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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Dritter Theil.

—————

1.

Doch da Consuelo sich über ihren Zustand nicht beunruhigte und in ihrer Lebensweise nichts änderte, war sie bald wieder hergestellt. Sie konnte in den Abendstunden ihren Gesang wieder anfangen und fand den tiefen Schlaf ihrer friedlichen Nächte wieder.

Eines Morgens, es war der zwölfte ihrer Gefangenschaft, erhielt sie ein Billet von Herrn von Pöllnitz, der ihr für den nächsten Abend einen Ausflug verkündigte.

»Ich habe vom König die Erlaubniß erhalten,« – schrieb er, – »Sie selbst in einem Hofwagen abholen zu dürfen. Wenn Sie mir Ihr Wort geben, nicht durch ein Fenster fortzufliegen, hoffe ich sogar die Vollmacht zu erhalten, Sie von der Escorte zu befreien, und Sie auf dem Theater ohne dieses unheimliche Gefolge erscheinen zu lassen. Glauben Sie, daß Sie keinen ergebenern Freund besitzen als mich, und daß ich die strenge, vielleicht ungerechte, Behandlung, welche Sie erfahren, herzlich beklage!« –

Die Porporina wunderte sich ein wenig über die plötzliche Freundschaft und zarte Aufmerksamkeit des Barons. Bisher hatte Herr von Pöllnitz, der in seiner Eigenschaft als alter Wüstling die tugendhaften Mädchen nicht liebte, in seinen häufigen amtlichen Beziehungen mit der Prima Donna viel Kälte und Abneigung gezeigt. Er hatte sogar von ihrem geordneten Lebenswandel und ihrem zurückgezogenen Betragen mit einer verletzenden Ironie mit ihr gesprochen.

Man wußte wohl bei Hofe, daß der alte Kammerherr des Königs Spion sei; doch Consuelo war in die Geheimnisse des Hofes nicht eingeweiht und wußte nicht, daß man dieses gehässige Gewerb treiben könne, ohne die Vortheile einer scheinbaren Achtung der vornehmen Welt zu verlieren. Demungeachtet sagte ein unbestimmter Instinct des Widerwillens Consuelo, daß Pöllnitz mehr als jeder Andere zu ihrem Unglück beigetragen habe. Sie wachte also über alle ihre Worte, als sie sich, am folgenden Tage, mit ihm allein in dem Wagen befand, der sie gegen Abend schnell nach Berlin führte.

– Nun, arme Einsiedlerin, sagte er zu ihr, da sind Sie schön abgefangen! Aber wie scheu sind diese alten Philister, die Sie bewachen! Niemals hätten sie mir erlaubt, in die Citadelle zu kommen, unter dem Vorwande, ich hätte keine Erlaubniß und, sans reproche, ich habe eine Viertelstunde hier in der Kälte auf Sie warten müssen. Nun, hüllen Sie sich wohl in diesen Pelz, den ich zur Erhaltung Ihrer Stimme mitgebracht habe, und erzählen Sie mir Ihre Abenteuer.

Was Teufel ist denn auf der letzten Redoute vorgegangen? Alle Welt fragt darnach und Niemand weiß es. Mehrere Originale, die, meiner Meinung, Niemandem ein Leids zufügten, sind wie durch Zauberei verschwunden. Der Graf von St. Germain, der, wie ich glaube, zu Ihren Freunden gehört; ein gewisser Trismegistus, der bei Herrn von Golowkin versteckt gewesen sein soll, und den Sie vielleicht gleichfalls kennen, denn man sagt, Sie ständen mit allen diesen Teufelskindern auf dem besten Fuße …

– Diese Personen sind verhaftet worden? fragte Consuelo.

– Oder haben die Flucht ergriffen: beide Versionen sind am Hofe im Gange.

– Wenn diese Personen nicht mehr als ich wissen, weshalb man sie verfolgt, so hätten sie besser gethan, festen Fußes ihre Rechtfertigung abzuwarten.

– Oder den Neumond, der die Laune des Königs verändern kann, und das ist wohl das sicherste. Ich rathe Ihnen, heute Abend recht schön zu singen. Das wird mehr Wirkung auf ihn machen, als schöne Worte. Wie Teufel konnten Sie auch so ungeschickt sein, schöne Freundin, sich nach Spandau schicken zu lassen? Nie hätte der König für solche vétilles, wie man Ihnen Schuld giebt, ein so unzartes Urtheil gegen eine Dame ausgesprochen. Sie müssen ihm mit arrogance, die Mütze auf dem Ohre und Ihre Hand auf Ihrem Degengriff, wie eine kleine Thörin, die Sie sind, geantwortet haben.

Was haben Sie denn so Schweres verbrochen? Nun, erzählen Sie mir's. Ich wette, daß ich Ihre affaires arrangire; und wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so kehren Sie gar nicht in die feuchte Mausefalle von Spandau zurück, sondern legen sich heute Abend noch in ihrem hübschen Appartement in Berlin zur Ruh. Nun, beichten Sie.

Man sagt, Sie hätten ein souper fin mit der Prinzessin Amalie im Schlosse gehalten und sich, mitten in der Nacht, amüsirt, den Geist zu spielen in der Gestalt der Kehrfrau, um die Hofdamen der Königin zu erschrecken. Es scheint, mehrere dieser Fräulein haben eine unzeitige Niederkunft gehabt und die Tugendhaftesten werden Kinder mit einem kleinen Besen auf der Nase zur Welt bringen.

Man sagt auch, Sie hätten sich vom Planétaire der Frau von Kleist wahrsagen lassen und Herr von Saint Germain hätte Ihnen die Geheimnisse der Politik Philipp des Schönen offenbart.

Sind Sie einfältig genug, zu glauben, der König wollte etwas Anderes, als über solche Thorheiten mit seiner Schwester lachen? Der König ist übrigens gegen Madame l'Abbesse von einer Nachgiebigkeit, die bis zur Kinderei geht; und was die Wahrsager betrifft, so will er nur wissen, ob Sie für das Debutiren ihrer Sornettes Geld nehmen, in welchem Falle er sie ersucht, das Land zu verlassen, und das ist Alles.

Sie sehen also, daß Sie sich sehr über die Wichtigkeit Ihrer Rolle täuschen, und daß, wenn Sie hätten ruhig auf einige Fragen antworten wollen, Sie keinen so traurigen Carneval in den Staatsgefängnissen zugebracht hätten.

Consuelo ließ den alten Höfling schwätzen, ohne ihn zu unterbrechen, und als er sie drängte, zu antworten, beharrte sie darauf, ihm zu entgegnen, daß sie nicht wisse, wovon er spreche. Sie ahnte eine Falle unter dieser wohlwollenden Frivolität und ließ sich nicht fangen.

Da änderte Pöllnitz die Taktik und sagte ihr mit ernstem Tone:

– Es ist gut, Sie mißtrauen mir. Ich zürne Ihnen deshalb nicht, im Gegentheil, ich schätze Ihre Klugheit. Da Sie denn so sind, Signora, so will ich offen zu Ihnen sprechen. Ich weiß wohl, daß man Ihnen trauen kann und unser Geheimniß in guten Händen ist. Erfahren Sie denn, Signora Porporina, daß ich, mehr als Sie glauben, Ihr Freund bin, denn ich bin einer der Ihrigen; ich gehöre zur Partei des Prinzen Heinrich.

– Der Prinz Heinrich hat also eine Partei? fragte die Porporina, neugierig zu erfahren, in welche Intrigue sie verwickelt sei.

– Spielen Sie doch die Unwissende nicht, erwiederte der Baron. Das ist eine Partei, die man jetzt sehr verfolgt, die aber keineswegs verzweifelt ist. Der große Lama, oder, wenn Sie lieber wollen, M. le Marquis, sitzt nicht so fest auf seinem Throne, daß man ihn nicht aus dem Sattel werfen könnte. Preußen ist ein gutes Schlachtroß; aber man muß es nicht aufs Aeußerste bringen.

– Also conspiriren Sie, Herr Baron? Das hätte ich nicht geglaubt?

– Wer conspirirt in unserer Zeit nicht? Der kleine Tyrann ist von anscheinend treuen Dienern umgeben, die alle sein Verderben beschworen haben.

– Ich finde es sehr leichtfertig von Ihnen, Herr Baron, daß Sie mir ein solches Vertrauen schenken.

– Wenn ich es thue, so geschieht es, weil ich vom Prinzen und der Prinzessin dazu autorisirt bin.

– Von welcher Prinzessin sprechen Sie?

– Von der, die Sie kennen. Ich glaube nicht, daß die Andern conspiriren! … Außer vielleicht die Markgräfin von Bayreuth, die mit ihrer kleinlichen Stellung unzufrieden ist und dem König zürnt, seit er ihr wegen ihres Verständnisses mit dem Cardinal Fleury den Kopf gewaschen hat. Das ist schon eine alte Geschichte; aber rancune de femme est de longue durée (Weibergroll dauert lange), und die Markgräfin Guillemette Sophie Wilhelmine. Sie unterzeichnete ihre Briefe an Voltaire mit » soeur Guillemette ist kein gewöhnlicher Geist: was meinen Sie?

– Ich habe nicht die Ehre gehabt, von ihr ein einziges Wort zu hören.

– Aber Sie haben sie bei der Aebtissin von Quedlinburg gesehen?

– Ich bin nur ein einziges Mal bei der Prinzessin Amalie gewesen, und die einzige Person der königlichen Familie, die ich dort getroffen habe, war der König.

– Gleichviel, Prinz Heinrich hat mich also beauftragt, Ihnen zu sagen …

– Wirklich, Herr Baron! sagte Consuelo in verächtlichem Tone; der Prinz hat Sie beauftragt, mir etwas zu sagen?

– Sie werden sehen, daß ich nicht scherze. Er läßt Ihnen wissen, daß seine Angelegenheiten nicht schlechter stehen, wie man es Ihnen glauben machen will, daß keiner seiner Vertrauten ihn verrathen hat; daß St. Germain schon in Frankreich ist, wo er sich bemüht, eine Alliance zwischen unserer Verschwörung und der, welche unverweilt Karl Eduard auf England's Thron setzen will, zu errichten; daß Trismegistus allein verhaftet ist, dessen Flucht er jedoch bewirken will; daß er seiner Verschwiegenheit gewiß ist.

Was Sie betrifft, so beschwört er Sie, sich durch die Drohungen des Marquis nicht einschüchtern zu lassen und besonders Denen nicht zu glauben, die den Schein annehmen möchten, in Ihrem Interesse zu sein, um Sie zum Sprechen zu bringen … Deshalb habe ich Sie so eben einer kleinen Prüfung unterworfen, aus der Sie siegreich hervorgegangen sind; und ich werde unserm Heros, unserm tapfern Prinzen, unserm künftigen König sagen, daß Sie eine der festesten Stützen seiner Sache sind!

Verwundert über die Zuversicht des Herrn von Pöllnitz, konnte Consuelo ein lautes Gelächter nicht unterdrücken; und als der durch ihre Verachtung beleidigte Baron sie nach dem Grunde dieser übelangebrachten Heiterkeit fragte, vermochte sie ihm nichts zu antworten, als: »Sie sind bewundernswürdig, sublim, Herr Baron!« Und sie begann von Neuem wider ihren Willen zu lachen. Sie hätte unter dem Stocke gelacht, wie die Nicole des Herrn Jourdain.

– Wenn dieser Nervenzufall vorüber sein wird, sagte Pöllnitz, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, so lassen Sie sich vielleicht herab, mir Ihre Absichten zu erkennen zu geben. Sollten Sie den Prinzen verrathen wollen? oder wirklich glauben, daß die Prinzessin Sie dem Zorn des Königs überliefert hat? Könnten Sie sich Ihrer Schwüre entbunden betrachten? Bedenken Sie wohl, Signora, Sie könnten es vielleicht bald bereuen. Schlesien wird bald von uns an Maria Theresia ausgeliefert werden, die ihre Pläne nicht aufgegeben hat und sogleich unsere Bundesgenossen wird. Rußland, Frankreich werden gewiß dem Prinzen Heinrich die Hände reichen. Frau von Pompadour hat Friedrich's Verachtung nicht vergessen. Eine mächtige Coalition, einige Jahre Kampf können leicht diesen stolzen Fürsten, der nur noch an einem Faden hängt, vom Throne stürzen … Bei der Liebe des neuen Monarchen könnten Sie auf ein hohes Glück Anspruch machen. Das Geringste, was geschehen kann, ist, daß der Kurfürst von Sachsen seines politischen Königreichs entsetzt wird und der Prinz Heinrich in Warschau seinen Königssitz aufschlägt … Also …

– Also, Herr Baron, besteht, nach Ihrer Behauptung, eine Verschwörung, die, um den Prinzen Heinrich zufrieden zu stellen, noch einmal Europa mit Feuer und Schwerdt verheeren will? Und um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, schaudert dieser Prinz nicht vor der Schande zurück, sein Land dem Fremden zu überlassen? Es wird mir schwer, solche Schändlichkeiten für möglich zu halten; und sollten Sie, unglücklicher Weise, wahr sprechen, so fühle ich mich sehr gedemüthigt, für Ihre Mitschuldige zu gelten.

Doch endigen wir diese Posse, ich beschwöre Sie. Seit einer Viertelstunde bemühen Sie sich gutmüthig, mich zum Geständniß eingebildeter Verbrechen zu bringen. Ich habe Sie angehört, um zu erfahren, welches Vorwands man sich bedient, mich gefangen zu halten; es bleibt mir nur noch zu erfahren, womit ich den Haß habe verdienen können, der mich mit solcher gemeinen Erbitterung verfolgt. Wenn Sie mir es sagen wollen, so will ich versuchen, mich zu rechtfertigen. Bis jetzt kann ich auf all' die schönen Sachen, von denen Sie mich in Kenntniß gesetzt haben, nichts antworten, als, daß sie mich sehr in Erstaunen setzen und daß solche Pläne meine Theilnahme nicht erhalten werden.

– In diesem Falle, Signora, wenn Sie nicht genauer unterrichtet sind, entgegnete Pöllnitz sehr verletzt, wundere ich mich über den Leichtsinn des Prinzen, der mich auffordert, ohne Rückhalt mit Ihnen zu sprechen, ohne sich zuvor Ihrer Mitwirkung zu allen seinen Plänen versichert zu haben.

– Ich wiederhole Ihnen, Herr Baron, daß ich von den Plänen des Prinzen durchaus nichts weiß; doch bin ich von einer Sache fest überzeugt, daß er Ihnen nie den Auftrag gegeben hat, mir auch nur ein Wort davon zu sagen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen dieses Dementi gebe. Ich achte Ihr Alter, kann aber nicht umhin, die abscheuliche Rolle zu verachten, die Sie in diesem Augenblicke bei mir spielen.

– Der absurde Verdacht eines Weiberkopfes berührt mich nicht, antwortete Pöllnitz, der seine Lügen nicht mehr zurücknehmen konnte. Eine Zeit wird kommen, wo Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen werden. Bei der Verwirrung, welche die Verfolgung verursacht, und dem Unmuth, den das Gefängniß nothwendig erzeugen muß, ist es nicht zu verwundern, daß Scharfsinn und Klarheit des Blicks Ihnen plötzlich entgeht. Bei Verschwörungen muß man sich auf solche thörichte Gedanken gefaßt machen, besonders von Seiten der Damen. Ich beklage Sie und verzeihe Ihnen.

Uebrigens ist es möglich, daß Sie bei dem Allen nur die ergebene Freundin Trenck's und die Vertraute einer erhabenen Prinzessin sind … Diese Geheimnisse sind zu unzarter Natur, als daß ich von ihnen sprechen möchte. Der Prinz Heinrich selbst schließt die Augen darüber, obgleich er recht gut weiß, daß das einzige Motiv, welches seine Schwester zum Beitritt zur Verschwörung bewogen hat, nur die Hoffnung ist, Trenck wieder in seinen Rang eingesetzt zu sehen und ihn vielleicht zu heirathen.

– Auch davon weiß ich nichts, Herr Baron, und ich denke, wenn Sie einer erhabenen Prinzessin aufrichtig ergeben wären, würden Sie solche seltsame Dinge von ihr mir nicht erzählen.

Das Geräusch der Räder auf dem Pflaster machte der Unterredung zur großen Zufriedenheit des Barons ein Ende, der nicht mehr wußte, welches Mittel er ergreifen sollte, um sich aus seiner Verlegenheit zu ziehen.

Sie kamen in die Stadt. Die von zwei Wachen, welche sie fast nicht aus den Augen ließen, bis zur Thür ihrer Loge und in die Coulissen escortirte Sängerin wurde von ihren Cameraden ziemlich kalt aufgenommen. Sie ward von ihnen geliebt, doch keiner von ihnen fühlte den Muth in sich, durch äußere Zeichen gegen die erklärte Ungnade des Königs zu protestiren. Sie waren niedergeschlagen, gezwungen und wie von der Furcht vor Ansteckung ergriffen.

Consuelo, welche dieses Betragen nicht der Feigheit, sondern dem Mitgefühl zuschreiben wollte, glaubte in ihrem muthlosen Gesichte die Verkündigung einer langen Gefangenschaft zu lesen. Sie bemühte sich, ihnen zu zeigen, daß sie davor nicht erschrak, und erschien mit muthigem Vertrauen auf der Bühne.

In diesem Augenblicke ereignete sich in dem Schauspielsaale etwas sehr Seltsames. Da die Verhaftung der Porporina Aufsehen gemacht hatte, und die Zuschauer nur aus Personen bestanden, die aus Ueberzeugung oder durch ihre Stellung dem königlichen Willen beipflichteten, so steckte Jeder seine Hände in die Taschen, um dem Verlangen und der Gewohnheit zu widerstehen, die in Ungnade gefallene Sängerin mit Applaus zu empfangen. Jedermann hatte die Augen auf den König, der seinerseits forschende Blicke auf die Menge warf, um ihr das tiefste Stillschweigen aufzulegen.

Plötzlich fiel ein Blumenkranz, man wußte nicht, von woher, zu den Füßen der Sängerin, und mehrere Stimmen sprachen gleichzeitig und laut genug, um auf verschiedenen Punkten des Saales, wo sie vertheilt waren, gehört zu werden, die Worte aus: Es kommt vom Königs Es ist die Begnadigung des Königs!

Diese sonderbare Behauptung ging mit der Schnelligkeit des Blitzes von Mund zu Mund, und da Jeder glaubte, seine Pflicht zu thun und sich Friedrich gefällig zu erweisen, brach in dem ganzen Hause ein Beifallssturm aus, wie man ihn seit Menschengedenken in Berlin nicht gehört hatte. Mehrere Minuten lang konnte die Porporina, verwirrt und verlegen von einer so kühnen Protestation, ihre Rolle nicht anfangen.

Der König wandte sich, bestürzt, mit einem furchtbaren Zornsblick gegen die Zuschauer, die ihn als ein Zeichen der Zustimmung und Ermuthigung nahmen. Buddenbrock selbst, der nicht weit von ihm stand, begann, als er den jungen Benda gefragt, was es denn gebe, und dieser ihm geantwortet hatte, die Krone sei von der Seite des Königs herabgefallen, mit einer wahrhaft komischen, üblen Laune in die Hände zu klatschen. Die Porporina glaubte zu träumen; der König betastete sich, um sich zu überzeugen, daß er wirklich wache.

Was auch die Ursache und der Zweck dieses Triumphs war, Consuelo empfand seine wohlthätige Wirkung; sie übertraf sich selbst, und wurde während des ganzen ersten Akts mit demselben Entzücken beklatscht.

Aber als während des Zwischenakts das Mißverständniß sich ein wenig aufgeklärt hatte, beharrte nur noch ein Theil des Publikums, der unbekannteste und der vertrauten Mittheilungen der Höflinge unzugänglichste, ihr Zeichen des Beifalls zu geben.

Endlich setzten im zweiten Zwischenakt die Redner der Corridore und des Büffet's Jedermann in Kenntniß, daß der König über die wahnsinnige Haltung des Publikums sehr unzufrieden scheine; daß die Porporina mit unerhörter Keckheit eine Cabale angezettelt habe, endlich, daß Jeder, der als Theilnehmer an diesem bezahlten Beifall erkannt werde, es gewiß bereuen werde.

Als der dritte Akt anhob, herrschte, trotz der außerordentlichen Leistungen der Prima Donna, eine so tiefe Stille im Saale, daß man am Ende einer jeden von ihr gesungenen Arie eine Fliege hätte summen hören, und dagegen die andern Sänger alle Früchte der Reaction ernteten.

Die Porporina war bald über ihren Triumph enttäuscht worden.

– Arme Freundin, hatte ihr Conciolini gesagt, als er ihr nach der ersten Scene die Blumenkrone in der Coulisse überreichte, ich beklage dich, daß du so gefährliche Freunde hast. Sie werden dich vollends verderben.

Im Zwischenakte trat der Porporino in ihre Loge und sagte ihr leise:

– Ich hatte es dir gesagt, du solltest dem Herrn von Saint Germain mißtrauen; doch es war zu spät. Jede Partei hat ihre Verräther. Sei deshalb der Freundschaft nicht weniger treu und gehorche der Stimme deines Gewissens. Du wirst von einem mächtigern Arme beschützt, als der, der dich unterdrückt.

– Was willst du sagen? rief die Porporina; gehörst du zu denen ...

– Ich sage, Gott wird dich schützen, antwortete der Porporino, der zu fürchten schien, gehört worden zu sein, und auf die Bretterwand zeigte, welche die Ankleidezimmer der einzelnen Schauspieler von einander trennte. Diese Wände hatten zwar zehn Fuß Höhe, ließen aber bis zur Decke noch Raum genug, daß man in den Nebenlogen leicht hören konnte, was in der einen vorging. Ich habe vorausgesehen, sagte er noch leiser sprechend und ihr eine Börse übergebend, daß du Geld brauchen könntest, und ich bringe dir welches.

– Ich danke dir, entgegnete Consuelo; wenn der Hüter, der mir die Lebensmittel theuer verkauft, der Bezahlung einer Schuld wegen zu dir kommt, so weigere dich, es zu thun. Es ist ein Wucherer, und ich habe hier genug, um lange damit zu reichen.

– Schon gut, sagte der gute, ehrliche Porporino. Ich verlasse dich; ich würde Deine Lage verschlimmern, wenn ich Geheimnisse mit dir zu haben schiene.

Er schlüpfte hinaus und Consuelo erhielt den Besuch der Frau von Cocceji (der Barberini), welche ihr muthig viel Theilnahme und Liebe bezeugte. Die Marquise d'Argens (die Cochois) trat mit einem gemessenen Wesen und mit den schönen Worten einer Königin, welche das Unglück schützt, zu ihnen. Consuelo dankte ihr nicht weniger für ihren Schritt, und bat sie, die Gunst ihres Gatten durch eine Verlängerung ihres Besuchs nicht zu gefährden.

Der König sagte zu Pöllnitz:

– Nun, hast du sie ausgefragt? Hast du ein Mittel gefunden, sie zum Reden zu bringen?

– Nicht mehr als einen Eckstein, antwortete der Baron.

– Hast du ihr zu verstehen gegeben, daß ich Alles verzeihen wollte, wenn sie mir nur sagt, was sie von der Kehrfrau weiß, und was Saint Germain ihr gesagt hat?

– Sie achtet es so wenig als das Jahr Vierzig.

– Hast du ihr mit langer Gefangenschaft gedroht?

– Noch nicht. Ew. Majestät sagten mir, sie mit Sanftmuth zu kirren.

– So schrecke sie auf dem Rückweg.

– Ich will's versuchen, doch wird's nichts helfen.

– Ist es denn eine Heilige, eine Märtyrerin?

– Sie ist fanatisch, besessen, vielleicht der Teufel im Weiberrock.

– Dann wehe ihr! ich gebe sie auf. Die Saison der italienischen Oper geht in einigen Tagen zu Ende. Richte dich so ein, daß du das Mädchen nicht mehr brauchst, und ich von ihr bis zum nächsten Jahre nichts mehr höre.

– Ein Jahr! Das hält Ew. Majestät nicht aus.

– Besser als dein Kopf auf deinem Halse hält, Pöllnitz!

2.

Pöllnitz hatte Grund genug, der Porporina zu grollen, um diese Gelegenheit, sich zu rächen, zu benutzen. Demungeachtet that er es nicht; sein Charakter war außerordentlich feig und er vermochte nur gegen Diejenigen boshaft zu sein, welche sich ihm hingaben. Sobald man ihn ablaufen ließ, wurde er furchtsam, und man hätte sagen können, er empfände eine unwillkürliche Achtung für Diejenigen, die zu täuschen ihm nicht gelang. Man hatte sogar gesehen, daß er sich von Denen losmachte, die seinen Lastern schmeichelten, um mit gesenktem Ohre Denen zu folgen, die ihn mit Füßen traten.

War das ein Gefühl seiner Schwäche, oder die Erinnerung an seine weniger befleckte Jugend? Man möchte gern glauben, daß in den verderbtesten Gemüthern immer noch etwas die erstickten bessern Gefühle anzeigt, und nur ein Zustand von Schmerzen und Gewissensbissen zurückbleibt.

