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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Vierter Theil.

—————

1.

Als Consuelo wieder zum Bewußtsein kam, fühlte sie ein unendliches Wohlbehagen, ohne im Stande zu sein, sich weder über den Ort, wo sie sich befand, noch über die Umstände, die sie dahin geführt hatten, Rechenschaft zu geben. Sie lag in freier Luft; und, ohne irgend die Kälte der Nacht zu empfinden, sah sie ungehindert am weiten, reinen Himmel die Sterne glänzen.

Diesem bezaubernden Blicke folgte bald das Gefühl einer ziemlich raschen, aber angenehmen und sanften Bewegung. Das Geräusch des Ruders, welches sich in kurzen Zwischenräumen in das Wasser senkte, gab ihr die Ueberzeugung, daß sie auf einer Barke sei und über den See fahre. Eine sanfte Wärme drang durch ihre Glieder und in der Stille der schlafenden Gewässer, auf denen der Nachtwind zahlreiche Wasserpflanzen bewegte, lag eine Milde, die sie an die Lagunen von Venedig in den schönen Frühlingsnächten erinnerte.

Consuelo erhob ihr müdes Haupt, blickte um sich und sah zwei Ruderer, die Beide, ein Jeder an einem Ende der Barke mit aller Kraft ruderten. Sie suchte die Citadelle mit den Augen und sah sie schon weit in der Ferne, düster wie ein Steingebirg, in dem durchsichtigen Rahmen der Luft und des Wassers. Sie sagte sich, sie sei gerettet, aber sogleich erinnerte sie sich ihrer Freunde und rief ängstlich den Namen Carl.

– Ich bin da, Signora! aber nicht ein Wort! das tiefste Schweigen! antwortete Carl, der vor ihr ruderte.

Consuelo glaubte, der andere Ruderer sei Gottlieb; und zu schwach, um sich länger zu quälen, ließ sie sich wieder in ihre frühere Lage zurücksinken. Eine Hand legte wieder den weichen und warmen Mantel um sie, in welchem sie eingehüllt war; doch sie entfernte ihn sanft von ihrem Gesicht, um den gestirnten Himmel zu betrachten, der sich unendlich über ihrem Haupte ausdehnte.

Je mehr sie ihre Kräfte und die Elasticität ihrer, von einer heftigen Nervenkrisis gelähmten Bewegungen wiederkehren fühlte, desto mehr sammelte sie auch ihre Gedanken; und die Erinnerung an Mayer trat entsetzlich und blutig vor ihr inneres Auge. Sie machte eine Bewegung, um sich von Neuem zu erheben, weil sie bemerkte, daß ihr Kopf auf den Knieen und ihr Körper von den Armen einer dritten Person gestützt wurde, die sie noch nicht gesehen, oder vielmehr für einen Ballen genommen hatte, so eingehüllt, verborgen und unbeweglich saß sie hinter ihr im Grunde der Barke.

Ein tiefes Entsetzen bemächtigte sich Consuelo's, als sie sich an das unglückliche Vertrauen erinnerte, welches Carl gegen Mayer gezeigt hatte, und sie es für möglich hielt, daß dieser Elende in ihrer Nähe sein könnte. Die Sorgfalt, mit der er sich zu verbergen suchte, erhöhte den Argwohn der Fliehenden. Sie war voll Verwirrung, an dem Busen dieses Mannes geruht zu haben, und tadelte fast die Vorsehung, ihr unter seinem Schutze einige Augenblicke eines heilsamen Vergessens und eines unaussprechlichen Wohlseins haben genießen zu lassen.

Glücklicherweise stieß die Barke in diesem Augenblicke an's Land und Consuelo beeilte sich, aufzustehen, um Carls Hand zu ergreifen und an das Ufer zu springen; doch der Stoß des Anlandens ließ sie wanken und in die Arme dieser geheimnißvollen Person zurücksinken. Sie sah sie jetzt aufrechtstehend und bemerkte in dem schwachen Lichte der Sterne, daß sie eine schwarze Maske vor dem Gesichte trug. Doch sie war um einen ganzen Kopf größer als Mayer, und obgleich der Körper in einen langen Mantel verhüllt war, zeigte er doch die Eleganz einer schlanken, wohlgewachsenen Gestalt.

Diese Umstände beruhigten die Fliehende vollkommen; sie nahm den Arm an, den der Unbekannte ihr schweigend bot und machte mit ihm, von Carl und dem andern Individuum begleitet, der ihr von Neuem durch Zeichen die Mahnung gegeben hatte, nicht ein Wort zu sprechen, ungefähr funfzig Schritt an dem Ufer hin. Das Land war still und öde; in der Citadelle ließ sich keine Aufregung mehr bemerken. Hinter einem Gebüsch fand sich ein mit vier Pferden bespannter Wagen, in welchen der Unbekannte mit Consuelo stieg. Carl setzte sich auf den Bock. Das dritte Individuum verschwand, ohne daß Consuelo darauf achtete. Sie gab der schweigenden und feierlichen Hast ihrer Befreier nach, und bald rollte der Wagen, der trefflich und von ausgesuchter Bequemlichkeit war, mit der Schnelligkeit des Blitzes in der Nacht dahin.

Das Rollen der Räder und der Gallop der Pferde fordern nicht sehr zur Unterhaltung auf. Consuelo fühlte sich von ihrem Alleinsein mit dem Unbekannten sehr eingeschüchtert und sogar ein wenig erschreckt. Doch als sie sah, daß keine Gefahr mehr vorhanden war, das Stillschweigen zu brechen, hielt sie es für ihre Schuldigkeit, ihm ihren Dank und ihre Freude auszudrücken, erhielt aber keine Antwort. Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt, als Zeichen seiner Achtung, ergriff ihre Hand und drückte sie, ohne ein Wort zu sprechen, in die seinige, dann lehnte er sich wieder in die Ecke des Wagens, und Consuelo, welche gehofft hatte, ein Gespräch zu beginnen, wagte gegen diese stumme Weigerung sich nicht aufzulehnen. Sie hatte den lebhaften Wunsch, zu wissen, welchem großmüthigen und ergebenen Freunde sie ihre Rettung verdanke; doch sie empfand für ihn, ohne ihn zu kennen, ein instinktartiges Gefühl von Achtung und Furcht und ihre Einbildungskraft lieh diesem seltsamen Reisegefährten alle romantische Eigenschaften, welche sich nur mit den Umständen vertrugen. Endlich fiel sie auf den Gedanken, es sei wohl ein untergeordneter Agent der Unsichtbaren, vielleicht ein treuer Diener, welcher gegen die Pflichten seines Standes zu verstoßen fürchte, wenn er sich erlaube, des Nachts mit ihr allein zu sprechen.

Nach einer zweistündigen schnellen Fahrt hielt man mitten in einem sehr finstern Waldes die Pferde, die man hier finden sollte, waren noch nicht angekommen. Der Unbekannte entfernte sich ein wenig, um zu sehen, ob sie bald kämen, oder um seine Ungeduld und seine Unruhe zu verbergen. Auch Consuelo stieg aus und ging auf dem Sande eines nahen Fußsteigs mit Carl umher, dem sie tausend Fragen vorzulegen hatte.

– Gott sei Dank, Signora, Sie sind am Leben, sagte dieser treue Knappe.

– Und Du, lieber Carl?

– Mir geht es sehr gut, da Sie gerettet sind.

– Und Gottlieb, wie geht es mit ihm?

– Ich denke, der wird sich in seinem Bett zu Spandau wohlbefinden.

– Gerechter Himmel! Gottlieb ist zurückgeblieben. Er wird also für uns büßen müssen.

– Er wird weder für sich selbst, noch für irgend Jemanden büßen. Als die Lärmglocke ertönte, ich weiß nicht durch wen, lief ich fort, um Sie auf gut Glück aufzusuchen, da ich wohl sah, die Zeit sei gekommen, Alles um Alles zu wagen. Ich begegnete dem Adjutanten Nanteuil, d. h. dem Werber Meyer, der sehr bleich war …

– Du bist ihm begegnet, Carl? Er stand also, er ging?

– Warum nicht? –

– Er war nicht verwundet?

– O, doch; er sagte mir, er habe sich ein wenig verwundet, als er in der Dunkelheit über ein Bündel Waffen gefallen sei. Ich gab wenig Achtung darauf und fragte ihn nur, wo Sie wären. Er wußte von nichts, er hatte den Kopf verloren. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß er die Absicht hatte, uns zu verrathen; denn die Lärmglocke, die ich gehört und deren Ton ich wohl wieder erkannt hatte, ist die, welche aus seinem Alkoven kommt und für sein Quartier bestimmt ist. Doch schien er wieder anderer Meinung zu sein; denn der Schuft wußte wohl, daß durch Ihre Befreiung viel Geld zu verdienen sei.

Er half mir also den Sturm beschwören, indem er Allen, die uns entgegenkamen, sagte, der mondsüchtige Gottlieb habe von Neuem einen falschen Lärm verursacht. Und wirklich, als wenn uns Gottlieb hätte Recht geben wollen, fanden wir ihn in einem Winkel in jenen sonderbaren Schlaf versunken, der ihn oft am hellen lichten Tag ergreift, wo er auch sein mag, und wäre es auf der Brustwehr der Esplanade.

Man möchte glauben, die Aufregung seiner Flucht hätte ihn stehend einschlafen lassen, was, meiner Treu, sehr wunderbar ist, wenn er nicht vielleicht aus Irrthum beim Abendessen einige Tropfen jenes gewürzten Weines zu sich genommen hat, den ich seinen lieben Eltern in reichem Maaße kredenzte. Ich weiß nur, daß man ihn in dem ersten besten Zimmer einschloß, um ihn zu verhindern, auf den Festungswerken spazieren zu gehen, und daß ich es für gut fand, ihn dort bis auf weitere Ordre zu lassen. Man kann ihm nichts Schuld geben und meine Flucht wird hinreichend die Ihrige erklären. Die Schwartzens ihrerseits schliefen zu sanft, um die Glocke zu vernehmen, und Niemand wird gesehen haben, oh Ihre Zelle offen oder verschlossen war.

Also erst morgen wird der Lärm ernsthaft werden. Herr Nanteuil half mir, ihn besänftigen und ich eilte, Sie aufzusuchen, unter dem Schein, in meinen Schlafsaal zurückzukehren. Ich hatte das Glück, Sie drei Schritte von der Thür zu finden, durch welche wir mußten, um unsere Flucht zu bewerkstelligen. Die dort angestellten Pförtner waren alle gewonnen. Anfangs war ich sehr erschrocken, Sie fast todt zu finden. Doch todt oder lebendig, ich wollte Sie nicht dort lassen.

Ich trug Sie also ohne Hinderniß in die Barke, die uns am Festungsgraben erwartete, und dann … ist mir ein kleines, ziemlich unangenehmes Abenteuer begegnet, das ich Ihnen ein andermal erzählen will, Signora … Für heute haben Sie genug Aufregung gehabt, und was ich Ihnen sagen müßte, könnte Ihnen wohl ein kleines Entsetzen erregen.

– Nein, nein, Carl, ich will Alles wissen, ich bin stark genug, Alles zu hören.

– O, ich kenne Sie, Signora, Sie werden mich tadeln. Sie haben halt so Ihre eigene Manier zu sehen. Ich erinnere mich an Roswald, wo Sie mich auch hinderten …

– Carl, Deine Weigerung zum Sprechen würde mich entsetzlich beunruhigen. Rede, ich beschwöre Dich, ich will es.

– Nun, Signora, es ist bei dem Allen nur ein kleines Unglück; und wenn es eine Sünde ist, so fällt sie nur auf meinen Kopf. Als ich mit Ihnen in der Barke unter einen niedrigen Bogen hinwegfuhr, ganz langsam, um an diesem wiederhallenden Orte nicht zu viel Lärm mit meinen Rudern zu machen, da wurde ich, am Ende einer kleinen Sandbank, die sich da befand und die den Bogen halb schließt, von drei Männern angehalten, welche in die Barke sprangen und mich am Kragen faßten.

Ich muß Ihnen sagen, daß Derjenige, der mit Ihnen im Wagen fährt und schon zu den Unsern gehörte, fügte Carl mit leiserer Stimme hinzu, die Unklugheit gehabt hatte, zwei Drittheile der versprochenen Summe dem Nanteuil zu übergeben, als wir das letzte Pförtchen hinter uns hatten. Nanteuil dachte wahrscheinlich, er könne sich wohl damit begnügen und das Uebrige erhalten, indem er uns verriethe. Er hatte sich also mit zwei Schurken seiner Art dorthin gestellt, um uns festzuhalten. Er hoffte zuerst Ihren Beschützer und mich bei Seite zu schaffen, damit Niemand von dem Gelde schwatzen könnte, das er erhalten. Deshalb wahrscheinlich machten sich die Schufte an uns, um uns zu ermorden.

Doch so unschuldig Ihr Reisegefährte auch aussieht, Signora, wehrt er sich doch wie ein Löwe. Ich versichere Ihnen, ich werde das lange nicht vergessen. Im Handumdrehen machte er sich von dem ersten Schurken los, indem er ihn in's Wasser warf, der zweite sprang eingeschüchtert auf die Chaussee zurück und hielt sich in der Entfernung, um erst zu sehen, wie der Streit enden würde, den ich mit dem Adjutanten hatte.

Meiner Treu, Signora, ich wurde nicht so geschwind fertig, als der gestrenge Herr … dessen Namen ich nicht kenne. Es dauerte wohl eine halbe Minute, was mir keine Ehre macht; denn dieser Nanteuil, der gewöhnlich stark wie ein Ochse ist, schien mürbe und schwach, als wenn er Furcht, oder, als wenn die Wunde, von der er gesprochen, ihm die Kraft geraubt hätte. Endlich, als ich fühlte, daß er mich losließ, hob ich ihn auf und tauchte seine Beine ein wenig in's Wasser. Se. Gnaden sagten mir dann:

– Tödte ihn nicht, es ist unnütz.

Aber ich, der ihn wohl erkannt hatte, und wußte, wie er schwimmt, wie hartnäckig, grausam, zu Allem fähig er ist, ich, der sonst schon die Stärke seiner Fäuste gefühlt und mit ihm alte Rechnungen abzumachen hatte, ich konnte mich nicht enthalten, ihn mit der geballten Faust einen Schlag auf den Kopf zu geben … einen Schlag, der ihn bewahren wird, jemals andere zu erhalten und auszutheilen, Signora! Gott gebe seiner Seele Frieden und sei der meinigen gnädig! Er tauchte, steif wie ein Pfahl, unter das Wasser, drehte sich um und kam eben so wenig wieder herauf, als wenn er von Marmor gewesen wäre.

Der Genosse, welchen Se. Gnaden auf demselben Wege aus unserer Barke geschickt hatte, war untergetaucht und schon wieder am Rande des Dammes, wo sein Kamerad, der Klügste von den Dreien, ihm half, festen Fuß zu fassen. Das war nicht leicht; der Damm ist an diesem Orte so schmal, daß Einer den Andern mit sich fortzog und Beide wieder in's Wasser zurückfielen. Während sie nun darin herumarbeiteten, gegenseitig auf einander fluchten und eine kleine Schwimmpartie machten, setzte ich meine Ruder in Bewegung und hatte bald einen Ort erreicht, wo ein zweiter Ruderer, ein ehrlicher Fischer seines Gewerbes, mir versprochen hatte, uns zu helfen über den See zu kommen.

Uebrigens war es doch gut, Signora, daß ich mich auf den stillen Wassern des Parks von Roswald mit dem Ruderhandwerke ein wenig abgegeben habe. An dem Tage, wo ich unter Ihren Augen bei jener hübschen Probe war, dachte ich nicht, daß ich eines Tages Gelegenheit haben würde, für Sie ein Seetreffen zu bestehen, das etwas weniger prächtig, aber auch ein wenig ernsthafter sein sollte. Das kam mir wieder in die Gedanken, als ich mitten auf dem Wasser war, und da ergriff mich ein tolles Lachen … aber ein sehr häßliches tolles Gelächter! Ich machte nicht das geringste Geräusch, wenigstens hörte ich mich nicht. Aber meine Zähne klappten in meinem Munde zusammen, als wenn eine Eisenhand an meiner Kehle läge, und der Schweiß rann von meiner Stirn, kalt wie Eis! …

Ach, ich sehe wohl, man tödtet einen Menschen nicht so ruhig wie eine Fliege. Und doch war es nicht der erste, denn ich habe den Krieg mitgemacht; aber das war eben der Krieg! Statt daß jetzt in einem Winkel, in der Nacht, hinter einer Mauer, ohne ein Wort zu sprechen, es sieht doch fast wie ein vorbedachter Mord aus. Und demungeachtet war es nur gerechte Nothwehr! Und es wäre nicht der erste Mord gewesen, auf den ich gesonnen hätte! … Wissen Sie wohl, Signora, ohne Sie … hätte ich es gethan! Aber ich weiß nicht, ob es mich hernach gereut hätte.

Gewiß ist es, es war ein häßliches Gelächter auf dem See … und noch jetzt kann ich es nicht lassen … es sah so komisch aus … ganz gerade in den Graben unterzutauchen! Wie ein Rohrstock, den man in den Schlamm steckt! Und als ich seinen Kopf sah, im Begriff, zu verschwinden, seinen von meiner Faust plattgedrückten Kopf … Jesus, wie häßlich war das! Ich fürchtete mich! … Ich sehe ihn noch!

Consuelo, welche die Wirkung dieses furchtbaren Eindrucks auf den armen Carl fürchtete, suchte ihre eigene Bewegung zu unterdrücken, um ihn zu beruhigen und zu zerstreuen. Carl war sanft und geduldig geboren, wie ein ächter böhmischer Knecht. Dieses tragische Leben, in welches das Geschick ihn geworfen hatte, war nicht für ihn gemacht und nach seinen Handlungen der Energie und der Rache empfand er das Grauen der Reue und alles Entsetzen seiner Ergebenheit.

Consuelo brachte ihn von seinen traurigen Gedanken ab, um auch vielleicht ihren eigenen eine andere Richtung zu geben. Auch sie hatte sich diese Nacht für den Mord bewaffnet. Auch sie hatte einen Stoß geführt und einige Tropfen Blutes des unreinen Opfers fließen lassen. Eine gerechte und fromme Seele kann den Gedanken des Mordes nicht fassen, ohne den Umständen zu fluchen und sie zu beklagen, welche das Leben und die Ehre unter den Schutz des Dolches stellen. Consuelo's Herz war erschüttert und von Reue ergriffen und sie wagte sich nicht mehr zu sagen, daß ihre Freiheit verdiene, auf Kosten des Blutes, selbst des eines Verbrechers, erkauft zu werden.

– Armer Carl, sagte sie, wir haben heute Nacht das Amt des Henkers übernommen! Es ist fürchterlich. Doch tröste dich mit dem Gedanken, daß wir weder beschlossen noch vorausgesehen hatten,' wohin uns die Nothwendigkeit drängen würde. Sprich mir von dem Herrn, der so großmüthig an meiner Befreiung gearbeitet hat. Du kennst ihn also nicht?

– Keineswegs, Signora; ich habe ihn heute Abend zum ersten Mal gesehen und kenne seinen Namen nicht.

– Aber wohin führt er uns, Carl?

– Ich weiß nicht, Signora. Es ist mir verboten, danach zu forschen; und ich bin selbst auf der andern Seite beauftragt, Ihnen zu sagen, daß, wenn Sie unterwegs den geringsten Versuch machten, zu erfahren, wo wir sind und wohin wir gehen, man genöthigt sein würde, Sie auf der Straße zu lassen. Es ist gewiß, daß man es nur gut mit uns meint; ich bin daher meinerseits entschlossen, mich wie ein Kind führen zu lassen.

– Hast du das Gesicht des Herrn gesehen?

– Ich habe es im Schein einer Laterne, im Augenblicke bemerkt, wo ich Sie in die Barke brachte. Es ist ein schönes Gesicht, Signora, ich habe nie ein schöneres gesehen. Man sollte meinen, es wäre ein König.

– Nichts weiter, Carl? Ist er jung?

– Ungefähr dreißig Jahr.

– Welche Sprache spricht er mit dir?

– Böhmisch, die ächte Sprache eines Christen! Er hat mir vier oder fünf Worte gesagt. Aber wie würde es mich gefreut haben, sie in meiner Sprache zu hören … wenn es nicht in einem so häßlichen Augenblick gewesen wäre: » Tödte ihn nicht, es ist unnütz.« Er täuschte sich, es war sehr nothwendig, nicht wahr, Signora?

– Was sagte er dir aber, als du die entsetzliche That vollführtest?

– Ich glaube, Gott verzeihe mir! er hat es gar nicht bemerkt. Er hatte sich in den Grund der Barke begeben, wo Sie wie todt lagen; und in der Besorgniß, Sie möchten getroffen werden, schützte er Sie mit seinem Leibe. Und als wir uns im offenen Wasser in Sicherheit befanden, nahm er Sie in seine Arme, hüllte Sie in einen guten Mantel, den er wahrscheinlich für Sie mitgebracht hatte, und hielt Sie an seinem Herzen, wie eine Mutter ihr Kind. O, er scheint Sie sehr zu lieben, Signora! Sie müssen ihn schon kennen.

– Ich kenne ihn vielleicht, aber da ich bis jetzt sein Gesicht nicht habe sehen können …

– Es ist sonderbar, daß er sich vor Ihnen verbirgt! Uebrigens darf man sich bei diesen Leuten über nichts wundern.

– Welche Leute? sprich!

– Die, die man die Ritter, die schwarzen Masken, die Unsichtbaren nennt. Ich weiß von ihnen nichts mehr, als Sie, Signora, obgleich sie mich seit acht Wochen am Fädchen führen und mich Schritt vor Schritt zu Ihrer Hülfe und zu Ihrer Rettung gebraucht haben.

Der dumpfe Ton von Pferdegalopp auf dem Grase ließ sich jetzt vernehmen. In zwei Minuten war der Wagen neu bespannt und ein anderer Postillon, der nicht mehr dem königlichen Wagen gehörte, im Sattel. Er wechselte heimlich mit dem Unbekannten schnell einige Worte. Dieser kam wieder zu Consuelo, bot ihr die Hand und stieg mit ihr in den Wagen. Er setzte sich auf den Rücksitz, so weit als möglich von ihr entfernt, unterbrach aber die feierliche Stille der Nacht nur, um seine Uhr die zweite Stunde repetiren zu lassen.

Der Tagesanbruch war noch fern, obgleich man den Wachtelschlag in der Haide und das ferne Bellen von Hunden in den Bauerhöfen hörte. Die Nacht war herrlich, das Sternbild des großen Bären glänzte hell am Horizonte. Das Rollen des Wagens erstickte die harmonischen Töne der Natur und man wandte den großen nördlichen Sternbildern den Rücken. Consuelo bemerkte, daß man nach Süden eilte.

Carl, auf dem Bocke des Wagens, bemühte sich, Mayer's Gespenst von sich zu entfernen, das er auf allen Kreuzwegen des Waldes, am Fuße der Wegweiser, oder unter den hohen Fichtenstämmen vorübergleiten zu sehen glaubte. Er dachte also wenig daran, zu bemerken, nach welchen Gegenden sein gutes oder sein böses Geschick ihn führte.

2.

Da die Porporina sah, daß ihr Reisegefährte den festen Entschluß gefaßt hatte, kein Wort mit ihr zu wechseln, so glaubte sie, sie könne nichts Besseres thun, als das seltsame Gelübde zu ehren, welches er, nach dem Beispiel der alten irrenden Ritter, zu beobachten schien. Um den düstern Bildern und traurigen Reflexionen zu entgehen, welche Carl's Erzählung in ihr hervorrief, bemühte sie sich, nur an die unbekannte Zukunft zu denken, welche sich vor ihr öffnete, und nach und nach versank sie in eine höchst angenehme Träumerei.

Nur wenig privilegirte Organisationen haben die Gabe, ihren Gedanken im Zustande beschaulicher Ruhe gebieten zu können. Consuelo hatte oft und namentlich während der drei Monate der Einsamkeit, die sie in Spandau zugebracht hatte, Gelegenheit gehabt, diese Fähigkeit zu üben, die übrigens weniger den Glücklichen dieser Welt, als Denen gewährt ist, welche ihr Leben im Kampfe mit Mühsal, Verfolgung und Gefahren hinbringen. Denn man muß wohl das providenzielle Mysterium des Gnadenzustandes anerkennen, ohne welches die Kraft und Heiterkeit gewisser Unglücklichen Denen unmöglich scheinen würde, welche selten das Unglück kennen gelernt haben.

Unser Flüchtling befand sich übrigens in einer hinreichend seltsamen Lage, um sich dem Baue von Luftschlössern hingeben zu können. Dieses Geheimniß, welches sie wie eine Wolke umhüllte, dieses Verhängniß, das sie in eine phantastische Welt zog, diese gewissermaßen väterliche Liebe, welche sie mit Wundern umringte, das Alles war wohl hinreichend, um eine jugendliche, poetisch-reiche Phantasie aufzuregen. Sie erinnerte sich an die Worte der Schrift, die sie in den Tagen ihrer Gefangenschaft in Musik gesetzt hatte.

»Ich werde meinen Engeln über dir Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest …

Ob ich auch wandle im finstern Thal, fürchte ich mich doch nicht, denn der Herr ist mit mir.«

Diese Worte hatten jetzt für sie einen klareren, göttlichern Sinn. In einer Zeit, wo man nicht mehr an die unmittelbare Offenbarung und an das sichtbare Einschreiten der Gottheit glaubt, verwandelt sich der Schutz und die Unterstützung des Himmels in die Gestalt des Beistandes, der Liebe und der Treue von Seiten unserer Mitmenschen. Es ist so süß, die Führung unseres eignen Geschicks Denen zu überlassen, die uns lieben, und uns, so zu sagen, von Anderen getragen zu fühlen! Es ist ein so großes Glück, daß es uns schnell verderben würde, wenn wir nicht mit uns selbst kämpften, um es nicht zu mißbrauchen. Es ist das Glück des Kindes, dessen goldene Träume an dem Busen der Mutter durch keine Besorgniß des wirklichen Lebens getrübt werden.

Diese Gedanken, welche wie ein Traum an Consuelo vorübergingen, jetzt, wo sie plötzlich und unerwartet einem peinlichen Dasein entflohen war, wiegten sie mit heiliger Wollust, bis sie im Schlummer untergingen, und sie jene tiefe Ruhe des Körpers und der Seele umfing, welche man ein bewußtes und empfundenes Aufhören nennen könnte.

Sie hatte die Gegenwart ihres stummen Reisegefährten völlig vergessen, als sie ganz nahe bei ihm, den Kopf auf seine Schulter gelehnt, erwachte. Sie dachte Anfangs nicht, ihre Lage zu verlassen; sie hatte eben geträumt, daß sie mit ihrer Mutter auf einem Leiterwagen reise und der Arm, der sie stützte, schien ihr der der Zingara.

Als sie vollständiger erwachte, fühlte sie Verwirrung über ihre Unvorsichtigkeit; doch der Arm des Unbekannten schien eine magische Kette geworden zu sein. Sie machte verstohlen vergebliche Versuche, sich von ihm zu befreien; der Unbekannte schien selbst zu schlafen und mechanisch seine Gefährtin in seinen Arm genommen zu haben, als die Ermüdung und die Bewegung des Wagens sie dahin hatten gleiten lassen. Er hatte seine beiden Hände um Consuelo's Leib geschlossen, als wenn er sich selbst verhindern wollte, sie im Schlafe zu seinen Füßen fallen zu lassen. Doch sein Schlummer hatte die Kraft seiner gefalteten Hände nicht gelöst und ein Versuch, sie zu entfernen, hätte ihn völlig erwecken müssen.

Consuelo wagte es nicht. Sie hoffte, er würde ihr von selbst, ohne es zu wissen, ihre Freiheit wiedergeben und sie könnte auf ihren Platz zurückkehren, ohne den Schein zu haben, als hätte sie wirklich alle diese zarten Umstände ihres Tête-à-Tête bemerkt.

Doch während der Unbekannte in immer tiefern Schlaf versank, schlief Consuelo, welche die ruhigen Athemzüge und die Unbeweglichkeit seines Schlummers beruhigt hatten, auch ihrerseits, von der Erschöpfung überwältigt, welche auf große Gemüthsbewegungen folgt, wieder ein.

Als sie von Neuem erwachte, hatte sich der Kopf ihres Gefährten auf den ihrigen geneigt, seine Maske hatte sich abgelöst, ihre Wangen berührten sich, ihr Athem vermischte sich gegenseitig mit einander. Sie machte eine heftige Bewegung, um sich zu entfernen, ohne daran zu denken, die Züge des Unbekannten zu betrachten, was übrigens auch bei der Dunkelheit sehr nutzlos gewesen sein würde, die außerhalb und besonders innerhalb des Wagens herrschte.

Der Unbekannte zog Consuelo an seine Brust, deren Wärme die ihrige magnetisch erglühen machte und ihr alle Kraft und jeden Wunsch raubte, sich zu entfernen. Doch war in der sanften und heißen Umarmung dieses Mannes nichts Gewaltsames und Rohes. Der züchtige Sinn fühlte sich durch seine Liebkosungen weder entsetzt, noch befleckt und Consuelo, als wenn ein Zauber über sie geworfen wäre, vergaß ihre Zurückhaltung, man könnte fast sagen die jungfräuliche Kälte, aus der herauszutreten sie nie, selbst nicht in den Armen des stürmischen Anzoleto, in Versuchung gewesen war, und gab dem Unbekannten den begeisternden, glühenden Kuß wieder, den er auf ihren Lippen suchte.

