberts von Rudolstadt unsere Tochter, unsere Schwester und uns völlig gleich. Wie Albert, bekennen wir uns zu der Lehre der göttlichen Gleichheit des Mannes und des Weibes; doch gezwungen in den betrüblichen Resultaten der Erziehung deines Geschlechts, seiner socialen Lage und seiner Gewohnheiten einen gefährlichen Leichtsinn und launenvolle Triebe anzuerkennen, vermögen wir diese Lehre nicht in ihrer ganzen Ausdehnung zu üben; wir können uns nur einer kleinen Anzahl von Frauen anvertrauen und manche Geheimnisse werden wir nur dir allein mittheilen.

Die andern geheimen Gesellschaften der verschiedenen Nationen Europa's werden dir durch den Talisman unsrer Gesellschaft ebenfalls geöffnet sein, damit du, welches Land du auch bereisen mögest, überall Gelegenheit findest, uns zu unterstützen und unsrer Sache zu dienen. Du wirst sogar, wenn es nothwendig ist, in die unreine Gesellschaft der Mopsen und in die andern geheimen Zufluchtsörter der Galanterie und des Unglaubens unseres Zeitalters eindringen. Du wirst sie reformiren und den Begriff einer reineren und besser verstandenen Bruderliebe darin einführen. Du wirst in deiner Sendung durch den Anblick der Ausschweifungen der Großen eben so wenig befleckt werden, als durch den der Freiheit der Coulissen. Du wirst die erbarmenreiche Schwester kranker Gemüther werden; übrigens geben wir dir auch die Mittel, diejenigen Gesellschaften zu vernichten, welche du nicht verbessern kannst.

Du wirst vorzüglich auf die Frauen wirken; dein Ruf und dein Geist öffnen dir die Pforten der Paläste; Trenck's Liebe und unser Schutz haben dir bereits das Herz und das Vertrauen einer erlauchten Prinzessin geöffnet. Du wirst noch mächtigere Häupter in größerer Nähe sehen und sie zu unsern Bundesgenossen machen. Die Mittel, dahin zu gelangen, sollen der Gegenstand besonderer Mittheilungen, einer ganz speciellen Unterweisung sein, die du hier erhalten wirst.

An allen Höfen und in allen Städten Europa's, wohin du deine Schritte wenden magst, werden wir dir Freunde, Genossen und Brüder finden lassen, um dich zu unterstützen, und mächtige Schützer, um dich den Gefahren deines Unternehmens zu entziehen. Beträchtliche Summen werden dir anvertraut werden, um das Unglück unserer Brüder und aller Unglücklichen, welche die Hülfe unseres Ordens da anrufen, wo du dich befindest, zu erleichtern.

Du wirst unter den Frauen neue geheime Gesellschaften gründen, welche auf dem Princip der unsern ruhen, aber in ihren Formeln und ihrer Zusammensetzung sich nach den Sitten und Gebräuchen der verschiedenen Länder und Klassen richten müssen. Du wirst, so weit es möglich ist, die herzliche und aufrichtige Annäherung der hochgeborenen Dame und der Bürgerin, der reichen Frau und der demüthigen Arbeiterin, der tugendhaften Matrone und der abenteuernden Künstlerin bewirken. Duldsamkeit und Wohlthätigkeit, das ist für die Leute der Welt die gemilderte Formel unseres wahren und strengen Wahlspruchs: Gleichheit und Bruderliebe.

Du siehst es; beim ersten Anblick ist dein Auftrag deinem Herzen angenehm und ruhmvoll für dein Leben; er ist aber nicht ohne Gefahr. Wir sind mächtig, aber der Verrath kann unser Unternehmen vernichten und dich in unser Unglück mit hineinziehen. Spandau kann leicht nicht das letzte Gefängniß für dich und der Zorn Friedrichs II. nicht der einzige königliche Unmuth sein, dem du trotzen mußt. Du mußt auf Alles gefaßt sein und im Voraus dem Märtyrerthum der Verfolgung dich hingeben.

– Ich bin es, antwortete Consuelo.

– Wir wissen es, und wenn wir etwas fürchten, so ist es nicht die Schwäche deines Charakters, sondern die Entmuthigung deines Geistes. Schon jetzt müssen wir dich gegen den Hauptüberdruß, den deine Sendung für dich haben wird, warnen. Die ersten Grade der geheimen Gesellschaften und besonders der Freimaurerei sind in unsern Augen ziemlich unbedeutend und dienen uns nur dazu, die Gemüthsstimmung und die Neigungen der Aufnahme Verlangenden kennen zu lernen.

Die Mehrzahl kommt niemals über die ersten Grade hinaus, in denen, wie ich dir schon gesagt habe, eitle Ceremonien ihre müßige Neugier ergötzen. Zu den folgenden Graden läßt man nur solche Personen, welche Hoffnung geben, und dennoch hält man sie noch vom Ziele entfernt, man prüft sie, beobachtet sie, erforscht ihr Herz, bereitet sie zu einer vollständigern Einweihung vor, oder überläßt sie einer Forschung, aus der sie ohne Gefahr für die Sache und sich selbst nicht heraustreten können. Auch das noch ist nur eine Pflanzschule, wo wir die kräftigem Pflanzen auswählen, um sie in den heiligen Wald zu versetzen.

Nur den letzten Graden gehören die wichtigen Offenbarungen, und mit diesen sollst du beginnen. Aber die Rolle des Meisters legt viele Pflichten auf und hier endigt der Reiz der Neugier, die Begeisterung des Geheimnisses, die Täuschung der Hoffnung. Es handelt sich nicht mehr darum, inmitten des Enthusiasmus und der Aufregung das Gesetz kennen zu lernen, welches den Neophyten zum Apostel, die Novize zur Priesterin umwandelt. Das Gesetz soll geübt werden, indem man Andere unterrichtet und unter denen, am Herzen arm und am Geiste schwach, Leviten für das Heiligthum anzuwerben sucht.

Hierbei, arme Consuelo, wirst du das Bittere vernichteter Täuschung und die mühselige Arbeit der Beharrlichkeit kennen lernen, wenn du unter so vielen neugierigen und eitlen Wahrheitsfreunden so wenig Ernst, Festigkeit und Aufrichtigkeit, so wenig Gemüther findest, die der Wahrheit würdig und fähig sind, sie zu verstehen; unter hundert Kindern, die ein eitles Spiel mit den Formeln der Gleichheit treiben und ihr Bild an ihre Brust hängen, wirst du kaum Einen finden, der von ihrer Wichtigkeit durchdrungen ist und den Muth hat, sie zu bekennen. Du wirst dich gezwungen sehen, in Räthseln mit ihnen zu sprechen und ein trauriges Spiel zu treiben, um sie über den wahren Gehalt der Lehren zu täuschen.

Die Mehrzahl der Fürsten, die wir unter unser Banner aufnehmen, sind in diesem Fall und dienen, geschmückt mit den eitlen Zeichen der Freimaurerei, welche ihrem thörichten Stolz schmeicheln, nur dazu, uns freiere Bewegung und Duldsamkeit der Polizei zu sichern. Doch Einige sind aufrichtig, oder sind es gewesen.

Friedrich, genannt der Große und gewiß fähig, es zu sein, wurde, ehe er König war, zum Freimaurer aufgenommen, und in jener Zeit sprach die Freiheit zu seinem Herzen, die Gleichheit zu seiner Vernunft. Doch wir haben seine Einweihung mit geschickten und klugen Männern umgeben, die ihm das Geheimniß der Lehre nicht überliefert haben. Wie sehr hätten wir es bereuen müssen!

Jetzt beargwöhnt, überwacht und verfolgt Friedrich eine andere Loge, die sich in Berlin gebildet hat, im Gegensatz zu der, welcher er vorsteht, und andere geheime Gesellschaften, an deren Spitze Prinz Heinrich, sein Bruder, sich eifrig gestellt hat. Und doch ist Prinz Heinrich, ebenso wie die Aebtissin von Quedlinburg, nur ein Eingeweihter zweiten Grades und wird nie mehr werden.

Wir kennen die Fürsten, Consuelo, und wissen, daß man auf sie und ihre Höflinge niemals ganz zählen kann. Friedrichs Bruder und Schwester leiden unter seiner Tyrannei und verwünschen sie. Sie würden gern gegen sie conspiriren, aber zu ihrem Vortheil. Trotz der ausgezeichneten Eigenschaften dieser beiden Fürsten werden wir nie die Zügel unsers Unternehmens in ihre Hände legen. Sie conspiriren in der That, wissen aber nicht, welchem furchtbaren Werke sie die Stütze ihres Namens, ihres Vermögens und ihres Einflusses leihen. Sie glauben nur an der Verringerung der Macht ihres Herrn zu arbeiten, das Umsichgreifen seines Ehrgeizes zu schwächen.

Die Prinzessin Amalie zeigt in ihrem Eifer sogar eine Art republikanischer Begeisterung, und sie ist nicht das einzige fürstliche Haupt dieser Zeit, welches ein Traum antiker Größe und philosophischer Umwälzung beschäftigt. Alle kleine Fürsten Deutschlands haben in ihrer Kindheit den Telemach von Fénélon auswendig gelernt und nähren ihren Geist jetzt mit Montesquieu, Voltaire und Helvetius; doch selten gehen sie über ein gewisses Ideal einer aristokratischen, klug abgewogenen Regierung hinaus, wo sie von Rechtswegen die ersten Stellen einnehmen.

Ihren Gedankengang und ihre Aufrichtigkeit kannst du nach dem wunderlichen Contrast beurtheilen, den du bei Friedrich in seinen Grundsätzen und seinen Handlungen, in seinen Worten und seinen Thaten gesehen hast. Alle sind nur mehr oder weniger schwache, mehr oder weniger übertriebene Copien dieses Musters philosophischer Tyrannen. Aber da sie nicht die absolute Macht in ihren Händen haben, so ist ihr Betragen weniger verletzend und man kann sich leicht Täuschungen hingeben über den Gebrauch, den sie von ihrer Macht machen würden.

Wir lassen uns nicht täuschen; wir lassen diese gelangweilten Herren, diese gefährlichen Freunde auf den Thronen unsrer symbolischen Tempel sitzen. Sie glauben Priester zu sein, sie bilden sich ein, die Schlüssel zu den heiligen Mysterien in den Händen zu halten, wie einst das Haupt des römisch-deutschen Reiches, das dem Scheine nach zum Großmeister der heiligen Vehme erwählt wurde, sich einbildete, die furchtbare Schaar der Vehmrichter zu beherrschen, die Herren seiner Macht, seiner Pläne und seines Lebens. Doch während sie sich für unsere Generale halten, dienen sie uns als Lieutenants, und niemals vor dem im Buche des Schicksals zu ihrem Sturz verzeichneten verhängnißvollen Tage werden sie erfahren, daß sie uns gegen sich selbst helfen.

Das ist die finstere und bittere Seite unseres Werkes. Wir müssen manche Gesetze des friedlichen Gewissens übertreten, wenn wir unserm heiligen Fanatismus das Herz öffnen.

Wirst du diesen Muth haben, junge Priesterin, mit dem reinen Herzen und dem offnen Worte?

– Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, ist ein Rücktritt mir nicht mehr erlaubt, antwortete Consuelo nach einem augenblicklichen Stillschweigen. Ein erster Zweifel könnte mich in eine ganze Reihe von Rückhalten und Schrecken führen, die mich zur Feigheit brächte. Ich habe Euer ernstes Vertrauen empfangen und fühle, daß ich mir selbst nicht mehr gehöre.

Ach ja, ich gestehe es, ich werde oft unter der Rolle leiden, die Ihr mir auferlegt; denn es hat mich bitter geschmerzt, gezwungen zu sein, gegen den König Friedrich zu lügen, um in Gefahr schwebende Freunde zu retten. Laßt mich zum letzten Male erröthen, in Folge der Schaam eines Herzens, dem jeder Hinterhalt fremd war, laßt mich die Unschuld meiner unwissenden und friedlichen Jugend beweinen. Ich kann mich dieses Schmerzes nicht erwehren, aber ich werde mich vor später und kleinmüthiger Reue zu bewahren wissen. Ich soll nicht mehr das harmlose, unnütze Kind sein, das ich noch vor Kurzem war; ich bin es schon nicht mehr, da ich hier zwischen der Nothwendigkeit stehe, gegen die Unterdrücker der Menschheit zu conspiriren oder ihre Befreier zu verrathen.

Ich habe den Baum der Erkenntniß berührt; seine Früchte sind bitter, aber ich werfe sie nicht von mir, Wissen ist ein Unglück, aber sich zu handeln weigern ist ein Verbrechen, wenn man weiß, was man thun soll.

– Das heißt mit Weisheit und Muth antworten, erwiederte der Sprecher. Wir sind mit dir zufrieden. Schon morgen Abend werden wir zu deiner Einweihung schreiten. Bereite dich den ganzen Tag auf eine neue Taufe, auf eine furchtbare Verpflichtung durch Nachdenken und Gebet und selbst durch die Beichte vor, wenn deine Seele nicht frei von jeder persönlichen Sorge ist.

4.

Consuelo ward mit Tagesanbruch durch die Töne des Hornes und Hundegebell aufgeweckt. Als Mattheus ihr das Frühstück brachte, sagte er ihr, es werde ein großes Treibjagen auf Hirsche und Wildschweine in dem hinter dem Felsen am Ende des Parkes gelegenen Forste gehalten. Mehr als hundert Gäste, sagte er, seien im Schlosse zu diesem hochadligen Vergnügen versammelt.

Consuelo nahm daraus ab, daß eine große Anzahl Bundesbrüder unter dem Vorwand einer Jagd in diesem Schlosse, dem Hauptsammelplatz für ihre wichtigsten Berathungen, zusammengekommen wäre. Sie erschrak ein wenig bei dem Gedanken, daß vielleicht alle diese Männer Zeugen ihrer Aufnahme sein würden und fragte sich, ob das in der That in den Augen des Ordens Theilnahme genug erregen könne, um eine so große Anzahl der Bundesglieder herzuführen.

Sie bemühte sich, zu lesen und nachzudenken, um den Vorschriften des Ordens nachzukommen; aber eine innere Aufregung, dunkle Besorgnisse zerstreuten sie noch mehr als die Fanfaren, der Hufschlag der Pferde und das Geheul der Jagdhunde, von denen den ganzen Tag lang der Wald wiederhallte.

War es eine wirkliche oder nur scheinbare Jagd? Hatte sich Albert mit allen Gewohnheiten des gemeinen Lebens in dem Maße versöhnt, daß er ohne Widerwillen daran Theil nahm und ohne Entsetzen das Blut unschuldiger Thiere vergoß? Würde Liverani diesem Vergnügen sich entziehen und, von der Menge der Gäste begünstigt, die Neophytin in ihrer Einsamkeit aufsuchen?

Consuelo sah nichts von dem, was draußen vorging und Liverani kam nicht. Mattheus, wahrscheinlich zu sehr im Schlosse beschäftigt, brachte ihr das Mittagessen nicht. Sollte es, wie Superville behauptete, ein absichtlich auferlegtes Fasten sein, um die geistigen Fähigkeiten des Aufzunehmenden zu schwächen? Sie ergab sich darein.

Als sie gegen Abend in die Bibliothek zurückging, die sie auf eine Stunde verlassen hatte, um Luft zu schöpfen, trat sie erschrocken einige Schritte zurück; denn sie sah in ihrem Lehnstuhl einen rothgekleideten, maskirten Mann sitzen; doch sie beruhigte sich sogleich wieder, als sie den schwachen Greis erkannte, der ihr, so zu sagen, als Beichtvater diente.