Es ist gewiß, daß sich Pöllnitz lange dem Prinzen Heinrich angeschlossen hatte, indem er den Schein annahm, seinen Kummer zu theilen, daß er oft ihn selbst bewogen hatte, sich über die schlechte Behandlung des Königs zu beklagen, indem er ihm mit seinem Beispiele voranging, um dann seine Worte Friedrich wiederzusagen, und sie selbst noch bitterer machte, um den Zorn des Letztern zu vermehren.

Pöllnitz hatte dieses schändliche Gewerbe aus reinem Vergnügen daran übernommen; denn im Grunde haßte er den Prinzen nicht. Er haßte Niemand, außer den König, der ihn mehr und mehr entehrte, ohne ihn bereichern zu wollen. Pöllnitz liebte also die Schleicherei an sich selbst. Betrügen war in seinen Augen ein schmeichelnder Triumph.

Er empfand übrigens ein wirkliches Vergnügen, vom König Böses zu reden und üble Nachrede zu erregen; und wenn er dann diese Verwünschungen Friedrich wieder zutrug, freute er sich in seinem Herzen, während er sich rühmte, sie hervorgerufen zu haben, seinem Herrn einen Streich spielen zu können, indem er ihm das Glück verbarg, das er genossen hatte, als er ihn verspottete, verrieth und seine Fehler, seine Lächerlichkeiten und seine Mißgriffe seinen Feinden offenbarte.

So täuschte er jede Partei, und dieses Intriguenleben, wo er den Haß nur schürte, ohne eigentlich Einem insbesondere zu dienen, enthielt für ihn eine geheime Wollust.

Doch endlich hatte der Prinz Heinrich bemerkt, daß er jedes Mal, wo er dem Schleicher Pöllnitz seinen Unmuth zu erkennen gab, einige Stunden später den König aufgebrachter und beleidigender gegen ihn, als gewöhnlich fand. Hatte er sich gegen Pöllnitz über einen vierundzwanzigstündigen Arrest beklagt, so sah er am folgenden Tage seine Strafe verdoppelt. Dieser eben so offene als tapfere Prinz, der eben so vertrauend, als Friedrich mißtrauisch war, hatte endlich seine Augen über den schändlichen Charakter des Barons geöffnet. Statt ihn klug zu schonen, hatte er ihn mit seinem Zorn überhäuft; und seit dieser Zeit war Pöllnitz, vor ihm bis auf die Erde gebeugt, kein Verräther mehr gegen ihn gewesen. Es schien sogar, als liebte er ihn im Grunde seines Herzens, so weit er lieben konnte. Wenn er von ihm sprach, zeigte er sich gerührt und voll Bewunderung, und diese Achtungsbezeugungen erschienen so aufrichtig, daß man darüber wie über eine bei einem solchen Menschen unbegreifliche Bizarrerie erstaunte.

Der Grund war, daß Pöllnitz, der ihn viel freigebiger und tausendmal zugänglicher als Friedrich fand, ihn viel lieber zu seinem Herrn gehabt hätte; er ahnte oder errieth, sowie auch der König, eine Art geheimnißvoller Verschwörung in der Nähe des Prinzen und hätte sehr gern davon die Fäden in Händen gehabt und gewußt, ob er hinlänglich auf das Gelingen rechnen könnte, um sich ihr anzuschließen. In der Absicht, sich für sich selbst aufzuklären, hatte er also versucht, Consuelo auf den Zahn zu fühlen. Hätte sie ihm das Wenige, was sie wußte, enthüllt, so hätte er es dem Könige nicht wieder erzählt, wenigstens nicht, ohne daß der Letztere ihm viel Geld dafür bezahlt hätte. Aber Friedrich war zu sparsam, um große Verbrecher zu seinem Dienst zu haben.

Pöllnitz hatte bereits dem Grafen von St. Germain etwas von dem Geheimniß entrissen. Er hatte mit so viel Ueberzeugung so viel Böses vom König erzählt, daß der geschickte Abenteurer ihm nicht genug mißtraut hatte. Im Vorübergehen können wir wohl auch sagen, daß der Abenteurer auch sein Körnchen Enthusiasmus und Thorheit hatte, und, wenn er in mehr als einer Hinsicht ein Charlatan und selbst jesuitisch war, so lag doch dem Allen eine fanatische Ueberzeugung zum Grunde, welche seltsame Widersprüche darbot und ihm manche Inconsequenzen begehen ließ.

Während Pöllnitz, der über die Verachtung, welche man für ihn hatte, etwas abgestumpft war und sich schon nicht mehr dessen genau erinnerte, was früher vorgefallen war, Consuelo nach der Festung zurückbrachte, betrug er sich ziemlich naiv gegen sie. Ohne sich bitten zu lassen, gestand er ihr, daß er nichts wisse und daß Alles, was er ihr von den Plänen des Prinzen in Bezug auf auswärtige Mächte erzählt hätte, nur ein selbsterfundener Commentar über die seltsame Lebensweise und die geheimen Verbindungen des Prinzen und seiner Schwester mit verdächtigen Leuten sei.

– Dieser Commentar macht dem rechtlichen Charakter von Ihnen keine Ehre, Herr Baron, antwortete Consuelo, und vielleicht sollten Sie sich dessen nicht rühmen.

– Der Commentar ist nicht von mir, antwortete Pöllnitz ruhig; er ist in dem Gehirn des Königs, unsers Herrn, entsprungen, einem krankhaften, reizbaren Gehirn, wie irgend einem, sobald der Argwohn sich seiner bemächtigt. Vermuthungen aber als Gewißheit darzustellen, ist ein durch die Gewohnheit so sehr geheiligter Gebrauch an den Höfen und in der Diplomatie, daß Sie sehr pedantisch sein müssen, wenn Sie sich darüber beleidigt fühlen.

Uebrigens haben mir die Könige es gelehrt; sie haben mich erzogen, und alle meine Laster kommen vom Vater auf Sohn herab, von den beiden preußischen Monarchen, denen ich die Ehre gehabt habe, zu dienen. Falsch zu spielen, um das Wahre zu erfahren, das thut Friedrich immer, und man hält ihn für einen großen Mann; er ist eben en vogue! während man mich als einen Verräther behandelt, weil ich seinem Fußpfad folge; welch ein Vorurtheil!

Pöllnitz quälte Consuelo so viel er konnte, um zu erfahren, was zwischen ihr, dem Prinzen, der Aebtissin, Trenck, den Abenteurern St. Germain und Trismegistus und einem großen Theil sehr wichtiger Personen, wie er sagte, vorginge, die sich in eine unerklärliche Intrigue eingelassen hätten. Er gestand ihr offenherzig, daß, wenn diese Sache innere Festigkeit hätte, so würde er nicht zögern, sich ihr anzuschließen.

Consuelo sah wohl, daß er endlich vom Herzen sprach, aber da sie wirklich nichts wußte, so hatte sie kein Verdienst, bei ihrem Läugnen zu verharren.

Als Pöllnitz die Pforten der Citadelle sich hinter Consuelo und ihrem Geheimniß schließen sah, dachte er über das Betragen nach, welches er in Bezug auf sie annehmen sollte, und da er am Ende hoffte, sie würde sich mehr durchschauen lassen, wenn sie durch seine Hülfe wieder nach Berlin käme, so beschloß er, sie beim König zu vertheidigen. Aber gleich beim ersten Worte, das er am folgenden Tage dem König von ihr sagte, unterbrach ihn dieser mit der Frage:

– Was hat sie offenbart?

– Nichts, Sire.

– Dann laß Er mich zufrieden. Ich habe Ihm verboten, von ihr weiter zu sprechen.

– Sire, sie weiß nichts.

– Desto schlimmer für sie! Daß Er niemals wieder ihren Namen in meiner Gegenwart ausspricht!

Dieses Gebot wurde in einem Tone ausgesprochen, welcher keine Erwiderung zuließ. Friedrich litt gewiß bei dem Gedanken an die Porporina. Im Grunde seines Herzens und seines Gewissens war wohl ein kleiner, schmerzhafter Punkt, der alsdann erzitterte, wie wenn man den Finger auf einen ganz kleinen, in das Fleisch gedrückten Dorn legt. Um sich dieser peinlichen Empfindung zu entziehen, beschloß er unwiderruflich, ihre Ursache zu Noch waren acht Tage nicht verstrichen, als er, Dank seinem kräftigen königlichen Temperamente und dem sklavischen Gehorsam aller Derjenigen, welche sich ihm näherten, sich nicht erinnerte, daß Consuelo jemals gelebt hätte.

Doch die Unglückliche war in Spandau. Die Theatersaison war geendigt und man hatte ihr ihr Klavier genommen. Der König hatte für sie diese Aufmerksamkeit an dem Abende gehabt, wo man sie wider seinen Willen mit Beifall empfing, indem man glaubte, ihm dadurch zu gefallen.

Prinz Heinrich hatte unbestimmten Arrest. Die Aebtissin von Quedlinburg war schwer erkrankt, denn der König hatte die Grausamkeit gehabt, ihr den Glauben beizubringen, Trenck sei wieder ergriffen und in seinen Kerker zurückgebracht worden. Trismegistus und St. Germain waren wirklich verschwunden und die gespenstige Kehrfrau hatte aufgehört, den Palast heimzusuchen. Was ihre Erscheinung anzeigte, schien eine Art von Bestätigung erlangt zu haben, denn der jüngste Bruder des Königs war, in Folge frühzeitiger Krankheiten, an Erschöpfung gestorben.

Diesem häuslichen Kummer folgte das endliche Zerwürfniß Voltaire's mit dem König. Alle Biographen dieses Letztern haben erklärt, daß in diesem jammervollen Streite die Ehre auf Seiten Voltaire's blieb. Wenn man aber die Acten des Prozesses genauer durchsieht, so bemerkt man, daß er dem Charakter von beiden Parteien keine Ehre brachte und daß die am wenigsten kleinliche Rolle vielleicht sogar die Friedrichs ist. Kälter, unverschämter, egoistischer als Voltaire, kannte Friedrich weder Haß noch Neid, und diese stechenden kleinen Leidenschaften raubten Voltaire den Stolz und die Würde, deren Anschein wenigstens Friedrich sich zu geben wußte.

Unter den bittern Zänkereien, welche nach und nach die Explosion herbeiführten, war eine, in welcher Consuelo nicht genannt wurde, welche aber das gegen sie ausgesprochene Urtheil willkührlichen Vergessens noch erschwerte. D'Argens las eines Abends die Pariser Zeitungen in Voltaire's Gegenwart Friedrich vor. Man erwähnte darin das Abenteuer der Mademoiselle Clairon, welche mitten in ihrer Rolle von einem schlecht placirten Zuschauer durch den Zuruf: »Lauter!« unterbrochen wurde, und für ihre königliche Antwort darauf: »Leiser!« vom Publikum aufgefordert wurde, sich zu entschuldigen, und endlich in die Bastille kam, weil sie mit eben so viel Stolz als Festigkeit ihrer Rolle treu geblieben war. Die öffentlichen Blätter fügten hinzu, dieses Abenteuer würde das Theater der Mlle. Clairon nicht berauben, weil sie während ihres Verhafts unter Escorte aus der Bastille gebracht werden würde, um Phädra oder Chimène zu spielen, worauf sie wieder ins Gefängniß zurückkehren würde, bis ihre Strafe abgebüßt sei, welche, wie man glaube und hoffe, von kurzer Dauer sein werde.

Voltaire war mit Hippolyte-Clairon, die zu dem Erfolg seiner dramatischen Werke mächtig beigetragen hatte, sehr befreundet. Das Ereigniß empörte ihn, und ohne daran zu denken, daß ein ähnliches und noch ernsteres unter seinen Augen vorgegangen sei, rief er, d'Argens bei jedem Worte unterbrechend:

– Das macht Frankreich wenig Ehre! Der Wahnsinnige, eine Schauspielerin, wie Mlle. Clairon, so dumm und so grob zu unterbrechen! einfältiges Publikum, von ihr, einer Frau, einer reizenden Frau Entschuldigungen verlangen, die Philister! … Die Bastille? Gerechter Gott, habt Ihr auch recht gelesen, Marquis? Eine Dame in dieser Zeit in die Bastille? für ein Wort, das so treffend, geistreich und geschmackvoll ist, für eine so entzückende Entgegnung, und das in Frankreich!

– Natürlich, sagte der König, die Clairon spielte die Electra oder Semiramis, und das Publikum, das kein Wort davon verlieren wollte, sollte wohl Gnade vor Herrn von Voltaire finden.

Zu anderer Zeit wäre diese Bemerkung des Königs schmeichelhaft gewesen; doch jetzt wurde sie mit einem ironischen Tone ausgesprochen, welchen der Philosoph recht gut fühlte und der ihn plötzlich erinnerte, welche Ungeschicklichkeit er begangen hätte. Er hatte all seinen Geist nothwendig, um sie wieder gut zu machen: er wollte es nicht. Der Unmuth des Königs entzündete den seinigen!

– Nein, Sire, und wenn auch Mlle. Clairon eine von mir geschriebene Rolle verdorben hätte, könnte ich nie begreifen, daß eine Polizei roh genug sein kann, um Schönheit, Genie und Schwäche in die Staatsgefängnisse zu werfen.

Diese Antwort, im Verein mit hundert andern und besonders mit bittern Worten und gemeinen Spöttereien, welche dem König durch mehr als einen dienstbeflissenen Pöllnitz zugebracht worden waren, führte den Bruch herbei, den Jedermann kennt, und gab Voltaire Gelegenheit zu den schmerzlichsten Klagen, den lächerlichsten Verwünschungen und den bittersten Vorwürfen.

Consuelo wurde nur noch mehr in Spandau vergessen, während Mlle. Clairon nach Verlauf von drei Tagen triumphirend und angebetet aus der Bastille hervortrat. Ihres Klaviers beraubt, waffnete sich das arme Kind mit all ihrem Muthe, um des Abends ihren Gesang fortzusetzen und zu componiren. Es gelang ihr, und bald bemerkte sie, daß ihre Stimme und ihr ausgezeichnet richtiges Ohr bei diesen trocknen und schwierigen Uebungen nur noch gewannen. Die Besorgniß, falsch zu singen, machte sie weit umsichtiger; sie hörte sich mehr, woraus nothwendig eine außerordentliche Anstrengung des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit erfolgte. Ihre Manier wurde reicher, ernster, vollkommener. Ihre Compositionen nahmen einen einfachern Charakter an und sie componirte in ihrem Gefängniß Arien von bewundernswürdiger Schönheit und großartiger Schwermuth.

Demungeachtet fühlte sie bald den Nachtheil, den der Verlust des Klaviers ihrer Gesundheit und der Ruhe ihres Geistes brachte. Da sie das Bedürfniß empfand, sich fortdauernd zu beschäftigen und von der aufregenden gewaltigen Anstrengung des Componirens und des Gesangs durch keine ruhigere Arbeit der Lectüre und des Studiums ausruhen konnte, fühlte sie langsam in ihren Adern das Fieber sich entzünden und den Schmerz alle ihre Gedanken angreifen. Dieser thätige, glückliche und herzlicher Mittheilung bedürftige Charakter war nicht zum Alleinsein und für den Mangel von Sympathien gemacht. Sie wäre vielleicht in wenigen Wochen diesem grausamen Lebenszwange erlegen, wenn die Vorsehung ihr nicht einen Freund geschickt hätte, wo sie am wenigsten erwartet hätte, ihn zu finden.

3.

Unter der Zelle, welche unsere Gefangene bewohnte, umschloß ein großes, räucheriges Gemach, dessen schweres, finsteres Gewölbe kein anderes Licht empfing, als das des Feuers, welches in einem ungeheuren Kamine angezündet war, immer erfüllt mit kochenden und in allen Tönen grollenden Kochtöpfen, während des Tages die Familie Schwartz und ihre gelehrten Küchenoperationen. Während die Frau mathematisch die größtmögliche Anzahl von Mittagessen aus den geringsten Eßwaaren und Ingredienzen zusammensetzte, saß der Mann vor einem von Tinte und Oel geschwärzten Tische und componirte kunstreich beim Schein einer in diesem dunklen Heiligthum immer brennenden Lampe die furchtbarsten, mit den fabelhaftesten Einzelnheiten ausgeschmückten Rechnungen.

Die magern Mittagessen waren für die ziemliche Anzahl Gefangener, welche der dienstfertige Kerkermeister auf die Liste seiner Kostgänger zu setzen gewußt hatte. Die Rechnungen sollten ihren Verwandten oder Bankiers übergeben werden, ohne jedoch die Controle derjenigen zu erfahren, welche an dieser üppigen Tafel Theil nahmen.

Während das speculirende Paar sich eifrig seiner Arbeit hingab, lebten zwei friedlichere, in der Kaminecke zurückgezogene Wesen schweigend und vollkommen fremd den Annehmlichkeiten und dem Gewinn dieses Geschäfts. Die erste war eine große, magere, rothhaarige Katze, die ihr Leben hinbrachte, die Pfoten zu lecken und sich auf der Asche herumzuwälzen. Die zweite war ein junger Mann, oder vielmehr ein Kind, noch häßlicher in seiner Art, dessen unbewegliches, beschauliches Leben zwischen dem Lesen in einer alten Schartäke, fettiger, als die Töpfe seiner Mutter, und ewigen Träumereien getheilt war, welche eher dem Wohlbehagen des Blödsinnes, als dem Nachdenken eines denkenden Wesens glichen. Die Katze war von dem Kinde mit dem Namen Beelzebub getauft worden, wahrscheinlich des Gegensatzes wegen mit dem frommen und zuckersüßen Namen Gottlieb, welchen das Kind von seinen Aeltern, Herrn und Madame Schwartz, erhalten hatte.

Für den geistlichen Stand bestimmt, hatte Gottlieb, bis zu seinem funfzehnten Jahre gute Studien und schnelle Fortschritte in den Elementen der Wissenschaften gemacht, doch seit vier Jahren lehnte er unthätig und krank neben den Feuerbränden, ohne ausgehen zu wollen, ohne den Anblick der Sonne zu wünschen, ohne seine Studien fortsetzen zu können. Ein schnelles, ungeordnetes Wachsthum hatte ihn in diesen Zustand des Schmachtens und der Unthätigkeit gebracht, seine langen, schwachen Beine konnten diesen ungemessenen und fast verrenkten Körper kaum tragen. Seine Arme waren so schwach und seine Hände so linkisch, daß er nichts anrührte, ohne es zu zerbrechen. Daher hatte ihm seine geizige Mutter ihren Gebrauch ganz untersagt und er war nur zu geneigt, ihr in diesem Punkte zu gehorchen. Sein dickes, bartloses Gesicht, das in einer hohen, offenen Stirn ausging, glich einer überreifen Birne. Seine Augen waren so schielend und herumschweifend, daß sie vollkommen irrsinnig aussahen. Sein dicker Mund trug immer ein stumpfsinniges Lächeln; seine Nase war mißgestaltet, seine Gesichtsfarbe bleich, seine Ohren flach und standen viel zu tief; dünnes und starres Haar bedeckte den Kopf und krönte dieses alberne Gesicht, welches eher einer schlecht geschälten Rübe, als einem Christen ähnlich sah; das war wenigstens die poetische Vergleichung seiner Frau Mutter.

Ungeachtet der Häßlichkeit, welche die Natur diesem armen Wesen reichlich mitgetheilt hatte, ungeachtet der Scham und des Kummers, mit welchem Madame Schwartz ihren einzigen Sohn Gottlieb, den harmlosen und geduldigen Kranken, ansah, war er doch die einzige Liebe und der einzige Stolz der Urheber seines Lebens. Als er weniger häßlich war, hatte man sich geschmeichelt, daß er ein hübscher Junge werden würde. Man hatte sich über den Fleiß seiner Kindheit gefreut und ihm eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Trotz dem prekären Zustande, in den man ihn versetzt sah, hoffte man, er würde Kraft, Geist und Schönheit wieder gewinnen, sobald sein endloses Wachsthum aufhören würde.

Uebrigens bedarf es keiner Erklärung, daß die Mutterliebe sich in Alles fügt und mit Wenigem zufrieden ist. Obgleich Madame Schwartz ihren häßlichen Gottlieb schalt und verspottete, betete sie ihn doch an, und wenn sie ihn nicht immer »wie eine Salzsäule« (das war ihr Ausdruck) in der Ecke des Kamins gesehen hätte, so würde sie nicht mehr den Muth gehabt haben, ihre Brühen zu verlängern und ihre Rechnungen zu vergrößern.

Vater Schwartz, der, wie viele Männer, mehr Eigenliebe als Zärtlichkeit in sein väterliches Gefühl mischte, brandschatzte und bestahl seine Gefangenen fortdauernd in der Hoffnung, daß Gottlieb eines Tages Geistlicher und ein berühmter Prediger werden würde; das war seine fixe Idee, weil das Kind vor seiner Krankheit mit Leichtigkeit sich ausgedrückt hatte. Doch seit fast vier Jahren hatte es kein verständiges Wort gesprochen, und wenn es einmal geschah, daß es einige Worte im Zusammenhange sprach, richtete es sie nur an seine Katze Beelzebub.

Kurz, Gottlieb war von den Aerzten für blödsinnig erklärt, und nur seine Eltern glaubten an die Möglichkeit seiner Heilung.

Eines Tages jedoch war Gottlieb plötzlich aus seiner Apathie herausgetreten und hatte seinen Eltern den Wunsch erklärt, ein Handwerk zu erlernen, um seiner Langweile zu entgehen und die traurigen Jahre seiner geistigen Schwäche nützlich anzuwenden. Man hatte dieser unschuldigen Laune nachgegeben, obgleich es der Würde eines künftigen Mitglieds der reformirten Kirche wenig entsprach, eine Handarbeit zu unternehmen. Doch Gottliebs Geist schien so entschlossen auszuruhen, daß man ihm wohl erlauben mußte, in der Werkstatt eines Schuhmachers die Kunst der Fußbekleidung zu studiren. Sein Vater hätte wohl gewünscht, daß er ein eleganteres Gewerbe erwählte, doch vergeblich ließ man alle Zweige der Industrie vor ihm die Revue passiren, er blieb hartnäckig bei der Arbeit des heiligen Crispin und erklärte sogar, er fühle sich von der Vorsehung berufen, dieses Gewerbe zu ergreifen.

Da dieser Wunsch bei ihm zur fixen Idee geworden war und schon die Furcht, daran verhindert zu werden, ihn in eine tiefe Melancholie stürzte, ließ man ihn vier Wochen lang in die Werkstatt eines Meisters gehen, worauf er eines schönen Morgens, mit allen Werkzeugen und dem nothwendigen Material versehen, zurückkam und sich wieder in die Ecke seines lieben Kamins setzte, mit der Erklärung, er wisse jetzt genug und habe keinen weitern Unterricht nöthig. Das war nicht sehr wahrscheinlich, doch seine Eltern nahmen, in der Hoffnung, daß der Versuch ihm Ueberdruß eingeflößt hätte und er sich vielleicht wieder an das Studium der Theologie machen würde, seine Rückkehr ohne Tadel und Spott an.

Jetzt begann in Gottliebs Leben eine neue Aera, die völlig von der eingebildeten Fertigung eines Paar Schuhe erfüllt und erheitert wurde. Drei oder vier Stunden des Tages ergriff er seinen Leisten und seine Pfrieme und arbeitete an einem Schuh, der nie an Jemands Füße kam, denn er wurde nie beendigt. Alle Tage wieder ausgeschnitten, gedehnt, geschlagen, von Neuem genäht, nahm er alle möglichen Formen an, nur die eines Schuhes nicht. Das hinderte aber den fröhlichen Arbeiter nicht, sein Werk mit Lust fortzuführen, und zwar mit einer Aufmerksamkeit, einer Langsamkeit, einer Geduld und einer Selbstzufriedenheit, die jeden Tadel überstiegen.

Anfangs erschraken die Eheleute Schwartz ein wenig über diese Monomanie, dann gewöhnten sie sich daran wie an das Uebrige, und der nie fertige Schuh, der abwechselnd in Gottliebs Hände kam, nach seinem Gebet- und Predigtbuch, wurde in seinem Leben nur noch für eine Krankheit mehr angesehen. Man verlangte von ihm nichts weiter, als von Zeit zu Zeit seinen Vater in die Gallerien und Höfe zu begleiten, um Luft zu schöpfen.

Doch diese Spaziergänge bekümmerten Herrn Schwartz sehr, weil die Kinder der andern Gefangenwärter und Beamten der Citadelle Gottlieb immer nachliefen, seinen nachlässigen Gang nachäfften und in allen Tönen ihm zuschrieen:

– »Schuhe, Schuhe! Schuhmacher, mache uns Schuhe!«

Gottlieb nahm diesen Spott nicht übel; er lächelte mit himmlischer Heiterkeit über diese boshafte Bitte, blieb sogar stehen und antwortete:

– »Schuhe? ja wohl, recht gern! kommt nur zu mir, damit ich euch Maaß nehme. Wer will Schuhe?«

Aber Herr Schwartz zog ihn fort, um ihn zu verhindern, sich mit der Kanaille einzulassen, und der »Schuhmacher« schien weder böse, noch besorgt, seinen eifrigen Kunden auf diese Weise entzogen zu werden.