Wie Alles seltsam und ungewöhnlich an diesem geheimnißvollen Wesen war, schien Consuelo's unwillkürliches Entzücken ihn weder zu überraschen, noch kühner zu machen, oder zu berauschen. Er zog sie noch einmal langsam an seine Brust und obgleich dies mit einer außerordentlichen Kraft geschah, empfand sie doch nicht den Schmerz, den ein gewaltsames Drücken einem zarten Wesen immer verursacht. Sie empfand auch nicht das Entsetzen und die Scham, welche ihr ein so bemerkbares Vergessen ihrer züchtigen Zurückhaltung den Augenblick darauf das Nachdenken darüber hätte einflößen sollen.

Kein Gedanke trübte die unaussprechliche Sicherheit dieses Augenblicks wie durch ein Wunder empfundener und getheilter Liebe. Es war der erste ihres Lebens. Sie fühlte den natürlichen Trieb, oder vielmehr die Offenbarung der Liebe; und der Reiz war so vollständig, so tief und göttlich, daß es schien, als könne sie nie etwas zerstören. Der Unbekannte erschien ihr wie ein besonderes Wesen, wie ein Engel, dessen Liebe sie heilige. Er strich leicht mit den Spitzen seiner Finger, die weicher waren, als das zarte Gewebe einer Blume, über Consuelo's Augenlider, und sogleich schlief sie, wie durch Zauberei wieder ein.

Diesmal blieb er wach, aber scheinbar ruhig, als wenn er unüberwindlich wäre, als wenn die Pfeile der Versuchung seine Rüstung nicht durchdringen könnten. Er wachte, während er Consuelo nach unbekannten Gegenden führte, wie ein Erzengel, der unter seine Flügel einen vom Strahl der Gottheit verzehrten und vernichteten Seraph fortträgt.

Der aufsteigende Tag und die Kälte des Morgens zog endlich Consuelo aus dieser Art lethargischen Schlummers. Sie sah sich allein im Wagen und fragte sich, ob sie von der Liebe blos geträumt habe. Sie versuchte, eine der Jalousieen herabzulassen; doch waren sie alle durch einen äußeren Riegel oder durch eine Feder verschlossen, deren Bewegung sie nicht kannte. Sie konnte freie Luft erhalten und die unterbrochenen, verworrenen Linien, die weißen oder grünen Ränder des Weges vorübereilen sehen, doch nichts in der Gegend unterscheiden und folglich auch keine Bemerkung, keine Entdeckung über den Weg machen, auf dem sie sich befand. Der über sie ausgeübte Schutz hatte etwas Herrisches, Absolutes an sich. Das Alles glich einer Entführung, und sie fing an, darüber besorgt und erschreckt zu werden.

Sobald der Unbekannte verschwunden war, fühlte die arme Sünderin endlich alle Qualen der Scham, alles Entsetzen der Ueberraschung erwachen. Es gab vielleicht nicht viel Operndamen ( filles d'opera, wie man damals die Sängerinnen und Tänzerinnen nannte), welche sich über einen im Finstern einem sehr bescheidenen Unbekannten gegebenen Kuß so beunruhigt hätten, besonders bei der von Carl der Porporina gegebenen Versicherung, daß es ein junger, vornehmer und schön gebildeter Mann sei. Doch diese thörichte Handlung war den Sitten und den Gedanken der züchtigen und guten Consuelo so fremd, daß sie sie sehr demüthigte. Sie bat die Manen Alberts um Verzeihung und erröthete, daß sie seinem Andenken mit einem Male und mit so wenig Ueberlegung und Würde im Herzen hatte untreu werden können.

– Die tragischen Ereignisse des Abends, dachte sie, und die Freude über meine Befreiung müssen mir einen Fieberanfall gegeben haben. Wie hätte ich mir sonst auch einbilden können, daß ich Liebe für einen Mann empfände, welcher mit mir noch nicht ein einziges Wort gesprochen hat, dessen Namen ich nicht kenne und dessen Züge ich nicht einmal gesehen habe! Das gleicht den schmachvollsten Maskenball-Abenteuern, jenen lächerlichen Ueberraschungen der Sinne, deren sich die Corilla vor mir anklagte und deren Möglichkeit ich, in Bezug auf ein anderes Weib als sie, nicht begreifen konnte. Welche Verachtung muß dieser Mann für mich gefaßt haben! Wenn er meine Verirrung nicht mißbraucht hat, so war es wohl nur seine Ehre, die mich schützte, oder weil ein Schwur ihn an ehrenvollere Pflichten kettet, oder auch, weil er mich mit Recht verabscheut. Könnte er doch eingesehen oder errathen haben, daß es von meiner Seite nur die Folge des Fiebers, eine Verirrung der Einbildungskraft ist!

Consuelo mochte sich immerhin alle diese Vorwürfe machen, sie konnte sich einer Bitterkeit nicht erwehren, die noch größer war, als all der Tadel ihres Gewissens: Sie bedauerte, diesen Reisegefährten verloren zu haben, welchen anzuklagen oder zu verwünschen sie weder das Recht, noch die Kraft in sich fühlte. In ihrem Herzen hielt sie ihn für ein höheres, mit magischer, vielleicht dämonischer, aber sicherlich unwiderstehlicher Kraft begabtes Wesen. Sie fürchtete sich davor, und doch wünschte sie, nicht so plötzlich, nicht auf immer von ihm getrennt zu sein.

Der Wagen ging im Schritt und Carl öffnete die Wagenthür.

– Wenn Sie ein wenig gehen wollen, Signora, sagte er zu ihr, so ladet Sie der Herr Chevalier ein. Der Berg wird den Pferden sehr sauer und wir sind tief im Walde. Es scheint keine Gefahr vorhanden.

Consuelo stützte sich auf Carls Achsel, und ohne ihm Zeit zu geben, den Wagentritt herabzulassen, sprang sie heraus. Sie hoffte ihren Reisegefährten, ihren improvisirten Liebhaber zu sehen. Sie sah ihn in der That, aber dreißig Schritte vor ihr, den Rücken also ihr zugewendet und immer noch in den weiten, grauen Mantel gehüllt, den er am Tage wie in der Nacht zu tragen entschlossen schien. Seine Haltung und das Wenige, was man von seinem Haar und von seiner Fußbekleidung sah, zeigten ein sehr vornehmes Wesen und die Eleganz eines Mannes, der durch einen »galanten Anzug,« wie man damals sagte, »die Vorzüge seiner Person hervorzuheben sucht.« Der Griff seines Degens, auf welchen die Strahlen der ausgehenden Sonne schienen, glänzte an seiner Seite wie ein Stern, und der Duft seines Puders, den damals die Vornehmen mit der größten Sorgfalt wählten, ließ in der Morgenluft den Wohlgeruch eines Mannes comme il faut hinter sich.

– Ach, mein Gott, dachte Consuelo, es ist vielleicht irgend ein Geck, ein vornehmer Schmuggler oder irgend ein stolzer Edelmann. Wer er auch sei, er kehrt mir diesen Morgen den Rücken zu und hat wohl Recht …

– Warum nennst du ihn Chevalier? fragte sie Carl, indem sie ihre Bemerkungen mit lauter Stimme fortsetzte.

– Weil ich ihn von den Postillonen so nennen höre.

– Der Herr Chevalier – von was?

– Der Herr Chevalier kurz weg. Doch warum wollen Sie es wissen, Signora? Da er Ihnen unbekannt zu bleiben wünscht, so scheint es mir, er giebt Ihnen mit Gefahr seines Lebens Beweise seiner Ergebung genug, um Ihnen die Verbindlichkeit aufzulegen, in dieser Hinsicht ruhig zu bleiben. Ich wenigstens könnte zehn Jahre mit ihm reisen, ohne ihn zu fragen, wohin er mich führt. Er ist so schön, so tapfer, so gut und so heiter.

– Heiter? Dieser Mann ist heiter?

– Gewiß. Er ist so zufrieden, Sie gerettet zu haben, daß er nicht aufhören kann, davon zu sprechen. Er hat mich ausgefragt über Spandau, über Sie, über Gottlieb, über mich, über den König von Preußen. Und ich habe ihm alles gesagt, was ich wußte; Alles, was mir begegnet ist, selbst das Abenteuer in Roswald! Es thut so wohl, böhmisch sprechen zu können und von einem vornehmen Herrn, der Einen versteht, angehört zu werden! … Alle preußischen Esel verstehen ja nur ihre schändliche Hundesprache.

– Er ist also auch ein Böhme?

– Ich habe mir diese Frage erlaubt und er hat mir ganz kurz und sogar ein wenig kalt Nein geantwortet. Ich hatte aber auch Unrecht, ihn zu fragen, da er von mir nur Antworten haben wollte.

– Ist er immer maskirt?

– Nur, wenn er sich Ihnen nähert, Signora. O, es ist ein Spaßvogel! Er will Sie wahrscheinlich neugierig machen.

Die Vorliebe und das Vertrauen Carl's beruhigten Consuelo nicht ganz. Sie sah wohl, daß er bei vieler Entschlossenheit und Tapferkeit einen Geradsinn und eine Einfalt des Herzens zeigte, die man leicht täuschen konnte. Hatte er nicht der Rechtlichkeit Mayers vertraut? Hatte er sie nicht selbst in das Zimmer dieses Elenden getrieben! Und jetzt unterwarf er sich blindlings einem Unbekannten, um Consuelo zu entführen und sie vielleicht noch gefährlicheren und listigeren Verführungen auszusetzen!

Sie erinnerte sich an das Billet der Unsichtbaren: »Man bereitet dir eine Falle, eine neue Gefahr bedroht dich. Mißtraue Jedem, der dich zur Flucht auffordern will, ehe wir dir sichere Nachrichten gegeben haben. Verharre in deiner Kraft &c.« Kein anderes Billet hatte dieses bestätigt, und in der Freude, Carl wiederzusehen, hatte Consuelo geglaubt, dieser treue Diener sei hinreichend bevollmächtigt, ihr zu helfen.

War der Unbekannte nicht vielleicht ein Verräther? Wohin führte er sie so geheimnißvoll? Consuelo kannte keinen Freund, dessen Bild der eleganten Haltung des Chevaliers verglichen werden konnte, außer vielleicht Friedrich von Trenck. Doch Consuelo kannte diesen Letztern vollkommen; er war es also nicht. Der Graf von St. Germain war älter, Cagliostro nicht so groß.

Indem Consuelo aus der Ferne den Unbekannten betrachtete, um in ihm vielleicht einen alten Freund zu entdecken, gelangte sie endlich zu der Ueberzeugung, daß sie noch Niemand mit solcher Anmuth und Grazie hatte gehen sehen. Albert allein wäre vielleicht mit solcher Majestät begabt gewesen, aber sein langsamer Gang, seine gewöhnliche Niedergeschlagenheit schloß diese Kraft, diese Leichtigkeit, dieses ritterliche Wesen aus, welches den Unbekannten charakterisirte.

Der Wald wurde lichter und die Pferde begannen sich in schnellern Lauf zu setzen, um die ihnen vorausgeeilten Reisenden einzuholen. Ohne sich umzukehren, streckte der Chevalier den Arm aus und winkte mit seinem Schnupftuche, das weißer als der Schnee war. Carl verstand das Signal und ließ Consuelo wieder in den Wagen steigen, indem er ihr sagte:

– Apropos, Signora, in dem großen Wagenkasten unter den Sitzen finden Sie Wäsche, Kleider und Alles, was Sie bedürfen, um zu frühstücken und zu Mittag zu essen. Es sind auch Bücher da. Kurz, es ist wie eine fahrende Gastwirthschaft, Sie werden nicht sobald herauskommen.

– Carl, sagte Consuelo, ich bitte dich, den Herrn Chevalier zu fragen, ob es mir erlaubt sein wird, wenn wir die Grenze überschritten haben, ihm meinen Dank zu sagen und hinzugehen, wohin es mir gefällt.

– O, Signora, etwas so Unangenehmes wage ich einem so liebenswürdigen Manne gar nicht zu sagen.

– Das ist gleich, ich verlange es. Beim nächsten Relais bringst du mir die Antwort, da er nicht mit mir sprechen will.

Die Antwort des Unbekannten war, die Reisende sei vollkommen frei und alle ihre Wünsche wären Befehle, aber ihre Rettung und das Leben ihres Führers sowohl, wie das von Carl hinge davon ab, die Pläne nicht zu durchkreuzen, die man über ihren Weg und über die Wahl ihres Zufluchtsorts getroffen hätte. Carl fügte im Tone naiven Vorwurfs hinzu, das Mißtrauen schien dem Chevalier sehr weh gethan zu haben, er sei düster und mißvergnügt geworden. Consuelo bereute und ließ ihm sagen, daß sie ihr Schicksal den Händen der Unsichtbaren übergebe.

Der ganze Tag verstrich ohne irgend einen Vorfall. Eingeschlossen und versteckt in den Wagen, gleich einem Staatsgefangenem konnte Consuelo über die Richtung ihrer Reise keine Vermuthung wagen. Es war ihr sehr angenehm, ihre Toilette wechseln zu können; denn am Tage hatte sie einige Tropfen von Mayer's schwarzem Blute auf ihrem Kleide bemerkt, und diese Spuren erregten ihr Entsetzen.

Sie versuchte zu lesen; doch ihr Geist war zu zerstreut und sie konnte nichts weiter thun, als, soviel als möglich zu schlafen, in der Hoffnung, mehr und mehr das demüthigende Gefühl ihres letzten Abenteuers zu vergessen.

Aber als die Nacht kam und der Unbekannte auf dem Bocke blieb, empfand sie eine noch größere Verwirrung. Augenscheinlich hatte er nichts vergessen, und sein achtungsvolles Zartgefühl machte Consuelo in ihren eigenen Augen nur noch lächerlicher und strafbarer. Zu gleicher Zeit schmerzte sie das Unbehagen und die Ermüdung, die er auf dem engen Bocke, der für zwei Personen nicht bequem war, empfinden mußte, er mit seinem feinen Wesen neben einem, zwar ganz passend in einen Diener verkleideten Soldaten, dessen vertrauliches, nie endendes Geschwätz ihm aber in der Länge lästig werden mußte; dazu der Kälte der Nacht ausgesetzt und des Schlafes beraubt. So viel Muth kam vielleicht einem anmaßenden Selbstgefühle sehr gleich. Hielt er sich denn für unwiderstehlich? Glaubte er Consuelo, der ersten Ueberraschung der Einbildungskraft entzogen, würde sich nicht gegen seine allzuväterliche Vertraulichkeit zu schützen wissen?

Das Alles sagte sich das arme Kind, um ihren verletzten Stolz zu trösten; aber es blieb demungeachtet nur zu gewiß, daß sie ihn wiederzusehen wünschte und vor Allem seine Verachtung oder den Triumph einer übertriebenen Tugend fürchtete, der sie für immer einander entfremdet hätte.

Gegen Mitternacht hielt der Wagen in einem Hohlwege. Das Wetter war trüb. Das Geräusch des Windes in den Blättern glich dem eines fließenden Wassers.

– Signora, sagte Carl, indem er die Wagenthür öffnete, wir sind jetzt auf einem Punkt unserer Reise angekommen, der sehr wenig Bequemlichkeit bietet; wir müssen die Grenze passiren. Mit Muth und Geld, sagt man, gelingt Alles. Doch wäre es nicht klug, wenn Sie diesen Versuch auf der Heerstraße und unter den Augen der Polizei machen wollten. Ich wage nichts, denn ich bin nichts. Ich werde also den Wagen mit einem einzigen Pferde im Schritt weiter führen, als wenn ich ihn zu meinem Herrn auf ein benachbartes Gut brächte. Sie werden mit dem Herrn Chevalier auf Nebenwegen weiter gehen und vielleicht manche Schwierigkeit darauf finden. Fühlen Sie wohl Kraft genug, eine Stunde lang zu Fuß auf schlechten Wegen zu gehen?

Auf Consuelo's bejahende Antwort fand sie den Arm des Chevalier bereit, den ihrigen zu empfangen. Carl setzte hinzu:

– Sollten Sie vor mir an den Ort, wo wir uns zusammenfinden werden, eintreffen, so erwarten Sie mich ohne Besorgniß, nicht wahr, Signora?

– Ich fürchte nichts, antwortete Consuelo mit einer Mischung von Stolz und Zärtlichkeit gegen den Unbekannten, so lange ich unter dem Schutz dieses Herrn stehe. Doch, guter Carl, fügte sie hinzu, ist keine Gefahr für dich dabei?

Carl zuckte die Achseln und küßte Consuelo's Hand; dann entfernte er sich, um seine Anordnungen zu treffen, und Consuelo folgte ihrem schweigenden Beschützer über ungebahnte Wege.

3.

Das Wetter wurde immer dunkler, der Wind immer heftiger, und unsere beiden Flüchtlinge schritten mühsam eine halbe Stunde lang bald auf steinichten Pfaden, bald über Dornensträuche und langem Grase hin, als plötzlich der Regen mit außerordentlicher Heftigkeit herabstürzte.

Consuelo hatte ihrem Gefährten noch kein Wort gesagt, doch als sie sah, daß er ihretwegen besorgt wurde und einen Schutz suchte, sagte sie endlich:

– Fürchten Sie nichts, mein Herr, ich bin stark, und nur bekümmert, Sie so vielen Sorgen und Strapazen ausgesetzt zu sehen für eine Person, die Ihnen nichts ist und nicht weiß, wie sie Ihnen danken soll.

Der Unbekannte zeigte freudige Ueberraschung, als er eine verlassene Hütte bemerkte, wo es ihm gelang, seine Gefährtin in einem Winkel gegen die Regenströme zu sichern. Das Dach dieses verfallenen Hauses war abgenommen worden und der von einem Rest der Mauer geschützte Ort so eng, daß, wenn der Unbekannte sich nicht dicht neben Consuelo setzen wollte, er im Regen bleiben mußte. Er achtete jedoch ihre Lage so sehr, daß er sich von ihr entfernte, um ihr jede Besorgniß zu nehmen.

Doch Consuelo konnte es nicht lange ertragen, eine so große Aufopferung anzunehmen. Sie rief ihn zu sich, und als sie sah, daß er ihr nicht gehorchte, verließ sie ihren schützenden Winkel und sagte ihm mit einem Tone, dem sie den Charakter unbefangener Heiterkeit zu geben suchte:

– Wechseln wir ab, Herr Chevalier; ich kann auch ein wenig naß werden. Nehmen Sie meinen Platz, da sie ihn nicht mit mir theilen wollen.

Der Chevalier wollte Consuelo an den Ort zurückführen, um den sich ein Wettstreit der Großmuth entspann; aber sie widerstand ihm und sagte:

– Nein, nein ich gebe Ihnen nicht nach. Ich sehe wohl, daß ich Sie heute beleidigt habe, als ich den Wunsch aussprach, Sie an der Grenze zu verlassen. Ich muß mein Unrecht wieder gut machen und habe nichts dawider, wenn ich einen tüchtigen Schnupfen davon trage!

Der Chevalier gab nach und ging in den schützenden Ort, und Consuelo, welche wohl fühlte, daß sie ihm einen großen Beweis ihres Vertrauens schuldig sei, setzte sich neben ihn, obgleich sie der Gedanke demüthigte, daß sie vielleicht das Ansehen habe, ihm entgegen zu kommen; doch wünschte sie lieber leichtfertig, als undankbar zu erscheinen und wollte sich, zur Buße für ihr Unrecht, diesem Verdacht unterwerfen.

Der Unbekannte verstand sie so gut, daß er sich von ihr so entfernt hielt, als es ein Raum von zwei oder drei Quadratfuß erlaubte. Auf dem Schutt sitzend, wandte er sogar absichtlich den Kopf von ihr ab, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen und sich durch ihre freundliche Fürsorge nicht ermuthigt zu zeigen.

Consuelo erstaunte, daß ein zum Schweigen verurtheilter Mann, der sie selbst bis zu einem gewissen Grade dazu nöthigte, sie so wohl errieth und seine Meinung so gut auszudrücken verstand. Jeder Augenblick vermehrte ihre Achtung für ihn; und diese eigenthümliche Hochachtung verursachte ihr so heftiges Herzklopfen, daß sie in der durch die Athemzüge dieses so unbegreiflich theilnehmenden Mannes entzündeten Atmosphäre kaum athmen konnte.

Nach einer Viertelstunde hörte der Platzregen in so weit auf, daß die beiden Reisenden sich wieder auf den Weg machen konnten; doch die durchnäßten Fußsteige waren für einen weiblichen Fuß fast unzugänglich geworden. Der Chevalier ließ einige Augenblicke mit seiner theilnahmlosen Ruhe Consuelo ausgleiten und sich an ihn festhalten, um nicht bei jedem Schritte zu fallen. Doch plötzlich konnte er es nicht mehr ertragen, sie sich so abmühen zu sehen; er nahm sie in seine Arme und trug sie wie ein Kind, obgleich sie ihm darüber Vorwürfe machte. Doch diese Vorwürfe gingen nicht bis zum Widerstand.

Consuelo fühlte sich wie verzaubert und beherrscht. Getragen von dem schweigsamen Chevalier, der dem Geist der Nacht glich und mit seiner Last durch Schluchten und Schlammpfuhle so leicht und sicher hindurchschritt, als wenn er mit einer übernatürlichen Kraft beseelt wäre, trotzte sie dem Winde und Unwetter. So kam sie an der Furt eines kleinen Flusses an. Der Unbekannte stieg ins Wasser und hob Consuelo immer höher in seinen Armen auf, je tiefer die Furt wurde.

Unglücklicherweise hatte dieser so heftige und so plötzliche Platzregen den kleinen Fluß so angeschwellt, daß er zu einem Strom geworden war und trüb und schäumend, mit dumpfem, unheimlichen Brausen dahinströmte. Schon stand der Chevalier bis an die Hüften im Wasser und bei der Anstrengung, die er machte, um Consuelo über der Wasserfläche zu erhalten, mußte man fürchten, daß seine im Schlamme festgehaltenen Füße am Ende ausgleiten möchten. Consuelo ängstete sich seinetwegen und sagte:

– Lassen Sie mich los, ich kann schwimmen! Um des Himmels Willen lassen Sie mich los! Das Wasser wächst immer, Sie werden untersinken!

In diesem Augenblicke schlug ein furchtbarer Windstoß einen der Bäume an dem Ufer nieder, welchem unsere Reisenden entgegenstrebten, und hinter ihm stürzten ungeheure Massen von Erde und Steinen herab, die für einen Augenblick der Gewalt des Stromes einen natürlichen Damm entgegenzusetzen schienen. Glücklicherweise war der Baum in den Fluß gefallen und der Unbekannte begann freier zu athmen, als plötzlich das Wasser sich durch die es eindämmenden Massen eine Bahn brach und mit solcher Kraft heranstürmte, daß jeder Kampf dagegen fast unmöglich ward. Der Unbekannte blieb stehen und Consuelo suchte sich aus seinen Armen loszumachen.

– Lassen Sie mich, sagte sie, ich will nicht Ursache Ihres Verderbens werden. Auch ich habe Kraft und Muth, lassen Sie mich mit Ihnen kämpfen!

Aber der Chevalier drückte sie mit neuer Kraft an sein Herz. Man hätte sagen mögen, er habe die Absicht, hier mit ihr unterzugehen. Die schwarze Maske, der schweigsame Mann, der sie gleich den Undinen der alten deutschen Balladen in den Abgrund ziehen zu wollen schien, erfüllten sie mit Furcht. Sie wagte nicht mehr zu widerstehen.

Während länger als einer Viertelstunde kämpfte der Unbekannte mit einer wahrhaft entsetzlichen Ruhe und Hartnäckigkeit gegen die Wuth des Wassers und Windes, immer Consuelo über dem Wasser haltend und in vier oder fünf Minuten einen Schritt vorwärts thuend. Er beurtheilte seine Lage mit Ruhe. Es war eben so schwierig, zurück als vorwärts zu gehen; er war über die tiefste Stelle hinaus und fühlte, daß bei der Wendung, die er würde machen müssen, um sich umzuwenden, das Wasser ihn aufheben und ihm seinen sichern Fußtritt nehmen könnte.

Endlich erreichte er das Ufer und setzte seinen Weg fort, ohne Consuelo zu erlauben, selbst zu gehen, ohne Athem zu schöpfen, bis er Carls Pfeife gehört hatte, der ihn besorgt erwartete. Dann übergab er seine kostbare Last den Armen des Deserteurs und sank erschöpft auf den Boden nieder. Seine Athemzüge glichen nur noch dumpfem Aechzen, es war, als wolle seine Brust zerspringen.

– Gott! Gott! Carl, er stirbt! sagte Consuelo, indem sie sich auf den Chevalier warf. Sieh, das ist das Röcheln des Todes. Nimm ihm die Maske ab, die ihn erstickt …

Carl wollte gehorchen; doch der Unbekannte erhob mühsam seine eisige Hand und hielt die des Deserteurs auf.

– Es ist wahr, sagte Carl; mein Schwur, Signora. Ich habe ihm geschworen, seine Maske nicht zu berühren, und wenn er auch unter Ihren Augen sterben sollte. Eilen Sie nach dem Wagen, Signora, und holen Sie mir meine Branntweinflasche, sie liegt auf dem Bocke. Einige Tropfen werden ihn wieder zum Leben bringen.

Consuelo wollte aufstehen, aber der Chevalier hielt sie zurück. Mußte er sterben, so wollte er zu ihren Füßen seinen letzten Athemzug thun.

– Auch das ist wahr, sagte Carl, der trotz seiner rauhen Hülle die Geheimnisse der Liebe verstand. Auch er hatte geliebt. Sie werden ihn besser als ich pflegen. Ich will die Flasche holen. Sehen Sie, Signora, fügte er leise hinzu, ich glaube, wenn Sie ihn ein wenig lieben wollten und die Freundlichkeit hätten, es ihm zu sagen, er würde nicht sterben. Ohnedem stehe ich für nichts.

Carl entfernte sich lächelnd. Er theilte nicht ganz den Schrecken Consuelo's; er sah wohl, daß die Beklemmung des Chevaliers nachließ. Aber erschreckt und in dem Glauben, dem Todeskampfe dieses edlen Mannes beizuwohnen, umarmte ihn Consuelo und bedeckte seine Stirn, den einzigen Theil seines Gesichts, den die Maske freiließ, mit Küssen.

– Gott! rief sie, nehmen Sie die Maske ab! Ich will Sie nicht ansehen, ich will mich entfernen, Sie werden aber freier athmen.

Der Unbekannte ergriff Consuelo's beide Hände und drückte sie an seine athemlose Brust, ebensowohl um ihre sanfte Wärme zu empfinden, als ihr die Lust zu benehmen, ihm durch das Abnehmen der Maske Erleichterung zu verschaffen. In diesem Augenblick lag die ganze Seele des jungen Mädchens in dieser züchtigen Umarmung. Sie erinnerte sich an das, was ihr Carl halb schweigend, halb gerührt gesagt hatte.

– O, sterben Sie nicht, sagte sie zu dem Unbekannten; sterben Sie nicht, fühlen Sie denn nicht, daß ich Sie liebe?

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie ihr wie ein Traum vorkamen. Doch sie waren ihren Lippen wider ihren Willen entschlüpft. Der Chevalier hatte sie gehört. Er bemühte sich aufzustehen, erhob sich auf seine Kniee und umarmte die der Consuelo, die, ohne zu wissen warum, in Thränen ausbrach.

Carl kam mit seiner Flasche. Der Chevalier wies dieses Lieblingsspecificum des Deserteurs zurück und erreichte, von ihm gestützt, den Wagen, in den sich Consuelo neben ihn setzte. Sie war sehr besorgt, daß seine durchnäßten Kleidungsstücke ihm eine Erkältung zuziehen würden.

– Fürchten Sie nichts, Signora, sagte Carl, der Herr Chevalier hat keine Zeit gehabt, sich zu erkälten. Ich will ihn mit meinem Mantel noch zudecken, den ich sogleich in den Wagen that, als ich den Regen kommen sah; denn ich dachte gleich, daß Eins von Ihnen tüchtig naß geworden sein würde. Wenn man sich über den nassen Kleidern in ganz trockne und sehr dicke Kleider hüllt, so kann man lange genug warm bleiben. Man ist wie in einem lauen Bade, und das ist nicht ungesund.

– Aber auch du, Carl, mach es eben so, sagte Consuelo. Nimm meinen Mantel, denn du bist unsertwegen naß geworden.

– Ach, ich, entgegnete Carl; meine Haut ist viel dicker als die Ihrige. Legen Sie das Mäntelchen noch auf den Chevalier. Packen Sie ihn gut ein, und ich bringe Sie schnell bis zum Relais, ohne steif zu werden, sollte das arme Pferd auch darüber crepiren.