– Kind, sagte er zu ihr, indem er sich erhob und ihr entgegentrat, haben Sie mir nichts zu sagen? Besitze ich immer noch Ihr Vertrauen?

– Sie haben es, mein Herr, antwortete Consuelo, ihn zu dem Lehnstuhl zurückführend und sich auf einen kleinen Sessel neben ihm in der Fensterbrüstung setzend. Ich wünschte lebhaft und schon seit lange, mit Ihnen zu sprechen.

Und sie erzählte ihm aufrichtig Alles, was seit ihrem letzten Bekenntniß zwischen ihr, Albert und dem Unbekannten vorgegangen war, ohne irgend eines der unwillkürlichen Gefühle, die sie bewegt hatten, zu verbergen.

Als sie geendet hatte, schwieg der Greis lange genug, um sie verlegen und unruhig zu machen. Endlich, von ihr gedrängt, sich über ihr Betragen auszusprechen, antwortete er:

– Ihr Betragen ist entschuldbar, fast tadellos; aber was soll ich von Ihren Gefühlen sagen? Die plötzliche, unüberwindliche, gewaltige Neigung, die man Liebe nennt, ist eine Folge der guten oder bösen Triebe, die Gott in unser Herz legt oder eindringen läßt, um sie in diesem Leben zu vervollkommnen oder zu strafen. Die schlechten menschlichen Gesetze, welche fast in Allem den Willen der Natur und die Absichten der Vorsehung durchkreuzen, machen oft ein Verbrechen aus dem, was Gott gegeben und fluchen dem Gefühle, das er gesegnet hat, während sie schändliche Vereinigungen, unreine Triebe heiligen. Unsere, der exceptionellen Gesetzgeber, der verborgenen Baumeister einer neuen Gesellschaft Pflicht ist es, so viel möglich, die gesetzliche und ächte Liebe von der strafbaren und eitlen zu trennen, um im Namen eines reinem, edlern, moralischern Gesetzes, als die Welt kennt, über das Loos, das du verdienst, uns zu erklären. Willst du dich unserer Entscheidung unterwerfen? Giebst du uns das Recht, zu binden und zu lösen?

– Ihr flößt mir ein unbedingtes Vertrauen ein, ich habe es schon gesagt, und wiederhole es.

– Wohlan, Consuelo, wir wollen diese Frage über Leben und Tod für dein und Alberts Herz berathen.

– Und werde ich nicht das Recht erhalten, die Stimme meines Gewissens geltend zu machen?

– Gewiß, um uns aufzuklären; ich, der ich sie gehört habe, will dein Advocat sein. Du mußt mir die Pflicht des Schweigens erlassen.

– Wie? Ihr werdet nicht mehr der einzige Vertraute meiner innersten Gefühle, meiner Kämpfe und Leiden sein?

– Wenn du eine Scheidungsklage bei einem Gerichte einreichtest, müßtest du nicht öffentlich deine Beschwerden aussprechen? Dieser Schmerz wird dir erspart. Du hast dich über Niemand zu beklagen. Ist es nicht süßer, Liebe zu gestehen, als Haß auszusprechen?

– Genügt es denn, eine neue Liebe zu empfinden, um das Recht zu erhalten, die alte abzuschwören?

– Du hast für Albert Liebe nicht gefühlt.

– Ich glaube nicht, doch möchte ich es nicht beschwören.

– Du würdest nicht zweifeln, wenn du geliebt hättest. Uebrigens trägt deine Frage ihre Antwort selbst in sich. Jede neue Liebe schließt kraft ihres Daseins die frühere aus.

– Urtheilt nicht zu rasch, mein Vater, sagte Consuelo mit traurigem Lächeln. Weil ich Albert anders als den Andern liebe, so liebe ich ihn nicht weniger als in der Vergangenheit. Wer weiß, ob ich ihn nicht noch mehr liebe? Ich fühle mich bereit, ihm den Unbekannten, an den der Gedanke schon mir den Schlaf raubt und noch in diesem Augenblicke, wo ich mit Euch spreche, mein Herz stärker klopfen läßt, zum Opfer zu bringen.

– Ist es nicht der Stolz der Pflicht, die Gluth des Opfers mehr als Liebe, die dir diese Art Vorzug für Albert einflößen?

– Ich glaube es nicht.

– Bist du dessen gewiß? Bedenke, daß du hier fern von der Welt, geschützt vor ihrem Urtheil, außerhalb ihrer Gesetze bist. Wenn wir dir die Pflicht unter neuen Formen darstellen, dir andere Begriffe von ihr beibringen, wirst du darauf bestehen, das Glück des ungeliebten dem des geliebten Mannes vorzuziehen?

– Habe ich denn je gesagt, daß ich Albert nicht liebe? rief Consuelo lebhaft.

– Ich kann auf deine Fragen nur mit andern Fragen antworten, liebe Tochter. Kann man zwei Gegenstände der Liebe zugleich im Herzen tragen?

– Gewiß, zwei verschiedene. Man liebt seinen Bruder und seinen Gatten.

– Aber nicht seinen Gatten und seinen Liebhaber. Die Rechte des Gatten und Bruders sind in der That verschieden. Die des Gatten und des Geliebten wären dieselben, wenn der Gatte sich nicht mit der Bruderliebe begnügen wollte. Dann wäre aber auch das Gesetz der Ehe in seinem geheimnißvollsten, innigsten und heiligsten Wesen gekränkt. Es wäre eine Scheidung ohne Oeffentlichkeit. Antworte mir, Consuelo, ich bin ein Greis am Rande des Grabes und du ein Kind. Ich bin hier wie dein Vater, wie dein Beichtiger. Durch diese zarte Frage kann ich dein Schamgefühl nicht beunruhigen und hoffe, du wirst mir muthig antworten. Fühltest du nicht stets bei der enthusiastischen Freundschaft, die dir Albert einflößte, ein geheimes, unüberwindliches Entsetzen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen?

– Das ist wahr, antwortete Consuelo erröthend. Dieser Gedanke war gewöhnlich nicht mit dem an seine Liebe verbunden, er war ihm fremd; aber wenn er sich mir aufdrängte, schlich eine tödtliche Kälte durch meine Adern.

– Und der Hauch des Mannes, den du unter dem Namen Liverani kennst, hat dir das Feuer des Lebens gegeben?

– Das ist wieder wahr. Aber muß ein solches unwillkürliches Gefühl nicht von unserm Willen erstickt werden?

– Mit welchem Rechte? Hat sie dir Gott ohne Grund gegeben? Hat er dir die Vollmacht gegeben, dein Geschlecht abzuschwören, das Gelübde der Jungfräulichkeit in der Ehe auszusprechen, oder dich einer noch entsetzlichem, herabwürdigendern Knechtschaft preiszugeben? Die Duldsamkeit der Sklavin gleicht gewissermaßen der Kälte und der Rohheit der Prostitution. Kann Gott die Absicht haben, daß ein Wesen wie du auf eine solche Weise entwürdigt werde?

Wehe den Kindern, die aus solchen Verbindungen hervorgehen! Gott belastet sie mit einer Schmach, mit einer unvollständigen Organisation, mit Wahnsinn oder Blödsinn. Sie tragen das Zeichen des Ungehorsams an sich. Sie gehören nicht vollständig der Menschheit an: denn sie wurden nicht nach dem Gesetz der Menschheit empfangen, die gegenseitige Gluth, gemeinsame Liebe zwischen Mann und Frau verlangt. Da, wo diese Gegenseitigkeit nicht besteht, ist auch keine Gleichheit und wo Gleichheit fehlt, ist keine wirkliche Vereinigung.

Sei also versichert, weit entfernt, solche Opfer deinem Geschlechte zu befehlen, verwirft sie Gott und versagt ihm das Recht, sie zu vollbringen. Dieser Selbstmord ist eben so strafbar und noch schändlicher als das Aufgeben des Lebens. Das Gelübde der Jungfräulichkeit ist gegen die menschlichen und geselligen Gebräuche, aber das Hingeben ohne Liebe ist etwas Ungeheures.

Denke wohl darüber nach, Consuelo, und bedenke, welche Rolle du deinem Gatten giebst, wenn er deine Unterwerfung, ohne sie zu verstehen, annähme. Ich brauche dir nicht erst zu sagen, daß er, ohne getäuscht worden zu sein, sie nie annehmen wird, doch betrogen durch deine Hingebung, begeistert von deinem Edelmuth, müßte er dir nicht bald im hohen Grade egoistisch oder roh erscheinen? Würdest du ihn nicht in deinen eignen Augen, würdest du ihn nicht in Wahrheit vor Gott entehren durch diesen seiner Offenheit gelegten Fallstrick, sobald du ihm die fast unwiderstehliche Gelegenheit bietest, zu unterliegen? Wo wäre seine Größe, wo sein Zartgefühl, wenn er die Blässe aus deinen Wangen, die aus deinen Augen rollenden Thränen nicht sähe? Kannst du dir schmeicheln, daß nicht unwillkürlich mit der Schaam und dem Schmerz, nicht verstanden oder nicht errathen worden zu sein, Haß dein Herz erfüllen würde?

Nein, Mädchen, du hast nicht das Recht, die Liebe in deinem Busen zu betrügen, eher hättest du das, sie zu unterdrücken. Was auch gemeine Philosophen über den duldenden Stand des weiblichen Geschlechts in der Ordnung der Natur gesagt haben mögen, die Gefährtin des Mannes wird sich stets von der des Thieres nur dadurch unterscheiden, daß sie für ihre Liebe das Recht einer vernünftigen und freien Wahl in Anspruch nimmt. Eitelkeit und Begier machen aus den meisten Ehen eine beschworne Prostitution, wie die alten Lolharden sagten. Fromme Ergebung und Edelmuth können ein einfaches Gemüth zu gleichen Resultaten führen.

Jungfrau, ich habe dich über diese zarten Dinge, welche die Reinheit deines Lebens und deiner Gedanken vorzusehen oder zu bedenken hinderte, unterrichten müssen. Wenn eine Mutter ihre Tochter verheirathet, enthüllt sie ihr zum Theil mit größerer oder geringerer Klugheit und Züchtigkeit die Geheimnisse, die sie ihr bis jetzt verborgen hat. Eine Mutter fehlte dir, als du mit deinem Enthusiasmus, der mehr dem Fanatismus, als dem menschlichen Gefühl gehörte, den Schwur aussprachst, einem Manne zu gehören, den du nicht vollständig liebtest.

Eine Mutter wird dir jetzt gegeben, um dir in deinen neuen Entschließungen, die endliche Trennung oder vollständige Heiligung dieses seltsamen Ehebundes beizustehen und dich aufzuklären. Diese Mutter bin ich, Consuelo, ich, die ich nicht ein Mann, sondern ein Weib bin.

– Ihr ein Weib! sagte Consuelo mit Erstaunen, die dürre, bleiche, aber zarte und wahrhaft weibliche Hand anblickend, die während dieser Rede die ihrige ergriffen hatte.

– Dieser kleine, schwächliche und gebrochene Greis, erwiederte der problematische Beichtiger, dieses niedergedrückte und leidende Wesen, dessen erloschene Stimme keinem Geschlecht mehr angehört, ist ein vom Schmerz, von Krankheiten und Kummer mehr als vom Alter aufgeriebenes Weib. Ich bin noch nicht älter als sechzig Jahre, Consuelo, obgleich ich unter diesem Kleide, das ich außerhalb meinen Geschäften als Unsichtbare nicht trage, wie ein achtzigjähriger, hinfälliger Mann aussehe. Doch in den Kleidern meines Geschlechts, wie in diesem hier, bin ich nur noch eine Trümmer, und doch war ich einst ein großes, kräftiges, schönes Weib von imposantem Aeußern. Doch schon mit dreißig Jahren war ich gebeugt und zitternd, wie du mich jetzt siehst.

Und weißt du, mein Kind, was die Ursache dieser frühzeitigen Aufreibung war? das Unglück, vor dem ich dich jetzt bewahren will; eine halbe Neigung, eine unglückliche Verbindung, eine entsetzliche Anstrengung voll Muth und Ergebung, welche mich zehn Jahre an den Mann fesselte, den ich ehrte und achtete, ohne ihn lieben zu können.

Ein Mann hätte dir nicht sagen können, welche geheiligte Rechte, welche wahrhafte Pflichten die Frau in der Liebe hat. Sie haben ihre Gesetze und ihre Ideen gebildet, ohne uns um Rath zu fragen. Doch oft habe ich in dieser Hinsicht das Bewußtsein meiner Verbündeten aufgeklärt und sie waren muthig und rechtlich genug, auf mich zu hören.

Aber glaube mir, ich wußte wohl, daß wenn sie mich nicht in nähere Berührung mit dir brächten, sie dein Herz nie kennen lernen und dich vielleicht zu einer ewigen Qual, zu einer vollständigen Entwürdigung verurtheilen würden, während sie dein Glück in der Kraft der Tugend zu versichern glaubten.

Jetzt öffne mir also dein Herz. Sage mir, ob dieser Liverani …

– Ach, ich liebe ihn, diesen Liverani! es ist nur zu wahr, sagte Consuelo, indem sie die Hand der geheimnißvollen Sibylle an ihre Lippen drückte. Seine Gegenwart flößt mir noch mehr Furcht als die Alberts ein; aber wie anders ist diese Furcht, wie gemischt mit seltsamen Entzücken! Seine Arme sind ein Magnet, der mich anzieht und sein Kuß auf meine Stirn entführt mich in eine andere Welt; wo ich anders athme und lebe als in dieser.

– Wohlan, Consuelo, du mußt diesen Mann lieben und den andern vergessen. Ich spreche von diesem Augenblick an deine Trennung aus; das ist meine Pflicht und mein Recht.

– Was Ihr mir auch sagen mögt, ich kann diesen Ausspruch nicht annehmen, ohne Albert gesehen zu haben, ehe er nicht mit mir gesprochen und mir selbst gesagt hat, daß er ohne Schmerz auf mich verzichtet und ohne Verachtung mir mein Wort wiedergiebt.

– Du kennst Albert noch nicht, oder du fürchtest ihn. Doch ich kenne ihn, ich habe noch mehr Rechte über ihn als über dich, und ich kann in seinem Namen sprechen. Wir sind allein, Consuelo, und es ist mir nicht untersagt, dir mich gänzlich zu offenbaren, obgleich ich dem obersten Rathe Derjenigen angehöre, die von ihren nächsten Verwandten und Schülern nie gekannt werden. Meine Lage und die deinige sind als Ausnahmen zu betrachten; sieh meine verwelkten Züge und sage mir, ob sie dir unbekannt scheinen.

Mit diesen Worten löste die Sibylle ihre Maske und ihren falschen Bart, ihr Baret und ihr falsches Haar ab und Consuelo sah einen weiblichen Kopf, gealtert und leidend zwar, doch in seinen Zügen von unvergleichlicher Schönheit, mit einem erhabenen Ausdruck von Güte, Schwermuth und Festigkeit. Diese drei Eigenschaften der Seele, an sich so verschieden und so selten in demselben Wesen vereinigt, lagen auf der breiten Stirn, in dem mütterlichen Lächeln und in dem tiefsinnigen Blick der Unbekannten.

Die Form ihres Hauptes und die Umrisse ihres Gesichts verkündigten eine große Macht ihrer ursprünglichen Organisation; doch die Verheerungen des Schmerzes waren nur zu sichtbar und ein gewisses nervöses Zittern ließ diesen schönen Kopf schwanken, der dem der sterbenden Niobe oder vielmehr dem der am Fuße des Kreuzes in Ohnmacht sinkenden Maria glich.