Schon in den ersten Tagen ihrer Gefangenschaft war Consuelo von Herrn Schwartz demüthig gebeten worden, sich mit Gottlieb in ein Gespräch einzulassen, um in ihm die Erinnerung und die Neigung zu jener Beredtsamkeit wieder zu erwecken, mit der er in den Tagen seiner Kindheit begabt zu sein geschienen hatte. Während er den krankhaften Zustand und den Blödsinn seines Erben eingestand, hatte Herr Schwartz, treu dem von Lafontaine so schön ausgedrückten Gesetz der Natur:

»Niedlich sind unsre Kleinen,
Schön, wohlgebaut und hübsch vor allen ihres Gleichen.«

die Reize des armen Gottlieb nicht ganz treu beschrieben. Ohnedem hätte vielleicht Consuelo sich nicht, wie sie es that, geweigert, einen großen, jungen Menschen von neunzehn Jahren in ihrer Zelle zu empfangen, welchen man ihr auf folgende Weise beschrieb:

»Ein junger Bursch von fünf Fuß acht Zoll, der allen Werbern des Landes Lust gemacht hätte, wenn nicht unglücklicherweise für seine Gesundheit und zum Glück für seine Unabhängigkeit eine kleine Schwäche in den Händen und Füßen ihn für das Waffenhandwerk unfähig gemacht hätte.«

Die Gefangene glaubte, die Gesellschaft eines »Kindes« von diesem Alter und diesem Wuchse sei in ihrer Lage nicht sehr passend, und weigerte sich geradezu, ihn zu sehen; eine Ungefälligkeit, welche die Mutter Schwartz ihr dadurch büßen ließ, daß sie alle Tage eine Kanne Wasser mehr in ihre Bouillon that.

Um auf die Esplanade zu kommen, wo man Consuelo erlaubt hatte, täglich Luft zu schöpfen, war sie genöthigt, in die übelriechende Wohnung der Familie Schwartz hinabzusteigen und sie hindurchzugehen, das Alles mit der Erlaubniß und unter Escorte ihres Hüters, der sich übrigens nicht bitten ließ, da der Artikel unermüdliche Gefälligkeit (in Allem, was mit den Festungsgesetzen in Uebereinstimmung zubringen war) in Rechnung gebracht und mit einem sehr hohen Preise angesetzt wurde.

Es geschah also, daß sie, bei ihrem Durchgange durch die Küche, von der eine Thüre sich auf die Esplanade öffnete, Gottlieb endlich sah und bemerkte. Dieses blödsinnige Kindergesicht auf dem Körper eines schlecht gebauten Riesen erfüllte sie Anfangs mit Ekel und dann mit Mitleid. Sie redete ihn an, fragte ihn freundlich und bemühte sich, ihn zum Sprechen zu bringen. Doch sie fand seinen Geist, sei es nun durch Krankheit, oder durch eine außerordentliche Schüchternheit, ganz gelähmt; er folgte ihr auf den Wall, nachdem seine Eltern ihn gewaltsam dazu gezwungen hatten, und antwortete nur einsylbig auf ihre Fragen. Sie fürchtete also, die Krankheit, mit der sie ihn behaftet glaubte, zu verschlimmern, wenn sie sich mit ihm beschäftigte, und enthielt sich, mit ihm zu sprechen und sogar ihn anzusehen, nachdem sie seinem Vater erklärt hatte, daß sie bei ihm nicht die geringste Neigung zur Redekunst fände.

An dem Abend, als Consuelo ihre Kameraden und das Publikum von Berlin zum letztenmale wieder gesehen hatte, war sie von Madame Schwartz von Neuem durchsucht worden, doch war es ihr gelungen, die Wachsamkeit des weiblichen Cerberus zu täuschen. Die Zeit war vorgerückt, die Küche finster und Madame Schwartz übler Laune, weil sie aus ihrem ersten Schlummer aufgeweckt worden war. Während Gottlieb in einem Zimmer, oder vielmehr in einer Nische an der Küche schlief, und Herr Schwartz hinausging, um im Voraus die doppelte Eichenthüre der Zelle zu öffnen, hatte sich Consuelo dem Feuer genähert, welches in der Asche glimmte, und während sie that, als streichle sie Beelzebub, ein Mittel gesucht, ihr Geld den Klauen der Durchsucherin zu entziehen, um nicht mehr völlig von ihr abhängig zu sein.

Während Madame Schwartz ihre Lampe anzündete und ihre Brille aufsetzte, hatte Consuelo in der Tiefe des Kamins, an der Stelle, wo Gottlieb sich gewöhnlich aufhielt, eine Vertiefung in der Mauer bemerkt, so groß wie ihr Arm, und in dieser geheimnißvollen Schacht das Predigtbuch und den ewigen Schuh des armen Blödsinnigen. Es war seine Bibliothek und seine Werkstatt. Dieses von Rauch und Ruß geschwärzte Loch enthielt den ganzen Reichthum, alle Freuden Gottliebs.

Mit einer schnellen und geschickten Bewegung legte Consuelo ihre Börse hinein und ließ sich dann geduldig von der alten Hexe durchsuchen, welche sie lange belästigte, indem sie ihre ölichen und krummen Finger in alle Falten ihres Gewandes steckte, erstaunt und erzürnt, nichts darin zu finden. Die Ruhe Consuelo's, welche übrigens keine große Wichtigkeit darein setzte, ihre kleine List glücklich zu Ende zu führen, überzeugte nach und nach die Kerkermeisterin, daß sie nichts hätte; und sie konnte, sobald die Prüfung vorüber war, bequem ihre Börse wieder nehmen und im Pelz sie in der Hand behalten, bis sie in ihre Zelle kam. Hier dachte sie daran, sie zu verstecken, wohl wissend, daß man während ihres Ausgangs täglich ihre Zelle sorgfältig durchsuchte. Sie fand nichts Besseres, als ihr kleines Vermögen in einem Gürtel immer bei sich zu tragen, da Madame Schwartz nicht das Recht hatte, sie zu durchsuchen, so lange sie die Festung nicht verließ.

Doch die erste Summe, welche Madame Schwartz am ersten Tage der Ankunft ihrer Gefangenen weggenommen hatte, war schon lange, Dank der trefflichen Zusammenstellung der Rechnungen des Herrn Schwartz, erschöpft. Nachdem er von Neuem ziemlich dürftige Ausgaben und eine ziemlich runde Rechnung gemacht hatte, begab sich der genannte Schwartz nach seiner klugen und lukrativen Gewohnheit, zu schüchtern, um zu einer Person, die kein Geld haben durfte, von Geschäften zu sprechen und von ihr Geld zu verlangen; aber gleich beim ersten Tage ihres Eintritts von ihr über die Sparpfennige belehrt, die sie dem Porporino anvertraut hatte, ohne Consuelo etwas zu sagen, nach Berlin und übergab seine Rechnung diesem treuen Schatzmeister. Der von Consuelo benachrichtigte Porporino weigerte sich, die Note zu bezahlen, ehe sie von der Kostgängerin gebilligt worden sei, und schickte den Gläubiger zu seiner Freundin zurück, da er wußte, daß sie von ihm eine neue Summe erhalten hatte.

Schwartz kam bleich und verzweifelt zurück, schrie über Bankerott und sah sich wie bestohlen an, obgleich die hundert, Anfangs der Gefangenen weggenommenen Dukaten den vierfachen Betrag der ganzen, seit zwei Monaten für sie gemachten Auslagen gedeckt hätten. Madame Schwartz ertrug diesen sogenannten Verlust mit der philosophischen Ruhe eines geduldigen Geistes und erfahrenern Sinnes.

– Ohne Zweifel sind wir bestohlen wie in einem Walde, sagte sie, aber hast du denn jemals auf diese Gefangene gerechnet, um dein armseliges Leben zu sichern? Ich habe dir wohl gesagt, was geschehen würde. Eine Schauspielerin, die hat keine Ersparnisse. Ein Komödiant, der hat keine Ehre im Leibe. Nun, wir haben zweihundert Dukaten verloren und müssen sie bei den andern Kunden, die besser sind, wieder einbringen. Das kann dich aber lehren, dem Ersten Besten deine Dienste nicht unklug an den Kopf zu werfen.

Es ist mir gar nicht unlieb, Schwartz, daß du diese kleine Lection bekommst. Jetzt werde ich mir das Vergnügen machen, diesem unverschämten Weibsbilde, das nicht einmal die Aufmerksamkeit hat, bei der Rückkehr einen Friedrichd'or in die Tasche zu stecken, um die Mühe des Suchens zu vergüten, und die Gottlieb für einen armseligen Blödsinnigen anzusehen scheint, weil er ihr nicht den Hof macht, auf trocknes und sogar verschimmeltes Brod zu setzen, das Mensch! das! …

Indem Madame Schwarz auf diese Weise achselzuckend, vor sich hinbrummte, ging sie wieder an ihre gewöhnliche Arbeit, und da sie am Kamin ihren Gottlieb sah, fragte sie ihn, ihre Töpfe abschöpfend:

– Was sagst du denn zu dem Allen, kleiner Dummbart?

Sie sagte das nur, um zu sprechen, denn sie wußte wohl, daß Gottlieb Alles eben so gut anhörte, als seine Katze Beelzebub.

– Mein Schuh rückt vor, Mutter! antwortete Gottlieb mit einem irrsinnigen Lächeln. Ich werde bald ein neues Paar anfangen!

– Ja, sagte die Alte, den Kopf mitleidig zurückwerfend. Auf die Art machst du alle Tage ein Paar. Fahre nur fort, mein Junge … Das bringt was ein! … Gott! Gott! … fügte sie im Ton resignirter Klage hinzu, während sie ihre Casserole wieder zudeckte, als wenn die Mutterliebe ihrem in jeder andern Hinsicht versteinten Herzen fromme Gefühle gegeben hätte.

Als Consuelo an diesem Tage ihr Mittagsessen nicht ankommen sah, errieth sie, was geschehen sei, obgleich es ihr schwer wurde, zu glauben, daß ihre hundert Dukaten in so kurzer Zeit durch ihre so schmale Kost schon aufgezehrt sein sollten. Sie hatte sich im Voraus einen Operationsplan in Bezug auf die Eheleute Schwartz vorgezeichnet.

Da sie vom König von Preußen noch keinen Pfennig erhalten hatte und sehr fürchtete, das ganze Honorar möchte bei den Versprechungen der Vergangenheit bleiben (Voltaire war mit derselben Münze bezahlt worden), so wußte sie wohl, daß das wenige Geld, was sie gewonnen, indem sie die Ohren einiger weniger geizigen, doch weniger reichen Personen gekitzelt hatte, nicht weit reichen würde, wenn ihre Gefangenschaft sich verlängern und Herr Schwartz seine Ansprüche nicht mäßigen sollte. Sie wollte ihn zwingen, sie herabzustimmen, und zwei oder drei Tage begnügte sie sich mit dem Brod und Wasser, das er ihr brachte, ohne zu thun, als bemerkte sie die Veränderung in ihrer Behandlung.

Der Ofen begann eben so wie die andere Verpflegung vernachlässigt zu werden, und Consuelo ertrug die Kälte, ohne darüber zu klagen. Glücklicherweise war sie nicht mehr von unerträglicher Strenge; man war im Monat April, einer Jahreszeit, die in Preußen noch wenig vom Frühling verräth, in der aber doch die Temperatur milder zu werden beginnt.

Ehe sie mit ihrem habgierigen Tyrannen sich in nähere Unterhandlung einließ, dachte sie darauf, ihren kleinen Schatz in Sicherheit zu bringen; denn sie konnte sich nicht allzusehr schmeicheln, nicht sogleich wieder einer willkürlichen Untersuchung unterworfen und ihres Geldes beraubt zu werden, sobald sie den Besitz eingestand.

Die Nothwendigkeit macht hellsehend, wenn sie uns auch nicht erfinderisch machen kann. Consuelo besaß kein Werkzeug, um das Holz auszuhöhlen oder einen Stein aufzuheben. Doch am andern Tage, als sie mit der gewissenhaften Geduld, deren nur Gefangene fähig sind, alle Winkel ihrer Zelle durchsuchte, entdeckte sie endlich einen Mauerstein, der nicht so fest in die Mauer eingefügt schien als die übrigen. Nachdem sie lange mit ihren Nägeln an seinen Seiten herumgekratzt hatte, brökelte sie den Mörtel ab und bemerkte, daß er nicht aus Kalk bestand, wie an den andern Orten, sondern aus einer mürben Masse, die sie für getrocknete Brodkrume hielt.

Es gelang ihr, den Stein loszumachen, und hinter ihm fand sie einen kleinen Raum, den wahrscheinlich irgend ein Gefangener zwischen diesen beweglichen Stein und den festen Backsteinen ausgehöhlt hatte, welche die Dicke der Mauer bildeten. Sie zweifelte daran nicht länger, als sie, beim Durchsuchen dieses Verstecks, mehrere Gegenstände, wahre Schätze für einen Gefangenen antraf: ein Packet Bleistift, ein Federmesser, ein Feuerstein, Schwamm und mehrere Rollen jenes dünnen, gewundenen Wachsstocks, welchen man in Frankreich rat de cave nennt.

Diese Gegenstände waren durchaus nicht naß geworden, denn die Mauer war sehr trocken; und übrigens konnten sie wohl auch erst wenige Tage vor ihrer Besitznehmung der Zelle daselbst gelassen worden sein. Sie legte ihre Börse und ihr kleines Kruzifix von Filigran dazu, welches Herr Schwartz mehrmals mit gierigem Blick angesehen und gemeint hatte, das Spielzeug würde seinem Gottlieb recht gefallen. Dann setzte sie wieder den Mauerstein ein und machte ihn mit etwas Brodkrume von ihrem Frühstück fest, die sie ein wenig schwärzte, indem sie sie auf dem Boden rieb, um ihr dieselbe Farbe des übrigen Mörtels zu geben.

Für einige Zeit wenigstens über ihre Existenzmittel und die Beschäftigung an ihren Abenden beruhigt, erwartete sie ruhig die Haussuchung der beiden Schwartz und fühlte sich so stolz und fröhlich, als wenn sie eine neue Welt entdeckt hätte. Schwartz wurde es bald müde, bei ihr nichts zu speculiren zu haben. Sollte er auch, wie er sagte, ärmliche Geschäfte machen, so war doch wenig immer besser als nichts, und er brach zuerst das Stillschweigen, um seine Gefangene Nr. 3 zu fragen, ob sie ihm jetzt nichts mehr zu befehlen habe.

Da entschloß sich Consuelo, ihm zu erklären, nicht daß sie Geld habe, sondern daß sie auf einem Wege, den er niemals entdecken würde, alle Wochen regelmäßig welches bekäme.

– Wenn Sie aber dahinter kommen, sagte sie, so würde nur die Folge sein, mich zu verhindern, irgend einen Aufwand zu machen, und Sie mögen überlegen, ob es für Sie besser ist, mich der strengen Regel nach zu behandeln, oder einen rechtlichen Vortheil zu erhalten.

Nach manchem Sträuben und nachdem Schwartz mehrere Tage lang ohne Erfolg die Kleider, den Strohsack, den Fußboden, die Meubles durchsucht hatte, begann er zu glauben, Consuelo erhielte durch einen höheren Beamten der Festung selbst die Mittel, sich mit Berlin in Verbindung zu setzen. Bestechung war überall in der Kerkerhierarchie gebräuchlich und die Subalternen fanden ihren Vortheil, ihre mächtigeren Collegen nicht zu controlliren.

– Nehmen wir, was Gott uns schickt! sagte Schwartz seufzend, und er ergab sich drein, alle Wochen mit der Porporina seine Rechnung abzumachen. Sie schwieg über die Anwendung des früheren Geldes, doch für die Zukunft setzte sie fest, daß sie jeden Gegenstand nur mit seinem doppelten Werthe bezahlen wolle, ein Entschluß, welcher Madame Schwartz sehr knickrig erschien, sie aber nicht hinderte, diese Bezahlung anzunehmen und sie so gut wie möglich zu verdienen.

4.

Jeder, der Geschichten von Gefangenen gelesen hat, wird darin nichts Wunderbares finden, daß dieser einfache Versteck dem prüfenden Blicke der Hüter entgangen sei, wie sehr sie auch bei seiner Entdeckung interessirt waren. Consuelo's kleines Geheimniß wurde nicht entdeckt, und als sie von ihrem Spaziergange zurückkam und nach ihren Schätzen sah, fand sie sie unberührt. Ihre erste Sorge war, mit Einbruch der Nacht ihren Strohsack vor das Fenster zu stellen, ihren Wachsstock anzuzünden und zu schreiben.

Wir lassen sie selbst sprechen, denn wir sind im Besitz dieser Handschrift, welche lange Zeit nach ihrem Tode in den Händen des Canonicus *** geblieben ist. Wir übersetzen es aus dem Italienischen.

—————

Tagebuch Consuelo's,
genannt Porporina.

Gefangen zu Spandau, April 175*.

 

Am 2.

Ich habe nie etwas Anderes geschrieben, als Noten, und obgleich ich mich mit Leichtigkeit in mehreren Sprachen ausdrücken kann, so weiß ich doch nicht, ob ich in irgend einer fehlerfrei etwas niederschreiben könnte. Ich habe niemals daran gedacht, das, was mein Herz und mein Leben beschäftigte, in einer andern Sprache darzustellen, als in der der göttlichen Kunst, die ich übe. Worte, Phrasen, das scheint mir im Vergleich zu dem, was ich durch den Gesang ausdrücken könnte, so kalt! Ich könnte die Briefe, oder vielmehr die Billets zählen, die ich in der Eile, ohne zu wissen wie, in den drei oder vier entscheidendsten Umständen meines Lebens aufs Papier geworfen habe. Zum ersten Mal, seitdem ich lebe, fühle ich das Bedürfniß, durch Worte wiederzugeben, was ich empfinde und was sich mit mir ereignet. Der Versuch macht mir sogar ein großes Vergnügen.

Berühmter und verehrter Porpora, liebenswürdiger, theurer Haydn, trefflicher und achtungswürdiger Canonicus ***, Ihr, meine einzigen Freunde, vielleicht auch Sie, edler und unglücklicher Baron von Trenck, an Euch denke ich, indem ich schreibe, Euch erzähle ich mein Mißgeschick und meine Prüfungen. Es scheint mir, als spräche ich zu Euch, als wäre ich bei Euch und entginge in meiner traurigen Einsamkeit der Vernichtung des Todes, indem ich Euch in das Geheimniß meines Lebens einführe.

Vielleicht werde ich hier in Kummer und Elend sterben, obgleich bis jetzt weder meine Gesundheit, noch mein Muth merklich gelitten haben. Doch ich kenne die Leiden nicht, welche die Zukunft mir aufbewahrt, und wenn ich unterliege, so bleibt wenigstens eine Spur von mir, ein Bild meines Todeskampfes in Euren Händen. Es wird das Erbe eines Gefangenen sein, der mir in dieser Zelle nachfolgt und den Versteck der Mauer findet, wo ich selbst Papier und Bleistift fand, mit denen ich jetzt schreibe.

O, jetzt danke ich meiner Mutter, daß sie mich schreiben lernen ließ, ob sie es gleich selbst nicht konnte. Ja, es ist eine große Erleichterung, im Gefängniß schreiben zu können. Mein trauriger Gesang durchdränge die Dicke dieser Mauern nicht und könnte nicht bis zu Euch kommen. Meine Handschrift aber kommt einst zu Euch … und wer weiß, ob ich nicht ein Mittel finde, sie Euch bald zuzuschicken. Ich habe immer auf die Vorsehung gezählt.

 

Am 3.

Ich werde kurz schreiben, ohne mich mit langen Reflexionen aufzuhalten. Dieser kleine Vorrath von Papier, fein wie Seide, wird nicht ewig ausreichen, meine Gefangenschaft ist es aber vielleicht. Ich will jeden Abend vor dem Einschlafen Euch einige Worte sagen. Auch meinen Wachsstock muß ich schonen. Ich kann am Tage nicht schreiben; ich würde mich der Gefahr aussetzen, überrascht zu werden.

Ich sage Euch nicht, warum ich hierher geschickt worden bin: ich weiß es nicht, und wollte ich versuchen, mit Euch es zu errathen, so würde ich vielleicht Personen compromittiren, die mir doch nichts anvertraut haben. Ich werde mich auch nicht über die Urheber meines Unglücks beklagen. Ich glaube, wenn ich mich zum Vorwurf und zum Tadel hinreißen ließe, so würde ich die Kraft verlieren, die mich aufrecht hält. Ich will hier nur an Diejenigen denken, die ich liebe, und an Diejenigen, die ich geliebt habe.

Ich singe alle Abende zwei Stunden lang und es scheint mir, als mache ich Fortschritte. Wozu soll mir das dienen? Die Gewölbe meines Kerkers antworten mir; sie hören mich nicht … aber Gott hört mich, und wenn ich einen Lobgesang componirt habe, den ich in der Gluth meines Herzens singe, fühle ich eine himmlische Ruhe und schlafe fast glücklich ein. Es scheint mir, als wenn der Himmel mir antwortete und eine geheimnißvolle Stimme mir in meinem Schlafe ein noch schöneres Loblied als das meinige, vorsänge, das ich am folgenden Tage in mein Gedächtniß zu rufen und meinerseits zu singen versuche.

Jetzt, wo ich Bleistift habe und noch etwas linirtes Papier, will ich meine Compositionen aufschreiben. Einst vielleicht werdet Ihr sie versuchen, meine Freunde, und ich werde nicht ganz todt sein.

 

Am 4.

Diesen Morgen ist ein Rothkehlchen in mein Zimmer gekommen und länger als eine Viertelstunde darin geblieben. Es sind vierzehn Tage, daß ich es einlade, mir diese Ehre zu geben, und endlich hat es sich heute dazu entschlossen. Es wohnt in einem alten Epheustocke, der sich bis zu meinem Fenster herauszieht und den meine Hüter verschonen, weil er ihrer Thüre etwas Grün giebt.

Der hübsche kleine Vogel betrachtete mich seit langer Zeit mit neugierigem, mißtrauischem Auge. Angezogen von der Brodkrume, die ich wie kleine Würmer zusammenrolle und in meinen Fingern hin und her drehe, um ihn durch den Anblick einer lebendigen Beute zu reizen, kam er leicht, geschwind und wie von einem Windstoß getragen, bis zu meinem Gitter; doch sobald er den Betrug bemerkte, entfernte er sich mit einer Miene des Vorwurfs und ließ ein leichtes Girren hören, welches wie eine Beleidigung aussah. Und dann sind die häßlichen Eisengitter, durch welche wir Bekanntschaft machen müssen, so eng und so schwarz und gleichen so sehr einem Käfig, daß er davor Abscheu haben muß.

Doch heute, als ich nicht mehr an ihn dachte, hat er sich entschlossen, hindurch zu fliegen, und kam, ich glaube wohl, ebenfalls ohne an mich zu denken, in mein Zimmer, um aus einer Stuhllehne auszuruhen. Ich bewegte mich nicht, um ihn nicht scheu zu machen, und er begann mit erstauntem Blick sich umzusehen. Er glich einem Reisenden, der ein unbekanntes Land entdeckt, und seine Beobachtungen macht, um seinen Freunden wunderbare Dinge zu erzählen. Ich setzte ihn am meisten in Erstaunen, und so lange ich mich nicht bewegte, schien er mich sehr komisch zu finden. Mit seinen großen runden Augen und seinem Schnabel, der einer kleinen, aufgestülpten Nase gleicht, hat er eine unverschämte, kecke Physiognomie, die so geistreich ist, wie nur irgend etwas.

Endlich hustete ich ein wenig, um uns einander näher zu bringen, und er flog ganz entsetzt davon. Aber in seiner Eile fand er das Fenster nicht wieder. Er flog bis zur Decke hinauf und drehte sich eine Minute lang schnell um und um, wie Jemand, der den Kopf verloren hat. Endlich beruhigte er sich, da er sah, daß ich nicht daran dachte, ihn zu verfolgen, und ermattet von seiner Furcht, mehr als von seinem Fluge, setzte er sich auf den Ofen.

Er schien sehr angenehm überrascht von der Wärme, denn es ist ein sehr frostiger Vogel, und nachdem er abermals auf gutes Glück durch die Stube geflogen, kam er wiederholt zurück, um seine kleinen Füßchen mit Vergnügen zu wärmen. Er sammelte sogar so viel Muth, daß er meine auf dem Tische ausgestreuten Würmer von Brodkrumen aufsuchte, und nachdem er sie verächtlich aufgenommen und um sich her gestreut hatte, verschlang er endlich einen, wahrscheinlich vom Hunger gedrängt, und fand ihn nicht zu schlecht.

In diesem Augenblick trat Herr Schwartz, mein Kerkermeister, ein und mein kleiner Gast fand glücklich das Fenster wieder, um zu entfliehen. Doch ich hoffe, er wird wieder kommen, denn er hat sich den ganzen Tag über nicht weit entfernt und mich immer angesehen, als wollte er mir es versprechen, und mir sagen, daß er von mir und meinem Brod keine so schlechte Meinung mehr hätte.

Da habe ich lange über ein Rothkehlchen geschwätzt. Ich glaubte mich nicht so kindisch. Sollte das Gefängniß zum Blödsinn führen oder besteht eine geheimnißvolle Sympathie und Liebe zwischen Allem, was unter dem Himmel athmet?