Eine Stunde lang hielt Consuelo ihre Arme um den Unbekannten geschlungen; und ihr Kopf, den er an seinen Busen gezogen hatte, führte, besser als alle Recepte und Vorsichtsmaßregeln Carls, die Lebenswärme dahin zurück. Sie befühlte zuweilen seine Stirn und erwärmte sie mit ihrem Athem, damit der Schweiß, mit dem sie bedeckt war, nicht kalt würde. Als der Wagen hielt, drückte er sie mit einer Kraft an die Brust, die ihr bewies, daß er sich der Fülle des Lebens und des Glückes freue. Dann stieg er plötzlich heraus und verschwand.

Consuelo befand sich unter einer Art von Hangar, einem alten Diener gegenüber, der, fast wie ein Bauer gekleidet, eine Blendlaterne trug und sie auf einem von Hecken besetzten Wege längs eines Hauses von sehr mittelmäßigem Anschein bis zu einem Pavillon führte, dessen Thür er hinter ihr verschloß, nachdem er sie ohne ihn hatte hineingehen lassen. Da sie eine zweite Thür offen sah, trat sie in ein kleines, sehr nettes und einfach meublirtes Gemach, welches aus zwei Zimmern bestand, einem wohlgeheizten Schlafzimmer, mit einem guten Bett versehen, und einem andern, mit Wachskerzen erleuchteten Zimmer, in welchem ein Abendessen aufgetragen war. Mit Schmerz bemerkte sie nur ein Couvert, und als Carl ihre Sachen brachte und ihr seinen Dienst bei der Tafel anbot, wagte sie ihm nicht zu sagen, daß Alles, was sie wünsche, die Gesellschaft ihres Beschützers beim Abendessen wäre.

– Geh und iß und schlaf selbst, guter Carl, sagte sie, ich bedarf nichts. Du mußt weit müder als ich sein.

– Ich bin ebensowenig müde, als wenn ich mit meiner Frau, der Gott die ewige Ruhe gebe, mein Gebet hinterm Ofen gesagt hätte. Ach, ich habe mich auf die Erde niedergeworfen und habe sie geküßt, als ich abermals Preußen in meinem Rücken hatte, obgleich ich in der That nicht weiß, ob wir in Sachsen, Böhmen, Polen oder in China sind, wie man beim Herrn Grafen Hoditz in Roswald sagte.

– Und wie ist es möglich, Carl, daß du auf dem Bocke während des Tages nicht einen einzigen Ort erkannt hast, durch den wir gekommen sind?

– Wahrscheinlich habe ich nie diesen Weg gemacht, Signora, und dann kann ich auch nicht lesen, was an den Mauern und Pfählen steht, und endlich haben wir in keiner Stadt und keinem Dorfe angehalten, und wechselten unsere Pferde nur mitten im Walde, oder im Hofraum eines einzeln stehenden Hauses. Dann ist noch ein vierter Grund. Ich habe dem Herrn Chevalier mein Ehrenwort gegeben, es Ihnen nicht zu sagen, Signora.

– Mit diesem Grunde hättest du anfangen sollen, Carl, ich hätte keinen weiter gebraucht. Doch, sage mir, scheint dir der Chevalier krank?

– Keineswegs, Signora; er geht im Hause hin und her, wo er mir in der That keine großen Geschäfte zu haben scheint; denn ich sehe kein anderes Gesicht als das eines alten, nicht sehr redseligen Gärtners.

– Geh und biete ihm deine Dienste an, Carl. Lauf, und laß mich.

– Wie kann ich denn das thun? er hat sie zurückgewiesen und mir befohlen, mich nur mit Ihnen zu beschäftigen.

– Nun, so beschäftige dich mit dir selbst und träume angenehm über deine Freiheit.

Consuelo legte sich in den ersten Morgenstunden nieder und als sie wieder aufgestanden und sich angekleidet hatte, zeigte ihre Uhr die zweite Stunde. Der Tag schien hell und angenehm. Sie versuchte die Persiennen zu öffnen, aber in beiden Zimmern fand sie sie geheimnißvoll verschlossen, wie die der Postkutsche, in der sie gereist war. Sie versuchte auszugehen; die Thüren waren von außen verriegelt. Sie trat wieder ans Fenster und bemerkte die äußern Merkmale eines bescheidenen Obstgartens. Nichts verkündigte die Nähe einer Stadt oder einer besuchten Straße.

Im Hause herrschte das tiefste Schweigen und draußen wurde die Stille nur durch das Summen der Insekten, das Gurren der Tauben auf dem Dache und von Zeit zu Zeit durch den klagenden Ton eines Schiebkarrens in den Theilen des Gartens unterbrochen, wo ihr Blick nicht hindringen konnte. Sie horchte mechanisch auf dieses, ihren Ohren so angenehme Geräusch, da sie lange schon dem ländlichen Leben entfremdet worden war.

Consuelo war immer noch Gefangene und alle Sorgfalt, die man anwenden, um ihr ihre Lage zu verbergen, erregte in ihr doch einige Unruhe. Doch sie hatte sich für einige Zeit in ihre Gefangenschaft ergeben, die so wenig streng war, und die Liebe des Chevaliers verursachte ihr nicht dasselbe Grausen, wie die von Mayer.

Obgleich der treue Carl ihr empfohlen hatte, sobald sie aufgestanden sei, zu klingeln, so wollte sie ihn doch nicht stören, in der Meinung, daß er einer längern Ruhe bedürfe als sie. Sie fürchtete besonders ihren andern Reisegefährten aufzuwecken, dessen Ermüdung außerordentlich sein mußte. Sie trat in das an ihre Schlafstube anstoßende Zimmer und fand den Tisch, an dem sie am Abend gegessen, mit Büchern und den zum Schreiben nothwendigen Gegenständen beladen, während die Geräthe des Mahles, ohne daß sie es bemerkt hatte, entfernt worden waren.

Die Bücher setzten sie wenig in Versuchung; sie war zu aufgeregt, um von ihnen Gebrauch machen zu können, und da sie in ihrer unruhigen Stimmung einen unwiderstehlichen Reiz fühlte, die Ereignisse der vorigen Nacht in ihrem Geist wieder an sich vorübergehen zu lassen, so machte sie keinen Versuch, sich zu zerstreuen. Da sie noch immer gefangen gehalten wurde, so kam ihr nach und nach der Gedanke, ihr Tagebuch fortzusetzen, und als Einleitung schrieb sie auf ein einzelnes Blatt folgende Worte:

»Lieber Beppo, für dich allein nehme ich die Erzählung meiner seltsamen Abenteuer wieder auf. Gewohnt, mit der Offenheit mit dir zu sprechen, welche Gleichheit des Alters und Uebereinstimmung der Ideen einflößt, kann ich dir Gefühle vertrauen, welche meine andern Freunde nicht verstehen und wahrscheinlich strenger beurtheilen würden, als du. Dieser Eingang läßt dir wohl errathen, daß ich mich nicht ganz frei von Schuld fühle; ich halte mich in meinen eignen Augen für strafbar, obgleich ich bis jetzt noch nicht weiß, wie sehr ich es bin.

Joseph, ehe ich dir erzähle, auf welche Weise ich aus Spandau geflohen (was mir in der That fast unbedeutend gegen das erscheint, was mich jetzt beschäftigt), muß ich dir sagen … aber wie soll ich es aussprechen? ich weiß es selbst nicht. Ist es ein Traum, was ich gethan habe? Ich fühle jedoch, daß mein Kopf brennt und mein Herz schlägt, als wenn es aus meiner Brust springen und sich in eine andere Seele versenken wollte … Doch, ich will dir ganz einfach sagen, ich liebe! denn dieses Wort, lieber Freund und treuer Kamerad, enthält Alles.

Ich liebe einen Unbekannten, einen Mann, dessen Gesicht ich nicht gesehen, dessen Stimme ich nicht gehört habe. Du wirst sagen, ich sei wahnsinnig, und hast wohl Recht. Ist denn die Liebe nicht ein wirklicher Wahnsinn? Höre, Joseph, und zweifle nicht an meinem Glück, denn es ist eins, von dem ich noch keine Idee hatte, ein Glück, das alle Täuschungen meiner ersten Liebe in Venedig übersteigt, ein so berauschendes Glück, daß es mich verhindert, die Scham, es so schnell und so unbedacht angenommen zu haben, die Furcht zu fühlen, meine Neigung vielleicht schlecht angebracht zu haben, ja, selbst diese, sie vielleicht nicht erwiedert zu sehen …

Und doch, ich bin geliebt, ich fühle es wohl! Gewiß, ich täusche mich nicht, ich liebe dieses Mal wahrhaft, darf ich sagen von ganzem Herzen? warum nicht? die Liebe kommt von Gott. Es hängt nicht von uns ab, sie in unserm Busen zu entzünden, wie wir eine Kerze auf dem Altar anzünden. Alle meine Bemühungen, um Albert zu lieben (dessen Namen ich nur noch zitternd niederschreibe!) haben nicht verhindert, diese glühende, heilige Flamme aufkeimen zu lassen; seitdem ich ihn verloren, habe ich sein Gedächtniß geliebt, mehr als ich seine Person geliebt hatte. Wer weiß, wie ich ihn lieben könnte, wenn er mir zurückgegeben wäre …«

Kaum hatte Consuelo diese letzten Worte geschrieben, als sie sie ausstrich, nicht so vielleicht, daß man sie nicht dennoch lesen konnte, aber hinreichend, um sich dem Schrecken zu entziehen, sie gedacht zu haben. Sie war lebhaft aufgeregt; und die Wahrheit ihrer liebenden Begeisterung verrieth sich wider ihren Willen in ihren geheimsten Gedanken. Vergeblich wollte sie weiter schreiben, um das Geheimniß ihres eignen Herzens sich selbst besser zu erklären. Sie fand nichts, um den zarten Gedanken auszudrücken, als diese furchtbaren Worte: »Wer weiß, wie ich Albert lieben könnte, wenn er mir zurückgegeben wäre?«

Consuelo konnte nicht lügen; sie hatte geglaubt, das Andenken eines Todten liebend umfassen zu können; doch sie fühlte das Leben in ihrem Busen sich regen und eine wahre Leidenschaft die phantastische vernichten.

Sie las Alles, was sie eben geschrieben hatte, noch einmal, um aus dieser Verworrenheit ihrer Gedanken herauszukommen. Beim Durchlesen fand sie wirklich nur Verworrenheit darin, und verzweifelnd, zu einer hinreichenden Ruhe zu gelangen, um ihre Gedanken zu ordnen, fühlend, daß dieser Versuch ihr eine fieberhafte Aufregung verursachte, zerdrückte sie das geschriebene Blatt in ihrer Hand und warf es auf den Tisch, bis sie es verbrennen könne. Zitternd gleich einem strafbaren Gemüth, mit glühendem Gesicht ging sie aufgeregt hin und her und konnte nur den Gedanken denken, daß sie liebe und daran nicht mehr zweifeln könne.

Man klopfte an der Thür ihres Schlafzimmers und sie ging hinein, um sie Carl zu öffnen. Sein Gesicht war erhitzt, das Auge trübe, die Zunge schwer. Sie glaubte, er leide noch an seiner Müdigkeit, erkannte aber bald aus seinen Antworten, daß er am Morgen seiner Ankunft dem Wein oder dem Bier des gastfreien Hauses ein wenig zu sehr zugesprochen hätte. Das war der einzige Fehler des guten Carl. Ein gewisses Maaß konnte ihn vertraulich bis zum Uebermaaß, ein stärkeres entsetzlich machen. Glücklicherweise hatte er sich an das Maaß gehalten, welches ihn vertraulich und wohlwollend machte, und selbst, nachdem er den ganzen Tag geschlafen hatte, blieb ihm immer noch etwas davon.

Er war ganz toll auf den Herrn Chevalier und konnte von nichts Anderem sprechen. Der Herr Chevalier war so gut, so menschenfreundlich, so wenig stolz mit den armen Leuten! Er hatte Carl zu sich setzen lassen, statt zuzugeben, daß er ihn bei Tafel bediene, ihn gezwungen, sein Mahl zu theilen, ihm vom besten Weine eingeschenkt, hatte mit ihm bei jedem Glase angestoßen und wie ein echter Slave mit ihm tüchtig gezecht.

– Wie Schade, daß er nur ein Italiener ist, sagte Carl, er verdiente wohl ein Böhme zu sein; er verträgt den Wein eben so gut wie ich selbst.

– Das will vielleicht nicht viel sagen, antwortete Consuelo, nicht sehr geschmeichelt über die große Fähigkeit des Chevalier, mit seinen Dienern zu pokuliren. Doch sogleich tadelte sie sich, nach den Diensten, die Carl ihr erwiesen hätte, ihn für geringer zu halten, als sich selbst und ihre Freunde. Ueberdies hatte wahrscheinlich der Chevalier die Gesellschaft dieses ergebenen Dieners nur gesucht, um von ihr sprechen zu hören. Carl's Reden ließen ihr bald sehen, daß sie sich nicht täusche.

– O, Signora, fügte er naiv hinzu, der gute junge Mann liebt Sie ganz rasend; er könnte für Sie Verbrechen, ja Niederträchtigkeiten begehen!

– Das will ich ihm gern erlassen, antwortete Consuelo, welcher diese Ausdrücke mißfielen, obgleich wahrscheinlich Carl ihre ganze Bedeutung nicht verstand. Könntest du mir wohl sagen, fragte sie, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, warum ich hier so fest eingeschlossen bin.

– O, Signora, wenn ich es auch wüßte, ließ ich mir eher die Zunge abschneiden, als daß ich es sagte, denn ich habe dem Chevalier mein Ehrenwort gegeben, auf keine Ihrer Fragen zu antworten.

– Ich danke, Carl. Du liebst also den Chevalier weit mehr als mich?

– O, das sage ich nicht; da er mir aber bewiesen hat, daß es in Ihrem Interesse ist, so muß ich Ihnen wohl wider Ihren Willen dienen.

– Wie hat er es dir bewiesen?

– Ich weiß nicht, aber ich bin fest davon überzeugt. So hat er mich denn beauftragt, Signora, Sie einzuschließen, Sie zu bewachen, kurz, Sie gefangen zu halten, bis wir an unser Ziel gekommen sind.

– Wir bleiben also nicht hier?

– Wir reisen noch diese Nacht weiter. Wir reisen nicht mehr am Tage, um Sie nicht so zu ermüden und aus andern Gründen, die ich nicht kenne.

– Und für diese ganze Zeit wirst du mein Kerkermeister sein?

– Wie Sie sagen, Signora; ich habe es aufs Evangelium geschworen.

– Nun, der Herr Chevalier ist sehr spaßhaft. Ich werde mich einrichten, Carl; ich will lieber mit dir zu thun haben, als mit Herrn Schwartz.

– Ich werde Sie ein wenig besser bewachen, antwortete Carl gutmüthig lächelnd; und fange damit an, Ihnen jetzt das Mittagsessen zu bringen, Signora.

– Ich bin nicht hungrig, Carl.

– Ach, das ist nicht möglich! Sie müssen essen, Signora, und noch dazu recht gut essen, das ist meine Ordre, wie Meister Schwartz sagte.

– Wenn du ihm in Allem nachahmen willst, so darfst du mich nicht zum Essen zwingen. Es war ihm ganz recht, mich den andern Tag das Mittagsessen vom vorhergehenden, das er mir gewissenhaft aufhob, wieder bezahlen zu lassen.

– Das war seine Art, Geschäfte zu machen. Bei mir ist es anders. Die Geschäfte gehen den Herrn Chevalier an, er ist nicht geizig, er wirft das Gold mit vollen Händen weg. Er muß unmenschlich reich sein, sonst wird sein Beutel nicht weit reichen.

Consuelo ließ sich ein Licht bringen und trat in das Nebenzimmer, um ihr geschriebenes Blatt zu verbrennen. Aber sie suchte es vergeblich, sie konnte es nirgends finden.

4.

Wenige Augenblicke darauf brachte Carl einen Brief, dessen Handschrift Consuelo unbekannt war und dessen Inhalt also lautete:

»Ich verlasse Sie, um Sie vielleicht nie wiederzusehen. Ich verzichte selbst auf die drei Tage, die ich noch bei Ihnen hätte zubringen können, drei Tage, die ich vielleicht in meinem ganzen Leben nicht wiederfinden werde! Ich verzichte freiwillig auf sie, ich muß es. Einst werden Sie die Größe meines Opfers schätzen können.

»Ja, ich liebe Sie, auch ich liebe Sie von ganzem Herzen! Und doch kenne ich Sie wenig mehr, als Sie mich kennen. Danken Sie mir also nicht für das, was ich für Sie gethan habe. Ich gehorchte höheren Befehlen, ich erfüllte meinen Auftrag. Berücksichtigen Sie nur die Liebe, die ich für Sie habe und die ich Ihnen nur durch meine Entfernung beweisen kann. Diese Liebe ist eben so heftig als achtungsvoll. Sie wird eben so dauernd sein, als sie plötzlich und unwillkürlich entstanden ist.

Kaum habe ich Ihre Züge gesehen, ich weiß nichts von Ihrem Leben, und doch fühle ich, daß mein Herz Ihnen gehört und daß ich es niemals zurücknehmen könnte. Wäre Ihre Vergangenheit auch eben so befleckt, als Ihre Stirn rein ist, Sie würden mir nicht weniger achtbar und theuer sein. Ich entferne mich, die Brust voll Stolz, Freude und Bitterkeit! Sie lieben mich! Wie werde ich den Gedanken ertragen, Sie zu verlieren, wenn der furchtbare Wille, der über Sie und mich herrscht mich dazu verurtheilt? … Ich weiß es nicht.

In diesem Augenblick kann ich bei aller Furcht nicht unglücklich sein; ich fühle mich zu sehr von Ihrer Liebe und der meinigen begeistert, um den Schmerzen Raum zu geben. Müßte ich Sie auch vergeblich mein ganzes Leben lang suchen, ich werde es nie beklagen, mit Ihnen zusammengekommen zu sein und in einem Kusse von Ihnen ein Glück genossen zu haben, das in mir ewige Sehnsucht zurücklassen wird.

Auch die Hoffnung, Sie eines Tages wiederzufinden, kann ich nicht aufgeben; und wäre es auch nur auf einen Augenblick, erhielte ich auch nie ein anderes Zeugniß Ihrer Liebe, als dieser so fromm gegebene und erwiederte Kuß, ich würde mich doch noch immer glücklicher fühlen, als ich es war, ehe ich Sie kennen lernte.

Und jetzt, heiliges Mädchen, armes, verwirrtes Herz, erinnere auch du dich ohne Scham und Entsetzen dieser kurzen, zärtlichen Augenblicke, wo du meine Liebe in dein Herz übergehen fühltest. Du hast es gesagt, die Liebe kommt uns von Gott und es hängt nicht von uns ab, sie gegen ihren Willen zu ersticken oder zu entzünden. Wäre ich auch deiner unwürdig, das plötzliche Gefühl, das dich zwang, meine Umarmung zu erwiedern, würde nicht weniger göttlich sein. Doch die Vorsehung, die dich beschützt, hat nicht gewollt, daß der Schatz deiner Liebe in den Schmutz eines selbstsüchtigen, kalten Herzens sinke.

Wäre ich undankbar, so wäre es von deiner Seite nur ein edler, irregeleiteter Trieb, ein heiliges, verlorenes Gefühl; ich bete dich an, und was ich auch sonst sein mag, dein Glaube, geliebt zu werden, hat dich nicht getäuscht. Du wurdest durch das Klopfen meines Herzens, durch die Stütze meiner Arme, durch den Hauch meiner Lippe nicht entweiht. Unser gegenseitiges Vertrauen, unser blinder Glaube, unser gebieterischer Herzensschlag hat uns in einem Augenblicke zu der erhabenen Hingebung erhoben, welche eine lange Leidenschaft heiligt. Warum es bedauern?

Ich weiß wohl, daß in diesem Verhängniß, welches uns zu einander führte, etwas furchtbares liegt. Aber siehe, es ist der Finger Gottes! wir können ihn nicht verkennen. Ich nehme dieses furchtbare Geheimniß mit mir. Bewahre es auch, vertraue es Niemandem an. Beppo würde es vielleicht nicht verstehen. Wer auch dieser Freund sei, ich allein kann dich in deiner Thorheit achten und in deiner Schwäche verehren, denn diese Thorheit und diese Schwäche sind die meinigen.

Leb wohl! es ist vielleicht ein ewiges Lebewohl. Und doch bin ich, nach dem Begriff der Welt, frei und auch du scheinst es zu sein. Ich kann nur dich lieben und sehe wohl, daß du keinen Andern liebst … aber unser Schicksal gehört uns nicht mehr. Ich bin durch ewige Gelübde gebunden und du wirst es wahrscheinlich bald ebenfalls werden; wenigstens stehst du in der Hand der Unsichtbaren, und das ist eine Macht, die keinen Widerspruch duldet.

So lebe denn wohl … Mein Herz blutet, aber Gott wird mir die Kraft geben, dieses Opfer zu vollenden und noch schmerzlichere, wenn es deren giebt.

Leb wohl … leb wohl!

Großer Gott, erbarme dich meiner!«

Dieser Brief ohne Unterschrift war mit einer schwerfälligen oder verstellten Handschrift geschrieben.

– Carl, rief Consuelo bleich und zitternd, das hat dir der Chevalier gegeben?

– Ja, Signora.

– Und er hat es selbst geschrieben?

– Ja, Signora, und nicht ohne Mühe. Er ist an der rechten Hand verwundet.

– Verwundet, Carl? gefährlich?

– Vielleicht. Die Wunde ist tief, obgleich er wenig daraus zu machen scheint.

– Aber wo hat er sich verwundet?

– Vorige Nacht, als wir, ehe wir an die Grenze kamen, die Pferde wechselten, wurde das Handpferd wild, ehe der Postillon in den Sattel gestiegen war. Sie waren allein im Wagen; der Postillon und ich standen vier oder fünf Schritte davon. Der Chevalier hat das Pferd mit der Kraft eines Teufels und einem wahren Löwenmuthe aufgehalten, denn es war ein furchtbares Thier.

– Ach ja, ich fühlte heftige Stöße. Aber du sagtest mir, es wäre nichts.

– Ich hatte nicht gesehen, daß der Herr Chevalier sich die Hand an einer Schnalle des Geschirrs aufgerissen hatte.

– Immer für mich! Und sage mir, Carl, hat der Chevalier das Haus schon verlassen?

– Noch nicht, Signora; doch man sattelt sein Pferd und ich habe eben seinen Mantelsack gepackt. Er meint, Sie hätten nichts mehr zu fürchten und derjenige, der bei Ihnen seine Stelle vertreten soll, ist schon angekommen. Ich hoffe, wir werden ihn bald wiedersehen, denn es würde mich sehr schmerzen, wenn es anders wäre. Doch er verspricht nichts und auf alle meine Fragen antwortet er nur: Vielleicht!

– Carl, wo ist der Chevalier?

– Ich weiß es nicht, Signora. Sein Zimmer ist hier in der Nähe. Soll ich ihm von Ihrer Seite sagen …

– Sage ihm nichts, ich will ihm schreiben. Nein … sag ihm, ich wollte ihm danken … ihn einen Augenblick sehen, ihm nur die Hand drücken … Geh, mach schnell, ich fürchte, er ist schon fort.

Carl ging und Consuelo bereute es sogleich, ihm diese Botschaft vertraut zu haben. Sie bedachte, daß während dieser Reise der Chevalier sich nur in Fällen absoluter Nothwendigkeit in ihrer Nähe aufgehalten habe, und wahrscheinlich hatte er sich dazu gegen die seltsamen und schrecklichen Unsichtbaren zuvor verbindlich gemacht.

Sie beschloß, ihm zu schreiben, aber kaum hatte sie einige Worte auf ein Blatt geworfen und wieder ausgestrichen, als ein leises Geräusch sie bewog, die Augen zu erheben. Da sah sie denn ein Feld des Täfelwerks zurückweichen, welches zwischen dem Kabinet, in welchem sie geschrieben und einem benachbarten Zimmer, in dem wahrscheinlich der Chevalier gewohnt hatte, eine geheime Verbindung herstellte. Das Täfelwerk wich jedoch nur so weit zurück, als nothwendig war, um eine mit einem Handschuh bekleidete Hand hindurch zu lassen, welche die Consuelo's zu rufen schien.

Sie sprang auf und ergriff diese Hand mit den Worten:

– Die andere Hand, die verwundete Hand!

Der Unbekannte trat hinter der Thür zurück, so daß sie ihn nicht sehen konnte. Er reichte ihr seine rechte Hand hin, die Consuelo ergriff, eilig den Verband abnahm und die Wunde besah, die wirklich tief war. Sie führte sie an ihre Lippen und verband sie mit ihrem Schnupftuch; dann zog sie aus ihrem Busen das kleine Kreuz von Filigran, das sie mit abergläubischer Liebe bewahrte, legte es in diese schöne Hand, deren weiße Haut durch das purpurne Blut noch mehr hervorgehoben wurde, und sagte:

– Nehmen Sie, es ist das Kostbarste, was ich auf der Welt besitze, das Erbe meiner Mutter, was mir Glück brachte und mich nie verlassen hat. Ich habe noch nie Jemand so geliebt, um ihm diesen Schatz anzuvertrauen. Behalten Sie ihn, bis ich Sie wiedersehe.

Der Unbekannte zog Consuelo's Hand hinter das Täfelwerk, das ihn verbarg, und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Dann, bei dem Geräusch der Schritte Carl's, welcher zu ihm kam, um seine Botschaft auszurichten, stieß er sie zurück und schloß schleunig die geheime Thür. Consuelo hörte das Geräusch eines Riegels. Sie lauschte vergeblich in der Hoffnung, den Ton seiner Stimme zu vernehmen; er sprach leise, oder hatte sich ganz entfernt.

Wenig Augenblicke nachher kam Carl zu Consuelo zurück.

– Er ist fort, Signora, sagte er traurig; abgereist, ohne von Ihnen Abschied nehmen zu wollen, und nachdem er meine Tasche mit, ich« weiß nicht wie viel Ducaten gefüllt hat für die unvorhergesehenen Bedürfnisse Ihrer Reise, wie er sagte, denn die gewöhnlichen Ausgaben gehören denen … Gott oder dem Teufel, gleichviel. Jetzt ist ein kleiner, schwarzer Mann da, der seinen Mund nur aufthut, um mit schneidendem, hellen Tone Befehle zu ertheilen und mir gar nicht gefällt. Er wird die Stelle des Chevaliers übernehmen und ich werde auf dem Bocke die Ehre seiner Gesellschaft haben, was mir keine sehr angenehme Unterhaltung verspricht. Der arme Chevalier! der Himmel gebe, daß wir ihn bald wiedersehen!

– Aber sind wir denn gezwungen, diesem kleinen, schwarzen Manne zu folgen?

– Und wie, Signora. Der Herr Chevalier hat mich schwören lassen, ihm wie ihm selbst zu gehorchen. Nun, Signora, da ist Ihr Mittagessen. Sie müssen ihm nicht grollen, er sieht gut aus. Wir reisen in der Nacht ab und halten nur an, wo es … Gott oder dem Teufel gefällt, wie ich Ihnen schon sagte.

Niedergeschlagen und bestürzt, hörte Consuelo nicht mehr auf Carl's Geschwätz. Sie bekümmerte sich um nichts mehr, was ihre fernere Reise oder ihren neuen Führer betraf. Alles ward ihr jetzt gleichgültig, da der liebe Unbekannte sie verließ. Einer tiefen Schwermuth hingegeben, versuchte sie mechanisch, Carl zu Gefallen, von einigen Gerichten zu kosten. Da sie aber mehr Lust zum Weinen, als zum Essen hatte, verlangte sie eine Tasse Kaffee, um sich wenigstens körperlich ein wenig Kraft und Muth zu geben. Der Kaffee wurde ihr gebracht, und Carl sagte:

– Sehen Sie, Signora, der kleine Herr hat ihn durchaus selbst machen wollen, damit er recht gut würde. Er sieht mir ganz wie ein ehemaliger Kammerdiener oder Haushofmeister aus und ist übrigens nicht so ganz ein Teufel, als er schwarz ist; ich glaube, im Grunde ist er ein guter Mensch, obgleich er nicht gern spricht. Er hat mir Branntwein zu trinken gegeben, der wenigstens hundert Jahr alt ist, den besten, den ich je getrunken habe. Wollten Sie ein wenig davon kosten, er würde Ihnen wohler thun als der Kaffee, wie kräftig er auch sein mag …

– Guter Carl, trinke was du willst und laß mich in Ruhe, sagte Consuelo, indem sie ihren Kaffee trank, ohne daran denken, seine Güte zu erproben.

Kaum war sie vom Tische aufgestanden, als sie sich von einer außerordentlichen Ermattung ergriffen fühlte, und als Carl zu ihr kam, um ihr zu sagen, daß der Wagen fertig sei, fand er sie halb schlafend auf dem Stuhle.

– Gieb mir deinen Arm, sagte sie, meine Füße halten mich nicht. Ich glaube, ich habe das Fieber.

Sie war so matt, daß sie nur undeutlich den Wagen, ihren neuen Führer und den Hüter des Hauses sah, dem Carl vergeblich ein Trinkgeld aufbringen wollte. Sobald sie unterwegs war, sank sie in einen tiefen Schlaf. Der Wagen war mit Kissen versehen und wie ein Bett eingerichtet worden.