Graues Haar, fein und glatt wie Seide, auf ihrer breiten Stirn gescheitelt und an ihren Schläfen in dünnen Streifen angeschlossen, vervollständigten den edlen Ausdruck dieses anziehenden Gesichts. Zu jener Zeit trugen alle Frauen ihre Haare gepudert und gelockt, am Hinterkopf in die Höhe gesteckt, die Stirn frei und kühn unbedeckt lassend. Die Sibylle hatte die ihrigen auf eine Weise zusammengebunden, die für ihre Verkleidung am wenigsten lästig war, ohne daran zu denken, daß sie eine Weise angenommen hatte, welche mit dem Schnitt und dem Ausdruck ihres Gesichts in der schönsten Uebereinstimmung stand.

Consuelo betrachtete sie lange mit Ehrfurcht und Bewunderung; dann ergriff sie plötzlich ihre Hände und rief, vom Staunen erfaßt:

– O Gott, wie gleichen Sie ihm!

– Ja, ich gleiche Albert, oder vielmehr, Albert gleicht mir wunderbar, antwortete sie; aber hast du nie ein Porträt von mir gesehen?

Und als sie sah, daß Consuelo in ihren Erinnerungen suchte, fügte sie hinzu, um ihr zu helfen:

– Ein Porträt, das mir so sehr glich, als es der Kunst erlaubt ist, sich der Wirklichkeit zu nähern und von dem ich jetzt nur noch der Schatten bin; ein großes Porträt von einem jungen, frischen, glänzenden Weibe mit einem Corset von Goldbrokat mit Blumen und Edelsteinen besetzt, mit einem Purpurmantel und mit schwarzen Haaren, die aus Rubinen- und Perlenschleifen in Locken auf die Schultern sanken. Dieses Costüm trug ich vor mehr als vierzig Jahren, am Tage nach meiner Verheirathung. Ich war schön, aber ich sollte es nicht lange sein, ich trug schon den Tod im Herzen.

– Das Porträt, von dem Sie sprechen, sagte Consuelo erbleichend, befindet sich in der Riesenburg, in dem von Albert bewohnten Zimmer … es ist das seiner Mutter, die er kaum gekannt hatte und doch hoch verehrte … und die er in seinen exaltirten Zuständen zu sehen und zu hören glaubte. Wären Sie eine nahe Verwandte der edlen Wanda von Prachatitz und folglich …

– Ich bin Wanda von Prachatitz selbst, antwortete die Sibylle, indem sie einige Festigkeit in ihrer Stimme und in ihrer Haltung wiederfand; ich bin Alberts Mutter und die Wittwe von Christian von Rudolstadt; ich bin eine Urenkelin von Johannes Ziska vom Kelche und die Schwiegermutter Consuelo's; aber ich will nichts mehr als ihre Freundin und ihre Adoptivmutter sein, weil Consuelo Albert nicht liebt und Albert auf Kosten des Glücks seiner Gattin nicht glücklich sein soll.

– Seine Mutter? Sie seine Mutter? rief Consuelo zitternd und zu Wanda's Füßen fallend. Sind Sie denn ein Geist? wurden Sie nicht als todt auf der Riesenburg beweint?

– Vor siebenundzwanzig Jahren, antwortete die Sibylle, wurde Wanda von Prachatitz, Gräfin von Rudolstadt, auf der Riesenburg in derselben Kapelle und unter demselben Stein beerdigt, wo im vergangenen Jahre Albert von Rudolstadt, von derselben Krankheit ergriffen und derselben Erstarrung unterworfen, ein Opfer desselben Irrthums, beigesetzt wurde.

Der Sohn wäre niemals aus diesem furchtbaren Grabe erstanden, wenn die Mutter, aufmerksam auf die ihn bedrohende Gefahr, nicht unsichtbar über seinen Todeskampf gewacht und angstvoll bei seiner Beerdigung zugegen gewesen wäre. Seine Mutter hat ein Wesen noch voll von Kraft und Leben vor den Würmern des Grabes gerettet, denen es schon überlassen war; seine Mutter hat ihn dem Joche dieser Welt entrissen, unter dem er schon zu lange gelebt hatte und unter dem er nicht länger leben konnte, um ihn in diese geheimnißvolle Welt, in dieses undurchdringliche Asyl zu versetzen, wo sie selbst, wenn auch nicht die Gesundheit des Körpers, doch das Leben des Herzens wiedergefunden hat.

Das ist eine seltsame Geschichte, Consuelo, und du mußt sie kennen, um die Alberts, sein trauriges Leben, seinen angeblichen Tod und seine wunderbare Auferstehung zu begreifen. Die Unsichtbaren eröffnen die Sitzung zu deiner Aufnahme erst um Mitternacht. Höre mich also, und die Erschütterung dieser seltsamen Erzählung bereite dich auf diejenigen vor, die dich noch erwarten.

5.

»Reich, schön, von berühmtem Geschlechte, wurde ich mit zwanzig Jahren dem Grafen Christian vermählt, der bereits mehr als vierzig zählte. Er hätte mein Vater sein können und flößte mir Ehrfurcht und Achtung, doch keine Liebe ein. Unbekannt mit dem, was ein solches Gefühl in dem Leben eines Weibes sein kann, war ich aufgewachsen.

Meine Eltern, strenge Lutheraner, aber gezwungen, ihren Cultus so wenig als möglich offen auszuüben, hatten in ihren Gewohnheiten und in ihren Ideen eine außerordentliche Starrheit und eine große Seelenkraft. Ihr übertriebener Haß gegen alles Fremde, ihr geheimes Auflehnen gegen das religiöse und politische Joch Oesterreichs, ihre fanatische Anhänglichkeit an die alten Freiheiten des Vaterlandes waren auf mich übergegangen, und diese Leidenschaften genügten meiner stolzen Jugend. Ich ahnete keine andern, und meine Mutter, die nie mehr als ihre Pflicht gekannt hatte, würde es als ein Verbrechen angesehen haben, mich etwas Anderes ahnen zu lassen.

Der Kaiser Carl, der Vater Maria Theresia's, verfolgte meine Familie lange Zeit wegen Ketzerei und bedrohte unser Vermögen, unsere Freiheit und fast unser Leben. Ich konnte meine Eltern wieder in Besitz setzen durch eine Heirath mit einem katholischen, dem Kaiserhause ergebenen Edelmann, und brachte mich mit einer Art begeistertem Stolze zum Opfer. Unter Denen, welche mir vorgeschlagen wurden, wählte ich den Grafen Christian, weil sein fester, versöhnlicher und scheinbar sogar schwacher Charakter mir die Hoffnung gab, ihn insgeheim für die politischen Ideen meiner Familie zu bekehren. Meine Familie nahm mein Opfer an und segnete es.

Ich glaubte, ich würde durch die Tugend glücklich sein; aber das Unglück, das man in seiner ganzen Größe kennt und dessen Ungerechtigkeit man fühlt, ist kein Mittelpunkt zur leichtern Entwickelung des Herzens; ich erkannte bald, daß der kluge und ruhige Christian unter seiner gemessenen, wohlwollenden Sanftmuth eine unbesiegliche Hartnäckigkeit, eine eigensinnige Anhänglichkeit an die Sitten seiner Kaste und an die Vorurtheile seiner Umgebung, eine Art mitleidigen Hasses und schmerzlicher Verachtung verbarg gegen jeden Gedanken, das Bestehende zu bekämpfen oder ihm Widerstand zu leisten.

Seine Schwester Wenceslawa, zärtlich, wachsam, edelmüthig, aber noch mehr als er an die Geringfügigkeiten ihrer Bigotterie und an den Stolz auf ihren Rang gefesselt, war für mich eine eben so angenehme als peinliche Gesellschaft, eine schmeichelnde, aber niederdrückende Tyrannei, eine hingebende aber auch im höchsten Grade erbitternde Freundschaft.

Dieser Mangel an geistigen und herzlichen Beziehungen mit Wesen, die ich doch liebte, deren Berührung mich aber tödtete, deren Atmosphäre mich langsam verzehrte, machte mir einen tödtlichen Schmerz. Du kennst die Geschichte von Alberts Jugend, seinen unterdrückten Enthusiasmus, seine unverstandene Religion, seine als Ketzerei und Wahnsinn gescholtenen evangelischen Ideen. Mein Leben war ein Vorspiel von dem seinigen und zuweilen mußt du wohl in der Familie von Rudolstadt unwillkürliche Bemerkungen des Schreckens und des Schmerzes über diese traurige Aehnlichkeit des Sohnes mit der Mutter in geistiger wie in körperlicher Hinsicht gehört haben.

Der Mangel an Liebe war das größte Unglück meines Lebens, aus ihm folgte alles übrige Mißgeschick. Ich war Christian mit inniger Freundschaft zugethan; doch nichts an ihm konnte mir Enthusiasmus einflößen; und doch wäre mir eine enthusiastische Liebe nöthig gewesen, um diesen tiefen Zwiespalt unsers geistigen Wesens auszugleichen. Die strenge religiöse Erziehung, die ich erhalten hatte, erlaubte mir nicht, den Geist von der Liebe zu trennen. Ich verzehrte mich selbst. Meine Gesundheit schwand; eine außerordentliche Aufregung bemächtigte sich meines ganzen Nervensystems; ich hatte Erscheinungen und Ekstasen, die man Anfälle von Wahnsinn nannte und sorgfältig verbarg, statt für meine Heilung zu sorgen.

Doch suchte man mich zu zerstreuen und führte mich in die Welt, als wenn Bälle, Schauspiele und Feste mich für Theilnahme, Liebe und Vertrauen hätten entschädigen können. Ich ward in Wien so krank, daß man mich auf die Riesenburg zurückbrachte. Ich zog diesen traurigen Aufenthalt, die Exorcismen unsers Kaplans und die grausame Freundschaft des Stiftsfräuleins dem Hofe unserer Tyrannen noch vor.

Der Verlust meiner fünf Kinder, die nach einander starben, gab mir den letzten Stoß. Es schien mir, als wenn der Himmel meine Ehe verflucht hätte; ich wünschte sehnsüchtig den Tod. Ich hoffte nichts mehr von dem Leben. Ich bemühte mich, Albert, meinen Letztgebornen, nicht zu lieben, überzeugt, daß er wie die Uebrigen dem Tode geweiht sei und meine Fürsorge ihn nicht retten könnte.

Endlich trieb ein Unglück die gewaltige Aufregung meiner Geisteskräfte auf die höchste Spitze. Ich liebte, ich wurde geliebt und die Strenge meiner Grundsätze zwang mich sogar das innere Geständniß dieses furchtbaren Gefühls in mir zu ersticken.

Der Arzt, der mir in meinen häufigen und schmerzhaften Nervenzufällen beistand, war dem Anschein nach weniger jung und weniger schön als Christian. Also nicht die Anmuth seiner Person bewegte mich, sondern die tiefe Uebereinstimmung unserer Herzen, die Gleichheit unserer religiösen und philosophischen Ideen oder wenigstens Triebe, eine unglaubliche Einheit der Charaktere.

Markus, ich kann ihn dir nur unter diesem Vornamen bezeichnen, besaß dieselbe Energie, dieselbe Thätigkeit des Geistes, denselben Patriotismus wie ich. Von ihm konnte man so gut wie von mir sagen, was Shakspeare dem Brutus in den Mund legt: ›Ich gehöre nicht zu den Menschen, welche die Ungerechtigkeit mit heiterem Gesicht ertragen.‹ Das Elend und die gedrückte Lage des Armen, die Dienstbarkeit, die despotischen Gesetze und ihre entsetzlichen Mißbräuche, alle gottlosen Rechte des Siegers erregten in ihm einen stürmischen Unwillen.

O, welche Ströme von Thränen haben wir zusammen über die Leiden unseres Vaterlandes, des menschlichen Geschlechts vergossen, das überall beknechtet oder betrogen, hier durch Unwissenheit zum Thier herabgewürdigt, dort durch die Raubsucht der Habgierigen decimirt, anderwärts durch die Verheerungen des Krieges herabgewürdigt und mit Gewalt unterdrückt, unglücklich und erniedrigt auf der ganzen Erde ist!

Doch unterrichteter als ich, kannte Markus ein Mittel gegen so viel Leiden und unterhielt mich oft mit seltsamen, geheimnißvollen Plänen, um eine allgemeine Verschwörung gegen den Despotismus und die Unduldsamkeit zu organisiren. Ich hörte seine Pläne wie romantische Träume an. Ich hoffte nicht mehr; ich war zu krank und zu gestört, um an die Zukunft zu glauben. Er liebte mich glühend; ich sah es, ich fühlte es, ich theilte seine Leidenschaft, und doch während fünf Jahre einer scheinbaren Freundschaft und keuscher Vertraulichkeit enthüllten wir uns nie einander das traurige Geheimniß, welches uns verband.

Er bewohnte nicht für gewöhnlich den Böhmerwald, wenigstens war er oft abwesend unter dem Vorwand, entfernten Kranken seinen Rath zu geben, in der That aber, um diese Verschwörung, von der er mir unaufhörlich sprach, ohne mich von ihrem glücklichen Erfolg überzeugen zu können, zu organisiren. Jedes Mal, wo ich ihn wiedersah, fühlte ich mich durch seinen Geist, seinen Muth und seine Ausdauer mehr entflammt. Jedes Mal, wo er wiederkehrte, fand er mich schwächer, mehr von einem inneren Feuer aufgerieben, mehr von körperlichem Schmerz zerstört.

Als er wieder fern von mir war, litt ich an furchtbaren Krämpfen, die der unwissende und eitle Doctor Wetzelius, den du kennst und der mich in seiner Abwesenheit behandelte, ein bösartiges Fieber nannte. In Folge dieser Krampfanfälle versank ich in eine vollständige Kraftlosigkeit, die man Tod nannte. Mein Puls schlug nicht mehr; mein Athem war unmerklich. Doch besaß ich mein ganzes Bewußtsein; ich hörte die Gebete des Kaplans und die Thränen meiner Familie. Ich hörte die herzzerreißenden Klagen meines einzigen Kindes, meines armen Albert, und ich konnte keine Bewegung machen, ihn nicht einmal sehen. Man hatte mir die Augen geschlossen, es war mir nicht möglich, sie wieder zu öffnen. Ich fragte mich, ob das der Tod sei und ob die Seele, der Mittel auf den Leichnam zu wirken beraubt, im Tode die Schmerzen des Lebens und das Grauen vor dem Grabe bewahre.

Ich hörte furchtbare Dinge um meinen Sarg; der Kaplan, welcher den lebhaften und aufrichtigen Schmerz des Stiftsfräuleins beruhigen wollte, sagte ihr, man müsse Gott für Alles danken und es sei ein großes Glück für meinen Gatten, von der Angst über meinen fortwährenden Todeskampf und die Stürme meiner verworfenen Seele befreit zu sein. Er bediente sich nicht gerade solcher harten Ausdrücke, aber der Sinn war derselbe und das Stiftsfräulein hörte ihn an und beruhigte sich nach und nach. Ich hörte sie sogar später dieselben Argumente, noch milder ausgedrückt, aber eben so schmerzlich für mich, gegen Christian wiederholen, um ihn zu trösten. Ich hörte deutlich, meine Seelenkräfte waren furchtbar thätig.

Es war, so dachte man, der Wille Gottes, damit ich meinen Sohn nicht erziehen und sein junges Gemüth nicht mit dem Gift der Ketzerei erfüllen könne. Das sagte man meinem Gatten, als er, Albert an seine Brust drückend, ausrief:

– Armes Kind, was soll aus dir ohne Mutter werden!

Die Antwort des Kaplans war:

– Erziehen Sie ihn nach dem Willen Gottes!