Ich habe einige Tage mein Klavier hier gehabt. Ich konnte arbeiten, studiren, komponiren, singen … nichts von alle dem hat mich so sehr bewegt, als der Besuch des kleinen Vogels, dieses kleinen Wesens! Ja, es ist ein Wesen und deshalb schlug mein Herz, als ich es in meiner Nähe sah.

Doch mein Hüter ist auch ein Wesen, ein Wesen meiner Art; seine Frau, sein Sohn, die ich mehrmals des Tages sehe, die Schildwache, die Tag und Nacht auf dem Wall herumgeht und mich nicht aus dem Gesicht verliert, das sind besser organisirte Wesen, natürliche Freunde, Brüder vor Gott, und doch ist mir ihr Anblick weit eher schmerzlich als angenehm.

Dieser Wächter kommt mir vor wie ein Schiebfenster, seine Frau wie ein Vorlegeschloß, sein Sohn wie ein in die Mauer befestigter Stein. In dem Soldaten, der mich bewacht, sehe ich nur eine auf mich angelegte Flinte. Es scheint mir, diese Menschen haben nichts Menschliches, nichts Lebendes, es sind Maschinen, Werkzeuge zur Tortur und zum Tod. Wenn ich nicht fürchtete, gottlos zu sein, möchte ich sie hassen …

O mein Rothkehlchen? Dich, dich liebe ich, ich kann es nicht sagen wie, ich fühle es. Erkläre wer da will diese Art von Liebe.

 

Am 5.

Ein anderes Ereigniß. Diesen Morgen habe ich dieses Billet in einer wenig lesbaren Handschrift aus einem sehr schmutzigen Stück Papier erhalten.

»Schwester, da der Geist dich besucht, bist du eine Heilige. Ich war dessen schon ganz gewiß. Ich bin dein Freund und dein Diener. Verfüge über mich und befiehl Alles was du willst, deinem Bruder.«

Wer ist dieser Freund, dieser improvisirte Bruder? Ich kann ihn unmöglich errathen. Ich habe das Blatt diesen Morgen auf meinem Fenster gefunden, als ich es öffnete, um dem Rothkehlchen guten Morgen zusagen. Hätte der Vogel mir es gebracht?

Ich bin fast versucht, zu glauben, er habe mir es geschrieben, denn es kennt mich, dieses kleine, liebliche Wesen, und es fängt an, mich zu lieben. Es nähert sich fast niemals der Küche der Madame Schwartz, aus deren Fenster ein heißer Fettgeruch dringt und bis zu mir heraufsteigt, was nicht die kleinste Unannehmlichkeit meiner Wohnung ist. Doch ich wünsche jetzt nicht mehr, sie zu verändern, seit mein kleiner Vogel sie zu der seinigen macht. Er hat einen zu guten Geschmack, um gegen diesen Garkoch, seine boshafte Frau und seinen häßlichen Sohn vertraulich zu werden. Consuelo gab in einem frühern Paragraph einige Nachrichten über die Familie Schwartz. Man hat aus ihrem Manuscripte Alles entfernt, was dem Leser schon bekannt war. Gewiß gewährt er nur mir allein sein Vertrauen und seine Freundschaft.

Er ist heute wieder in mein Zimmer gekommen. Er hat mit Appetit gefrühstückt, und als ich zu Mittag auf der Esplanade spazieren ging, kam er von seinem Epheu herab und flog um mich her. Er ließ sein leises Girren hören, als wollte er mich locken und meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Der häßliche Gottlieb stand unter seiner Thüre und blickte mich grinsend mit seinen irrsinnigen Augen an. Dieses Wesen ist immer von einer abscheulichen rothen Katze begleitet; welche mein Rothkehlchen mit einem noch entsetzlicherm Blicke ansieht, als der ihres Herrn ist. Das bringt mich zum Zittern. Ich hasse diese Katze fast eben so sehr, als Madame Schwartz.

 

Am 6.

Wieder ein Billet diesen Morgen! Das wird sehr wunderlich. Dieselbe krumme, spitze, gedehnte, unreinliche Handschrift; dasselbe Zuckerpapier. Mein Linder ist kein Hidalgo, aber zärtlich und enthusiastisch:

»Liebe Schwester, auserwählte und mit dem Finger Gottes bezeichnete Seele, du mißtraust mir, du willst nicht mit mir sprechen. Hast du mir nichts zu befehlen? Kann ich dir in nichts dienen? Mein Leben gehört dir, befiehl also deinem Bruder.«

Ich sehe die Schildwache an. Das ist ein alter Pflock von Soldat, der, die Muskete auf der Schulter, auf- und abwandelnd seinen Strumpf strickt. Er sieht mich auch an und scheint mehr aufgelegt, mit eine Kugel zuzuschicken, als ein Huhn.

Wohin ich blicke, sehe ich nur ungeheure graue Mauern, mit Nesseln bewachsen und von einem Graben umzogen, welcher selbst wieder durch ein anderes Festungswerk eingeschlossen wird, von dem ich weder den Namen, noch den Gebrauch weiß, das mir aber die Aussicht nach dem See nimmt; und oben auf diesem vorgeschobenen Festungswerke eine andere Schildwache, von der ich nur die Mütze und die Spitze der Flinte sehe und von der ich den rohen Ruf höre, sobald eine Barke der Citadelle zu nahe kommt: Zurück von der Mauer!

Wenn ich wenigstens diese Barke sähe und ein wenig fließendes Wasser, ein kleines Stück Land! Ich höre nur das Schlagen des Ruders, zuweilen einen Fischergesang, und manchmal, wenn der Wind von dieser Seite kommt, aus der Ferne das Rauschen zweier Flüsse, die sich in einer gewissen Entfernung von der Festung vereinigen. Aber woher kommen diese geheimnißvollen Billets und diese freundliche Ergebenheit, mit der ich nichts anzufangen weiß? vielleicht weiß es mein Rothkehlchen; doch dieses Thier wird mir es nicht sagen wollen.

 

Am 7.

Indem ich mit allen meinen Augen während meines Spazierganges auf dem Walle herumgesehen, habe ich eine kleine, schmale Oeffnung entdeckt in der Seite des Thurmes, den ich bewohne, ungefähr zehn Fuß über meinem Fenster und fast ganz von den letzten Zweigen des Epheu, der bis dahinan geht, versteckt. Ein so kleines Fenster kann die Wohnung eines lebenden Wesens nicht erleuchten, dachte ich zitternd.

Demungeachtet wollte ich wissen, woran ich mich zu halten hätte, und suchte Gottlieb auf den Wall zu ziehen, indem ich seiner Monomanie oder vielmehr seiner unglücklichen Leidenschaft, Schuhe zu machen, schmeichelte. Ich fragte ihn, ob er mir wohl ein Paar Pantoffeln machen könnte; und zum ersten Mal näherte er sich mir, ohne dazu gezwungen zu sein, und antwortete mir ohne Verlegenheit. Doch seine Art und Weise, zu sprechen, ist eben so seltsam als sein Gesicht, und ich fange an zu glauben, daß er nicht blödsinnig, sondern wahnsinnig ist.

– Schuhe für dich? sagte er mir (denn er duzt Jedermann); nein, ich wage das nicht. Es steht geschrieben: Ich bin nicht werth, die Bänder deiner Schuhe aufzulösen.«

Ich sah seine Mutter drei Schritte von der Thür und bereit, sich in unser Gespräch zu mischen. Da ich also keine Zeit hatte, den Grund seiner Demuth oder seiner Verehrung zu erfragen, erkundigte ich mich nur eilig, ob das Stockwerk über mir bewohnt wäre, ohne eigentlich zu hoffen, eine vernünftige Antwort zu erhalten.

– Es ist nicht bewohnt, erwiederte mir Gottlieb sehr verständig; es könnte es nicht sein, denn es ist nur eine Treppe, die auf die Plateforme führt.

– Und die Plateforme steht ganz einzeln? mit nichts in Verbindung?

– Warum fragst du darnach, da du es weißt?

– Ich weiß es nicht, und es liegt mir wenig daran, es zu wissen. Es ist nur, um dich zum Sprechen zu bringen, Gottlieb, und um zu sehen, ob du eben so viel Geist hast, als man sagt.

– Ich habe viel, viel Geist, antwortete mir der arme Gottlieb mit ernstem, traurigem Wesen, welches mit dem komischen Inhalt seiner Worte in seltsamem Widerspruche stand.

– Dann kannst du mir auch wohl erklären, begann ich wieder (denn die Augenblicke waren mir kostbar), wie dieser Hof gebaut ist.

– Frage das Rothkehlchen, antwortete er mit seltsamem Lächeln. Es weiß es, da es überall hinfliegt. Ich weiß nichts, denn ich komme nirgends hin.

– Wie? nicht einmal bis auf die Höhe des Thurmes, in welchem du wohnst? Du weißt nicht, was hinter jener Mauer ist?

– Ich bin vielleicht dahin gekommen, habe aber nicht Acht gegeben. Ich sehe fast nie auf das, was mich umgiebt.

– Doch du betrachtest das Rothkehlchen; du siehst es, kennst es.

– Ach ja, das ist etwas Anderes. Man kennt die Engel wohl; aber das ist kein Grund, um die Mauern anzusehen.

– Das ist sehr tiefsinnig, was du sagst, Gottlieb. Möchtest du mir es erklären?

– Frage das Rothkehlchen, ich sage dir, es weiß Alles; es kann überall hingehen, doch geht es nur zu Seinesgleichen. Deshalb kommt es auch in dein Zimmer.

– Großen Dank, Gottlieb! Du hältst mich für einen Vogel.

– Das Rothkehlchen ist kein Vogel.

– Was denn?

– Ein Engel, Du weißt es ja.

– Dann bin ich auch einer?

– Du sagst es.

– Du bist galant, Gottlieb.

– Galant? antwortete Gottlieb, mich mit tief erstauntem Blicke ansehend; was heißt das, galant?

– Du kennst das Wort nicht?

– Nein.

– Wie weißt du, daß das Rothkehlchen in mein Zimmer kommt?

– Ich hab's gesehen, und übrigens hat es mir es auch gesagt.

– Es spricht also mit dir?

– Zuweilen, sagte Gottlieb seufzend, sehr selten! Doch gestern hat es mir gesagt: »Nein, ich komme nie in deine höllische Küche. Die Engel haben keinen Verkehr mit bösen Geistern.«

– Wärst du denn ein böser Geist, Gottlieb?

– Nein, ich nicht, aber … hier legte Gottlieb einen Finger auf seine dicken Lippen mit geheimnißvollem Wesen.

– Aber wer?

Er hat mir nicht geantwortet, aber verstohlen auf seine Katze gezeigt, als wenn er fürchtete, sie möchte es bemerken.

– Deshalb also nennst du sie mit einem so häßlichen Namen; Beelzebub, glaube ich?

– Still, erwiederte Gottlieb, das ist ihr Name und sie weiß es wohl. Sie trägt ihn seit die Welt besteht. Doch sie wird ihn nicht immer führen.

– Natürlich, wenn sie todt ist.

– Sie stirbt nicht! sie kann nicht sterben, und ist darüber sehr böse, weil sie nicht weiß, daß ein Tag kommen wird, wo sie Verzeihung erhält.

Hier wurden wir durch das Herantreten der Madame Schwarz unterbrochen, die sich sehr wunderte, Gottlieb endlich mit mir sprechen zu sehen. Sie war ganz erfreut darüber und fragte mich, ob ich mit ihm zufrieden sei.

– Sehr zufrieden, ich versichere Sie. Gottlieb ist sehr interessant, und ich werde mir jetzt ein Vergnügen daraus machen, ihn zum Sprechen zu bringen.

– Ach, Mademoiselle, Sie leisten uns damit einen großen Dienst, denn das arme Kind hat Niemand, mit dem es sprechen kann, und bei uns ist es wie eine abgemachte Sache. Es ist, als könnte er die Lippen nicht auseinander bringen. Bist du doch seltsam, armer Gottlieb, und eigensinnig! Da sprichst du nun sehr gut mit Mademoiselle, die du nicht kennst, während du mit deinen Eltern …

Gottlieb wandte sogleich seinen Rücken und verschwand in der Küche, ohne den Anschein zu haben, als wenn er die Stimme seiner Mutter gehört hätte.

– So macht er es immer, rief Madame Schwartz. Wenn sein Vater oder ich mit ihm sprechen, so sollte man bei neunundzwanzig Malen unter dreißig schwören, er sei taub geworden. Aber was hat er Ihnen denn eigentlich gesagt, Mademoiselle? Wovon, zum Henker, konnte er mit Ihnen so lange sprechen?

– Ich gestehe Ihnen, ich habe ihn nicht genau verstanden. Ich muß erst wissen, worauf sich seine Ideen beziehen. Lassen Sie mich von Zeit zu Zeit ungestört mit ihm sprechen, und wenn ich meiner Sache gewiß bin, sage ich Ihnen, was in seinem Kopfe vorgeht.

– Doch nicht wahr, Mademoiselle, sein Verstand ist nicht gestört?

– Ich glaube es nicht, antwortete ich, und sagte damit eine große Lüge, die mir Gott verzeihen möge!

Mein erster Gedanke war, die Täuschung in der armen Frau zu schonen, die freilich wohl eine boshafte Hexe, aber auch Mutter ist und das Glück hat, den Wahnsinn ihres Sohnes nicht einzusehen. Das ist immer sehr sonderbar. Gottlieb, der mir so ungescheut seine Wunderlichkeiten zeigte, muß bei seinen Eltern einen stummen Wahnsinn haben.

Wenn ich daran denke, bilde ich mir ein, daß ich vielleicht der Einfalt dieses Unglücklichen einige Nachrichten über die andern Bewohner meines Gefängnisses entlocken und aus seinen Antworten den Verfasser meiner anonymen Billette entdecken könnte. Ich will ihn also zu meinem Freunde machen, um so mehr, als seine Sympathien denen des Rothkehlchen unterworfen zu sein scheinen und dieses mich entschieden mit seiner Freundschaft beehrt.

Es liegt Poesie in dem kranken Geiste dieses armen Kindes! Der kleine Vogel ein Engel, die Katze ein böser Geist, der begnadigt werden soll! Was soll das Alles heißen? Es ist in diesen deutschen Köpfen selbst in den verwildertsten, eine Fülle von Poesie, die ich bewundere.

Jetzt ist wenigstens Madame Schwartz sehr zufrieden mit meiner Herablassung, und für den Augenblick stehe ich sehr gut mit ihr. Gottliebs Kauderwelsch wird mir Zerstreuung gewähren.

Der Arme! seit heute, wo ich ihn kenne, flößt er mir keine Abneigung mehr ein. Ein Narr, der kann in diesem Lande, wo die geistreichen und sehr vernünftigen Leute so weit entfernt sind, gut zu sein, nicht boshaft sein.

 

Am 8.

Drittes Billet auf meinem Fenster.

»Liebe Schwester, die Plateforme liegt frei, aber die Treppe, die zu ihr führt, steht mit einem andern Gebäude in Verbindung, an dessen Ende sich das Zimmer einer Dame befindet, die wie du gefangen ist. Ihr Name ist ein Geheimniß, aber das Rothkehlchen wird ihn dir sagen, wenn du es fragst. Das wolltest du übrigens von dem armen Gottlieb wissen und er konnte es dir nicht sagen.«

Wer ist denn dieser Freund, der Alles was ich thue und sage weiß, sieht und hört? Vergeblich sinne ich. Er ist also unsichtbar? Das Alles scheint mir so wunderbar, daß es mich im Ernst unterhält. Es scheint mir, als lebte ich wie in meiner Kindheit, mitten in meinen Feenmährchen und als werde mein Rothkehlchen plötzlich sprechen.

Aber wenn es wahr ist, von diesem kleinen, hübschen Dämon zu sagen, daß ihm nur die Sprache fehlt, so ist es nur zu gewiß, daß sie ihm wirklich fehlt, oder daß ich die seinige nicht verstehen kann. Es ist jetzt ganz an mich gewöhnt. Es kommt in mein Zimmer, fliegt wieder heraus, kommt wieder, es ist ganz zu Haus. Ich bewege mich, ich geh, es entflieht nur noch auf Armeslänge und kommt sogleich zurück. Wenn es das Brod gern hätte, würde es mich mehr lieben, denn über die Ursache seiner Anhänglichkeit an mich kann ich mich nicht täuschen. Es ist der Hunger, und wohl auch ein wenig das Bedürfniß und der Wunsch, sich an meinem Ofen zu wärmen.

Wenn ich einer Fliege nur erst habhaft werden kann (sie sind nur noch so selten!), so bin ich gewiß, es wird sie mir aus den Fingern fressen; denn es besieht sich schon ganz aus der Nähe die Bissen, die ich ihm darbiete, und wäre die Versuchung stärker, so würde es jeden Zwang bei Seite setzen.

Ich erinnere mich jetzt, von Albert gehört zu haben, zur Zähmung der furchtsamsten Thiere bedürfe es, wenn sie nur einen Funken Verstand hätten, blos einiger Stunden voll unerschütterlicher Geduld. Er hatte eine Zingara, eine sogenannte Hexe, gesehen, die keinen ganzen Tag auf demselben Fleck im Walde blieb, ohne daß einige Vögel sich vertraulich auf ihre Hand setzten. Man glaubte, sie habe einen Zauber bei sich, und sie selbst behauptete, wie Apollonius von Tyana, dessen Geschichte mir Albert auch erzählt hat, von ihnen Offenbarungen über verborgene Dinge zu erhalten. Albert versicherte, ihr ganzes Geheimniß sei, außer einer gewissen Verwandtschaft des Charakters, die sich häufig zwischen Wesen unserer Art und denen einer andern findet, die Geduld, mit welcher sie den Instinkt dieser kleinen Geschöpfe studirt hätte.

In Venedig zieht man viel Vögel auf, man hat dafür eine wahre Leidenschaft, und ich begreife sie jetzt. Diese schöne, vom Festlande geschiedene Stadt hat eine Aehnlichkeit mit einem Gefängniß. Im Zähmen der Nachtigallen hat man es besonders dort weit gebracht. Die von einem besondern Gesetz beschützten und von der Bevölkerung fast verehrten Tauben leben daselbst frei auf den alten Gebäuden und sind so zahm, daß man sich auf den Straßen und öffentlichen Plätzen in Acht nehmen muß, um sie nicht im Gehen zu zertreten. Die Möven im Hafen setzten sich auf die Arme der Matrosen. Auch giebt es in Venedig berühmte Vogelfänger. Ich selbst, als Kind, war mit einem Kinde des Volkes genau bekannt, das diesen Handel trieb, und dem man den wildesten Vogel nur eine Stunde anzuvertrauen brauchte, um ihn so zahm wieder zu erhalten, als wäre er im Käfich aufgezogen worden.

Zur Unterhaltung wende ich meine Erfahrungen bei meinem Rothkehlchen an, und es wird mir von Minute zu Minute vertrauter. Wenn ich draußen bin, folgt es mir, ruft mich; wenn ich am Fenster stehe, eilt es herbei. Sollte es mich lieben? könnte es mich lieben? Ich, ich fühle, daß ich es liebe, der Vogel kennt mich und fürchtet mich nicht, das ist Alles. Das Kind in der Wiege liebt gewiß seine Amme auch nicht anders.

Ein Kind! welche Zärtlichkeit muß es einflößen.

Ach, ich glaube, man liebt nur leidenschaftlich das, was unsre Liebe nicht erwidern kann. Undankbarkeit und Ergebenheit, oder höchstens Gleichgültigkeit und Leidenschaft ist die ewige Verbindung der verschiedenen Wesen. Anzoleto, du hast mich nicht geliebt … und du, Albert, der mich so sehr liebte, ich habe dich sterben lassen …

So bleibt mir jetzt nur noch die Liebe eines Rothkehlchens! Und ich sollte klagen, mein Loos nicht verdient zu haben! Ihr glaubt vielleicht, Ihr Freunde, ich wage über einen solchen Gegenstand zu scherzen! Nein. Mein Kopf wird vielleicht in der Einsamkeit schwach, mein der Liebe beraubtes Herz zehrt sich auf, und dieses Papier ist mit meinen Thränen benetzt.

Ich hatte mir gelobt, dieses kostbare Papier nicht unnütz zu verschwenden, und da fülle ich es mit Kindereien an. Ich finde eine große Erleichterung darin und kann es nicht verhindern.

Es hat den ganzen Tag geregnet, ich habe Gottlieb nicht gesehen, bin nicht spazieren gegangen. Die ganze Zeit über habe ich mich mit Rothkehlchen beschäftigt und diese Kinderei hat mich am Ende tief betrübt. Als der muthwillige, unbeständige Vogel an das Fenster pickte und mich verlassen wollte, habe ich seinem Wunsche nachgegeben. Ich öffnete das Fenster aus einem Gefühl der Ehrfurcht für die Freiheit, welche die Menschen sich nicht scheuen, ihren Nebenmenschen zu entreißen; doch ich war beleidigt über diese augenblickliche Flucht, als wenn dies Thier mir für meine Liebe und Sorge etwas schuldig wäre.

Ich glaube wohl, daß ich wahnsinnig werde, und in Kurzem begreife ich gewiß vollkommen die geistige Verwirrung Gottliebs.

 

Am 9.

Was hab' ich erfahren, oder vielmehr, was habe ich geglaubt, zu erfahren? denn ich weiß noch nichts, aber meine Einbildungskraft arbeitet mächtig.

Zuerst habe ich den Verfasser der geheimnißvollen Billete entdeckt. An ihn hätte ich zuletzt gedacht. Doch, das wundert mich schon nicht mehr. Gleichviel, ich will Euch den ganzen Tag erzählen.

Schon am Morgen öffnete ich mein kleines Fenster, das aus einer einzigen, ziemlich großen und hellen Fensterscheibe besteht und die ich sorgfältig abwische, um nichts von dem geringen Taglichte, das mir zukommt, und von dem häßlichen Gitter halb mitgenommen wird, zu verlieren.

Selbst der Epheu droht mir Eintrag zu thun und mich in Finsterniß zu versetzen. Aber ich wage noch nicht, ihm ein einziges Blatt zu entreißen; dieser Epheu lebt, er ist frei in seinem natürlichen Dasein. Ihn beschränken, verstümmeln! … Und doch werde ich mich dazu entschließen müssen. Er empfindet den Einfluß des Aprilmonats und wächst, dehnt sich aus und hakt sich an allen Seiten an; seine Wurzel hat er in den Stein versenkt; doch er steigt in die Höhe, sucht Licht und Sonne. Der arme menschliche Gedanke macht es eben so.

Ich begreife jetzt, daß es früher heilige Pflanzen, heilige Vögel gab … Das Rothkehlchen ist sogleich gekommen und hat sich ohne Umstände auf meine Achsel gesetzt; dann begann es nach seiner Gewohnheit Alles zu betrachten, Alles zu berühren. Armes Thier, es ist so wenig da, um es zu ergötzen! Und doch, es ist frei, es kann in den Feldern wohnen und es zieht das Gefängniß, seinen alten Epheu und meine traurige Zelle vor.

Sollte er mich lieben? Nein. Es ist warm in meinem Zimmer und er findet Geschmack an meinen Brodkrumen. Jetzt thut es mir leid, ihn zahm gemacht zu haben. Wenn er in Schwartzens Küche hineinflöge und die Beute der häßlichen Katze würde! Meine Fürsorge sollte ihm diesen entsetzlichen Tod bereiten … Von einem wilden Thiere zerrissen, verzehrt zu werden!

Und was machen wir denn, wir schwachen Sterblichen, deren Herz ohne Vertheidigung und ohne Trug ist, werden wir nicht auch von mitleidslosen Wesen gequält und vernichtet, die, indem sie uns langsam tödten, ihre Krallen und Zähne uns nur um so länger fühlen lassen!

Die Sonne ist heiter aufgegangen und meine Zelle war fast rosenfarben, wie einst meine Stube in dem Corte-Minelli, als ich in Venedig … doch ich will an jene Sonne nicht denken, sie wird sich nie mehr über meinem Haupte erheben. Möchtet Ihr, meine Freunde, anstatt meiner, das heitere Italien und den weiten Himmel und il fermamento lucido begrüßen, das ich gewiß nicht wiedersehen werde.

Ich habe auszugehen verlangt und man hat mir es erlaubt, obgleich es zeitiger war als gewöhnlich. Ich nenne das ausgehen! Eine Platform von dreißig Fuß Länge, von einem Sumpf begrenzt und zwischen hohen Mauern eingeschlossen! Demungeachtet ist der Ort nicht ohne Schönheit, wenigstens denke ich mir es jetzt, wo ich ihn unter allen Tageszeiten betrachtet habe. Des Nachts ist er schön, weil er so traurig ist.

Ich bin überzeugt, es leben viel unschuldige Leute, wie ich, in diesen Kerkern, die weit schlechter behandelt werden; in Kerkern, aus denen man niemals herauskommt, in welche nie das Tageslicht eindringt, welche der Mond selbst, der Freund der betrübten Herzen, nicht heimsucht.

Ach, ich hätte Unrecht, zu murren. Gott, wenn ich eine Macht auf Erden hätte, ich wollte Glückliche machen …

Gottlieb ist schleppend zu mir hergelaufen und hat gelächelt, so viel sein versteinter Mund lächeln kann. Man hat ihn nicht gestört, man hat ihn allein mit mir gelassen und plötzlich, o Wunder! fing Gottlieb fast wie ein vernünftiges Wesen zu sprechen an.