Von diesem Augenblick an hatte Consuelo kein Bewußtsein mehr. Sie wußte nicht, wie lange ihre Reise dauerte; sie bemerkte nicht einmal, ob es Tag oder Nacht war, ob man anhielt oder ob man ohne Unterbrechung weiterging. Sie sah einige Male Carl an dem Wagenschlag und begriff weder seine Fragen, noch sein Entsetzen. Es schien ihr, als wenn der kleine Mann ihren Puls befühle, ihr einen erfrischenden Trank eingäbe und dabei bemerkte:

– Es ist nichts, Madame befindet sich sehr wohl.

Demungeachtet empfand sie ein unbestimmtes Uebelbefinden, eine unübersteigliche Ermattung. Ihre schweren Augenlider konnten ihren Blick nicht hindurchlassen und ihr Geist war nicht klar genug, um sich Rechenschaft von den Gegenständen zu geben, welche ihr Auge trafen. Jemehr sie schlief, desto mehr wünschte sie zu schlafen. Sie dachte nicht einmal daran, sich zu fragen, ob sie krank sei, und sie konnte Carl nichts weiter antworten, als die letzten Worte, die sie ihm gesagt hatte: »Laß mich zufrieden, guter Carl.«

Endlich fühlte sie sich ein wenig freier an Geist und Körper und als sie um sich her sah, gewahrte sie, daß sie in einem trefflichen Bette lag, zwischen vier großen, weißseidenen, mit goldenen Fransen besetzten Vorhängen. Der kleine Reisemarschall, wie der Chevalier schwarz maskirt, ließ ihr eine Essenz einathmen, welche die Wolken aus ihrem Geiste zu entfernen und die Klarheit des Tages auf den Nebel, der sie umhüllt hatte, folgen zu lassen schien.

– Sind Sie Arzt, mein Herr? sagte sie endlich mit einiger Anstrengung.

– Ja, Frau Gräfin, ich habe diese Ehre, antwortete er mit einer Stimme, die ihr nicht ganz unbekannt schien.

– Bin ich krank gewesen?

– Nur ein wenig unwohl. Sie müssen sich weit wohler fühlen.

– Ich fühle mich ganz wohl und danke Ihnen für Ihre Sorgfalt.

– Ich stehe ganz zu Ihren Diensten, werde aber nicht mehr vor Ew. Gnaden erscheinen, wenn Sie mich nicht einer Krankheit wegen rufen lassen.

– Bin ich am Ziel meiner Reise?

– Ja, gnädige Frau.

– Bin ich frei oder gefangen?

– Sie sind frei, Frau Gräfin, in dem ganzen, Ihrer Wohnung zugetheilten Bezirk.

– Ich verstehe, ich bin in einem großen und schönen Gefängniß, sagte Consuelo, indem sie ihr geräumiges, helles Gemach betrachtete, das mit weißen, von Goldzweigen durchwirkten Tapeten behängt war, deren Pracht von dem kostbar gearbeiteten und vergoldetem Täfelwerk noch mehr hervorgehoben wurde. Kann ich Carl sehen?

– Ich weiß es nicht, gnädige Frau, ich bin hier nicht der Gebieter. Ich entferne mich, Sie haben meine Hülfe nicht mehr nöthig und es ist mir verboten, mich dem Vergnügen der Unterhaltung mit Ihnen zu überlassen.

Die schwarze Maske ging hinaus, und obgleich noch schwach, versuchte Consuelo sich zu erheben. Das einzige Kleid, welches sie vorfand, war ein langes Gewand aus weißer Wolle, von einem bewundernswürdigen feinen Gewebe, welches der Tunica einer römischen Dame nicht unähnlich war. Sie ergriff es und ließ dabei einen Zettel herabfallen, auf welchem mit goldenen Buchstaben geschrieben war:

» Das ist das fleckenlose Gewand der Neophyten. Ist dein Gemüth unrein, so wird dieser edle Schmuck der Unschuld für dich das verzehrende Gewand der Dejanira sein.«

An den Frieden (vielleicht sogar einen zu tiefen Frieden) ihres Gewissens gewöhnt, lächelte Consuelo und warf das schöne Gewand mit kindlichem Vergnügen über. Sie nahm den Zettel wieder auf, um ihn noch einmal zu lesen, und fand ihn kindisch und hochtrabend. Drauf trat sie zu einem prächtigen Toilettentisch von weißem Marmor, der einen großen, in goldenen Rahmen gefaßten Spiegel von ausgezeichneter Arbeit trug. Aber ihre Aufmerksamkeit wurde durch eine in der Verzierung, die den Spiegel krönte, angebrachte Inschrift angezogen:

» Wenn dein Gemüth so rein ist wie mein Krystall, so wird dir dein Bild ewig jung und schön daraus entgegentreten; doch wenn das Laster dein Herz befleckt hat, so fürchte, in mir das strenge Bild deiner moralischen Häßlichkeit zu finden.«

Ich bin nie weder häßlich, noch schön gewesen, dachte Consuelo, also lügt dieser Spiegel in jeder Hinsicht.

Sie betrachtete sich ohne Furcht darin und fand sich nicht häßlich. Dieses schöne, weite Gewand und ihre langen, schwarzen, aufgelösten Haare gaben ihr das Ansehen einer Priesterin des Alterthums; doch ihre außerordentliche Blässe fiel ihr auf. Ihre Augen waren nicht so rein und glänzend wie gewöhnlich.

– Sollte ich häßlich geworden sein? dachte sie sogleich, oder sollte der Spiegel mich anklagen?

Sie öffnete ein Schubfach der Toilette und fand darin neben den tausend kostbaren Kleinigkeiten des Luxus und der Pracht verschiedene Gegenstände mit Sinnsprüchen und Sentenzen bekleidet, die eben so naiv als pedantisch lauteten. Ein Töpfchen rother Schminke trug auf dem Deckel folgende Worte:

» Mode und Lüge! Die Schminke giebt den Wangen die Frische der Unschuld nicht und vertilgt nicht die Verwüstungen des Lasters.«

Feine Pomaden und Essenzen trugen folgende Inschrift:

» Ein Herz ohne Glauben, ein indiskreter Mund gleichen dem offenen Flacon, aus dem die kostbare Essenz sich verflüchtigt hat oder verdarb.«

Endlich fand sie weiße Bänder mit folgenden mit Gold in die Seide gewirkten Worten:

» Einer reinen Stirn die heiligen Binden, einem mit Schmach beladenen Kopf der Strick, die Strafe des Sklaven.«

Consuelo band ihre Haare auf und ordnete sie wohlgefällig mit diesen Bändern nach antiker Mode. Dann besah sie neugierig das wunderliche Zauberschloß, in welches ihr romantisches Geschick sie gebracht hatte. Sie ging in die verschiedenen Zimmer ihrer reichen und geräumigen Wohnung. Eine Bibliothek, ein Musiksalon, angefüllt mit den trefflichsten Instrumenten, zahlreichen Partituren und kostbaren Manuskripten, ein köstliches Boudoir, eine kleine, mit schönen Gemälden und reizenden Statuen geschmückte Gallerie.

Es war eine Wohnung; in ihrem Reichthum einer Königin, dem Geschmack nach einer Künstlerin und in Bezug auf die Züchtigkeit einer Nonne würdig. Ueberrascht von dieser verschwenderischen und zartsinnigen Gastfreundschaft behielt sich Consuelo vor, alle die in den Büchern, Kunstgegenständen und Gemälden, welche dieses Heiligthum schmückten, verborgenen Symbole einzeln und mit ruhigem Sinne zu betrachten.

Die Neugier, zu wissen, in welchem Theil der Erde diese wundervolle Wohnung lag, bewog sie, aus den Gemächern ins Freie zu treten. Sie näherte sich einem Fenster, aber ehe sie das taffetne Rouleaux aufzog, welches es bedeckte, las sie abermals daran einen Sinnspruch:

» Wenn ein böser Gedanke in deinem Herzen lebt, so bist du nicht werth, das göttliche Schauspiel der Natur zu betrachten. Wenn die Tugend in deiner Seele herrscht, so sieh und preise Gott, der dir den Eingang in das irdische Paradies erschließt.«

Sie eilte das Fenster zu öffnen, um zu sehen, ob der Anblick dieser Gegend den stolzen Verheißungen dieser Inschrift wirklich entspräche. In der That, es war ein irdisches Paradies und Consuelo glaubte zu träumen. Der auf englische Weise angelegte Garten, in damaliger Zeit etwas seltenes, der jedoch im Einzelnen deutsche Sorgsamkeit verrieth, zeigte die reizendsten Aussichten, herrlichen Schatten, frischen Rasen, die freie Entwickelung einer natürlichen Landschaft, und zugleich die ausgesuchteste Reinlichkeit, eine Fülle der lieblichsten Blumen, mit feinem Sand belegte Gänge und krystallhelle Gewässer, wie es der Charakter eines mit Liebe und Verstand gepflegten Gartens ist. Ueber diesen schönen Bäumen, den hohen Schranken eines mit Blumen besäeten oder vielmehr ganz bedeckten engen Thales, das von anmuthigen und klaren Wasserbächen durchschnitten war, erhob sich ein majestätischer Kranz von blauen Bergen in mannichfacher Abdachung und himmelansteigenden Gipfeln.

Die Gegend war Consuelo unbekannt. So weit ihr Blick schweifen konnte, fand sie kein Anzeichen, das ihr eine besondere Gegend Deutschlands, das so reich an schönen und herrlichen Gebirgen ist, offenbart hätte. Nur die weiter vorgerückte Blumenwelt und das wärmere Klima als in Preußen, sagte ihr, daß sie sich näher dem Süden befinde.

– O, mein trefflicher Canonicus, wo bist du? dachte Consuelo, indem sie die weißen Hollunderbüsche, die Rosenhecken, die mit Narcissen, Hyacinthen und Veilchen bedeckte Erde betrachtete. O, Friedrich von Preußen, gesegnet seist du, daß du mich durch lange Entbehrungen und schmerzliche Langeweile gelehrt hast, die Anmuth eines solchen Aufenthalts zu fühlen, wie ich es muß! Und du, mächtiger Unsichtbarer, behalte mich ewig in dieser süßen Gefangenschaft; ich willige von ganzem Herzen ein … besonders wenn der Chevalier …

Consuelo sprach ihren Wunsch nicht vollends aus. Seit sie aus ihrer Lethargie erwacht war, hatte sie noch nicht an den Unbekannten gedacht. Diese glühende Erinnerung erwachte in ihr und führte sie zum Nachdenken über den Sinn der drohenden Worte, die auf allen Mauern, auf allen Meublen des majestätischen Palastes, selbst auf den Verzierungen, mit denen er geschmückt war, geschrieben standen.

5.

Consuelo empfand vor Allem ein nach so vielen Tagen der Sklaverei ganz natürliches Bedürfniß, eine ganz natürliche Sehnsucht nach Freiheit. Es machte ihr also ein außerordentliches Vergnügen, sich in einem weiten Raum ergehen zu können, welchen die Sorgfalt der Kunst und die geschickte Vertheilung der Hecken und Alleen noch viel größer erscheinen ließ. Doch nach Verlauf eines zweistündigen Spazierganges fühlte sie sich durch die Einsamkeit und das Schweigen, welches an diesem schönen Orte herrschte, verdüstert.

Sie hatte schon mehrere Mal die Runde gemacht, ohne auf dem feinen, erst vor Kurzem mit dem Rechen geebneten Sandwege auch nur die Spur eines menschlichen Fußtritts zu finden. Ziemlich hohe Mauern, hinter dichten Gebüschen versteckt, erlaubten ihr nicht, auf unbekannten Pfaden sich dem Zufall und neuen Entdeckungen zu überlassen. Sie kannte schon alle unter ihren Füßen sich kreuzenden Steige auswendig. An einigen Orten war die Mauer durch breite, mit Wasser gefüllte Gräben unterbrochen und der Blick konnte sich in die schönen, die Hügel hinabsteigenden und von Wäldern begrenzten Rasenplätze, oder in die Oeffnungen der geheimnißvollen, reizenden Baumgänge vertiefen, welche sich schlängelnd unter den hohen Bäumen verloren.

Von ihrem Fenster aus beherrschte Consuelo ungehindert die ganze Natur, trat sie heraus, so fand sie sich in einem von allen Seiten verschlossenen Raume eingeengt, dessen reiche Schönheiten ihr das Gefühl der Gefangenschaft nicht nehmen konnten. Sie suchte das Zauberschloß, in dem sie erwacht war. Es war ein sehr kleines, im Innern mit Pracht ausgeschmücktes, von außen im italienischen Styl elegant gebautes Gebäude, das sich an einen schroffen Felsen anlehnte, der zwar in der That einen malerischen Anblick bot, aber auch für den ganzen Hintergrund des Gartens eine bessere natürliche Schranke und dem Blick ein undurchdringlicheres Hinderniß bildete, als die höchsten Mauern und die stärksten Bastionen von Spandau.

– Meine Festung ist schön, dachte Consuelo, aber auch, ich sehe es wohl, um so besser verschlossen.

Sie ging, um auszuruhen, auf die Terrasse ihrer Wohnung, welche mit Blumenvasen und einem kleinen Springbrunnen geschmückt war. Es war ein entzückender Ort, und wenn man von ihm aus auch nur das Innere eines Gartens, einige dürftige Ansichten über einen großen Park und hohe Gebirge, deren blaue Gipfel sich über die der Bäume erhoben, erblickte, so war dieser Anblick nur um so frischer und anmuthiger.

Doch unwillkürlich erschreckt über die Sorgfalt, mit der man sie, vielleicht für lange Zeit, in einem neuen Gefängniß festzuhalten sich vorsetzte, hätte Consuelo gern alle blühenden Catalpas und alle die schönen Blumenbeete für einen Winkel offenen Landes, mit einer strobbedeckten Hütte, rauhen Pfaden und dem unbeschränkten Raum einer Gegend gegeben, die ihr möglich gewesen wäre, kennen zu lernen und zu durchwandern.

Von dem Punkte aus, wo sie war, konnte sie den Zwischenraum zwischen den hohen, begrenzten Mauern ihres Gefängnisses und dem weiten, zackigen Horizont, der hohen Berge, die schon in dem Duft des Abends sich verloren, nicht mehr unterscheiden. Die Nachtigallen sangen bewunderungswürdig, doch nicht ein Ton einer menschlichen Stimme verrieth die Nähe einer Wohnung.

Consuelo sah wohl, daß die ihrige, an den Grenzen eines ungeheuren Parks gelegen, mit einer größern Besitzung zusammenhing. Was sie von dem Parke sah, reizte nur ihren Wunsch, davon mehr zu sehen. Sie erblickte darin keine andern Spaziergänger, als Heerden von Hirschen und Rehen, welche auf den Abhängen der Hügel weideten, mit einer Sicherheit, als wenn die Annäherung eines Sterblichen für sie ein unbekanntes Ereigniß wäre.

Endlich entfernte der Abendwind die Zweige einer Reihe von Pappeln, welche einen Theil des Gartens umschlossen, und Consuelo erblickte in dem letzten Licht des Tages die weißen Thürme und die spitzen Dächer eines ziemlich umfangreichen Schlosses, das ungefähr eine Viertelstunde davon hinter einem mit Bäumen bepflanzten Erdhügel verborgen lag. Ungeachtet ihres Wunsches, nicht mehr an den Chevalier zu denken, überredete sich doch Consuelo, daß er dort sein müsse, und ihre Augen hafteten begierig auf diesem, vielleicht nur eingebildeten Schlosse, dem sich zu nähern ihr untersagt schien und welches die Schleier der Dämmerung langsam in der Ferne verschwinden ließen.

Als die Nacht völlig herabgesunken war, sah Consuelo den Wiederschein der Lichter aus dem untern Stockwerk ihres Pavillons die umliegenden Hecken erleuchten, und eilte hinab, in der Hoffnung, endlich einmal ein menschliches Gesicht in ihrer Wohnung zu sehen. Dieses Vergnügen ward ihr nicht; das Gesicht des Dieners, welchen sie beschäftigt fand, die Wachskerzen anzuzünden und ihr Abendessen zu serviren, war, wie das des Doctors, mit einer schwarzen Maske bedeckt, welche die Uniform der Unsichtbaren zu sein schien. Es war ein alter Diener mit einer Perrücke, glatt und steif wie Messing vom Kopf bis zum Fuße sehr nett gehüllt in ein Pomme d'amour-farbenes Kleid.

– Ich bitte die gnädige Frau demüthig um Verzeihung, sagte er mit klappernder Stimme, daß ich mit dieser Maske vor sie trete. Meine Ordre lautet so und es kommt mir nicht zu, über ihre Nothwendigkeit zu grübeln. Ich hoffe, die gnädige Frau wird die Gnade haben, sich daran zu gewöhnen und sich nicht vor mir zu fürchten geruhen. Ich stehe zu den Befehlen der gnädigen Frau. Ich heiße Mattheus. Ich bin zu gleicher Zeit Aufseher dieses Pavillons, Gärtner, Haushofmeister und Kammerdiener. Man hat mir gesagt, die gnädige Frau hätten viel gereist und wären gewohnt, sich allein zu bedienen. Sie würden zum Beispiel weibliche Dienste nicht verlangen. Es würde mir schwer werden, der gnädigen Frau dieselben zu verschaffen, da ich nicht verheirathet bin und allen Dienerinnen des Schlosses das Betreten dieses Pavillons verboten ist. Doch des Morgens wird eine Magd hierher kommen, um mir bei dem Ordnen der Zimmer zu helfen, und von Zeit zu Zeit wird ein Gärtnerbursche die Blumen begießen und die Ordnung der Alleen unterhalten. In dieser Hinsicht muß ich der gnädigen Frau eine gehorsamste Bemerkung machen: Jeder andere Diener als ich, welcher in den Verdacht käme, von der Frau Gräfin angeredet worden zu sein oder ein Zeichen erhalten zu haben, würde sogleich fortgejagt werden, und das wäre ein großes Unglück für ihn, denn das Haus ist gut und die Dienste werden gut bezahlt. Die gnädige Frau ist wahrscheinlich zu edelmüthig und zu rechtlich, um die armen Leute in Gefahr bringen zu wollen …

– Sein Sie ruhig, Herr Mattheus, antwortete Consuelo, ich wäre nicht reich genug, um sie schadlos zu halten, und es liegt nicht in meinem Charakter, irgend Jemand seiner Pflicht untreu zu machen.

– Uebrigens werde ich sie nie aus den Augen verlieren, fuhr Mattheus fort, wie mit sich selbst sprechend.

– In dieser Hinsicht können Sie jede Vorsicht sparen. Ich bin den Personen, die mich hierher gebracht haben, so wie denen, die mich hier aufnehmen, zu viel Dank schuldig, um irgend etwas zu versuchen, was ihnen mißfallen könnte.

– Ach, die gnädige Frau ist hier aus freiem Willen? fragte Mattheus, dem die Neugier nicht eben so untersagt schien, als eine vertrauliche Mittheilung.

– Ich bitte Sie, mich hier als eine freiwillige Gefangene und auf Ehrenwort zu betrachten.

– O, so habe ich es auch verstanden. Ich habe nie jemand Anders hier bedient, obgleich ich meine Gefangenen auf Ehrenwort habe weinen und sich abquälen sehen, als wenn sie bedauerten, ihr Wort gegeben zu haben. Und Gott weiß doch, daß sie hier sehr angenehm lebten. Aber in solchen Fällen gab man ihnen immer ihr Wort zurück, wenn sie es verlangten; man hält hier Niemand mit Gewalt zurück. Das Abendessen der gnädigen Frau ist aufgetragen.

Das vorletzte Wort des Haushofmeisters gab plötzlich seiner neuen Herrin den Appetit wieder; und sie fand die Gerichte so gut, daß sie ihm große Complimente darüber machte. Dieser schien sehr geschmeichelt, seine Talente anerkannt zu sehen, und Consuelo erkannte leicht, daß sie seine Achtung gewonnen hätte, obgleich er deswegen nicht mittheilender oder weniger umsichtig ward. Es war ein trefflicher Mensch, etwas feig und eben so naiv als listig. Consuelo durchschaute schnell seinen Charakter, als sie sah, mit welcher Gutmüthigkeit und Gewandtheit er allen ihren Fragen zuvorkam, die sie an ihn richten konnte, um von ihm nicht in Verlegenheit gesetzt zu werden und seine Antworten nach eigenem Gutdünken einrichten zu können.

So erfuhr sie von ihm Alles, was sie ihn nicht fragte, ohne eigentlich etwas zu erfahren:

Seine Gebieter wären sehr reich, sehr mächtig, sehr großmüthig, aber sehr streng, besonders in Bezug auf die Diskretion. Der Pavillon gehöre zu einem sehr schönen Besitzthum, das bald von den Gebietern bewohnt, bald der Obhut sehr treuer, sehr gut bezahlter und sehr verschwiegener Diener anvertraut werde. Das Land sei reich, fruchtbar und gut verwaltet. Die Bewohner wären nicht gewohnt, sich über ihre Herren zu beklagen; übrigens würden sie damit kein gutes Spiel mit dem Meister Mattheus gehabt haben, der die Gesetze und die Personen achte und indiskrete Worte nicht leiden könne.

Consuelo wurde von diesen gelehrten Bemerkungen und dienstgefälligen Nachrichten so gelangweilt, daß sie gleich nach dem Abendessen lächelnd sagte:

– Ich würde fürchten, selbst indiskret zu werden, Herr Mattheus, wenn ich länger das Vergnügen Ihrer Unterhaltung genösse; ich brauche für heute nichts weiter und wünsche Ihnen einen guten Abend.

– Die gnädige Frau wird mir die Ehre anthun, zu klingeln, wenn sie irgend etwas nöthig haben sollte, entgegnete er. Ich wohne hinter dem Hause unter jenem Felsen, in einer hübschen Einsiedelei, wo ich treffliche Wassermelonen ziehe. Ich würde mich sehr geschmeichelt fühlen, wenn die gnädige Frau ihnen einen Blick des Beifalls geben könnten, aber es ist mir ausdrücklich untersagt, jemals der gnädigen Frau diese Thür zu öffnen.

– Ich verstehe, Meister Mattheus, ich soll nur in den Garten gehen und das nicht Ihrer Laune, sondern dem Willen meiner Wirthe zuschreiben. Ich werde mich darnach richten.

– Um so mehr, als die gnädige Frau viel Mühe haben würde, diese Thür zu öffnen. Sie ist sehr schwer … und dann hat auch das Schloß eine besondere Vorrichtung, wodurch die Hände der gnädigen Frau gefährlich verletzt werden könnten, wenn Sie das Geheimniß nicht kennen.

– Mein Wort ist noch fester als alle Ihre Schlösser, Herr Mattheus. Schlafen Sie wohl, wie ich es auch meinerseits zu thun gedenke.

Mehrere Tage verstrichen, ohne daß Consuelo ein Lebenszeichen von Seiten ihrer Wirthe erhielt und ohne daß sie ein anderes Gesicht sah, als die schwarze Maske des Mattheus, die vielleicht angenehmer war, als sein wirkliches Gesicht. Dieser würdige Diener bediente sie mit einem Eifer und einer Pünktlichkeit, für die sie ihm nur danken konnte, indem sie seine Unterhaltung ertrug, welche sie freilich entsetzlich langweilte; denn er lehnte fortdauernd mit großem Stoicismus die Geschenke ab, die sie ihm machen wollte, und sie kannte keine andere Art, ihm ihren Dank zu bezeigen, als indem sie ihn schwätzen ließ.

Er liebte leidenschaftlich das Wort, und das war um so bemerkenswerther, da er, durch seinen Beruf zu einer seltsamen Zurückhaltung verpflichtet, diese niemals übertrat und die Kunst besaß von vielen Gegenständen zu sprechen, ohne jemals die seiner Verschwiegenheit anvertrauten Punkte zu berühren.

Consuelo erfuhr von ihm, wie viel der Küchengarten des Schlosses jährlich an Rüben und Spargel hervorbringe, wie viel Hirschkälber im Park gezogen würden, sie lernte die Geschichte aller Schwäne des Schloßteiches und die jungen Fasanen in der Fasanerie kennen, und erfuhr auf das Genaueste, wie viel Ananas in dem Gewächshaus reiften.

Doch nie erhielt sie eine Andeutung, in welchem Lande sie sei; ob der oder die Besitzer des Schlosses anwesend oder abwesend seien, ob sie mit ihnen in Verkehr treten, oder immer allein im Pavillon bleiben würde. Kurz, Alles, was sie wirklich interessirte, entschlüpfte niemals den klugen und doch immer beweglichen Lippen des Mattheus.

Sie hätte gefürchtet, die Delikatesse zu verletzen, wenn sie sich dem Gärtner oder der Magd auch nur so weit genähert hätte, um ihre Stimme zu hören, die übrigens auch sehr zeitig aufstanden und fast sogleich verschwanden, sobald sie ihr Lager verlassen hatte. Sie begnügte sich, von Zeit zu Zeit einen Blick in den Park zu werfen, ohne jedoch irgend Jemand darin zu bemerken, außer in einer solchen Entfernung, daß sie ihn nicht genau sehen konnte, und den Giebel des Schlosses zu betrachten, welcher sich des Abends mit sparsamen Lichtern erleuchtete, die stets zeitig verlöscht wurden.

Es dauerte nicht lange, so versank sie in eine tiefe Melancholie, und bald ergriff und beherrschte sie in dieser reichen Wohnung, mitten unter allen Bequemlichkeiten des Lebens, die Langeweile, die sie in Spandau siegreich bekämpft hatte. Giebt es denn Güter dieser Erde, die man in völliger Einsamkeit genießen kann? Dauernde Einsamkeit verdüstert und entzaubert die schönsten Gegenstände, sie erfüllt das stärkste Gemüth mit Entsetzen.

Consuelo fand bald die Gastfreundschaft der Unsichtbaren noch weit grausamer als seltsam, und eine tödtliche Abspannung bemächtigte sich aller ihrer Gemüthskräfte. Ihr herrliches Klavier schien ihr mit allzugrellen Tönen diese weiten, wiederhallenden Gemächer zu erfüllen, und ihre eigene Stimme flößte ihr Furcht ein; wenn sie zu singen wagte, und die ersten Schatten der Nacht sie bei dieser Beschäftigung überraschten, schien es ihr, als wenn das Echo mit zornerfülltem Tone ihr antwortete; sie glaubte an den mit Seide ausgeschlagenen Mauern, auf den schweigsamen Teppichen unruhige, verstohlene Schatten hinirren zu sehen, welche, wenn sie sie mit dem Blicke festzuhalten suchte, verschwanden, sich hinter den Meubles versteckten, dort zischten, sie verspotteten und ihr nachäfften. Und doch war es nur der Abendwind, der in den Blättern flüsterte, welche an ihren Fenstern sich aufrankten, oder die Töne ihres eigenen Gesanges, welche um sie her erbebten.

Aber ihre, aller dieser stummen Zeugen ihrer Langeweile, dieser Statuen, Gemälde, mit Blumen gefüllten japanischen Vasen, der großen, hellen und tiefen Spiegel müde Phantasie wurde nach und nach wie von einer unbestimmten Furcht ergriffen, gleich der, welche uns bei der Erwartung eines unbekannten Ereignisses ergreift.

Sie erinnerte sich an die Volkssagen von der seltsamen Macht der Unsichtbaren, an die Täuschungen, mit denen sie Cagliostro umgeben hatte, an die Erscheinung der weißen Frau im königlichen Schlosse zu Berlin, an die wunderbaren Verheißungen des Grafen Saint Germain in Bezug auf das Wiederaufleben des Grafen Albert; sie sagte sich, all das Unerklärliche sei wahrscheinlich nur eine Folge der geheimen Wirksamkeit der Unsichtbaren in der Gesellschaft und ihrer Einwirkung auf ihr besonderes Geschick. Sie glaubte nicht an ihre übernatürliche Kraft, sie sah aber wohl, daß sie, um auf alle Weise die Geister zu gewinnen, sich bald an das Herz, bald an die Einbildungskraft durch Drohungen oder Versprechen, Schrecken oder Verführungen hefteten.

Sie sah also irgend einer furchtbaren Offenbarung, oder irgend einer grausamen Mystification entgegen, und gleich den furchtsamen Kindern hätte sie sagen können: sie fürchte sich zu fürchten.

In Spandau hatte sie ihren Willen gegen außerordentliche Gefahren, gegen wirkliche Leiden gestählt; sie hatte muthig über Alles triumphirt. Freilich in Spandau schien ihr die Resignation ganz natürlich. Der unheimliche Anblick einer Festung steht ganz in Uebereinstimmung mit den traurigen Gedanken der Einsamkeit; wogegen in ihrem neuen Gefängniß Alles für ein Leben poetischer Mittheilung oder friedlicher Vertraulichkeit gemacht zu sein schien; und dieses ewige Schweigen, dieser Mangel alles Mitgefühls vernichtete seine Harmonie wie ein greller Mißlaut …

Man hätte glauben sollen, den köstlichen Aufenthalt zweier glücklichen Liebenden oder einer vornehmen Familie zu sehen, die plötzlich diesen lachenden Aufenthalt wegen eines schmerzlichen Bruches oder wegen irgend einer furchtbaren Katastrophe verlassen hätten. Die zahlreichen Inschriften, welche diese Wohnung schmückten und die sich an allen Orten angebracht fanden, ließen sie nicht mehr wie über hochtrabende Kindereien lächeln. Sie enthielten Aufmunterungen, mit versteckten Drohungen, bedingte Lobsprüche, durch demüthigende Anklagen aufgehoben. Sie konnte die Augen nicht um sich her aufschlagen, ohne einen neuen Sinnspruch, den sie noch nicht gesehen, zu entdecken, und der ihr zu verbieten schien, in diesem Heiligthum einer argwöhnischen aufmerksamen Gerechtigkeit frei zu athmen.