Endlich, nach drei Tagen einer unbegreiflichen und stummen Verzweiflung, wurde ich in das Grab getragen, ohne die Kraft wiedergefunden zu haben, nur eine Bewegung zu machen, ohne einen Augenblick die Gewißheit verloren zu haben, welch einen furchtbaren Tod man mir geben wolle. Man bedeckte mich mit Diamanten, man hüllte mich in meine Brautkleider, in dieselben kostbaren Gewänder, die du auf meinem Porträt gesehen hast. Man setzte eine Blumenkrone auf mein Haupt, legte ein goldenes Cruzifix auf meine Brust und setzte mich in eine lange Höhlung aus weißem Marmor bei, die unter der Kapelle angebracht war. Ich fühlte weder Kälte, noch Mangel an Lust; ich lebte nur durch die Gedanken.

Eine Stunde nachher kam Markus an. Seine Bestürzung raubte ihm Anfangs jede Ueberlegung. Er warf sich mechanisch auf mein Grab nieder; man zog ihn davon hinweg; er kam in der Nacht wieder. Diesmal hatte er sich mit einem Hammer und einem Brecheisen versehen. Ein entsetzlicher Gedanke war in seinem Geiste aufgestiegen. Er kannte meine Starrkrämpfe; er hatte sie nie so lange, so entsetzlich gesehen, schloß aber aus einigen von ihm beobachteten Anfällen dieser seltsamen Krankheit auf die Möglichkeit eines gräßlichen Irrthums. Er traute der Wissenschaft des Wetzelius nicht.

Ich hörte ihn über meinem Kopfe hingehen; ich erkannte seinen Schritt. Das Geräusch des Eisens, das den Quaderstein aufhob, ließ mich erzittern; doch konnte ich keinen Schrei, keinen Seufzer hören lassen. Als er den Schleier erhob, der mein Gesicht bedeckte, war ich durch die Anstrengungen, die ich gemacht hatte, um ihn zu rufen, so erschöpft, daß ich mehr todt schien als je.

Er zögerte lange; tausendmal prüfte er meinen erloschenen Athem, mein Herz und meine erstarrten Hände. Ich hatte die Steifheit eines Leichnams. Mit herzzerreißendem Tone hörte ich ihn seufzen:

– So ist es denn geschehen! Keine Hoffnung mehr! Todt, todt! … O, Wanda!

Er ließ meinen Schleier zurückfallen, legte aber den Stein nicht wieder an seinen Platz. Ein furchtbares Schweigen herrschte von Neuem. War er ohnmächtig? Gab auch er mich auf und vergaß er bei dem Grauen, das ihm der Anblick der einst Heißgeliebten einflößte, mein Grab zu schließen?

Schmerzlichen Gedanken hingegeben, entwarf Markus einen Plan, düster wie sein Schmerz, seltsam wie sein Charakter. Er wollte meinen Körper der Zerstörung entziehen. Er wollte ihn heimlich forttragen, ihn einbalsamiren, in einen Metallsarg schließen und ihn immer bei sich behalten. Er fragte sich, ob er den Muth haben würde und sagte sich plötzlich in einer Art fanatischen Entzückens, er würde ihn haben.

Er nahm mich in seine Arme und ohne zu wissen, ob seine Kräfte ihm erlauben würden, einen Leichnam in seine mehr als eine Stunde entfernte Wohnung zu tragen, legte er mich auf das Steinpflaster nieder, fügte mit einer furchtbaren Ruhe, die man oft bei den Handlungen des Wahnsinns hat, den Quaderstein wieder ein, wickelte mich dann ein, verbarg mich gänzlich unter seinem Mantel und verließ das Schloß, das man damals nicht mit derselben Sorgfalt, wie jetzt, verschloß, weil sich die durch den Krieg gebildeten Räuberbanden in den Umgebungen noch nicht gezeigt hatten. Ich war so mager geworden, daß ich wirklich keine sehr schwere Last war.

Markus eilte auf den am wenigsten besuchten Fußsteigen durch die Wälder. Mehrmals legte er mich auf die Felsen nieder, mehr noch durch Schmerz und Entsetzen, als durch Ermüdung erschöpft. Er hat mir seitdem gesagt, daß ihn mehr als einmal dieser Leichenraub mit Grauen erfüllt hätte und er versucht gewesen wäre, mich wieder in mein Grab zu tragen.

Endlich kam er in seiner Wohnung an, betrat geräuschlos seinen Garten und trug mich, ohne von Jemand gesehen zu sein, in einen einzeln stehenden Pavillon, aus dem er sein Arbeitszimmer gemacht hatte. Erst hier löste die Freude, mich gerettet zu sehen, das erste Gefühl der Freude, das ich seit zehn Jahren empfunden hatte, meine Zunge und ich konnte einen schwachen Ausruf hören lassen.

Ein neuer, heftiger Krampfanfall folgte dieser Ermattung. Ich fand plötzlich eine furchtbare Kraft wieder, ich schrie, ich brüllte. Die Magd und der Gärtner des Markus eilten herbei, im Glauben, man wollte ihn ermorden. Er hatte die Geistesgegenwart, ihnen entgegenzutreten und zu sagen, eine Dame wäre insgeheim bei ihm entbunden worden und Jeden träfe der Tod, der versuche, sie zu sehen, sowie er Jeden fortjagen würde, der nur ein Wort davon sagen wolle. Diese Fabel fand Glauben.

Drei Tage lang war ich in diesem Pavillon gefährlich krank. Eingeschlossen mit mir pflegte mich Markus mit einem Eifer und einer Einsicht, die seines Willens würdig war. Sobald ich gerettet war, und meine Ideen sammeln konnte, warf ich mich mit Entsetzen in seine Arme bei dem Gedanken, daß wir uns trennen müßten.

– O, Markus, rief ich, warum haben Sie mich nicht hier in Ihren Armen sterben lassen? Wenn Sie mich lieben, so tödten Sie mich; zurückzukehren zu meiner Familie ist mir schlimmer als der Tod.

– Gnädige Frau, antwortete er mit Festigkeit, Sie werden nie dahin zurückkehren, das habe ich bei Gott und mir selbst geschworen. Sie gehören nur noch mir an. Sie verlassen mich nicht mehr, denn nur über meinen Leichnam können Sie von hier weggehen.

Dieser furchtbare Entschluß erschreckte und erfreute mich zu gleicher Zeit. Ich war zu verwirrt und zu geschwächt, um den Gedanken in seiner ganzen Ausdehnung zu fassen. Ich hörte ihn mit der furchtsamen und vertrauenden Unterwerfung eines Kindes an. Ich ließ mich pflegen, heilen, und nach und nach gewöhnte ich mich an den Gedanken, niemals nach Riesenburg zurückzukehren und den Schein meines Todes aufzugeben.

Markus entwickelte, um mich zu überzeugen, eine begeisterte Beredtsamkeit. Er sagte mir, ich könne in dieser Ehe nicht leben und hätte das Recht nicht, einem gewissen Tode entgegenzugehen. Er schwor mir, die Mittel zu besitzen, mich lange Zeit dem Auge der Menschen und für die Dauer meines ganzen Lebens denjenigen Personen zu entziehen, die mich kannten. Er versprach mir, über meinen Sohn zu wachen und mir die Mittel zu verschaffen, ihn heimlich zu sehen. Er gab mir sogar sichere Garantien für diese seltsamen Möglichkeiten und ich ließ mich überzeugen. Ich willigte ein, mit ihm abzureisen, und nie wieder Gräfin Rudolstadt zu werden.

Aber in dem Augenblick, als wir des Nachts abreisen wollten, rief man Markus, um Albert, den man gefährlich erkrankt nannte, mit seinem Rathe beizustehen. Die mütterliche Zärtlichkeit, welche das Unglück erstickt zu haben schien, erwachte wieder in meinem Busen. Ich wollte Markus nach Riesenburg begleiten; keine menschliche Macht, selbst die seinige nicht, hätte mich davon zurückhalten können. Ich stieg, eingehüllt in einen langen Schleier, in seinen Wagen und wartete in einiger Entfernung vom Schlosse voll Angst, bis er meinen Sohn gesehen und mir von ihm Nachricht bringen könnte.

Er kam wirklich bald zurück, versicherte mich, daß das Kind außer Gefahr sei und wollte mich in seine Wohnung zurückbringen, um dann ins Schloß zurückzukehren und bei Albert zu wachen. Ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich wollte wieder hinter den düstern Mauern des Schlosses zitternd und aufgeregt ihn erwarten, während er zur Pflege meines Sohnes fortging.

Kaum war ich allein, so bestürmten tausend Besorgnisse mein Herz. Ich bildete mir ein, Markus verheimliche mir den wahren Zustand Alberts, er sei vielleicht dem Tode nahe und werde sterben, ohne meinen letzten Kuß empfangen zu haben. Beherrscht von diesem traurigen Glauben, eilte ich nach dem Eingange des Schlosses.

Ein Diener, den ich im Hofe fand, ließ seine Leuchte fallen und entfloh, sich bekreuzigend. Mein Schleier verhüllte meine Züge; aber die Erscheinung einer Frau mitten in der Nacht reichte hin, die abergläubischen Ideen der leichtgläubigen Diener zu erwecken. Man zweifelte nicht, daß ich das Gespenst der unglücklichen und gottlosen Gräfin Wanda sei.

Ein unerwarteter Zufall wollte, daß ich bis in das Zimmer meines Sohnes drang, ohne von Jemand gesehen worden zu sein, und daß das Stiftsfräulein in demselben Augenblicke hinausgegangen war, um ein von Markus verordnetes Medicament zu holen. Mein Gemahl war, nach seiner Gewohnheit, in die Kapelle gegangen, um zu beten, statt die Gefahr durch kräftiges Handeln zu beschwören.

Ich warf mich auf meinen Sohn und drückte ihn an meinen Busen. Er hatte keine Furcht vor mir und antwortete meinen Liebkosungen; er hatte meinen Tod nicht verstanden. In diesem Augenblick erschien der Kaplan in der Thür des Zimmers. Markus glaubte Alles verloren. Doch mit seltener Geistesgegenwart blieb er unbeweglich und schien mich an seiner Seite nicht zu sehen. Der Kaplan sprach mit gebrochener Stimme einige Bannformeln und sank ohnmächtig nieder, ehe er gewagt hatte, einen Schritt zu mir zu thun.

Da entschloß ich mich, durch eine andere Thür zu entfliehen und kam in der Finsterniß an den Ort zurück, wo mich Markus verlassen hatte. Ich war beruhigt, ich hatte Albert erleichtert gesehen, seine kleinen Hände waren warm, die Fiebergluth brannte nicht mehr auf seinen Wangen.

Die Ohnmacht und das Schrecken des Kaplans wurden einer Vision zugeschrieben. Er behauptete, mich neben Markus gesehen zu haben, meinen Sohn in meinen Armen haltend. Markus versicherte, er habe nichts gesehen.

Albert war eingeschlafen. Doch am folgenden Morgen verlangte er wieder nach mir und die folgenden Nächte träumte er, überzeugt, daß ich nicht für immer eingeschlafen sei, wie man ihn hatte überreden wollen, von mir, glaubte mich wieder zu sehen und rief mich zu wiederholten Malen. Von diesem Augenblick an wurde Alberts Kindheit genau überwacht und die abergläubischen Seelen auf Riesenburg thaten manches Gebet, um die furchtbare Anwesenheit meines Phantoms an seiner Wiege zu beschwören.

Markus führte mich noch vor Tagesanbruch in seine Wohnung zurück. Wir verzögerten unsere Abreise noch um eine Woche und verließen Böhmen, als mein Sohn völlig wiederhergestellt war.

Seit dieser Zeit habe ich ein herumirrendes, geheimnißvolles Leben geführt. Immer verborgen, immer verschleiert auf meinen Reisen, unter einem andern Namen und lange Zeit keinen andern Vertrauten als Markus besitzend, brachte ich mehrere Jahre mit ihm im Auslande zu. Er unterhielt eine sorgsame Correspondenz mit einem Freunde, der ihn von Allem, was auf Riesenburg vorfiel, in Kenntniß setzte und ihm über die Gesundheit, über den Charakter und die Erziehung meines Sohnes umständliche Nachricht gab.

Der traurige Zustand meiner Gesundheit nöthigte mich, ein sehr eingezogenes Leben zu führen und Niemanden zu sehen. Ich galt für Markus' Schwester und lebte mehrere Jahre in Italien auf einer einsamen Villa, während Markus einen Theil des Jahres auf Reisen zubrachte.

Ich war nicht Markus Geliebte; ich blieb unter der Herrschaft meiner religiösen Bedenklichkeit und es bedurfte mehr als zehnjährigen Nachdenkens, um mir das Recht des Menschen klar zu machen, die mitleidslosen und thörichten Gesetze, welche in der menschlichen Gesellschaft herrschen, von mir abzuschütteln.

Da ich für todt galt und die so theuer erworbene Freiheit nicht wieder in Gefahr bringen wollte, konnte ich weder die Macht der Kirche, noch des Staates anrufen, um meine Ehe mit Christian aufzulösen. Auch hätte ich nicht gewünscht, seinen kaum besänftigten Schmerz von Neuem aufzuregen. Er wußte nicht, wie unglücklich ich bei ihm gewesen war; er glaubte, ich sei zu meinem Heil, zum Frieden seiner Familie und zum Glück meines Sohnes in die Ruhe des Grabes hinabgestiegen.

Auf diese Weise hielt ich mich für immer verurtheilt, ihm treu zu bleiben. Später, als durch Markus' Sorge die Zöglinge eines neuen Glaubens sich vereinigt und sich insgeheim als eine neue Kirchenmacht constituirt hatten, als meine Ideen hinreichend modificirt waren, um dieses neue Concilium anzunehmen und in diese neue Kirche zu treten, welche meine Scheidung hätte aussprechen und unsern Bund segnen können, war es nicht mehr Zeit.

Ermattet durch meine Hartnäckigkeit, hatte Markus das Bedürfniß gefühlt, einen andern Bund zu schließen, und ich hatte ihn heldenmüthig dazu gedrängt. Er war verheirathet; ich war die Freundin seiner Gattin; doch er war nicht glücklich. Diese Frau besaß die Geistes- und Herzensgröße nicht, um dem Geist und dem Herzen eines Mannes wie ihm zu genügen. Er hatte ihr seine Pläne nicht verständlich machen können und hütete sich, sie in seine Erfolge einzuführen. Sie starb nach einigen Jahren, ohne geahnet zu haben, daß Markus mich immer noch liebte.

Ich pflegte sie auf ihrem Sterbebette und schloß ihr die Augen, ohne mir einen Vorwurf gegen sie machen zu dürfen, ohne mich über das Verschwinden dieses Hindernisses einer langen und schmerzlichen Leidenschaft zu freuen. Die Jugend war dahin, meine Körperkraft gebrochen; mein Leben war zu ernst, zu schwer gewesen, um jetzt ein neues beginnen zu können, wo das Alter meine Haare zu bleichen begann. Ich trat endlich in die Ruhe des Alters und fühlte tief all das Erhabene und Heilige, was in diesem Abschnitt unseres Frauenlebens liegt.

Ja, unser Greisenalter wie unser ganzes Leben, wenn wir es recht begreifen, ist weit ernster als das des Mannes. Er kann den Lauf der Jahre betrügen, er kann noch in einem vorgerückteren Alter als wir lieben und Vater werden, wogegen die Natur uns eine Grenze gesetzt hat, über welche hinaus es eine Art Gottlosigkeit und Abscheulichkeit ist, die Liebe wieder erwecken zu wollen und durch lächerlichen Wahnsinn die glänzenden Vorrechte der Generation, die uns schon nachfolgt und in den Hintergrund drängt, verhindern zu wollen. Die Lehren und das Beispiel, die sie übrigens in diesem ernsten Augenblicke von uns erwartet, verlangt ein Leben der Beschaulichkeit und der Sammlung, welches die Aufregungen der Liebe nutzlos stören würden. Die Jugend kann sich an ihrer eignen Gluth begeistern und darin hohe Offenbarungen finden.