– Ich habe dir diese Nacht nicht geschrieben, sagte er mir, und du hast kein Billet auf deinem Fenster gefunden; denn ich hatte dich gestern nicht gesehen und du hattest mir keinen Auftrag gegeben.

– Was sagst du, Gottlieb? Du hast mir geschrieben?

– Und wer anders hätte es thun können? Du hattest also nicht errathen, daß ich es war? Doch ich werde dir jetzt nicht mehr unnütz schreiben, da du die Gefälligkeit hast, mit mir zu sprechen. Ich will dir nicht lästig werden, sondern nützlich.

– Guter Gottlieb, du beklagst mich also? Du nimmst also Theil an mir?

– Ja, denn ich habe erkannt, daß du ein Geist des Lichts bist.

– Ich bin nichts mehr als du, Gottlieb, du irrst dich.

– Ich irre mich nicht, ich habe dich singen hören.

– Du liebst also die Musik?

– Ich liebe die deinige; sie gefällt Gott und meinem Herzen.

– Dein Herz ist fromm, Gottlieb, deine Seele rein, ich sehe es.

– Ich strebe, sie so zu machen. Die Engel werden mir helfen und ich werde den Geist der Finsterniß besiegen, der sich auf meinen armseligen Leib geworfen hat, aber meiner Seele sich nicht bemächtigen konnte.

Nach und nach fing Gottlieb an, mit Begeisterung zu sprechen, doch ohne aufzuhören, edel und wahr in seinen poetischen Symbolen zu sein. Endlich, wie soll ich sagen? erreichte dieser Blödsinnige, dieser Narr eine wahrhafte Beredtsamkeit, während er von der Güte Gottes, dem Elende der Menschen, der künftigen Gerechtigkeit, einer belohnenden Vorsehung, von den evangelischen Tugenden und den Pflichten eines wahren Gläubigen, sogar von den Künsten, der Musik und der Poesie sprach.

Ich habe noch nicht erkennen können, aus welcher Religion er alle diese Ideen, die glühende Begeisterung geschöpft hat; denn er schien mir weder katholisch, noch protestantisch, und obgleich er mir mehrmals sagte, er glaube an die einzige, an die wahre Religion, hat er mir nichts offenbart, außer, daß er ohne Wissen seiner Eltern einer besondern Secte angehöre. Ich bin zu unwissend, um zu errathen, welcher.

Nach und nach will ich das Geheimniß dieser eigenthümlich starken und schönen, eigenthümlich kranken und niedergedrückten Seele studieren; denn im Ganzen ist der arme Gottlieb eben so wahnsinnig wie Zdenko es war in seiner Poesie … wie auch Albert es war bei seiner erhabenen Tugend …

Gottliebs Wahnsinn zeigte sich wieder, sobald sein Enthusiasmus, nachdem er einige Zeit mit Wärme gesprochen hatte, ihn überwältigte. Da fing er an auf kindische Weise, die mir weh that, von dem Engel Rothkehlchen und dem Kater Teufel zu schwärmen; auch von seiner Mutter, die mit der Katze und mit dem bösen Geiste, der in ihm sei, einen Bund geschlossen hätte! endlich von seinem Vater, der durch einen Blick der armen Katze Beelzebub in Stein verwandelt worden sei.

Es gelang mir, ihn zu beruhigen, indem ich ihn von seinen finstern Phantasien abzog, und ihn über die andern Gefangenen ausfragte. Ich hatte kein persönliches Interesse mehr, hierüber etwas Näheres zu erfahren, da die Billets statt, wie ich glaubte, von der Höhe des Thurmes auf mein Fenster geworfen zu sein, durch Gottlieb vor Tages Anbruch und ich weiß nicht durch welche, ohne Zweifel sehr einfache Maschine von unten hinaufgebracht worden.

Doch Gottlieb, der mit einer seltsamen Gelehrigkeit meinen Wünschen gehorcht, hatte sich schon nach dem erkundigt, was ich am vorigen Tagen zu wissen verlangte. Er sagte mir, daß die Gefangene, welche in dem hinter mir gelegenen Gebäude wohnt, jung und schön sei und daß er sie gesehen hätte. Ich gab auf seine Worte wenig Achtung, als er mir plötzlich ihren Namen nannte, der mich erbeben ließ. Diese Gefangene heißt Amalie.

Amalie, welches Meer von Unruhe, welche Welt von Erinnerungen erweckt dieser Name in mir! Ich habe zwei Amalien gekannt, die Beide mein Geschick in die Tiefen ihres Vertrauens gezogen haben. Ist es die Prinzessin von Preußen, oder die junge Baronin von Rudolstadt? Wahrscheinlich Keine von Beiden.

Gottlieb, der an sich keine Neugier hat und der, wie es scheint, sich zu keinem Schritt, zu keiner Frage entschließen kann, wenn ich ihn nicht, wie ein Automat, vorwärts schiebe, hat mir nichts weiter sagen können, als diesen Vornamen Amalie. Er hat die Gefangene gesehen, doch auf seine Weise, d. h. wie durch einen Schleier. Sie soll jung und schön sein, wie Madame Schwartz sagt. Doch er, Gottlieb, gesteht, daß er darüber kein Urtheil habe. Er hat nur gefühlt, als er sie am Fenster gesehen, daß es kein guter Geist, kein Engel sei.

Man macht aus ihrem Familiennamen ein Geheimniß. Sie ist reich und macht bei Schwartzens viel Aufwand. Doch sie ist, wie ich, eng bewacht. Sie geht niemals aus und ist oft krank. Das ist Alles, was ich habe erfahren.können. Gottlieb braucht nur auf das Gespräch seiner Eltern zu horchen, um mehr zu erfahren, denn sie geniren sich in seiner Gegenwart nicht. Er hat mir versprochen, Acht zu geben, und mir morgen zu sagen, seit wie lange diese Amalie hier ist.

Was ihren andern Namen betrifft, so scheint er auch Schwartzens unbekannt zu sein. Wäre das möglich, wenn es die Aebtissin von Quedlinburg ist? Sollte der König seine Schwester ins Gefängniß geworfen haben? Man bringt die Prinzessinnen wie Andere dahin und öfter noch als Andere.

Die junge Baronin von Rudolstadt … weshalb wäre sie hier? mit welchem Rechte hätte Friedrich sie ihrer Freiheit beraubt?

Nun, die Neugier einer Gefangenen quält mich und meine Vermuthungen über einen bloßen Vornamen sind ebenfalls das Zeichen einer müßigen und nicht gesunden Neugier.

Gleichviel, ein Gebirge lastet auf meinem Herzen, so lange ich nicht weiß, wer diese Unglücksgefährtin ist, welche einen mich so beunruhigenden Namen trägt.

 

Am 1. Mai.

Mehrere Tage sind vergangen, ohne daß ich schreiben konnte. Verschiedene Ereignisse haben diesen Zeitraum erfüllt; ich eile, den Zwischenraum auszufüllen, indem ich sie Euch erzähle.

Zuerst bin ich krank gewesen. Von Zeit zu Zeit, seitdem ich hier bin, fühle ich mich von einem Fieber, einer Gehirnentzündung ergriffen, welche derjenigen im Kleinen gleicht, welche mich aus der Riesenburg im Großen anfiel, nachdem ich Albert in den unterirdischen Gewölben aufgesucht hatte. Ich habe schmerzliche, schlaflose Nächte, von Träumen unterbrochen, wo ich nicht weiß, ob ich wache oder schlafe; und in diesen Augenblicken glaube ich immer die furchtbare Violine zu hören, die ihre alten böhmischen Lieder, ihre heiligen Gesänge und Kriegshymnen spielt.

Das macht mir viel Schmerz und doch, wenn diese Phantasie sich meiner zu bemächtigen anfängt, kann ich nicht umhin, darauf zu lauschen und gierig die schwachen Töne zu sammeln, welche der Wind aus der Ferne zu mir zu bringen scheint. Bald bilde ich mir ein, die Violine gleite auf den Wassern hin, welche die Citadelle umgeben; bald scheint sie aus den höheren Gemächern des Thurmes herabzukommen, bald aus den Fenstern eines Kerkers. Mein Kopf und mein Herz sind wie zerschlagen.

Und doch, wenn die Nacht kommt, werfe ich mich, statt darauf zu denken, mich durch Schreiben zu zerstreuen, auf mein Bett und bemühe mich in jenen Halbschlaf zu fallen, der mir meinen musikalischen Traum, oder vielmehr meine Visionen zuträgt; denn etwas Wirkliches muß daran sein. Gewiß ertönt eine wahre Violine in dem Kerker irgend eines Gefangenen; aber wer spielt sie und auf welche Weise? Es ist zu fern, als daß ich etwas Anderes hören könnte, als abgebrochene Töne. Meine traute Phantasie erfindet das Uebrige.

Es ist jetzt mein Geschick, an Alberts Tod nicht mehr zweifeln und ihn doch auch nicht als ein vollendetes Unglück annehmen zu können. Augenscheinlich liegt es in meiner Natur, trotz Allem zu hoffen und mich der Strenge meines Schicksals nicht zu unterwerfen.

Vor drei Nächten war ich endlich wirklich eingeschlafen, als ich durch ein leichtes Geräusch in meiner Stube erweckt wurde. Ich öffnete die Augen. Die Nacht war sehr dunkel und ich konnte nichts unterscheiden. Doch ich hörte deutlich neben meinem Bette gehen, obgleich man es sehr vorsichtig that. Ich glaubte, es wäre Madame Schwartz, welche sich die Mühe gegeben hätte, sich nach meinem Zustand zu erkundigen, und ich redete sie an; doch man antwortete mir nur mit einem tiefen Seufzer und ging auf den Zehen hinaus. Ich hörte meine Thür verschließen und verriegeln, und da ich sehr matt war, schlief ich wieder ein, ohne diesen Umstand besonders zu beachten.

Am folgenden Morgen war meine Erinnerung daran so undeutlich und schwer, daß ich nicht gewiß war, blos davon geträumt zu haben. Am Abend bekam ich einen letzten Anfall des Fiebers, stärker als die übrigen, doch war er mir weit lieber als meine qualvolle Schlaflosigkeit und meine unruhigen Träume. Ich schlief wirklich und träumte viel, aber ich hörte die furchtbare Violine nicht, und jedes Mal, wo ich erwachte, fühlte ich deutlich den Unterschied des Schlafs vom Erwachen.

Einmal hörte ich das gleiche und starke Athmen einer nicht fern von mir schlafenden Person. Ich glaubte sogar Jemand auf meinem Lehnstuhle zu unterscheiden. Ich erschrak darüber nicht. Madame Schwartz hatte mir um Mitternacht meinen Trank gebracht, ich glaubte, sie wäre es noch. Ich wartete einige Zeit, ohne sie aufwecken zu wollen, und als ich zu bemerken glaubte, daß sie selbst erwachte, dankte ich ihr für ihre Sorge und fragte sie, welche Zeit es sei. Da entfernte man sich und ich hörte wie ein ersticktes Schluchzen so herzzerreißend, so entsetzlich, daß mir noch der Schweiß auf die Stirn tritt, wenn ich daran denke.

Ich kann nicht sagen, warum es solchen Eindruck auf mich machte; es schien, als hielte man mich für sehr krank, vielleicht für sterbend, und als hätte man Mitleid mit mir; doch fühlte ich mich nicht schlecht genug, um mich in Gefahr zu glauben, und übrigens war es mir ganz gleichgültig, einen so wenig schmerzlichen, so wenig fühlbaren Tod zu finden, mitten in einem so wenig glücklichen Leben.

Als Madame Schwartz um sieben Uhr des Morgens wieder zu mir kam, hatte ich über diesen seltsamen Besuch ein sehr klares Bewußtsein, da ich nicht wieder eingeschlafen war und die letzten Stunden der Nacht mit vollkommener Geistesklarheit zugebracht hatte. Ich bat meine Wärterin, mir es zu erklären; doch sie schüttelte den Kopf und sagte, sie wisse nicht, was ich wolle; sie sei seit Mitternacht nicht wiedergekommen, und da alle Schlüssel der ihrer Sorge anvertrauten Zellen während sie schlafe, unter ihrem Kopfkissen lägen, so wäre sie ganz gewiß, daß ich nur geträumt oder phantasirt hätte.

Ich war jedoch so fern vom Delirium gewesen, daß ich mich gegen Mittag kräftig genug fühlte, um etwas Luft zu schöpfen. Ich ging auf die Esplanade hinab; begleitet von meinem Rothkehlchen, das mir zur Rückkehr meiner Kräfte Glück zu wünschen schien. Das Wetter war sehr angenehm. Die Wärme fängt an, sich fühlbar zu machen und der Luftzug bringt aus dem Felde eine lauere, reinere Luft, den unbestimmten Duft des Grases zu mir, der mir das Herz erfreut.

Gottlieb lief herbei. Ich fand ihn sehr verändert und weit häßlicher als gewöhnlich. Demungeachtet liegt ein Ausdruck englischer Güte und sogar lebhaften Verstands in dem Chaos dieser Physiognomie, sobald sie sich belebt. Seine großen Augen waren so roth und so geschwollen, daß ich ihn fragte, ob sie ihn schmerzten.

– Sie schmerzen mich wirklich, antwortete er, denn ich habe viel geweint.

– Und welchen Kummer hast du denn, armer Gottlieb?

– Um Mitternacht kam meine Mutter aus der Zelle herab und sagte zu meinem Vater: »Nr. 3 ist sehr krank diesen Abend. Sie hat im ganzen Ernst das Fieber, man muß zum Doctor schicken. Ich denke, sie stirbt uns unter den Händen weg.« Meine Mutter glaubte, ich wäre schon eingeschlafen; doch ich hatte nicht einschlafen wollen, ohne zu wissen, was sie sagen würde. Ich wußte wohl, daß du das Fieber hättest. Doch als ich hörte, daß es gefährlich sei, mußte ich weinen, bis der Schlaf mich überwältigte. Aber ich glaube wohl, ich habe auch im Schlafe die ganze Nacht geweint, denn als ich diesen Morgen aufwachte, brannten meine Augen wie Feuer und mein Kissen war ganz von Thränen naß.

Die Anhänglichkeit des armen Gottlieb hat mich innig gerührt und ich habe ihm dafür gedankt, indem ich ihm seine große, schwarze Tatze drückte, welche Stunden weit nach Leder und Pech riecht.

Dann kam mir der Gedanke, Gottlieb könnte wohl in seinem unschuldigen Eifer mir diesen mehr als unziemlichen nächtlichen Besuch gemacht haben. Ich fragte ihn, ob er nicht aufgestanden und an meine Thür gekommen wäre, um zu horchen. Er hat mir versichert, das Bett nicht verlassen zu haben, und ich glaube ihm jetzt.

Der Ort, wo er schläft, muß so gelegen sein, daß ich ihn von meiner Stube aus durch irgend eine Spalte in der Mauer, vielleicht durch den Versteck, der mein Geld und mein Tagebuch birgt, athmen und seufzen höre. Wer weiß, ob diese Oeffnung nicht durch eine unsichtbare Höhlung mit der zusammenhängt, in welcher auch Gottlieb seine Schätze birgt, sein Buch und sein Schuhmacherwerkzeug? Darin wenigstens habe ich einen ganz besondern Bezug mit Gottlieb, denn wir Beide haben, wie die Ratten oder Fledermäuse, ein häßliches Nest in einem Mauerloche, wo alle unsere Reichthümer in der Dunkelheit versteckt sind.

Ich wollte mir darüber einige Fragen erlauben, als ich aus Schwartzens Wohnung eine Person auf die Esplanade herauskommen sah, die ich noch nicht gesehen und deren Anblick mir einen unglaublichen Schrecken eingeflößt hat, obgleich ich noch nicht gewiß war, ob ich mich nicht darüber täuschte.

– Wer ist dieser Mann da? fragte ich Gottlieb mit halber Stimme.

– Nichts Gutes, antwortete er mir ebenso. Es ist der neue Adjutant. Sieh, wie Beelzebub den Rücken beugt und sich an seine Füße schmiegt! Sie kennen sich genau!

– Aber wie heißt er?

Gottlieb wollte mir antworten, als der Adjutant ihm mit sanfter Stimme und wohlwollendem Lächeln die Küche zeigte und sagte: »Junger Mensch, Ihr werdet da drinnen verlangt. Euer Vater ruft Euch.«

Das war nur ein Vorwand, um mit mir allein zu sein, und als Gottlieb sich entfernt hatte, stand ich … rathe, Freund Beppo, wem gegenüber? dem gefälligen und wilden Werbeoffizier, dem wir im Böhmerwalde vor zwei Jahren zu so ungelegener Zeit begegneten, Herrn Mayer in Person. Ich konnte ihn nicht mehr verkennen; denn ausgenommen, daß er etwas stärker geworden ist, ist es immer noch derselbe Mensch, mit seinem zuvorkommenden, unbefangenen Wesen, seinem falschen Blick, seiner verrätherischen Gutmüthigkeit und seinem ewigen Brumm! Brumm, als wenn er mit seinem Munde sich auf der Trompete übte. Von der Regimentsmusik ist er zur Lieferung von Kanonenfutter übergegangen und zur Belohnung seiner treuen und ehrenvollen Dienste ist er jetzt Platzadjutant, oder vielmehr militairischer Kerkermeister, was ihm übrigens eben so gut ansteht, als das Gewerbe eines umherziehenden Kerkermeisters, das er mit solcher Anmuth ausübte.

– Mademoiselle, sagte er mir in französischer Sprache, ich bin Ihr ergebener Diener! Sie haben da zu Ihrem Spaziergang eine recht hübsche kleine Terrasse! Luft, Raum, eine hübsche Aussicht; ich wünsche Ihnen Glück dazu. Es scheint mir, als wenn Sie ein angenehmes Leben im Gefängniß führten. Besonders bei herrlichem Wetter ist es ein wahres Vergnügen, in Spandau zu sein, brumm! brumm!

Dieser unverschämte Spott erregte in mir einen solchen Widerwillen, daß ich ihm nicht antwortete. Er ließ sich nicht aus der Fassung bringen und begann wieder in italienischer Sprache:

– Ich bitte um Entschuldigung; ich sprach mit Ihnen in einer Sprache, die Sie vielleicht nicht verstehen. Ich vergaß, daß Sie Italienerin sind, italienische Sängerin, nicht wahr? Eine herrliche Stimme, wie man sagt. So wie Sie mich hier sehen, bin ich ein wüthender Musikfreund. Daher fühle ich mich auch ganz geneigt, Ihre Existenz so angenehm zu machen, als die Verhältnisse es erlauben. Aber zum Teufel, wo habe ich das Glück gehabt, Sie schon zu sehen? Ich kenne Ihr Gesicht … ganz genau, auf Ehre!

– Wahrscheinlich im Theater zu Berlin, wo ich diesen Winter gesungen habe.

– Nein, ich war in Schlesien zweiter Adjutant in Glatz. Glücklicherweise entsprang der Satan von Trenck, als ich auf meiner Werb… ich will sagen, als ich einen Auftrag an der sächsischen Grenze auszuführen hatte, sonst hätte ich nicht avanciren können, wäre nicht hier, wo ich mich wegen der Nähe von Berlin, sehr wohl bei finde; denn ein Platzoffizier, Mademoiselle, führt ein sehr trauriges Leben, Sie können sich nicht vorstellen, wie man sich langweilt, wenn man tief im Lande, fern von einer großen Stadt ist; besonders ich, der leidenschaftlich die Musik liebt … Aber wo zum Henker habe ich schon das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen?

– Ich erinnere mich nicht, mein Herr, diese Ehre je gehabt zu haben.

– Ich muß Sie an irgend einem Theater in Italien oder in Wien gesehen haben … Sie sind viel gereist? Auf wie vielen Theatern waren Sie schon!

Und da ich ihm nicht antwortete, begann er mit seiner unverschämten Sorglosigkeit von Neuem!

– Nun, gleichviel, es fällt mir schon ein. Doch, wovon sprach ich? Ah, Sie langweilen sich auch, nicht?

– Nein, mein Herr.

– Aber sind Sie nicht streng bewacht? Sie sind doch die Porporina!

– Ja, mein Herr.

– Ganz recht, Gefangene in Nr. 3. Nun, Sie wünschen also keine Zerstreuung? keine Gesellschaft?

– Keineswegs, mein Herr, antwortete ich eilig, im Glauben, er wolle mir die seinige antragen.

– Wie Sie wollen. Es ist Schade. Es ist hier eine andere Gefangene, sehr gut erzogen … eine reizende Frau, wahrhaftig, die ohne Zweifel entzückt ein würde, Ihre Bekanntschaft zu machen.

– Darf ich ihren Namen wissen, mein Herr?

– Sie nennt sich Amalie.

– Amalie – wer?

– Amalie … brum, brum. Wahrhaftig, ich weiß nicht. Sie sind neugierig, wie ich sehe; das ist die Krankheit der Gefängnisse.

Jetzt kam die Reue an mich, die Anerbietungen Herrn Mayers zurückgewiesen zu haben; denn als ich schon gewiß war, diese Amalie kennen zu lernen, fühlte ich mich von Neuem durch ein Gefühl des Mitleids und durch den Wunsch zu ihr hingezogen, meine Vermuthungen aufzuklären. Ich versuchte also, etwas liebenswürdiger gegen diesen widrigen Mayer zu sein, und bald erbot er sich, mich mit der Gefangenen Nr. 2 (so bezeichnete er diese Amalie) in Berührung zu bringen.

– Wenn diese Verletzung meines Verhaftsurtheils Sie nicht compromittirt, mein Herr, antwortete ich, und sich dieser Dame, von welcher man sagt, sie sei krank vor Schwermuth und Langweile, nützlich sein kann …

– Brum! brum! Sie nehmen also die Dinge buchstäblich! Sie sind ein noch sehr unschuldiges Kindlein! Der alte Philister Schwartz hat Ihnen wohl Furcht vor den Befehlen eingeflößt. Der Befehl! ist denn das etwas Anderes als eine Einbildung? Das ist nur für die Thürhüter und Schließer; aber wir Offiziere (und indem Mayer dieses Wort aussprach, warf er sich in die Brust, als wenn er noch nicht lange gewohnt wäre, einen so ehrenvollen Titel zu tragen) wir schließen die Augen über unschädliche Verletzungen. Selbst der König würde sie schließen, wenn er an unserm Platze wäre. Sehen Sie, Mademoiselle, wenn Sie etwas wünschen, so wenden Sie sich nur an mich, und ich verspreche Ihnen, Sie sollen nicht unnütz gelangweilt und unterdrückt werden. Ich bin von Natur nachsichtig und menschlich. So hat mich der liebe Gott gemachte und dann liebe ich die Musik … Wenn Sie mir von Zeit zu Zeit, des Abends z. B., etwas singen wollen, so komme ich hierher, um Sie von hier aus zu hören, und damit können Sie mit mir machen, was Sie wollen.

– Ich werde Ihre Gefälligkeit so wenig wie möglich mißbrauchen, Herr Mayer.

– Mayer? rief der Adjutant, indem er plötzlich das Brumbrum unterbrach, was noch auf seiner schwarzen gesprungenen Lippe schwebte. Warum nennen Sie mich Mayer? Ich heiße nicht Mayer. Wo, Teufel, haben Sie, den Namen Mayer her?

– Es ist eine Zerstreuung, Herr Adjutant, antwortete ich; ich bitte um Verzeihung … ich hatte einen Gesanglehrer, der so hieß, und ich habe den ganzen Morgen an ihn gedacht.

– Ein Gesanglehrer? das hin ich nicht. Es giebt viele Mayer in Deutschland. Mein Name ist Nanteuil; ich bin von Geburt ein Franzos.

– Nun, Herr Offizier, wie kann ich mich dieser Dante anmelden? sie kennt mich nicht und wird vielleicht meinen Besuch ablehnen, wie ich so eben fast mich geweigert hätte, sie kennen zu lernen. Man wird so menschenscheu, wenn man allein lebt.

– O, wer die schöne Dame auch sein mag, sie wird entzückt sein, Jemand zu finden, mit der sie sprechen kann, ich versichere Sie. Wollen Sie ihr ein Wort schreiben?

– Ich habe nichts zum Schreiben.

– Das ist unmöglich! Sie besitzen also keinen Pfennig?

– Wenn ich auch Geld hätte, Herr Schwartz ist unbestechlich; und übrigens weiß ich nicht zu bestechen.

– Nun, warten Sie, ich will Sie heut Abend selbst nach Nr. 2 führen … Doch erst müssen Sie mir etwas singen.

Ich erschrak über den Gedanken, Herr Mayer oder Nanteuil, wie es ihm jetzt gefiel, sich zu nennen, wolle vielleicht in mein Zimmer kommen, und schon war ich im Begriff, es abzulehnen, als er mir seine Absicht näher erklärte, sei es nun, daß er nicht daran gedacht hatte, mich mit seinem Besuche zu beehren, oder er mein Entsetzen und meinen Widerwillen auf meinem Gesichte las.