Nach ihrer Flucht und ihrer plötzlich erwachten Liebe zu dem Unbekannten war die Kraft ihres Herzens in sich selbst zusammengesunken. Der lethargische Zustand, in welchen man sie wahrscheinlich mit Absicht versetzt hatte, um ihr die Lage ihres Wohnorts zu verbergen, hatte eine geheime Schwäche und jene Reizbarkeit in ihr zurückgelassen, welche die nothwendige Folge davon ist. Sie fühlte also in kurzer Zeit sich unruhig und unzufrieden, bald von einem Nichts erschreckt, bald gegen Alles gleichgültig.

Eines Abends glaubte sie kaum hörbare Töne, wie von einem fernen Orchester zu vernehmen. Sie ging auf die Terrasse und sah durch das Blättergewebe das Schloß glänzend erleuchtet. Die Töne einer majestätischen Symphonie drangen deutlich bis zu ihr. Dieser Contrast eines Festes mit ihrer tiefen Einsamkeit ergriff sie mehr als sie es sich selbst gestehen wollte. Schon seit so langer Zeit hatte sie kein Wort mit vernünftigen oder gebildeten Wesen gewechselt! Zum ersten Male in ihrem Leben machte sie sich eine wunderbare Idee von einem Concert oder einer Ballnacht und wünschte, gleich Aschenbrödel, eine gute Fee möchte sie durch die Lüste führen und in den Zauberpalast eintreten lassen, selbst wenn sie unsichtbar bleiben müßte, nur um sich an dem Anblick einer Vereinigung menschlicher, von Vergnügen beseelter Wesen zu erfreuen.

Der Mond hatte sich noch nicht erhoben und trotz der Reinheit des Himmels war der Schatten unter den Bäumen so dicht, daß Consuelo sich wohl unbemerkt darunter schleichen konnte, wenn sie auch von unsichtbaren Wächtern umgeben war. Eine heftige Versuchung ergriff sie und alle die dringenden Gründe, welche die Neugier uns darbietet, wenn sie unser Gewissen bestürmen will, traten in Masse vor ihren Geist.

Hatte man ihr Vertrauen bezeugt, als man sie schlafend und halbtodt in ihr vergoldetes, aber strenges Gefängniß brachte? Hatte man das Recht, von ihr blinde Unterwerfung zu erwarten, da man sich nicht einmal herabließ, sie von ihr zu verlangen? Uebrigens, wollte man sie durch das Scheinbild eines Festes nicht in Versuchung führen und anlocken? Wer weiß?

In dem Betragen der Unsichtbaren war Alles seltsam. Vielleicht, wenn sie aus ihrem Bezirk heraustrat, fand sie gerade eine offene Thür, eine Gondel auf dem Bache, der aus dem Park durch eine in der Mauer angebrachte Arkade durch ihren Garten floß. Sie verweilte bei dieser Vermuthung, der willkürlichsten von allen, und ging in den Gatten, das Abenteuer zu wagen.

Aber kaum hatte sie fünfzig Schritte gemacht, als sie in der Luft ein Geräusch hörte, welches ziemlich dem glich, das ein ungeheurer Vogel hervorbringt, wenn er sich plötzlich mit seinen Riesenflügeln in die Luft erhebt. Zu gleicher Zeit sah sie um sich her einen hellen blaßblauen Schein, der nach wenigen Sekunden erlosch, um fast sogleich sich mit einem ziemlich starken Knall wieder zu erneuen.

Da erkannte Consuelo, daß es weder der Blitz, noch ein Meteor war, sondern ein Feuerwerk, welches im Schlosse abgebrannt wurde. Diese Unterhaltung ihrer Wirthe versprach ihr von ihrer Terrasse herab ein schönes Schauspiel, und wie ein Kind, das die Langweile einer langen Buße zu zerstreuen sucht, kehrte sie eilig nach dem Pavillon zurück.

Aber bei dem Schein dieser langen künstlichen Blitze, welche den Garten bald mit rothem, bald mit blauem Feuer erhellten, sah sie zweimal einen großen schwarzen Mann unbeweglich neben sich stehen. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihn zu betrachten, als die leuchtende Kugel in einen Feuerregen sich verwandelte, schnell erlosch und alle Gegenstände in eine für die geblendeten Augen noch tiefere Dunkelheit begrub.

Da lief die erschrockene Consuelo nach der Seite hin, die der entgegengesetzt war, wo ihr das Gespenst erschienen war; doch bei der Rückkehr des unheimlichen Lichtes sah sie ihn abermals zwei Schritte weit von sich entfernt. Beim dritten Male war sie an der Freitreppe des Pavillons angelangt; er stand vor ihr und verschloß ihr den Weg.

Von einem unübersteiglichen Schrecken ergriffen, stieß sie einen durchdringenden Schrei aus und wankte. Sie wäre rücklings auf die Stufen niedergefallen, wenn der geheimnißvolle Gast sie nicht in seine Arme aufgenommen hätte. Aber kaum hatte er ihre Stirn mit seinen Lippen berührt, als sie den Chevalier, den Unbekannten wiedererkannte, Denjenigen, den sie liebte und von dem sie sich geliebt wußte.

6.

Die Freude, welche sie fühlte, als sie ihn wie einen tröstenden Engel in dieser unerträglichen Einsamkeit wiederfand, brachte alle Bedenklichkeiten, alle Besorgnisse zum Schweigen, die sie noch einige Augenblicke zuvor gehabt hatte, als sie ohne Hoffnung, ihn sobald wiederzusehen, an ihn dachte. Sie erwiederte leidenschaftlich seine Umarmung; und als er schon versuchte, sich aus ihren Armen loszumachen, um seine schwarze Maske, die ihm entfallen war, aufzunehmen, hielt sie ihn zurück und rief:

– Verlassen Sie mich nicht! Lassen Sie mich nicht allein!

Ihre Stimme war flehend, ihre Liebkosungen unwiderstehlich. Der Unbekannte sank zu ihren Füßen, verbarg sein Gesicht in die Falten ihres Gewands, das er mit Küssen bedeckte, blieb einige Augenblicke wie getheilt in Entzücken und Verzweiflung, raffte dann seine Maske wieder auf, drückte Consuelo einen Brief in die Hand, stürzte in den Pavillon und verschwand, ohne daß sie seine Züge hätte wahrnehmen können.

Sie folgte ihm und hoffte ihn bei dem Schein einer kleinen Alabasterlampe, welche Mattheus jeden Abend auf der Treppe anzündete, wiederzufinden, aber ehe sie einige Stufen hinaufgestiegen, war er unsichtbar geworden. Vergeblich durchsuchte sie alle Winkel des Pavillons, sie fand keine Spur von ihm, und ohne den Brief, den sie in ihrer zitternden Hand hielt, hätte sie glauben können, geträumt zu haben.

Endlich entschloß sie sich in ihr Boudoir zurückzugehen, um den Brief zu lesen, dessen Handschrift ihr dieses Mal mehr mit Absicht verstellt zu sein, als das Zeichen einer verwundeten Hand zu tragen schien. Er enthielt ungefähr Folgendes:

»Ich kann Sie weder sehen noch sprechen. Doch ist es mir nicht untersagt, Ihnen zu schreiben. Erlauben Sie mir es? Werden Sie dem Unbekannten zu antworten wagen? Wenn mir dieses Glück würde, könnte ich Ihre Briefe in einem Buche finden, das Sie des Abends auf der Bank im Garten am Rande des Wassers zurückließen, und auch die meinigen hineinlegen.

Ich liebe Sie leidenschaftlich, unbegränzt, wahnsinnig. Ich bin besiegt, meine Kraft ist gebrochen; meine Thätigkeit, mein Eifer, meine Begeisterung für das Werk, dem ich mich gewidmet habe, Alles, ja sogar das Gefühl der Pflicht ist in mir vernichtet, wenn Sie mich nicht lieben.

Durch meinen Schwur und die freiwillige Hingebung meines Willens an seltsame und furchtbare Pflichten gebunden, schwanke ich zwischen dem Gedanken der Schmach und des Selbstmords; denn ich kann mich nicht überreden, daß Sie mich wahrhaft lieben und daß das Mißtrauen und die Furcht ihre unwillkürliche Liebe für mich Jetzt nicht schon vertilgt habe.

Könnte es anders sein? ich bin Ihnen nur ein Schatten, der Traum einer Nacht, die Täuschung eines Augenblicks.

Ach, um Ihre Liebe zu gewinnen, stehe ich zwanzigmal des Tages bereit, meine Ehre zu diesem, zum Verräther an meinem Wort zu werden, mein Gewissen durch einen Meineid zu beflecken. Könnten Sie aus diesem Gefängniß fliehen, so würde ich Ihnen bis an's Ende der Welt folgen, müßte ich auch durch ein Leben voll Schande und Gewissensbisse das Entzücken büßen, Sie, wenn auch nur für einen Tag, zu sehen und von Ihnen, wäre es auch nur einmal, zu hören: »Ich liebe Sie.«

Und doch, wenn Sie sich weigern, sich dem Werke der Unsichtbaren anzuschließen, wenn die Schwüre, die man wahrscheinlich bald von Ihnen fordern wird, Ihr Entsetzen und Ihren Widerwillen erregen, so ist es mir verboten, Sie jemals wiederzusehen! …

Aber ich gehorche nicht, ich kann nicht gehorchen. Nein, ich habe genug gelitten, mich genug bemüht, genug der Sache der Menschheit gedient. Wenn Sie der Lohn meiner Opfer nicht sind, entsage ich ihnen. Mit Schmach bedeckt kehre ich in die Welt zurück, zu ihren Gesetzen und Gewohnheiten.

Meine Vernunft ist getrübt, Sie sehen es wohl. O, haben Sie Mitleid, sagen Sie mir nicht, daß Sie mich nicht mehr lieben, ich könnte diesen Schmerz nicht ertragen, ich würde nicht daran glauben, oder wenn ich es glaubte, müßte ich sterben.«

Consuelo las dieses Billet mitten unter dem Prasseln und den Schlägen des Feuerwerks, ohne es zu hören.

Ganz in den Brief versunken, fühlte sie jedoch, ohne es selbst zu wissen, die electrische Bewegung, welche das Entzünden des Pulvers und im Allgemeinen jedes heftige Geräusch, besonders auf leicht empfindliche Organisationen, ausübt. Es hat einen besondern Einfluß auf die Einbildungskraft, wenn es nicht physisch durch schmerzliches Erzittern auf einen schwachen, krankhaften Körper wirkt. Es erhebt im Gegentheil den Geist und die Sinne kühner und gut constituirter Menschen. Es erweckt sogar bei einigen Frauen den Instinkt des Muthes, Ideen des Kampfes und fast ein unbestimmtes Bedauern, nicht Männer zu sein. Kurz, wenn in der Stimme des Waldbachs, der sich schäumend daherstürzt, in dem Toben der Woge, welche sich an Steinen bricht, in dem Rollen des Donners ein Ton waltet, welcher fast eine Art musikalischen Genusses hervorbringt, so findet sich dieser Laut des Zornes, der Drohung, des Stolzes, die Stimme der Kraft, wenn man so sagen darf, auch in den Schlägen der Kanone, in dem Pfeifen der Kugeln, und in den tausend Tönen der Luft, welche im Feuerwerk das Getümmel einer Schlacht nachahmen.

Consuelo empfand vielleicht diese Wirkung, während sie den ersten wirklichen Liebesbrief, das erste zärtliche Billet las, das sie je erhalten hatte. Sie fühlte sich von Muth, Tapferkeit, fast von Verwegenheit beseelt. Eine Art Trunkenheit ließ sie diese Liebeserklärung wärmer und überzeugender finden, als alle Worte Albert's, so wie sie den Kuß des Unbekannten glühender und lieblicher gefunden, als alle die von Anzoleto.

Sie setzte sich sogleich nieder zum Schreiben, und während das Feuerwerk das Echo des Parks aufweckte, während der Geruch des Salpeters den Duft der Blumen erstickte und das bengalische Feuer den Pavillon erleuchtete, ohne daß sie darauf zu achten schien, antwortete sie:

»Ja, ich liebe Sie, ich habe es gesagt, ich habe es Ihnen gestanden; und sollte es mich auch reuen, sollte ich auch tausendmal darüber erröthen müssen, ich kann aus dem seltsamen, unbegreiflichen Buche meines Geschicks nie das Blatt reißen, das ich selbst geschrieben habe und das in Ihren Händen ist!

Es war vielleicht der Ausdruck eines verdammlichen, wahnsinnigen Gefühls, das ich aber in tiefer Wahrheit mit glühendem Bewußtsein empfand.

Sollten Sie auch der Letzte der Männer sein, ich würde nicht weniger in Ihnen mein Ideal erkennen! Sollten Sie mich auch durch ein verächtliches, grausames Betragen herabwürdigen, ich würde demungeachtet in der Berührung mit Ihrem Herzen eine Trunkenheit gefühlt haben, die ich noch nie empfunden und die mir eben so heilig schien, als die Engel rein sind.

Sie sehen, ich wiederhole Ihnen, was Sie mir als Antwort auf die von mir an Beppo gerichteten vertraulichen Mittheilungen geschrieben. Wir wiederholen nur einander das, von dem wir Beide, wie ich glaube, lebhaft durchdrungen und gewissenhaft überzeugt sind.

Warum und wie sollten wir uns täuschen? Wir kennen uns nicht, wir werden uns vielleicht nie kennen lernen! Wir lieben uns doch und wir können uns eben so wenig die erste Ursache dieser Liebe erklären, als ihr geheimnißvolles Ende vorhersehen.

Sehen Sie, ich überlasse mich Ihrem Worte, Ihrer Ehre; ich bekämpfe das Gefühl nicht, das Sie mir einflößen. Lassen Sie mich nicht mich selbst täuschen. Ich verlange nichts auf der Welt von Ihnen, als mir nur nicht Liebe zu heucheln, mich nie wieder zu sehen, wenn Sie mich nicht lieben, mich meinem Geschick zu überlassen, welches es auch sei, ohne Furcht, daß ich Sie des kurzen Traumes von Glück wegen, das Sie mir gegeben haben, anklage oder Ihnen fluche. Ich glaube, ich verlange damit von Ihnen nichts besonders Schweres.

In manchen Augenblicken, ich gestehe es Ihnen, ergreift mich Entsetzen über das blinde Vertrauen, das mich zu Ihnen zieht. Aber sobald Sie erscheinen, sobald meine Hand in der Ihrigen ruht, oder wenn ich Ihre Handschrift erblicke (und doch ist Ihre Handschrift verstellt und unkenntlich gemacht, als wollten Sie nicht, daß ich das geringste äußere und sichtbare Zeichen von Ihnen erkennen sollte); ja, wenn ich nur das Geräusch Ihrer Schritte höre, verschwindet alle meine Furcht und ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß Sie mein bester Freund auf Erden sind.

Aber warum verbergen Sie sich also, welches furchtbare Geheimniß bedeckt Ihre Maske und Ihr Schweigen? Habe ich Sie schon gesehen? Muß ich Sie an dem Tage, wo ich Ihren Namen erfahren, wo ich Ihre Züge sehen werde, fürchten und zurückstoßen? Wenn Sie mir völlig unbekannt sind, wie Sie mir es geschrieben haben, warum gehorchen Sie so blindlings dem seltsamen Gesetz der Unsichtbaren, da Sie mir doch heute schreiben, Sie seien bereit, sich von ihnen loszumachen, um mir bis ans Ende der Welt zu folgen? Und wenn ich, um mit Ihnen zu fliehen, von Ihnen verlangte, keine Geheimnisse mehr für mich zu haben, würden Sie die Maske ablegen? würden Sie mit mir sprechen?

Um Sie kennen zu lernen, sagen Sie, müsse ich mich verbinden … wozu? müsse ich mich durch Schwüre an die Unsichtbaren fesseln … aber zu welchem Endzweck? Wie, ich soll mit geschlossenen Augen, unbewußt, den Geist in Finsterniß verhüllt, meinen Willen hingeben, mich blindlings überlassen, wie Sie es selbst gethan haben, doch wenigstens nachdem Sie den Zweck erkannten? Und um mich zu unerhörten Beweisen einer blinden Ergebung zu bestimmen, wollen Sie die Regeln Ihres Ordens nicht im geringsten überschreiten? denn ich sehe es wohl, Sie gehören einem jener geheimnißvollen Orden, die man hier geheime Gesellschaften nennt und die in Deutschland zahlreich sein sollen. Wenn es nur nicht ganz einfach eine politische Verschwörung ist gegen wie man es mir in Berlin sagte.

Nun, wie dem auch sei, wenn man mir die Freiheit läßt, zurückzutreten, sobald man mich von dem unterrichtet, was man von mir verlangt, so will ich mich durch die furchtbarsten Schwüre verbindlich machen, nie etwas davon zu enthüllen. Kann ich mehr thun, ohne der Liebe eines Mannes unwürdig zu werden, der die Gewissenhaftigkeit und die Treue gegen seinen Eid so weit treibt, daß er mir nicht einmal das Wort hören lassen will, das ich selbst, der meinem Geschlecht auferlegten Klugheit und Züchtigkeit entgegen, ausgesprochen habe: › Ich liebe Sie?‹«

Consuelo barg diesen Brief in ein Buch, welches sie an den angezeigten Ort in dem Garten niederlegte; dann entfernte sie sich mit langsamen Schritten und hielt sich lange Zeit im Gebüsch verborgen, in der Hoffnung, den Chevalier ankommen zu sehen und bei dem Gedanken zitternd, das Geständniß ihrer geheimsten Gedanken, das leicht in fremde Hände kommen konnte, hier zu lassen.

Doch da die Stunden verstrichen, ohne daß Jemand erschien und sie sich der Worte des Briefes erinnerte: »Ich werde Ihre Antwort während ihres Schlafes holen,« glaubte sie sich völlig seinem Willen gemäß betragen zu müssen und zog sich in ihr Gemach zurück, wo sie nach tausend aufgeregten, bald schmerzlichen, bald lieblichen Gedanken endlich unter den schwachen Tönen der Ballmusik, welche begann, unter den Fanfaren, welche während des Abendessens ertönten, und dem fernen Rollen der Wagen, welches beim Anbruche des Tages die Abfahrt der Gäste aus dem Schlosse verkündigte, einschlief.

Punkt neun Uhr trat die Gefangene in den Saal, wo sie gewöhnlich ihre Mahlzeit hielt, die sie stets mit einer gewissenhaften Pünktlichkeit und einer ihrer Wohnung würdigen Feinheit aufgetragen fand. Mattheus stand in der ehrfurchtsvollen phlegmatischen Haltung, die ihm gewöhnlich war, hinter ihrem Stuhle.

Consuelo kam eben aus dem Garten zurück. Der Chevalier hatte ihren Brief geholt, denn er war nicht mehr in dem Buche. Aber Consuelo hatte gehofft, auch einen Brief von ihm zu finden, und sie beschuldigte ihn schon der Lauheit in ihrem Briefwechsel. Sie fühlte sich unruhig aufgeregt und von der Unbeweglichkeit des Lebens, zu dem man sie hartnäckig zu verdammen schien, ein wenig aufgeregt.

Sie beschloß also auf gutes Glück, lebendiger zu werden, um zu sehen, ob sie den Lauf der Ereignisse, die man um sie her langsam bereitete, nicht beschleunigen könnte. Zum ersten Male war gerade an diesem Tage Mattheus düster und schweigsam.

– Nun, Meister Mattheus, sagte sie mit gezwungener Heiterkeit, ich sehe, trotz Ihrer Maske, daß Ihre Augen matt, Ihre Züge ermüdet sind; Sie haben wohl wenig geschlafen diese Nacht?

– Gnädige Frau thun mir zu viel Ehre an, mich zur Zielscheibe Ihres Witzes zu machen, antwortete Mattheus ein Wenig scharf; doch da die gnädige Frau das Glück haben, mit unbedecktem Gesicht zu leben, so wird es mir leicht, zu sehen, daß Sie mir die Ermüdung und die Schlaflosigkeit zuschreiben, an der Sie selbst diese Nacht gelitten haben.

– Ihre sprechenden Spiegel haben mir das vor Ihnen gesagt, Herr Mattheus. Ich weiß, ich bin sehr häßlich geworden und ich denke, ich werde es bald noch mehr werden, wenn die Langeweile noch ferner an mir nagt.

– Die gnädige Frau langweilen sich? erwiederte Mattheus in demselben Tone, als wenn er gesagt hätte: Die gnädige Frau haben geschellt?

– Ja, Mattheus, ich langweile mich entsetzlich und fürchte, ich kann diese Abschließung nicht länger ertragen. Da man mich weder mit einem Besuch, noch mit einem Brief beehrt hat, so denke ich, man hat mich vergessen; und da Sie die einzige Person sind, welche die Gefälligkeit hat, es nicht auch zu thun, so glaube ich, es ist mir erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich nach und nach meine Lage seltsam und unbequem finde.

– Ich darf mir nicht erlauben, die Lage der gnädigen Frau zu beurtheilen, antwortete Mattheus, doch dächte ich, gnädige Frau hätten vor nicht gar langer Zeit einen Besuch und einen Brief erhalten.

– Wer hat Ihnen so etwas gesagt, Meister Mattheus? fragte Consuelo erröthend.

– Ich würde es sagen, erwiederte er im Tone scherzhafter Ironie, wenn ich nicht fürchtete, die gnädige Frau zu beleidigen und sie zu langweilen, indem ich mir die Freiheit nehme, mit ihr zu sprechen.

– Wären Sie mein Diener, Meister Mattheus, so weiß ich nicht, welchen hohen Ton ich gegen Sie annehmen würde; aber da ich bis jetzt noch wenig andere Diener gehabt habe, als mich selbst, und da Sie überdies hier weit mehr mein Hüter, als mein Haushofmeister sind, so gebe ich Ihnen die Erlaubniß, zu sprechen, wenn es Ihnen noch eben so viel Freude macht, als früher. Sie haben diesen Morgen zu viel Geist, um mich zu langweilen.

– Die gnädige Frau langweilen sich wohl nur zu sehr, um in diesem Augenblicke schwierig zu sein. Ich will Ihnen also erzählen, daß diese Nacht auf dem Schlosse große Gesellschaft war.

– Ich weiß es, ich habe das Feuerwerk und die Musik gehört.

– Dann hat eine Person, die seit der Ankunft der gnädigen Frau hier sehr bewacht wird, geglaubt, die Verwirrung und das Geräusch des Festes benutzen zu können, um sich, trotz des strengsten Verbots, in den verschlossenen Park zu schleichen. Das hat ein unangenehmes Ereigniß zur Folge gehabt … Doch ich fürchte der gnädigen Frau Kummer zu bereiten, wenn ich Sie davon benachrichtige.

– Ich glaube jetzt, der Kummer ist der Langweile und der Besorgniß vorzuziehen. Sprechen Sie also schnell, Herr Mattheus.

– Nun, gnädige Frau, diesen Morgen sah ich den liebenswürdigsten, den jüngsten, den schönsten, den bravsten, den großmüthigsten, den geistreichsten und größten von allen meinen Gebietern, den Chevalier Liverani, ins Gefängniß führen.

– Liverani? Wer heißt Liverani? rief Consuelo lebhaft bewegt. Ins Gefängniß, den Chevalier? Sagen Sie! … Ach Gott, wer ist der Chevalier, wer ist dieser Liverani?

– Ich habe ihn der gnädigen Frau genugsam bezeichnet. Ich weiß nicht, ob Sie ihn wenig oder viel kennen; aber gewiß ist es, daß er in den dicken Thurm geführt worden ist, weil er mit der gnädigen Frau gesprochen, ihr geschrieben hat und Sr. Durchlaucht die Antwort nicht hat zeigen wollen, die Sie ihm gegeben haben.

– In den dicken Thurm …? Sr. Durchlaucht! … Sprechen Sie im Ernst, Mattheus? Bin ich hier in der Gewalt eines souveränen Fürsten, der mich als Staatsgefangene behandelt und seine Unterthanen züchtigt, wenn sie mir einiges Interesse oder Mitleid bezeigen! Oder treibt irgend ein reicher, barocker Herr sein Spiel mit mir, und sucht mich zu erschrecken, um für geleistete Dienste meinen Dank zu gewinnen?

– Es ist mir nicht verboten, der gnädigen Frau zu sagen, daß Sie bei einem sehr reichen Fürsten sind, welcher sehr geistreich, großer Philosoph …

– Und das Haupt der Unsichtbaren ist? fügte Consuelo hinzu.

– Ich weiß nicht, was die gnädige Frau damit sagen wollen, antwortete Mattheus mit der größten Gleichgültigkeit. Unter den Titeln und Würden Sr. Durchlaucht habe ich nie diesen Namen gefunden.

– Doch ist es mir nicht erlaubt, diesen Fürsten zu sehen, mich zu seinen Füßen zu werfen und ihn um die Freiheit des Chevalier Liverani zu bitten, der ganz unschuldig an dieser Indiscretion ist, ich kann es beschwören.

– Ich weiß nicht und glaube, es würde wenigstens sehr schwer halten. Doch habe ich alle Abende für einige Augenblicke Zutritt bei Sr. Durchlaucht, um ihm von der Gesundheit und der Beschäftigung der gnädigen Frau Rechenschaft zu geben und wenn die gnädige Frau schreiben wollen, so würde es mir vielleicht gelingen, ihm dieses Billet vorzulegen, ohne daß es durch die Hände der Secretäre geht.

– Lieber Herr Mattheus, Sie sind die Güte selbst und ich bin gewiß, daß Sie das Vertrauen des Fürsten besitzen müssen. Ja, gewiß werde ich schreiben, da Sie so gütig sind, sich für den Chevalier zu interessiren.

– Es ist wahr, ich interessire mich für ihn mehr als für jeden Andern. Er hat mich bei einer Feuersbrunst mit Gefahr seines eigenen Lebens gerettet, mich gepflegt und von meinen Brandwunden geheilt. Er hat mir die Sachen wieder erstattet, die ich verloren hatte, ganze Nächte bei mir gewacht, als wenn er mein Diener und ich sein Herr wäre. Er hat eine Nichte, die ich hatte, dem Laster entzogen und durch seine guten Worte und seine edle Hülfe wieder zu einer ehrlichen Frau gemacht. Wie viel Gutes hat er nicht in diesem ganzen Lande und in ganz Europa, wie man versichert, gethan! Es ist der vollkommenste junge Mann auf Erden und Se. Durchlaucht liebt ihn wie seinen eignen Sohn.

– Und doch schickt ihn Sr. Durchlaucht für ein so leichtes Vergehen ins Gefängniß!

– Ach, gnädige Frau wissen nicht, daß es in den Augen Sr. Durchlaucht in Bezug auf Indiscretion kein leichtes Vergehen giebt.

– Es ist also ein sehr herrischer Fürst?

– Bewundernswürdig gerecht, aber furchtbar streng.

– Und was kann ich ihm bei den andern Beschäftigungen seines Geistes und bei den Entscheidungen seines Conseils sein?

– Das weiß ich nicht, wie gnädige Frau wohl denken mögen. Zu jeder Zeit gehen gar viele Geheimnisse in dem Schlosse vor, besonders wenn der Fürst einige Wochen daselbst sich aufhält, was nicht oft geschieht. Ein armer Diener, wie ich, der sich erlauben wollte, sie zu ergründen, würde nicht lange geduldet werden, und da ich der Aelteste der Dienerschaft im Hause bin, so begreifen die gnädige Frau wohl, daß ich weder neugierig, noch schwatzhaft sein darf, sonst …

– Ich verstehe, Herr Mattheus. Aber wäre es unbescheiden, wenn ich Sie frage, ob der Chevalier in seinem Gefängniß streng behandelt wird?

– Es muß wohl so sein, gnädige Frau. Obgleich ich nicht weiß, was im Thurm und in den unterirdischen Gewölben vorgeht; so habe ich wohl viele hineingehen, aber Niemanden herauskommen sehen. Ich weiß nicht, ob es geheime Ausgänge in den Wald giebt; ich wenigstens kenne keinen in den Park.

– Sie machen mich zittern, Mattheus! Wäre es denn möglich, daß ich auf das Haupt dieses trefflichen jungen Mannes ernstes Unglück herabgezogen hätte? Sagen Sie mir, hat der Fürst einen heftigen oder kalten Charakters wird sein Urtheil von vorübergehendem Unwillen, oder von bedachter, dauernder Unzufriedenheit diktirt?

– Das sind Dinge, über die es mir nicht geziemt, zu sprechen, antwortete Mattheus kalt.

– Nun, so sprechen Sie wenigstens vom Chevalier. Ist er ein Mann, der um Gnade bittet und sie erhält, oder der sich in hochmüthiges Schweigen verschließt?

– Er ist freundlich und sanft, voll Achtung und Gehorsam gegen Seine Durchlaucht. Doch wenn die gnädige Frau ihm ein Geheimniß anvertraut haben, so können Sie ruhig sein; er ertrüge eher die größten Qualen, als daß er das Geheimniß eines Andern preisgäbe, wäre es auch das Ohr seines Beichtvaters.