Das reifere Alter hat mit Gott nur in einer erhabenen Seelenruhe Verkehr, die ihm als eine letzte Wohlthat gewährt wird. Gott selbst unterstützt es sanft und durch eine unmerkliche Umwandlung, um diesen Weg zu betreten. Er besänftigt sorgfältig unsere Leidenschaft und verwandelt sie in friedliche Freundschaft; er nimmt uns den Zauber der Schönheit, entfernt auf diese Weise von uns gefährliche Versuchungen.

Nichts ist also leichter, als alt zu werden, was auch alle jene geistig kranken Frauen denken und sagen mögen, die, von einer Art hartnäckigen Wuth erfüllt, sich in der Welt abmühen, um sich und Andern den Verfall ihrer Reize und das Ende ihrer weiblichen Rolle zu verbergen. Wie! das Alter nimmt uns unser Geschlecht, es entbindet uns von den furchtbaren Qualen der Mutterschaft, und wir sollten nicht verkennen, daß dies der Augenblick ist, uns zu einer Art engelschen Leben zu erheben?

Doch, liebe Tochter, du bist so fern von diesem abschreckenden und doch eben so wünschenswerthen Ziele, wie der Hafen es nach dem Sturm ist, daß alle meine Bemerkungen über diesen Gegenstand unpassend sind; mögen sie dir denn nur dazu dienen, meine Geschichte zu begreifen. Ich blieb, was ich immer gewesen war, Markus' Schwester, und jene unterdrückten Gefühle, jene besiegten Wünsche, die unsere Jugend gequält hatten, gaben wenigstens der Freundschaft des reiferen Alters den Charakter der Kraft und begeisterten Vertrauens, den man bei den gewöhnlichen Freundschaften nicht findet.

Doch ich habe dir noch nichts gesagt von den geistigen Arbeiten und ernsten Beschäftigungen, welche während der fünfzehn ersten Jahre uns abhielten, in unseren Leiden unterzugehen und die uns seit jener Zeit verhinderten, sie zu bedauern. Du kennst ihre Natur, ihren Zweck und ihr Resultat. Du bist in der vorigen Nacht in sie eingeweiht worden; du wirst es diesen Abend durch das Organ der Unsichtbaren noch mehr werden. Ich kann dir nur sagen, daß Markus unter ihnen sitzt und daß er selbst ihren geheimen Rath gebildet und mit Hülfe eines tugendhaften Fürsten, dessen ganzes Vermögen dem geheimnißvollen und großartigen Unternehmen, das du kennst, gewidmet ist, ihre ganze Gesellschaft organisirt hat.

Seit fünfzehn Jahren habe ich gleichfalls mein ganzes Leben ihm geweiht. Nach zwölfjähriger Abwesenheit war ich eines Theils zu sehr vergessen, andern Theils zu sehr verändert, um in Deutschland nicht wieder erscheinen zu können. Das seltsame Leben, welches gewissen Functionen unsers Ordens zukömmt, begünstigte übrigens mein Incognito. Nicht mit der activen Propaganda beauftragt, die deinem glänzenden Leben aufbehalten ist, wohl aber mit geheimen Sendungen, die meine Klugheit ausführen konnte, habe ich einige Reisen gemacht, von denen ich dir sogleich erzählen will.

Und seitdem habe ich hier gänzlich verborgen gelebt, scheinbar das unbekannte Amt einer Vorsteherin des Haushalts des Fürsten ausübend, aber in der That nur mit dem verborgenen Werke beschäftigt, indem ich im Namen des geheimen Raths eine große Correspondenz mit allen mächtigen Verbrüderten unterhalte, sie hier empfange und oft allein mit Markus ihren Conferenzen präsidire, wenn der Fürst und die andern obersten Häupter abwesend sind; endlich, indem ich zu jeder Zeit einen ziemlich bedeutenden Einfluß auf diejenigen ihrer Entscheidungen ausübe, welche den Zartsinn und besondere Rücksichten zu erfordern scheinen, mit denen der weibliche Geist begabt ist.

Außer den philosophischen Fragen, die hier erwogen und besprochen werden und von denen ich übrigens durch die Reife meines Geistes das Recht erlangt habe, nicht entfernt zu werden, sind oft Fragen des Gefühls zu besprechen und zu beurtheilen. Du kannst wohl denken, daß bei unsern Versuchen nach außen oft besondere Leidenschaften, Liebe, Haß, Eifersucht uns hülfreich oder hemmend entgegentreten.

Durch die Vermittelung meines Sohnes, oft auch in Person und unter der, an den Höfen sehr in der Mode seienden Verhüllung einer Zauberin oder Inspirirten habe ich häufigen Verkehr mit der Prinzessin Amalie von Preußen, mit der interessanten und unglücklichen Prinzessin von Kulmbach, endlich mit der jungen Markgräfin von Bayreuth, Friedrichs Schwester. Wir müssen diese Frauen mehr noch durch das Herz, als durch den Geist zu gewinnen suchen. Ich habe, ich darf es wohl sagen, mich eifrig bemüht, sie an uns zu fesseln und es ist mir gelungen.

Doch diese Seite meines Lebens ist nicht diejenige, von der ich dich unterhalten will. In deinen künftigen Unternehmungen wirst du meine Spur finden und das fortsetzen, was ich begonnen habe. Ich will dir von Albert sprechen und diejenige Seite seines Daseins erklären, die du nicht kennst. Wir haben noch Zeit. Gewähre mir noch ein wenig deine Aufmerksamkeit. Du wirst erkennen, wie ich endlich in dem entsetzlichen und seltsamen Leben, welches ich mir gemacht hatte, zärtliche Gefühle und Mutterfreuden kennen lernte.«

6.

»Durch Markus' Sorge von Allem genau unterrichtet, was auf Riesenburg vorging, hatte ich nicht sobald den Entschluß erfahren, den man gefaßt hatte, Albert auf Reisen zu schicken und die Richtung, die er verfolgen sollte, als ich eilte, ihm zu begegnen. Diese Reisen sind es, auf denen mich Markus meistens begleitete und von denen ich so eben sprach. Der Begleiter und die Diener, die man Albert gegeben hatte, hatten mich nicht gekannt; ich fürchtete also ihre Blicke nicht.

Ich war so ungeduldig, meinen Sohn zu sehen, daß ich viel Mühe hatte, mich davon zurückzuhalten, indem ich in einer Entfernung von wenigen Stunden hinter ihm herreiste und auf diese Weise nach Venedig kam, wo er seinen ersten Aufenthalt machen sollte. Doch ich war entschlossen, mich ihm nur mit einer Art von Geheimniß zu zeigen; denn mein Zweck war nicht blos der glühende mütterliche Trieb, ihn in meine Arme zu schließen; ich hatte noch einen ernsteren Plan, eine noch mütterlichere Pflicht zu erfüllen; ich wollte Albert dem Aberglauben entreißen, in welchen man ihn zu verschlingen gesucht hatte. Ich mußte mich seiner Einbildungskraft, seines Vertrauens, seines Geistes, seiner ganzen Seele bemächtigen.

Ich hielt ihn für einen eifrigen Katholiken, und in jener Zeit war er es dem Anschein nach. Er erfüllte alle äußeren Gebräuche des römischen Cultus. Die Personen, welche Markus von diesen Einzelnheiten unterrichtet hatten, kannten Alberts Herz nicht. Sein Vater und seine Tante kannten ihn nicht viel besser. Sie glaubten ihm einen wilden Rigorismus, eine zu buchstäbliche und zu eifrige Auslegung des Evangeliums vorwerfen zu müssen. Sie begriffen nicht, daß mein edles Kind in seiner strengen Logik und seiner edlen Aufrichtigkeit der Uebung des wahren Christenthums hingegeben, schon ein leidenschaftlicher, unverbesserlicher Ketzer war.

Ich erschrak ein wenig über den jesuitischen Führer, den man ihm mitgegeben hatte; ich fürchtete, ihm nicht näher treten zu können, ohne von einem fanatischen Argus beobachtet und verhindert zu werden. Doch ich erfuhr bald, daß der unwürdige Abbé *** sich nicht einmal um Albert's Gesundheit bekümmere und daß dieser, auch von den Dienern vernachlässigt, denen er nicht befehlen mochte, fast allein und sich selbst überlassen, in allen Städten, wo er sich längere Zeit aufhielt, lebe.

Ich beobachtete ängstlich alle seine Schritte. In Venedig in demselben Gasthof wohnend wie er, traf ich ihn endlich allein und träumerisch auf den Treppen, in den Gallerien, auf den Quais. O, du kannst wohl glauben, wie mein Herz bei seinem Anblick schlug, wie mein Inneres sich bewegte und welche Ströme von Thränen meinen entzückten und bestürzten Augen entflossen. Er schien mir so schön, so edel, so traurig, dieser einzige meiner Liebe auf Erden erlaubte Gegenstand!

Ich folgte ihm vorsichtig. Die Nacht kam heran. Er trat in die Kirche von St. Johann und Paul, eine ernste, mit Gräbern erfüllte Basilika, die du gewiß genau kennst. Albert kniete in einem Winkel nieder; ich schlich mich zu ihm und verbarg mich hinter einem Grabe. Die Kirche war öde; die Dunkelheit wurde mit jedem Augenblicke tiefer. Albert war unbeweglich wie eine Statue. Doch schien er mehr in eine Träumerei, als im Gebet versunken. Die ewige Lampe erleuchtete schwach seine Züge. Er war so bleich! Ich erschrak darüber. Sein starrer Blick, seine halboffenen Lippen, eine Art Verzweiflung in seiner Haltung und in seiner Physiognomie brachen mir das Herz; ich zitterte wie die flackernde Flamme der Lampe.

Es schien mir, daß, wenn ich mich ihm in diesem Augenblicke offenbaren wollte, er vernichtet hinsinken würde. Ich erinnerte mich an Alles, was Markus mir von seiner krankhaften Reizbarkeit und von der Gefahr gesagt hatte, die plötzliche Aufregungen auf ein so leicht empfängliches Gemüth haben müßten. Ich entfernte mich, um mich dem Drange meiner Liebe nicht hinzugeben. Ich wollte ihn unter dem Porticus erwarten. Ueber meine schon sehr einfachen und dunklen Kleider hatte ich einen braunen Mantel geworfen, dessen Kaputze mein Gesicht verbarg und mir das Ansehen einer Frau des Volkes aus jener Gegend gab.

Als er heraustrat, that ich unwillkürlich einen Schritt nach ihm hin; er blieb stehen und mich für eine Bettlerin haltend, nahm er ein Goldstück aus seiner Tasche und reichte es mir hin. O, mit welchem Stolz und mit welcher Dankbarkeit empfing ich dieses Allmosen! Sieh, Consuelo, es ist ein venetianischer Zecchin; ich ließ ihn durchbohren, reihte ihn an eine Kette und trage ihn immer auf meinem Busen wie ein kostbares Juwel, wie eine Reliquie. Es hat mich seit jenen Tagen nicht verlassen, dieses Pfand, welches die Hand meines Kindes geheiligt hat.

Ich war meines Entzückens nicht Meisterin; ich ergriff die geliebte Hand und drückte sie an meine Lippen. Er zog sie mit einer Art Entsetzen zurück, sie war mit meinen Thränen benetzt.

– Was macht ihr, Frau? sagte er mit einer Stimme, deren reiner, tiefer Klang in meinem Herzen wiederhallte. Warum segnet Ihr mich also für ein so geringes Geschenk? Gewiß seid Ihr sehr unglücklich und ich habe Euch zu wenig gegeben. Was braucht Ihr, um nicht mehr zu leiden? Sprecht Ich will Euch trösten; ich hoffe, ich kann es!

Und er nahm in seine Hände, ohne es anzublicken, alles Gold, was er bei sich führte.

– Du hast mir genug gegeben, guter, junger Mann, antwortete ich ihm; ich bin zufrieden.

– Aber warum weint Ihr? fragte er, von dem Schluchzen bewegt, das meine Stimme erstickte. Ihr habt also einen Kummer, den mein Reichthum nicht lindern kann?

– Nein, erwiederte ich, ich weine vor Rührung und Freude.

– Vor Freude! Giebt es denn Freudenthränen? Und solche Thränen um ein Goldstück! O, menschliches Elend! Weib, nimm all das Uebrige, ich bitte dich, doch weine nicht mehr vor Freude. Denke an deine Brüder, die Armen, die so zahlreich, so elend, so herabgewürdigt sind und denen Allen ich nicht helfen kann.

Er entfernte sich seufzend. Aus Furcht, mich zu verrathen, wagte ich nicht, ihm zu folgen. Er hatte sein Gold auf dem Boden liegen lassen, als er es mir mit einer Art Hast reichte, um sich davon zu befreien. Ich raffte es auf und legte es in den Armenstock, um der edlen Mildthätigkeit meines Sohnes zu genügen.

Am folgenden Tage erspähte ich ihn abermals und sah ihn in die Markuskirche eintreten. Ich hatte beschlossen, stärker und ruhiger zu sein, und ich war es. Wir waren wieder allein im Halbdunkel der Kirche. Er hing wieder seinen Träumereien nach und plötzlich hörte ich ihn, aufstehend, mit tiefer Stimme die Worte murmeln:

– O, Christus, sie kreuzigen dich alle Tage ihres Lebens!

– Ja, antwortete ich ihm, seine Gedanken errathend, die Pharisäer und die Schriftgelehrten.

Er erbebte, schwieg einen Augenblick und sagte dann mit leiser Stimme, ohne sich umzukehren, ohne sehen zu wollen, wer mit ihm sprach:

– Wieder die Stimme meiner Mutter!

Consuelo, ich wäre fast in Ohnmacht gefallen, als ich vernahm, wie Albert sich meiner erinnerte und in seinem Herzen den Instinkt dieser kindlichen Offenbarung festhielt. Doch die Besorgniß, seine schon so aufgereizte Phantasie zu trüben, hielt mich abermals zurück; ich erwartete ihn wieder unter der Kirchthür, und als er vorüber-ging, näherte ich mich ihm nicht, sondern war zufrieden mit seinem Anblick. Aber er trat mir näher und wich mit einem Gefühl des Entsetzens zurück.

– Signora, sagte er nach einem augenblicklichen Zögern, warum bettelt Ihr heute wieder? Ist es denn wirklich ein Stand, wie die mitleidslosen Reichen sagen? Habt Ihr keine Familie? Könnt Ihr Niemand nützlich sein, statt des Nachts wie ein Gespenst um die Kirchen herumzuirren? Was ich Euch gestern gegeben habe, reicht das nicht zu, um Euch heute vor Sorge zu schützen? Wollt Ihr denn den Theil, der Euren Brüdern zu Gute kommen kann, Euch anmaßen?

– Ich bettele nicht, antwortete ich ihm. Ich habe dein Gold in den Armenstock gelegt, mit Ausnahme eines Zecchino, den ich aus Liebe zu dir aufbewahren will.

– Wer seid Ihr denn? rief er, mich beim Arm ergreifend. Eure Stimme regt das Innerste meines Herzens auf. Es scheint mir, als wenn ich Euch kennte. Zeigt mir Euer Gesicht! … Doch nein, ich mag es nicht sehen, Ihr flößt mir Furcht ein.

– O, Albert, rief ich außer mir und alle Klugheit vergessend, auch du also fürchtest dich vor mir?

Er erzitterte vom Kopf bis zu den Füßen und murmelte wieder mit einem Ausdruck des Entsetzens und religiöser Ehrfurcht:

– Ja, es ist ihre Stimme, es ist die Stimme meiner Mutter.