– Ich werde Sie von der Terrasse hören, welche den kleinen Thurm beherrscht, den Sie bewohnen, sagte er. Ich werde Sie dort sehr gut hören, denn der Ton steigt aufwärts. Dann lasse ich Ihnen die Thüren öffnen und Sie durch eine Frau führen. Ich werde Sie nicht sehen. Es wäre wirklich nicht passend, wenn ich mir selbst das Ansehen gäbe, Sie ungehorsam zu machen, obgleich, Brumm … brumm … in einem solchen Falle ein ganz einfaches Mittel vorhanden ist, sich aus der Verlegenheit zu ziehen … man schießt der Gefangenen Nr. 3 eine Pistolenkugel vor den Kopf und sagt, man habe sie bei dem Versuche zur Flucht ergriffen. Hehe! der Gedanke ist drollig, nicht wahr? Im Gefängniß muß man immer heitere Gedanken haben. Ergebener Diener, Mademoiselle Porporina, bis auf diesen Abend!

Ich zerbrach mir den Kopf über den Grund dieses zuvorkommenden Betragens dieses Elenden, und wider meinen Willen fühlte ich eine entsetzliche Furcht vor ihm. Ich konnte nicht glauben, daß ein so beschränkter, so gemeiner Mensch die Musik bis zu diesem Grade lieben sollte, um nur aus reinem Vergnügen, mich zu hören, so zu handeln.

Ich dachte mir, die fragliche Gefangene sei Niemand anders, als die Prinzessin von Preußen, und auf Befehl des Königs verschaffe man mir eine Zusammenkunft mit ihr, um uns zu beobachten und die Staatsgeheimnisse zu belauschen, die, wie man glaubt, sie mir mitgetheilt hat. In diesem Gedanken fürchtete ich die Zusammenkunft eben so sehr, als ich sie wünschte; denn ich weiß in der That nicht, was an den angeblichen Verschwörungen Wahres sein kann, deren Mitschuldige zu sein man mich beschuldigt.

Demungeachtet hielt ich es für meine Pflicht, Alles zu wagen, um einer Unglücksgefährtin, wer sie auch sein mochte, eine geistige Hülfe zu bringen, und begann zur verabredeten Stunde für die blechernen Ohren des Herrn Adjutanten zu singen. Ich sang sehr schlecht; das Auditorium begeisterte mich sehr wenig; ich hatte noch etwas Fieber, und übrigens fühlte ich sehr wohl, daß er mich nur der Form wegen, vielleicht auch ganz und gar nicht hörte.

Als die elfte Stunde schlug, wurde ich von einem kindischen Schrecken ergriffen. Ich bildete mir ein, Herr Mayer hätte den geheimen Befehl erhalten, mich bei Seite zu bringen, und er wolle mich wirklich tödten, wie er mir es in Form eines angenehmen Scherzes vorausgesagt hatte, sobald ich, einen Schritt aus meiner Zelle herausthäte.

Als meine Thür sich öffnete, zitterte ich an allen Gliedern. Ein altes, sehr unreinliches und sehr häßliches Weib (viel häßlicher und unreinlicher noch als Madame Schwartz) winkte mir, ihr zu folgen, und stieg vor mir eine schmale, steile, im Innern der Mauer angebrachte Treppe hinauf. Als wir oben waren, befand ich mich auf der Terrasse des Thurmes, ungefähr dreißig Fuß über der Esplanade, auf welcher ich am Tage spazieren gehe, und 80 bis 100 Fuß über dem Graben, welcher diesen ganzen Theil der Gebäude ziemlich weit hin bespült.

Die abscheuliche Alte, die mich führte, gebot mir einen Augenblick hier zu warten, und verschwand, ich weiß nicht auf welche Weise. Meine Unruhe war zerstreut und ich empfand ein solches Wohlbehagen, eine reine Luft einzuathmen bei einem köstlichen Mondschein und in einer beträchtlichen Höhe, die mir endlich erlaubte, einen weiten Horizont zu umfassen, daß ich mich über die Einsamkeit nicht beunruhigte, in welcher man mich ließ.

Die weiten, stillen Gewässer, auf welche die Citadelle ihre schwarzen und unbeweglichen Schatten wirft, die Bäume und das Land, die ich undeutlich in der Ferne am Ufer erblickte, der weite Himmelsbogen, selbst der freie Flug der in der Nacht umherschwirrenden Fledermäuse … Gott, wie groß und majestätisch erschien mir das Alles, nachdem ich zwei Monate lang kahle Mauern betrachtet und die wenigen Sterne gezählt hatte, die an dem schmalen Strich des Firmaments, den man von meiner Zelle aus erblickt, vorüberziehen!

Doch ich hatte nicht lange Zeit, dieses Vergnügen zu genießen. Ein Geräusch von Schritten nöthigte mich, mich umzuwenden, und all mein Entsetzen erwachte wieder, als ich mich Herrn Mayer gegenüber sah.

– Signora, sagte er, es thut mir unendlich leid, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie wenigstens vor der Hand die Gefangene Nr. 2 nicht sehen können. Es ist eine sehr launenvolle Person, wie mir scheint. Gestern zeigte sie das größte Verlangen, Gesellschaft zu haben, doch so eben, als ich ihr die Ihrige antrage, antwortet sie mir:

»Die Gefangene Nr. 3, die, welche im Thurme singt und die ich alle Abende höre? O, ich kenne ihre Stimme sehr wohl. Sie brauchen mir ihren Namen nicht zu nennen. Ich bin Ihnen unendlich verbunden für die Gesellschaft, die Sie mir geben wollen. Aber lieber wollte ich nie einen lebenden Menschen wiedersehen, als den Anblick dieses unglücklichen Geschöpfes ertragen. Sie ist die Ursache aller meiner Leiden, und gebe der Himmel, daß sie sie eben so streng abbüßt, als ich selbst die unkluge Freundschaft büße, die ich für sie gehabt habe!«

Das ist, Signora, die Meinung der genannten Dame rücksichtlich Ihrer. Es fragt sich, ob sie verdient oder nicht ist; das gehört, wie man zu sagen pflegt, vor dem Richterstuhl Ihres Gewissens. Was mich betrifft, so geht es mir weiter nichts an, und bin bereit, Sie in Ihre Zelle zurückzubringen, sobald Sie es wünschen.

– Sogleich, mein Herr, antwortete ich, tief gekränkt, in Gegenwart eines Elenden, wie dieser Mensch, des Verraths angeklagt worden zu sein, und im Grund meines Herzens viel Bitterkeit hegend für diejenige der beiden Amalien, welche sich so ungerecht und undankbar gegen mich zeigte.

– Ich dränge Sie damit nicht, begann der neue Adjutant. Sie scheinen mit Vergnügen den Mondschein zu sehen. Betrachten Sie ihn also nach Gefallen. Das kostet nichts und thut Niemand Eintrag.

Ich war unklug genug, einen Augenblick die Gefälligkeit dieses Menschen zu benutzen. Ich konnte mich nicht entschließen, mich so schnell von dem schönen Schauspiel loszureißen, das ich vielleicht für immer entbehren sollte; und wider meinen Willen machte mir der Mayer den Eindruck eines boshaften Lakaien, welcher zu sehr geehrt wird, meine Befehle erwarten zu dürfen. Er benutzte meinen Irrthum und wurde so kühn, mit mir ein Gespräch anfangen zu wollen.

– Wissen Sie wohl, Signora, sagte er, daß Sie teufelmäßig schön singen? Ich habe in Italien nichts Bedeutenderes gehört und habe doch die ersten Theater dort besucht und die berühmtesten Künstler die Revue passiren lassen. Wo sind Sie zum ersten Male aufgetreten? seit wie lange sind Sie schon beim Theater? Sie sind viel gereist?

Und da ich that, als wenn ich seine Fragen nicht hörte, fügte er, ohne sich einschüchtern zu lassen, hinzu:

– Sie sind oft zu Fuß gegangen, als Mann gekleidet?

Diese Frage erschreckte mich und ich eilte, eine verneinende Antwort zu geben. Doch er fuhr fort:

– Ach, gehen Sie doch, Sie wollen es nur nicht eingestehen. Aber ich vergesse nichts und habe mich an ein allerliebstes Abenteuer erinnert, das Sie ebenfalls nicht vergessen haben können.

– Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen wollen, antwortete ich, indem ich die Zinnen des Thurmes verließ und den Weg nach meiner Zelle einschlug.

– Einen Augenblick nur, sagte Mayer, Ihr Schlüssel ist in meiner Tasche und Sie können nicht in Ihre Wohnung zurückkehren, ohne daß ich Sie zurückführe. Erlauben Sie mir also, mein schönes Kind, Ihnen zwei Worte zu sagen …

– Nicht eins mehr, mein Herr, ich wünsche in meine Zelle zurückzukehren und bedaure, sie verlassen zu haben.

– Zum Teufel, Sie machen die Kostbare, als wenn man Ihre kleinen Abenteuer nicht kennte! Sie glaubten also, ich wäre einfältig genug, Ihr Geschlecht nicht zu erkennen, als Sie mit dem hübschen kleinen Schwartzkopf den Böhmerwald durchzogen? O, machen Sie Andern was weiß! Den jungen Burschen entführte ich wohl für die Armee des Königs von Preußen, aber das Mägdlein wäre nicht für seinen Schnabel gewesen; o ja, obgleich man sagt, Sie seien nach seinem Geschmack gewesen und nur hierher gekommen, weil Sie sich dessen hätten rühmen wollen. Gleichviel, das Glück hat seine Launen, gegen die man sich vergeblich sträubt.

Sie sind ziemlich tief gefallen! und ich rathe Ihnen nicht, die Stolze zu machen. Begnügen Sie sich im Gegentheil mit dem, was sich Ihnen bietet. Ich bin freilich nur ein kleiner Platzadjutant, aber hier mächtiger als ein König, den Niemand kennt und Niemand fürchtet, weil er zu hoch und zu fern steht, als daß man seinen Befehlen gehorchen möchte. Sie sehen wohl, daß ich die Macht habe, die Ordre zu umgehen und die Strenge Ihrer Haft zu mildern. Sein Sie nicht undankbar, und Sie sollen sehen, daß der Schutz eines Adjutanten in Spandau ebenso viel gilt, als in Berlin der des Königs.

Sie verstehen mich. Laufen Sie nicht, schreien Sie nicht; machen Sie keine Thorheiten. Es wäre ein rein verlorener Scandal, ich sage, was ich will, und Ihnen wird man nicht glauben.

Nun, ich will Sie nicht erschrecken. Mein Charakter ist sanft und mitleidig. Doch überlegen Sie, und wenn ich Sie wiedersehe, so erinnern Sie sich, daß ich über Ihr Schicksal verfügen, Sie in einen engen Kerker werfen, oder Sie mit Zerstreuungen und Vergnügen umgeben, Sie, ohne daß man mich dafür zur Rechenschaft zieht, verhungern, oder, ohne daß man mich beargwöhnt, Ihnen zur Flucht verhelfen kann. Ueberlegen Sie wohl, sage ich, ich lasse Ihnen Zeit …

Und als ich nicht antwortete, niedergeschmettert von dem Gedanken, mich der Schmach solcher Ansprüche und der grausamen Demüthigung, sie anhören zu müssen, nicht entziehen zu können, nahm der gehässige Mensch, der wahrscheinlich glaubte, ich zauderte, von Neuem das Wort:

– Und warum sollten Sie sich nicht sogleich erklären? brauchen Sie vierundzwanzig Stunden, um den einzigen vernünftigen Entschluß zu erkennen, den Sie zu ergreifen haben, und der Liebe eines galanten, noch jungen Mannes zu entsprechen, der reich genug ist, um im Auslande Ihnen eine hübschere Wohnung zu bereiten, als diese häßliche Festung?

Mit diesen Worten näherte sich mir der schändliche Werber und machte Miene, mir mit seinem linkischen und zugleich unverschämten Wesen den Ausgang zu versperren und mich bei der Hand zu fassen. Ich lief nach den Zinnen des Thurmes, fast entschlossen, mich lieber in den Graben zu stürzen, als mich auch nur von der unbedeutendsten seiner Liebkosungen beschmutzen zu lassen.

Doch in diesem Augenblick bot sich ein seltsames Schauspiel meinen Augen dar und ich eilte, die Aufmerksamkeit des Adjutanten darauf zu ziehen, um sie von mir abzulenken. Ich war gerettet, aber ach, es hätte fast das Leben eines Wesens gekostet, das vielleicht mehr werth ist als ich!

Auf dem hohen Walle, welcher das andere Ufer des Grabens bildet, gegenüber der Esplanade, lief oder sprang vielmehr eine Gestalt auf der Brustwehr hin, die mir riesenmäßig schien, und zwar mit einer Schnelligkeit und Geschicklichkeit, die ans Wunderbare grenzte. Am andern Ende des Walles angekommen, der an jeder Ecke von einem Thurme geschlossen wird, sprang das Phantom auf das Dach des Thurmes, welches mit der Balustrade in gleicher Höhe stand, und schien, diesen schroffen Kegel mit der Leichtigkeit einer Katze erkletternd, sich in die Luft zu verlieren.

– Wer Teufel kann das sein! rief der Adjutant, die Rolle eines Galanten vergessend, um die Sorgen eines Kerkermeisters wieder aufzunehmen. Ein Gefangener läuft davon und die Schildwache schläft, so wahr Gott lebt! Schildwache! rief er mit einer Stentorstimme, hab Acht! munter, munter!

Und in eine Ecke laufend, wo eine Lärmglocke hängt, setzte er sie mit einer Kraft in Bewegung, die eines so merkwürdigen Professors einer so höllischen Musik würdig war. Ich habe nichts Entsetzlicheres gehört, als diese Lärmglocke, wie sie mit ihrem rauhen, dumpfen Klang die erhabene Stille der Nacht unterbrach. Es war der wilde Aufruf der Gewalt und der Rohheit, die Harmonie der freien Athemzüge der Woge und des Nachthauchs störend.

In einem Augenblick war in der Festung Alles in Bewegung. Ich hörte das unheimliche Geräusch der in der Hand der Schildwachen bewegten Flinten, welche die Batterie in Stand setzten und auf den ersten besten Gegenstand, der sich ihnen bieten würde, zu schießen bereit waren. Die Esplanade erleuchtete sich von rothem Glanze, der den schönen Silberschein des Mondes erbleichen ließ. Schwartz nämlich entzündete ein Leuchtbecken. Signale gingen von einem Walle zum andern und das Echo wiederholte sie mit schwacher, klagender Stimme. Bald warf die Lärmkanone ihre furchtbare Stimme in diese teuflische Symphonie. Schwere Schritte wiederhallten auf den Quadersteinen.

Ich sah nichts; doch ich hörte all dieses Geräusch und mein Herz zog sich voll Schrecken zusammen. Mayer hatte mich eilig verlassen; doch ich dachte nicht daran, mich zu freuen, von ihm befreit zu sein, ich tadelte mich bitter, ihm, ohne zu wissen, worum es sich handelte, die Flucht eines unglücklichen Gefangenen angezeigt zu haben. Ich wartete, vor Entsetzen eiskalt, auf das Ende des Abenteuers und zitterte bei jedem Flintenschuß, der in einzelnen Zwischenräumen fiel, ängstlich lauschend, ob das Geschrei des verwundeten Flüchtlings mir nicht sein Unglück ankündigen würde.

Das Alles dauerte länger als eine Stunde; und Dank dem Himmel, der Flüchtling wurde weder bemerkt, noch ergriffen. Um mich davon zu überzeugen, war ich zu Schwartzens auf die Esplanade gegangen: Sie waren so aufgeregt und verwirrt, daß sie sich nicht wunderten, mich mitten in der Nacht außer meiner Zelle zu sehen. Doch vielleicht standen sie mit Mayer im Einverständniß, um mich in dieser Nacht hinaus zu lassen.

Nachdem Schwartz wie ein Narr herumgelaufen war und sich versichert hatte, daß keiner der ihm anvertrauten Gefangenen fehlte, fing er an, sich ein wenig zu beruhigen. Doch seine Frau und er waren mit schmerzlicher Bestürzung getroffen, als wenn das Heil eines Menschen in ihren Augen ein öffentliches und Privatunglück sei, ein furchtbares Attentat gegen die himmlische Gerechtigkeit. Die andern Schließer und die Soldaten, welche ganz bestürzt hin und her gingen, wechselten mit ihnen Worte, welche dieselbe Verzweiflung, dasselbe Entsetzen aussprachen; in ihren Augen ist der Versuch einer Flucht das schwärzeste aller Verbrechen.

O, gütiger Gott, wie entsetzlich erschienen mir diese Söldlinge in dem barbarischen Amte, ihren Mitmenschen des heiligen Rechts der Freiheit zu berauben. Doch plötzlich schien es, als wenn die göttliche Gerechtigkeit beschlossen hätte, meinen beiden Hütern eine exemplarische Züchtigung zu ertheilen. Madame Schwartz, die einen Augenblick in ihre Küche gegangen war, kam mit großem Geschrei wieder heraus.

– Gottlieb! Gottlieb! rief sie mit erstickter Stimme. Halt, schießt nicht, Ihr tödtet meinen Sohn! er ist's, er ist's! gewiß er ist's.

Mitten in der Aufregung der beiden Schwartz hörte ich aus ihren abgebrochenen Reden, daß Gottlieb sich weder in seinem Bett, noch in irgend einem Winkel befände und daß er wahrscheinlich, ohne daß man es bemerkt hätte, seine alte Gewohnheit, im Schlafe auf den Dächern herumzuwandeln, wieder aufgenommen hätte. Gottlieb war mondsüchtig.

Sobald diese Nachricht die Runde im Schlosse gemacht hatte, legte sich die Aufregung ein wenig. Jeder Schließer hatte Zeit gehabt, die Runde zu machen und sich zu versichern, daß kein Gefangener verschwunden sei. Jeder kehrte sorglos auf seinen Posten zurück. Die Offiziere waren über diese Lösung erfreut; die Soldaten lachten über den Scherz; Madame Schwartz lief nach allen Seiten hin und ihr Mann sah traurig in den Graben hinab, in der Furcht, das Getös der Kanonen und Flintenschüsse hätte den armen Gottlieb in seinem gefährlichen Laufe aufgeschreckt und hinabfallen lassen.

Ich begleitete ihn bei dieser Untersuchung. Der Augenblick wäre vielleicht günstig gewesen, um für mich selbst die Flucht zu versuchen, denn ich glaubte die Pforte offen zu sehen und die Menschen waren zerstreut; doch ich hielt mich nicht bei diesem Gedanken auf, da ich von dem andern völlig eingenommen war, den armen Kranken, der mir so viel Theilnahme bewiesen, wiederzufinden.

Doch Herr Schwartz, der niemals ganz den Kopf verliert, bat mich, als er den Tag anbrechen sah, in meine Zelle zurückzukehren, da es ganz gegen seine Ordre sei, mich zu unerlaubter Zeit herumlaufen zu lassen. Er führte mich zurück, um hinter mir zuzuschließen doch der erste Gegenstand, der bei meinem Eintritt in mein Zimmer mein Auge traf, war Gottlieb, friedlich auf meinem Lehnstuhl schlummernd. Er hatte das Glück gehabt, sich dorthin retten zu können, ehe der Aufruhr seine höchste Höhe erreicht hatte, oder auch, sein Schlummer war so tief und sein Lauf so behend gewesen, daß er der Gefahr hatte entgehen können.

Ich bat seinen Vater, ihn nicht plötzlich aufzuwecken und versprach über ihn zu wachen, bis Madame Schwartz von dieser Lösung benachrichtigt sei.

Als ich allein mit Gottlieb war, legte ich meine Hand auf seine Schulter und versuchte mit leiser Stimme, ihn zu befragen. Ich hatte gehört, die Mondsüchtigen könnten sich mit befreundeten Personen in Rapport setzen und ihnen deutlich antworten. Mein Versuch gelang trefflich.

– Gottlieb, sagte ich, wo bist du denn diese Nacht gewesen?

– Diese Nacht? antwortete er, ist es schon Nacht? ich glaube die Morgensonne auf den Dächern glänzen zu sehen.

– Du warst also auf den Dächern?

– Ja wohl, das Rothkehlchen, der gute kleine Engel ist zu mir ans Fenster gekommen und hat mich geruft; ich bin mit ihm davongeflogen und wir waren sehr hoch, sehr weit am Himmel, ganz nahe den Sternen und fast in der Wohnung der Engel. Als wir fortgingen, begegneten wir Beelzebub, der auf den Dächern und auf den Brustwehren herumlief, um uns habhaft zu werden. Aber er konnte nicht fliegen, weil Gott ihn zu einer langen Buße verdammt hat, und er sieht die Engel und die Vögel fliegen, ohne sie erreichen zu können.

– Und nachdem du bis in die Wolken geflogen warst, bist du doch wieder heruntergekommen?

– Das Rothkehlchen sagte mir: laß uns meine Schwester besuchen, die krank ist. Und so bin ich wieder und in deine Zelle gekommen.

– Du konntest also in meine Zelle kommen?

– Ja wohl, ich bin mehrmals gekommen, bei dir zu wachen, während du krank warst. Das Rothkehlchen stiehlt die Schlüssel unter dem Kopfkissen meiner Mutter weg und Beelzebub mag machen, was er will, er kann sie nicht wieder aufwecken, sobald die Engel unsichtbar um ihren Kopf herumfliegend, sie eingeschläfert haben.

– Wer hat dich denn gelehrt, die Engel und die Dämonen so genau zu kennen?

– Mein Meister, antwortete der Mondsichtige mit einem kindlichen Lächeln, in welchem sich naive Begeisterung abzeichnete.

– Und wer ist denn dein Meister?

– Zunächst Gott und dann … der erhabene Schuhmacher!

– Wie nennst du diesen erhabenen Schuhmacher?

– O, es ist ein großer Name! Doch man darf ihn nicht sagen, siehst du; meine Mutter kennt den Namen nicht. Sie weiß nicht, daß ich zwei Bücher in dem Kamin habe! ein Predigtbuch, das ich nur zum Schein lese, wenn sie mich ansieht, und ein anderes, das ich seit vier Jahren verschlinge, und das mein Himmelsbrod, das Wort der Wahrheit, das Heil und das Glück der Seele ist.

– Und wer hat dies Buch gemacht?

– Er, der Schuhmacher von Görlitz, Jacob Böhme.

Hier wurden wir durch die Ankunft der Madame Schwartz unterbrochen, die ich nur mit vieler Mühe abhielt, sich auf ihren Sohn zu stürzen und ihn zu umarmen. Dieses Weib betet ihr Kind an; seine Sünden seien ihm vergeben. Sie wollte mit ihm sprechen, aber Gottlieb hörte sie nicht, und ich allein konnte ihn bestimmen, in sein Bett zurückzukehren, wo, wie man mir diesen Morgen versichert, er friedlich seinen Schlummer fortgesetzt hat. Er hatte nichts bemerkt, obgleich seine sonderbare Krankheit und der falsche Lärm in der Nacht in ganz Spandau besprochen wird.

So bin ich denn wieder nach einigen Stunden einer sehr schmerzlichen und aufgeregten Freiheit in meiner Zelle. Ich wünsche nicht um solchen Preis herauszukommen. Doch hätte ich vielleicht entfliehen können! … Ich denke nur daran jetzt, wo ich unter der Hand eines Bösewichts bin und von Gefahren, schlimmer als der Tod, schlimmer als ewige Gefangenschaft bedroht werde. Ich werde jetzt ernstlich daran denken, und vielleicht gelingt es mir. Man sagt, ein ausdauernder Wille bringt Alles zu Stande. O Gott, schütze mich!

 

Am 5. Mai.

Seit den letzten Ereignissen habe ich ziemlich ruhig gelebt. Ich bin so weit gekommen, meine Tage der Ruhe für Tage des Glücks anzusehen und Gott dafür zu danken, wie man ihm in einem glücklichen Leben für die Jahre dankt, die ohne Unglück hingeflossen sind. Es ist gewiß, man muß das Unglück kennen, um aus der theilnahmlosen Undankbarkeit, in welcher man gewöhnlich lebt, herauszutreten. Ich tadele mich jetzt, daß ich so viele schöne Tage meiner sorglosen Jugend habe vorbeigehen lassen, ohne ihren Werth zu empfinden, und die Vorsehung, die sie mir schenkte, zu segnen. Ich habe mir in jener Zeit nicht oft genug gesagt, daß ich sie nicht verdiente, und deshalb verdiene ich wohl die Leiden, die mich jetzt zu Boden drücken.

Ich habe den häßlichen Werber, der für mich noch furchtbarer geworden ist, als er es an den Ufern der Moldau war, wo ich ihn nur für einen Kinderfresser hielt, nicht wiedergesehen. Jetzt sehe ich in ihm einen noch abscheulichern und gefährlichern Verfolger. Wenn ich an die empörenden Ansprüche dieses Schändlichen, an die Macht, die er um mich her ausübt, an die Leichtigkeit denke, mit welcher er sich des Nachts in meine Zelle schleichen kann, ohne daß die beiden Schwarz, diese habgierigen Sklavenseelen, vielleicht mich gegen ihn schützen wollten, fühle ich mich vor Schaam und Verzweiflung sterben … Ich betrachte diese unerbittlichen Gitter, die mir nicht erlauben würden, mich zum Fenster hinauszustürzen. Ich kann mir kein Gift verschaffen und habe nicht einmal eine Waffe, um mir die Brust zu durchstoßen …

Doch einiger Grund zur Hoffnung und zum Vertrauen bleibt mir wohl, und gern verweile ich dabei in Gedanken, denn ich will mich von der Furcht nicht schwächen lassen. Erstens hat Schwartz den Adjutant nicht gern, der, so viel ich habe erfahren können, vor ihm aus den Bedürfnissen und Wünschen seiner Gefangenen Gewinn zieht, indem er ihnen, zum großen Nachtheil für Schwarz, der das Monopol gern haben möchte, ein wenig Luft, einen Sonnenstrahl, ein Stück Brod über die Ration und andere Herrlichkeiten der Gefangenenordnung verkauft.