– Nun, so werde ich es selbst Sr. Durchlaucht entdecken, dieses Geheimniß, welches er für wichtig genug hält, sich gegen einen Unglücklichen zu erzürnen. O, guter Mattheus! könnten Sie nicht meinen Brief sogleich forttragen?

– Vor der Nacht unmöglich, gnädige Frau.

– Gleichviel, ich will ihn sogleich schreiben. Vielleicht kann sich eine unerwartete Gelegenheit darbieten.

Consuelo ging in ihr Kabinet und bat den unbekannten Fürsten schriftlich um eine Zusammenkunft, in welcher sie sich verbindlich machte, aufrichtig auf alle Fragen, die man an sie richten würde, zu antworten.

Um Mitternacht brachte Mattheus folgende versiegelte Antwort:

»Wenn Sie mit dem Fürsten sprechen wollen, so ist Ihre Bitte unsinnig. Sie werden ihn nicht sehen, nicht kennen lernen, nie seinen Namen erfahren. – Willst du vor dem Gerichtshof der Unsichtbaren erscheinen, so wird man dir Gehör schenken; aber denke an die Folgen deines Entschlusses, er entscheidet über dein Leben und über das eines Andern.«

7.

Sie mußte sich noch vierundzwanzig Stunden nach Empfang dieses Briefes gedulden. Mattheus erklärte, er wolle sich lieber die Hand abhauen lassen, als den Fürsten nach Mitternacht aufzusuchen. Beim Frühstück des andern Morgens zeigte er sich etwas mittheilsamer als am Abend vorher, und Consuelo glaubte zu bemerken, daß die Gefangennahme des Chevalier ihn so gegen den Fürsten erbittert habe, daß er nicht geringe Lust verspüre, zum ersten Male in seinem Leben das Gelübde des Schweigens zu brechen.

Doch als sie ihn ungefähr eine Stunde hatte sprechen lassen, sah sie sich nicht klüger als zuvor. Sei es nun, daß er den Einfältigen gespielt hatte, um Consuelo's Gedanken und Gesinnungen zu erforschen, sei es, daß er über das Wesen der Unsichtbaren und den Antheil, den sein Herr an ihren Handlungen nahm, nichts wußte; Consuelo schwankte in einer seltsamen Verwirrung von widersprechenden Begriffen.

Ueber Alles, was die gesellschaftliche Stellung des Fürsten betraf, hatte Mattheus nichts gesagt, unter dem Vorwande, es sei ihm unmöglich, das ihm auferlegte strenge Stillschweigen zu brechen. Zwar zuckte er die Achseln, als er diesen seltsamen Befehl erwähnte; er gestand, daß er die Nothwendigkeit, im Verkehr mit den Personen, welche in kürzern oder längern Zwischenräumen und für kürzere oder längere Zeit nach und nach den Pavillon bewohnt hatten, eine Maske zu tragen nicht begriffe; er könne nicht umhin, zu sagen, daß die Launen seines Herrn unbegreiflich wären, daß er sich geheimnißvollen Arbeiten hingäbe, aber jede Neugier, wie jede Indiscretion wurde bei ihm durch die Furcht vor den entsetzlichen Züchtigungen gelähmt, über deren Natur er sich nicht näher erklärte.

Kurz, Consuelo erfuhr nichts, außer, daß seltsame Dinge im Schlosse vorgingen, daß man des Nachts wenig schliefe, daß alle Diener Gespenster gesehen hätten und daß Mattheus, der sich für keck und vorurtheilsfrei ausgab, oft des Winters im Park zu Zeiten, wo der Fürst abwesend und das Schloß unbewohnt gewesen wäre, Gestalten gesehen hätte, vor denen er sich entsetzt habe, und die hereingekommen und herausgegangen wären, ohne daß er wisse wie.

Das Alles warf kein helles Licht auf Consuelo's Lage. Sie mußte sich drein ergeben, den Abend zu erwarten, um folgende neue Bittschrift abzusenden:

»Was auch für mich daraus erfolgen mag, ich verlange inständig und dringend, vor dem Tribunal der Unsichtbaren zu erscheinen.«

Der Tag schien ihr unerträglich lang; sie suchte ihre Ungeduld und ihre Unruhe zu beschwichtigen, indem sie Alles sang, was sie im Gefängniß über den Schmerz und die Langweile der Einsamkeit componirt hatte, und schloß diese Wiederholung beim Eintritt der Nacht mit der herrlichen Arie der Almirena in Händel's Rinaldo.

Lassia ch'io pianga
La dura sorte,
E ch'io sospiri
La libertà. Laß mich beklagen
Das harte Loos
Und laß mich seufzen
Nach meiner Freiheit.

Kaum hatte sie ihren Gesang geendet, als eine Violine von außerordentlich starkem Ton draußen die bewundernswürdige Arie, die sie eben gesungen hatte, mit einem eben so schmerzlichen und eben so ergreifenden Ausdruck wiederholte, den sie hineingelegt hatte.

Consuelo eilte ans Fenster, sah aber Niemanden und die Töne verloren sich in der Ferne. Es schien ihr, als wenn dieses Instrument und dieses wundervolle Spiel nur dem Grafen Albert angehören könne; doch verbannte sie bald diesen Gedanken, als einen, der sie in die Reihe von schmerzlichen und für ihre Vernunft gefährlichen Täuschungen zurückwerfen müsse, von denen sie schon so viel gelitten hatte. Sie hatte von Albert nie ein Motiv neuerer Musik spielen hören und nur ein gestörter Geist könne, wie sie meinte, jedes Mal ein Gespenst aufrufen, wenn der Ton einer Violine sich hören ließe.

Demungeachtet fühlte sich Consuelo so beunruhigt und versank in so trübe und tiefe Gedanken, daß sie erst um neun Uhr des Abends bemerkte, Mattheus habe ihr weder das Mittagessen noch das Abendessen gebracht und sie sei seit dem Morgen noch nüchtern. Dieser Umstand erregte in ihr die Furcht, Mattheus möchte, wie der Chevalier, das Opfer der Theilnahme geworden sein, die er ihr bezeigt habe. Wahrscheinlich hatten die Mauern Augen und Ohren. Vielleicht hatte Mattheus zu viel gesprochen; er hatte gegen das Verschwinden des Liverani leise gemurrt, und das war wahrscheinlich genug, um ihn dessen Schicksal theilen zu lassen.

Diese neue Besorgniß hinderte Consuelo, das Unbehagen des Hungers zu fühlen. Doch der Abend rückte immer weiter vor und Mattheus erschien nicht. Sie entschloß sich zu klingeln. Niemand kam. Sie fühlte sich außerordentlich schwach und besonders höchst bestürzt. Den Kopf in ihren Händen, ließ sie in ihrem von den Leiden des Hungers schon etwas geschwächten Geiste die seltsamen Ereignisse ihres Lebens an sich vorübergehen und fragte sich, ob das Alles die Erinnerung der Wirklichkeit oder eines langen Traumes sei, als eine Hand, kalt wie Marmor, sich auf ihren Kopf legte und eine leise, aber tiefe Stimme ihr die Worte zurief:

– Deine Bitte ist erhört, folge mir.

Consuelo, die nicht daran gedacht hatte, ihr Zimmer zu erleuchten, aber bis jetzt die Gegenstände in der Dunkelheit deutlich wahrgenommen hatte, versuchte Denjenigen, welcher mit ihr sprach, anzusehen. Sie fand sich plötzlich in so dicker Finsterniß, als wenn die Atmosphäre undurchdringlich und der gestirnte Himmel ein Bleigewölbe geworden wäre. Sie legte die Hand an ihre der Luft beraubte Stirn und fand eine eben so leichte und eben so undurchdringliche Kappe, wie die, welche Cagliostro einst über ihren Kopf geworfen hatte, ohne daß sie es fühlte.

Fortgezogen von einer unsichtbaren Hand, stieg sie die Treppe des Pavillons hinab; doch bald bemerkte sie, daß sie mehr Stufen hatte, als sie früher wahrgenommen, und daß sie sich in Gewölbe hinabsenkte, in denen sie ungefähr eine halbe Stunde hinging. Die Ermattung, der Hunger, die Aufregung und eine erdrückende Hitze machten ihre Schritte immer langsamer; bei jedem Schritt fühlte sie sich schwächer werden und war nahe daran, um Schonung zu bitten. Doch ein gewisser Stolz, der ihr fürchten ließ, scheinbar vor ihrem Entschluß zurückzuweichen, bewog sie, muthig mit sich selbst zu kämpfen.

Endlich kam sie an das Ziel ihrer Wanderung und man ließ sie niedersetzen. In diesem Augenblicke hörte sie einen unheimlichen Ton, wie den eines TamTam, welcher langsam die Mitternachtstunde schlug, und mit dem letzten Schlage wurde die Kappe von ihrem in Schweiß gebadeten Kopfe abgenommen.

Anfangs war sie von dem Glanz der Lichter, die ihr gegenüber auf einem einzigen Punkt vereinigt waren und an der Mauer ein großes flammendes Kreuz abzeichneten, geblendet. Als ihre Augen sich an den Schein gewöhnt hatten, sah sie, daß sie in einem großen, gothischen Saale sich befand, dessen Spitzbogenwölbe dem eines tiefen Kerkers oder einer unteridischen Kapelle glich.

Im Hintergrunde dieses Gemachs, dessen Anblick und Beleuchtung wahrhaft unheimlich waren, entdeckte sie sieben in rothe Mäntel gehüllte Personen, deren Gesicht mit weißen Todtenmasken bedeckt war, die ihnen den Anblick von Leichnamen gaben. Sie saßen an einer langen Tafel von schwarzem Marmor. Vor derselben und auf einer niedrigern Stufe saß ein achtes Gespenst, schwarz gekleidet und mit einer weißen Maske versehen. An jeder Seite der Seitenmauern standen ungefähr zwanzig Männer in schwarzen Mänteln und Masken, unbeweglich. Consuelo sah sich um und blickte auch hinter sich schwarze Phantome. An jeder Thür standen zwei von ihnen, ein breites, blitzendes Schwert in ihrer Hand.

Unter andern Umständen würde sich vielleicht Consuelo gesagt haben, diese ganze unheimliche Ceremonie sei nur ein Spiel, eine jener Prüfungen, von denen sie in Berlin bei Gelegenheit der Freimaurerlogen hatte sprechen hören. Aber außerdem, daß die Freimaurer sich nicht zu Richtern aufwarfen und sich nicht das Recht anmaßten, in ihren geheimen Versammlungen nichteingeweihte Personen erscheinen zu lassen, fühlte sie sich auch durch Alles, was diesem Auftritt vorhergegangen war, gestimmt, ihn sehr ernsthaft, ja sogar entsetzlich zu finden. Sie bemerkte, daß sie sichtbar zittere und ohne die fünf Minuten, in denen die Versammlung ein tiefes Schweigen beobachtete, hätte sie nicht die Kraft gehabt, sich zu sammeln und zur Antwort vorzubereiten.

Endlich erhob sich der achte Richter und gab den beiden Männern, welche, ein Schwert in der Hand, zu beiden Seiten Consuelo's standen, ein Zeichen sie bis zum Tribunal zu führen, wo sie in scheinbar ruhiger und muthiger Haltung stehen blieb. –

– Wer sind Sie und was verlangen Sie? fragte der schwarze Mann, ohne aufzustehen.

Consuelo blieb einige Augenblicke verlegen, endlich faßte sie Muth und antwortete:

– Ich bin Consuelo, Sängerin meinem Stande nach, genannt Zingarella und die Porporina.

– Hast du keinen andern Namen? erwiederte der Sprecher.

Consuelo zögerte, dann sagte sie:

– Ich könnte wohl einen andern Namen ansprechen; doch habe ich mein Ehrenwort gegeben, es nie zu thun.

– Hoffst du denn irgend etwas diesem Gericht zu verbergen? Glaubst du vor gewöhnlichen Richtern zu stehen, erwählt, im Namen eines rohen und blinden Gesetzes, gemeine Interessen zu beurtheilen? Was willst du hier, wenn du uns durch eitle Ausflüchte zu täuschen gedenkst! Nenne dich, laß dich für das erkennen, was du bist, oder entferne dich.

– Ihr, die Ihr wißt, wer ich bin, Ihr wißt wahrscheinlich ebenfalls, daß mein Schweigen eine Pflicht ist, und könnt mich nur auffordern, darin zu beharren.

Einer der Rothmäntel neigte sich, gab den Schwarzmänteln ein Zeichen und augenblicklich verließen diese Alle den Saal mit Ausnahme des Redners, welcher seinen Platz behielt und auf folgende Weise das Wort wieder nahm:

– Gräfin von Rudolstadt, jetzt, wo das Verhör geheim ist und Sie sich nur in Gegenwart Ihrer Richter befinden, läugnen Sie immer noch, daß Sie die rechtmäßige Gattin des Grafen Albert Podiebrad sind, nach den Anmaßungen seiner Familie Rudolstadt genannt.

– Ehe ich auf diese Frage antworte, sagte Consuelo mit Festigkeit, verlange ich zu wissen, welche Macht hier über mich gebietet und welches Gesetz mich verpflichtet, sie anzuerkennen.

– Welches Gesetz gedenkst du denn anzurufen, ein göttliches oder ein menschliches? Das Gesetz der Gesellschaft stellt dich noch immer unter die absolute Herrschaft Friedrichs des Zweiten, Königs von Preußen, Kurfürsten von Brandenburg, aus dessen Gebiet wir dich entführt haben, um dich einer endlosen Gefangenschaft und, du weißt es wohl, noch entsetzlichem Gefahren zu entziehen.

– Ich weiß, sagte Consuelo, das Knie beugend, daß eine ewige Dankbarkeit mich an Euch fesselt. Ich will also nur das göttliche Gesetz anrufen und bitte Euch, mir das der Dankbarkeit zu erklären. Befiehlt es mir, Euch zu segnen und mich aufrichtigen Herzens Euch zu weihen, so nehme ich es an; doch wenn es von mir verlangt, aus Gefälligkeit für Euch die Gebote meines Gewissens zu verletzen, muß ich es nicht verwerfen? Urtheilt selbst.

– Möchtest du in der Welt denken und handeln wie du sprichst! Aber die Umstände, die dich hier in unsere Macht geben, übersteigen jeden gewöhnlichen Gedanken. Wir sind über jedes menschliche Gesetz erhaben, wie du aus unserer Macht hast schließen können. Ebenso stehen wir jeder menschlichen Rücksicht entfremdet. Vorurtheile des Vermögens, des Ranges und der Geburt, Bedenklichkeiten und zarte Rücksichten für gewisse Stellungen, Furcht vor der öffentlichen Meinung, Achtung sogar für die gegen die Ideen und Personen der Welt eingegangenen Verpflichtungen, das Alles hat für uns keinen Sinn, in unsern Augen keinen Werth, sobald wir fern von dem Auge der Menschen vereinigt und mit dem Schwert der göttlichen Gerechtigkeit bewaffnet, in unsrer Hand die Spielzeuge Eures frivolen, furchtsamen Daseins wägen. Erkläre dich also ohne Umschweif vor uns, die wir die Stützen, die Familie und das lebende Gesetz jedes freien Wesens sind. Wir hören dich nicht, wenn wir nicht erst wissen, in welcher Eigenschaft du hier erscheinst. Spricht die Zingarella Consuelo, oder die Gräfin Rudolstadt zu uns?

– Da die Gräfin von Rudolstadt auf alle ihre Rechte in der Gesellschaft Verzicht geleistet hat, so kann sie hier keins in Anspruch nehmen. Die Zingarella Consuelo …

– Halt ein und erwäge die Worte, die du zu uns sprichst. Wenn dein Gatte lebte, hättest du das Recht, deine Treue ihm zu entziehen, seinen Namen abzuschwören, sein Vermögen von dir zu stoßen, mit einem Worte die Zingarella Consuelo wieder zu werden, um den kindischen und wahnsinnigen Stolz seiner Familie und seiner Kaste zu schonen?

– Nein, gewiß nicht.

– Und glaubst du also, der Tod habe für immer Eure Bande gelöst und du seist dem Andenken Alberts weder Achtung, noch Liebe, noch Treue schuldig?

Consuelo erröthete, wurde verlegen und erblaßte dann. Der Gedanke, daß man ihr von Neuem, wie Cagliostro und der Graf von St. Germain, von der möglichen Wiederauflebung Alberts sprechen und vielleicht sogar sein Phantom zeigen wolle, erfüllte sie mit einem solchen Entsetzen, daß sie nicht antworten konnte.

– Gattin Albert Podiebrad's, nahm der Sprecher wieder das Wort, dein Schweigen klagt dich an. Albert ist für dich gänzlich gestorben und deine Ehe in deinen Augen nur ein Zufall deines abenteuerlichen Lebens, ohne irgend eine Bedeutung, ohne irgend eine Verpflichtung für die Zukunft. Zingara, du kannst dich entfernen. Wir haben nur Theil an deinem Schicksal genommen, weil du mit dem trefflichsten der Menschen verbunden warst. Du bist unserer Liebe nicht würdig, da du der seinigen unwerth warst. Wir bedauern es nicht, dir die Freiheit wiedergegeben zu haben; jede Abhilfe der Leiden, welche der Despotismus auferlegt, ist für uns eine Pflicht und eine Freude. Aber weiter geht unser Schutz nicht. Schon morgen wirst du das Asyl verlassen, das wir dir in der Hoffnung gegeben hatten, du würdest daraus gereinigt und geheiligt hervorgehen. Kehre in die Welt zurück, zur eitlen Chimäre des Ruhms, zur Trunkenheit thörichter Leidenschaften. Gott erbarme sich deiner, wir geben dich für immer auf.

Consuelo blieb einige Augenblicke wie von diesem Ausspruch zu Boden geschlagen. Einige Tage früher hätte sie ihn ohne Zögern angenommen, aber das Wort »thörichte Leidenschaften,« welches gegen sie ausgesprochen wurde, rief ihr jetzt die wahnsinnige Liebe ins Gedächtniß, die sie für den Unbekannten gefaßt und in ihrem Herzen fast ohne Prüfung und Widerstreben aufgenommen hatte. Sie fühlte sich in ihren Augen gedemüthigt und das Urtheil der Unsichtbaren schien ihr bis zu einem gewissen Grade verdient. Die Strenge ihrer Sprache erfüllte sie mit einem achtungsvollen Schrecken, sie dachte nicht mehr daran, sich gegen das Recht aufzulehnen, das sie sich anmaßten, sie wie ein von ihrer Macht abhängiges Wesen zu richten und zu verdammen.

Wie groß auch unser natürlicher Stolz oder die Reinheit unsers Lebens sein mag, wir entziehen uns selten dem Gewicht eines ernsten Wortes, das uns unerwartet anklagt, und statt mit ihm zu rechten, gehen wir in uns selbst zurück, um vor Allem zu prüfen, ob wir diesen Tadel nicht verdienen.

Consuelo fühlte sich nicht ganz tadelfrei und der um sie verbreitete richterliche Anschein machte ihre Lage eigenthümlich peinlich. Doch bald erinnerte sie sich, daß sie nicht, ohne auf die Strenge dieses Tribunals vorbereitet und entschlossen zu sein, sich ihm zu unterwerfen verlangt hatte, vor ihm zu erscheinen. Sie war mit dem Entschluß gekommen, alle Ermahnungen und wenn es nothwendig wäre, sogar sich jeder Strafe zu unterziehen, sobald nur der Chevalier entschuldigt und begnadigt würde. Indem sie also jede Eigenliebe bei Seite setzte, nahm sie ohne Bitterkeit die Vorwürfe an und dachte einige Augenblicke über ihre Antwort nach.

– Es ist möglich, sagte sie endlich, daß ich diese Strenge verdiene; ich bin keineswegs zufrieden mit mir. Doch indem ich hierher kam, habe ich mir von den Unsichtbaren eine Idee gemacht, die ich Euch sagen will. Die wenigen Gerüchte, die ich aus dem Munde des Volkes gehört habe und die Wohlthat der Freiheit, die ich Euch verdanke, ließen mich glauben, Ihr wäret Männer, ebenso vollkommen in der Tugend als mächtig in der Gesellschaft. Wenn Ihr das seid, was ich gern glauben möchte, weshalb stoßt Ihr mich so gewaltsam zurück, ohne mir den Weg gezeigt zu haben, den ich nehmen muß, um dem Irrthum zu entgehen und Eures Schutzes werth zu werden?

Ich weiß, nur wegen Albert von Rudolstadt, des Trefflichsten der Männer, wie Ihr ihn mit Recht genannt habt, verdiente seine Wittwe einiges Interesse; aber wäre ich auch nicht Alberts Gattin, oder auch, wäre ich stets unwürdig gewesen, es zu sein, würde nicht auch die Zingara Consuelo, das Mädchen ohne Namen, ohne Familie und ohne Vaterland immer noch ein Anrecht auf Eure väterliche Fürsorge haben? Denkt Euch, ich sei eine große Sünderin; seid Ihr nicht gleich dem Himmelreich, wo die Umkehr eines Verdammten mehr Freude erregt, als die Ausdauer von hundert Erwählten?

Ja, wenn das Gesetz, das Euch versammelt und Euch begeistert, ein göttliches Gesetz ist, so übertretet Ihr es, indem Ihr mich von Euch stoßt. Ihr sagt, Ihr hättet meine Reinigung und meine Heiligung unternommen. Versucht, meinen Geist zu der Höhe des Eurigen zu erheben. Ich bin unwissend, aber nicht widerspenstig. Beweist mir, daß Ihr Heilige seid, indem Ihr Euch geduldig und erbarmensvoll zeigt, und ich will in Euch meine Meister und meine Vorbilder erkennen.

Es entstand eine augenblickliche Stille. Der Sprecher wandte sich an die Richter und sie schienen sich zu berathen. Endlich nahm einer von ihnen das Wort und sagte:

– Consuelo, du bist hier mit Stolz eingetreten, warum willst du nicht eben so dich entfernen? Wir hatten das Recht, dich zu tadeln, weil du zu uns kamst, uns zur Rede zu stellen. Wir haben keines dein Gewissen zu fesseln und uns deines Lebens zu bemächtigen, wenn du uns nicht Beides freiwillig und unbedingt übergiebst. Können wir dieses Opfer von dir verlangen? Du kennst uns nicht. Der Richterstuhl, dessen Heiligkeit du anrufst, ist vielleicht voll Verderbniß oder wenigstens der verwegenste, der jemals im Dunkeln gegen die in der Welt herrschenden Grundsätze gehandelt hat. Was weißt du?

Und wenn wir die tiefe Wissenschaft einer ganz neuen Tugend dir zu offenbaren hätten, würdest du den Muth haben, dich einer so langen und so mühevollen Prüfung zu unterwerfen, ehe du das Ziel erkennst? Könnten wir selbst in dem ausharrenden Glauben eines so schlecht vorbereiteten Neophyten, wie du es bist, Vertrauen setzen? Wir hätten dir vielleicht wichtige Geheimnisse anzuvertrauen und würden in deinem Charakter eine genügende Sicherheit finden; wir kennen ihn hinreichend, um an deine Verschwiegenheit zu glauben. Aber verschwiegene Vertraute brauchen wir nicht; wir haben deren genug. Um das göttliche Gesetz zu verbreiten, bedürfen wir eifriger Schüler, frei von allen Vorurtheilen, von jedem Egoismus, jeder leichtsinnigen Leidenschaft, jeder weltlichen Gewohnheit.

Prüfe dich selbst, kannst du alle diese Opfer bringen? kannst du deine Handlungen modeln und dein Leben nach den in dir lebenden Trieben, nach den Principien ordnen, die wir dir zu ihrer Entwickelung geben können? Weib, Künstlerin, Kind, kannst du versprechen, in der Verbindung mit ernsten Männern an dem hohen Werke der Zeit zu arbeiten?

– Alles, was Ihr da sagt, ist in der That sehr wichtig, antwortete Consuelo, und ich verstehe es kaum. Wollt Ihr mir Zeit geben, darüber nachzudenken? Vertreibt mich nicht aus Eurer Nähe, ohne mein Herz erst geprüft zu haben. Ich weiß nicht, ob es des Lichtes werth ist, das Ihr ihm geben könnt. Aber welches aufrichtige Herz ist der Wahrheit unwerth? Worin kann ich Euch nützlich sein? Ich erschrecke über meine Ohnmacht. Ein Weib und eine Künstlerin, das heißt, ein Kind. Aber um mich zu schützen, wie Ihr es gethan habt, müßt Ihr etwas in mir geahnet haben … und ich, ein Etwas sagt mir, daß ich Euch nicht verlassen darf, ohne versucht zu haben, Euch meine Erkenntlichkeit zu beweisen. Verbannt mich also nicht; sucht mich zu unterrichten.

– Wir geben dir noch acht Tage, um über dich nachzudenken, entgegnete der Richter in dem rothen Mantel, der schon gesprochen hatte; aber zuvor mußt du bei deiner Ehre versprechen, nicht den geringsten Versuch machen zu wollen, um zu erfahren, wo du bist, oder wer die Personen sind, die du hier siehst. Ebenso mußt du versprechen, den deinen Spaziergängen überlassenen Raum nicht zu überschreiten, selbst wenn die Thüren offen und die Geister deiner theuersten Freunde erscheinen sollten, um dich hinauszulocken. Du darfst den Leuten, welche dich bedienen, keine Frage vorlegen, noch irgend Jemandem, der insgeheim zu dir kommen sollte.

– Das wird nie geschehen, antwortete Consuelo lebhaft. Wenn Ihr wollt, verpflichte ich mich, nie ohne Erlaubniß Jemanden zu empfangen. Dagegen bitte ich Euch demüthig um Gnade …

– Du hast nichts von uns zu verlangen, keine Bedingungen zu machen. Für alle Bedürfnisse deines Geistes und Körpers ist für die Zeit, die du hier zubringen konntest, gesorgt worden. Wenn du einen Verwandten, einen Freund, einen Diener vermissest, so steht es dir frei, fortzugehen. Die Einsamkeit oder eine nach unserm Willen geregelte Gesellschaft ist bei uns dein Loos.

– Ich verlange nichts für mich selbst; aber man hat mir gesagt, daß einer Eurer Freunde, Eurer Schüler oder Diener (denn ich kenne den Rang nicht, den er unter Euch einnimmt) meinetwegen eine strenge Strafe erleide. Ich bin bereit, das Unrecht auf mich zu nehmen, welches man ihm zuschreibt, und deshalb habe ich verlangt, vor Euch zu erscheinen.

– Erbietest du dich gegen uns zu einem aufrichtigem umständlichen Geständniß?

– Wenn es zu seiner Lossprechung nothwendig ist … obgleich es für ein Weib eine seltsame moralische Tortur ist, in Gegenwart von acht Männern laut ein solches Bekenntniß abzulegen.

– Spare dir diese Demüthigung. Wir hätten doch keine Bürgschaft für deine Aufrichtigkeit; übrigens hatten wir bis jetzt noch kein Recht an dich. Was du vor einer Stunde gesagt und gedacht hast, gehört für uns zu deiner Vergangenheit. Aber bedenke, daß wir von diesem Augenblick an die Vollmacht haben, die geheimsten Falten deines Herzens zu erforschen. Dir kommt es zu, dieses Herz so rein zu erhalten, daß du stets es uns ohne Schmerz und Scham entschleiern kannst.

– Eure Großmuth ist väterlich und zartfühlend. Aber es handelt sich hier nicht um mich allein. Ein Anderer büßt für meine Schuld. Darf ich ihn nicht rechtfertigen?

– Diese Sorge berührt dich nicht. Wenn ein Schuldiger unter uns ist, so wird er sich selbst rechtfertigen, nicht durch eitle Ausflüchte und verwegene Worte, sondern durch Thaten des Muths, der Hingebung und der Tugend. Wenn sein Herz gestrauchelt hat, so erheben wir es wieder und helfen ihm, zu siegen. Du sprichst von strengen Züchtigungen; wir verhängen nur moralische Strafen. Dieser Mann ist, wer er auch sei, unseres Gleichen, unser Freund, unser Bruder; es giebt unter uns weder Herren, noch Diener, weder Unterthanen, noch Fürsten; falsche Berichte haben dich getäuscht. Geh in Frieden und sündige nicht.

Mit dem letzten Worte setzte der Sprecher eine Klingel in Bewegung; die beiden schwarzmaskirten und bewaffneten Männer traten wieder ein, warfen Consuelo die Kappe über den Kopf und führten sie auf denselben Umwegen in den Pavillon zurück, die sie genommen hatten, um sie von dort wegzubringen.

8.

Als die Porporina nach der wohlwollenden und väterlichen Sprache der Unsichtbaren keine Ursache mehr hatte, um den Chevalier ernstlich besorgt zu sein, und erkannte, daß Mattheus in dieser Sache nicht ganz klar gesehen habe, verließ sie diese geheimnißvolle Versammlung mit sehr erleichtertem Herzen. Alles, was man ihr gesagt hatte, wogte durch ihre Einbildungskraft gleich Lichtstrahlen hinter einer Wolke und da weder die Besorgniß, noch ein kühner Wille ihre Kräfte ferner aufregten, empfand sie bald beim Gehen eine unüberwindliche Müdigkeit. Der Hunger machte sich ziemlich heftig fühlbar und die mit Gummi getränkte Kappe erstickte sie fast. Sie blieb mehrmals stehen, sie sah sich genöthigt, zur Fortsetzung ihres Weges die Arme ihrer Führer anzunehmen, und sank, als sie in ihr Zimmer zurückkam, in Ohnmacht.