– Ich weiß nicht, wer deine Mutter ist, erwiederte ich, erschreckt von meiner Unvorsichtigkeit. Ich kenne nur deinen Namen, weil die Armen ihn schon kennen. Weshalb flöße ich dir Furcht ein? Deine Mutter ist ja todt?

– Man sagt, sie sei todt, antwortete er; aber für mich ist sie es nicht.

– Wo lebt sie denn?

– In meinem Herzen, in meinen Gedanken, fortdauernd, ewig. Hundertmal, tausendmal habe ich ihre Stimme, ihre Züge geträumt.

Ich war eben so erschreckt als gerührt über dieses unwillkürliche Vertrauen, das ihn zu mir führte. Ich sah in ihm Zeichen des Irrsinnes und überwand meine Zärtlichkeit, um ihn zu beruhigen.

– Albert, sagte ich, ich habe deine Mutter gekannt, bin ihre Freundin gewesen. Sie hat mich beauftragt, mit dir eines Tages von ihr zu sprechen, wenn du in dem Alter wärest, das, was ich dir zu sagen habe, zu begreifen. Ich bin nicht was ich scheine. Ich folgte dir gestern und heute nur nach, um Gelegenheit zu finden, mit dir zu sprechen. Höre mich also ruhig an und laß dich durch eitlen Aberglauben nicht verwirren. Willst du mir unter die jetzt menschenleeren Arkaden der Procuratien folgen und mit mir sprechen! Fühlst du dich dazu ruhig und gesammelt genug?

– Ihr, die Freundin meiner Mutter! rief er. Ihr beauftragt von ihr, mit mir zu sprechen? Ach ja, sprecht, sprecht! Ihr seht wohl, ich täusche mich nicht, eine innere Stimme verkündete es mir! Ich fühlte, daß in Euch etwas von ihr lebte. Nein, ich bin nicht abergläubisch, nicht wahnsinnig, mein Herz ist nur lebhafter als das vieler Andern für gewisse Dinge, die Andere weder verstehen noch fühlen. Ihr werdet es begreifen, wenn Ihr meine Mutter begriffen habt. Sprecht also von ihr, redet wieder zu mir mit ihrer Stimme und ihrem Geiste.

Nachdem es mir auf diese Weise, obgleich unvollkommen gelungen war, seiner Aufregung eine andere Richtung zu geben, führte ich ihn unter die Arkaden und begann ihn auszuforschen über seine Kindheit, seine Erinnerungen, die Grundsätze, die man ihm gegeben, die Ideen, die er sich von den Grundsätzen und den Ideen seiner Mutter gemacht hätte. Die Fragen, die ich ihm vorlegte, bewiesen ihm wohl, daß ich mit den Geheimnissen seiner Familie vertraut und fähig war, die seines Herzens zu begreifen.

O, meine Tochter, welcher begeisterte Stolz bemächtigte sich meiner, als ich die glühende Liebe, die Albert für mich nährte, den Glauben, den er in meine Frömmigkeit und Tugend setzte, den Abscheu, den ihm die abergläubische Schroffheit der Katholiken auf Riesenburg gegen mein Gedächtniß eingeflößt hatte, die Reinheit seiner Seele, die Hohheit seines frommen und patriotischen Gefühles, kurz, alle die erhabenen Instinkte sah, die eine katholische Erziehung in ihm nicht hatte ersticken können!

Aber welchen tiefen Schmerz flößte mir auch zu gleicher Zeit die frühreife und unheilbare Schwermuth dieses jungen Gemüths ein und die Kämpfe, die ihn schon zu Boden drückten, wie man sich bemüht hatte, mein Herz zu zerbrechen! Albert hielt sich noch für einen Katholiken. Er wagte sich nicht offen gegen die Schlüsse der Kirche aufzulehnen. Der Glaube an eine bestehende Religion war ihm Bedürfniß.

Bereits mehr als sein Alter es erlaubte, unterrichtet und dem Nachdenken ergeben (er war kaum zwanzig Jahr alt), hatte er viel über die lange und traurige Geschichte der Ketzerei nachgedacht und konnte sich nicht entschließen, manche unserer Lehrmeinungen zu verdammen. Doch gezwungen, an die von den Kirchenhistorikern so übertriebenen und gehässig dargestellten Verirrungen der Neuerer zu glauben, schwankte er auf einem Meer von Ungewißheit, bald die Empörung verdammend, bald die Tyrannei verfluchend, ohne zu einem andern Schlusse kommen zu können, als daß tugendhafte Männer bei ihren Versuchen zur Reform sich verirrt und blutgierige Menschen bei dem Versuche, das Heiligthum vertheidigen zu wollen, es befleckt hätten.

Ich mußte also Licht in seinen Geist bringen, ihm die Fehler und die Uebergriffe beider Parteien zeigen, ihm lehren, muthig die Vertheidigung der Neuerer zu ergreifen, wenn er auch ihre unvermeidlichen Verirrungen beklagen müsse; ich mußte ihn ermahnen, bei aller Anerkennung der Trefflichkeit mancher Erscheinung in der ferneren Vergangenheit, die Partei der List, der Gewalt und der Beknechtung aufzugeben.

Es wurde mir nicht schwer, ihn aufzuklären. Er hatte bereits geahnet, vorausgesehen, geschlossen, ehe ich mit meinem Beweis noch zu Stande kam. Sein bewundernswürdiger Instinkt entsprach meinen Erleuchtungen, doch als er nun völlig begriff, bemächtigte sich seiner bestürzten Seele ein tieferer Schmerz, als die Ungewißheit ihm gegeben hatte.

Die Wahrheit war also nirgends auf Erden anerkannt? Das göttliche Gesetz lebte in keinem Heiligthume mehr? Kein Volk, keine Kaste, keine Schule übte die christliche Tugend und suchte sie aufzuklären und zu entwickeln. Katholiken und Protestanten hatten die göttlichen Wege aufgegeben. Ueberall herrschte das Gesetz der Stärkern, überall wurde der Schwache unterdrückt, der Arme gefesselt und erniedrigt; Christus wurde alle Tage auf allen von Menschen errichteten Altären gekreuzigt!

Die Nacht verging während dieses schmerzlichen und tiefsinnigen Gesprächs. Die Uhren schlugen langsam die Stunden, ohne daß Albert daran dachte, sie zu zählen. Ich erschrak über diese Kraft geistiger Thätigkeit, die mir bei ihm so viel Neigung zum Kampf und so viel Fähigkeit zum Schmerz ahnen ließ. Ich bewunderte den nämlichen Stolz und den herzzerreißenden Ausdruck meines edlen und unglücklichen Kindes; ich fand mich ganz in ihm wieder; ich glaubte in meinem vergangenen Leben zu lesen und mit ihm die Geschichte der langen Qualen meines Herzens und Geistes wieder von vorn anzufangen; ich betrachtete auf seiner vom Mond beleuchteten Stirn die nutzlose körperliche und geistige Schönheit einer einsamen und unverstandenen Jugend; ich weinte über ihn und mich zu gleicher Zeit.

Seine Klagen waren lang und herzzerreißend. Ich wagte ihm noch nicht die Geheimnisse unserer Verschwörung mitzutheilen; ich fürchtete, er möchte sie nicht sogleich begreifen und sie in seinem Schmerz als unnütze, gefährliche Anstrengungen verwerfen. Besorgt, ihn so lange wachen und gehen zu sehen, versprach ich ihm einen Hafen des Heils zu zeigen, wenn er warten und sich auf ernste Mittheilungen vorbereiten wolle, und setzte leise seine Phantasie durch die Hinweisung auf eine neue Offenbarung in Bewegung und führte ihn in den Gasthof zurück, wo wir Beide wohnten, indem ich ihm eine neue Zusammenkunft versprach, die ich um mehrere Tage hinaus schob, um seinen Geist nicht zu sehr aufzuregen.

Erst, als er mich verlassen sollte, dachte er daran, mich zu fragen, wer ich sei.

– Ich kann es dir nicht sagen, antwortete ich; ich trage einen falschen Namen und habe Gründe, mich zu verbergen; sprich mit Niemandem von mir.

Er wiederholte niemals diese Frage wieder und schien sich mit meiner Antwort zu begnügen; aber seine zarte Zurückhaltung wurde von einem andern Gefühl begleitet, seltsam wie sein Charakter und düster wie seine Gedanken. Er hat mir lange nachher gesagt, er habe mich immer seit jenem Augenblicke für den Geist seiner Mutter gehalten, der ihm unter einer wirklichen Gestalt und für den gemeinen Haufen unter erklärlichen Umständen erschien, aber in der That übernatürlich wäre.

So erkannte mich mein lieber Albert, ungeachtet aller Anstrengung von meiner Seite, hartnäckig an. Er erfand lieber eine fanatische Welt, als daß er an meiner Gegenwart zweifelte, und es gelang mir nicht, den siegreichen Instinkt seines Herzens zu täuschen. Alle meine Bemühungen, seine Aufregung zu schonen, dienten nur dazu, ihn in eine Art ruhigen und gehaltenen Wahnsinnes zu befestigen, der weder Widerspruch noch Vertrauen fand, nicht einmal bei mir selbst, der ich sein Gegenstand war. Er unterwarf sich gewissenhaft dem Willen des Gespenstes, das ihm verbot, es zu erkennen und zu nennen, aber er beharrte bei dem Glauben, unter der Macht eines Geistes zu sein.

Aus dieser entsetzlichen Ruhe, welche Albert von jetzt an in die Verirrungen seiner Einbildungskraft übertrug, aus diesem düstern und unerschütterlichen Muthe, welcher ihn stets, ohne zu erbleichen, den von seiner Phantasie erzeugten Phantomen gegenübertreten ließ, ging für mich für lange Zeit ein trauriger Irrthum hervor. Ich kannte die wunderliche Idee nicht, die er sich von meiner Wiedererscheinung auf der Erde machte. Ich glaubte, er nähme mich für eine geheimnißvolle Freundin seiner verstorbenen Mutter und seiner eigenen Jugend.

Wohl wunderte ich mich über die geringe Neugier, die er mir zeigte, und das geringe Erstaunen, das in ihm meine eifrige Sorgfalt erregte; aber diese blinde Achtung, diese zarte Unterwerfung, dieser Mangel an Unruhe gegen alle Wirklichkeiten des Lebens schienen seinem ernsten, träumerischen, beschaulichen Charakter so angemessen, daß ich mir nicht genugsam davon Rechenschaft zu geben und die geheimen Ursachen zu ergründen suchte.

Indem ich also dahin arbeitete, seinen Geist gegen das Uebermaaß seines Enthusiasmus zu kräftigen, half ich, ohne es zu wissen, in ihm jene Art erhabenen und doch so beklagenswerthen Wahnsinnes entwickeln, dessen Spielwerk und Opfer er so lange gewesen ist.

Nach und nach und in einer Reihe von Unterhaltungen, die niemals weder Vertraute, noch Zeugen hatten, enthüllte ich ihm die Lehrmeinungen, zu deren Träger und geheimen Ausbreiter unser Orden sich gemacht hatte. Ich weihte ihn in unsern Plan einer Weltregeneration ein. In Rom führte ihn Markus in die unsern Geheimnissen gewidmeten unterirdischen Gewölbe und ließ ihn in die ersten Grade der Freimaurerei aufnehmen, sich jedoch vorbehaltend, ihm im Voraus die unter diesen unbestimmten und seltsamen Formen verborgenen Symbole zu erklären, deren vielfache Auslegung sich dem verschiedenen Grade geistiger Bildung der Einzuführenden so trefflich anschließen.

Sieben Jahre lang begleitete ich meinen Sohn auf allen seinen Reisen, indem ich immer von denjenigen Orten, die er verließ, einen Tag nach ihm abreiste und an denen, wo er sich wieder aufhielt, einen Tag nach ihm ankam. Ich trug Sorge, stets in einer gewissen Entfernung zu wohnen und mich nie, weder seinem Führer, noch seinen Dienern, die er übrigens, meinem Rathe gemäß, öfters wechselte und von seiner Person entfernt hielt, mich zu zeigen.

Ich fragte ihn zuweilen, ob er nicht erstaunt sei, mich überall wieder zu finden?

– O nein, antwortete er; ich weiß ja, daß du mir überall folgst.

Und als ich von ihm eine nähere Erklärung dieses Vertrauens verlangte, antwortete er mir:

– Meine Mutter hat dich beauftragt, mir das Leben zu geben und du weißt wohl, wenn du mich jetzt verließest, würde ich sterben.

Er sprach stets in aufgeregter Weise, gleich einem Seher. Ich gewöhnte mich daran und wurde selbst so, ohne es zu wissen, indem ich mit ihm sprach. Markus hat mir oft vorgeworfen und ich habe mir selbst oft den Vorwurf gemacht, auf diese Weise die innere Flamme, welche Albert verzehrte, unterhalten zu haben. Markus hätte ihn gern durch ernsteren Unterricht und durch eine kältere Gedankenfolge aufgeklärt; doch zu andern Zeiten habe ich mich mit dem Gedanken beruhigt, daß die Flamme ihn schneller und schmerzlicher verzehrt haben würde, wenn ich ihr keine Nahrung gegeben hätte.

Meine andern Kinder hatten dieselbe Anlage zur Begeisterung gezeigt; man hatte sie unterdrückt und dahin gearbeitet, sie, gleich den Fackeln, zu verlöschen, deren Glanz man fürchtet. Sie waren unterlegen, noch ehe sie Kraft zum Widerstand hatten. Ohne meinen Hauch, der den heiligen Funken unaufhörlich mit einer reinen, freien Luft nährte, wäre vielleicht Albert schon seinen Brüdern nachgeeilt, wie ich, ohne Markus' Vorsorge, erloschen wäre, ohne gelebt zu haben.

Doch suchte ich seinen Geist oft von diesem ewigen Streben nach dem Ideale abzuziehen. Ich rieth ihm, ich verlangte von ihm positive Studien; er gehorchte mir sanft und gewissenhaft. Er studirte die Naturwissenschaften und die Sprachen der verschiedenen Länder, die er durcheilte; er las außerordentlich viel; er pflegte selbst die Künste und ergab sich ohne Lehrmeister der Musik.

Das Alles war für seinen lebhaften und umfassenden Geist nur ein Spiel, eine Erholung. Allen Zerstreuungen seines Alters fremd, ein geborener Feind der Welt und ihrer Eitelkeiten, lebte er überall in einer tiefen Zurückgezogenheit und wollte hartnäckig den Rathschlägen seines Führers sich widersetzend, keine Gesellschaft, keinen Hof besuchen. Kaum sah er in zwei oder drei Hauptstädten die ältesten und ernstesten Freunde seines Vaters. In ihrer Gegenwart nahm er eine ernste und zurückhaltende Haltung an, die ihrer Kritik keine Blöße gab und nur mit einigen Eingeweihten unsers Ordens, an die ihn Markus besonders empfahl, lebte er in innigerer Vertraulichkeit.

Uebrigens bat er uns, ihn nicht eher bei der Propaganda zu beschäftigen, bis er in sich die Gabe der Ueberzeugung erwachen fühle, und er erklärte mir oft freimüthig, daß er sie noch nicht hätte, weil er an die Trefflichkeit unserer Mittel noch nicht vollständig genug glaube. Er ließ sich von Grad zu Grad, wie einen gelehrigen Schüler führen, doch indem er Alles mit scharfem Verstande und ängstlicher Gewissenhaftigkeit prüfte, behielt er sich stets, wie er mir sagte, das Recht vor, uns Reformen und Verbesserungen vorzuschlagen, sobald er sich hinreichend aufgeklärt finden würde, um sich seinen persönlichen Instinkt überlassen zu dürfen. Bis dahin wünschte er demüthig zu bleiben, geduldig und den in unserer geheimen Gesellschaft aufgestellten Gesetzen unterworfen.