Dann fangen beide Schwartz, besonders die Frau, an, Freundschaft für mich zu empfinden, weil ich Gottliebs Freundin geworden bin und, wie sie sagen, einen heilsamen Einfluß auf seinen Geist ausübe. Wenn ich bedroht wäre, würden sie nicht vielleicht zu meiner Hülfe herbeikommen; aber, sobald ich es ernstlich fürchten müßte, könnte ich durch sie meine Klagen zum Platzcommandanten gelangen lassen. Das ist ein Mann, der mir das einzige Mal, wo ich ihn gesehen habe, sanft und menschlich geschienen hat …

Gottlieb wird übrigens stets bereit sein, mir diesen Dienst zu leisten und ohne ihm etwas zu erklären, habe ich mich mit ihm in dieser Hinsicht schon verständigt. Er ist bereit, meinen Brief fortzutragen, den ich ebenfalls schon bereit halte. Aber ich zögere, vor der Gefahr, um Hülfe zu bitten; denn wenn mein Feind aufhört, mich zu quälen, so könnte er eine Erklärung als Scherz darstellen, die ich mit lächerlicher Prüderie im Ernst genommen hätte.

Wie dem auch sei, ich schlafe nur mit einem Auge und übe meine Muskelkraft für einen Faustkampf, wenn es nothwendig werden sollte. Ich hebe meine Möbeln auf; ich stähle meine Arme gegen die Eisengitter meines Fensters; ich härte meine Hände, indem ich gegen die Mauern schlage. Wer mich bei diesen Leibesübungen überraschte, würde mich für wahnsinnig oder verzweifelt halten, und doch unternehme ich sie mit der traurigsten Kaltblütigkeit, und ich habe entdeckt, daß meine physische Kraft weit stärker ist, als ich dachte.

In dem Zustande der Sicherheit, in welchem das Leben gewöhnlich hinfließt, untersuchen wir unsre Vertheidigungsmittel nie und lernen sie nicht kennen. Indem ich mich stark fühle, fühle ich mich auch muthig werden, und mein Vertrauen auf Gott wächst mit meinen Kräften, um seinen Schutz zu unterstützen. Ich gedenke oft der schönen Verse, welche der Porpora, wie er mir sagte, an den Mauern eines Kerkers der Inquisition in Venedig gelesen hat:

›Di chemi fido, mi guarda Iddio;
Di che non mi fido, mi guarderò io!‹
Schütze mich Gott vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich selbst schützen.

Glücklicher, als der Unglückliche, welcher dieses düstere Gebet niederschrieb, kann ich wenigstens ohne Rückhalt der Reinheit und Ergebenheit dieses armen exaltierten Gottlieb vertrauen. Seine Zufälle von Mondsucht haben sich nicht wieder gezeigt; übrigens bewacht ihn auch seine Mutter sehr eifrig. Am Tage kommt er in mein Zimmer, um mit mir zu sprechen. Seitdem ich Mayer auf der Esplanade getroffen, habe ich nicht mehr hinabgehen mögen.

Gottlieb hat mir seine religiösen Ideen auseinandergesetzt. Sie haben mir sehr schön, obgleich oft seltsam erschienen, und ich habe die Theologie seines Böhme lesen wollen,denn er ist entschieden ein Anhänger von Böhme, um zu wissen, was er zu den begeisterten Träumen des berühmten Schuhmachers aus seiner eigenen Phantasie hinzusetzt. Er hat mir das kostbare Buch geliehen und ich habe mich, auf meine Gefahr hin, darein vertieft. Ich begreife jetzt, wie diese Lectüre ein einfältiges Gemüth hat stören können, welches die Symbole einer ebenfalls etwas wahnsinnigen Mystik buchstäblich genommen hat.

Ich rühme mich nicht, es genau zu verstehen und es richtig auszulegen, aber es scheint mir darin ein Strahl von hoher religiöser Erleuchtung und eine tiefsinnige Poesie zu liegen. Was mich am meisten erstaunt hat, ist die Theorie über den Teufel:

›Im Kampf mit Lucifer hat Gott ihn nicht zerstört. Blinder Mensch, du siehst den Grund nicht ein. Gott kämpfte gegen Gott. Es war der Kampf eines Theils der Gottheit gegen den andern!‹

Ich erinnere mich, daß Albert fast auf dieselbe Weise die irdische und vorübergehende Herrschaft des bösen Prinzips erklärte und daß der Kaplan der Riesenburg sie mit Grauen anhörte und diesen Glauben als Manichäismus behandelte. Albert behauptete, unsere christliche Lehre sei ein vollkommnerer und ein abergläubischerer Manichäismus, als der seinige, denn sie stelle die Ewigkeit des bösen Princips fest, während in seinem System die Vernichtung des bösen Princips, d. h. die Bekehrung und Versöhnung zugegeben werde. Das Böse ist nach Albert nur der Irrthum, und das göttliche Licht muß eines Tages den Irrthum zerstreuen und das Böse aufhören lassen.

Ich gestehe, meine Freunde, sollte ich Euch auch sehr ketzerisch vorkommen, daß diese ewige Verdammung Satans, das Böse zu schaffen, zu lieben und die Augen vor der Wahrheit zu schließen, mir ebenfalls wie eine gottlose Idee erschien und noch erscheint.

Endlich scheint mir Jakob Böhme ein Millenarius d. h. ein Anhänger der Wiedererweckung der Gerechten und ihres Aufenthalts mit Jesu Christo, während tausend Jahre eines unbewölkten Glücks und einer unverhüllten Weisheit auf einer aus der Zerstörung der jetzigen gebildeten neuen Erde; worauf die vollkommene Vereinigung der Seelen mit Gott und die Belohnungen der Ewigkeit eintreten werden, noch vollkommener als das Millenium.

Ich erinnere mich sehr wohl, vom Grafen Albert die Erklärung dieses Symbols gehört zu haben, als er mir die stürmische Geschichte seines alten Böhmens und seiner lieben Taboriten erzählte, welche mit diesem aus den ersten Zeiten des Christenthums wieder auferweckten Glauben erfüllt waren. Albert glaubte an das Alles in einem weniger materiellen Sinne, ohne sich über die Dauer der Auferstehung oder des künftigen Weltalters auszusprechen. Doch er ahnte und sah prophetisch eine nahe Auflösung der menschlichen Gesellschaft voraus, welche einer Zeit erhabener Erneuerungen Platz machen sollte, und Albert zweifelte nicht, daß sein Geist, aus den vorübergehenden Umarmungen des Todes erlöst, hienieden eine neue Reihe von Existenzen beginnen und berufen sein würde, diese göttliche Vergeltung zu sehen und die bald furchtbaren, bald herrlichen Tage schauen, die den Bemühungen des Menschengeschlechts verheißen wären.

Dieser edle Glaube, welcher den Orthodoxen in Riesenburg entsetzlich schien und der, nachdem er mir anfangs neu und seltsam vorgekommen war, in mich übergegangen ist, ist ein Glaube aller Völker und aller Zeiten; und trotz der Anstrengungen der katholischen Kirche, ihn zu ersticken, oder vielmehr, trotz seiner Ohnmacht, die Kirche aufzuklären und zu reinigen von ihrem abergläubischen Materialismus, sah ich wohl, daß er viele frommgläubige Seelen erfüllte und begeisterte. Man sagt sogar, große Heilige hätten sich zu ihm bekannt. Ich überlasse mich ihm also ohne Vorwurf und Furcht in der Ueberzeugung, daß eine von Albert angenommene Idee nur großartig und erhaben sein kann. Uebrigens erfreut sie mich auch und verbreitet eine wahrhaft himmlische Poesie über den Gedanken, den ich mir von dem Tode und den Leiden mache, die wahrscheinlich das Ende meines Lebens herbeiführen werden.

Dieser Jacob Böhme gefällt mir. Der Schüler, der da unten in der schwarzen, schmutzigen Küche ist, beschäftigt mit erhabenen Träumen und umgeben von himmlischen Visionen, während seine Eltern im rohen Naturtrieb schachern und betrügerische Rechnungen schmieden, scheint mir mit seinem Buch, das er auswendig weiß, ohne es genau zu verstehen, und seinem Schuh, den er angefangen hat, um sein Leben dem seines Meisters gleich zu machen, ohne damit zu Stande zu kommen, sehr rührend und unbefleckt, schwach an Körper und Geist, doch natürlich, offenherzig und von engelreinen Sitten!

Armer Gottlieb, du bist wohl bestimmt, beim Fall von der Höhe eines Walles herab, dich zu zerschellen, wenn du deinen eingebildeten Flug nach dem Himmel beginnst, oder unter der Last deiner vorzeitigen Schwächen zu erliegen! Du gehst gleich einem verkannten Heiligen, gleich einem verbannten Engel über die Erde, ohne das Uebel verstanden, ohne das Glück gekannt, ohne nur die Wärme der Sonne gefühlt zu haben, welche die Welt erleuchtet, da du nur nach der mystischen Sonne schaust, welche in deinem Gedanken glänzt! Niemand kennt dich, Niemand beklagt und bewundert dich, wie du es verdienst!

Und ich, die ich allein das Geheimniß deiner Gedanken belauscht habe, ich, die ich das schöne Ideal davon kenne und Kräfte hätte, um es in meinem Leben zu suchen und zu verwirklichen, ich werde sterben, gleich dir, in der Blüthe meiner Jugend, ohne gewirkt, ohne gelebt zu haben. In den Spalten dieser Mauern, die uns Beide schützen und erdrücken, wachsen armselige kleine Pflanzen, welche der Wind zerdrückt und die Sonne nie färbt. Sie vertrocknen, ohne zu blühen und ohne Früchte zu erzeugen. Doch scheinen sie sich zu erneuen; aber es ist nur der Saame, welchen der Wind aus fernen Gegenden an dieselben Orte wiederbringt und die auf den Trümmern der früheren zu wachsen und zu leben versuchen. So vegetiren auch die Gefangenen, so bevölkern sich auch die Gefängnisse wieder!

Aber ist es nicht seltsam, daß ich mich auch hier wieder mit einem Inspirirten zusammenfinde, wie es Albert war, der zwar einer untergeordneten Klasse angehört, aber gleich ihm einer geheimen Religion, einem verspotteten, verfolgten oder verachteten Glauben angehört? Gottlieb versichert, daß es noch viele andere Böhmisten in diesem Lande giebt, daß mehrere Schuhmacher sich offen zu seinem Glauben bekennen und daß die Grundlage dieser Lehre zu jeder Zeit den Gemüthern des Volkes von zahlreichen unbekannten Philosophen und Propheten eingeimpft worden sei, welche vordem Böhmen fanatisirten und jetzt in ganz Deutschland ein heiliges Feuer unter der Asche pflegen.

Ich erinnere mich in der That, daß mir Albert von eifrigen hussitischen Schuhmachern erzählte, welche zur Zeit des Johannes Ziska als kühne Prediger und furchtbare Kämpfer auftraten. Der Name selbst von Jacob Böhme bestätigt diesen ruhmvollen Ursprung, doch weiß ich nicht, was in den beschaulichen Gemüthern des geduldigen Deutschland eigentlich vorgeht. Mein wechselvolles, geräuschvolles Leben hielt mich von jeder tiefern Prüfung ab. Doch wären auch Gottlieb und Zdenko die letzten Zöglinge dieser geheimnißvollen Religion, welche Albert wie einen kostbaren Talisman bei sich bewahrt, so fühle ich nicht weniger, daß diese Religion die meinige ist, weil sie die künftige Gleichheit unter allen Menschen und die künftige Offenbarung der Gerechtigkeit und Güte Gottes auf Erden verkündet. Ach ja, ich muß an dieses, durch Christum den Menschen verkündigte Reich Gottes glauben; ich muß auf den Umsturz dieser ungerechten Monarchien und dieser befleckten Gesellschaften rechnen, um nicht an der Vorsehung zu zweifeln, wenn ich mich hier sehe!

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Von der Gefangenen Nr. 2 noch keine Nachricht! Wenn Mayer nicht unverschämt gelogen hat, indem er mir ihre Worte wiederholte, so ist es Amalie von Preußen, die mich also des Verraths beschuldigt: Gott verzeihe ihr den Zweifel an mir; ich habe nicht an ihr gezweifelt, trotz derselben Beschuldigungen rücksichtlich ihrer. Ich will keine ferneren Schritte thun, um sie zu sehen. Indem ich mich zu rechtfertigen suchte, könnte ich sie noch einmal kompromittiren, wie ich es schon gethan habe, ohne zu wissen, wie.

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Mein Rothkehlchen bleibt mein treuer Gefährte. Indem es Gottlieb ohne seine Katze in meiner Zelle sah, ist es auch gegen ihn vertraut, und der arme Gottlieb nun völlig zum Narren geworden aus Stolz und Freude. Er nennt es Herr und erlaubt sich nicht, es mit Du anzureden. Nur mit der tiefsten Ehrfurcht und mit einer Art religiösen Schauers reicht er ihm seine Nahrung. Vergeblich suche ich ihm einzureden, daß es nur ein Vogel wie die andern sei; ich kann ihm den Gedanken nicht nehmen, daß es ein himmlischer Geist wäre, der diese Formen angenommen hat. Ich suche ihn zu zerstreuen, indem ich ihm einen Begriff von der Musik beibringe, und er hat wirklich, ich bin es fest überzeugt, einen sehr schönen musikalischen Verstand. Seine Eltern sind über meine Bemühungen ganz entzückt und haben mir vorgeschlagen, ein Spinett in einer ihrer Stuben aufzustellen, wo ich ihrem Sohne Unterricht geben und für mich arbeiten könnte. Doch diesen Antrag, der mich noch vor einigen Tagen mit hoher Freude erfüllt hätte, wage ich nicht anzunehmen. Ich wage selbst nicht mehr in meiner Zelle zu singen, so sehr fürchte ich jenen rohen Musikfreund, jenen Exprofessor auf der Trompete in meine Nähe zu ziehen, den Gott verderben möge.

 

Am 10. Mai.

Seit langer Zeit fragte ich mich, was aus meinen unbekannten Freunden, jenen wunderbaren Schützern geworden wäre, deren Vermittelung zu meinen Gunsten der Graf von St. Germain mir ankündigt hatte und die sich dem Anschein nach nur eingemischt haben, um das Unglück zu beschleunigen, mit dem mich die königliche Gunst bedrohte. Wenn das die Verschwörer waren, deren Züchtigung ich theile, so sind sie zugleich mit mir sämmtlich zerstreut und entmuthigt worden, dachte ich, oder sie haben mich nach meiner Weigerung, den Klauen Buddenbrocks zu entfliehen, an jenem Tage, wo ich von Berlin nach Spandau geschafft wurde, aufgegeben. Nun, sie erscheinen doch wieder und haben Gottlieb zu ihrem Emissarius gemacht. Die Verwegenen, könnten sie nicht auf das Haupt dieses Unschuldigen dieselben Leiden herabziehen, wie über das meinige!

Diesen Morgen hat mir Gottlieb verstohlen ein Billet mit folgendem Inhalt gebracht:

Wir arbeiten an deiner Befreiung; der Augenblick naht. Doch eine neue Gefahr bedroht dich, welche das Gelingen unsers Unternehmens verzögern würde. Mißtraue Jedem, der dich zur Flucht treiben möchte, bevor wir dir sichere Nachricht und genaue Auskunft gegeben haben. Man bereitet dir eine Falle. Sei auf deiner Hut und beharre in deiner Kraft.

Deine Brüder:

Die Unsichtbaren.«

Dieses Billet ist zu Gottliebs Füßen gefallen, als er heute Morgen durch einen Hof des Gefängnisses ging. Er glaubt fest, daß es vom Himmel gefallen, oder das Rothkehlchen dabei im Spiel ist. Indem ich ihn schwatzen ließ, ohne ihn allzusehr in seinen mährchenhaften Ideen zu durchkreuzen, habe ich sonderbare Dinge erfahren, die vielleicht nicht ohne Grund sind. Ich fragte ihn, ob er wisse, was die »Unsichtbaren« seien, und er antwortete mir:

– Niemand weiß es, obgleich Jedermann thut, als ob er es wisse.

– Wie, Gottlieb, Du hast also von Leuten sprechen hören, die sich so nennen?

– Zur Zeit, als ich bei dem Schuhmachermeister in der Stadt in der Lehre war, habe ich viel davon gehört.

– Man spricht also davon? das Volk kennt sie?

– Höre selbst, was mir zu Ohren gekommen ist, und von allem dem, was ich gehört habe, ist das Einzige, was der Mühe verlohnt, geglaubt zu werden. Ein armer Arbeiter unter unsern Kameraden hatte sich so gefährlich in der Hand verwundet, daß man davon sprach, sie ihm abzunehmen. Er war die einzige Stütze einer zahlreichen Familie, die er bis dahin voll Muth und Liebe unterhalten hatte. Mit seiner verbundenen Hand kam er zu uns, sah uns traurig zu arbeiten und sagte:

– »Ihr seid wohl glücklich, daß Ihr Eure Hände brauchen könnt! ich aber werde wohl bald ins Spital gehen und meine alte Mutter wird betteln müssen, damit meine kleinen Schwestern und Brüder nicht verhungern.«

Wir wollten eine Collecte machen, waren aber so arm und namentlich ich, obgleich von reichen Eltern, hatte so wenig Geld in Händen, daß wir nicht genug zusammenbrachten, um unsern armen Kameraden gehörig zu unterstützen. Nachdem Jeder seine Tasche geleert hatte, zerbrachen wir uns den Kopf, um Franz aus seiner schlechten Lage zu ziehen, doch Keiner fand etwas, denn Franz hatte schon an allen Thüren angeklopft und war überall zurückgewiesen worden. Man sagt, der König sei sehr reich, und sein Vater hätte ihm einen gefüllten Schatz hinterlassen, man sagt aber auch, daß er ihn nur zur Ausrüstung seiner Soldaten brauche, und da eben Krieg und der König abwesend war und Jedermann fürchtete, seinen Befehlen ungehorsam zu sein, so litt das arme Volk sehr und Franz konnte bei den guten Herzen keine genugsame Hülfe finden. Die schlechten Seelen aber haben niemals einen Pfennig übrig. Plötzlich sagte ein junger Mensch in der Werkstatt zu Franz:

– »An deiner Stelle wüßte ich wohl, was ich thäte; aber du hast vielleicht nicht Muth genug.«

– »Der Muth fehlt mir nicht,« sagte Franz; »was soll ich thun?«

– »Du mußt dich an die Unsichtbaren wenden.«

Franz schien zu verstehen, was er wollte, denn er schüttelte mit Widerwillen den Kopf und antwortete nichts. Einige junge Leute, die, ebenso wie ich, nicht wußten, was es bedeuten sollte, baten um eine Erklärung, und von allen Seiten ward ihnen die Antwort:

– »Ihr kennt die Unsichtbaren nicht? Man sieht wohl, daß Ihr Kinder seid! Die Unsichtbaren sind Leute, die man nicht sieht, die aber handeln. Sie thun alles mögliche Gute und Böse. Man weiß nicht, ob sie irgendwo wohnen, aber es giebt ihrer überall. Man behauptet, man fände sie in allen vier Weltgegenden. Sie ermorden manchen Reisenden und helfen wieder vielen Andern gegen die Räuber, jenachdem die Reisenden von ihnen der Züchtigung oder des Schutzes würdig erkannt werden. Sie sind die Anstifter aller Revolutionen! sie sind an allen Höfen zu Hause, leiten alle Angelegenheiten, entscheiden über Krieg und Frieden, kaufen die Gefangenen los, unterstützen die Unglücklichen, bestrafen die Verbrecher, setzen die Könige auf ihren Thronen in Angst; kurz, sie sind die Ursache von allem Glück und Unglück, was in der Welt geschieht. Sie täuschen sich vielleicht mehr als einmal; man sagt aber doch, daß sie immer eine gute Absicht haben; und übrigens, wer kann behaupten, ob das, was heute Unglück ist, nicht morgen, die Ursache eines großen Glückes wird.«

– Wir hörten das mit großem Staunen und vieler Bewunderung an, fuhr Gottlieb fort, und nach und nach vernahm ich genug davon, um dir sagen zu können, was die Arbeiter und das arme unwissende Volk von den Unsichtbaren denken. Die Einen behaupten, es seien böse Leute, dem Teufel ergeben, der ihnen seine Macht leiht, die Gabe mittheilt, Verborgenes zu erkennen, die Macht, durch Reichthum und Ehre den Menschen in Versuchung zu führen, die Fähigkeit, die Zukunft zu erkennen, Geld zu machen, Kranke zu heilen, alte Leute wieder jung zu machen, Todte zu erwecken und Lebende am Sterben zu verhindern, denn sie haben den Stein der Weisen und das Lebenselixir entdeckt. Andere glauben, es seien fromme, wohlthätige Männer, die ihr Vermögen zusammengethan haben, um den Unglücklichen beizustehen, und gemeinsam handeln, um das Unrecht des Lebens wieder gut zu machen, und die Tugend zu belohnen. In unserer Werkstatt hatte Jeder seine eigene Meinung davon. Der Eine nannte sie den alten Templerorden, der Andere sagte, man nenne sie jetzt Freimaurer.

– »Nein,« sagte ein Dritter, »es sind die Herrnhuter von Zinzendorf, auch mährische Brüder genannt, die ehemaligen Unionsbrüder, die alten Waisen vom Berge Tabor; kurz das alte Böhmen, das noch immer kampffertig steht, und im Geheimen alle Mächte Europa's bedroht, weil es aus der Welt eine Republik machen will.«

Noch Andere meinten, es sei nur eine Hand voll Zauberer, Schüler und Zöglinge von Paracelsus, von Böhme, von Swedenborg und jetzt von Schröpfer, dem Limonadenhändler (eine gute Zusammenstellung), die durch List und höllische Praktiken die Welt beherrschen und die Königreiche stürzen wollten. Die Mehrzahl aber behauptete einstimmig, es sei das alte Gericht der heiligen Vehme, das niemals in Deutschland ausgestorben sei und das, nachdem es mehrere Jahrhunderte lang im Dunkeln gewirkt hätte, jetzt wieder stolz den Kopf erhöbe und seinen eisernen Arm und sein feuriges Schwert in seinen diamantnen Wagschaalen fühlen lasse.

Franz jedoch zauderte, sich an sie zu wenden, weil, wie er sagte, wenn man einmal ihre Wohlthaten angenommen hätte, man für dieses und jenes Leben zum großen Nachtheil seines Seelenheils und zur großen Gefahr seiner Verwandten an sie gefesselt wäre. Doch die Nothwendigkeit trug den Sieg über die Furcht davon. Einer unserer Kameraden, derjenige, der ihm den Rath gegeben hatte und in großem Verdacht stand, zu den Unsichtbaren zu gehören, obgleich er es hartnäckig leugnete, gab ihm insgeheim die Mittel an, das Signal des Unglücks, wie er es nannte, zu erheben. Wir haben nie erfahren, worin dieses Signal bestand.

Die Einen sagten, Franz hätte an seiner Thür mit seinem Blute ein kabbalistisches Zeichen gemacht. Andere, er habe sich um Mitternacht auf einem Kreuzweg, am Fuß eines Kreuzes aufgestellt, wo ihm ein schwarzer Reiter erschienen sei. Noch Andere endlich sprachen nur von einem Briefe, den er in eine alte, hohle Thränenweide am Eingange des Kirchhofs geworfen hätte.

Gewiß ist aber, daß er Hülfe fand, daß seine Familie seine Heilung abwarten konnte, ohne zu betteln, und daß er Geld erhielt, um sich von einem geschickten Wundarzt behandeln zu lassen, der ihn glücklich heilte. Von den Unsichtbaren hat er nie etwas Anderes gesagt, als daß er sie sein Lebelang segnen würde.

Das war das erste Mal, Schwester, wo ich von dem Dasein dieser furchtbaren und wohlthätigen Wesen hörte.

– Doch du, sagte ich zu Gottlieb, der du unterrichteter bist, als jene jungen Menschen in deiner Werkstatt, was denkst du von den Unsichtbaren? Sind es Sectirer, Charlatane oder politische Verschwörer?

Gottlieb, der bisher sehr vernünftig gesprochen hatte, versank wieder in seine gewohnten Träumereien, und ich konnte nichts aus ihm herausbringen, als daß es Wesen von wahrhaft unsichtbarer, unfühlbarer Natur seien, die, gleich Gott und den Engeln, den Sinnen nicht bemerkbar würden, als wenn sie, um mit den Menschen zu verkehren, gewisse sichtbare Gestalten annähmen.