Wenige Augenblicke nachher fühlte sie sich durch einen Flacon, den man ihr vorhielt, und durch die erquickende Luft, die in dem Zimmer herrschte, neu belebt. Da bemerkte sie, daß die Männer, die sie zurückgeführt hatten, sich eilig entfernten, während Mattheus eifrig beschäftigt war, eins der einladendsten Nachtessen aufzutragen, und der kleine maskirte Doctor, der ihr das einschläfernde Mittel gegeben hatte, um sie in diese Wohnung zu bringen, ihren Puls befühlte und sich um sie bemühte. Sie erkannte ihn leicht an seiner Perrücke und an seiner Stimme wieder, die sie schon irgendwo gehört hatte, ohne genau angeben zu können, wo.

– Lieber Doctor, sagte sie lächelnd, ich glaube, das beste Recept wird sein, wenn Sie mich schnell etwas genießen lassen. Ich habe keine andere Krankheit, als den Hunger; aber ich bitte Sie, mich diesmal mit dem Kaffee zu verschonen, den Sie so trefflich bereiten, ich glaube, ich hätte die Kraft nicht mehr, ihn zu ertragen.

– Der von mir bereitete Kaffee, antwortete der Doctor, ist ein sehr empfehlenswerthes, beruhigendes Mittel. Doch sein Sie ruhig, Frau Gräfin, mir ist nichts dergleichen aufgetragen. Vertrauen sie jetzt gefälligst mir ganz und erlauben Sie mir, mit Ihnen zu Nacht zu essen. Es ist der Wille Sr. Durchlaucht, daß ich Sie nicht eher verlasse, bis Sie völlig wiederhergestellt sind, und ich denke, in einer halben Stunde wird das stärkende Mahl diese Schwäche gänzlich vertrieben haben.

– Wenn das der Wille Sr. Durchlaucht und der Ihrige ist, Herr Doctor, so werde auch ich gern die Ehre Ihrer Gesellschaft bei meinem Nachtessen annehmen, sagte Consuelo, indem sie ihren Lehnstuhl durch Mattheus an den Tisch rollen ließ.

– Sie wird Ihnen nicht unnütz sein, erwiederte der Doctor, indem er eine köstliche Pastete von Fasanen durchbrach und mit der Geschicklichkeit eines geübten Praktikers dieses Geflügel zerlegte. Ohne mich würden Sie sich der unüberwindlichen Begier überlassen, die man nach einem langen Fasten stets empfindet, und könnten von Neuem krank werden. Ich, der ich eine solche Hast nicht empfinde, werde Ihnen die Bissen zuzählen, indem ich sie stets doppelt auf meinen Teller lege.

Die Stimme dieses gastronomischen Doctors beschäftigte Consuelo wider ihren Willen. Doch wie groß war ihr Erstaunen, als er mit schneller Hand die Maske löste und sie mit den Worten auf den Tisch warf:

– Zum Teufel mit diesen läppischen Kindereien, die mich verhindern, frei zu athmen und was ich esse, gehörig zu genießen.

Consuelo erbebte, als sie in diesem ärztlichen Gutschmecker den Dr. Superville, den Leibarzt der Markgräfin von Bayreuth erkannte, den sie am Sterbebette ihres Gatten gesehen, Seitdem hatte sie ihn aus der Ferne in Berlin bemerkt, ohne den Muth zu haben, ihn ins Auge zu fassen und mit ihm zu sprechen. In diesem Augenblicke erinnerte sie der Contrast seines Appetits mit der Aufregung und der Ermattung, die sie empfand, an die Trockenheit seiner Gedanken und seiner Reden inmitten der Bestürzung und dem Schmerz der Familie Rudolstadt, und sie hatte Mühe, den unangenehmen Eindruck ihm zu verbergen, den er auf sie machte. Doch Superville schien, versunken in seinen Fasan, sie nicht zu beachten.

Mattheus vollendete noch durch einen naiven Ausruf das Lächerliche der Situation, in die sich der Doctor setzte. Der umsichtige Diener bediente ihn seit fünf Minuten, ohne zu bemerken, daß er sein Gesicht entblößt hatte, und erst als er die Maske für den Deckel der Pastete nahm und ihn methodisch auf die Schüssel decken wollte, rief er entsetzt aus:

– Um Gotteswillen, Herr Doctor, Sie haben Ihr Gesicht auf den Tisch fallen lassen!

– Zum Teufel mit diesem Sammetgesicht! sage ich dir. Ich kann mich nie daran gewöhnen, damit zu essen. Wirf es in einen Winkel und gieb mir es wieder, wenn ich fortgehe.

– Wie Sie wollen, Herr Doctor, sagte Mattheus mit bestürztem Tone. Ich wasche meine Hände. Aber Ew. Gnaden wissen wohl, daß ich alle Abende genaue Rechenschaft geben muß, was hier gethan und gesprochen wird. Mag ich immerhin sagen, daß sich Ihr Gesicht unwillkürlich abgelöst hat, so kann ich doch nicht läugnen, daß die gnädige Frau gesehen hat, was darunter war.

– Ganz wohl, lieber Freund. Mache nur deinen Bericht, sagte der Doctor, ohne sich stören zu lassen.

– Sie werden aber hinzufügen, Herr Mattheus, bemerkte Consuelo, daß ich den Herrn Doctor zu diesem Ungehorsam auf keine Weise veranlaßt und daß es also nicht meine Schuld ist, wenn ich ihn erkannt habe.

– Sein Sie ganz ruhig, Frau Gräfin, erwiederte Superville mit vollem Munde. Der Fürst ist kein solcher Teufel, wie schwarz er auch aussieht, ich fürchte ihn nicht. Ich werde ihm sagen, er habe mir mit dem Auftrage, mit Ihnen zu essen, auch die Vollmacht gegeben, mich jedes Hindernisses zu entledigen, das die Verdauung und das Schlucken stört. Uebrigens habe ich die Ehre, zu genau von Ihnen gekannt zu sein, als daß meine Stimme nicht schon mich verrathen hätte. Ich lege also nur eine eitle Förmlichkeit ab, auf die der Fürst ganz zuerst nur wenig Gewicht legen wird.

– Gleichviel, Herr Doctor, sagte der skandalisirte Mattheus, es ist mir lieber, daß Sie diesen Scherz gemacht haben, als ich.

Der Doktor zuckte mit den Achseln, spottete über den furchtsamen Mattheus, aß ungeheuer viel und trank im Verhältniß dazu; und als sich Mattheus, um ein neues Gericht zu holen, entfernt hatte, näherte er seinen Stuhl etwas der Consuelo und sagte ihr mit leiser Stimme:

– Liebe Signora, ich bin kein so großer Tafelfreund wie ich aussehe (da Superville den Gerichten gehörig zugesprochen hatte, so konnte er leicht wohl so sagen) und mein Zweck, an Ihrem Abendessen Theil zu nehmen, war nur, Sie über Dinge zu benachrichtigen, die für Sie von hoher Wichtigkeit sind und Sie ganz besonders interessiren.

– Mit welchem Rechte und in wessen Namen wollen Sie mir diese Dinge offenbaren, mein Herr? sagte Consuelo, die sich an das Versprechen erinnerte, das sie so eben den Unsichtbaren gegeben hatte.

– Es ist mein eignes Recht und mein eigner Wille, antwortete Superville. Beunruhigen Sie sich also nicht. Ich bin kein Spion und spreche mit offenem Herzen, unbekümmert, ob man meine Worte wiederholt.

Anfangs hielt es Consuelo für ihre Schuldigkeit, dem Doktor sogleich den Mund zu schließen, um sich keines Verraths schuldig zu machen; dann dachte sie aber auch, daß ein Mann, der den Unsichtbaren so ergeben sei, um den Auftrag zu übernehmen, Leute halb zu vergiften, damit er sie ohne ihr Wissen in dieses Schloß bringen könne, nicht ohne einen geheimen Auftrag so handeln dürfe, wie er es that.

– Das ist eine Falle, die man mir legt, dachte sie. Eine Reihe von Prüfungen beginnt. Ich will doch sehen und den Angriff abwarten.

– Ich muß also, gnädige Frau, fuhr der Doktor fort, Ihnen sagen, wo und bei wem Sie sind.

– Da sind wir ja! sagte Consuelo bei sich selbst und entgegnete schnell: Herzlichen Dank, Herr Doctor, ich habe Sie darum nicht gefragt und mag es nicht wissen.

– Na, na, erwiederte Superville, da kommen Sie auf den romanhaften Weg, in den der Fürst alle seine Freunde gern hineinziehen möchte. Doch lassen Sie sich nicht ernstlich von diesen Thorheiten fangen; das Geringste, was Ihnen dadurch begegnen könnte, wäre, wahnsinnig zu werden und seine Gesellschaft von Verrückten und Träumern zu vermehren. Ich habe nicht die Absicht, das Wort, was ich ihm gegeben habe, zu brechen und Ihnen seinen Namen und den Ort zu nennen, wo Sie sich befinden. Das kann Sie übrigens am wenigsten bekümmern, denn es wäre nur eine Befriedigung Ihrer Neugier, und nicht diese Krankheit will ich bei Ihnen heilen, sondern im Gegentheil nur ein übermäßiges Vertrauen.

Sie können also, ohne ihm ungehorsam zu werden und ohne sein Mißfallen zu wagen (ich verrathe Sie natürlich nicht), erfahren, daß Sie hier bei dem besten und seltsamsten alten Manne von der Welt sind, einem geistreichen Philosophen mit dem muthigsten, zärtlichsten Herzen, das ihn bis zum Heroismus, ja bis zum Wahnsinn treibt; bei einem Träumer, der das Ideal wie eine Wirklichkeit und das Leben wie einen Roman behandelt; bei einem Gelehrten, der so lange die Schriften der Weisen gelesen und die Quintessenz des Gedankens gesucht hat, bis er, gleich dem Don Quijote, nach dem Lesen seiner Ritterbücher dahin gekommen ist, Herbergen für Schlösser, Galeerensklaven für unschuldige Opfer und Windmühlen für Riesen anzusehen; endlich bei einem Heiligen, wenn man seine gute Absicht, bei einem Narren, wenn man das Resultat ansieht.

Er hat sich unter Andern das Gewebe einer fortdauernden und allgemeinen Verschwörung in den Kopf gesetzt, um die Handlungen der Bösen in dieser Welt im Keime zu ersticken. Er will die Tyrannei der Regierenden bekämpfen und vereiteln, die Immoralität oder die Barbarei der Gesetze, welche die Gesellschaft regieren, reformiren, das Herz aller Menschen von Muth und Hingebung mit dem Enthusiasmus seiner Propaganda und dem Eifer für seine Lehre erfüllen. Nichts weiter? He? und er glaubt an's Ziel zu kommen! Und wenn er noch von aufrichtigen und vernünftigen Männern unterstützt würde, so könnte das wenige Gute, das ihm gelingt, seine Früchte tragen.

Doch unglücklicherweise ist er von einer Schaar kühner Intriguanten und Betrüger umgeben, welche scheinbar seinen Glauben theilen und seine Pläne unterstützen, aber wirklich sein Ansehen nur benutzen, um die besten Stellen an allen Höfen Europa's einzunehmen und den besseren Theil des zu guten Werken bestimmten Geldes in ihren Händen zu behalten.

So ist der Mann und seine Umgebung. Sie mögen nun beurtheilen, in welchen Händen Sie sind und ob der großmüthige Schutz, der Sie glücklicherweise aus den Klauen des kleinen Fritz gerissen hat, Sie nicht mit allen den Bemühungen, Sie bis in die Wolken zu erheben, in schlimmeres Elend stürzen muß. Jetzt sind Sie benachrichtigt. Mißtrauen Sie den schönen Versprechungen, den herrlichen Reden, den tragischen Scenen, den Taschenspielerkünsten eines Cagliostro, Saint Germain und Consorten.

– Sind denn die beiden letztern Personen wirklich hier? fragte Consuelo ein wenig bestürzt und schwankend zwischen der Gefahr, das Spielzeug des Doktors zu sein, und der Wahrscheinlichkeit seiner Behauptung.

– Ich weiß von nichts, antwortete er. Alles geht geheimnißvoll zu. Es giebt zwei Schlösser: ein sichtbares, wo man vornehme Leute, die nichts ahnen, ankommen sieht, wo man Feste giebt, den Glanz eines fürstlichen, frivolen und harmlosen Daseins entfaltet. Dieses Schloß bedeckt und verbirgt das andere, das eine kleine, unterirdische, ziemlich geschickt maskirte Welt ist. In dem unsichtbaren Schlosse treten alle hohle Träume Sr. Durchlaucht an's Licht. Neuerer, Reformatoren, Zauberer, Propheten, Alchemisten, lauter Architecten einer neuen, nach ihrer Behauptung, stets bereiten Gesellschaft, morgen oder übermorgen die alte zu verschlingen; das sind die geheimnißvollen Gäste; die man empfängt, herbergt und zu Rathe zieht, ohne daß irgend Jemand auf der Oberfläche der Erde etwas davon weiß, oder wenigstens, ohne daß irgend ein Uneingeweihter das Leben in den unterirdischen Grüften anders erklären kann, als durch den Aufenthalt von unruhigen Geistern und Spukgestalten.

Jetzt machen Sie einen Schluß: die genannten Charlatane können hundert Meilen von hier, denn sie sind ihrer Natur nach große Reisende, oder nur hundert Schritte von uns entfernt sein, in angenehmen Zimmern mit geheimen Thüren und doppelten Böden. Man behauptet, das alte Schloß habe früher als Sammelplatz der Vehmrichter gedient und seitdem hätten wegen gewisser angeerbter Ueberlieferungen die Vorfahren unsers Prinzen sich stets das Vergnügen gemacht, furchtbare Complote zu entwerfen, die, so viel ich weiß, nie zu etwas geführt haben. Das ist eine alte Mode des, Landes und die ausgezeichnetsten Köpfe sind nicht diejenigen, welche sich am wenigsten damit abgeben. Ich bin in die Wunder des Schlosses nicht eingeweiht.

Von Zeit zu Zeit, wenn meine Fürstin, die Prinzessin Sophie von Preußen, Markgräfin von Bayreuth, mir die Erlaubniß giebt, außer ihren Staaten ein wenig Luft zu schöpfen, bringe ich hier einige Tage zu. Da ich mich nun an dem köstlichen Hofe von Bayreuth gewaltig langweile, dem Fürsten, von dem wir sprechen, sehr zugethan und eben nicht böse bin, wenn ich zuweilen dem großen Friedrich, den ich verabscheue, einen kleinen Streich spielen kann, so leiste ich dem genannten Fürsten ganz uneigennützig manche Dienste, über die ich mich ganz zuerst lustig mache.

Da ich nur von ihm Befehle empfange, so sind diese Dienste stets sehr unschuldig. Derjenige, Sie aus Spandau bringen zu helfen und Sie wie ein armes eingeschlafenes Täubchen hieher zu führen, war mir nicht zuwider. Ich wußte, Sie würden hier gut behandelt werden und glaubte, Sie würden Gelegenheit bekommen, sich hier zu unterhalten. Doch wenn man Sie im Gegentheil quält, wenn die einfältigen Rathgeber Sr. Durchlaucht sich eine Herrschaft über Sie anmaßen und Sie zu ihren Intriguen in der Welt gebrauchen wollen …

– Ich fürchte nichts dergleichen, antwortete Consuelo, mehr und mehr von den Nachrichten des Doctors betroffen. Ich werde mich vor ihren Anmuthungen zu wahren wissen, wenn sie meinen geraden Sinn verletzen und mein Gewissen empören.

– Sind Sie dessen so gewiß, Frau Gräfin? erwiederte Superville. Trauen Sie dem nicht und rühmen Sie sich nicht zu sehr. Sehr vernünftige und ganz ehrenwerthe Leute sind in die Falle gegangen und haben sich mit dem festen Entschluß, Böses zu thun, von hier entfernt. Den Intriguanten, welche den Fürsten benutzen, sind alle Mittel gerecht und der liebe Fürst ist so leicht zu täuschen, daß er selbst Hand an das Verderben aufrichtiger Gemüther legt, indem er sie zu retten glaubt.

Wissen Sie, diese Intriguanten sind sehr geschickt, sie besitzen Geheimnisse, um Furcht zu erregen, zu überzeugen, die Sinne zu betäuben, die Einbildungskraft zu erschüttern. Anfangs sind es Quälereien, eine Menge kleiner unbegreiflicher Mittel, dann stehen ihnen Anschläge, Systeme, Täuschungen zu Gebote, sie schicken Ihnen Gespenster, sie lassen Sie fasten, um Ihnen die Klarheit Ihres Geistes zu nehmen, sie umgeben Sie mit heiteren oder entsetzlichen Wahngebilden. Kurz, sie werden Sie abergläubisch, vielleicht wahnsinnig machen, wie ich schon die Ehre hatte, es Ihnen zu sagen und dann …

– Und dann? was können sie von mir erwarten? was bin ich in der Welt, daß sie nöthig hätten, mich in ihre Netze zu ziehen?

– O, die Gräfin von Rudolstadt ahnet nichts?

– Keineswegs, Herr Doctor.

– Und doch müssen Sie sich erinnern, daß Ihnen Cagliostro den verstorbenen Grafen Albert, Ihren Gemahl, lebend und handelnd sehen ließ?

– Woher wissen Sie das, wenn Sie in die Geheimnisse der unterirdischen Welt, von der Sie sprechen, nicht eingeweiht sind?

– Sie haben es der Prinzessin Amalie von Preußen erzählt, die, wie alle neugierige Personen, ein wenig schwatzhaft ist. Wissen Sie übrigens nicht, daß Sie mit dem Gespenst des Grafen Rudolstadt sehr liirt ist.

– Einem gewissen Trismegistus, wie man mir gesagt hat.

– Ja wohl. Ich habe diesen Trismegistus gesehen und es ist wahr, er gleicht dem Grafen beim ersten Anblick auf erstaunliche Weise. Man kann ihn noch ähnlicher machen, wenn man ihm die Haare ordnet und die Kleider giebt, wie der Graf sich gewöhnlich zu tragen pflegte, wenn man ihm das Gesicht weiß färbt und ihn Gang und die Gebehrden des Verstorbenen genau nachmachen läßt. Verstehen Sie jetzt?

– Weniger als je. Welches Interesse könnte man daran haben, diesen Mann für den Grafen Albert auszugeben?

– Wie einfach und gewissenhaft Sie sind! Der Graf Albert ist todt und hat ein großes Vermögen hinterlassen, das aus den Händen des Stiftsfräuleins Wenceslawa in die der kleinen Baronin Amalie, der Cousine des Grafen Albert übergeht, wenn Sie Ihre Rechte auf ein Witthum oder auf eine lebenslängliche Nutznießung nicht geltend machen. Man wird Anfangs suchen, sie dazu zu bestimmen …

– Es ist wahr, rief Consuelo. Sie klären mich über den Sinn gewisser Worte auf.

– Das ist noch nicht; diese lebenslängliche Nutznießung, die zum Theil wenigstens nicht ganz sicher ist, würde dem Appetit der Industrieritter, die sich Ihrer bemächtigen wollen, nicht genügen. Sie haben keine Kinder, Sie müssen einen Gatten bekommen. Nun, der Graf Albert ist nicht todt; er war nur scheintodt, man hat ihn lebendig beerdigt; der Teufel hat ihn herausgezogen; Herr Cagliostro ihm ein Tränkchen gegeben; Herr von Saint Germain ihn spazieren geführt. Genug, nach ein oder zwei Jahren erscheint er wieder, erzählt seine Abenteuer, wirft sich zu Ihren Füßen, vollendet die Heirath mit Ihnen, reist nach der Riesenburg ab, läßt sich von dem alten Stiftsfräulein und von einigen alten, nicht sehr hell sehenden Dienern anerkennen, macht seine Forderungen gerichtlich geltend, wenn sie ihm bestritten werden, und bezahlt die Zeugen. Er macht sogar mit seiner treuen Gattin die Reise nach Wien, um bei der Kaiserin sein Recht zu reclamiren.

Ein kleiner Skandal schadet solchen Angelegenheiten nichts. Alle vornehme Damen interessiren sich für einen schönen Mann, das Opfer eines traurigen Abenteuers und der Unwissenheit eines einfältigen Arztes. Der Fürst von Kaunitz, der den Sängerinnen nicht abgeneigt ist, protegirt Sie; Ihre Sache triumphirt; Sie kehren siegreich nach Riesenburg zurück, werfen Ihre Cousine Amalie zur Thür hinaus; Sie sind reich und mächtig; Sie schließen sich dem hiesigen Fürsten und seinen Charlatanen an, um die Gesellschaft zu reformiren und die Welt zu verändern.

Das Alles ist sehr angenehm und kostet nichts als die Mühe, sich ein wenig zu täuschen, indem Sie an die Stelle eines erlauchten Gemahls einen schönen geistreichen Abenteurer nehmen, der noch obendrein ein großer Wahrsager ist.

Sehen Sie jetzt klar? Ueberlegen Sie. Als Arzt, als Freund der Familie Rudolstadt und als Mann von Ehre war es meine Pflicht, Ihnen das Alles zu sagen. Man hatte auf mich gerechnet, um bei Gelegenheit die Identität des Trismegistus mit dem Grafen Albert zu bestätigen. Doch ich habe ihn sterben sehen, nicht mit dem Auge der Phantasie, sondern mit dem der Wissenschaft, ich habe sehr wohl gewisse Verschiedenheiten zwischen diesen beiden Männern bemerkt, ich weiß, daß man in Berlin den Abenteurer schon seit langer Zeit kennt, und werde mich zu einem solchen Betruge nicht hergeben. Ich danke! Ich weiß, Sie werden sich eben so wenig dazu hergeben, aber man wird Alles aufbieten, um Sie zu überzeugen, daß der Graf Albert in seinem Sarge um zwei Zoll gewachsen und frisch und gesund geworden ist.

Ich höre Mattheus wiederkommen; es ist ein einfältiger Mensch, dem nichts auffällt. Ich entferne mich, ich habe Alles gesagt. In einer Stunde verlasse ich dieses Schloß, da ich hier nichts mehr zu thun habe.

Nachdem der Doctor mit einer merkwürdigen Geläufigkeit also gesprochen hatte, nahm er seine Maske, begrüßte Consuelo achtungsvoll und entfernte sich, indem er ihr das Abendessen vollenden ließ, wie sie es für gut fand.

Sie hatte den Appetit verloren; bestürzt und niedergeschmettert von Allem, was sie jetzt gehört hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und fand erst ein wenig Ruhe, nachdem sie lange Zeit eine Beute der schmerzlichsten Bestürzungen und der unbestimmten Qual des Zweifels und der Sorge gewesen war.

9.

Am folgenden Morgen fühlte sich Consuelo geistig und körperlich erschöpft. Die cynischen Offenbarungen Superville's, welche so plötzlich den väterlichen Ermahnungen der Unsichtbaren folgten, brachten auf sie den Eindruck hervor, als wäre sie nach einer wohlthuenden Wärme plötzlich mit eiskaltem Wasser übergossen worden. Einen Augenblick lang hatte sie sich zum Himmel emporgehoben, um sogleich wieder auf die Erde zurückzusinken. Sie zürnte fast dem Doctor, daß er ihr die Täuschung genommen habe, denn schon hatte es ihr in ihren Träumen gefallen, dieses erhabene Tribunal, das ihr die Arme bot, wie eine neue Familie, wie einen Zufluchtsort gegen die Gefahren der Welt und die Verirrungen der Jugend mit strahlender Majestät zu umgeben.

Demungeachtet schien der Doktor ihren Dank zu verdienen, Consuelo fühlte es, ohne dazu fähig zu sein. Hatte er sich nicht wie ein aufrichtiger, muthiger und uneigennütziger Mann betragen? Doch Consuelo fand ihn zu zweifelsüchtig, zu materialistisch, zu aufgelegt, die guten Absichten zu verachten und herrliche Charaktere zu verspotten. Was er ihr auch von der unklugen und gefährlichen Leichtgläubigkeit dieses namenlosen Fürsten gesagt hatte, so machte sie sich doch noch eine hohe Vorstellung von diesem edlen Greise, der für das Gute wie ein Jüngling glühte und aufrichtig wie sein Kind an die menschliche Vervollkommnung glaubte.

Die Worte, die man in dem unterirdischen Saale an sie gerichtet hatte, kamen ihr wieder in den Sinn und schienen ihr voll ruhiger Würde und ernster Weisheit. Milde und Herzensgüte waren selbst in den Drohungen und in dem Rückhalte einer scheinbaren Strenge sichtbar, die bei dem geringsten Aufschwung von Consuelo's Herzen sich gern widersprach. Hätten wohl Schurken, Geldgierige, Betrüger also gegen sie gesprochen und gehandelt?

Ihr gewaltiges Unternehmen, die Welt zu reformiren, das in den Augen des unzufriedenen Superville so lächerlich war, entsprach dem ewigen Gelübde, den romantischen Hoffnungen, dem begeisterten Glauben, mit dem Albert seine Gattin erfüllt und den sie mit herzlicher Theilnahme in dem kranken, aber edlen Geiste Gottliebs wiedergefunden hatte.

War dieser Superville nicht hassenswerth, daß er sie davon abbringen und ihr den Glauben an Gott zu gleicher Zeit mit dem Vertrauen auf die Unsichtbaren nehmen wollte?

Weit mehr der Poesie des Herzens, als der trocknen Würdigung der traurigen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens hingegeben, kämpfte Consuelo gegen die Ansichten Superville's und bemühte sich, sie kraftlos zu machen. Hatte er sich nicht leeren Vermuthungen hingegeben, da er selbst gestand, in die Geheimnisse der unterirdischen Welt nicht eingeweiht zu sein und selbst die Namen und das Dasein des Rathes der Unsichtbaren nicht zu kennen schien?

Daß Trismegistus ein Industrieritter sei, war möglich, obgleich die Prinzessin Amalie das Gegentheil versicherte und die Freundschaft des Grafen Golowkin, des besten und des weisesten unter den Vornehmen, die Consuelo in Berlin kennen gelernt hatte, zu seinen Gunsten sprach. Möglich auch, daß Cagliostro und Saint Germain Betrüger waren, obgleich auch sie durch eine außerordentliche Aehnlichkeit betrogen werden konnten.

Doch wenn man auch diese drei Abenteurer mit derselben Verachtung belegte, so folgte daraus nicht, daß sie in dem Rathe der Unsichtbaren eine Stimme hatten oder, daß diese Vereinigung tugendhafter Männer ihre Anmuthungen nicht sogleich zurückweisen würde, sobald Consuelo selbst versichert haben würde, Trismegistus sei nicht Albert. Sollte es nicht Zeit sein, ihnen erst nach dieser entscheidenden Prüfung das Vertrauen zu entziehen, wenn sie darauf beharrten, sie so gröblich täuschen zu wollen? Bis dahin wollte Consuelo das Geschick versuchen und diese Unsichtbaren, denen sie ihre Freiheit verdankte und deren väterliche Vorwürfe ihr bis in's Herz gegangen waren, genauer kennen lernen.

Bei diesem letzten Entschluß blieb sie stehen, und indem sie den Ausgang des Abenteuers abwartete, beschloß sie, Alles was Superville ihr gesagt hatte, wie eine Prüfung anzusehen, der er sie zu unterwerfen den Auftrag gehabt habe, oder auch als ein Bedürfniß, seiner Galle gegen Nebenbuhler Luft zu machen, die von dem Fürsten besser behandelt und lieber gesehen würden, als er.

Eine andere Vermuthung quälte Consuelo mehr als alle übrigen. War es durchaus unmöglich, daß Albert lebe? Superville hatte die Erscheinungen nicht wahrgenommen, die seit zwei Jahren seiner letzten Krankheit vorausgegangen waren. Er hatte ihnen sogar seinen Glauben verweigert und sich hartnäckig eingebildet, die häufigen Abwesenheiten des jungen Grafen in den Höhlen des Gebirges seien zärtlichen Zusammenkünften mit Consuelo gewidmet gewesen. Nur sie und Zdenko kannte das Geheimniß dieser langen todtenähnlichen Ohnmachten.

Die Eigenliebe des Doktors konnte ihn nicht zu dem Geständniß bringen, er habe sich bei der Bestätigung seines Todes täuschen können. Jetzt, wo Consuelo von dem wirklichen Dasein und der materiellen Macht des Raths der Unsichtbaren überzeugt war, wagte sie wohl, sich Vermuthungen zu überlassen über die Art, wie sie Albert den Schrecken einer lebendigen Beerdigung hätten entreißen und für ihre unbekannten Zwecke heimlich unter sich hätten aufnehmen können. Alles was Superville ihr von den Geheimnissen des Schlosses und den Wunderlichkeiten des Fürsten gesagt hatte, unterstützte sie in ihrer Annahme. Die Aehnlichkeit eines Abenteuers, genannt Trismegistus, konnte das Wunderbare der Sache leicht compliciren, vernichtete aber die Möglichkeit nicht.