In seine Studien und Betrachtungen versenkt, flößte er seinem Führer durch den Ernst seines Charakters und die Kälte seines Betragens Achtung ein. Der Abbé betrachtete ihn also wie einen traurigen Pedanten und entfernte sich von ihm mehr und mehr, um sich nur den Intriguen seines Ordens hinzugeben; er war Jesuit. Albert hielt sich ziemlich lange in Frankreich und in England auf, ohne daß er ihn begleitete; oft war er hundert Stunden von ihm entfernt und begnügte sich, nur dann mit ihm eine Zusammenkunft zu haben, wenn er ein anderes Land sehen wollte; oft reisten sie gar nicht mit einander.

In dieser Zeit nun besaß ich die größte Freiheit, meinen Sohn zu sehen und seine innige Zärtlichkeit vergalt mir hundertfach die Sorge, die ich ihm widmete.

Meine Gesundheit hatte sich befestigt, und wie es oft bei tief gestörten Constitutionen ist, daß sie endlich ihre Uebel gewohnt werden und sie nicht mehr fühlen, so bemerkte auch ich fast nicht mehr die meinigen. Strapazen, Nachtwachen, lange Gespräche, mühsame Reisen unterhielten in mir, statt mich zu erschöpfen, eine Art schleichendes, fortdauerndes Fieber, welches mir zum Normalzustand wurde und geblieben ist.

So schwächlich und zitternd du mich auch siehst, giebt es doch keine Mühsal, keine Beschwerden mehr, die ich nicht besser ertragen könnte, als du, schöne Blume des Frühlings. Die Aufregung ist mein Lebenselement geworden und ich ruhe aus bei fortdauerndem Hin- und Hergehen, wie jene Couriere von Profession, welche auf ihren Pferden gallopirend schlafen.

Diese Erfahrung, was eine kräftige Seele in einem kränklichen Körper ertragen und ausführen kann, hat mir ein größeres Vertrauen auf Alberts Kraft gegeben. Ich habe mich gewöhnt, ihn zuweilen erschöpft und ermattet wie mich, aufgeregt und fieberhaft wie mich, zu sehen. Wir haben oft zusammen dieselben körperlichen Schmerzen gelitten, die aus denselben moralischen Aufregungen hervorgehen, und nie vielleicht waren wir inniger mit einander verbunden, als in jenen Stunden der Prüfung, wo dasselbe Fieber in unsern Adern wüthete und dieselbe Erschöpfung uns zu klagen bewog.

Wie oft schien es uns nicht, als wären wir nur ein und dasselbe Wesen! Wie oft haben wir das Stillschweigen gebrochen, in welches uns derselbe Gedanke versenkte, um gegenseitig in dieselben Worte auszubrechen! Wie oft endlich haben wir uns, wechselseitig aufgeregt oder ermattet, durch einen Händedruck die Ermattung oder die Aufregung gegenseitig mitgetheilt! Wie viel Freuden und Leiden haben wir gemeinsam kennen gelernt!

O, mein Sohn! meine einzige Leidenschaft! Fleisch meines Fleisches und Gebein meines Gebeins! welche Stürme haben wir, von demselben himmlischen Schilde bedeckt, bestanden! Wie vielen Verheerungen haben wir getrotzt, Eins an das Andere geschlossen und dieselbe Formel des Heils aussprechend: Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit!

Wir waren in Polen an der türkischen Grenze, und Albert, der nach und nach alle Grade der Freimaurerei bis zu den höheren durchschritten hatte, welche den letzten Ring zwischen dieser vorbereitenden Gesellschaft und der unsern bilden, wollte sich nach demjenigen Theile Deutschlands wenden, in welchem wir uns jetzt befinden, um zu dem heiligen Bankett der Unsichtbaren gelassen zu werden, als Graf Christian von Rudolstadt ihn zu sich rief.

Das war ein Donnerschlag für mich. Mein Sohn liebte, trotz der Sorge, mit der ich ihn verhindert hatte seine Familie zu vergessen, sie nur noch wie eine freundliche Erinnerung aus der Vergangenheit. Er begriff nicht mehr, wie er mit ihr leben sollte. Demungeachtet kam es uns nicht in den Sinn, diesem mit der kalten Würde und dem Vertrauen der väterlichen Macht, wie man sie in den katholischen und adeligen Familien unsers Landes kennt, ausgesprochenen Befehle zu widerstehen.

Albert bereitete sich, mich zu verlassen, ohne zu wissen, auf wie lange man uns trenne, ohne aber auch denken zu können, daß er mich nicht bald wiedersehen und mit Markus die Bande des Vereins, der ihn in Anspruch nahm, enger schließen sollte, Albert hatte wenig Begriff von der Zeit und konnte noch weniger die materiellen Fälle des Lebens berechnen.

– Müssen wir uns denn verlassen? sagte er, als er meine Thränen sah. Können wir uns denn verlassen? Jedes Mal, wenn ich dich aus der Tiefe meines Herzens gerufen habe, bist du mir erschienen. Ich werde dich wieder rufen.

– Albert, Albert, antwortete ich, dieses Mal kann ich dich nicht begleiten, wohin du gehst.

Er erblaßte und schloß sich an mich an wie ein erschrecktes Kind. Der Augenblick war gekommen, ihm mein Geheimniß zu offenbaren.

– Ich bin nicht der Geist deiner Mutter, sagte ich ihm nach einiger Einleitung, ich bin deine Mutter selbst.

– Warum sagst du mir das? antwortete er mir mit einem seltsamen Lächeln; wußte ich es nicht schon? Gleichen wir uns nicht? habe ich dein Bildniß nicht auf der Riesenburg gesehen; hatte ich dich denn vergessen? habe ich dich nicht immer gesehen, immer gekannt?

– Und du erstauntest nicht, mich leben zu sehen, mich, die man beerdigt in der Kapelle der Riesenburg glaubt?

– Nein, antwortete er, ich staunte nicht; ich war darüber zu glücklich. Gott kann Wunder thun und es ziemt dem Menschen nicht, darüber zu staunen!

Das seltsame Kind hatte mehr Mühe, die entsetzliche Wahrheit meiner Geschichte zu begreifen, als das Wunder, mit dem es sich eingewiegt hatte. Er hatte an meine Wiederauferstehung wie an die Christi geglaubt; meine Lehren über die Fortdauer des Lebens hatte er buchstäblich genommen; er glaubte mit Uebertreibung daran, das heißt, er wunderte sich nicht, bei mir die Erhaltung der Erinnerung und die Gewißheit an meine Individualität zu sehen, nachdem ich meinen Körper abgestreift hatte, um einen andern damit zu bekleiden.

Ich weiß selbst nicht, ob ich ihn überzeugte, daß mein Leben durch meine Ohnmacht nicht unterbrochen worden und meine sterbliche Hülle nicht in dem Grabe geblieben sei. Er hörte mich, Zerstreuung und doch Begeisterung in seinen Zügen, an, als wenn er aus meinem Munde andere Worte vernähme, als die ich aussprach. In ihm ging in diesem Augenblicke etwas Geheimnißvolles und Unerklärliches vor. Man hätte sagen mögen, das Geschick, welches ihm ein dem meinen ähnliches Loos vorbehielt, versage ihm die Fähigkeit, es zu ahnen und zu begreifen.

Ein furchtbares Band nur hielt Alberts Seele am Rande des Abgrundes zurück. Das wirkliche Leben konnte sich seiner nicht bemächtigen, ehe er nicht die letzte Krisis bestanden hatte, aus der ich wunderbar hervorgegangen war, jenen Scheintodt, der in ihm die letzte Anstrengung sein sollte des Begriffs der Ewigkeit im Kampfe mit dem Begriff der Zeit.

Mein Herz brach, als ich mich von ihm trennen mußte; eine schmerzliche Ahnung verkündigte mir dunkel, daß er in jene Phase eintreten müsse, welche mein Dasein so gewaltig erschüttert hatte, und daß die Stunde nicht fern sei, wo Albert vernichtet oder zum neuen Leben hervorgehen würde. Ich hatte bei ihm eine Neigung zu den Starrkrämpfen bemerkt. Vor meinen Augen überfiel ihn oft plötzlich ein so langer, so tiefer und so entsetzlicher Schlaf; seine Athemzüge waren dann so schwach, sein Puls so wenig bemerkbar, daß ich Markus unaufhörlich sagte oder schrieb:

– Lassen wir nie Albert beerdigen, oder tragen wir kein Bedenken, sein Grab zu zerbrechen.

Zum Unglück für uns konnte Markus nicht mehr die Riesenburg besuchen; er durfte das Gebiet der österreichischen Staaten nicht betreten. Er war bei einem Aufstande in Prag, dem er in der That nicht fremd gewesen war, schwer compromittirt. Er hatte sich nur durch die Flucht der Strenge der österreichischen Gesetze entzogen.

Von Unruhe verzehrt, kam ich hieher. Albert hatte mir versprochen, mir alle Tage zu schreiben, ich meinerseits versprach, sobald mir ein Brief fehlen sollte, nach Böhmen zu reisen und trotz aller Gefahr mich auf der Riesenburg einzufinden.

Der Schmerz unserer Trennung war Anfangs bei ihm weniger heftig als bei mir. Er begriff nicht, was vorging; er schien nicht daran zu glauben. Aber als er unter das traurige Dach zurückgekehrt war, wo die Lust für die heiße Brust der Nachkömmlinge Ziska's ein Gift zu sein scheint, erhielt sein ganzes Wesen eine furchtbare Umwandlung; er eilte, sich in das Zimmer, das ich bewohnt hatte, einzuschließen; er rief mich, und als er mich nicht erscheinen sah, überredete er sich, ich sei zum zweitenmale gestorben und würde ihm im Lauf seines gegenwärtigen Lebens nicht wiedergegeben werden. So wenigstens erklärte er mir später, was sich in jener verhängnißvollen Stunde in ihm zutrug, wo seine Vernunft und sein Glaube auf ganze Jahre erschüttert wurde.

Er blickte lange Zeit mein Porträt an. Ein Bildniß hat immer nur eine unvollkommene Aehnlichkeit und jene besondere Vorstellung, welche der Künstler von uns gehabt hat, bleibt immer unter der zurück, die diejenigen Wesen, von denen wir glühend geliebt werden, in sich bewahren und keine Aehnlichkeit kann sie zufriedenstellen; sie betrübt sie sogar und erregt zuweilen ihren Unwillen.

Albert fand in diesem Bilde meiner Jugend und meiner vergangenen Schönheit seine alte, liebe Mutter, ihr graues Haar, das ihm so ehrwürdig schien, und jene krankhafte Blässe nicht wieder, die ihm zum Herzen sprach. Er entfernte sich mit Entsetzen von dem Porträt und erschien düster, schweigend und bestürzt vor seinen Verwandten. Er besuchte mein Grab und wurde von Schwindel und Schauer ergriffen. Die Idee des Todes schien ihm furchtbar und doch sagte ihm sein Vater, um ihn zu trösten, ich sei dort und er müsse niederknieen und beten für die Ruhe meiner Seele.

– Ruhe! rief Albert außer sich, Ruhe der Seele! Nein, die Seele meiner Mutter ist für eine solche Vernichtung nicht gemacht, eben so wenig wie die meine. Weder meine Mutter noch ich will in einem Grabe ruhen. Nie, nie! diese katholische Höhle, diese verschlossenen Gräber, dieses Aufgeben des Lebens, diese Scheidung zwischen dem Himmel und der Erde, zwischen dem Körper und der Seele erregen mir Grauen.

Durch solche Reden erfüllte Albert nach und nach das einfache, furchtsame Gemüth seines Vaters mit Entsetzen. Man wiederholte seine Worte dem Kaplan, damit er sie zu erklären versuche. Dieser beschränkte Mensch sah darin nur einen Aufschrei, den das Gefühl meiner ewigen Verdammniß meinem Sohne entrissen hätte.

Die abergläubische Furcht, welche die Umgebungen Alberts erfüllte, die Bemühungen seiner Familie, ihn unter das katholische Joch zurückzubringen, marterten ihn und seine Aufregung nahm völlig den krankhaften Charakter an, den du bei ihm gesehen hast.

Sein Gedankengang verwirrte sich; weil er die Beweise meines Todes immer vor Augen sah und mit den Händen betasten konnte, vergaß er, daß er mich lebend gesehen hatte und ich erschien ihm nur noch wie ein flüchtiger Schatten, immer bereit, ihn zu verlassen. Seine Phantasie rief diesen Schatten hervor und lieh ihm nur unzusammenhängende Reden, Schmerzensschreie, entsetzliche Drohungen.

Wenn er ruhiger wurde, blieb seine Vernunft wie von einer Wolke verschleiert. Er verlor das Gedächtniß für die Gegenwart; er bildete sich ein, von den acht bei mir zugebrachten Jahren geträumt zu haben, oder vielmehr diese acht Jahre des Glücks, der Thätigkeit und der Kraft erschienen ihm wie der Traum einer Stunde.

Da ich keinen Brief von ihm erhielt, wollte ich zu ihm eilen; Markus hielt mich zurück. Die Post, sagte er, fängt unsere Briefe auf, oder die Familie Rudolstadt unterschlägt sie. Durch seinen treuen Correspondenten erhielt er immer Nachrichten von der Riesenburg; mein Sohn galt für ruhig, gesund und glücklich in seiner Familie. Du weißt, wie sorgfältig und in der ersten Zeit mit welchem glücklichen Erfolg man seinen Zustand verbarg.

Auf seinen Reisen hatte Albert den jungen Trenck kennen gelernt und mit ihm eine warme Freundschaft geschlossen. Geliebt von der Prinzessin von Preußen und von dem König Friedrich verfolgt, schrieb Trenck meinem Sohn seine Freuden und Leiden und forderte ihn inständig auf, nach Dresden zu kommen, um ihm Rath und Beistand zu geben. Albert machte diese Reise, und kaum hatte er die düstre Riesenburg hinter sich, als Gedächtniß, Eifer und Vernunft ihm wiederkehrten.

Trenck hatte meinen Sohn in der Schaar der Neophyten der Unsichtbaren gefunden. Hier hatten sie sich verstanden und eine ritterliche Freundschaft geschworen. Durch Markus von ihrem Zusammentreffen unterrichtet, eilte ich nach Dresden, sah Albert wieder und folgte ihm nach Preußen, wo er unter einer Verhüllung in das Königsschloß Eingang suchte, um Trencks Liebe zu dienen und einen Auftrag der Unsichtbaren auszurichten.

Markus glaubte, daß diese Thätigkeit und das Bewußtsein einer nützlichen und edlen Rolle Albert von seiner Schwermuth heilen würden. Er hatte Recht; Albert gewann wieder Leben unter uns; Markus wollte auf seiner Rückkehr ihn hierher führen und ihn einige Zeit in der Gesellschaft der edelsten Häupter des Ordens behalten; er war überzeugt, Albert würde die Klarheit seines Geistes wiederfinden, sobald er die seinem hohen Sinne zukommende ächte Lebensluft einathmen würde.

Doch ein unangenehmer Umstand störte plötzlich das Vertrauen meines Sohnes. Er hatte unterwegs den Betrüger Cagliostro gefunden, der aus Unklugheit von den Rosenkreuzern in einige ihrer Mysterien eingeweiht worden war. Albert, schon lange als Rosenkreuzer aufgenommen, präsidirte als Großmeister eine ihrer Versammlungen. Da sah er in der Nähe, was er nie geahnet hatte. Er kam mit allen den verschiedenen Elementen zusammen, aus denen die Verbindungen der Freimaurer bestehen.