– Es ist klar, sagte er, daß das Ende der Welt herankommt. Deutliche Zeichen sind geschehen. Der Antichrist ist geboren. Manche sagen, er sei schon in Preußen und nenne sich Voltaire, doch ich kenne diesen Voltaire nicht, und es kann wohl ein Anderer sein, da V. kein W. ist und der Name, den der Antichrist unter den Menschen führen wird, mit diesem Buchstaben anfängt und ein Deutscher ist. Das könnte Weishaupt sein. Er ward 1748 geboren. Bis die großen Wunder im Laufe dieses Jahrhunderts zum Vorschein kommen werden, erweckt Gott, der sich nicht sichtbar dreinmischt, Gott, der das ewige Schweigen ist, unter uns für das Gute und Böse Wesen einer höheren Natur, verborgene Mächte, Engel und Teufel, diese um die Gerechten zu prüfen, jene, um ihnen zum Sieg zu verhelfen.

Und schon hat der große Kampf zwischen den beiden Principien begonnen. Der König des Bösen, der Vater des Irrthums und der Unwissenheit wehrt sich vergeblich. Die Erzengel haben den Bogen der Wissenschaft und der Wahrheit gespannt. Ihre Pfeile haben Satans Harnisch durchbrochen. Satan brüllt und kämpft noch; doch bald wird er auf die Lügen verzichten, all sein Gift verlieren und statt des unreinen Blutes der Gewürme, in seine Adern den Thau der Verzeihung cirkuliren fühlen. Das ist die wahre und sichere Erklärung des Unbegreiflichen und Entsetzlichen, was in der Welt geschieht. Das Böse und das Gute kämpfen mit einander in einer höheren, den Menschen unnahbaren Region. Der Sieg und die Niederlage schweben über uns, ohne daß irgend Einer sie nach seinem Willen festhalten kann.

Friedrich von Preußen schreibt der Macht seiner Waffen die Siege zu, welche das Schicksal allein ihm gewährt hat, bis es ihn zu Boden schlägt oder emporhebt, je nach seinen verborgnen Absichten. Ja, ich sage dir, es ist ganz natürlich, daß die Menschen nichts von dem begreifen, was auf der Erde geschieht. Sie sehen, wie die Gottlosigkeit die Waffen des Glaubens ergreift und umgekehrt. Sie erdulden Unterdrückung, Elend und alle Geißeln der Zwiespalt,ohne daß ihr Gebet erhört wird, ohne daß die Wunder der alten Religion ihm zu Hülfe kommen. Sie verstehen sich über nichts mehr, sie streiten, ohne zu wissen warum. Sie gehen mit verbundenen Augen einem Abgrunde zu. Die Unsichtbaren stoßen sie dahin; doch man weiß nicht, ob die Wunder; welche ihre Sendung bezeichnen, von Gott oder vom Teufel sind, eben so wie im Anfange des Christenthums Simon der Magier vielen Menschen eben so mächtig, eben so göttlich schien wie Christus.

Ich aber sage dir, daß alle Wunder von Gott kommen, denn Satan kann keine machen, ohne daß er es erlaubt, und daß unter denen, welche man die Unsichtbaren nennt, viele nach dem wahren Lichte des heiligen Geistes streben, während Andere die Macht aus einem Gewölke bekommen und das Gute vom Verhängniß gedrängt thun, in dem sie Böses zu thun glauben.

– Das ist eine sehr abstrakte Erklärung, lieber Gottlieb; kommt sie von Jacob Böhme, oder von Dir?

– Sie kommt von ihm, wenn man ihn so verstehen will, sie kommt von mir, wenn seine Begeisterung sie mir nicht eingegeben hat.

– Das ist recht gut, Gottlieb, aber ich bin nicht weiter als vorher, denn ich weiß immer noch nicht, ob diese Unsichtbaren für mich gute oder böse Engel sind.

 

Am 12. Mai.

Die Wunder beginnen wirklich und mein Geschick regt sich in den Händen der Unsichtbaren. Ich möchte fast wie Gottlieb fragen: »Kommen sie von Gott oder vom Teufel?«

Heute ist Gottlieb von der Schildwacht, welche die Esplanade im Auge behält und auf der kleinen, sie begrenzenden Bastion steht, angerufen worden. Diese Schildwacht ist nach Gottlieb nichts Anderes, als ein Unsichtbarer, ein Geist. Der Beweis ist, weil Gottlieb, der alle Wachen kennt und gern mit ihnen spricht, wenn sie sich zum Scherz bei ihm Schuhe bestellen, diese nie gesehen hat; und dann hat er ihm von übermenschlicher Gestalt geschienen und sein Gesicht war von unaussprechlichem Ausdruck.

– »Gottlieb,« hat der Mann ganz leise zu ihm gesagt, »die Porporina muß in drei Nächten befreit werden. Das hängt von dir ab; du kannst die Schlüssel zu ihrer Zelle unter dem Kopfkissen deiner Mutter wegnehmen, sie durch Eure Küche bringen und bis hierher, an das Ende der Esplanade führen. Das Uebrige übernehme ich. Benachrichtige sie davon, damit sie sich bereit hält, und bedenke, daß, wenn du nicht klug und eifrig bist, wir alle drei, sie, du und ich, verloren sind.«

So weit bin ich. Diese Nachricht hat mich ganz krank vor Aufregung gemacht. Die ganze Nacht habe ich das Fieber gehabt; die ganze Nacht die phantastische Violine gehört. Fliehen! dieses traurige Gefängniß verlassen, vor Allem dem Schrecken entweichen, welchen mir der Mayer macht! Ach, wenn ich nichts weiter, als mein Leben zu wagen habe, so bin ich bereit; aber welche Folgen wird meine Flucht für Gottlieb, für den Soldaten haben, den ich nicht kenne und der sich mir ohne Interesse weiht, für die unbekannten Mitschuldigen, die eine neue Last auf sich nehmen wollen?

Ich zittre, ich zaudere, ich bin zu nichts entschlossen. Ich schreibe an Euch, ohne an eine Vorbereitung zu einer Flucht zu denken. Nein, ich fliehe doch nicht, wenn ich nicht erst über das Loos meiner Freunde und meiner Beschützer beruhigt bin.

Der gute Gottlieb ist zu Allem entschlossen! Als ich ihn fragte, ob er denn nichts fürchte, antwortete er mir, er wolle mit Freuden den Tod für mich leiden, und als ich hinzufügte, er würde vielleicht bedauern, mich nicht mehr zu sehen, antwortete er mir, dies sei seine Sorge. Uebrigens erscheint ihm das Alles wie ein Gebot vom Himmel und er gehorcht ohne Bedenken der unsichtbaren Macht, die ihn treibt.

Ich aber las aufmerksam das Billet der Unsichtbaren wieder durch, das ich in den letzten Tagen erhalten, und ich fürchte, die Aufforderung dieses Wachtpostens ist wirklich die Falle, vor der sie mich warnten. Ich habe noch achtundvierzig Stunden vor mir. Wenn Mayer wiedererscheint, wage ich Alles; wenn er fortfährt, mich zu vergessen und ich keine bessere Sicherheit habe, als das Wort eines Unbekannten, so bleibe ich.

 

Am 13. Mai.

O, gewiß, ich vertraue dem Geschick, der Vorsehung, welche mir unverhoffte Hülfe schickt. Ich gehe, ich stütze mich auf den mächtigen Arm, der mich mit seinem Schilde deckt! …

Als ich diesen Morgen auf der Esplanade spazieren ging, in der Hoffnung, von den Geistern, die mich umgeben, irgend eine neue Offenbarung zu erhalten, blickte ich nach der Bastion, wo der Wachtposten steht. Es waren zwei, Einer, der mit dem Gewehr im Arm die Wache hielt, ein Anderer, der hinterherging, als wenn er etwas suche.

Der hohe Wuchs des letztern zog meine Aufmerksamkeit auf sich; erschien mir nicht unbekannt, doch ich durfte ihn nur verstohlen ansehen, und als ich das Ziel der Promenade erreicht hatte, mußte ich ihm den Rücken wenden. Endlich, in einem Augenblicke, wo ich zu ihm hinging, kam auch er, wie durch Zufall, mir entgegen. Und obgleich er auf einem viel höheren Orte als ich stand, erkannte ich ihn vollkommen. Beinahe hätte ich einen Schrei ausgestoßen.

Es war Carl, der Böhme, der Deserteur, den ich im Böhmerwald aus Mayers Klauen gerettet habe; Carl, den ich später in Roswald in Mähren beim Grafen Hoditz wiedergesehen und der mir einen furchtbaren Racheplan aufgeopfert hat … der Mensch ist mir mit Leib und Seele ergeben und sein häßliches Gesicht, seine aufgestülpte Nase, sein rother Bart und seine Glasaugen sind mir heute schön wie die Züge des Engels Gabriel erschienen.

– Er ist es, sagte mir Gottlieb ganz leise, es ist der Emissär der Unsichtbaren, selbst ein Unsichtbarer, ganz gewiß; wenigstens könnte er es sein, wenn er wollte. Es ist dein Befreier, der dich in der nächsten Nacht von hier wegführen wird.

Mein Herz schlug so heftig, daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte; Thränen der Freuden entflossen meinen Augen. Um der andern Schildwacht meine Bewegung zu verbergen, entfernte ich mich von der Bastion, näherte mich der Brüstung und that, als wenn ich das Gras im Graben ansähe. Doch verstohlen sah ich, wie Carl und Gottlieb ohne besonderes Geheimniß Worte mit einander wechselten, die ich nicht verstand. Nach einigen Augenblicken kam Gottlieb zu mir und sagte mir schnell:

– »Er wird hierher kommen, er wird zu uns kommen und eine Flasche Wein trinken. Gieb nicht auf ihn Achtung. Mein Vater ist ausgegangen. Wenn meine Mutter den Wein holt, so gehe in die Küche, als wolltest du in deine Zelle zurückkehren, und du kannst mit ihm einen Augenblick sprechen.«

Ist der That, als Carl einige Minuten mit Madame Schwartz gesprochen hatte, die es nicht verschmäht, den alten Veteranen auf der Citadelle zu ihrem Nutzen Erfrischungen zu reichen, sah ich Gottlieb in der Thür erscheinen. Ich begriff, daß das das Zeichen sei. Ich ging hinein und sah mich mit Carl allein. Gottlieb war seiner Mutter in den Keller gefolgt. Das gute Kind! Es scheint, als wenn die Freundschaft ihm plötzlich die für das wirkliche Leben so nothwendige List und Geistesgegenwart gegeben hätte. Er beging absichtlich tausend Ungeschicklichkeiten, ließ das Licht fallen, machte seine Mutter ungeduldig und hielt sie lange genug zurück, daß ich mich mit meinem Befreier verständigen konnte.

– Signora, sagte Carl, da bin ich! Und da sind Sie endlich auch! Ich bin von den Werbern wieder ergriffen worden; das war mein Schicksal. Doch der König hat mich erkannt uns mich vielleicht Ihretwegen begnadigt. Dann hat er mir erlaubt, fortzugehen, mir sogar Geld versprochen, aber keins gegeben. Ich kehrte in mein Land zurück, als ich erfuhr, daß Sie hier wären. Ich suchte einen berühmten Hexenmeister auf, um zu erfahren, was ich machen sollte, um Ihnen zu helfen. Der Hexenmeister hat mich zu Prinz Heinrich geschickt und der Prinz Heinrich mich nach Spandau gebracht. Mächtige Leute, die ich nicht kenne, die aber für Sie arbeiten, sind in unserer Nähe. Sie sparen weder Geld noch Schritte, ich versichere Sie. Kurz, Alles ist bereit. Morgen Abend öffnen sich die Thore von selbst vor uns. Alles, was uns den Ausgang versperren könnte, ist gewonnen. Nur die Schwartzens sind nicht in unserm Interesse. Doch sie werden morgen einen tiefern Schlaf haben als gewöhnlich, und wenn sie erwachen, sind Sie weit entfernt. Wir nehmen Gottlieb mit, der Ihnen folgen will. Ich entweiche mit Ihnen, wir wagen nichts, für Alles ist gesorgt. Halten Sie sich bereit, Signora, und kehren Sie jetzt auf die Esplanade zurück, damit die Alte sie nicht hier finde.

Ich konnte meinen Dank für Carl nur mit Thränen aussprechen und eilte, sie dem forschenden Blicke der Madame Schwartz zu verbergen.

O, meine Freunde, so werde ich Euch also wiedersehen? Ich werde Euch wieder in meine Arme drücken! Noch ein Mal entfliehe ich dem gräßlichen Mayer. Wieder werde ich den weiten Himmel, lachende Gefilde, Venedig, Italien sehen. Ich werde wieder singen und Mitgefühl finden! O, dieses Gefängniß hat mein Leben neu gestählt und mein Herz verjüngt, da es in Gleichgiltigkeit und Sehnsucht erlosch. Wie will ich leben, lieben, fromm und gut werden!

Und doch, seltsames Räthsel des menschlichen Herzens, der Gedanke, die Zelle zu verlassen, wo ich drei Monate lang in Muth und Ergebung zugebracht habe, die Esplanade, wo ich so vielen trüben Träumen nachhing, die alten Mauern, die so hoch, so kalt, so stillfreundlich im Mondschein schienen, erfüllt mich fast mit Trauer und Entsetzen! Und der große Graben, dessen düsteres Wasser mit so schönem Grün bedeckt war, und die Tausende von traurigen Blumen, die der Frühling an seinen Ufern ausgesäet hatte, und besonders mein Rothkehlchen! Gottlieb behauptet, es würde uns folgen; aber in der Stunde der Nacht schläft es im Epheu und bemerkt unsere Flucht nicht. O, du liebes, kleines Wesen, möchtest du Diejenige, welche mir in die Zelle folgt, mit deiner Gesellschaft erfreuen und trösten! Möge sie dich pflegen und werth halten, wie ich es gethan habe!

Nun, ich will versuchen, zu schlafen, um morgen stark und ruhig zu sein. Ich versiegle das Manuscript, das – ich mit mir nehmen will. Durch Gottlieb habe ich mir einen neuen Vorrath von Papier, Bleistift und Wachsstock verschafft, den ich in meinem Versteck lassen will, damit diese den Gefangenen so unschätzbaren Reichthümer einen Andern nach mir erfreuen mögen!«

Hier endigte Consuelo's Tagebuch. Wir nehmen die getreue Erzählung ihrer Abenteuer wieder auf.

Es ist nothwendig, dem Leser zu versichern, daß Carl sich nicht fälschlich der Hülfe und des Beistands mächtiger Personen gerühmt hatte. Diese unsichtbaren Ritter, welche an der Befreiung unserer Heldin arbeiteten, hatten mit vollen Händen das Gold ausgetheilt. Mehrere Kerkermeister, acht oder zehn Veteranen, und sogar ein Officier hatten versprochen, sich still zu halten, nichts zu sehen und im Fall eines Allarms nur der Form nach den Flüchtlingen nachzueilen.

An dem zur Flucht bestimmten Abend hatte Carl bei Schwartzens gegessen, und, indem er sich trunken stellte, sie eingeladen, mit ihm zu trinken. Die Mutter Schwartz hatte, wie die Mehrzahl der dem Küchenhandwerk ergebenen Frauen, eine sehr durstige Kehle. Ihr Mann haßte den Branntwein seines Kellers nicht, sobald er ihn auf Kosten Anderer genießen konnte. Ein von Carl heimlich in die Flasche gethanes schlafbringendes Mittel verstärkte die Wirkung des kräftigen Getränkes. Das Schwartzsche Ehepaar konnte nur mit Mühe sein Bett erreichen und schnarchte so stark, daß Gottlieb, der Alles übernatürlichen Kräften zuschrieb, sich nicht enthalten konnte, sie für verzaubert zu halten, als er sich ihnen näherte, um die Schlüssel zu entwenden.

Carl war auf die Bastion gegangen, um seinen Wachtposten wieder einzunehmen. Consuelo kam ohne Beschwerde mit Gottlieb bis an diesen Ort und erstieg unerschrocken die Strickleiter, welche der Deserteur ihr zuwarf. Aber der arme Gottlieb, der ungeachtet aller ihrer Gegenvorstellungen, durchaus mit ihr fliehen wollte, wurde bei diesem Aufsteigen ein großes Hinderniß. Er, der in seinen Anfällen von Mondsucht wie eine Katze in den Dachrinnen lief, konnte, wenn er munter war, auf dem obersten Boden nicht drei Schritte behend gehen. Von der Ueberzeugung getragen, daß er einem Boten des Himmels folge, hatte er keine Furcht und hätte sich ohne Zaudern von dem Walle herabgestürzt, wenn Carl es verlangt hätte. Doch sein keckes Vertrauen vermehrte nur die Gefahren feines linkischen Wesens. Er kletterte auf gut Glück, ohne Vorsicht, ohne Berechnung, und erreichte endlich, nachdem er zwanzig Mal Consuelo mit Grausen erfüllt hatte, weil sie ihn für verloren hielt, die Platform der Bastion.

Von da wandten sich unsere drei Flüchtlinge durch die Corridore des Theils der Citadelle, wo die in ihren Complott eingeweihten Funktionäre wohnten. Sie kamen ohne Hindernisse weiter, als sie sich plötzlich dem Adjutanten Nanteuil, auch Werbeofficier Mayer genannt, gegenüber sahen. Consuelo hielt sich für verloren; doch Carl hinderte sie, die Flucht zu ergreifen, indem er ihr sagte:

– Fürchten Sie nichts, Signora, der Herr Adjutant ist in Ihrem Interesse!

– Verweilt hier, sagte ihnen Nanteuil eilig; es ist nicht ganz sicher. Der Adjutant Weber hat sich einfallen lassen, mit dem alten Esel von Lieutenant zu uns zum Abendessen zu kommen. Sie sind in dem Saale, den Ihr passiren müßt. Man muß sie erst fortschaffen. Carl, gehe Er auf seinen Posten zurück. Man könnte seine Abwesenheit zu bald bemerken. Ich werde ihn holen, wenn es Zeit ist. Madame wird einstweilen in mein Zimmer gehen. Gottlieb kommt mit mir. Ich gebe vor, er sei wieder mondsüchtig; die beiden Pinsel werden fortlaufen, um ihn zu sehen, und wenn der Saal leer ist, schließ ich ihn ab, damit sie nicht wieder kommen können.

Gottlieb, der nichts von der Mondsucht verstand, machte große Augen; doch Carl gab ihm ein Zeichen, zu gehorchen, und er gehorchte blindlings. Consuelo empfand einen unüberwindlichen Widerwillen, in Mayer's Zimmer zu treten.

– Was fürchten Sie von diesem Menschen? sagte ihr Carl mit leiser Stimme. Er hat eine zu bedeutende Summe zu gewinnen, um daran zu denken, Sie zu verrathen. Sein Rath ist gut; ich kehre auf die Bastion zurück. Zu große Eile würde uns verderben.

– Zu viel Ruhe und Vorsicht könnte uns wohl auch verderben, dachte Consuelo.

Demungeachtet gab sie nach. Sie hatte eine Waffe bei sich. Als sie durch Schwartzen's Küche ging, hatte sie ein kleines Hackmesser zu sich gesteckt, dessen Gesellschaft ihr ein wenig Muth gab. Sie hatte Carl ihr Geld und ihre Papiere übergeben, und nur ein kleines Crucifix an sich behalten, das sie wie ein Amulett ansah.

Mayer schloß sie zu größerer Sicherheit in sein Zimmer ein und entfernte sich mit Gottlieb. Nach Ablauf von zehn Minuten, die Consuelo wie ein Jahrhundert vorkamen, erschien Nanteuil wieder, und sie bemerkte mit Entsetzen, daß er die Thür hinter sich verschloß und den Schlüssel in seine Tasche steckte.

– Signora, sagte er in italienischer Sprache, Sie müssen sich noch eine halbe Stunde gedulden. Die Kerle sind betrunken und werden ihren Posten nicht verlassen, bis die Glocke ein Uhr schläft; dann schafft sie der Wächter, der in diesem Quartier die Runde macht, hinaus.

– Und was haben Sie mit Gottlieb gemacht, mein Herr?

– Ihr Freund Gottlieb liegt sicher hinter einem Holzbündel, wo er sanft schlafen kann; doch vielleicht wird er hernach nur um so besser laufen, um Ihnen zu folgen.

– Carl wird benachrichtigt, nicht wahr?

– Wenn ich ihn nicht lieber hängen lasse, antwortete der Adjutant mit einer Miene, die Consuelo wahrhaft teuflisch schien. Ich werde ihn nicht dort lassen. Sind Sie zufrieden mit mir, Signora?

– Ich bin jetzt nicht im Stande, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen, mein Herr, antwortete Consuelo mit einer Kälte, hinter der sie vergeblich ihre Verachtung zu verbergen suchte; doch hoffe ich bald, ehrenvoll Ihren Dienst vergelten zu können.

– Ei, zum Teufel, das können Sie gleich thun (Consuelo machte eine Bewegung des Entsetzens), indem Sie ein wenig freundlich gegen mich sind, fügte Mayer im Tone roher, schwerfälliger Schmeichelei hinzu. Da, sehen Sie nun, wenn ich kein leidenschaftlicher Musiknarr … und Sie nicht so allerliebst wären, würde ich sehr strafbar sein, daß ich meine Pflichten dermaßen hintansetze, um Sie fliehen zu lassen. Glauben Sie, die Lockung des Geldes habe mich dazu vermocht? O, ich bin reich genug, um mich um Euch Alle nichts zu kümmern, und der Prinz Heinrich ist nicht mächtig genug, um mich vom Galgen oder ewigen Gefängniß zu retten, wenn ich entdeckt werde. Jedenfalls wird meine schlechte Aussicht mir die Ungnade und die Versetzung in eine andere, weniger angenehme und der Hauptstadt weniger nahgelegene Festung zuziehen … Das Alles verlangt wohl ein wenig Trost. Nun, spielen Sie nicht die Stolze. Sie wissen ja, ich bin verliebt in Sie. Ich habe ein zärtliches Herz; aber das ist kein Grund, meine Schwäche zu mißbrauchen. Sie sind keine Nonne, keine Tugendheldin! Sie sind eine reizende Theaterdame, und ich wollte wetten, Sie sind durch die ersten Proben Ihrer Kunst nicht hindurchgekommen, ohne Ihren Direktoren ein kleines Almosen von Zärtlichkeit geopfert zu haben. Zum Henker, wenn Sie vor Maria Theresia gesungen haben, wie man sagt, so haben Sie erst in das Boudoir des Fürsten Kaunitz treten müssen! Hier sind Sie freilich in einem weniger schönen Zimmer, aber ich halte Ihre Freiheit in meinen Händen und die Freiheit ist noch kostbarer als die Gunst einer Kaiserin.

– Ist das eine Drohung, Herr? fragte Consuelo, bleich vor Unwillen und Abscheu.

– Nein, nur eine Bitte, schöne Signora!

– Ich hoffe, es ist keine Bedingung?

– Keineswegs! Pfui doch! Niemals! das wäre ja unwürdig, antwortete Mayer mit unverschämter Ironie, indem er mit offenen Armen auf Consuelo zukam.

Diese entfloh entsetzt in eine Ecke des Zimmers. Mayer folgte ihr dahin. Sie sah wohl, daß sie verloren war, wenn sie die Menschlichkeit der Ehre nicht opferte; und plötzlich von dem furchtbaren Stolz der spanischen Frauen beseelt, empfing sie die Umarmung des schändlichen Mayer, indem sie ihm das Messer einige Linien in die Brust bohrte.

Mayer war sehr dickbeleibt und die Wunde nicht gefährlich, aber, da er eben so feig als sinnlich war, so glaubte er sich todt, als er sein Blut fließen sah, stürzte halb ohnmächtig auf sein Bett und murmelte:

– Ich bin ermordet! verloren!

Consuelo glaubte ihn getödtet zu haben, und wäre fast selbst in Ohnmacht gefallen. Nach einigen Augenblicken stummen Entsetzens wagte sie sich ihm zu nähern, und raffte, da sie ihn unbeweglich sah, den Schlüssel seiner Stube auf, den er auf den Boden hatte fallen lassen. Kaum hielt sie ihn in ihren Händen, als der Muth ihr wieder zurückkehrte; sie eilte ohne Zögerung hinaus und stürzte auf gutes Glück in die Gallerien.

Alle Thüren waren offen und sie stieg eine Treppe hinab, ohne zu wissen, wohin sie sie führe. Aber ihre Knie wankten, als sie die Sturmglocke ertönen und bald darauf das Wirbeln der Trommel, und den Kanonenschuß hörte, der sie in der Nacht, wo Gottlieb's Mondsucht einen blinden Lärm erregte, so heftig aufgeregt hatte. Sie sank auf den letzten Stufen nieder, faltete die Hände und flehte zu Gott für den armen Gottlieb und den edlen Carl. Getrennt von ihnen, nachdem sie es zugelassen hatte, sich für sie in Todesgefahr zu begeben, fühlte sie keine Kraft, keinen Wunsch zur Rettung mehr.

Schwere, eilige Schritte ertönten in ihrer Nähe, das Licht von Fackeln strahlte vor ihren entsetzten Augen und sie wußte schon nicht mehr, ob es Wirklichkeit, oder die Wirkung ihrer aufgeregten Phantasie wäre. Sie schlüpfte in einen Winkel und verlor völlig das Bewußtsein.

Ende des dritten Theils.

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