Dieser Gedanke bemächtigte sich Consuelo's mit solcher Stärke, daß sie in eine tiefe Schwermuth verfiel. Wenn Albert lebte, so durfte sie nicht zögern, sich zu ihm zu begeben, sobald man es ihr erlaubte, und sich ihm für immer zu widmen. Doch mehr als je fühlte sie, wie schmerzlich ihr eine Treue werden würde, welcher die Liebe nicht zur Seite stände. Der Chevalier zeigte sich ihrer Einbildungskraft wie die Ursache schmerzlicher Sehnsucht und ihrem Gewissen als eine Quelle künftiger Reue. Wenn sie auf ihn Verzicht leisten mußte, so verfolgte die keimende Liebe den gewöhnlichen Lauf durchkreuzter Neigungen, sie wurde zur Leidenschaft.

Consuelo fragte sich nicht mit heuchlerischer Ergebung, warum der gute Albert sein Grab verlassen wolle, wo er so gut aufgehoben gewesen; sie dachte, ihr Schicksal bestimme sie, sich diesem Manne vielleicht noch bis jenseit des Grabes zu opfern und sie wollte ihr Geschick bis zum Ende erfüllen; aber es schmerzte sie sehr und sie weihte dem Unbekannten ihre unwillkürlichste, ihre glühendste Liebe.

Aus diesem Nachdenken wurde sie durch ein leises Geräusch und durch das Schwirren eines leichten Flügelschlages auf ihre Achsel geweckt. Mit einem Ausruf der Ueberraschung und Freude sah sie ein hübsches Rothkehlchen in ihr Zimmer fliegen und sich ihr furchtlos nähern. Nach einigen Augenblicken der Scheu willigte es sogar ein, eine Fliege aus ihrer Hand zu nehmen.

– Bist du es, armer Freund, treuer Gefährte? sagte Consuelo mit Thränen kindlicher Freude in ihren Augen. Wäre es möglich, daß du mich gesucht und hier wiedergefunden hättest? Nein, das kann nicht sein. Liebes, vertrauliches Geschöpf, du gleichst meinem Freunde, aber bist es nicht. Du gehörst einem Gärtner und bist vielleicht aus dem Gewächshause entflogen, wo du unter schönen Blumen die Tage des Winters verlebtest. Komm zu mir, Tröster der Gefangenen; weil der Instinkt deines Geschlechts dich zu den Einsamen und Gefangenen führt, so will ich alle Freundschaft, die ich für deinen Bruder hatte, auf dich übertragen.

Seit einer Viertelstunde spielte Consuelo ernsthaft mit diesem liebenswürdigen Thierchen, als sie von außen den leisen Ton einer Pfeife hörte, der das verständige Geschöpf mit einem leichten Beben zu erfüllen schien; es ließ die Leckerbissen fallen, die seine Freundin ihm angeboten hatte, schien ein wenig zu zögern, ließ seine großen, schwarzen Augen glänzen und entschloß sich plötzlich, fortgezogen von dem neuen Befehle einer unwiderstehlichen Macht, nach dem Fenster zu zu fliegen.

Consuelo folgte ihm mit den Augen und sah, wie es sich unter den Blättern der Bäume verlor. Doch als sie mit den Augen suchte, um den Vogel noch ferner zu entdecken, erblickte sie im Hintergrund ihres Gartens, auf dem andern Ufer des Baches, welcher ihn begrenzte, in einem halb offenen Ort eine Person, die sich trotz der Entfernung leicht wiedererkennen ließ. Es war Gottlieb, der sich längs des Wassers auf eine ziemlich heitere Weise singend und fast springend hinschleppte.

Consuelo vergaß ein wenig das Verbot der Unsichtbaren und bemühte sich, durch das Wehen mit ihrem Schnupftuch am Fenster seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch die Sorge, sein Rothkehlchen wiederzurufen, hatte ihn ganz eingenommen. Er schaute pfeifend zu den Bäumen auf und entfernte sich, ohne Consuelo bemerkt zu haben.

– Gelobt sei Gott und auch die Unsichtbaren, Trotz Superville! sagte sie zu sich selbst. Das arme Kind scheint glücklich und gesund; sein Schutzengel, das Rothkehlchen, ist bei ihm. Es scheint mir, als wäre es auch für mich die Verkündigung eines heitern Geschicks. Wohlan, zweifeln wir nicht mehr an unsern Beschützern, das Mißtrauen befleckt das Herz.

Sie suchte, wie sie ihre Zeit auf nützliche Weise zubringen könnte, um sich auf die neue moralische Erziehung vorzubereiten, die man ihr angekündigt hatte, und begann zum ersten Male, seit sie in *** war, zu lesen. Sie betrat die Bibliothek, auf welche sie nur noch einen flüchtigen Blick geworfen hatte, und beschloß die Bücher gewissenhaft zu untersuchen, die man zu ihrer Verfügung gestellt hatte. Ihre Zahl war nicht groß, doch waren es außerordentlich interessante und wahrscheinlich sehr seltene, wenn nicht, der Mehrzahl nach, einzige Bücher in ihrer Art. Es war eine Sammlung der Schriften der ausgezeichnetsten Philosophen aller Zeiten und aller Nationen, aber abgekürzt und nur das Wesentliche ihrer Lehrmeinungen enthaltend, übersetzt in die verschiedenen Sprachen, welche Consuelo verstand. Mehrere, die noch nie in Uebersetzungen erschienen, besonders die der berühmten Ketzer und Reformatoren des Mittelalters, waren im Manuskript da, kostbare Trümmer der Vergangenheit, von denen wichtige Fragmente und selbst einige vollständige Exemplare den Nachforschungen der Inquisition und den von den Jesuiten zur Zeit des dreißigjährigen Krieges in den alten ketzerischen Schlössern Deutschlands ausgeübten gewaltsamen Confiscationen entgangen.

Consuelo konnte den Werth dieser von irgend einem eifrigen Bücherfreund oder muthigen Adepten gesammelten Schätze nicht beurtheilen. Die Originale würden sie, in Bezug auf den Druck und die beigefügten Bilder, interessirt haben, aber ihr lag nur eine sorgfältig gearbeitete und von einem Neueren elegant niedergeschriebene Uebersetzung vor Augen. Doch suchte sie vor Allem nach den treuen Uebersetzungen des Wiklef, des Johannes Huß und der christlichen Philosophen, die in den früheren gleichzeitigen und folgenden Jahrhunderten sich an diese Reformatoren, an diese Väter einer neuen religiösen Zeit anschlossen. Sie hatte sie nicht gelesen, kannte sie aber ziemlich genau aus ihren langen Gesprächen mit Albert. Indem sie sie durchblätterte, las sie wenig mehr von ihnen, lernte sie aber doch immer besser kennen.

Consuelo hatte ein wesentlich frommes Gemüth, ohne eigentlich ein philosophischer Geist zu sein. Hätte sie nicht mitten in der aufgeklärten philosophischen Welt ihrer Zeit gelebt, so würde sie sich leicht zum Aberglauben und zum Fanatismus gewendet haben. Noch jetzt verstand sie die exaltirten Reden Gottliebs besser, als Voltaire's Schriften, die doch von allen schönen Damen jener Zeit mit Eifer gelesen wurden. Dieses verständige und einfache, muthige und zärtliche Mädchen war für die Feinheiten des kalten Verstandes nicht geschaffen. Sie erhielt immer das Licht mehr von ihrem Herzen, als von ihrem Kopfe. Alle Offenbarungen des Gefühls begeistert auffassend, konnte man sie philosophisch unterrichtet nennen, und sie war es für ihr Alter, für ihr Geschlecht und für ihre Lage auf eine bemerkenswerthe Weise durch den freundlichen Unterricht des beredten und begeisterten Albert.

Künstlerseelen lernen mehr aus einem Vortrag oder aus einer Predigt, als aus dem geduldigen und oft kalten Studium der Bücher. So war Consuelo; sie konnte keine ganze Seite mit Aufmerksamkeit durchlesen; aber wenn ein großer Gedanke mit Wärme und Begeisterung ihr vorgetragen wurde, so gab sich ihr Herz ihm gern hin, sie wiederholte ihn wie eine musikalische Phrase, und wie tief auch der Sinn war, so durchdrang sie ihn wie mit einem göttlichen Lichtstrahl. Nach diesem Gedanken lebte sie, sie wendete ihn auf alle ihre Gefühle an, sie schöpfte daraus eine wirkliche Kraft und erinnerte sich seiner ihr ganzes Leben lang. Es war für sie kein leerer Sinnspruch, sondern ein Grundsatz, eine Waffe für den Kampf. Was brauchte sie das Buch, aus dem sie ihn genommen hatte, zu zergliedern und seinen Inhalt in kurze Worte zu fassen? Es lag vollständig in ihrem Herzen, sobald die Begeisterung, die es hervorgebracht hatte, sich ihrer bemächtigte. Ihr Geschick gebot ihr nicht weiter zu gehen. Sie wollte nicht eine ganze philosophische Welt in ihrem Geiste gelehrt auffassen, sie empfand die Wärme der geheimen Offenbarungen, welche den poetischen Gemüthern zukommen, sobald die Liebe sich ihnen erschlossen hat.

So las sie mehrere Tage lang, ohne eigentlich etwas zu lesen. Sie hätte sich von nichts Rechenschaft geben können; doch mehr als eine Seite, wo sie kaum eine Zeile gelesen hatte, war mit ihren Thränen benetzt, und oft eilte sie zum Klavier, um dort Gesänge zu improvisiren, deren Zärtlichkeit und Großartigkeit der heiße, freiwillige Ausdruck ihres edlen Gefühls war.

Eine ganze Woche verstrich für sie in einer Einsamkeit, die von den Berichten des Mattheus nicht mehr gestört wurde. Sie hatte sich gelobt, ihm nicht die kleinste Frage mehr vorzulegen, und vielleicht war auch er seiner Geschwätzigkeit wegen scharf getadelt worden, denn er beobachtete jetzt ein eben so tiefes Schweigen, als er in den ersten Tagen beredt gewesen war.

Das Rothkehlchen besuchte Consuelo alle Morgen, doch ohne von Gottlieb in der Ferne begleitet zu sein. Es schien, als wenn dieses kleine Wesen (Consuelo war nicht weit davon entfernt, es für bezaubert zu halten) seine regelmäßige Zeit hielte, um sie mit seiner Gegenwart zu erfreuen, und dann pünktlich gegen Mittag zu seinem andern Freunde zurückzukehren. In der That war dabei nichts Wunderbares. Die Thiere der Freiheit haben feststehende Gewohnheiten und regeln ihren Tag mit mehr Verstand und Genauigkeit, als die Hausthiere.

Eines Tages jedoch bemerkte Consuelo, daß der Vogel nicht so leicht wie gewöhnlich flog. Er schien ungeduldig und beengt. Statt aus ihren Fingern seine Lieblingsspeise zu nehmen, dachte er nur daran, mit dem Schnabel und den Klauen sich von einer beschwerlichen Fessel zu befreien. Consuelo näherte sich ihm und sah einen schwarzen Faden, der an seinem Flügel hing. War das arme Thierchen in einem Netz gefangen worden und hatte es sich mit Muth und Geschicklichkeit davon befreit, einen Theil seiner Kette mit sich nehmend?

Es wurde ihr nicht schwer, ihn zu fangen, doch hatte sie einige Mühe, ihm einen seidenen Faden loszumachen, der geschickt über seinen Rücken geschlungen war und unter dem linken Flügel ein ganz kleines Täschchen von dünnem, braunem Stoff festhielt. In diesem Täschchen fand sie ein Billet mit fast unleserlichen Charakteren auf ein so feines Papier geschrieben, daß sie es mit ihrem Hauche zu zerreißen fürchtete. Schon bei den ersten Worten erkannte sie in ihm eine Botschaft ihres lieben Unbekannten. Es enthielt die wenigen Worte:

»Man hat mir ein edles Werk anvertraut, in der Hoffnung, das Vergnügen, Gutes zu thun, werde die Heftigkeit meiner Leidenschaft mildern. Doch nichts, selbst nicht das frömmste Werk, kann ein Herz zerstreuen in welchem du herrschest. Ich habe meine Aufgabe schneller gelöst, als man es für möglich hielt. Ich bin zurückgekehrt und liebe dich mehr als je. Doch der Himmel hellt sich auf. Ich weiß nicht, was zwischen dir und ihnen vorgegangen ist; aber sie scheinen günstiger gestimmt und meine Liebe wird nicht mehr wie ein Verbrechen, sondern nur wie ein Unglück für mich behandelt. Ein Unglück! O, sie lieben nicht! sie wissen nicht, daß ich nicht unglücklich sein kann, wenn du mich liebst; und du liebst mich, nicht wahr? Sage es dem Rothkehlchen von Spandau. Es ist dasselbe. Ich habe es in meinem Busen mitgebracht. O, möchte es mich für meine Sorge belohnen, indem es mir ein Wort von dir bringt! Gottlieb wird es mir getraulich übergeben, ohne es anzusehen.«

Geheimniß und romantische Umstände schüren das Feuer der Liebe. Consuelo empfand die lebhafteste Versuchung zu antworten und man muß wohl gestehen, die Furcht, den Unsichtbaren zu mißfallen, die Sorge, ihr Versprechen zu übertreten, hielt sie nur schwach zurück. Aber der Gedanke, daß sie entdeckt und aus der Nähe des Chevalier verbannt werden könnte, gab ihr den Muth, zu widerstehen.

Sie ließ das Rothkehlchen frei, ohne ihm ein Wort mitzugeben, doch nicht ohne bittere Thränen zu vergießen über den Kummer und die Enttäuschung, welche diese Strenge ihrem Freunde verursachen müsse.

Sie versuchte ihre Studien wieder aufzunehmen, doch weder die Lectüre, noch der Gesang konnten die Bewegung zerstreuen, welche ihren Busen hob, seit sie den Chevalier in ihrer Nähe wieder wußte. Sie konnte nicht umhin, zu hoffen, er möchte zum zweiten Male ungehorsam werden und sich des Abends in die blühenden Gebüsche ihres Gartens schleichen. Doch wollte sie ihn nicht durch ihre Gegenwart dazu ermuthigen.

Sie brachte den Abend im Zimmer zu und spähte hinter den Jalousien mit klopfendem Herzen und zwischen Furcht und Verlangen getheilt, doch fest entschlossen, seinem Rufe nicht zu folgen, in die Dämmerung hinaus. Sie sah ihn nicht und empfand darüber um so mehr Schmerz und Erstaunen, als sie sicher auf eine Verwegenheit gerechnet hatte, die sie doch getadelt und die all ihr Entsetzen aufgeregt haben würde.

Alle die kleinen, geheimnißvollen Dramen jugendlicher heißer Liebe erfüllten sich in ihrem Busen in wenig Stunden. Eine neue Zeit, Gefühle, die sie noch nie gekannt hatte, erwachten in ihr. Oft hatte sie des Abends auf dem Kais von Venedig, oder auf der Terrasse der Corte Minelli Anzoleto erwartet, doch dabei hatte sie ihre Lection vom Morgen wieder durchgegangen, ihren Rosenkranz gebetet, hatte ohne Ungeduld, ohne Angst, ohne Schrecken und Herzklopfen gewartet. Diese kindliche Liebe grenzte noch so nahe an die Freundschaft, daß sie in nichts dem Gefühl glich, das sie jetzt für Liverani empfand.

Am folgenden Morgen erwartete sie ängstlich das Rothkehlchen. Es kam nicht. War es von argwöhnischen Wächtern ergriffen worden? Hatte der Unmuth, den sein seidner Gürtel und die schwere Last ihm gaben, es am Ausfliegen verhindert? Aber es war so klug, daß es sich doch erinnern mußte, Consuelo habe es am vorigen Tage davon befreit; es wäre gewiß gekommen, um von Neuem diese Gefälligkeit von ihr zu erbitten.

Consuelo weinte den ganzen Tag. Sie, die in großem Unglück keine Thräne fand und über ihr Mißgeschick in Spandau nicht eine vergossen hatte, sie fühlte sich von den Schmerzen ihrer Liebe gebrochen und muthlos und suchte vergeblich die Kraft, die sie in allen andern Leiden ihres Lebens nie verlassen hatte.

Am Abend bemühte sie sich, am Klavier eine Partitur durchzugehen, als zwei schwarze Gestalten an der Thür des Musiksalons erschienen, ohne daß sie sie hatte kommen hören. Bei dem Anblick dieser Gespenster konnte sie einen Schrei des Entsetzens nicht zurückhalten; doch der Eine von ihnen sagte ihr mit sanfterer Stimme, als das erste Mal:

– Folge uns.

Und sie erhob sich schweigend, um ihnen zu gehorchen. Man gab ihr eine seidene Binde mit den Worten:

– Das wird dir weniger lästig fallen, als die Kappe. Verbinde dir selbst die Augen und schwöre, es gewissenhaft zu thun. Schwöre auch, wenn die Binde herabfallen oder locker werden sollte, die Augen zu schließen und sie nicht eher zu öffnen, bis wir es dir erlauben.

– Ich schwöre es, antwortete Consuelo.

– Dein Schwur wird als giltig angenommen, antwortete ihr Führer.

Und Consuelo stieg, wie das erste Mal, in den unterirdischen Raum hinab; doch als man ihr gesagt hatte, stehen zu bleiben, fügte eine unbekannte Stimme hinzu:

– Nimm dir selbst die Binde ab. Von jetzt an wird Niemand Hand an dich legen. Du hast keinen andern Hüter, als dein Wort.

Consuelo befand sich in einem gewölbten Zimmer, das nur von einer kleinen, in der Mitte des Gewölbes herabhängenden Todtenlampe erleuchtet ward. Ein einziger Richter im rothen Mantel und mit der Todtenmaske saß in einem antiken Lehnstuhle neben einem Tische. Er war von Alter gebeugt; einige silberne Locken drangen unter seiner Mütze hervor. Seine Stimme war zitternd und gebrochen. Der Anblick des Alters verwandelte die Furcht, deren sich Consuelo bei der Nähe eines Unsichtbaren nicht enthalten konnte, in ehrfurchtsvolle Achtung.

– Höre mich wohl, sagte er zu ihr, indem er ihr ein Zeichen gab, sich in einiger Entfernung auf einem Schemel niederzusetzen. Du erscheinst hier vor deinem Beichtiger. Ich bin der Aelteste des Raths und die Ruhe meines ganzen Lebens hat meinen Geist so rein gemacht, als es der reinste der katholischen Priester sein kann. Ich lüge nicht. Doch willst du mich verwerfen? Es steht dir frei.

– Ich nehme Euch an, antwortete Consuelo, vorausgesetzt jedoch, daß meine Beichte nicht die eines Andern in sich schließen soll.

– Eitle Bedenklichkeit, erwiederte der Greis. Ein Schüler offenbart einem Pedanten den Fehler seines Kameraden nicht; doch ein Sohn benachrichtigt gern seinen Vater von dem seines Bruders, weil er weiß, daß der Vater bessert und hindert, ohne zu züchtigen. So sollte wenigstens das Gesetz der Familie sein. Du bist hier in dem Schooße einer Familie, welche die Erfüllung des Ideals versucht. Hast du Vertrauen?

Diese in dem Munde eines Unbekannten ziemlich willkürliche Frage wurde mit solcher Sanftmuth und mit so theilnehmendem Tone ausgesprochen, daß Consuelo, plötzlich hingerissen und gerührt, ohne Zögerung antwortete:

– Ich habe volles Vertrauen.

– Höre ferner, nahm der Greis wieder das Wort. Das erste Mal, wo du vor uns erschienst, sprachst du ein Wort, das wir nicht vergessen, sondern wohl erwogen haben: ›Es sei eine seltsame moralische Tortur für ein Weib, in Gegenwart von acht Männern laut ihr Herz aufzuschließen.‹ Deine Schaam ist in Erwägung gezogen worden. Du sollst deine Beichte nur gegen mich ablegen und ich werde deine Geheimnisse nicht verrathen. Es ist mir Vollmacht gegeben worden, obgleich ich in dem Rathe über Niemandem stehe, dich in einer besondern Angelegenheit von zarter Natur zu leiten, die nur indirekt mit deiner Aufnahme in Verbindung steht. Willst du ohne Verlegenheit mir antworten? willst du dein Herz vor mir öffnen?

– Ich will es.

– Ich frage nicht nach deiner Vergangenheit. Es ist dir gesagt worden, deine Vergangenheit gehört uns nicht; doch man hat dich ermahnt, von dem Augenblicke an dein Herz zu reinigen, wo deine Prüfung ihren Anfang nahm. Du hast über die Schwierigkeiten und die Folgen einer solchen Prüfung wohl nachdenken können; nicht mir allein bist du Rechenschaft davon schuldig; zwischen mir und dir ist von etwas Anderem die Rede. Antworte also.

– Ich bin bereit.

– Eines unserer Kinder liebt dich. Entsprichst du dieser Liebe seit acht Tagen, oder weisest du sie zurück?

– Ich habe sie in allen meinen Handlungen zurückgewiesen.

– Ich weiß es, deine geringsten Handlungen sind uns bekannt. Ich frage nach dem Geheimniß deines Herzens und nicht nach deinem Betragen.

Consuelo fühlte, wie ihre Wangen brannten und schwieg.

– Du findest meine Frage sehr grausam. Du mußt doch antworten. Ich will nichts errathen. Ich muß wissen und zu Protocoll nehmen.

– Nun wohl, ich liebe! antwortete Consuelo, von dem Bedürfniß, wahr zu sein, hingerissen.

Aber kaum hatte sie dieses Wort mit Kühnheit ausgesprochen, als sie in Thränen ausbrach. Sie hatte der Jungfräulichkeit ihres Herzens entsagt.

– Warum weinst du? fragte der Richter sauft. Aus Schaam oder Reue?

– Ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe nichts zu bereuen; dazu ist meine Liebe zu heftig.

– Wen liebst du?

– Ihr kennt ihn, ich kenne ihn nicht.

– Aber wenn ich ihn nicht kenne? Seinen Namen!

– Liverani.

– Das ist kein Name. Er gehört allen unsern Adepten, die ihn tragen und sich seiner bedienen wollen; es ist ein Name des Zufalls, wie alle, welche die Mehrzahl von uns auf ihren Reisen führen.

– Ich kenne ihn unter keinem andern Namen und habe ihn nicht von ihm gehört.

– Sein Alter?

– Ich habe ihn nicht darnach gefragt.

– Sein Gesicht!

– Ich habe es nie gesehen.

– Wie willst du ihn wieder erkennen?

– Ich glaube, wenn ich seine Hand berühre, kenne ich ihn.

– Und wenn man dein Schicksal dieser Probe überließe und du dich täuschtest?

– Das wäre entsetzlich.

– Zittere also vor deiner Unklugheit, unglückliches Kind! Deine Liebe ist Wahnsinn.

– Ich weiß es wohl.

– Und du bekämpfst sie nicht in deinem Herzen?

– Ich habe nicht die Kraft dazu.

– Hegst du das Verlangen?

– Nicht einmal das Verlangen.

– Dein Herz ist also frei von jeder andern Neigung?

– Völlig.

– Aber du bist Wittwe?

– Ich glaube.

– Und wenn du es nicht bist?

– So bekämpfe ich meine Liebe und thue meine Pflicht.

– Mit Bedauern? mit Schmerz?

– Vielleicht mit Verzweiflung. Aber ich werde sie thun.

– Du hast also den, welcher dein Gatte gewesen ist, nicht geliebt?

– Ich liebte ihn mit schwesterlicher Freundschaft; ich that alles Mögliche, um ihn wirklich zu lieben.

– Und du hast es nicht vermocht?

– Jetzt, wo ich weiß, was Liebe ist, kann ich sagen: Nein.

– So bereue es nicht, die Liebe erzwingt sich nicht. Du glaubst, diesen Liverani zu lieben? ernst, fromm, glühend?

– Ich fühle das Alles in meinem Herzen, wenn er nicht meiner unwerth ist.

– Er ist deiner werth.

– O, mein Vater, rief Consuelo, von Dankbarkeit hingerissen und bereit, vor dem Greis auf die Kniee zu fallen.

– Er ist ebenso, wie Albert selbst, einer unendlichen Liebe würdig. Doch du mußt ihm entsagen.

– So bin ich also seiner nicht werth! antwortete Consuelo schmerzlich.

– Du wärst es, doch du bist nicht frei. Albert von Rudolstadt lebt.

– Großer Gott, verzeihe mir! murmelte Consuelo, in die Kniee sinkend und ihr Gesicht in ihre Hände bergend.

Der Beichtiger und die Büßende beobachteten Beide ein schmerzliches Schweigen. Doch bald fühlte Consuelo, die sich an die Einflüsterungen Superville's erinnerte, sich von Entsetzen ergriffen. Konnte sich dieser Greis, dessen Gegenwart sie mit Ehrfurcht erfüllte, zu einem schändlichen Betrug hergeben? mißbrauchte er die Tugend und die Empfänglichkeit der unglücklichen Consuelo, um sie in die Arme eines elenden Betrügers zu werfen?

Sie erhob den Kopf und versuchte, bleich vor Entsetzen, mit trocknem Auge und zitterndem Munde diese kalte Maske zu durchschauen, die ihr vielleicht die Blässe eines Strafbaren, oder das teuflische Lachen eines Verbrechers verbarg.

– Albert lebt! rief sie; seid Ihr dessen gewiß, Herr? wißt Ihr, daß ein Mensch lebt, welcher ihm gleicht und bei dessen Anblick ich selbst Albert zu sehen geglaubt habe?

– Ich kenne diesen ganzen abgeschmackten Roman, antwortete der Greis in ruhigem Tone, ich kenne alle Thorheiten, welche Superville erfunden hat, um sich von dem Verbrechen der Unwissenheit zu reinigen, indem er einen schlafenden Menschen in das Grab legen ließ. Zwei Worte werden dieses Gewebe von Thorheiten zerstreuen.

Zuerst ist Superville für unwerth gehalten worden, aus den untern Graden der geheimen Gesellschaft, deren oberste Leitung wir haben, in die höheren überzugehen und seine beleidigte Eitelkeit, verbunden mit einer krankhaften, geschwätzigen Neugier, hat diese Beleidigungen nicht ertragen können.

Dann hat Graf Albert niemals daran gedacht, sein Erbe zurückzufordern, er hat freiwillig darauf verzichtet und würde niemals drein willigen, seinen Namen und seinen Rang in der Welt zurückzunehmen. Er könnte es auch nicht mehr ohne unangenehme Untersuchungen über seine Identität anzuregen, dem sich sein Stolz nie unterwerfen würde. Er hat vielleicht seine wahren Pflichten falsch verstanden, als er, so zu sagen, auf sich selbst Verzicht leistete. Er hätte einen bessern Gebrauch als seine Erben von seinem Vermögen machen können. Er hat sich eines der Mittel zur Uebung christlicher Milde, das ihm die Vorsehung übergeben hatte, selbst genommen; doch es bleiben ihm noch genug andere, und übrigens war die Stimme seiner Liebe stärker, als die seiner Pflicht. Er erinnerte sich, daß du ihn gerade deswegen, weil er reich und edel war, nicht liebtest. Er wollte sich jede mögliche Rückkehr zu seinem Vermögen und Namen selbst nehmen. Er hat es gethan und wir haben es ihm erlaubt. Jetzt liebst du ihn nicht, du liebst einen Andern. Er wird nie den Anspruch eines Gatten bei dir geltend machen, den er in der Stunde seines Todeskampfes nur deinem Mitleid verdankte. Er wird den Muth haben, dir zu entsagen.

Ueber den, den du Liverani nennst und über dich haben wir keine andere Macht, als die der Ueberredung. Wollt Ihr gemeinsam fliehen, wir können es nicht hindern, wir haben weder Kerker, noch Zwang, noch körperliche Strafen zu unserm Dienst; was auch ein leichtgläubiger und furchtsamer Diener dir in dieser Hinsicht gesagt haben mag; wir hassen die Mittel der Tyrannei. Dein Loos liegt in deinen Händen. Geh noch einmal mit dir zu Rathe, arme Consuelo, und Gott erleuchte dich.

Consuelo hatte diese Worte mit dumpfem Entsetzen angehört. Als der Greis schwieg, erhob sie sich und sagte mit Nachdruck:

– Ich brauche nicht weiter mit mir zu Rathe zu gehen, mein Entschluß ist gefaßt. Albert ist hier? Führt mich zu seinen Füßen.

– Albert ist nicht hier. Er konnte nicht Zeuge dieses Kampfes sein. Er kennt sogar die Krisis nicht, der du in dieser Stunde unterworfen wurdest.

– O, theurer Albert! rief Consuelo, die Arme gen Himmel erhebend, ich werde siegreich daraus hervorgehen!

Dann knieete sie vor dem Greise nieder und sagte:

– Mein Vater, nehmt meine Schuld von mir und helft mir, nie diesen Liverani wieder zu sehen; ich will ihn nicht mehr lieben und werde ihn nicht mehr lieben.

Der Greis legte seine zitternden Hände auf Consuelo's Haupt; doch als er sie zurückzog, konnte sie nicht aufstehen. Sie hatte das Schluchzen in ihrer Brust verschlossen und, überwältigt von einem über ihre Kräfte gehenden Kampfe mußte sie sich auf die Arme des Beichtigers stützen, um das Cabinet zu verlassen.

Ende des vierten Theils.

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