Er sah den Irrthum, das Vorurtheil, die Eitelkeit, den Betrug, die Schurkerei sogar, welche nach und nach durch die Thorheit und die Laster der Zeit Eingang in dieses Heiligthum gefunden hatten. Cagliostro, mit seiner eifrigen Nachforschung nach den kleinen Geheimnissen der Welt, die er als Offenbarungen eines Spiritus familiaris darstellte, mit seiner gewinnenden Beredtsamkeit, welche die großen revolutionären Gedanken parodirte, mit seiner betrügerischen Kunst, welche angebliche Schatten aufrief; der intriguirende und geldgierige Cagliostro erfüllte den edlen Adepten mit Grauen.

Die Leichtgläubigkeit der Welt, der kindische Aberglaube eines großen Theils der Freimaurer, die schmachvolle Gier, welche das Versprechen des Steins der Weisen und so viel andere Jämmerlichkeiten der Zeit, in der wir lebten, erregten, warfen ein trauriges Licht in sein Gemüth. In seinem zurückgezogenen, den Studien geweihten Leben hatte er das Menschengeschlecht nicht hinreichend kennen gelernt, sich zu dem Kampfe mit so viel schlechten Trieben nicht vorbereitet. Er konnte so viel Jämmerlichkeit nicht ertragen. Er wollte, man solle die Charlatane und Zauberer demaskiren und schmachvoll aus unsern Tempeln jagen. Er konnte sich nicht überzeugen, daß man Cagliostros entwürdigenden Beistand ertragen müsse, weil es zu spät sei, um sich von ihm loszumachen, weil dieser Mensch in seinem Zorn viele achtbare Männer verderben könne, während er, geschmeichelt von ihrem Schutz und einem scheinbaren Vertrauen, der großen Sache, ohne sie wahrhaft zu kennen, sehr nützlich sein konnte.

Albert wurde unwillig und sprach mit seinem festen und eifrigen Gemüthe den Fluch über unser Werk aus; er sagte uns vorher, daß wir untergehen würden, weil wir zu viel falsches Metall in die goldene Kette aufgenommen hätten. Er verließ uns mit den Worten: er wolle über die furchtbare Nothwendigkeit nachdenken, die wir uns bemühten, ihm begreiflich zu machen, und erst dann die Taufe verlangen, wenn seine stechenden Zweifel gehoben wären.

Ach, wir wußten nicht, welche düstre Gedanken ihn in der Einsamkeit der Riesenburg bestürmten. Er sagte es uns nicht; vielleicht erinnerte er sich nicht mehr daran, als seine Bitterkeit besänftigt war.

Er lebte noch ein Jahr in einer abwechselnden Ruhe und Verzückung, üppigen Kraft und schmerzlichen Ermattung. Er schrieb uns zuweilen, ohne uns seine Leiden und das Hinsterben seiner Gesundheit zu offenbaren. Er bekämpfte bitter unsere Politik. Er wollte, wir sollten sogleich unsere Arbeiten im Dunkeln aufgeben und die Menschen nicht mehr täuschen, sondern ihnen die Schaale des neuen Lebens sogleich reichen.

– Werft Eure schwarzen Masken ab, sagte er, tretet aus Euren Höhlen hervor. Streicht von dem Giebel Eures Tempels das Wort Geheimniß, das Ihr der römischen Kirche entwendet habt und das den Männern der Zukunft nicht gebührt. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr die Mittel des Jesuitenordens ergriffen habt? Nein, ich kann nicht mit Euch arbeiten; das heißt, Leben unter Leichnamen suchen. Tretet endlich an das Licht des Tages, verliert keine kostbare Zeit, um Euere Heerhaufen zu bilden. Rechnet etwas mehr auf die Begeisterung, auf die Theilnahme der Völker, auf die Ursprünglichkeit edler Triebe. Die Ruhe löst ein Heer auf und die List, welche es zum Hinterhalt braucht, nimmt ihm die zum Kampfe nothwendige Kraft und Lebensfülle.

Albert hatte im Grunde Rechts aber der Augenblick war noch nicht gekommen, der ihm in der Praxis Recht gegeben hätte. Dieser Augenblick ist vielleicht noch fern.

Endlich kamst du nach Riesenburg; du fandest ihn mitten in dem schmerzlichen Leid seiner Seele, du weißt, oder vielmehr, du weißt nicht, welchen Einfluß du auf ihn gehabt hast, so, daß du ihn Alles vergessen ließest, was nicht du war, daß du ihm ein neues Leben, daß du ihm den Tod gabst.

Als er glaubte, Alles sei zwischen dir und ihm beendigt, verließen ihn seine Kräfte und er ließ sich hinsterben. Bis dahin kannte ich die wahre Natur und die Tiefe seines Unglücks nicht. Markus' Correspondent sagte ihm, die Riesenburg verschlösse sich mehr und mehr gegen die Außenwelt, Albert gehe nicht mehr aus, die Welt betrachte ihn als einen Wahnsinnigen, aber die Armen liebten und segneten ihn immer und manche Personen höheren Geistes, die ihn gesehen hätten, wären wohl über die Seltsamkeit seines Betragens erstaunt, erkennten aber preisend seine Beredtsamkeit, seine hohe Weisheit und die Großartigkeit seiner Ideen an.

Endlich aber erfuhr ich, daß Superville gerufen worden sei, und eilte nach der Riesenburg, trotz Markus' Vorstellungen, der, als er mich zu Allem entschlossen sah, jeder Gefahr trotzte, um mir zu folgen. Wir kamen als Bettler verkleidet an den Mauern des Schlosses an. Niemand erkannte uns. Seit siebenundzwanzig Jahren hatte man mich, seit zehn Jahren Markus nicht gesehen. Man gab uns ein Allmosen und entfernte uns.

Aber wir trafen einen Freund, einen unerwarteten Helfer in der Person des armen Zdenko. Er behandelte uns als Brüder und schenkte uns seine Zuneigung, sobald er erfuhr, wie sehr wir uns für Albert interessirten; wir ließen ihm die Sprache hören, die seinem Enthusiasmus gefiel, und entdeckten ihm alle Geheimnisse des tödtlichen Schmerzes seines Freundes.

Zdenko war nicht mehr der Wüthende, der dein Leben bedroht hatte. Niedergeschlagen und muthlos schlich er, wie wir, an die Pforte des Schlosses, um sich nach Albert demüthig zu erkundigen, und wurde, gleich uns, durch unbestimmte Antworten, die unsere Angst nur vermehrten, zurückgewiesen.

Durch ein seltsames Zusammentreffen mit Alberts Visionen, behauptete Zdenko, mich gekannt zu haben. Ich war ihm in seinen Träumen, in seinen Gesichten erschienen und ohne sich klar zu werden, überließ er sich völlig meinem Willen.

– Weib, sagte er oft zu mir, ich kenne deinen Namen nicht, aber du bist der gute Engel meines Podiebrad. Oft habe ich ihn dein Gesicht auf Papier zeichnen sehen, deine Stimme, deinen Blick und deinen Gang beschreiben hören, wenn der Himmel sich vor ihm öffnete und er an seinem Bett Diejenigen erscheinen sah, welche, nach der Meinung der Menschen, nicht mehr sind.

Statt Zdenko's Herzensergießungen zurückzuweisen, rief ich sie hervor. Ich schmeichelte seiner Täuschung und bewog ihn, uns, Markus und mich, in die Grotte des Schreckensteins zu führen. Als ich diese unterirdische Wohnung sah und vernahm, daß mein Sohn hier Wochen, ja Monate lang fern von aller Welt gelebt hatte, begriff ich die düstre Farbe seiner Gedanken. Ich sah ein Grab, welchem Zdenko eine Art Verehrung zu weihen schien, und nicht ohne Mühe erfuhr ich seine Bestimmung. Es war das höchste Geheimniß Alberts und Zdenko's und wurde von Beiden Jedem verschwiegen.

– Ach, sagte der Wahnsinnige, hier haben wir Wanda von Prachatitz, die Mutter meines Albert begraben. Sie wollte in der Kapelle nicht bleiben, wo man sie im Stein eingeschlossen hatte. Ihre Gebeine bewegten sich und hüpften, und die hier, fügte er, auf den Beinhaufen der Taboriten am Rand der Quelle deutend, hinzu, warfen uns immer vor, sie nicht zu ihnen zu bringen. Wir haben dieses heilige Grab gesucht, haben sie hier beerdigt, und alle Tage es,mit Blumen und Küssen geschmückt.

Erschreckt von diesem Umstand, der in der Folge die Entdeckung meines Geheimnisses herbeiführen konnte, fragte Markus Zdenko weiter und erfuhr, daß sie meinen Sarg, ohne ihn zu öffnen, hierher getragen hätten. Also war Albert so krank und geistesgestört gewesen, daß er sich meines Daseins nicht mehr erinnerte und im Glauben an meinen Tod beharrte. Oder war das Alles nur ein Traum von Zdenko?

Ich konnte meinen Ohren nicht glauben.

– O, mein Freund, sagte ich zu Markus verzweifelnd, wenn das Licht seiner Vernunft so sehr und für immer verloschen ist, so schenke ihm Gott die Gnade des Todes.

Als wir endlich alle Geheimnisse von Zdenko wußten, so erfuhren wir auch, daß wir durch die unterirdischen Gallerien und unbekannten Gänge in die Riesenburg dringen könnten; wir folgten ihm eines Nachts und warteten am Eingange der Cisterne, bis er sich in das Innere des Hauses geschlichen hatte. Er kam lachend und singend zurück und sagte uns, Albert sei geheilt, er schliefe, und man hätte ihm neue Kleider angezogen und eine Krone aufgesetzt.

Ich sank wie vom Blitz getroffen nieder, denn ich begriff, daß Albert todt sei. Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, ich erwachte mehrmals mitten im Fieber, ich lag auf Bärenfellen und trocknen Blättern in dem unterirdischen Gemach, welches Albert unter dem Schreckenstein bewohnt hatte. Zdenko und Markus wachten bei mir abwechselnd.

Der Eine sagte mir mit freudiger, triumphirender Miene, sein Podiebrad sei geheilt, er werde mich bald besuchen; der Andere sprach bleich und nachdenkend:

– Alles ist vielleicht nicht verloren, geben wir die Hoffnung auf das Wunder nicht auf, das dich dem Grabe entriß.

Ich verstand nichts, ich lag in der Fieberhitze; ich wollte aufstehen, laufen, schreien, ich vermochte es nicht, und der trostlose Markus, der mich in diesem Zustande sah, hatte weder die Kraft, noch die Zeit, sich ernstlich mit ihm zu beschäftigen. All sein Geist, alle seine Gedanken waren von einer andern, furchtbaren Sorge eingenommen.

Endlich in einer Nacht, ich glaube, es war die dritte meiner Krankheit, fühlte ich Ruhe und Kraft in mir wiederkehren. Ich bemühte mich, meine Ideen zu sammeln, es gelang mir, mich zu erheben. Ich war allein in dieser entsetzlichen Höhle, die eine Todtenlampe nur schwach erleuchtete; ich wollte fort und war eingeschlossen. Wo war Markus, Zdenko … und besonders Albert …?

Mein Gedächtniß kehrte zurück, ich schrie auf und das kalte Gewölbe antwortete mit einem so dumpfen Echo, daß der Schweiß von meiner kalten Stirn herabrann, wie die Feuchtigkeit des Grabes, ich glaubte mich noch einmal lebendig beerdigt. Was war denn geschehen? Was ging denn noch vor? Ich sank auf meine Kniee und rang meine Arme in verzweiflungsvollem Gebet, ich rief Albert mit wutherfülltem Geschrei.

Endlich hörte ich dumpfe, ungleiche Schritte, wie von Männern, die eine Last herbeitragen. Ein Hund bellte und winselte und kratzte, schneller herankommend als sie, zu wiederholten Malen an die Thür. Sie öffnete sich und ich sah Markus und Zdenko Albert hereintragen, steif, farblos, kurz, todt nach allem Anschein. Sein Hund, Cynaber, sprang an ihm in die Höhe und leckte seine herabhängenden Hände. Zdenko sang mit sanfter, tiefgefühlter Stimme ein improvisirtes Lied:

– Komm, schlummre an dem Busen deiner Mutter, armer, so lange der Ruhe beraubter Freund! Schlummere bis zum Tage, wir wecken dich, um den Aufgang der Sonne zu sehen.

Ich warf mich aus meinen Sohn.

– Er ist nicht todt, rief ich. O, Markus, Ihr habt ihn gerettet, nicht wahr? Er ist nicht todt, er wird wieder erwachen?

– Gnädige Frau, sagte Markus mit einer entsetzlichen Festigkeit, hoffen Sie nicht, ich weiß nicht, ich kann an nichts glauben. Sein Sie muthig, was auch geschehen möge. Helfen Sie mir, vergessen Sie sich selbst.

Ich brauche dir nicht zu sagen, mit welchem Eifer wir Albert ins Leben zu bringen suchten. Dank dem Himmel, es war ein Ofen in dieser Höhle. Es gelang uns, seine Glieder zu erwärmen.

– Sehen Sie, sagte ich zu Markus, seine Hände sind warm!

– Man kann dem Marmor Wärme geben, antwortete er mir mit trübem Tone; das heißt ihm noch kein Leben geben. Das Herz ist kalt wie Stein!

Furchtbare Stunden schlichen in dieser Erwartung, in diesem Entsetzen, in dieser Entmuthigung hin. Knieend, das Ohr auf die Brust meines Sohnes gedrückt, mit düstrem Gesichte lauschte Markus vergeblich auf ein schwaches Lebenszeichen.

Ohnmächtig, erschöpft, wagte ich kein Wort mehr zu sagen, keine Frage zu bilden. Ich forschte nur auf der furchtbaren Stirn des Markus. Ein Augenblick kam, wo ich selbst ihn nicht mehr anzublicken wagte; ich glaubte das Todesurtheil zu lesen.

In einem Winkel sitzend, spielte Zdenko mit Cynaber wie ein Kind und fuhr fort zu singen; zuweilen unterbrach er sich, um uns zu sagen, wir quälten Albert, wir sollten ihn schlafen lassen, er, Zdenko, hätte ihn ganze Wochen lang so gesehen, er würde schon von selbst aufwachen.

Markus litt entsetzlich von dem Vertrauen dieses Wahnsinnigen; er konnte es nicht theilen; doch ich wollte ihm hartnäckig Glauben beilegen, ich war wohl eine Seherin. Der Wahnsinnige hatte die himmlische Sehergabe, die englische Gewißheit der Wahrheit.

Endlich glaubte ich eine unmerkliche Bewegung auf Markus eherner Stirn wahrzunehmen; es schien mir, als wenn seine zusammengezogenen Augenbrauen sich ausdehnten. Ich sah seine Hand zittern, dann sich von Neuem in einer Anstrengung des Muthes zusammenschließen; dann seufzte er tief auf, zog sein Ohr von dem Orte weg, wo das Herz meines Sohnes geschlagen hatte, versuchte zu sprechen, hielt an sich, erschreckt von der vielleicht chimärischen Freude, die er mir geben wollte, neigte sich von Neuem, lauschte wieder, zitterte, erhob sich, wankte plötzlich und sank, wie dem Tode nahe, zu Boden.

– Keine Hoffnung mehr! rief ich, mir die Haare ausraufend.

– Wanda, antwortete Markus mit erstickter Stimme, Ihr Sohn lebt!

Und von der Größe seiner Aufmerksamkeit, seines Muthes und seiner Sorge erdrückt, sank mein edler, zärtlicher Freund, wie vernichtet, neben Zdenko nieder.«

Ende des fünften Theils.

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